Religion, Magie, Mythen

Donnerstag, 1. Mai 2008

Gedanken über Magie (1)

"Magie ist die Kunst, die Sinnenwelt willkürlich zu gebrauchen." Novalis

"Magie ist die Wissenschaft und Kunst, das Bewusstsein willkürlich zu Verändern."Dion Fortune

Gestern war Walpurgisnacht - oder Beltaine, wie dieses "Hexenfest" bei Neuheiden unter Rückgriff aufs Keltische genannt wird. Anlass für mich, einige meiner Gedanken zu Magie und Zauberei (das sind ähnliche, aber nicht ganz deckungsgleiche Begriffe) kund zu tun.

Vorweg muss ich eins klarstellen: weder Magie noch Zauberei - so wie ich diese Begriffe verstehe - haben auch nur das Geringste mit "Übernatürlichem" Geschehen, mit "Wundern", die zeitweilig die Naturgesetze außer Kraft setzen, oder mit "unerklärbaren Fähigkeiten, die nur Eingeweihten zukommen" zu tun. Womit geschätzte 95 % der "Esoterik"-Literatur und geschätzte 80 % der "PSI"-Literatur vom Tisch bzw. Regal wären. Und ca. 9 von 10 Fernsehsendungen und Internet-Seiten zu diesem Thema.

Wer eine "Einführung in die Magie" erwartet, den muss ich ebenfalls enttäuschen. Ich empfehle zu diesem Thema einen schon älteren Text von Jens Scholz, der glücklicherweise nicht in den Weiten des Webs verschollen gegangen ist: "Einführung in die Magie". Einer der wenige Internet-Texte über Magie, die mit Sinn für Ironie und einer gehörigen Portion Skepsis gelesen sein wollen. (Man sollte jeden Text über Magie mit Sinn für Ironie und einer gehörigen Portion Skepsis lesen - auch diesen hier!) Sehr empfehlenswert, obwohl ich in einigen Details anderer Ansicht bin als Jens, und ich vermute, dass er manches heute anders oder gar nicht schreiben würde.

Ich beginne meine Überlegungen mit dem Thema "schwarzmagische Angriffe" und einem Blick nach Indien. Während hierzulande Menschen, die behaupten, "magische" (im Sinne von "übernatürliche") Fähigkeiten oder "PSI"-Kräfte zu haben, sich z. B. damit begnügen, Löffel zu verbiegen und dazu Geschichten zu erzählen, bei denen sich die Balken biegen, sind die Behauptungen der Kollegen im an "Wunder" und "Wundertäter" gewöhnten Indien von ganz anderem Kaliber. Es gibt Tantriker, die behaupten, auf magische Weise töten zu können.
Tantra ist bei uns im "Westen" eher im Zusammenhang mit Sexualpraktiken bekannt. Dennoch töten Tantiker nicht etwa dadurch, dass sie ihr Opfer mit viel Ausdauern in den Herztod durch sexuelle Überanstrengung treiben. Auch sollte man die indischen Tantriker nicht mit ihren esobärmlichen europäischen Gegenstücken verwechseln - die hiesigen Traurigen Tantriker sind schlimstenfalls tödlich langweilig.
Nein, ich meine indische Tanktriker vom Format eines Pandit Surinder Sharma. Sharma behauptet, im Auftrag hochrangiger Politiker zu stehen und für sie zu zaubern - unter anderem als "magischer Auftragskiller". Nach eigenen Angaben ist er in der Lage, jeden beliebigen Menschen innerhalb von drei Minuten durch Gedankenkraft töten zu können.
Sanal Edamaruku, Präsident von Rationalist International, war da skeptisch und forderte am 3. März dieses Jahres auf India TV den vorgeblich mächtigsten Tantriker des Landes heraus, seine Kräfte zu beweisen:

Hier einige Ausschnitte aus der über zweistündigen Live-Sendung. (Schon an dieser Dauer ist zu erkennen: Das mit den "drei Minuten" war wohl nichts!) Immerhin haben die vergeblichen Bemühungen des Schwarzmagiers einen großen Unterhaltungswert:
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 1
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 2

Sanal Edamaruku überlebte, obwohl der Tantriker sogar unfaire Mitteln (körperliche Angriffe) anwendete. Er wirkte sogar sehr amüsiert. Der Moderator brach das Experiment schließlich ab und erklärte den Tantriker zum Verlierer. Noch in selben Nacht gewährte Sanal dem Schwarzmagier eine Revanche beim "Tantra der absoluten Zerstörung".
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 3.
Im Grunde unnötig zu erwähnen: Pandit Surinder Sharmas schwarzmagisches Killer-Ritual - das aus der Bollywood-Version eines Voodoo-Gruselfilms stammen könnte - bleibt abermals erfolglos.

Ein ausführlicher Bericht bei "Rationalist International": Bulletin Nr. 171 (10. März 2008) - Die Große Tantra-Herausforderung.
(Gefunden über hpd bzw. GWUP: Skeptiker vs Magier: Tod durch Tantra?)

Nun gingen die vollmundigen Behauptungen Pandit Surinder Sharmas nicht allein auf seinen Größenwahn zurück. Uma Bharati (ehemalige Ministerpräsidentin des indischen Staates Madhya Pradesh) beschuldigte ihre politischen Gegner in einer öffentlichen Erklärung, ihr mittels Tantra Schaden zugefügt zu haben. Tatsächlich hatte die unglückliche Frau innerhalb weniger Tage ihren Lieblingsonkel verloren, sich an ihrer Autotüre den Kopf gestoßen und ihre Beine mit Wunden und Pusteln bedeckt gefunden.

Wie kann ein Killer-Tantriker erfolgreich sein, auch wenn sein Hokospokus einer experimentellen Prüfung nicht standhält? Es gibt keinen Grund, herablassend über die "abergläubischen Inder" zu lachen, denn die grundlegende Mechanismen funktionieren auch bei uns.
Es geht hierbei nicht um Magie (und schon gar nicht um irgendwelche "übernatürlichen Kräfte") als vielmehr um psychologische Tricks. Jens Scholz erklärt es so:
Nun gibt es aber auch noch ganz andere "magische Angriffe": Du findest einen toten Frosch unter deiner Fußmatte oder eine Rune auf dem rechten Hinterrad. Oder jemand ruft an und raunt ein "der Teufel wird dich morgen holen!" in den Hörer. Oder du weißt, wer dich zu seinem Opfer erkoren hat und der macht jedes mal so komische Handbewegungen, wenn er dich sieht und geht dann böse grinsend davon.

Das ist dann wirklich etwas, wogegen du dich wehren musst. Allerdings geht es hier nicht um Magie, sondern um psychologische Kriegsführung. Denn was derjenige versucht, ist klar: Er setzt bedrohlich wirkende Signale, die dich beunruhigen und dadurch unkonzentriert machen sollen. Und wenn du unkonzentriert bist, passieren dir immer öfter kleine Missgeschicke, die dich um so mehr davon überzeugen, dass hier etwas nicht stimmt. Nun ist das Ego leider ein wenig doof, denn es kombiniert leider ein wenig zu einfach: Der Typ da hat gesagt, dass es mir übel ergeht, mir ist heute das Butterbrot zweimal runtergefallen, ergo der hat Schuld und beeinflusst mich (hat er ja auch gesagt). Das führt zum nächsten Schritt: Die Missgeschicke werden immer mehr, die Unsicherheit immer größer, die Überzeugung, dass dich der Kerl dort "magisch angreift" immer gewisser und so weiter. Irgendwann marschierst du über die Straße und übersiehst vor lauter Zappeligkeit den Laster, der dich prompt auf den Kühler nimmt...
Tantriker würden eine eine solch furchterregende Atmosphäre schaffen, dass selbst Menschen, die wüssten, dass nichts an der schwarzen Magie dran sei, aus Angst zusammenbrechen könnten, kommentierte ein Wissenschaftler in der Sendung. Es würde enormen Mut und starkes Selbstvertrauen erfordern, sie herauszufordern, indem man tatsächlich sein Leben aufs Spiel setzt. Indem er das tat, hätte Sanal den Bann gebrochen und denen, die seinen Triumph erlebt haben, viel von ihrer Angst genommen.

Es hätte also durchaus sein können, dass ein Probant, der sich nicht wie Sanal absolut sicher war, dass der Magier ihm nichts anhaben könne, entweder irgendwann so viel Angst bekommen hätte, dass er aufgegeben hätte oder psychisch zusammengebrochen wäre.

Es gibt, außer der völligen und bis tief in Unterbewusstsein reichenden Überzeugung "der Typ kann mir nichts anhaben", verbunden mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, noch andere Methoden, sich vor vermeintlichen und tatsächlichen "magischen Angriffen" zu schützen. Jens schlägt eine Art "Schutzschirmvisualisierung" vor, die auch bei Alltagsärger wirkt. (Sie wirkt tatsächlich.) Auch die von Außenstehenden gern belächelten Schutzkreisrituale haben in diesem Kontext einen Sinn - weniger als Schutz gegen "schwarze Magie" denn als Trick zur psychologischen Selbstverteidigung. Fromme Menschen können es auch mit Beten versuchen - in solchen Fälle hilft Beten wirksam und sofort!

Ein Rezept, das auch aus Märchen und Mythen bekannt ist, hilft besonders gut, und Sanal wendete es intuitiv mehrmals gegen den "Schadenzauber" Sharmas an:
Lachen bannt!
Wenn man die bösen, bösen und ach so mächtigen Schwarzmagier / böse Hexe / Killer-Tantriker einfach nicht ernst nimmt, sie als die lächerlichen Figuren erkennt, die sie sind, dann haben sie kein Quentchen Macht.

Das gilt nicht nur für die Möchtegern-Schwarzmagier dieser Welt, sondern zum Beispiel auch für "dämonische", suggestive, ihr Publikum zuerst gefangen nehmende und dann an der Nase herumführende Redner.

Meisterhaft setzte Charlie Chaplin diese Mittel in seinem Film "Der große Diktator" ein, und zwar in seiner berühmten Parodie auf eine typische Hitler-Rede, gehalten in einer wage deutsch und sehr nach Hitler klingenden, grotesken Phantasie-Sprache. Damit lenkt Chaplin die Aufmerksamkeit auf die perfekt nachgeahmte Körpersprache und auf die im Grunde einfachen schauspielerischen Tricks Hitlers.
Wer einmal richtig über diese Parodie gelacht hat, der wird wahrscheinlich später auch das "Original" so lächerlich finden, wie es tatsächlich war.
Wenn heute Hitlers Redestil, und damit auch der Stil seiner zahlreichen Nachahmer, bei den meisten Zuhörern eher lächerlich als "ergreifend" oder "dämonisch" wirkt, dann ist das zum großen Teil Chaplins Können zu verdanken.

In meinem Sinne ist Chaplins ein genialer Magier - ohne Tricks und doppelten Boden, ohne Psi-Phänomene und übernatürliche Kräfte.

Samstag, 12. April 2008

Liste der schlimmsten Religionsführer

Anlässlich des bevorstehenden Papst-Besuches in den USA, bei dem so sicher wie das Amen in der Kirche sehr viel von der friedenstiftenden Rolle der Religion die Rede sein wird, veröffentlichte das Internet-Portal Foreign Policy eine Liste mit den schlimmsten religiösen Führern der Welt:
The List: The World’s Worst Religious Leaders
  • Hassan Nasrallah - Religion: schiitischer Islam - Generalsekretär der Hisbollah - predigt Vernichtungs-Antisemitismus
  • Joseph Kony - Religion: Christentum / Personenkult - Oberbefehlshaber der "Lord’s Resistance Army (LRA)" - Massenmörder im Ugandischen Bürgerkrieg.
  • Yogi Adityanath - Religion: Hinduismus - Religiöser Führer und Mitglied des Parlaments von Uttar Pradesh, Indiens bevölkerungsreichster Provinz, militanter Hindu-Nationalist, hetzt zu anti-islamischen Revolten auf.
  • Athuraliye Rathana - Religion: Theravada-Buddhismus - Mönch und Parlamentsabgeordneter in Sri Lanka - hetzt gegen die tamilische Minderheit, ruft zur Vernichtung der "Tamil Tigers" auf.
  • Dov Lior - Religion: hasidisches Judentum - Führender Rabbi der Kiryat Arba Siedlung, Israel - Behauptet, es sei mit den jüdischen Gesetzen vereinbar, palästinensische Zivilisten zu ermorden, meint, dass das biblische Gebot “Du sollst nicht morden" nur unter Juden gelten würde.
Diese deprimierende Liste religiöser Hetzer könnte problemlos auf 50 Namen verlängert werden - wahrscheinlich sogar auf 500 predigende Anstifter zum Massenmord ähnlichen Kalibers. Rechnet man mordlüsterne religiöse Spinner hinzu, die den Göttern sei dank weniger Einfluss und Anhänger haben, dürfte die Liste einem Telefonbuch ähneln.
Offensichtlich hat sich "Foreign Policy" darauf beschränkt, für jede "Weltreligion" ein besonders abscheuliches Exemplar der Gattung "Hassprediger" herauszusuchen.

Als Polytheist möchte ich meine "Mit-Heiden" vor der Illusion warnen, dass nur monotheistische Religionen zu solch mörderischem Hass und Intoleranz fähig seien - die Hinduismus-Richtung, der Adityanath Yogi angehört, ist eindeutig polytheistisch. Nebenbei möchte ich gar nicht wissen, was geschehen würde, wenn einige Möchtegern-"Heidenfürsten" nicht nur ihre handvoll Sektierer, sondern eine wirklich schlagkräftige Anhängerschaft hinter sich hätten.
(via hpd-online)

Samstag, 5. April 2008

Wie hältst Du es mit den Stammzellen?

Heute startete eine gemeinsame Kampagne der katholischen und evangelischen Kirche unter dem Titel "Gesundheit - höchstes Gut?"
Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sorgen sich nun etwa nicht um unsere Gesundheit, sondern darum, dass das Nachdenken über äußerliches Wohlbefinden und körperliche Fitness inzwischen einen derart breiten Raum einnähme, dass man bereits von einer "Gesundheitsreligion" sprechen könne, wie es führende Kirchenvertreter in Würzburg ausdrückten.
SpOn: Kirchen verdammen Fitnesskult.
Kritik an Übertreibungen beim Streben nach Fitness und Gesundheit sind das eine. Eine Kampagne unter dem Titel "Gesundheit - höchstes Gut?" das andere. Schon die Frage konstruiert einen Gegensatz zwischen "Streben nach Gesundheit" und "Streben nach dem Seelenheil", wobei letzterem der Vorrang eingeräumt wird:
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, kritisierte den "Gesundheitswahn unserer Tage". Gesundheit sei wichtig, aber es sei nicht richtig, sie zum Idol zu machen, mahnte Huber beim ökumenischen Gottesdienst im Kiliansdom der Stadt. "Wo es früher noch um das Heil der Seele ging, geht es heute nur noch um den heilen Körper", beklagte der Bischof.
Ich sehe keinen Gegensatz zwischen dem Streben nach körperlichem und psychischem Wohlbefinden und dem Streben nach dem Heil der Seele - für mich geht beides Hand in Hand, das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben. Übrigens kann man sich trotz schwerer Krankheit "wohl befinden", während andererseits sogar leichte "Störungen", die die (berufliche) Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigen, einem "das Leben zur Hölle" machen können - nach meinem Empfinden lebt man dann nicht im Heil.
Wenn man allerdings "Gesundheit" nicht als "Wohlbefinden", sondern etwa als "maximale Leistungsfähigkeit" definiert, und mit "Heil der Seele" die "Erlösung" im christlichen Sinne meint, dann, ja dann gibt es durchaus einen "Zielkonflikt".

Von berechtigten, aber banalen Mahnungen wie der, dass Krankheit, Leiden und Tod zum Leben gehören, oder dass es "keine Garantie für ewige Jugend" gäbe (seltsam, ich dachte immer, kein Mensch bliebe ewig jung) oder der, dass kein Mensch "immerwährend gesund" sei, abgesehen: Worauf zielt die Kampagne ab?

Während der "Woche für das Leben" soll kritisch hinterfragt werden, wer Definitionen von Gesundheit vorgibt und warum. Das ist eine in der Tat eine wichtige Frage, denn das Gesundheit instrumentell gesehen wird ist ein drängendes Problem: etwa, das "gesund" gleich "arbeitsfähig" gesetzt wird, egal, wie es dem Einzelnen dabei geht, oder politischer Druck zur "gesunden Lebensführung", mit dem immer im Hintergrund stehenden Vorwurf, jemand sei an seinem Herzinfarkt (Lungenkrebs, Hautkrebs, Bluthochdruck usw. ) doch "selber Schuld", oder - besonders widerlich - die Ausgrenzung Kranker, Gebrechlicher und Behinderter, weil sie der "Leistungsnorm" nicht entsprächen. Aus humanistischer Sicht ist das sehr zu begrüßen!

Aber ich ahne bei diesen Worten, dass da noch ein ganz anderes Thema auf der Tagesordnung steht:
Mit der Woche für das Leben setzten sich die Kirchen gemeinsam ein "für die Würde und den Schutz des menschlichen Lebens in all seinen Phasen und für alle Menschen – gleich welchen Alters und welcher physischer und psychischer Verfassung."
Die allererste "Woche für das Leben" war eine Woche für den "Schutz des ungeborenen Kindes" und seitdem sind die Fragen "Abtreibung" und "Sterbehilfe" ständig auf der Agenda dieser Veranstaltung präsent.
Der vermutlich heikelste Streitpunkt zwischen "christlicher Moral" (nach Maßgabe der römisch-katholischen und - teilweise - der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung) und dem "Streben nach Gesundheit" ist die Frage nach den embryonalen Stammzellen.

Auch wenn manche Hoffnungen, die auf die Heilungschancen durch den Einsatz embryonaler Stammzellen gesetzt werden, wahrscheinlich übertrieben sind: die Stammzellforschung ist eines der wichtigsten Forschungsgebiete der modernen Medizin. Und ein wichtiger Teil dieser Forschung ist ohne menschliche embryonale Stammzellen nicht zu machen.
Das Problem (aus christlicher Sicht): der Beginn des menschlichen Lebens wird bei der Befruchtung der Eizelle gesehen. Also muss man (potenzielle) Menschen ermorden, um an embryonale Stammzellen zu kommen. Weshalb sich die Debatte in christlich geprägten Ländern an der moralischen Frage: "Darf man Leben vernichten, um Leben zu retten?" festfährt.

Es fällt auf, dass das vergleichsweise winzige Israel in der Erforschung und Nutzung menschlicher Embryonalzellen weltweit eine führende Position innehat. Einer der wichtigsten Gründe dafür liegt in der jüdischen Religion.
Ein Menschenleben zu retten ist eines der wichtigsten Gebote des Judentums (wie auch des Christentums, des Islams und aller anderen mir bekannten Religionen, mit der mögliches Ausnahme des Satanismus). Dieses Gebot steht im Judentum über fast allen anderen Glaubensgesetzen - durchaus im Gegensatz zu einigen nicht unwichtiger Richtungen des Christentums und des Islams, für die das "irdische Leben" eine untergeordnete Bedeutung hat.
Eine der Grundbedingungen zur Menschwerdung ist laut rabbinischer Auslegung die Einnistung des Embryos im Mutterleib. Föten aus künstlicher Befruchtung genießen deswegen, solange sie nicht erfolgreich eingesetzt wurden, keinen rechtlichen Schutz. Hinzu kommt, dass die jüdische Religion selbst einen Fötus im Mutterleib erst ab dem vierzigsten Tag als ein vollwertiges menschliches Wesen betrachtet - eine pragmatische Annahme, die der Tatsache Rechnung trägt, dass die Mehrzahl der Embryonen in der Frühschwangerschaft spontan "abgeht".
Deswegen gibt es in Israel fast keine gesetzlichen Einschränkungen in der Stammzellforschung. Dennoch kann die Forschungsethik in Israel gegenüber vielen "christlich" geprägten Staaten als vorbildlich angesehen werden: es ist keineswegs so, dass Embryonen einfach als "Verbrauchsgut" gesehen werden - wenn bei einer künstlichen Befruchtung mehr befruchtete Eizellen entstehen, als benötigt werden, dürfen sie auf keinen Fall einfach weggeworfen werden.
Aber ein Gebrauch für medizinische Forschungszwecke geht in Ordnung - das moralische Gebot "Menschenleben retten" steht über der Heiligkeit der befruchteten Eizellen. Jeder andere Zweck außer der Bekämpfung lebensbedrohlicher Krankheiten (etwa der Gebrauch embryonaler Stammzellen für kosmetische Zwecke) ist verboten.
Das Klonen von Menschen ist in Israel ausdrücklich verboten und jedes Experiment mit embryonalen Stammzellen muss von einem Komitee genehmigt werden. Die Kommerzialisierung menschlicher Embryos, dass heißt Handel oder ihr Ankauf, ist ebenfalls untersagt.

Aus humanistischer wie aus "neopaganer" Sicht (der Sicht einer "Religion", für die das Jenseits Hypothese und das Diesseits Realität ist ) finde ich die israelische Sichtweise äußerst begrüßenswert. So begrüßenswert, dass ich sie mir ohne weiteres zu eigen mache.

Dienstag, 11. März 2008

Fairerweise sollte man keine Legenden stricken

Es ist nicht weiter erstaunlich, dass die katholische "Tagespost" über das religionskritische Kinderbuch "Wo bitte gehts zu Gott? frage das kleine Ferkel" nicht erfreut ist und auch am kläglichen Scheitern des Indizierungsantrag einiges auszusetzen hat: Atheisten schüren Angst vor Gott -
Das Buch „Wo bitte gehts zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ ist voller Verachtung gegen Religionen
.
Das sie verärgert sind, sei den Redakteuren der "Tagespost" zugestanden. Es ist auch legitim und nachvollziehbar, wenn sich ein gläubiger Katholik von dem Kinderbuch angegriffen oder beleidigt fühlt.

Wofür ich aber keinerlei Verständnis habe, sind Aussagen, die historisch unhaltbare Legenden verbreiten:
„,Ohne Gott hatten wir keine Angst!‘, sagte der Igel. ,Stimmt!‘, meinte das Ferkel. ,Aber hat dir die Angst gefehlt?‘ ,Nee!‘, antwortete der kleine Igel.“ Fairerweise hätte der Autor darauf hinweisen müssen, dass die Menschen in den ältesten Kulturen nur in Angst lebten und das Christentum diese Angst durch die Liebe Gottes nehmen konnte.
Die Vorstellung, dass die Menschen in den "ältesten Kulturen" in ständiger Angst gelebt hätten, ist absurd. Vielleicht beruht diese Ansicht auf der Vorstellung, Heiden hätten Angst vor dem Tod, da sie nicht auf Erlösung nach dem Tod durch Jesus Christus hoffen können. Nichtchristen sehen das allerdings anders - und der Glaube an die Hölle fördert durchaus die Angst vor dem Tode. Vielleicht beruht sie auch auf dem durch die Bibel genährte Klischee, in den frühen Hochkulturen hätte stets Willkür und Unterdrückung geherrscht - wobei vergessen wird, dass die Bibel diese Kulturen aus der Perspektive einer unterdrückten Minderheit, der der Israeliten, schildert. Auch unterschlägt sie, dass auch die in der Bibel vorteilhaft geschilderten Kulturen, z. B. die der Perser, und nicht zuletzt die Kultur des alten Israel selbst "alte Kulturen" sind. Die Vorstellung, etwa die griechische Komödie oder die römischen Satiren seien aus dem Klima einer allgemeinen Angst entstanden, ist so bizarr, dass sie vermutlich nicht einmal ein katholischer Apologet in Erwägung ziehen würde. Und wäre diese Vorstellung wahr, die ältesten Kulturen hätten nur in Angst gelebt: müssten dann nicht auch alle heutigen nichtchristlichen Kulturen von Angst durchdrungen sein? Wer das glaubt, der glaubt vermutlich auch daran, dass geweihte Priester trockenes Backwerk in menschliches Fleisch und mittelmäßigen Wein in menschliches Blut umwandeln könnten ...
Und auch in einer atheistischen Gesellschaft regiert die Angst, weil niemand mehr vor der Willkür des Staates sicher sein kann.
Wohlwollend ausgedrückt: eine steile These. Wenn das Christentum im Allgemeinen und die katholische Kirche im Besonderen stets an der Seite des unterdrückten Untertanens und nie an der Seite der unterdrückerischen Machthaber gestanden hätte, ließe sich eventuell darüber reden - vorausgesetzt allerdings, es gäbe keine nichtreligiösen Bürgerrechtler, und Aufklärung, Demokratie und Rechtsstaat wären exklusiv christliche Errungenschaften. Und wenn der Satz aus Paulus´Brief an die Römer, dass "jede Obrigkeit von Gott" sei (tatsächlich:jede!), nicht so oft beim Wort genommen worden wäre.
Aber weiter:
Wie intolerant und manipulierend der Atheismus ist, zeigt schon der Schluss des Buchs. Die beiden Tiere reißen das Plakat „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas“ von der Wand und basteln Papierflugzeuge daraus. Wer Kindern dieses Buch zumutet, überlässt sie dem kämpferischen Atheismus, der keine freie Meinung zulässt.
Nach den "frommen Lügen", die diesem Schlusssatz vorangingen, entbehrt er nicht einer gewissen Heuchelei.

Freitag, 7. März 2008

Gut, dass es mal aus "berufenem Munde" gesagt wird:

Aber Gegner Hitlers – oft einfache Menschen – haben ihn doch als gottlos bezeichnet …
Bucher: Der Gott Hitlers hat mit dem Gott der Christen, dem gnädigen und verzeihenden Gott Jesu nichts zu tun, aber Hitler war kein Atheist. Und er war übrigens auch kein Anhänger einer neuheidnischen germanischen Religiosität, sondern er hatte sich selbst eine „Theologie“ gezimmert: Er glaubte an die Erschaffung der Welt in unterschiedlichen Stufen der Rassen. Und sein Glaubensbekenntnis gipfelte in der Überzeugung, dass er – so heißt es in „Mein Kampf“ – das Werk des Herrn vollbringt, wenn er sich der Juden erwehrt.
(Hervorhebung von mir.)
Aus der Kirchenzeitung - Dioezese Linz: Hitlers „schreckliche“ Theologie und ihre bleibende Versuchung - Interview mit dem Grazer Pastoraltheologen Rainer Bucher.
Via: hpd

Mittwoch, 6. Februar 2008

Die “Apokalypse des Mohammed” und apokalyptische Mohammed-Anhänger

Das musst ja kommen: Wikipedia: Streit um Mohammed-Bilder (heise)

Einige Muslime fordern in einer Petition, die Abbildungen des Propheten Mohammed zu entfernen. Wohlgemerkt: es geht nicht etwa um beleidigende Darstellungen, sondern lediglich um mittelalterliche islamische Darstellungen des Religionsstifters. Und die o. g. Muslime sprechen auch nicht für "den Islam". Es gibt zwar eine islamischen Tradition, die die Darstellung des Propheten verbietet, aber andere Traditionen sehen das anders. Im schiitischen Islam gibt es sogar eine alte Tradition der künstlerischen Mohammed-Darstellung.

Es geht z. B. um diese Miniatur aus der "Apokalypse des Mohamed", im Jahr 1436 in Herat, Afghanistan, geschaffen:
aus der Apokalypse des Mohammed
(Quelle: wikimedia)

Als überzeugter Heide kann ich über diese Petition natürlich nur laut lachen und die islamische Kunst bewundern. An beidem lasse ich mich weder von religiösen Fanatikern, oder von fanatischen Gegnern dieser Fanatiker, noch von Menschen, die Nachsicht mit religiösen Fanatikern haben, hindern. Und auch nicht von Politikern, die religiösen Gruppen Sonderrechte einräumen und ihnen noch gerne weitere Sonderrechte einräumen wollen.
Z. B. das Recht, auch ohne Gefahr für die öffentliche Ordnung stellvertretend für ihren Gott oder seine Stellvertreter ganz doll beleidigt zu sein - nennt sich "Gotteslästerung". Dient angeblich dem respektvollen Umgang mit religiösen Gruppen. Gut, die meisten respektiere ich. Aber gerade vor denen, die am lautesten und häufigsten "Gotteslästerung" schreien, habe ich am wenigsten Respekt. Und am meisten Respekt vor denen, für die Meinungsfreiheit auch für Religionskritiker eine Selbstverständlichkeit ist.

Montag, 4. Februar 2008

Ein Sender, den die Welt nicht braucht - auch nicht in Afrika

Im westafrikanischen Staat Benin leben rund 7,5 Millionen Menschen. Davon sind geschätzte 50 Prozent Anhänger von "Naturreligionen", vor allem des besser unter dem Namen Voodoo bekannten Vodun, einer polytheistischen Tradition mit magischen Zügen, rund 30 Prozent sind (mehr oder weniger) Christen (offiziell 42,3 %, aber das ist ein sehr theoretischer Wert) und rund 20 Prozent (mehr oder weniger) Muslime. Mit anderen Worten: ein Staat, nach dem sich Missionare sozusagen die Lippen lecken.

Während sich die Missionare der großen christlichen Kirchen noch einigermaßen "zivilisiert" verhalten (zumindest solange sie kontrolliert werden) gehen kleinere, meist evangelikale, allermeist fundamentalistische, Kirchen sozusagen mit dem Treibnetz auf Seelenfang. Die Zeiten, in denen Missionare noch als "Einzelkämpfer Gottes" mit Bibel, Buschmesser, Chinin und Schlangenserum durch Dschungel und Sümpfe von Dorf zu Dorf wanderten, sind auch in den abgelegeneren Teilen Benins seit Jahrzehnten passé. Heute kommt die "Frohe Botschaft" auch im tiefsten Tropenwald meistens aus dem batteriebetriebenen Radio.

Daher kommt diese Meldung des christlichen Nachrichtenportals idea.de nicht gerade überraschend: Trans World Radio startet neuen Sender für Westafrika.
"Trans World Radio", eine evangelikanische Organisation mit Hauptsitz in Cary, North Carolina, betreibt ein Netzwerk leistungsstarker Sender, die vor allem christlich-fundamentalistische Religionspropaganda senden - oft mit stark anti-islamischen, anti-katholischen und vor allem anti-aufklärerischen Tönen.

Nach der Darstellung von idea hatte der christliche Staatspräsident Mathieu Kérékou TWR im Jahr 2003 um den Bau einer Sendestation gebeten und eine Lizenz für einen Kurz- und einen Mittelwellensender erteilt. Am 1. Februar wurde der Sender in Betrieb genommen.

Die Station verbreitet christliche Programme für die gesamte Region Westafrika, auf Französisch und in den Landessprachen. Zum Sendegebiet gehören, außer Benin, auch Staaten wie Algerien, Burkina Faso, Ghana, Mali, Mauretanien, Niger, Nigeria, und Togo, die meisten mit überwiegend islamischer Bevölkerung und oft mit einer schon seit Jahrhunderten tief muslimisch geprägten Kultur.
Neben "Verkündigungssendungen" werden auch Programme im Rahmen des Projektes "Afrika soll leben" produziert, die Hilfe im Umgang mit und zur Prävention von Aids vermitteln. Leider verschweigt "Afrika soll leben", darin den sonst spinnefeinden katholischen Programmen gleichend, dass Kondome einen wirksamen Schutz vor Ansteckung bieten. (Via Brights Blog)

Zum Ausgleich - mal eine Kinderbibel

Etwas näher angesehen, bzw. aus Neugier aus der Bücherei ausgeliehen, habe ich mir die Bibelbearbeitung "Komm, freu dich mit mir", die relativ neu ist (1999), sich an Vorschul- und Grundschulkinder wendet und sich anscheinend großer Beliebheit erfreut. (Bei Amazon: Komm, freu dich mit mir. Die Bibel für Kinder erzählt.)

Sie gehört nicht zu den (märchenbuchhaften) Nacherzählungen biblischer Geschichten, sondern ist eine Art "Religionslehrbuch", d. h. sie enthält Glaubensbelehrung in einem zwar "kindgerechten" aber deutlich predigerhaften Stil. Meiner Ansicht nach ermuntert sie weder Eltern noch Kinder dazu, sich ein eigenes Urteil zu bilden, eigenen Maßstäbe zu entwickeln - "Komm freu Dich mit mir" gibt eine feststehende Moral vor. Wer anders denkt, denkt eben falsch, bzw. "unchristlich". "Komm freu dich ..." orientiert sich übrigens nicht an der biblischen Chrolologie, sondern am Jahreskreis der christlichen Feste.

Dabei ist "Komm freu ... " keine wirklich schlechte Kinderbibel - es gibt weder die "Drohpädagogik", die Kinderbibeln fundamentalistischer Herkunft auszeichnet, noch versteckten Antisemitismus (etwa in dem Sinne, dass "die Juden" schuld am Tode Jesus gewesen seien). Sehr viel tragen neben den fröhlich-bunten Illustrationen die Bastelanleitungen und Mitmach-Spiele zur großen Beliebheit dieser "Kindergarten-Bibel" bei. (Ich habe ein klein wenig den Eindruck, dass sie eine "christliche" Antwort auf die umstrittenen "Jahreskreis"-Bücher von Diana Monson sein könnte.) Aber auch die vorgeschlagenen Gebetstexte kommen bei Rezensenten gut an. Gebete als "Pflichtübungen", selbst in "spielerischer" Form, hinterlassen bei mir grundsätzlich einen üblen Nachgeschmack. Tendenziell begünstigt so etwas Heuchelei und Scheinheiligkeit.
Für problematisch halte ich, dass dieses Buch straffe Richtlinien der "christlichen Früherziehung" vermittelt: das Lernziel ist eben nicht "Selbstbestimmung". Aber genau nach diesen straffen Richtlinien scheinen sich viele Eltern und Erzieher zu sehnen. Ganz bestimmt aber sehnt man sich in konservativen Kirchenkreisen und unter christlich-konservativen Politikern danach.

Wenn das Buch "Wo bitte geht es zu Gott?" manipulativ ist und deshalb nicht ins Kinderzimmer gehört, dann gilt das im weitaus stärkerem Maße für diese beliebte Kinderbibel

Donnerstag, 31. Januar 2008

"Bangemachen gilt nicht!" - oder: Kinderbibel für Skeptiker

Die neueste Sau, die durch mediale Dorf getrieben wird, ist ein Ferkel.
Und ich sehe nicht ein, wieso ich da nicht quertreiben sollte.

Der Reihe nach: die Bundesfamilienministerin Ursula von Leyen stellte einen einen Indizierungsantrag gegen das religionskritische Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" - unter anderem mit dem (meiner Meinung nach absurden) Vorwurf des Antisemitismus begründet.

(Hierzu,vom humanistischen pressedienst : Großer Ärger um ein kleines Ferkel und Rettet das kleine Ferkel.)

Meiner erste Reaktion war es, das Buch, das glücklicherweise in der nächstgelegenen öffentlichen Bücherei vorhanden war, erst einmal zu lesen.
Das Bilderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" stammt aus dem religionskritischen Alibri-Verlag und ist für konfessionslose Eltern gedacht, die ihren Kindern eine religionskritische Sicht vermitteln wollen.
Ferkel und Igel entdecken ein Plakat, auf dem steht: "Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!" Sie fühlten sich bisher ganz wohl und wussten nicht, dass ihnen etwas fehlt. Also machten sie sich auf den Weg, um Gott zu suchen, und lassen sich von einem Rabbiner, einem Bischof und einem Mufti erzählen, was es mit Gott auf sich hat. Rabbi, Bischof und Mufti erscheinen, obgleich sie sich in den Haaren liegen, als gleichermaßen verrückt, als von Angst bestimmte Wahnsysteme.
"Ich glaub’ ja, dass es den Herrn Gott überhaupt nicht gibt! Und wenn doch, dann wohnt der bestimmt nicht in diesen Gespensterburgen!" sagt der Igel am Ende der Geschichte. (Womit er die Moschee, den Dom und die Synagoge meint.)"
Wer Gott nicht kennt, dem fehlt eigentlich nur die Angst.

Das Buch zielt, so sehe ich es, vor allem darauf ab, der religiösen Angstmache, die Drohung vorm "Lieben Gott", der alles sieht, und vor dem fundamentalistischen Wörtlichnehmen alter Mythen, etwas entgegen zu setzen. Es wendet sich an Kinder in einem Alter, in den sie nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben und wissen, dass Märchen Wahrheiten enthalten, aber nicht wortwörtlich "wahr" sind. Und an deren Eltern, Verwandte, Bekannte, an Erzieher und Lehrer.

Ach, übrigens, der Antisemitismus-Vorwurf bezieht sich auf eine Illustration, in der sich die drei Geistlichen in bester "Asterix"-Manie raufen - und der Rabbiner dem Bischof mittels einer ausgerollten Tora-Schriftrolle den Kopf nach hinten zieht. Unsere Familienursel sieht darin die Darstellung eines Versuches, den Bischof mit einer Schriftrolle zu ersticken, womit den Rabbi als "jüdischer Mordbube" in schlimmster antisemitischer Tradition darstellt würde.
(Mir fällt zu diesem Bild, dass auch auf der Website zum Ferkelbuch abgebildet ist, eher ein Kalauer ein: "Bischof in einer Opferrolle".)
Es ist offensichtlich: Um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, mit ihrem Antrag durchzukommen, musste die Ministerin zur Antisemitismus-Keule greifen. Der Alibri-Verlag bedankt sich derweil für die kostenlose Werbung. (Das Ferkelbuch verkaufte sich aber ohnehin glänzend, sogar im Vorweihnachtsgeschäft.)

Man kann zur diesem Buch auch anderer Ansicht sein. Alan Posener meint in seinem Beitrag: Wie antisemitisch kann ein Kinderbuch sein?
Denn genauso wenig, wie es jüdische, christliche oder muslimische Kinder geben dürfte, sollte es atheistische Kinder geben. Kinder sind Kinder. Die Frage, ob es einen Gott (oder hundert Götter) gibt, sollten Menschen möglichst ohne frühkindliche Indoktrination in einem Alter entscheiden, in dem sie nicht an den Weihnachtsmann und den Klapperstorch glauben – oder daran, dass ihre Eltern immer die Wahrheit sprechen.
Grundsätzlich hat Posener recht. Aber: von der Sprache her wendet sich das Buch nicht an Kleinkinder, sondern an Kinder im Grundschulalter, in dem sie normalerweise nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben. Selbst wenn das Buch ein Versuch der atheistischen Indoktrination wäre, wäre es eine "Anti-Kinderbibel" gegen tausende Kinderbibeln. Kinderbibel, in denen z. B. die Geschichte von der Sintflut, in der der liebe, unfehlbare und allmächtige Gott fast alle Menschen und Tiere ersäuft, weil es bedauert, dass er überhaupt den Menschen erschaffen hat. (Intelligente Kinder machen sich da entschieden eigene Gedanken. Etwa in dem Sinne, dass Gott wohl manchmal nicht wisse, was er wolle. Ich wüsste gerne, was Frau von der Leyen auf entsprechende Fragen ihrer Kinder antwortet bzw. antwortete.)

Sogar die fatale (unhistorische und auch nicht direkt aus den Evangelien ableitbare) Behauptung, dass die Juden die Hauptschuldigen an der Hinrichtung Jesus gewesen seien, findet sich noch heute in einigen Kinderbibeln. Die nicht wegen "Antisemitismus" auf dem Index stehen!

Sympatisch und berechtigt finde ich Chajms Ansicht:
In erster Linie scheint das Buch Kinder Respektlosigkeit vor den Überzeugungen anderer Menschen zu lehren und leistet damit einen perfekten Beitrag zur weiteren Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas in diesem Land. Das sollte man dem Autoren und dem Zeichner vorwerfen und nicht die plumpe und vorurteilsbehaftete Sicht auf das Judentum, denn das ist nur eine Facette an dem Buch.
Antisemitisch oder nur völlig daneben?

Damit könnte Chajm Recht haben, und das gesellschaftliche Thema in Deutschland ist tatsächlich stark von Vorurteilen, Klischees und Ängsten geprägt. Aber vielleicht ist es gerade das, was den Buch seine Berechtigung gibt: es macht diejenigen Religionsvertreter lächerlich, die zwecks Verbreitung ihres Glaubens nahezu beliebig mit dem ultimativen Mittel der Angstmache arbeiten, mit der Drohung vor der "ewigen Verdammnis" im Höllenfeuer. Die "Gottesfurcht" im wörtlichen Sinne verbreiten.

Es gibt aber genügend Sektenwerber, Televangelisten, Hassprediger, die den Karrikaturen im Buch allzu ähnlich sind. Und die auch vor der Missionierung von Kindern nicht zurückschrecken. Gegen solche Kinderseelenfänger ist ein Kinderbuch wie "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" ein, denke ich, probates und wirksames Gegengift.

Donnerstag, 10. Januar 2008

"Willst du wer sein und weißt nicht wie? Probier's doch einfach mit Magie!"

Bei einer bestimmten, bisher von mir erfolgreich ignorierten Fernsehshow namens “The next Uri Geller - Unglaubliche Phänomene live” fallen mir die beiden obenstehenden Zeilen aus dem Song Aus dem prallen Heidenleben ein. Allerdings geht es bei der ProSieben-Show nicht um ichschwache oder gößenwahnsinnige (oder aus Ichschwäche größenwahnsinnige) Neuheiden, oder sich erfolgreich am Leben vorbeimeditierende esobärmliche Esoteriker, sondern um Uri Geller und Menschen, die es ihm gleichtun wollen.

Uri Geller ist für mich eine eher erbärmliche Figur. Jemand, der Gabeln biegt und dabei lügt, dass sich die Balken biegen.
Wie seine Tricks funktionieren, kann man bei der GWUP nachlesen:
Uri Geller: Showman oder PSI-Wunder? Zwar ist meiner Ansicht nach bei manchen skeptischen Ansichten, die bei der GWUP vertreten werden, etwas Skepsis angebracht, aber Gellers Magie ist längst als fauler Zauber entlarvt: Er wurde mehrfach beim Tricksen ertappt.
Die meisten der aufgeführten Tricks lassen sich mit etwas Übung gut nachahmen. Das soll aber keine Ermutigung sein bei leichtgläubigen Zeitgenossen als "Wundertäter" zu posieren, besser eignen sich Zauberkunststückchen dieser Art für Parties, Betriebsfeiern, Kindergeburtstage. Wo niemand auf die Idee käme, man hätte auf einmal wirklich "paranomale" Fähigkeiten.

Wäre Geller nun einfach nur "Showman", ein etwas unkonventioneller Bühnenmagier - es wäre nicht weiter der Rede wert. Wäre er aber jemand, der wirklich glauben würde, er hätte an sich paranormale oder magische Fähigkeiten entdeckt, hätte er seine Show nicht unverändert über 30 Jahre durchgezogen.
Was Gellers zum Ärgernis macht, ist, dass er behauptet, "gottgegebene Fähigkeiten" paranormaler Art zu haben.

Nun wil Uri Geller also den verbogenen Löffel abgeben. Gut, soll er machen. Es ist sogar wahrscheinlich, dass er während der zehnteiligen Show einen Nachfolger findet, der sowohl ein besserer Trickkünstler als auch ein besserer Showman ist, denn auf beiden Gebieten ist er nicht gerade Weltklasse. Seinen Erfolg verdankt er seiner Dreistigkeit - und dem faulen Zauber eines Medienbetriebs, in dem kritische Fragen offensichtlich dann tabu sind, wenn sie eine quotenträchtige "Sensation" stören könnten. Das ist kein neues Phänomen und auch keins, das auf das Privatfernsehen beschränkt ist - Geller hatte den ersten seiner stets von kritischen Fragen unbehelligten deutschen Fernsehauftritte vor 30 Jahren im ZDF.

ProSieben legt noch etwas angewandte Scharlatanerie drauf. In der auf dem selben Sender laufenden "Galileo Mistery" Sendung über "Geister und Gespenster - Was steckt hinter dem Spuk?" (Erstsendung am 4. Januar) werden zunächst einige Spuk-Geschichten entlarvt bzw. wissenschaftlich erklärt. So weit, so gut. Dann, kurz vor dem Ende, wird für fliegende Gegenstände einfach die "Erklärung" Psychokinese bzw. Telekinese und Uri Geller als "Experte" herangezogen. Da der eigentliche Experte der Sendung, der Parapsychologe Walter von Lucadou, die Möglichkeit der Telekinese "nicht ausschließen" will, und der sonstige Eindruck der Sendung sehr rational ist, entsteht beim Zuschauer der Eindruck, an Gellers Kunststücken sei doch "was dran". Wobei in diesem Zusammenhang "ich kann Psychokinese nicht ausschließen" in etwa bedeuten dürfte: "ich habe auch keine Ahnung, was da passiert".

Bei mir entsteht eher Übelkeit, denn bei dieser Form der "Cross-Promotion" bleibt die journalistische Sorgfalt völlig auf der Strecke. (Und ein schaler Nachgeschmack, denn bisher hätte ich nicht gedacht, dass sich "Geisterjäger" von Lucadou für solche "Spielchen" hergibt.) Klar ist: Geller hat offensichtlich eine tiefliegende Abneigung gegen aufmerksame Beobachter und kritische Fragen, also sorgt man, wie einst beim "Großen Preis" und später bei Jauch, für ein unkritisch-staunendes Umfeld.
Mag sein, dass es immer Leichtgläubige gibt, die sich von Typen wie Geller gern hinters Licht führen lassen. Das ist nicht das Problem. Das Problem sind Gellers Helfer, die bei der Zuschauerverdummung mitmachen.

Wer mich näher kennt, der weiß vielleicht, dass ich es auch mit der "Magie" habe, womit ich keine Zauberkunststücke meine. Wie geht das damit zusammen, dass ich nichts von Ritualmagiern mit Fantasietiteln, Liebeszauber-Verkäuferinnen, Kommerz-Hexen, Plastikschamanen und Psi-Kräfte-Vortäuschern halte? Dass mir Magie-Paranoiker, die sich ständig magisch angegriffen fühlen, nur leid tun - es sei denn, sie gehen mir zu sehr mit ihren Geistern auf den Geist?

Ich kann an dieser Stelle versichern, dass es gut geht. Mehr später, in diesem Blog.

Nachtrag: Richtig gruselig wirds bei der Onlineausgabe des Nachrichtencomicsmagazins "Focus": Uri Geller - Der Löffelsammler.
"FOCUS Online: Und später beschlossen Sie, aus Ihren transformierenden Kräften eine Karriere zu machen?"
Ja, ja, so geht "kritischer Qualitätsjournalismus"!

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