Medizin

Sonntag, 11. Oktober 2009

Haschisch als Medikament

Es ist eine Binsenwahrheit (oder sollte zumindest eine sein), dass Cannabis-Produkte nicht wegen ihrer Gefährlichkeit verboten wurden. Das gilt ungeachtet der tatsächlichen gesundheitlichen Risiken, von Bronchitis bis Persönlichkeitsveränderungen. (Ausführlich habe ich mit dieser Thematik hier auseinander gesetzt: 70 Jahre Marihuana-Verbot in den USA - ein fragwürdiges Jubiläum.)
In der Diskussion um die "Rauschdroge Hanf" geriet die pharmazeutische Anwendung von Cannabis in den Hintergrund. Erst seit einigen Jahren werden Cannaboide als Medikament, z. B. bei Multipler Sklerose oder bei Grünem Star, wiederentdeckt.
Noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war Cannabis, gewöhnlich in Form von alkoholischen Extrakten, ein leicht verfügbares und häufig verschriebenes Medikament. Die Anwendungen reichten von Kopfschmerzen bis Hühneraugen.
Ab 1929 war Cannabis in Deutschland apothekenpflichtig, aber nach wie vor ein fester Bestandteil des Arzneimittelschatzes. Vor allem naturheilkundlich orientierte Ärzte zogen es, z. B. bei der Schmerzbehandlung, synthetischen Medikamenten wie Paracetamol vor. (Hierzu mehr in der Wikipedia: Cannabis als Arzneimittel.)
Erst 1971 wurde Cannabis in das "Opiumgesetz" aufgenommen und damit seine Anwendung als Arzneimittel praktisch verboten. Pflanzliche Cannabisprodukte bzw. -zubereitungen (Phytopharmaka) sind in Deutschland nach wie vor gemäß dem Betäubungsmittelgesetz grundsätzlich nicht verkehrsfähig und können daher auch nicht ärztlich verschrieben werden. Es dauerte bis 2005, bis Patienten, die auf die Standardtherapien nicht ansprechen, den "Erwerb von Cannabis zur Anwendung im Rahmen einer medizinisch betreuten und begleiteten Selbsttherapie" beantragen können.
Synthetische Cannaboide können erheblich leichter als Medikament verordnet werden, als aus Hanf gewonnene. Das ist sicherlich bei vielen Anwendungen auch pharmakologisch sinnvoll. Allerdings ist der natürliche Wirkstoff wesentlich kostengünstiger als synthetisch hergestellte Cannaboide, so dass theoretisch die synthetischen Cannaboide nur bei therapeutischer Überlegenheit gegeben werden sollten. Dem steht der schlechte Ruf des "Rauschgifts" entgegen.

Eine etwas überraschende mögliche Wirkung von Cannabis könnte die Prävention von Alkoholschäden sein.
Haschisch: Schutz des Gehirns vor Alkoholschäden? (Pharmacon Net). Kalifornische Forscher untersuchten die Wirkungen von Alkohol und Cannabiskonsum auf die Integrität der weißen Substanz des Gehirns. Sie verglichen 42 Heranwachsende im Alter zwischen 16 und 19 Jahren, die aus drei Gruppen bestanden: starke Alkoholkonsumenten, starke Alkoholkonsumenten, die auch viel Cannabis konsumierten, und Jugendliche, die keine Drogen konsumierten (Kontrollpersonen). Dabei zeigte sich, dass starke Alkoholkonsumenten, die auch Cannabis verwendeten, weniger Veränderung der weißen Gehirnsubstanz hatten als reine Alkoholkonsumenten. Das könnte ein Hinweis auf neuroprotektive Eingenschaften sein.
Auf weitaus sichererem Grund befindet sich die Anwendung von Cannabis in der Schmerztherapie: Cannabis gegen Schmerzen vor dem Durchbruch: Positive Wirkung bei mehreren Erkrankungen bereits wissenschaftlich bewiesen (pharmacon.net).

Interessante neue Erkenntnisse gibt es auch bei der Erforschung der Funktion der köpereigenen Cannaboide. Wissenschafter der University of California und der University of Georgia haben nachgewiesen, dass eine Cannabis ähnliche im Gehirn natürlich produzierte Substanz dem Körper bei der Schmerzlinderung hilft. Diese Forschungsergebnisse sollen zur Entwicklung neuer Medikamente führen, die diese natürliche Reaktion anregen können: Körper eigenes Cannabis hilft gegen Schmerzen: Bedeutung der Endocannabinoide erstmals erforscht (pharmacon.net).

Samstag, 5. September 2009

Die Erschaffung des Vitamin-C-Mythos

Mangel an Ascorbinsäure - besser bekannt an "Vitamin C" - führt zur der als "Geisel der christlichen Seefahrt" bekannten Mangelkrankheit Skorbut und erhöht die Infektanfälligkeit. Aber schon eine halbwegs gesunde Ernährung deckt den Vitamin-C-Bedarf von 100 mg pro Tag ab (das ist die bereits hochgegriffene Empfehlung der deutschen Gesellschaft für Ernährung - schon 20 mg Ascorbinsäure reichen aus, um Skorbut zu verhindern). Wer viel Obst und Gemüse isst, übertritt diesen Wert bei weitem. Daher sind Vitamin-C-Präparate für einen gesunden Menschen, der sich abwechslungsreich und vollwertig ernährt, völlig überflüssig. Sie schaden aber auch in aller Regel nicht, da der Körper einen Überschuss an Ascorbinsäure wieder über die Nieren ausscheidet.

Im Anschluss an den Beitrag über Entsäurerung lässt sich sagen, dass sehr hohe Vitamin-C-Dosen, auf die selbst der eifrigste Obstesser und Gemüsefan nicht kommen dürfte, die Oxalat- und sekundär auch die Harnsäure-Konzentrationen im Blutplasma steigern. Das ist ab 1000 mg pro Tag - dem zehnfachen der empfohlenen Dosis - nachweisbar. Erst ab etwa 6000 mg pro Tag steigt auch der Oxalatspiegel im Urin und damit das Risiko für Nieren- und Blasensteine. Allerdings sinkt die Resorption von Ascorbinsäure im Darm bei hohen Dosen ab - ein Grund, weshalb man mit natürlichen Vitamin-C-Quellen nicht auf einen gefährlich hohen Ascorbinsäurespiegel kommt. Anders gesagt: man muss sich schon mit Megadosen quälen, um sich mit Vitamin C zu schaden.

Weil es, auch für therapeutische Zwecke, genügend Vitamin C aus natürlichen Quellen gab, gab es 1933, als dem Schweizer Chemiker Thadeus Reichstein ein Verfahren zur synthetischen Herstellung von Ascorbinsäure patentiert wurde, dafür im Grunde keinen Bedarf. Das Pharmaunternehmen Roche kaufte das Patent trotzdem, da es in der Weltwirtschaftskrise auf der Suche nach neuen Produkten war und auf eine noch zu entdeckende neue therapeutische Anwendung hoffte. Diese neue Anwendung als Arzneimittel wurde aber nie entdeckt. Trotz fehlendem Bedarf für synthetisches Vitamin C wurde es für Roche zur Goldgrube. Denn nach dem Vitamin selbst wurde auch die Nachfrage nach dem Vitamin künstlich hergestellt.
Das Unternehmen stützt sich dabei – und das ist gesellschaftlich brisant – auf einen ganz bestimmten Begriff von Gesundheit: Gesund ist nicht, wer nicht krank ist, sondern wer leistungsfähig bleibt. Es geht um Prävention und die «Volksgesundheit», und Roche gelingt es, Vitamin C mit dem öffentlichen Interesse an einem leistungsfähigen «Volkskörper» zu verknüpfen. Und genau darin sieht Bächi das Entscheidende in der Karriere dieses Stoffs.
Vitamin C – vom Ladenhüter zum Milliardengeschäft (BaZ) - via Stationäre Aufnahme.

Trotz des bis heute nachwirkenden Vitamin-C-Hypes wird die meiste synthetisch oder biotechnisch gewonnen Ascorbinsäure zu einem nicht-pharmazeutischen Zweck verwendet: Sie wird als Konservierungsmittel - genauer gesagt: als Antioxidans - vielen Lebensmittelprodukten (unter der Nummer E 300) zugesetzt. Diese Anwendung erschloss sich dem einstigen "Ladenhüter" Ascorbinsäure aber lange nachdem es als "Fitmacher" etabliert war.

Donnerstag, 3. September 2009

Pseudowissenschaftliche Mimikry: Entsäuerung

Neben der "Entschlackung" (als ob unser Stoffwechsel ein Hochofen wäre) ist die "Entsäuerung" eines der häufigsten pseudowissenschaftlichen Schlagworte, mit der Diäten und Nahrungsergänzungsmittel angepriesen werden.

Entsäuerung ähnelt in mancher Hinsicht dem inzwischen aus der Mode gekommenen "Biorythmus". Die Vertreter des "Biorhythmus" behaupten, dass sich die "gute und schlechte Tage" eines Menschen mit einem einfachen Rechenverfahren aus drei "Grundrythmen" zu 23, 28 und 33 Tage berechnen ließen. Der Aussagewert dieses Biorythmus entspricht etwas dem Versuch, durch Würfeln "gute" und "schlechte" Tage bestimmen zu wollen. Es gibt aber eine seriöse wissenschaftliche Disziplin, die Chronobiologie, die mit naturwissenschaftlichen Methoden die zeitliche Organisation von Lebewesen untersucht - die "biologischen Rhythmen". Der Hype um den "Biorythmus" in den 1980er Jahren ist ohne diese beabsichtigte Verwechslung kaum zu erklären. Die "innere Uhr" gibt es wirklich, nur läuft sie nicht so gleichmäßig, dass irgendeine Rechnung mit starren Zyklen Sinn machen würde.

Nach einem ähnlichen Prinzip, das man "pseudowissenschaftliche Mimikry" nennen könnte, funktioniert die "Entsäuerung". Sie beruht unter anderem darauf, dass wahrscheinlich jeder schon mal etwas vom wichtigen Säure-Basen-Haushalt in unserem Körper gehört hat, von der Übersäuerung der Muskulatur bei zu hartem Training und von den üblen Folgen eines zu hohen Harnsäurespiegels.
Anhänger der Idee der allgemeinen "Übersäuerung" unseres Körpers behaupten, dass unser Stoffwechsel ständig Säureattacken neutralisieren muss, damit die Zellen und der Stoffwechsel normal funktionieren. Unsere heute übliche Lebensweise und Ernährung wird für andauernde, heftige Säureattacken verantwortlich gemacht. Auf die Dauer führe das zu einer allgemeinen Übersäuerung in den Geweben. Glaubt man einige Anhängern der "Übersäuerungshypothese", die ich im Folgenden einfach "Entsäuerer" nenne, ist Übersäurung verantwortlich für nahezu alle Zivilisationskrankheiten und allgemeinen Befindlichkeitsstörungen.

Das erste "Original": Der Säure-Base-Haushalt
Der Säure-Base-Zustand im durchbluteten Körpergewebe entspricht dem des Blutes. (Die Oberhaut oder z. B. die Schleimhäute in Magen und Darm weichen davon ab, aber das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.) Der "Laborwert", der den Säure-Base-Zustand des Blutes angibt, ist der pH-Wert. Je niedriger der pH-Wert ist, desto saurer ist das Blut - und je höher, desto basischer. Destilliertes Wasser ist neutral und hat einen pH-Wert von 7, Essig hat einen pH-Wert von etwa 2,5, Magensäure von 1,0 - 1,5, der von der Bauchspeicherdrüse abgegebene Darmsaft 8,3 und Seife einen von 9 - 10.
Unsere Körperzellen können nur in einem bestimmten, leicht basischen Bereich arbeiten, deshalb hat das Blut beim gesunden Menschen einen pH-Wert von 7,37 bis 7,45. Vor allem die Lunge, die Leber und die Nieren halten das notwendige Verhältnis von Säuren und Basen im Gleichgewicht.
Bei einigen Krankheiten, vor allem schweren Infektionen, aber auch bei Vergiftungen oder nach langem Hungern, kann sich das Gleichgewichts verschieben. Liegt der pH-Wert unter 7,37 (was chemisch gesehen immer noch im basischen, nicht im sauren Bereich wäre), spricht man von Übersäuerung (Azidose), bei einem pH-Wert über 7,45 von einer Alkalose. Menschen, bei denen das der Fall ist, sind in Lebensgefahr und müssen intensiv behandelt werden. Bei den meisten Krankheiten weicht der pH-Wert des Bluts - und damit der durchbluteten Gewebe - allerdings nicht vom Normalbereich ab.

Das zweite "Original": die Harnsäure
Ein zu hoher Harnsäurespiegel im Blut kann zu Gicht, zur Harnsäure-Nierensteinen und im Extremfall zu Harnsäureinfarkten führen. Der häufigste Grund für eine erhöhte Harnsäurekonzentration (mehr als 0,4 mmol/l) ist die unzureichende Harnsäureausscheidung über die Nieren. Der Harnsäurespiegel ist z. B. beim erblichen Lesch-Nyhan-Syndrom erhöht, tritt aber auch bei der Fettstoffwechselerkrankung Hypertriglyceridämie auf, die durch hohes
Übergewicht oder starken Alkoholkonsum begünstigt wird. Auch eine starke Bestrahlung durch Röntgen- oder Gammastrahlen, etwa bei einer Strahlentherapie, kann den Harnsäurespiegel erhöhen. Aber auch die Ernährung beeinflusst den Harnsäurespiegel, und zwar durch die Aufnahme von Purinen. In Fleisch - vor allem Innereien wie Leber und Niere - in Fisch und in Hefe sind viele Purine enthalten, aber auch in Hülsenfrüchten und Nüssen. Stark purinhaltig sind auch Bier und Cola. Die Purine in Kaffee, schwarzem Tee und Kakao werden übrigens nicht zu Harnsäure abgebaut, deshalb gilt der Rat "kein Bohnenkaffee bei Gicht" als veraltet. Der Harnsäurespiegel kann z. B. nach einer reichlichen Fleischmahlzeit mit viel Bier kurzfristig deutlich ansteigen, reguliert sich beim gesunden Menschen aber schnell wieder ein.

Das dritte "Original": der Milchsäurespiegel
Der "Milchsäurespiegel" wird normalerweise angegeben durch den Lactatwert. Bei starker Muskelbeanspruchung kann es zum Anstieg des Blut-Lactatgehaltes kommen, wenn dem Muskel nicht genügend Sauerstoff zugeführt wird. Dann spricht man von anaerobe Bedingungen. Steht den Muskelzellen zu wenig Sauerstoff zur Verfügung, stellen sie auf "Notbetrieb" um und gewinnen Energie durch eine Prozess, der der Milchsäuregärung entspricht. Die dabei anfallende Milchsäure (Lactat und H+) wird aus den Zellen geschwemmt und mit dem Blut abtransportiert. Früher vermutete man, dass dieser Vorgang die Ursache des Muskelkaters sei ("Muskel ist sauer geworden"). Beim "anaeroben Betrieb" macht der Körper sozusagen "Sauerstoffschulden", die anschließend mit tiefen Atemzügen "zurückgezahlt" werden müssen. (Gegensatz: aerobe Bedingungen, Muskeltätigkeit mit ausreichend Sauerstoff. Die bekannte Tanzgymnastik "Aerobic" hat ihren Namen danach, dass bei ihr immer genug Sauerstoff für aerobe Muskeltätigkeit eingeatmet wird. Beim Laufen gilt die Faustregel: "Aerobisch ist Laufen ohne Schnaufen.")

Die Mimikry: die Übersäurungshypothese
Glaubt man den "Entsäuerern", dann führen die vermutete Übersäuerungen im Gewebe zu einer erhöhten Infektanfälligkeit. Außerdem soll Übersäuerung angeblich Hauterkrankungen, Allergien, Cellulitis, Asthma, Tinnitus, Kopfschmerzen, Gelenkerkrankungen und Osteoporose, Erschöpfungszustände und chronische Müdigkeit verursachen. Einige "Übersäuerungs-Experten" führen sogar die Arteriosklerose, die über Durchblutungsstörungen zum Herz- und Hirninfarkt führen kann, auf Säureüberschuss zurück.
Gegen die vermutete Übersäuerung wird empfohlen, dass weniger Säuren und mehr Basen mit der Nahrung aufgenommen werden sollen. Außerdem soll die Ausscheidung von Säuren gefördert und deren Neubildung im Körper gehemmt werden. Daraus leiten die "Entsäuerer" ihre Ernährungsempfehlungen ab. Ungünstige Nahrungsmittel sind demnach Kaffee, schwarzer Tee, Cola, Alkohol, Fleisch, Hartkäse oder Süßigkeiten. Stattdessen sollen mehr frisches Obst und Gemüse und vor allem Kartoffeln auf dem Speiseplan stehen.
Für Menschen mit erhöhten Harnsäurespiegel ist das eine sehr sinnvolle Diät (abgesehen vom Verzicht auf Kaffee und Tee, deren Purine nicht zu Harnsäure abgebaut werden). Anderen Menschen kann sie zumindest gesundheitlich nicht schaden.
Ein anderer sinnvoller Rat der "Entsäuerer" ist es, regelmäßig, in Maßen und in Ruhe zu essen. Auch gegen den Rat, Stress zu vermeiden, Entspannungstechniken wie autogenes Training zu praktizieren und ausreichend zu schlafen, lässt sich schwerlich etwas sagen.
Um die Säureausscheidung zu verstärken, empfehlen die "Entsäuerer" viel Bewegung, Kneipp-Anwendungen und Saunagänge.
Auch wenn das den ph-Wert der Gewebe nicht erhöht, ist das bei den meisten Menschen gesundheitsfördernd.

Also ist "Entsäuern" zwar medizinischen gesehen Unfug, aber wenigstens ein Unfug, der nicht schadet, sondern eher nützt?
Das wäre der Fall, wenn die "Entsäuerer" nicht zusätzlich zu ihren sinnvollen oder wenigstens unschädlichen Gesundheitsratschlägen Nahrungsergänzungsmittel wie "Basentabletten" oder "Basenpulver" anpreisen würden. Diese Präparate sind unterschiedliche Mischungen aus Spurenelementen und anderen Mineralstoffen, oft auch in Kombinationen mit weiteren Stoffen wie Vitaminen. Diese Präparate sollen den Ausgleich des Säure-Basen-Haushalts unterstützen und werden außer im Esoterik-Handel auch in Reformhäusern und sogar in Apotheken angeboten.
Das Dumme ist nur, dass basische Mineralien schon im Magen mit einer starken Säure in Kontakt kommen und neutralisiert werden. Allenfalls steigt der pH-Wert der Magensäure etwas an.
Außerdem bestehen die Entsäuerungspräparate durchweg aus vergleichsweise preiswerten Zutaten, und werden zu manchmal abenteuerlich hohen Preise verkauft.

Was ist also vom "Entsäuern" zu halten?
Störungen des Säure-Basen-Haushalts sind unstrittig gefährlich, ein zu hoher Harnsäurespiegel kann zu Gicht, Harnsäure-Nierensteinen und Harnsäure-Infarkten führen, und beim Ausdauersport sollte man den Michsäurespiegel (Laktatspiegel) niedrig halten.

Hingegen gibt es die "Gewebeübersäuerungen", jedenfalls in der Form, in der sie von den "Entsäuerern" angenommen werden, wahrscheinlich überhaupt nicht. Außerdem reguliert der menschliche Organismus gerade den Säure-Basen-Haushalt enorm effizient.
Die Behauptung, dass nahezu alle Zivilisationskrankheiten durch eine allgemeine Übersäuerung verursacht oder wenigsten mitverursacht werden, ist wissenschaftlich nicht belegt und noch nicht einmal plausibel.

Die allgemeinen Empfehlungen der "Entsäuerer" sind meistens gesundheitsförderlich oder wenigstens nicht schädlich. Aus der Sicht der Naturheilkunde sind richtige Ernährung, Bewegung, Entspannung und Kälte- und Wärmereize wichtige Säulen einer ganzheitlichen, ursächlichen, Behandlung von Krankheiten. Darüber hinausreichende spezielle "entsäuernde" Präparate sind dagegen sinnlos - (und meistens noch nicht einmal "gute" Placebos).
Schlimmer noch: stark mineralhaltige Präparate sollten grundsätzlich nur nach Rücksprache mit dem Arzt oder Heilpraktiker eingenommen werden, da bei Überdosierungen gefährliche Nebenwirkungen möglich sind.
Ein weiteres Risiko besteht darin, dass stark auf die "Übersäurungs"-Hypothese fixierte Patienten (und Heilpraktiker) unter Umständen die möglichen wirklichen Ursachen (Grunderkrankungen) für die Symptome übersehen. Das kann die Diagnose der Grunderkrankungen verzögern, zu Fehldiagnosen führen, oder sogar dazu, dass notwendige medizinische Behandlungen versäumt werden.

Dienstag, 18. August 2009

Wer viel denkt schützt sein Gehirn

Was bei Muskeln und Knochen allgemein bekannt ist, gilt offenbar auch für das Gehirn - regelmäßige Übung schützt vor Verfall, oder in der Sprache der Fitnesstrainer: "Use it - or loose it!"
Vermutet wurde es längst, jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt, dass
Gehirnzellen länger leben, wenn das Gehirn ständig gefordert ist. Der Mechanismus ist allerdings ein anderer als bei Muskeln oder Knochen: Neurobiologen an der Uni Heidelberg haben festgestellt, dass die Hirnaktivität ein spezielles genetisches Programm in Gang setzt. Dieses aktiviert wiederum Schutzgene, die das Überleben der Zellen deutlich verstärken. Die in der Fachzeitschrift "PLoS Genetics" veröffentlichten Forschungsergebnisse eröffnen neue Perspektiven für therapeutische Ansätze zur Behandlung degenerativer Erkrankungen des Nervensystems.
Leider schützt Hirntraining nur vor dem Absterben von Gehirnzellen; ein Neuaufbau, wie bei Muskeln und zu einem gewissen Grade bei Knochen, ist nicht möglich.

Mehr:
Gehirntraining schaltet Schutzgene ein (scinexx)
Schutzgene für Nervenzellen: Ein aktives Gehirn lebt länger (Pressemeldung der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

Mittwoch, 22. Juli 2009

Multiple Sklerose: Zwei Faktoren gemeinsam machen krank

Die Auslöser und Ursachen für entzündliche Krankheiten des Nervensystems wie beispielsweise der Multiplen Sklerose (MS) sind noch immer nicht zweifelsfrei identifiziert. Unter den Verdächtigen ragen zwei Faktoren besonders hervor: Eine erhöhte Anfälligkeit des zentralen Nervensystems gegenüber Angriffen von außen und ein fehlerhaft arbeitendes Immunsystem.

Inwieweit sich diese beiden Faktoren gegenseitig beeinflussen, war bislang nicht geklärt. Forschern der Universität Würzburg ist es jetzt gelungen, ein wenig Licht ins Dunkel zu tragen. In Versuchen an Mäusen fand das Forschungsteam um den Mediziner Heinz Wiendl und den Neurobiologe Rudolf Martini, heraus:
Treffen beide Faktoren - Myelinschaden und fehlerhaftes Immunsystem - aufeinander, verstärkt sich die Entzündungsreaktion im Bereich des zentralen Nervensystems; die Gewebeschäden nehmen zu. Fehlerhaft arbeitende Immunzellen allein verursachen hingegen keine Schäden.

Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Montag, 20. Juli 2009

Hypnotische Trance und Psychotherapie - nur Psycho-Irrtümer?

Vor einigen Jahren sorgte der Medizinjournalist Rolf Degen mit seinem Lexikon der Psycho-Irrtümer mit zum Teil recht steilen Thesen für Aufsehen. Darin veriss er, in einen ziemlich polemischen Stil, psychotherapeutische Techniken, deren Wirksamkeit "nicht über jene von Aderlass, Geisterbeschwörung und Gesundbeten hinaus" reichen würde.
Ich muss zugeben, dass das Buch mich damals beeindruckte, obwohl ich erkannte, dass Degen zuwenig differenzierte und einen breiten Rundumschlag gegen die "Psycho-Szene" bis hin zu ihren esoterischen Rändern schrieb, bei dem auch mutmaßlich seriöse Ansätze der Polemik zum Opfer fielen.
Inzwischen sind einige Jahre vergangen, in denen es vor allem in der Neuropsychologie und Neurobiologie viele neue Erkenntnisse gab. Auch wenn nicht alle diese Erkenntnisse so spektakulär und allgemeingültig sein dürften, wie es in Pressemeldungen den Anschein hat, und die bildgebenden Verfahren der Hirnuntersuchung, vor allem der PET, wahrscheinlich überschätzt werden, lohnt es sich meiner Ansicht nach, einige der Thesen in Degens Buch noch einmal anzusehen.

Degen hinterfragte unter anderem die These, es gäbe veränderte Bewusstseinszustände, etwa während der Meditation und in hypnotischer Trance. Das gipfelte in der Aussage: "Es gibt, wissenschaftlich gesehen, keinen Unterschied zwischen Meditation und einem Mittagsschlaf."

Auch wenn ich es schon öfter erlebt habe, dass eine Meditation ungewollt und nahtlos in Schlaf überging, gibt es sehr wohl einen Unterschied zwischen Wachzustand, meditativer Versenkung und Schlaf. Schon damals fand ich Degens Aussage vor dem Hintergrund erstaunlich, dass ein Neurologe ohne weiteres am EEG erkennen kann, ob ein Patient gerade normal wach, konzentriert, tief entspannt oder eingeschlafen ist. Da die unterschiedlichen Formen der Meditation auf Konzentration oder auch auf tiefe Entspannung abzielen, nicht jedoch aufs Einschlafen, ist Degens Aussage, beim Wort genommen, unsinnig. Aus dem Kontext ergibt sich, dass Degen damit meinte, Meditation bewirke nichts anderes als Entspannung, was immerhin eine diskutable Ansicht ist.
Degen ging es im Meditations-Kapitel vor allem darum, vollmundige Versprechen aus der eher esoterischen Ecke, welche Wunderdinge dank Meditation möglich seinen, zu entlarven.

Zentraler Punkt seiner Argumentation gegen die Hypnose (genauer: die hypnotische Trance) als besonderer Bewußtseinszustand war, dass alle spektakulären Handlungen unter Hypnose ebenso im Wachzustand möglich seien. Dazu müssten drei Voraussetzungen erfüllt werden: 1. der Wunsch, dem Versuchsleiter/Hypnotiseur einen Gefallen zu tun, 2. die Überzeugung, dass die Handlung nicht gefährlich ist, und 3. die Überzeugung, dass die Verantwortung für die Konsequenzen beim Versuchsleiter/Hypnotiseur liegt. Ein besonderer Bewusstseinszustand sei nicht erforderlich. Die "Entrückten" seien in einem klaren Wachzustand und gäben lediglich eine theatralische Vorstellung, die ihren vorgefertigten Erwartungen an das Szenario entspräche.
Im Großen und Ganzen entspricht Degens Ausführung über Hypnose seinem Artikel Nur alltägliche Fähigkeiten hervorgelockt?, den er schon 1996 für die "Welt" schrieb.
Nun ist es so, dass die Anhänger der Hypnose versuchen, die wissenschaftliche Fundierung dieser Methode hervorzuheben, indem sie beispielsweise die therapeutische Hypnose oder die Hypnose asl Methode zur Schmerzbeeinflussung bewusst gegenüber der "Showhypnose" abgrenzen, die oft tatsächlich mit Täuschungseffekten arbeitet. Soweit ich Degen verstehe, hält er diese Rechtfertigung für nicht stichhaltig. Hypnotische Trance als besonderen Bewusstseinszustand gäbe es nicht, sie sei nur ein soziales Artefakt.
Degen konnte, als er sein Buch schrieb, natürlich noch nichts von den 2004 veröffentlichten Untersuchungen John Gruzeliers vom Imperial College in London wissen. Gruzellier zufolge hat Hypnose tatsächlich einen unmittelbaren und mittels Gehirnscan messbaren Effekt auf das Gehirn. Die Trance würde die Fähigkeit, künftige Aktionen zu planen, beeinflussen. Dies wirkte sich bei leicht hypnotisierbaren Menschen anders aus als bei Menschen, die resistenter gegen eine Hypnose seien. In Trance planlos - Wie Hypnose aufs Gehirn wirkt. 2005 kam ein amerikanisches Forschungsteam um Amir Reiz zu dem Ergebnis, dass Hypnose die Informationsverarbeitung im Gehirn so stark verändern könne, dass typische Wahrnehmungskonflikte nicht mehr aufträten. Der Effekt, der ausschließlich bei hypnoseempfindlichen Menschen auftrat, veränderte dabei deutlich die Gehirnaktivität, was mit der funktionellen Magnetresonanztomographie nachweisbar war. Wie Hypnose die Hirnfunktionen verändert. Seitdem 2007 israelische Forscher mit Hilfe von Hypnose jene Gehirnregionen identifizierten, die am Wiedererlangen der Erinnerung nach einem kurzzeitigen Verlust des Gedächtnisses beteiligt sind (Hypnotisierende Erkenntnisse), und 2008 eine britische Forschergruppe um Roi Cohen Kadosh nachwies, dass unter Hypnose eine Verknüpfung zwischen Zahlen und Farben suggeriert werden kann (eine Synästhesie), die auch noch nach der Hypnose anhalten kann, (Was Buchstaben farbig macht) sieht es ganz so aus, als ob die Hypothese, Hypnose sei nichts als ein soziales Artefakt, im Licht der Hirnforschung nicht mehr haltbar wäre.

Kommen wir zur Psychotherapie. Degen schien wenig von den "Redekuren" zu erwarten, und stellte ihnen die nachgewiesenen Effekte der Psychopharmazeutika gegenüber.
Wenn eine Psychotherapie wirkt, dann müsste sich diese Wirkung, genau so wie die von psychopharmazeutischen Medikamenten, im Hirnstoffwechsel niederschlagen.
In der Tat zeigte eine vom Psychiater Jakob Koch geleitete Studie an der Kieler Christian-Albrechts-Universität, dass eine erfolgreiche Psychotherapie die Konzentration eines Transkriptionsfaktors im Gehirn erhöhte. Protein zeigt Behandlungserfolg an. Insgesamt 30 Patienten, die unter Depressionen, absolvierten sechs Wochen lang eine Interpersonelle Psychotherapie mit insgesamt 12 Gesprächssitzungen. Bei rund der Hälfte der Teilnehmer zeigte diese Kurzzeitbehandlung Wirkung: Die Schwere ihrer Depression, per Fragebogen ermittelt, ging deutlich zurück. Bereits eine Woche nach Therapiebeginn konnten die Forscher bei diesen Patienten eine erhöhte Konzentration an pCREB, der aktiven Form des Proteins, messen. Bei jenen Teilnehmern, die nicht auf die Behandlung ansprachen, fand sich dagegen kein solcher Anstieg.
Was zuvor schon für Antidepressiva bekannt war, trifft somit auch für die Psychotherapie zu: Eine erfolgreiche Behandlung führt zu mehr aktiviertem CREB.

Eine verzerrte Körperwahrnehmung ist Risiko- und aufrechterhaltender Faktor von Essstörungen wie Magersucht (Anorexie) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Dr. Silja Vocks von der Ruhr-Universität Bochum bestätigte nicht nur, dass sich diese Verzerrung sich in den Hirnfunktionen widerspiegelt, sie konnte sogar nachweisen, dass durch Körperbildtherapie diese Hirnfunktionen verändert werden können. Therapie verändert das Gehirn - Neuropsychologische Grundlagen des gestörten Körperbildes bei Essstörungen

Das sagt selbstverständlich nichts darüber aus, welche Formen der Psychotherapie sinnvoll sind. Sicher gibt es auf diesen Gebiet Einiges an Scharlatanerie. Da Degen kaum differenzierte, welche Arten "der Psychotherapie" er in seiner Polemik aufs Korn nahm, ist sein markiger Vergleich zwischen Psychotherapie und "Aderlass, Geisterbeschwörung und Gesundbeten" wohl widerlegt.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Von Prioritätenlisten und faulen Sündenböcken

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hat zum Auftakt des 112. Deutschen Ärztetags den Vorwurf erhoben, dass die Politik die Öffentlichkeit bewusst über den Zustand des Gesundheitswesens täuschen würde. "Die Öffentlichkeit ist lange genug geblendet worden", erklärte er in Mainz. Wer heute "behauptet, die umfassende Gesundheitsversorgung sei sicher, der sagt schlicht und einfach nicht die Wahrheit". Ärztepräsident wirft Politik Lügen vor. Ärztepräsident Hoppe fordert eine Prioritätenliste. Was meiner Ansicht nichts an den strukturellen Konstruktionsfehlern des deutschen Gesundheitssystems ändern würde und die Tatsachen eher vernebelt. Es gibt einen Verteilungskampf innerhalb des Gesundheitssystems, und Hoppe vertritt in diesem Verteilungskampf eben die Interesse "seiner" Ärzte. Ein Vertreter z. B. der Pharmaindustrie würde anders reden.
Aber ich bin schließlich kein Gesundheitsökonom.

Gesundheitsökonom ist hingegen Professor Günter Neubauer, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG) in München, der von tagesschau.de interviewt wurde: "Künstliche Hüfte erst bei Normalgewicht". Ein Interview, das meines Erachtens einen unangenehmen propagandistischen Drall hat.
tagesschau.de: Was treibt die Kosten im Gesundheitssystem in die Höhe?

Neubauer: Zu den Hauptfaktoren gehören die medizinischen Innovationen, die für eine älter werdende Bevölkerung von hoher Bedeutung sind. Und natürlich die Demokratie, die sagt: Von den Innovationen soll möglichst keiner ausgeschlossen werden - zumindest keine wichtige Wählergruppe.
Eine, wie ich finde, unbefriedigende Antwort. Zwar sind medizinische Neuerungen und die demographische Entwicklung Faktoren bei der Kostensteigerung im Gesundheitswesen - wobei meiner Ansicht nach von einer "Kostenexplosion" keine Rede sein kann.
Einige weitere, spezifische deutsche, Gründe für ein teures Gesundheitswesen sind z. B. die in Deutschland überdurchschnittlich hohen Arzneimittelpreise, und die Tatsache, dass hierzulande z. B. erheblich mehr geröngt wird, mehr Katheteruntersuchungen gemacht werden, überhaupt ein Patient häufiger untersucht wird, als in unseren Nachbarländern. Im Falle z. B. des Röntgens durchaus auch zum gesundheitlichen Nachteil des Patienten.
Über Deutschland hinaus gibt es weitere Faktoren, die die Gesundheitskosten in die Höhe treiben. Da wären z. B. die erfundenen Krankheiten, vom "Sissi-Syndrom" bis zu utopisch niedrigen Cholesterin-Grenzwerten. Wie überhaupt die wirtschaftlichen Interessen der Arznei- und Hilfsmittelhersteller oft "über Bande" durchgesetzt werden. Es wird für meinen Geschmack auch zu wenig darüber diskutiert, dass die Pharmaindustrie mehr Geld für Public Relation als für Forschung ausgibt. Interessant ist auch die Tatsache, dass Privatpatienten, obwohl sie diagnostisch gesehen im Schnitt "gesünder" sind als Kassenpatienten, z. B. im Schnitt häufiger operiert werden als Kassenpatienten.
Der Anteil der Kosten für das Gesundheitswesen am Bruttoinlandsprodukt liegt übrigens seit Jahrzehnten ziemlich konstant bei 10 Prozent. Die finanziellen Probleme der Sozialsysteme sind nicht wegen einer "Kostenexplosion" eskaliert, sondern hauptsächlich wegen der Einnahmeeinbrüche durch die hohe Arbeitslosigkeit und unzureichende Lohnerhöhungen - denn Sozialbeiträge sind an die Löhne gekoppelt.

Zurück zum Interview. Neubauers Antworten haben einen "Spin", den man z. B. auch aus dem Harz-IV / ALG II -Diskurs kennt: "Wem es dreckig geht, der ist halt selber schuld".
Bei der Prioritätensetzung kommt ein Aspekt dazu, den auch Herr Hoppe meint: Es ist die Frage der Verursachung durch veränderbare Verhaltensweisen. Das heißt: Ein übergewichtiger Mensch sollte seine Hüfte erst erhalten, wenn er auf Normalgewicht kommt, weil dann diese Hüfte länger hält und er sich in dieser Form indirekt beteiligt. Zugleich ist dies eine Warnung an andere Übergewichtige, nicht erst alles in sich hineinzufuttern und die negativen Folgen von anderen finanzieren zu lassen.
Dass Neubauer dabei tatsächlich auch an Langzeitarbeitslose denkt, wird aus folgender Antwort klar:
Die Übergewichtigen würden in einer privaten Versicherung höhere Beiträge zu zahlen haben. Denn sie belasten durch ihr Übergewicht die Versichertengemeinschaft stärker. In der Solidargemeinschaft zahlen die Übergewichtigen aber in der Regel niedrigere Beiträge, weil meist auch ihr Einkommen niedriger ist. Von daher ist das Gefühl der Gerechtigkeit auch von der anderen Seite zu sehen: Der Beitragszahler, der jeden Morgen aufsteht und joggt, um sein Gewicht zu halten, wird es als äußerst ungerecht empfinden, dass neben ihm jemand erst um 8 Uhr aufsteht, bis 10 Uhr futtert, Übergewicht hat und dann eine Hüfte braucht, für die er mitzahlen muss.
Erst um "8 aufstehen und bis 10 Uhr futtern" kann regelmäßig eigentlich niemand, der Arbeit hat. Es ist meiner Ansicht nach bezeichnend, dass Neubauer den Faktor "Faulheit" hervorhebt, und nicht etwa den, dass z. B. Niedrigverdienern oft nichts anderes übrig bleibt, als sich "billig" und damit oft ungesund zu ernähren.
(Übrigens ist gerade Joggen nicht der ideale Sport für Menschen mit beginnender Arthrose. Aber Neubauer ist schließlich Gesundheitsökonom, kein Arzt.)

Der Ansatz, der von Neubauer vertreten wird, folgt der weit verbreiteten Tendenz, unreflektierte "Stammtischargumente" mit der kühlen instrumentellen Vernunft der Ökonomie zu verbinden.
Ein - mutmaßlich gut verdienender - privat Versicherter soll ruhig sein Übergewicht haben, denn er zahlt dafür. Ein gesetzlich Versicherter ist hingegen verpflichtet, der Gemeinschaft nicht "zu Last zu fallen", und hat gefälligst so gesund wie möglich zu Leben. Ganz besonders gilt das für die unproduktiven Langzeitarbeitslosen.

Fast erinnert Neubauers Antwort an den berühmt-berüchtigten ehemaligen Berliner Ex-Finanzsenator Sarrazin. Sein Speiseplan für Hartz IV-Empfänger, mit dem er beweisen wollte, dass man sich auch mit dem Regelsatz gesund und ausreichend ernähren könnte, war auf einen unrealistisch niedrigen Tagesbedarf von 1.550 kcal ausgelegt. Sarrazin "rechtfertigte" seine Hungerdiät mit dem zynischen Ausspruch: "Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht".

Der Mensch im ökonomistischen Weltbild ist ein Kostenfaktor, Abweichungen von der Norm erzeugen Verluste, folglich muss der Mensch für das System zugerichtet werden. Juli Zeh stellt in ihrem dystopischen Roman "Corpus Delicti" die logische Konsequenz des Kosten-Nutzen-Denkens im Gesundheitswesen dar: eine Gesundheitsdiktatur, in der "Abweichler" zu Gunsten des vermeindlichen Gemeinwohls "beseitigt" werden. Juli Zeh über Gesundheitsdiktatur (Zeit.de).

Donnerstag, 14. Mai 2009

Gefährlich Überschätzung: Homöopathie gegen "Schweinegrippe"

Unter der banalen Überschrift der Pressemitteilung verbirgt sich m. E. ungeheuerliches: Homöopathische Ärzte behandeln H1N1-Erkrankte.
Es wäre auch schlimm, wenn in Homöopathie ausgebildete Ärzte Grippekranke nicht behandeln würden. Im Ernst: ich bestreite nicht, dass es Mittel im homöopathische Arzneischatz gibt, die, zusätzlich zu einer konventionellen Behandlung gegeben, bei einer Grippe hilfreich sein könnten. Aber darum geht es ja nicht.

Mich stört ganz gewaltig, dass in dieser Pressemeldung Curt Kösters, Vorsitzender des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), seine Behauptung, diese Infektionskrankheit ließe sich sehr gut homöopathisch behandeln (ausschließlich homöopthisch behandeln, wenn ich ihn richtig verstehe), mit einem Beispiel aus der Zeit der Pandemie der "Spanischen Grippe" von 1918 belegt.
Nicht nur, dass es noch keine Grippeschutzimpfung gab. Eine Impfung gegen die "Schweinegrippe" ist immerhin in Sicht, so dass mit einer Pandemie von dem Ausmaßen der "Spanische Grippe" nicht zu rechnen ist. Außerdem bieten herkömmliche Impfungen gegen H1N1-Viren wahrscheinlich über Kreuzimmunität einen gewissen Schutz.
Von wirksamen virustatische Medikamenten, wie Oseltamivir (Handelname u. A. Tamiflu) oder Zanmirvir (Handelsname u. A. Relenza) konnten damalige Ärzte nicht einmal träumen. Das einzige, was ein Arzt damals machen konnte, war eine symptomatische Therapie. Und auch deren Möglichkeiten, Komplikationen wie etwa eine Lungenentzündung zu verhindern, waren in der Zeit vor den Antibiotika verglichen mit heute bescheiden.

Dr. H. W. Sjögren hatte damals laut Dr. Cösters 805 Fälle von Grippe dokumentiert, die er homöopathisch behandelte, "da die Sterblichkeit bei allopathischer Behandlung abschreckend wirkte." (Allopathisch wäre bei Grippe etwa die Gabe eines fiebersenkenden Mittels - was außer bei lebensgefährlich hohem Fiber bei der Virusgrippe tatsächlich unangebracht ist, damals aber gängige Praxis war.) Dr. Sjögren verzichte offensichtlich auf die im Grunde hilflosen, manchmal sogar schädlichen, Therapieversuche anderer Ärzte - und machte damit gute Erfahrungen.

Aus heutiger Sicht würde aber eine rein homöopathische Behandlung einer schweren Virusgrippe bedeuten, dass dem Patienten eine in den meisten Fällen wirksame Behandlung mit "konventionellen" Medikamenten vorenthalten wird. Ich hoffe sehr, dass die in Homöopathie ausgebildeten Ärzte die Möglichkeiten dieser Methode nicht so überschätzen, wie dies offensichtlich der Vorsitzende des DZVhÄ tut.

Um es ganz deutlich zu sagen: mit dieser Pressemitteilung wirb der DZVhÄ leichtfertig mit Heilungsversprechen, die aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar sind!

Donnerstag, 30. April 2009

Einfache Hygeniemaßnahmen helfen!

Es gibt ein Mittel, das wahrscheinlich ein Drittel der Krankenhausinfektionen verhindern könnte, das die Ausbreitung gefährlicher Infektionskrankheiten wie der Grippe (einschließlich "Schweinegrippe") wirksam eindämmt, und viele Fälle von Lebensmittelvergiftung verhindern könnte.

Es ist sehr kostengünstig, wird nicht von der Pharma-Industrie hergestellt und erfordert keinen großen Aufwand: Handhygenie.
Das sind vor allem häufiges und richtiges Händewaschen, gegebenenfalls Hände desinfizieren und Einmal-Handschuhe tragen.

Material zur Aktion „Wir gegen Viren“ – Richtiges Händewaschen schützt (pdf).

Montag, 27. April 2009

Wusst' ich's doch: Kritzeln fördert die Konzentration

Ich bin Kritzler, und zwar schon seit dem frühen Schulalter. Auch schon seit der Schulzeit kenne ich das Standardproblem aller Kritzler: Nicht-Kritzlern klarzumachen, dass es kein Zeichen von Unaufmerksamkeit ist, wenn ich vor mich hin zeichne.

Mit Krakeleien ("doodles") lässt sich die Konzentration verbessern. Das jedenfalls berichtet das Magazin GEO in seiner aktuellen Ausgabe (Heft 5 / 2009).
Wenn auch bei Meldungen des Typs "Psychologe hat (sensationelle, gängige Ansichten umstürzende Erkenntnis) über (irgendwas total Banales) herausgefunden" erfahrungsgemäß äußerste Skepsis angebracht ist, steckt hinter der Nachricht ein nachvollziehbares psychologisches Experiment.

Die Psychologin Jackie Andrade von der britischen Universität Plymouth ließ 40 Probanden eine Bandnachricht anhören. Eine besonders monotone Stimme gab - neben zahlreichen weiteren Informationen - acht Personen bekannt, die zu einer Party kommen würden. Die Hälfte der Versuchspersonen erhielt zudem ein Blatt mit einfachen Figuren zum Ausmalen. Als die Teilnehmer anschließend einem Gedächtnistest unterzogen wurden, zeigten sich deutliche Unterschiede: Die "Doodler" konnten sich an 29 Prozent mehr Details erinnern.
Einwand hinsichtlich des Versuchsaufbaus: Ausmalen wäre mir zu monoton - typischerweise kritzel ich irgendwas, was mich irgendwie an das Gehörte erinnert. Damit ist schon mal eine Assoziationsbrücke gebaut, ich erinnere mich an das Bildchen, und schon weiß ich, worum es z. B. bei einem Vortrag ging. Das ist auch der Grund, weshalb andere Menschen mit meinen Notizen so wenig anfangen können: sie bestehen aus Stichworten und z. T. abstrakten "Doodles".

Die Forscherin vermutet, dass Kritzeln Menschen wacher hält, die sonst in Tagträume abdriften würden. Stimmt! Denn diese Fantasien beanspruchen viel Gehirnleistung, während Kritzeleien kaum von der eigentlichen Sache ablenken. Andrade will nun prüfen, ob sich mit "Doodles" zum Beispiel auch Hungergefühle überspielen lassen. So nett eine "Kritzeldiät" auch wäre: meiner eigener Erfahrung entspricht das nicht.

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