Samstag, 19. Juli 2008

Fremde alte Welten: die Wikinger

Wie schon Fremde alte Welten: Das antike Griechenland beginnt dieser Beitrag in einer trauten Runde von Science-Fiction-Fans und -Schaffenden, am Abend nach einem Science Fiction-Con, in diesem Falle dem "4. Hamburger Zellaktivator-Con". "Con" könnte für "congregation", was man schlicht mit "Versammlung" übersetzen kann, oder für "congress" - Kongress, wer hätte es gedacht - stehen. (Oder für "convention" - danke, Karsten, diese gängige Deutung hatte ich glatt vergessen!) So genau weiß das keiner mehr, und ob es "der" oder "die" Con heißt, kann man sich trefflich streiten, aber es ist letzten Endes egal ... )
Dieses Mal war die Runde kleiner - wir saßen bei Rotwein an der ansonsten schon verwaisten Bar des Eidelstedter Bürgerhauses, im Westen Hamburgs.
Zu unserer Runde gehörte Uwe Anton, SF-Autor (unter anderem bei "Perry Rhodan") und Übersetzer. Da mit Heiko Langhans ein weiterer Übersetzer anwesend war, drehte sich das Gespräch zeitweilig um, na klar, Übersetzungen. Uwe Anton hatte unter anderem die Romantrilogie "The Last Viking" von Poul Anderson übersetzt (deutscher Titel - man ahnt es schon - "Der letzte Wikinger"). Ich kannte die Trilogie und fragte Uwe, wieso die Romane vom Ullstein-Verlag als "Fantasy" vermarktet würden, denn Anderson hält sich genau an die Lebensgeschichte des Warägers und späteren Königs von Norwegen, Harald Hardrade, und beachtet sorgsam die bekannten historischen Tatsachen - weitaus genauer als die meisten historischen Romane, die ich kenne.
Uwe antwortete (darin unterstützt von Heiko), dass "The Last Viking" von magischem Denken geprägt sei, bzw. dass die Protagonisten Magie praktizieren würden. Das sei ein eindeutiges Merkmal von Fantasy.
Meinen Einwand, dass Poul Anderson nur die damals übliche Weltsicht getreulich wiedergegeben hätte, ließen die beiden nicht gelten.

Obwohl sie uns zeitlich näher steht als die Welt der alten Griechen, ist die Welt der Nordeuropäer des frühen Mittelalters für uns nicht weniger fremdartig.
Es ist nichts Neues, dass die meisten historischen Romane die zur Zeit ihrer Entstehung moderne Vorstellungen in vergangenen Zeiten projektieren. Nach der Theorie, dass der Grad an Fremdartigkeit, den ein durchschnittlicher Leser bei einem Unterhaltungsstoff akzeptiert, eher gering ist, müsste ein sehr genau recherchierter und auch die sozialen und religiösen Verhältnisse seiner Handlungszeit wiedergebender Roman weniger erfolgreich sein, als ein Roman, in dem salopp gesprochen, kostümierte Menschen der unserer Gegenwart auftreten.
Tatsächlich gibt es einen Roman, der wie "Der letzte Wikinger" in der ersten Hälfte des 11.Jahrhunderts handelt, der sozusagen das Muster eines auf das heutige Denken abgestimmten (pseudo-)historischen Romans ist: Noah Gordons "Der Medicus". Gordons lässt einen europäischen Heiler in Isfahan in der Schule des berühmten persisches Arztes Abu ʾAli Sina (Avicenna) studieren, um das vor-aufgeklärte Europa mit der hochzivilisierten islamischen Welt des Mittelalters zu konfrontieren.Allerdings handelt der Roman in einer "mittelalterliche" Fantasiewelt, die mit dem realhistorischen 11. Jahrhundert nicht viel gemein hat. Der Roman enthält viele Anachronismen, z. B. gab es im damaligen England keine Hexenverfolgungen, es werden Länder bereist, die es erst viel später gab, wie Bulgarien oder die Türkei, und auch seine Beschreibung Isfahans ist anachronistisch. Außerdem bagatellisiert er die großen kulturellen Unterschiede zwischen Persern und Arabern. "Der Medicus" bedient äußerst wirksam landläufige moderne Klischees, was neben der "anti-eurozentrischen" Aussage und der pseudo-dokumentatorischen Detailfülle entscheidend zum Erfolg des Romans beitrug.

Aber zurück in die "Wikingerzeit". Wobei "Wikinger" ja einen "Beruf" und nicht etwa eine Volkszugehörigkeit beschreibt: „die Wiking“ war eine „lange Seereise“. Auf „die Wiking gehen“ hieß soviel wie sich auf Handelsreise / Raubzug / Kriegsfahrt / Forschungsexpedition begeben - die Übergänge waren fließend. Ein „Wikinger“ war gewissermaßen (um es mit „Hägar dem Schrecklichen" zu sagen) ein „Geschäftsreisender“. Aus sprachlicher Bequemlichkeit behalten wir diesen Begriff für die nordgermanische Gesamtbevölkerung bei. Auch Begriffe wie "Normannen" oder "Waräger" sind nur bedingt brauchbar.

Darüber, was in den Köpfen der "Wikinger" ablief, kann, weil die schriftlichen Quellen spärlich und, wie die in Klostern entstandene Chronikliteratur, oft hochgradig tendenziös ist, sehr viel weniger gesichert gesagt werden, als z. B. von den Griechen der "klassischen" Zeit. Was zu allen möglichen Projektionen führte: auf der einen Seite das Bild der kulturfernen, brutalen, zivilisationsunfähigen, streitsüchtigen und rücksichtslosen Barbaren (noch im Jahr 2000 im "Spiegel" thematisiert), auf der anderen die opferbereiten, bis in den Tod gefolgschaftstreuen, von der dekadenten städtischen Zivilisation unberührten, sich kühn mit dem Recht des Stärkeren nehmenden, keinem mannhaften Kampf aus dem Wege gehenden nordischen Recken. Wobei das negativ gemeinte Klischee von den saufenden und raufenden barbarischen Plünderern und das positiv gemeinte von den urwüchsigen harten, aber geraden, nordischen "edlen Wilden" im Grunde auf den selben Klischees beruht. So schief das Bild von "Kulturzerstörenden Wikinger auch ist, es ist auch hoffnungslos übertrieben, die "Wikinger" zu "Kulturbringern" zu stilisieren, wie das z. B. schwedische Nationalromantiker und deutsche Nazis gerne taten. Die ebenfalls etwas verkürzte, aber historisch berechtigte, Feststellung, dass die parlamentarische Demokratie eine Errungenschaft der "Wikinger" sei, und das straffe Hierarchie zur Wikingerzeit schwerlich funktioniert hätten, erfreut sich (zumindest in Deutschland) keiner großen Anhängerschaft.

Eine wichtige Frage - nämlich die nach der Religion der Germanen, einschließlich der Nordgermanen, vor der Christianisierung habe ich bereits an andere Stelle ausführlich beantwortet: Die "alten Germanen" hatten keine Religion. Nur soviel in Kürze: es gab keine heiligen Bücher, keine göttlichen Offenbarungen, die nur auserwählten Propheten (und sonst niemandem) zuteil werden, keine "unfehlbaren" Religionsführer, keinen Priesterstand (Goden waren keine Priester im antiken, geschweige denn christlichem Sinne), keine verbindliche Glaubensvorschriften. Was auch der Grund war, weshalb Jesus relativ mühelos in die Götterwelt vieler wikingerzeitlicher Nordeuropäer integriert werden konnte - ohne das die "Christusverehrer" damit auch schon Christen geworden wären. Die Grenze zwischen "Heidentum" und "Christentum" war offensichtlich recht fließend. Noch im 11. Jahrhundert gab es Gussformen, mit denen je nach Bedarf christliche Kreuze oder Thorshämmer gegossen werden konnten. Bezeichnend ist die Annahme des Christentums durch den Isländischen Althing im Jahre 1000 - übrigens, was gern verschwiegen wird, auf Druck des norwegischen Königs Ólaf Tryggvason, der sich selbst für einen Christen hielt. Nach dem Althingbeschluss durften heidnische Götter zunächst weiter verehrt werden.
Die Missionierung folgte oft politischen Zwecken; das Volk wurde von der "heilsanstaltlichen" Kirchorganisation erfasst, die wiederum eine Machtbasis des sich zentralisierenden Königstums war. Als sich monarchistisch verfasste Staaten in Nordeuropa durchgesetzt hatten, endete die "Wikingerzeit". Auch nachdem sich Königtum und Adel herausgebildet hatten, wurde der "Staat" in Nordeuropa nicht über ein räumliche Territorium definiert (etwa "Dänemark"), sondern über seine Menschen und deren Stellung zum Herrscher (in modernen Begriffen "König der Dänen" statt "König von Dänemark"). Deshalb zog der Tod eines "starken" Königs nicht selten den Zerfall seines Reiches nach sich - Norwegen wurde z. B. mehrmals "geeint" und zerfiel eben so oft wieder in Kleinkönigtümer.

Der immer wieder aufscheinende, vermutlich durch die harten Lebensbedingungen verstärkte, Pragmatismus der "Wikinger" erstreckte sich auch auf das "geistliche" Leben. So heißt es in einem Sagatext, ein Vater hätte sich enttäuscht von Odin abgewandt, nachdem zwei seiner Söhne im Kampf gefallen waren (Odin ist unter vielem Anderen ein Schlachtengott) - er würde nun lieber Thor verehren. Die Anekdote vom Wikinger-Händler, der sich über die schlechte Qualität des Taufhemdes beklagte, denn bei all seinen über 20 vorherigen Taufen hätte er bessere Hemden bekommen, mag von einem christlichen Chronisten, der die "Verstocktheit" und "Doppelzüngigkeit" der Normannen beklagte, erfunden worden sein, aber ohne einen tatsächlich ausgeprägten Pragmatismus, gepaart mit Individualismus und Habgier, ergibt die Anekdote keinen Sinn.

Stichwort "Individualismus". Es wäre falsch, diesen mit dem modernen "Einzelkämpfertum", der Ich-Bezogenheit einer auf permanenten Wettbewerb ausgerichteten kapitalistischen Gesellschaft gleichzusetzen. Der einzelne Nordgermane war seiner Familie und seiner Sippe verpflichtet, und sie wiederum dem Einzelnen. Der "wikingerzeitliche Individualismus" ist als das Streben zu umschreiben, seine Lebensverhältnisse in die eigenen Hände zu nehmen, sein "Glück zu machen" - (im Unterschied zu Moderne, in dem mir nur nur versprochen wird, ich könnte "es" allein schaffen - wobei ich im Falle des Scheiterns eben "selbst schuld" an meinem Unglück sei). Wichtig ist, dass das Streben nach Glück dem Heil keinen Schaden zufügt. (Wobei das Kapitel Heil einen eigenen Beitrag wert ist - zum Beispiel, allerdings bezogen auf die heutige Zeit, diesen: Heil. - Nur eins: Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss. bei den Wikinger so wie heute.)

Mit den Wikingern ist es fast so wie mit dem Ungarn der Zwischenkriegszeit: es war keine Republik, sondern ein Königreich. Aber ohne einen König - Ungarn hatte einen Reichsverweser, Admiral (nicht etwa General, obwohl Ungarn noch nicht einmal Zugang zum Meer hat) Miklós Horthy.
Also: zur Wikingerzeit waren die Familien der Nordgermanen patriarchalisch organisiert. Dass heißt, so patriarchalisch waren die Verhältnisse nicht, die Stellung der Frauen war gemessen an der Verhältnissen im christlichen Europa stark - Frauen konnten Erben, für ihre minderjährigen Söhne herrschen und hatte in Haus und Hof die "Schlüsselgewalt". Es gab drei soziale Klassen, "Edle", Freie und Unfreie, wobei das (noch) keine starren und abgeschotteten "Stände" im Sinne der Feudalordnung waren - es gab noch eine gewisse soziale Mobilität. Alle Versuche, Konstrukte wie "Lehrstand" oder "Nährstand" auf die Wikingerzeit zu projektieren, sind unhistorischer Blödsinn. Zu bestimmten Zeitpunkten fanden die Versammlungen der freien Männer (Thing) statt, bei denen wichtige Entscheidungen besprochen und getroffen wurden, so z. B. die Wahl des Jarls oder des Königs. Das klingt beinahe demokratisch - aber nur auf Island und in geringerem Maße in anderen atlantischen Siedlungsgebieten entstand daraus eine "echte" Demokratie - und zwar eine parlamentarische Demokratie, die praktikabler und stabiler war, als z. B. das athenische Modell. Übrigens war die Macht der Herrscher noch in der frühen Wikingerzeit eingeschränkt - es gab (gewählte) Herzöge bzw. im Norden eher Heerkönige, die den militärischen Oberbefehl innehatten - und wenig mehr. Fast kann man die Geschichte der Wikingerzeit als die Geschichte eine jahrhundertelang andauernden Putsches ansehen, in dem die Könige Nordeuropas von beschränkten Herrschern von Volkes Gnaden zu unanfechtbaren Monarchen von "Gottes Gnaden" aufstiegen.
Die Wikinger galten als mutig - aber selbstmörderisches Heldentum war ihnen fremd. Sie galten als unerbittlich - aber Gastfreundschaft war "Ehrensache". Sie waren Räuber - aber mehr noch gewiefte Händler. Sie besaßen eine Schrift, aber ihre Kultur beruhte auf mündlicher Tradition.
Sie waren höchst widersprüchlich. Was sie eigentlich für ideologischen Missbrauch völlig unbrauchbar machen müsste. Eigentlich.

Freitag, 18. Juli 2008

Schöner Held ...

Während in Israel noch getrauert wird, übt sich die Gulf-News aus Dubai in "Heldenverehrung":
gulf news
Gefunden auf Chajms Sicht
Ein Mann, der eine Handvoll Zivilisten massakriert hat - darunter ein vier Jahre altes Kind, das er mit dem Gewehrkolben erschlagen hat - wird als Held bejubelt - und zwar nicht nur von den "üblichen Verdächtigen" (Hisbollah, Hamas usw.), sondern von weiten Teilen der arabischen Welt. Ich bin kein Soziologe, und mit den kulturellen Codes andere Kulturen bin ich nur unzureichend vertraut, deshalb kann ich nur ganz subjektiv sagen: eine Gesellschaft, in der so etwas möglich ist, in der man sich darüber freut, wenn Mütter ihre toten Söhne beweinen, ist moralisch bankrott. Der freigelassene Mörder Kuntar wird ausgiebig und begeistert gefeiert. Ich stimme Lila darin zu, dass das doch fatal an den Blut- und Opferrausch von Regimes, die man gemeinhin faschistisch nennt, erinnert: Assoziationen.

"Moralisch korrupt" nenne ich "Europa", da man z. B. mit der Regierung des Landes, in dem der Kindsmörder auch von Mitgliedern dieser Regierung bejubelt wird, ernsthaft Verhandlungen führt.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Rechtsextreme Mittelaltergruppen?

Das Problem ist an sich nicht neu, und ist im weiten Komplex "Rechtsextremismus" eher ein Randproblem - aber ein überaus störendes. Nachdem es schon jahrelang in Mittelalter-Foren diskutiert wird (z. B. bei Tempus vivit!) ist es eher erstaunlich, dass es in der Presse erst jetzt Thema wurde- in der taz: Der Nazi im Kettenhemd - und deutlich polemischer auf telepolis: Die wollen doch nur spielen.

Konkreter Anlass dafür, dass die Diskussion nicht länger auf die "Mittelalterszene" beschränkt ist, waren auffallend viele Hakenkreuze auf Schilden und Borten der bekannten Frühmittelalter-Reenacmentgruppe Ulfhednar. Als dann noch ein Ulfhednar-Mitglied mit der SS-Parole "Meine Ehre heißt Treue", großflächig über den Bauch tätowiert, fotografiert wurde, war der Skandal komplett. Der Fall Ulfhednar und die Folgen (chronico.de).

Dass die Vorwürfe gegen Ulfhednar mehr sind, als ein museumpädagogischer Sturm im Wasserglas, wird daran deutlich, dass Arian Ziliox, Gründer und Vorsitzender von Ulfhednar, sich auf der öffentlichen Podiumsdiskussion "Lebendige Wissenschaft oder verdeckte Propaganda" (hierzu auch Erklärung zu "Facharchäologie und Reenactment") wieder einmal als Verschwörungstheoretiker betätigte.

Schon im Mai hatte er Ulfhednar als Opfer einer Verschwörung von Antifa, Publizisten, Historikern und Archäologen dargestellt, die "jeglichen positiven Bezug auf Deutschland und deutsche Identität" verweigern. Das deutet darauf hin, dass da wirklich etwas faulig-bräunlich sein könnte. Im besten Fall ist es so, dass Ziliox damit die Türen nach "rechtsaußen" weit öffnet und zugleich den Dialog mit Kritikern, und zwar auch wohlwollenden, abwürgt. Im schlechteren Fall vertritt er selbst eine rechtsextreme bzw. ultranationalistische Weltanschauung.

Wer öffentlich eine Swastika (bzw. ein Hakenkreuz) zeigt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er für einen Nazi gehalten werden kann. Was wiederum bedeutet, dass man dafür einen stichhaltigen Grund haben sollte, wieso man nach §86 StGB verbotene Symbole - zu denen das Hakenkreuz in allen Varianten und alle ihm zum verwechseln ähnlichen Symbole zählen - trotzdem verwendet. Dabei kommt es nicht nur darauf an §86 (3) StGB "pro forma" zu erfüllen. Der Zweck der "Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte" ist meines Erachtens in dem Moment nicht mehr erfüllt, wenn z. B. bei einer Rekonstruktion historisch nicht verbürgte Swastika-Ornamente verwendet werden.

Nach dem Besuch der Ulfhednar-Website (die von mir keinen Link bekommt!) ist der Fall für mich leider klar: Zwar ist die Swastika im frühmittelalterlichen Kontext kein verfassungswidriges Symbol, aber sie wird von Ulfhednar offensichtlich freihändig auch da eingesetzt, wo sie nicht belegt ist.
Die schwarz-weiß-rote Gruppenfahne mit einem abgewandelten Hakenkreuz-Motiv, die für meine Begriffe einer SA-Standarte stärker ähnelt als einem Vexillum (Truppenfahne) aus römischer Zeit, dürfte für die Merowinger-Zeit ungefähr so "authentisch" sein wie ein Hörnerhelm für einen Wikinger. (Da hilft es auch nichts, dass eine neue Fahne genäht wird.) Ich mag da nicht mehr an Zufälle glauben, auch wenn der Mann mit den Nazi-Tattoo, der der "Skandal" ins Rollen gebracht hat, erst kurz zuvor zur Ulfhednar-Gruppe gestoßen ist.

Ein grundsätzliches Problem ergibt sich daraus, dass es keine "weltanschaulich neutrale" Rekonstruktion von Geschichte gibt. Allenfalls können archäologische Funde noch authentisch nachgebaut werden, alles weitere erfordert Interpretation, was schon bei der Verwendung eines Werkzeuges anfängt. Da die Quellenlage für das europäische Frühmittelalter eher schlecht ist, muss sehr viel interpretiert und möglichst plausibel ergänzt werden. Leider ermöglicht die schlechte Quellenlage weniger gewissenhaften Rekonstrukteuren viel Spielraum zur Verbreitung fragwürdiger Geschichtsbilder.
Noch schwerer wiegt das zweite Problem: je populärer eine Rekonstruktion ist, desto eher schleichen sich erfahrungsgemäß populäre, aber nicht der historischen Wirklichkeit entsprechende Klischees ein. (Hierzu ein Beitrag von D-Radio Kultur zum Problem Living History und die Suche nach Identität: Germanen, Götter und Gelehrte, der auch auf den der GGG nahe stehenden Semnonenbund eingeht.)
Dabei ist Reenactment nur die "Spitze des Eisbergs" der populären Rekonstruktionen, der z. B. auch Fernsehdokumentationen, Zeitschriftenartikel, Websites, Bücher und Museen umfasst. Von den unvermeidlichen Verzerrungen abgesehen, ist die Versuchung, einen gezielten "ideologischen Dreh" mitzugeben, groß. Je weniger sachkundig das Publikum ist und je dürftiger die Quellen sind, desto einfacher ist die Manipulation.

Da ist Wachsamkeit gefragt - von Museen, von Medienschaffenden, aber auch vom Zuschauer, und zwar nIcht nur in Hinblick auf ideologische Verfärbungen, sondern auch hinsichtlich der historischen Genauigkeit des Dargestellten.
(Zu dieser Problematik: Zutritt für Akteure nur mit Gütesiegel? und Qualität mit Zertifikat - im Geschichtstheater.

Was den "Fall Ulfhednar" betrifft, besteht leider die Gefahr, dass pauschal sämtliche Frühmittelalter- und Germanengruppen in den Verdacht geraten, möglicherweise rechtsextrem oder doch wenigstens gegenüber "rechtem" Gedankengut gefährlich unkritisch zu sein. Jedoch habe ich den Eindruck, dass es dort sehr wohl Problembewusstsein gibt. Ich teile die Ansicht von Nina Schnittger, die sich im Projekt "Res Gestae Saxonicae" der Darstellung lebendige Geschichte widmet.
(...) Dass das Problem schon seit Jahren bei den Aktiven diskutiert wurde, und eigentlich niemand mit den Ulfhednar großartig "spielen" wollte, wird in der großen Diskussion total ausgeklammert, und nun kommt der Verdacht auf, dass die Aktiven still die ganzen rechten Umtriebe, die es ja leider überall gibt, im Mittelalter aber evtl. mehr als woanders, da es genau die Germanophilen und Völkischen in ihrem Lebensbild anspricht.
Die Veranstaltungen auf die ich in den letzten Jahren gegangen bin und die in Museen stattfanden, waren aber nicht infiltriert und auch die Zahl von eindeutig als rechts auszumachenden Besuchern, war in den letzten Jahren sehr rückläufig.
Von diesem konkreten Problemfall Ulfhedner abgesehen, sehe ich "rechtsextreme Mittelalterfans" weniger in der "Reeactment"-Szene am Werk als in der mit historischen Detail eher locker umgehenden Szene um und auf Mittelaltermärkten. Das ist aber eine völlig andere "Baustelle", auch wenn einzelne Akteure hier wie dort präsent sein können. Nina Schnittger stellt klar:
Museumsveranstaltungen und Mittelaltermärkte kommerzieller Natur, sind auch zwei Paar Schuhe. Das wäre als vergleiche man Äpfel mit Birnen, weil: beide schmecken gut aber völlig verschieden...
Womit ich die "Mittelalterszene" genau so wenig in Misskredit bringen möchte, wie den im taz-Artikel angesprochene "Pagan-Metal"-Szene. Mehr Problembewusstsein und vor allem die Bereitschaft, sich gegebenenfalls nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten gegen Rechtsextremisten abzugrenzen, halte ich für dringend erforderlich.

Apropos "in Misskredit bringen": Es schmeckt mir gar nicht, wenn der Paderborner Museumsleiter Norbert Börste schon in seiner Einladung schreibt, es ginge bei der Podiumsdiskussion in Paderborn nicht um Kritik, sondern um Aufklärung; um Aufklärung über die Grenzziehung zwischen "Lebendiger Wissenschaft" (Living History in Museen) sowie "neuheidnischem Gedankengut und blankem Rechtsradikalismus".
Ich stimme dem Diskussionsteilnehmer Harald Baer, Theologe in der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle in Hamm, zwar darin zu, dass das Hakenkreuz durch die Nazis politisch aufgeladen ist (dergestalt aufgeladen, dass sich ein unkritischer Gebrauch verbietet) - aber darin, dass es nicht mehr als "als bloßes Sonnensymbol" verwendet werden könne, mag ich ihm nicht folgen, erst recht nicht darin, dass die "politische Aufladung" durch die Nazis "quasi unumkehrbar" sei. Wenn er hier wie auch anderswo, "neuheidnischen Gruppen" pauschal eine verquere Geschichtsdarstellung anlastet, sehe ich das, aus eigenem Erleben, durchaus anders.

Auch über den schon erwähnten "telepolis"-Artikel von Marcus Hammerschmitt mag ich mich nicht so recht freuen:
Seltsam ist allerdings schon der Name der Gruppe. Warum man sich nennt wie die mythischen Wolfskrieger germanischer Sagen, die, den Berserkern nahe verwandt, sehr wohl für sattsam bekannte germanische Lieblingseigenschaften wie Rücksichtslosigkeit, Unbesiegbarkeitswahn und antirationale Besinnungslosigkeit stehen können, ist doch sehr die Frage, es sei denn, man möchte sich bewusst mit dem eisigen Ruch dieses in der Nazizeit aufgewärmten Germanenterrors umgeben.
Abgesehen davon, dass Rücksichtslosigkeit, Unbesiegbarkeitswahn und antirationale Besinnungslosigkeit eher die Lieblingseigenschaften alter und neuer Nazis als die "alter Germanen" sein dürften: Der Verdacht, dass Hammerschmitt jeden "Germanophilen" in der "braune Ecke" sieht, liegt jedenfalls nahe.

Montag, 14. Juli 2008

Fremde alten Welten: Das antike Griechenland

Es ist schon ein paar Jahre her, da saß ich zusammen mit etlichen anderen Perry-Rhodan-Fans und einige "Perry Rhodan"-Schaffenden während eines PR-Cons nach absolviertem Tagesprogramm in einen kleinen griechischen Restaurant in Garching bei München. Irgendwann, ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang, meinte Klaus N. Frick, Perry Rhodan-Chefredakteur (und irgendwie immer noch Punk) er würde aus eigener Anschauung Kulturen kenne, die weitaus exotischer wären, als alle "außeridischen Zivilisationen", die in der langen Geschichte der "Perry Rhodan"-Romanserie beschrieben wurden.
Ich war über diese Festellung nicht im Geringsten überrascht, schließlich reist Klaus N-Punkt öfter mal in Gegenden, in die sich ein Normaltourist eher selten verirrt - und damit meine ich nicht etwa Garching, sondern z. B. die Kalahari (Namibia, Südwest-Afrika). Davon abgesehen: wäre er eine Figur in Perry-Rhodan, gäbe es bestimmt zahlreiche Leser, die ihn als "völlig unglaubwürdig konstruiert" bezeichnen würden.

Irgendwie kam das Gespräch dann darauf, dass es eine Grenze gäbe, ab der eine "exotische Kultur" für den europäischen Normalleser nicht mehr vorstellbar wäre. Deshalb sei es in Science Fiction und Fantasy, die auf einen Massenmarkt abzielt, nicht möglich, etwa eine der Kultur entsprechend der der namibischen Himba zugrunde zu legen. Der Leser wäre damit schlicht überfordert.
Wir diskutierten eine Weile hin und her, wie "europäisch" bzw. "nordamerikanisch" eine Kultur sein müsse, um für hiesige Unterhaltungsliteratur "noch verständlich" zu sein. Da schlug ich vor, inspiriert von der auf "Antike" gestylten Inneneinrichtung des "Griechen", die Grenze läge etwa bei der "klassischen" altgriechischen Kultur. Jemand (ich glaube, es war Heiko Langhans) widersprach mir energisch, und meinte, das klassische Griechenland des Plato, Sokrates, Perikles oder Alkibiades läge schon weit jenseits des Horizonts des Durchschnittslesers, zumindest dann, wenn man es halbwegs wahrheitsgemäß schildern würde.

Als ich mich durch den Exkurs über die Odyssee in Adorno / Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" arbeitete (siehe: Odysseus - der erste "bürgerliche Mensch"), da musste ich an diesen Abend beim "Griechen" in Garching denken. Adorno und Horkheimer entstammten dem Bildungsbürgertum, sie waren mit der Geschichte des antiken Griechenlands sicherlich vertraut - kurz, sie waren, was das klassische Altertum anging, mit einiger Wahrscheinlichkeit gebildet. Trotzdem konnten - oder wollten - sie sich in die kulturellen und sozialen Verhältnisse, wie sie im antiken Griechenland herrschten, nicht hineindenken.

Ich musste auch an den "Spartanerfilm" "300" denken (Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: "300"), einem Werk, dass auf geschichtliche Tatsachen zugunsten der "Geschichte" bewusst verzichtete. (Fast alle anderen Antikenfilme verzichten unbewusst.) "300" würde, wenn man die Kultur der Griechen und der Perser einigermaßen authentisch nachvollziehen würde, wahrscheinlich nicht funktionieren - jedenfalls nicht für ein amerikanisch oder europäisch geprägtes Massenpublikum.

Knüpfen wir der Einfachheit halber bei diesem Film an. Leonidas war König der Spartaner. Als neuzeitliche Menschen denken wir sofort an ein antikes Gegenstück zu Napoleon oder Friedrich II. von Preußen, also einen Feldherrn und Monarchen in Personalunion - vielleicht mit einem Stoßseufzer verbunden, dass "damals" die Oberbefehlshaber noch selbst in der Schlacht ihr Leben riskierten, anstatt vom sicheren Tiefbunker aus (... usw. usw.). Allerdings hatte der gute König Leonidas mit dem "Alten Fritz" wenig gemeinsam. Das fängt schon damit an, dass Sparta zwei Könige hatte, die gemeinsam herrschten. Herrschten, nicht regierten, denn regiert wurde Sparta von fünf Ephoren, die zwar jedes Jahr neu gewählt wurden, was aber mit Demokratie, wie es sie beim Dauerrivalen Athen zumindest zeitweilig gab, nicht viel gemein hatte, nicht nur, weil nur etwa 8000 Männer, die Spartiaten, Wahlrecht hatten, sondern auch, weil die Ephoren eine fast unbegrenzte Macht hatten und niemandem Rechenschaft schuldig waren, ähnlich wie absolute Monarchen.
Leonidas war (wie alle spartanischen Könige) Sakralkönig - so ähnlich wie später bei jenen germanischen Stämmen, die ein Königstum entwickelten: er war Vertreter seines Volkes gegenüber den Göttern, oberster Priester, Träger des "Heils" (wobei sich die altgriechische Heilsvorstellung von der germanischen sicherlich unterschied - und sich kaum mit neuzeitlichen Begriffe erklären lässt) - politische Macht hatte so ein Spartanerkönig praktisch keine. Dafür war er im Krieg Heerführer, mit voller Befehlsgewalt.
Es lohnt, sich etwas näher mit dem spartanischen Kosmos zu beschäftigen. "Kosmos", "Ordnung", aber auch "Anstand", mit diesem Wort bezeichneten die Spartaner selbst ihr nach ihren Begriffen harmonisches Gemeinwesen, das nach heutige Begriffen wie ein totalitärer Alptraum anmutet, aber nach griechischem Verständnis, auch dem der völlig anders organisierten Athener, keine "Tyrannis" war. Jedenfalls war der Kosmos Spartas bei weitem "exotischer", als es fast alle "außerirdischen" Zivilisationen im literarischen Kosmos der Science Fiction sind.

Im Film "300" beschimpft Leonidas die Athener als "Schwuchteln". Der Begriff "Homosexualität" ist ein Denkkonstrukt - wenn man so will, eine geistige "Schublade" - der Neuzeit, und das völlig unabhängig davon, ob eine nicht-neuzeitliche, nicht "abendländische" Kultur gleichgeschlechtlichen Sex missbilligt, toleriert oder, wie im antiken Griechenland, verehrt. Das heißt: wirklich angesehen war Geschlechtsverkehr unter erwachsenen Männern in Athen nicht, während die Paderaistia, die "Knabenliebe", sozusagen zum "guten Ton" gehörte. Aber nirgendwo im antiken Griechenland nahm die Paderaistia einen so hohen Rang ein wie in Sparta. Eine "Knabenliebe", die nach unserem Verständnis auf den sexuellen Missbrauch von abhängigen Minderjährigen hinausläuft (allerdings war vor Beginn der Pubertät ein Knabe auch in Sparta tabu). In Athen wurden Kritiker der Paderaistia noch in der Römerzeit als weltfremd, sauertöpferisch oder schlicht barbarisch verspottet - in Sparta wären sie, wenn es sie überhaupt zu Wort gekommen wären, als umstürzlerisch und volksverräterisch verdammt worden, denn die Paderaistia gehörte zu den Fundamenten des "Kosmos". Nach dem spartanischen Ideal sollte jeder junge Spartiate durch feste erotische Bande an einen vorbildlichen Mann gekettet sein, und jeder Krieger durch seine Gefühle gegenüber einem jugendlichen Liebhaber zu höchstem Vorbild aufgestachelt werden. Auch unter erwachsenen Spartiaten galten "Liebespaare" als besonders tapfere Kämpfer. Daher überrascht es nicht, dass die Spartaner vor einer Schlacht dem Eros opferten.
Übrigens scheinen sich im alten Griechenland Paideraistia und "heterosexueller" Sex niemals ausgeschlossen zu haben. Wenn der spartanische Staat "Nachwuchssorgen" hatte, Männer, die mit 30 noch nicht verheiratet waren, mit Strafen belegte, oder verlangte, dass ein kinderloser Ehemann sich seines Bruders oder Freundes als "Ehehelfer" bediente, dann lag das wahrscheinlich nicht daran, dass spartanische Männer Sex mit Frauen generell abgeneigt gewesen wären. Die Athener waren es jedenfalls nicht.

Freitag, 11. Juli 2008

Au! Schwer vom Taschen-Stöckchen getroffen.

Bin von Distelfliege beschmissen worden ...

1. Take a picture of your bag.
Rucksack
Gemacht. Es ist mein schon ziemlich mitgenommen aussehender Tagestourenrucksack, den ich fast immer benutze, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin.

2. Now dump everything out and neatly adjust them, and take a picture (no matter how embarrassing).
Inhalt
Erstaunlich, was in einem "leeren" Rucksack so alles steckt ...

3. Talk about the items inside. Detail.

Der Regenschirm ist so ein billiger Taschenschirm. Auf dem Fahrrad natürlich nicht zu gebrauchen; ich habe ihn eingesteckt, weil ich den Rucksack zuletzt "zu Fuß" benutzte, und weil es gerade arg nach Regen aussah.
Einen Einkaufsbeutel habe ich deshalb dabei, weil ich den Rucksack zum Einkaufen trug, und weil meine Einkäufe nicht alle im Rucksack Platz fanden.
Labello-Stift. Steckte in der unteren Nebentasche. Wusste gar nicht, dass er da noch drin steckte. Bin irgendwie froh, dass da ein Lippenpflegestift und nicht etwa ein Kondom wieder auftauchte.
Ein paar gnabbelige Papiertaschentücher. Kommentar überflüssig.
Ein Taschenmesser. Endlich mal ein annähernd "typisch männliches" survivalmäßiges Teil, nicht wahr, Distel?
Brillenetui. Habe ich oft sicherheitshalber dabei, denn ich hatte schon mal eine Brille ruiniert, die ich mal kurz beiseite legte - ungeschützt.
Notizblock. Ich bin der Typ, der sich eigentlich immer irgendwelche Notizen macht - und wenn nicht, irgendetwas krickelt. (Natürlich nicht, wenn ich auf dem Fahrrad sitze.)
Stift. Ohne ist der Notizblock irgendwie schlecht zu gebrauchen.

4. Tag 6 people. (Don’t tag the person that was already tagged.)

Arrg ... Die Menschen, auf deren Tascheninhalt ich neugierig wäre, bloggen entweder nicht, oder es wäre extrem unwahrscheinlich, dass sie auf ein Stöckchen von mit reagieren würden.
Z. B. wüsste ich gern, was Königin Elisabeth II. in diesem albernen kleinen altmodischen Handtäschen hat, das sie offensichtlich immer mit sich herumträgt - und zwar seit über 50 Jahren.
Ich wüsste auch gern, was sich in Guido Westerwelles schickem Aktenköfferchen befindet.
Ebenfalls rätselhaft ist der Inhalt von Madonnas Handtasche - es muss schon einen Grund haben, wieso sie ihre Tasche meistens von einem Diener tragen lässt. Ist sie vielleicht so schwer? Aber was könnte so schwer sein, dass frau ihre Tasche nicht selbst tragen mag? Ein Ambos? Hantelscheiben? Oder etwa Goldbarren?
Beim "Stilexperten" Bruce Darnell wüsste ich nur gerne, ob überhaupt etwas in seiner topmodischen Herrenhandtasche mit dem mutmaßlichen Anschaffungspreis eines Mittelklassewagens ist. So ein Edel-Teil ist doch zu Schade zum Benutzen - oder?
Mir ist neulich in der Tagesschau aufgefallen, dass das Merkel - ich meine natürlich die Frau Bundeskanzlerin - eine auffällig große Handtasche, einen sog. Messenger, trug. Vielleicht bezog der Kommentar, sie könne Sarkozy glatt in die Tasche stecken, auf diesen geräumigen Shoppingbehälter. Der französische Präsident ist nun mal nicht sonderlich hochgewachsen.


Nein, ich bin nicht sadistisch genug, um dieses Stöckchen zu werfen. Soll es sich aufheben, wer mag.

Mittwoch, 9. Juli 2008

"Hamburger Ebb' und Fluth"

Das ist der genaue Titel der gemeinhin als "Wassermusik Georg Philipp Telemanns" bekannten Orchestersuite, nicht zu verwechseln mit der noch berühmteren Wassermusik Georg Friedrich Händels.

Es gibt die Legende vom weltoffenen, toleranten Hamburg. Das ist, für den Kenner der hamburgischen Verhältnisse, doch recht erstaunlich, denn an staatlicher Pression und Repression mangelt es hier nun wirklich nicht. (Aktuelles Beispiel aus der regionalen taz: Operation Rote Flora - Die Razzia im Hamburger Schanzenviertel setzte eine interne Anweisung um, die auch im polizeilichen Dienstunterricht behandelt wird. Das autonome Zentrum klagt auf Schadensersatz.) In beinahe jeder Hinsicht ist Hamburg eine typisch deutsche Großstadt.

Aber irgend etwas ist in Hamburg anders als in Berlin, Köln, Düsseldorf, Frankfurt/Main, Leipzig, München. Ich nenne es mal: Das maritime Flair.
"Was heißt hier maritim"? fragte mich vor einiger Zeit ein aus Mainfranken stammender Bekannter. "Hamburg liegt gut 70 - 80 Kilometer vom Meer entfernt." Bei Küstenstädten wie Bremerhaven, Kiel, vielleicht auch noch Lübeck oder Rostock, da sähe er es ein, aber Hamburg? Trotz Hafen sei doch vom Einfluss des Meeres wenig zu spüren!

Es ist aber zu spüren. Telemann brachte es auf den Punkt, als er 1723 aus Anlass der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Hamburger Admiralität seine "Wassermusik" schrieb: "Hamburger Ebb und Fluth".
Zur Illustration zwei Fotos, die ich neulich am St. Annen-Fleet in der "Speicherstadt" aufnahm.

Reparaturarbeiten an der Kaimauer (bei Ebbe):
Kaimauer01

Das St. Annen-Fleet, bei Flut:
Kaimauer02

Der mittlere Tidenhub (Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser) in Hamburg ist 2,52 Meter.

Poetisch gesprochen, ist es der Pulsschlag des Meeres. Ich erinnere mich (ungern!) an einen öden Bürojob, es ist schon einige Jahre her. Wie es der Zufall - oder sonstwer, der unter dem Pseudonym "Zufall" auftritt - so wollte, lag das Bürohaus an einem der unzähligen Kanäle, die weite Teile Hamburg durchziehen. ("Das Haus liegt direkt an einer Brücke über einen Kanal oder Fluss" - das mag in anderen Städten eine sinnvolle Orientierungshilfe sein. In Hamburg nicht: Insgesamt rund 2400 Bauwerke führen in der Hansestadt über Wasser, über Elbarme, Flüsse, Fleete, Kanäle und Hafenbecken.) Über die Bille stand dieser Kanal mit der Norderelbe in Verbindung, und obwohl an der Mündung der Bille ein Sperrwerk installiert ist, hob- und senkte sich der Wasserspiegel des Kanals im Takt der Gezeiten. Nicht so stark wie direkt wie an der Elbe, aber unübersehbar.
Ich ertappte mich oft bei dem Gedanken: Mit einem tüchtigen Segelboot könnste Du direkt von dieser elenden geistige Legebatterie ablegen und in See stechen. Einfach ablegen - und erst in Südengland, in der Bretagne, in Irland - oder auch erst in Amerika - wieder an Land gehen. "Ich träume oft davon, mir ein Segelboot zu klau'n / und einfach abzuhauen" (alter Song von Udo Lindenberg, aus der Zeit, als er noch Haar hatte).

Sicher, es kommen noch andere, historische, politische, ökonomische Umstände hinzu, die entscheiden, ob eine Hafenstadt auch "weltoffen" oder gar "kosmopolitisch" ist. Hamburg ist es ja auch nur begrenzt weltoffen und gewiss keine Weltstadt - aber wie begrenzt ist mitunter auch die Weltoffenheit z. B. der anerkannten Weltstadt London? Die Historie erinnert z. B. daran, dass Hamburg eine alte Stadtrepublik ist - und mehr noch daran, dass "allzu nah" vor den Toren Hamburg Altona lag - vor der Französischen Revolution 1789 der freiheitlichste Flecken Europas - und vermutlich auch noch einige Jahre darüber hinaus ...

Was unterscheidet Hamburg vom "Rest" Deutschlands? Vermutlich, dass Hamburg (manchmal) angenehm "undeutsch" ist ... (interessanterweise trifft das auch auf Teile Berlins zu).

Womit ich bei einer anderen Frage wäre: was unterscheidet Deutsche und Österreicher? Angeblich ja, dass ein Österreicher jemand sei, der Beethoven für einen Österreicher und Hitler für einen Deutschen hält. Aber dieser kleine Irrtum ist wahrlich kein Privileg der Österreicher. Wobei ich übrigens strikt zwischen Österreichern und Wienern unterscheide. Das sind zwei sehr verschiedene Spezies Mensch.

Besser lässt sich der Mentalitätsunterschied zwischen Deutschen und Österreichern so beschreiben: die Deutschen sehen mit Pessimismus in die Zukunft, die Österreicher aber voller Optimismus in die Vergangenheit.

Womit ich diese Folge locker aus meinem Hirn quellender Gedankensplitter abschließe.

Montag, 7. Juli 2008

Das Internationale Maritime Museum - "Leuchtturm" oder "Rumpelkammer"?

Vor gut zwei Wochen schrieb ich anlässlich der Eröffnung des "Internationalen Maritimen Museums Hamburg": Seefahrtsmuseum - Eröffnung mit viel Tamm-Tamm?
Inzwischen habe ich das umstrittene Museum besucht. Die offenbar weit verbreitete Befürchtung, dass das IMMH eine "Militariaschau" oder gar eine Pilgerstätte für Militaristen oder Rechtsextremisten werden könnte, hatte ich von Anfang an nicht. Der Frage nach politischen Klüngeleien und den Begleitumständen der von der SPD mitgetragenen Entscheidung, die Museumspläne der Tamm-Stiftung zu unterstützen, klammere ich vorerst einmal aus.
Leuchtturmhaube
Haube eines eisernen Leuchtturms vor dem IMMH. Foto: MMarheinecke

Es bleibt die Frage, ob das Museum wirklich ein "Leuchtturm", ein attraktives Museum - oder doch nur eine "Rumpelkammer" ist, geprägt von der Sammelwut und dem Militarismus Peter Tamms.
Ich teilte die Sorge jener Kritiker, dass ein museumspädagogisches Konzept fehlen, sprich, die Ausstellung mehr "Sammlung" als "Museum" werden könnte. Kritiker bemängelten zudem die Beliebigkeit der Ausstellungsstücke - und die Vielzahl der militärischen Exponate. Die "Sammlung Tamm" ist ja in der Tat nicht gerade arm an Militaria, auch aus dem "12-jährigen Reich".

Vor Jahren hatte ich die "Sammlung Tamm" in der Villa an der Elbchaussee angesehen - oder eigentlich aus Zeitmangel nur einen Teil. (Wegen des Umfangs der Sammlung hielt ich mir dann auch einen vollen Tag für das IMMH frei.) Mein Eindruck von der Tamm-Sammlung war damals etwas zwiespältig.
24-Pfuender
24-Pfünder Vorderlader-Kanone von H.M.S. "Foudroyant", Flaggschiff des britischen Admiral Horatio Nelson in seiner "sizilianischen Zeit". Foto: MMarheinecke

Am Eingang des Museums dräuen zwei alte Schiffskanonen. Nicht unbedingt ungewöhnlich für Seefahrtsmuseen, aber angesichts der heftigen Kritik am tammschen Militarismus ziemlich unverfroren. Auch die beiden Klein-U-Boote aus der Endphase des 2. Weltkriegs und weitere Kanonenrohre im Hof des Museums sind nicht unbedingt geeignet, die Bedenken der Museumskritiker zu zerstreuen.

Die ersten drei "Decks" - "Die Entdeckung der Welt / Navigation und Kommunikation", "Schiffe unter Segeln" und "Geschichte des Schiffbaus" hinterlassen, abgesehen von einigen "Kinderkrankheiten" wie fehlenden Hinweistafeln oder nicht richtig funktionierenden Multi-Media-Installationen, einen guten Eindruck. Diese Teile der Ausstellung brauchen sich vor etwa dem Schiffahrtsmuseum Bremerhaven nicht zu verstecken. Das Museum wird seinem Anspruch, "international" zu sein, auf diesen "Decks" voll gerecht: Auch die sonst gern unterschlagenen Beiträge etwa der Chinesen, Araber und Polynesier zur Seefahrts- und Entdeckungsgeschichte werden gewürdigt. Die Qualität der Exponate - darunter ein über 3000 Jahre alter Einbaum - und der Modelle ist durchweg hoch. Erstaunlich gut funktioniert das Konzept, die Exponate "für sich" sprechen zu lassen, bei der viel kritisierten Darstellung des Sklavenhandels - Halseisen, Fußfesseln oder ein Decksplan, auf dem man sieht, wie die "menschliche Fracht" buchstäblich "verstaut" wurde, machen den betont nüchternen Kommentar mehr als wett.

Der Eindruck, den die beiden Decks "Leben auf Marineschiffen / Im Zeughaus der Geschichte" und der "böse Boden" Deck 5 "Marinen der Welt ab 1815", bei mir hinterlassen, ist leider weniger gut. Nicht, weil die Ausstellung hier geschichtsrevisionistisch oder kriegsverherrlichend wäre. Sondern, weil das museumspädagogische Konzept dieser Abteilungen doch etwas kärglich ist. Der Aspekt "Leben auf Marineschiffen" spricht noch einigermaßen für sich, aber angesichts der Fülle von kaum kommentierten Handwaffen, Paradesäbeln, Orden, Uniformen frage ich mich, ob hier nicht "weniger" doch "mehr" gewesen wäre. Das ist wirklich nur eine Zur-Schau-Stellung einer großen Sammlung. Auch den Vorwurf, unkritisch zu sein, kann man dem Museum auf "Deck 4" nicht ersparen. Mein Eindruck vom "Seekriegsdeck" 5 ist gemischt, der Abriss der militärtechnischen Entwicklung ist brauchbar, aber ich hätte mir mehr kritische Distanz gewünscht. Besonders übrigens angesichts der Modelle von "Kriegsschiffen der Zukunft", die deutsche Werften für die nächsten Jahrzehnte planen.

Weniger beklemmend, dafür aber etwas ermüdend, ist das Deck 6, gewidmet der Handelsschifffahrt, der Passagierschifffahrt und den Häfen. Einigen gelungene Präsentationen, z. B. des Containerumschlags, steht eine Fülle von Schiffsmodellen gegenüber - weniger wäre auch hier vielleicht mehr gewesen. In diesem Bereich (und nur in diesem) entdeckte ich auch Modelle, von denen Jens Jensen in der "Zeit" schrieb, sie hätten keine Museumsqualität (auch wenn sie schwerlich aus Baukästen stammen durften). Hier siegte der Sammler offensichtlich über die "Museumsmacher".
Der Höhepunkt - jedenfalls was die Gestaltung der Ausstellung angeht - ist das Deck 7, über "Meeresforschung, Energietechnik und Fischerei". Moderne und "klassische" Medien sind geschickt eingesetzt. Auf diesem Deck finden sich museumspädagogisch durchdachte Präsentationen, die sowohl Touristen, die in erster Linie unterhalten werden wollen, wie fachlich interessierten Besuchern, wie der erfahrungsgemäß "schwierigsten" Besuchergruppe, nämlich Schulklassen, die "was lernen" sollen, gerecht werden.
Ein Deck höher fiel mir etwas auf, was auch Jensen ansprach: die Ordnung nach dem Geist der touristischen Attraktion - was extrem teuer und deshalb sensationell ist, landet in der "Schatzkammer". Da steht teurer Nippes mit hohem Materialwert neben herrlichem Kunsthandwerk, einem sehr seltenen Werftmodell aus dem 17. Jahrhundert und den ebenfalls seltenen Modellen, die Kriegsgefangene der napoleonischen Kriege aus den Knochen ihrer kargen Pöckelfleisch-Rationen fertigten. Immerhin: das lebensgroße Diorama, das abgerissene Gefangene, die in einer engen, schäbigen und überfüllten Zelle einer Kriegsgefangenenhulk ein Knochenmodell bauen, zeigt, ist ein gelungener und schockierender Kontrapunkt in der "Schatzkammer".
Besonders interessieren mich, als Amateur-Marinemaler, die auf dem selben Deck untergebrachten maritimen Gemälde (weitere Gemälde sind, wo sie thematisch passen, auf anderen Decks verteilt). Ich bin, obwohl es viele herrliche Gemälde zu bewundern gibt, deutlich enttäuscht - weil auch hier die kunsthistorische Einordnung allzu knapp ausfällt, und auch, weil Bildern, die zu Propagandazwecken gemalt wurden, nicht die Wirklichkeit gegenüber gestellt wird.

Wirklich erschlagend ist die Fülle der Exponate in der Abteilung "Die große Welt der kleinen Schiffe" - der Schiffsminiaturensammlung. Es gibt hier einige interessante Dioramen, die ich lieber in sinnvollen Zusammenhängen gesehen hätte - etwa die Dioramen der Seeschlachten Nelsons bei den Briefen Nelsons und Original-Exponaten, Gemälden und Modellen aus dieser Zeit, oder die Hafen-Dioramen auf dem Handelsschifffahrts-Deck. Aber hauptsächlich besteht dieses Deck aus verglasten Regalen mit tausenden Schiffsminiaturen: 36000 Wasserlinienmodelle im Maßstab 1:1250. Auf diesem Deck hatte ich nicht den Eindruck, in einem Museum zu sein - "Weniger ist mehr" gilt auf diesem Deck in ganz besonderem Maße. Es hätte sich hier, wie schon bei der Ordens-, Uniform und Handwaffensammlung, angeboten, einen großen Teil der Exponate in ein abgetrenntes Schaudepot zu stellen - für Besucher mit speziellem Interesse.
Zum Museum gehört ferner eine imponierende Bibliothek mit 120000 Bänden und 50000 originalen Schiffsbauplänen - etwas für die Experten.

Mein Fazit: Das konzeptionell bessere Schifffahrtsmuseum ist, alles im allem, immer noch das in Bremerhaven. Das gilt trotz der Fülle großartiger Exponate im IMMH, trotz der gelungenen Ausstellung auf den Decks 1, 2, 3 und dem herausragenden Meeresforschungs-Deck 7. Allerdings ließe sich das leicht ändern - wobei man sich hüten möge, etwa auf dem "Kriegsmarine-Deck" ins andere Extrem zu verfallen und Antikriegspädagogik mit erhobenem Zeigefinger zu betreiben.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Geheimauftrag MARIA STUART...
Krisenfall Meuterei Der dritte Roman der Reihe "Geheimauftrag...
MMarheinecke - 9. Apr, 19:42
Urlaubs-... Bräune
Das "Coppertone Girl", Symbol der Sonnenkosmetik-Marke...
MMarheinecke - 1. Aug, 08:34
Geheimauftrag MARIA STUART...
Ahoi, gerade frisch mit dem Postschiff eingetoffen. Der...
MMarheinecke - 26. Mär, 06:48
Kleine Korrektur. Man...
Kleine Korrektur. Man kann/sollte versuchen die Brille...
creezy - 11. Nov, 11:29
strukturell antisemitisch
Inhaltlich stimme ich Deinem Text zwar zu, aber den...
dummerle - 5. Jun, 11:12

Suche

 

Status

Online seit 7356 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:08

Credits


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte
Geschichte der Technik
Hartz IV
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wirtschaft
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren