Medizin

Donnerstag, 12. Januar 2012

"Rote Linie" für Pflanzenheilkundler

Unter den naturheilkundliches Verfahren genießt die Pflanzenheilkunde (Phytotherapie) einen besonders guten Ruf. Wobei die Gründe dieses guten Rufes bei Fachleuten und bei heilungssuchenden Laien durchaus unterschiedlich sein können. Die Legende, dass "rein pflanzliche" Wirkstoffe automatisch verträglicher seien, als "Chemie" ist offensichtlich genau so wenig auszurotten, wie der konstruierte Gegensatz zwischen Naturheilkunde und "Schulmedizin" - tatsächlich ist die Pflanzenheilkunde, wie übrigens die meisten naturheilkundlichen Verfahren, Teil der wissenschaftlichen Medizin, also "Schulmedizin". Sehr viele in der etablierten Medizin verwendeten Arzneimittel sind pflanzlichen Ursprungs.
Naturheilkunde und "Alternativmedizin" sind übrigens, um einen weiteren populären Irrtum auszuräumen, nicht dasselbe. (Die Homöopathie z. B. ist kein Naturheilverfahren.)

Für die Pflanzenheilkunde gilt, wie für alle Heilverfahren, das Prinzip, dass Nutzen und möglicher Schaden für den Patienten in angemessenem Verhältnis stehen müssen.
Wenn "Kräuterheiler" ihre Grenzen und die Grenzen ihrer Heilverfahren nicht kennen oder nicht wahrhaben wollen, gefährden sie ihre Patienten.

Ein Pflanzenheilkundler, der seine Grenzen, die "Rote Linie", ab der er Menschen, die seinem Rat vertrauen, gefährdet, bis hin zur Lebensgefahr, deutlich überschreitet, ist der Ethnobotaniker und Kulturantropologe Dr. Wolf-Dieter Storl.

Storl halte ich auf seinem Fachgebiet, der Ethnobotanik, für einen ausgezeichneten Fachmann. Ich hege auch große Sympathien für die Lebensphilosophie des "Schamanen aus dem Allgäu".
Leider dilletiert Storl auch auf dem Gebiet der Pflanzenheilkunde herum, anders mag ich es nicht nennen.
Auf diesem Gebiet ist er kein Fachmann - Storl ist kein Arzt, er ist meines Wissens noch nicht einmal Heilpraktiker.
Das ist zwar kein Grund, weshalb er nicht über Heilpflanzen Bescheid wissen sollte - tatsächlich weiß er enorm viel darüber - aber das gleicht fehlende medizinische Kenntnisse natürlich nicht aus.
Storl neigt dazu, auf billige und undifferenzierte Weise gegen die "Schulmedizin" zu polemisieren. Das ist nach meiner Erfahrung ziemlich typisch für selbsternannte "Wunderheiler", während seriöse Naturheilkundler, selbst solche, die etablierte medizinische Verfahren scharf kritisieren, deutlich differenzierter argumentieren.
Selbst mir als medizinischen Laien fällt unangenehm auf, wie Storl über phytotherapeutische Themen schreibt: unpräzise und immer wieder fehlerhaft, dafür aber besserwisserisch und "guruhaft".

Besonders auf dem Kieker habe ich Storl, seitdem er seine merkwürdigen Behauptungen über Borreliose verbreitet. Karden-Therapie der Borreliose (auf EsoWatch) (Auch wenn ich Vieles, was auf EsoWatch steht, für eher dogmatisch antiesoterisch als skeptisch halte - im Falle Wolf-Dieter Storl hat EsoWatch meines Erachtens voll und ganz recht!)
Für Borreliosekranke sind Storls Ratschläge bestenfalls nutzlos und schlimmstenfalls lebensgefährlich. Er wird gerade von naturheilkundlich orientierten Ärzten scharf kritisiert. Dieses Buch kann Ihre Gesundheit gefährden: "Borreliose natürlich heilen" von Wolf-Dieter Storl, AT-Verlag 2007" - Kritik von Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Heilpflanzenkunde, Seminar für Integrative Phytotherapie, Winterthur.

Samstag, 29. Oktober 2011

Burn Out Syndrom - eine Modediagnose?

Das "Burn-Out Syndrom" ist - scheinbar - in aller Munde. Glaubt man den Medien, betrifft "Burnout" Politiker, (Leistungs-)Sportler, Menschen in helfenden Berufen.

Die Behauptung, das "Burn-Out-Syndrom" sei eine "Modediagnose" stützt sich darauf, dass sich laut BKK-Report 2010 die Anzahl der durch Burnout verursachten Krankheitstage innerhalb von fünf Jahren verzehnfacht haben. So sehr auch die psychischen Krankheiten in den letzten 20 Jahren nachweislich zugenommen haben, mutet eine "Burn-Out-Epidemie" doch merkwürdig an.

Tatsächlich ist "Burn-Out" keine Krankheit, sondern ein Problem der Lebensbewältigung, das, was man gemeinhin "eine Lebenskrise" nennt. Es ist einfach körperliche, emotionale bzw. geistige Erschöpfung. Wenn jemand durch "Burn-Out" "ausfällt", wie es auf Sportreporterdeutsch so unschön heißt, dann hat der Erschöpfungszustand schon gesundheitliche Folgen gehabt - meistens Depression.
Es ist für viele Menschen einfacher, "Ausgebrannt" zu sein, denn wer ausgebrannt ist, muss einmal gebrannt haben. Da "Burn-Out" oft durch berufliche Überlastung verursacht wird, ist es sozusagen eine "ehrenwerte Diagnose". Man hat hart gearbeitet und ist sozusagen fix und alle.
Hingegen hat die Depression, auch wenn sich da einiges in den letzte Jahren geändert hat, wie alle psychischen Krankheiten die Konnotation "Verrückt sein", "geistesgestört sein" und - vielleicht am wichtigsten - "schwach sein." Wer die "Depris" hat, der ist schwach, ist ein Weichei, ein Versager. Jemand, der sich nicht zusammenreißen kann, jemand, der nicht "positiv denkt". Oft genug wird die "Schuld" an dieser Krankheit den Kranken und ihrem angeblichen "Fehlverhalten" zugeschrieben. (Was daran liegen mag, dass jeder mal ein "Tief" hat - und die Depression irrtümlich als besonders tiefes Stimmungstief verstanden wird. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Depression ist etwas anderes als eine besonders trübe Stimmung.)
Oder - so das durch den Boulevardjournalismus gezeichnete Bild (vor allem in der BILD) - ist ein Depressiver ein "Selbstmordkandidat". Jemand, der total am Ende ist.
Beide Klischees sind nicht eben einfach zu ertragen, wenn man an Depressionen leidet.

Es hat sich im Laufe der letzten Jahre auch etwas an der sozialen Umwelt massiv verschlimmert. Zeiten der wirtschaftlichen Depression sind auch Zeiten, in denen besonders viele Menschen depressiv werden. Auch wenn die Arbeitslosigkeit angeblich zurückgegangen ist: sehr viele Langzeit-Arbeitslose empfinden ihre Situation als unlösbar. Hinzu kommt, dass "Hartz-Vierer" oft stigmatisiert werden. Die offizielle Arbeitsmarktpolitik fördert die Angst vor Arbeitslosigkeit und erhöht - durchaus gewollt - den Druck auf die Arbeitenden. Menschen bleiben aus Angst eher an Stellen mit schlechten Arbeitsbedingungen. Das macht unzufrieden und macht anfällig für das „Ausbrennen“. Manchmal gibt es eine regelrechte "Flucht in die Krankheit", nicht zu verwechseln mit "Blaumachen auf gelben Schein" - denn der Krankenstand ist nach wie vor sehr viel geringer, als z. B. vor 30 Jahren.

In vielen Berufen hat sich auch die "Arbeitsdichte" stark erhöht. Es wird Leistung gefordert, und auch erbracht. Ein Problem ist aber, dass das Berufsleben meistens "problemorientiert" funktioniert. Leistung befriedigt, aber die meisten Menschen brauchen eine positive Rückmeldung. Meistens sind die Rückmeldung aber negativ - denn wenn alles in Ordnung ist, bracht "man" sich als Vorgesetzter oder Kollege auch nicht darum zu kümmern. Aufmerksamkeit gibt es erst, wenn Fehler gemacht wurden.
Wenn aber eine positive Rückmeldung ausbleibt, bleiben auf die Dauer die Selbstzweifel nicht aus.
Je nach Persönlichkeit und Temperament führen diese Selbstzweifel dazu, dass der Betroffene ständig gereizt ist ("mit den Nerven runter ist"), seinen "Frust" an anderen auslässt und unausstehlich wird oder sich distanziert zeigt, sich immer mehr in sich selbst zurückzieht. In allen Fällen leiden die Sozialkontakte. Die "sich Zurückzieher" sind dabei stark depressionsgefährdet - und sind zugleich diejenigen, die am längsten "funktionieren" und am wenigsten auffallen.

Noch ein Medien-Klischee: es sind nicht nur die Perfektionisten, die Über-Ehrgeizigen und die Menschen mit anspruchsvollen Berufen (z. B. Manager) oder "typischen Stress-Jobs" (z. B. Telefonist, Disponent) burn-out-gefährdet.
Besonders gefährdet sind auch pflegende Angehörige, Ehrenamtler z. B. in Vereinen und brerufstätige Mütter. Pflegende Angehörige können sich, anders als beruflich gestresste, nicht mit Kollegen austauschen, und sie erfahren so gut wie keine Anerkennung. Ehrenamtler neigen zur Selbstausbeutung bzw. dazu, sich ausnutzen zu lassen. Und berufstätige Mütter leiden an einem übergroßen "Mutterlichkeitsideal", dem Anspruch, eine "perfekte Mutti" zu sein, und zugleich im Beruf perfekt "funktionieren" zu müssen.

Sicher haben viele persönliche Einflussfaktoren wie z.B. Perfektionismus, unrealistisches Selbstbild, das soziales Umfeld und vor allem die Arbeitsbedingungen einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung eines Burn-Outs.
Es sind jedoch vor allem schwer zu bewältigende, aber auch sinnlose Aufgaben, die Menschen "ausbrennen" lassen, vor allem bei geringer Wertschätzung. Außerdem begünstigen Eingriffe in den Handlungsspielraum, die grassierende "Kontrollities" und technische Überwachungsmaßnahmen, das latente Misstrauen und die stets drohenden Verdächtigungen nicht nur im Betrieb, sondern auch in der Gesamtgesellschaft das Ausbrennen.

Man brennt nicht so einfach aus. Es ist eine langsame, schleichende Entwicklung, die durchaus rechtzeitig gestoppt werden kann - oder könnte.

"Burn Out" ist also keine Modediagnose und keine "neu erfundene Krankheit" (es ist, siehe oben, gar keine Krankheit, sondern eine Lebenssituation, die krank machen kann). So etwas gab es auch früher, nur nannte man das chronischer Erschöpfung oder Antriebslosigkeit.
Es gibt einen scheinbaren Anstieg, weil sich die Diagnostik verbessert hat und psychische Störungen mehr beachtet werden - also, weil Dunkelziffer der unbemerkten psychischen Störungen früher höher war, und sicher auch, weil "Burn Out" eine griffiger, nicht stigmatisierender und außerdem ziemlich umfassende Bezeichnung ist, die sich außerdem als Euphemismus für Depression etabliert hat.
Aber der alarmierende Anstieg ist in der Tat real, und er hat im wesentlichen gesellschaftliche Ursachen.

Interessanter Link: Psychenet - Hamburger Netz psychischer Gesundheit.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Doping ist systemimmanent

Ralf Meutgens, Fachjournalist für Radsport, sagte 2007 gegenüber Spiegel online
Doping ist systemimmanent, eine Reinigung würde den Austausch nahezu aller im professionellen Radsport agierenden Personen voraussetzen.
Wie hoch ist die Dopingquote im professionellen Radsport - mal so eine "Hausnummer"? Ich vermute, dass die Dopingquote bei 100% liegt - wer nicht "stofft", der braucht erst gar nicht anzutreten. Unterschiede gibt es bei den Methoden und - allenfalls - beim Umfang des Dopings.

Ich hatte auch einmal die Illusion, es handele sich bei dopenden Radsportlern um "schwarze Schafe". Es war ein Kommentar von Köppnick eigentlich zum Thema Super Size me, der mir diese Illusion nahm:
Bei extremen sportlichen Beansprungen wie der Tour de France kann man ohne Anabolika nicht vorn mitfahren. (Das ist keine Behauptung von mir, sondern eine Schlussfolgerung, die vor etwa 10 Jahren, also vor dem Beginn der heutigen Skandale, auf einem Sportmedizinerkongress diskutiert wurde. Möchte man eine saubere Tour de France, muss man die Streckenlängen verringern oder nur jeden zweiten Tag fahren o.ä..
Der Radsport ist dabei nur ein besonders herausragendes Beispiel: inzwischen gehe ich davon aus, dass, bei welcher Sportart auch immer, auf Leistungsebene fast immer "nachgeholfen" wird.

Ein anderes, offensichtliches, Beispiel für eine Sportart, in der selbst im Amateurbereich von flächendeckendem Doping auszugehen ist, ist selbstverständlich Bodybuilding.
Tatsächlich wurde beim Bodybuilding sowohl im Profi- als auch dem Amateurbereich eine hohe Zahl von dopingbedingten Todesfällen wissenschaftlich dokumentiert (Luitpold Kistler: Todesfälle bei Anabolikamissbrauch - Todesursache, Befunde und rechtsmedizinische Aspekte. Dissertation, 2006).
Im Bodybuilding muss man buchstäblich die Augen verschließen, um zu übersehen, in welchen Umfang "gestofft" wird. Man vergleiche nur Fotos von Spitzen-Bodybuildern aus den 1950er Jahren mit solchen jüngeren Datums. Einen anderen Vergleichsmaßstab geben "Natural Bodybuilder", die bewusst auf Doping verzichten (auch wenn ich mir leider ziemlich sicher bin, dass, wenn es nicht gerade um "Roids" (anabole Steroide) geht, selbst dieser Bereich nicht völlig "sauber" sein dürfte).
Beim Bodybuilding ist auch das genetische Limit offensichtlicher als bei anderen Sportarten. Die um die 130 kg der "Mr. Olympia" Teilnehmer - bei einem Körperfettanteil von unter 6 % - liegen z. B. weit außerhalb des genetisch Möglichen. Schon ein 1,70 m großer Athlet mit rund 90 kg in Wettkampfform, also mit einem Körperfettanteil von ca. 4-6%, liegt außerhalb dessen, was ein ausgewachsener Mann selbst bei herausragender Genetik und besten Umfeldbedingungen auf natürliche Weise aus seinem Körper herausholen kann! Ein FFMI (Fettfreier-Masse-Index) über 25 ist nur für genetisch Bevorzugte ohne Doping zu erreichen, ab einem FFMI von 27 kann man sich völlig sicher sein: der Mann "stofft". (Siehe: Natural Bodybuilding - Genetisches Limit). Dieses genetische Limit gilt natürlich auch für andere Sportarten - viele Sportler in Sportarten, in denen viel Muskelkraft bei bei gleichzeitig möglichst geringen Fettanteil nötig ist, dürften sich mit ihrem FFMI deutlich jenseits des genetisch Plausiblem bewegen.

Allerdings ist Bodybuilding in der öffentlichen Wahrnehmung die große Ausnahme, denn grundsätzlich gelten die meisten Sportarten als "sauber" und die überführten Dopingsünder als vereinzelte "schwarze Schafe". Bodybuilding ist der einzige Sport, in dem die veröffentlichten Meinung durchgehend davon ausgeht, das Doping der Regelfall sei.

Bei z. B. Leichtathleten ist Doping nicht so offensichtlich. Es sei denn, es kommt zu so seltsamen Vorgängen wie bei den Olympischen Spielen 2008: Den "WundersprinterInnen aus Jamaica" gelang gleich zwei Mal ein "Asterix-Einlauf". Im Comic Asterix bei den Olympische Spielen spielen Asterix und Miraculix der römischen Mannschaft heimlich Zaubertrank zu. Die mit Zaubertrank gedopten Römer laufen alle gleichzeitig über die Ziellinie. SpOn am 15.08.2008:
Der 200-Meter-Olympiasiebte von Athen kam im zehnten Vorlauf als Vierter in 10,46 Sekunden erst nach Auswertung der Tausendstelsekunden in den Zwischenlauf am gleichen Tag. Dabei waren drei Sprinter auf die Hundertstelsekunde gleich schnell gewesen.
(Hockeys Blog: Asterix in China.)
Gleichzeitige Zieleinläufe können eigentlich nur unterhalb der individuellen Leistungsgrenzen, z. B. im Training vorkommen, bei Wettkämpfen wäre die "der Jackpot im Lotto". Der Grund: das individuelle Leistungsvermögen hängt von so vielen Faktoren ab, dass es praktisch ausgeschlossen ist, dass zwei Läufer, die das Maximum aus ihre Tagesform herausholen, genau gleich schnell sind. Geschweige denn drei. Wenn man aber unter dem Maximum läuft, dann können gleiche Leistungen vorkommen. Und wenn Läufer gar absichtlich langsamer laufen, als sie könnten, dann werden sich die Läufer unwillkürlich in ihrer Geschwindigkeit angleichen. Aber auch in Vorläufen läuft normalerweise keiner "im Schongang", auch wenn die Athleten erst im Endlauf das Letzte aus sich herausholen. Absichtlich langsamer als möglich laufen ist nur möglich, wenn die "Reserven" groß sind.
Ich habe mir den 100-m Lauf von Usain Bolt nochmal in Zeitlupe angesehen. Nach weniger als 6 Sekunden ging er in Führung.
Bei 7,9 Sekunden schaute er bereits um sich und bei 8,0 Sekunden riss er die Arme hoch - noch gut 20 Meter vom Ziel entfernt!
Noch eine Beobachtung: Im Endlauf geben Sprinter normalerweise alles, und sie sind nach dem Endlauf normalerweise fix und fertig, total erschöpft. Bolt wirkte, im Vergleich zu den anderen Läufer, auffällig frisch. Ich vermute, dass er auch auf eine Zeit unter 9,5 Sekunden hätte kommen können - aber solche Leistungsexplosionen machen misstrauisch.
Aber das hat bestimmt mit seiner ganz besonderen Genetik zu tun ... (Es gab da einige Kommentare, die geradezu rassistisch waren - etwa, dass er von Sklaven abstammt, die geradezu auf körperliche Höchstleistung gezüchtet worden wären.) Wenn schon Genetik, dann vermute ich da eher Gen-Doping.

Ein oft übersehenes Problem ist die Grauzone zwischen Versorgung einer Verletzung, dem "Fitspritzen" von verletzten Sportlern und leistungssteigernden Medikamenten: Verletzungen im Fußball: Sportärzte und Hütchenspieler

Doping ist systemimmanent, nicht nur für das System "Leistungssport", sondern für unsere Gesellschaft als Ganzes.
Im Sport wird lediglich das besonders deutlich, was im normalen Berufsleben eher im Verborgenen geschieht: Die Instrumentalisierung und Zurichtung des Menschen für seine Funktion. Und natürlich die geradezu verzweifelte Selbstoptimierung - ob jemand Privatleben, Lebensstil, Freundeskreis usw. einer "normalen" beruflichen Karriere oder der als Leistungssportler unterordnet, ist allenfalls im Ausmaß unterschiedlich, nicht in der dahinter stehenden Mentalität.

Man kann Doping als eine besondere Spielart der Korruption sehen. Korruption ist im "reifen" Kapitalismus markradikaler Bauart (fälschlich "Neoliberalismus" genannt) systemimmanent - es geht nichts mehr auf offene und ehrliche Weise. (Eine genaue Parallele übrigens zum "real existierenden Sozialismus" im Ostblock vor 1989. Der war korrupt bis in die Haarspitzen.) Im "System Doping" ist der Sportler, der "Leistungsträger" nur das letzte, wichtigste, aber durchaus austauschbare Glied einer langen Kette. Funktionäre, Politiker, Lobbyisten, Sponsoren, PR-Manager, Journalisten, Betreuer und Ärzte: Alle wollen am Erfolg teilhaben. Auch die Fans sind Teil des korrupten Systems - wenn niemand sich für Höchstleistungen, die nur mit Doping zu erreichen sind, begeistern könnte, bräche das System zusammen.

Die Versuchung und der Druck, "nachzuhelfen", wird immer größer, im Sport, im Beruf, in der Ausbildung. Die moderne Medizin stellt immer mehr Medikamente und Medizin-Techniken zu Verfügung, die nicht mehr ausschließlich therapeutisch, sondern optimierend auf den Körper und die Psyche einwirken. Das "Enhancement", etwa das "Neuro-Enhancement", ist nichts anderes als Doping. Es ist meiner Ansicht nach grob verharmlosend, wenn etwa der Einsatz von Amphetaminen ("Speed") mit einem starken Kaffee oder einem Glas Club-Mate gleichgesetzt wird, weil auch das ja schon "Selbstoptimierung" sei. Es gibt eine Grenze, und die heißt: "Der Zweck heiligt die Mittel". Wenn es auf die Risiken und Nebenwirkungen der (Arznei-)Mittel nicht mehr ankommt, um den Zweck zu erreichen, ist sie überschritten. (Das kann sogar beim Kaffee passieren, ist aber schwierig. Mit Koffeintabletten ist diese Grenze leichter zu überschreiten. Mit Speed ist es gefährlich einfach, die Grenze zum Raubbau am eigenen Körper zu ignorieren.)
Eine Gefahr bei Doping, auch und gerade dem "Braindoping", ist die über noch über Selbstinstrumentalisierung hinausgehende Selbstverdinglichung. Wer die pharmazeutische oder technische "Verbesserung" seines Körpers und seines Verstandes für gerechtfertigt hält, sieht sich selbst so, als ob er eine Maschine sei.

Es wäre schön, wenn Sport nur noch aus Spaß an der Freude betrieben würde. Ohne Hintergedanken. Klar, Bewegung ist gesund (wenn man's nicht übertreibt), aber schon Sport mit dem alleinigen Zweck der Fitness ist, denke ich, eine traurige Angelegenheit. Vor einigen Jahren behauptete einer dieser "Schluss mit Lustig"-Propagandisten, dass es verfehlt sei, körperliche Betätigung als Spaß zu sehen: niemand würde schließlich erwarten, dass Zähneputzen Spaß bringen sollte. Das täte man allein der Gesundheit zuliebe, und das wäre auch die richtige Einstellung zum Freizeitsport. Anders gesagt: Sport als Training, um Gesundheitsschäden vorzubeugen, und um beruflich leistungsfähiger zu werden. Spaß ist dabei nicht wichtig, im Gegenteil: wer sich jeden Morgen mit viel Willenskraft und zusammengebissenen Zähnen zum Joggen zwingt, würde es richtig machen.

Montag, 31. Mai 2010

Akupunktur wirkt - auch wenn man nicht an "Qi" glaubt.

Viele Mediziner und medizinisch versierten Laien lehnen die Traditionelle Chinesische Medizin (Abgekürzt: TCM) vor allem aufgrund des "esoterisch" anmutenden Konzeptes des "Qi" ab. (Woran der unscharfe Sprachgebrauch der Esoteriker, die alles Mögliche, darunter auch Qi, unterschiedslos als "Energie" oder "Power" bezeichnen, nicht ganz unschuldig ist.)

Sie bestreiten die Wirksamkeit vieler Behandlungsmethoden der TCM, weil deren Grundkonzepte naturwissenschaftlichen Prinzipien wiedersprächen. Wenn Methoden der TCM wie die Akupunktur, helfen, dann werden die empirisch belegten Wirkungen auf Placeboeffekte und psychologische Wirkmechanismen zurückgeführt. Was in vielen Fällen zutreffen dürfte - wobei die Kraft des Placeboeffektes nicht zu unterschätzen ist. Placeboeffekt heißt übrigens nicht, dass Akupunktur nur dann hülfe "wenn man ganz doll an Qi glaubt", wie ein skeptischer Spötter meinte.

Wenn eine Methode wie die Akupunktur in guten wissenschaftlichen Studien besser wirkt als Placebos, wird sie in die wissenschaftliche Medizin aufgenommen, denn dafür ist nämlich allein die Wirksamkeit das Kriterium und nicht die wissenschaftliche Erklärbarkeit. Also kann die Qi-Lehre so falsch sein, wie sie mag, wenn die Akupunktur tatsächlich wirkt, macht das nichts aus. Nachdem die "Hippokratische Körpersäftelehre" als unzutreffend erkannt worden war, verwarfen europäische Ärzte auch nicht alle bewährten Methoden, auch wenn diese bisher mit der Säftelehre erklärt worden waren.

Im Falle der Akupunktur gibt es schon seit einiger Zeit Hinweise darauf, dass sie über den Placeboeffekt hinausgehend wirkt:

Akupunktur ist mehr als Placebo (wissenschaft.de) Das Muster der Hirnaktivität ist bei echter Nadelbehandlung anders als bei Scheintherapie.
Heilsame Stiche (wissenschaft.de)
Akupunktur kann effektiv bei Spannungskopfschmerzen helfen.

Nun aber sieht es ganz so aus, als ob die tatsächliche Wirksamkeit der Akupunktur wirklich wissenschaftlich sauber nachgewiesen wäre.

Die schmerz­lindernde Wirkung der Akupunktur beruht danach weder auf der Ausschüttung von Endorphinen im Gehirn, noch ist sie reiner Placeboeffekt. Mehr noch: Die schmerzlindernde Wirkung der Akupunktur ist nun auch auf der molekularen Ebene nachgewiesen.

Die schmerzlindernde Wirkung von Akupunkturbehandlungen geht auf ein körpereigenes Molekül namens Adenosin zurück. Zu diesem Schluss kam Maiken Nedergaard vom University of Rochester Medical Center (USAI und ihr Team nach Versuchen an Mäusen. Die winzigen durch die Nadeln hervorgerufenen Gewebeverletzungen veranlassen demnach die Ausschüttung des Signalstoffs. Die Adenosinmoleküle docken an spezielle Rezeptoren an, die auf schmerzleitenden Nervenfasern sitzen, und dämpfen dadurch den Schmerz.
Menschen können auf den Placeboeffekt hereinfallen, Mäuse nicht. Daher waren sie für die Wissenschaftler die idealen Kandidaten bei der Erforschung der Akupunkturwirkung. In ihren Versuchen setzten sie Tieren, die an einer entzündeten Pfote litten, eine hauchdünne Nadel an einen klassischen Akupunkturpunkt in der Nähe des Knies, den sogenannten Zusanli-Punkt. Wie bei einer normalen Behandlung drehten sie dabei alle fünf Minuten vorsichtig die Nadeln, was die Wirkung noch verstärken soll.

Vor, während und nach der Behandlung untersuchten sie dabei zum einen, wie stark die Tiere auf standardisierte sanfte Berührungen oder Wärmereize an der entzündeten Pfote reagierten. Zum anderen maßen sie in der Gewebsflüssigkeit die Gehalte des Schmerzhemmers Adenosin. Sowohl die physische als auch die biochemische Reaktion der Mäuse war eindeutig: Durch die Akupunkturbehandlung stieg die Adenosinproduktion schlagartig um das 24-Fache an und die Schmerzen wurden deutlich gelindert – allerdings nur dann, wenn die Nadeln regelmäßig gedreht wurden.
Durch die Gabe von Wirkstoffen, die den Abbau von Adenosin im Gewebe verzögern, konnte die Dauer des lindernden Effekts verdreifacht werden.
Weiter: Biochemie statt Qi (wissenschaft.de)

Mehr dazu: Akupunktur: Wie ein Zytostatikum die Wirkung verstärkt (aerzteblatt.de)

Mittwoch, 26. Mai 2010

Die Krankheit mit 1000 Gesichtern

Heute ist internationaler MS-Tag.

Die Multiple Sklerose (MS) ist eine der häufigsten Erkrankungen des zentralen Nervensystems (Gehirn und Rückenmark). Weltweit haben mehr als 2 Millionen Menschen MS.
Die Nervenfasern des zentralen Nervensystems sind von einer schützenden Umhüllung, dem Myelin umgeben, welches bei der MS angegriffen und beschädigt wird. Wenn dies geschieht, können Signale aus dem Gehirn nicht weitergegeben werden.
So entstehen die verschiedenartigen Symptome, wie z.B. eine erhöhte Muskelspannung, Muskelschwäche, Sehstörungen, Taubheitsgefühle, Gleichgewichtsstörungen, Schmerzen und Müdigkeit. Bei einzelnen Betroffene zeigen sich nur ganz geringe Auswirkungen der Krankheit, während bei anderen auch ein rasches Fortschreiten bis zur deutlichen Behinderung vorkommen kann. Bei allen Betroffenen ist der Verlauf der MS nicht genau vorhersehbar.

Multiple Sklerose (wikipedia)

MS ist eine Krankheit mit 1000 Gesichtern. Manche leben jahrzehntelang ohne Beeinträchtigung mit der Diagnose, andere sterben schnell - und andere leiden grausam.

Hier ein sehenswertes Video zum MS-Tag, mit Original-U2-Soundtrack: "Beautiful Day":

Beautiful Day - Deutsch from MSIF on Vimeo.

(Hingewiesen wurde ich von: karan.troubadoura)

www.woldMSday.org

Freitag, 30. April 2010

Medizinjournalismus: Manipulieren für einen guten Zweck?

Die Warnungen vor Hautkrebs zum Anfang der warmen Jahreszeit gehören seit Jahren genau so zum jährlichen medizinjournalistischen Ritual wie die Zecken. Während im Falle der Warnungen vor "dieses Jahr besonders zahlreichen Zecken" (egal, ob der Winter kalt oder mild, trocken oder feucht, kurz oder lang war) und der angeblich "immer größer werdenden Gefahr der FSME" die Nähe zu interessierten Pharmaunternehmen mit den Händen zu greifen ist: Frühlingserwachen der Zecken-Experten (stationäre Aufnahme), stehen hinter den Hautkrebswarnungen keine offensichtlichen wirtschaftlichen Interessen - mit Früherkennung ohne großen apparativen Aufwand lässt sich längst nicht so viel verdienen, wie mit (meist überflüssigen, hin und wieder gefährlichen) FSME-Impfungen.

Trotzdem haben Meldungen wie diese (Zahl der Hautkrebsfälle steigt rasant an. Jedes Jahr erkranken 195 000 Deutsche an Hautkrebs) einen unangenehmen Beigeschmack. Darauf, dass die alarmierenden Zahlen nicht zuletzt auf eine verstärkte Diagnostik zurückzuführen sind, und daher in gewisser Weise ein gutes Zeichen sind, bloggte ich schon mehrmals: Was jeder weiß ..., “Todesurteil für UV-süchtige Teenager“ und Noch eine Horror-Prognose .... Die an sich nahe liegende gute Nachricht - " Hautkrebs wird heute meist schon im frühen Stadium entdeckt" - scheint kaum Nachrichtenwert zu haben.
Interessante Daten und Fakten über den mit Abstand gefährlichsten Hautkrebs, das maligne Melanoms der Haut, dem "schwarze Hautkrebs", erfährt man auf der Website des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen e. V. Zahlen, Daten, Fakten - Malignes Melanom der Haut. Es ist nicht ganz einfach, diese nüchternen Fakten - die jedem Hautarzt bekannt sein sollten - mit den alarmistischen Behauptungen in Einklang zu bringen.
Wobei der Alarmismus nicht einmal vor Lügen haltmacht: Letztes Jahr hieß es im Rahmen der allfrühjährlichen Hautkrebs-Warnsaison:
Untersuchungen haben gezeigt, dass jede zweite 14-Jährige einmal pro Woche ins Sonnenstudio geht. Eine laut Stockfleth bedenkliche Zahl: Denn je öfter ein Mensch seit frühester Kindheit der Sonnenbestrahlung ausgesetzt war, umso ist höher sein Hautkrebsrisiko.
Hautkrebs: Kein Solarium für Jugendliche.
Prof. Eggert Stockfleth ist Leiter des Hauttumor-Centrums am Universitätsklinikum Charité in Berlin. Sein Wort hat also Gewicht. Auf welche Untersuchungen sich seine Behauptung stützt, dass "jede zweite 14-Jährige einmal pro Woche ins Sonnenstudio" ginge, wüsste ich gerne. Es müsste, wenn das wahr wäre, sehr viel mehr auch im Winter auffällig gebräunte Teenager geben, als mir das bisher aufgefallen wäre.
Nach einer schon etwas älteren Umfrage des IJF Instituts für Jugendforschung (11/2005) benutzten etwa 7 Prozent der Jugendlichen in Deutschland bis einschließlich 18 Jahren mindestens einmal im Monat eine Sonnenbank. Auf diese Umfrage stützt sich auch der Solarien-Fachverbandes "photomed": Wie nutzen Kinder und Jugendliche das Solarium?. Wenn man als "regelmäßige Nutzung" sinnvollerweise "Einmal pro Woche" definieren würde, ergäben sich in den Altersgruppen 13-16 Jahren überhaupt keine statistisch darstellbare Nutzung.
Auch aus einer neuere Umfrage des Forschungszentrum Jülich (in Auszügen auf der Website der Fachzeitschrift "BMC Dermatology" A population-based survey on tanning bed use in Germany) lässt nichts auf einen massenhaften Solariumsgebrauch durch Teenager schließen. Die Solarienverbände haben auch in eigenen Untersuchungen festgestellt, dass Jugendliche unter 18 nur 3,5 Prozent der Solarien-Kunden ausmachten - weshalb die Solarien-Lobby kaum Widerstand gegen das 2009 verabschiedete "Solariengesetz" (Gesetz zur Regelung des Schutzes vor nichtionisierender Strahlung) leistete, dessen wichtigste Bestimmung das Solarienverbot für Jugendliche unter 18 Jahren ist: Die paar minderjährigen Kunden wären einem möglichen Imageschaden durch den Vorwurf, der "Asitoasterbranche" sei die Gesundheit schützbedürftiger Jugendlicher schnuppe, vermute ich, nicht wert gewesen.

Auch zum Thema "Lügen und Medizinjournalismus" gehört, dass "photomed" anscheinend jede Meldung darüber, wie wichtig das "Sonnenvitamin" D3 für die Gesundheit ist, als Argument für den Sonnenbankbesuch ausschlachtet. Allerdings sind die wirtschaftlichen Interessen, die künstliche Besonnung als "gesund" zu verkaufen, in diesem Fall offensichtlich.

Wie auch immer die konkreten Motive hinter den Hautkrebs-Alarmmeldungen in jedem Frühling aussehen, sie passen in die allgemeinen Tendenz, die Ursachen gefährlicher Krankheiten am Lebensstil des Einzelnen festzumachen - der Kranke ist also "selber Schuld" an seinem Leiden.
Dass die simple Gleichung: "Mehr Sonne = mehr schwarzer Hautkrebs" nicht stimmt, geht aus dem europäischen Vergleich hervor:
Die meisten malignen Melanome werden in Europa in für Männer in Schweden und Dänemark diagnostiziert, für Frauen in Dänemark, Österreich und Schweden. Ähnlich wie in Europa insgesamt zeigt sich auch ein leichtes Nord-Süd-Gefälle innerhalb Deutschlands. Im Vergleich zu den deutschen Werten sehr niedrige Erkrankungsraten treten für beide Geschlechter in Griechenland auf.
Der BVDD vermutet, dass das mit der Hautpigmentierung der jeweiligen Bevölkerung zusammenhängt, also salopp gesagt: der "typische" Grieche wird schneller braun als der "typische" Däne und bekommt daher weniger Hautkrebs. Allerdings ist in Griechenland die "Sonnengesamtbelastung" aber auch sehr viel größer als in Dänemark.
Als Risikofaktoren gelten eine große Anzahl von Pigmentmalen (Nävi), vor allen solche mit unregelmäßiger Form, ein heller Hauttyp und eine genetische Disposition (bei familiär gehäuftem Auftreten).
Obwohl bisher keine Dosis-Wirkungs-Beziehung bestimmt werden konnte, scheint intensive Sonnenexposition oder Exposition gegenüber künstlicher UV-Strahlung, insbesondere in der Kindheit, die Entstehung der Erkrankung zu begünstigen. Andere Faktoren, etwa bestimmte Chemikalien, Medikamente oder der Einfluss von Schwangerschaften, werden sehr kontrovers diskutiert.

Es wäre, im Sinne der Gesundheitsaufklärung, gar nicht so schlecht, wenn dieser unsichere Erkenntnisstand allgemein bekannt wäre.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Haschisch als Medikament

Es ist eine Binsenwahrheit (oder sollte zumindest eine sein), dass Cannabis-Produkte nicht wegen ihrer Gefährlichkeit verboten wurden. Das gilt ungeachtet der tatsächlichen gesundheitlichen Risiken, von Bronchitis bis Persönlichkeitsveränderungen. (Ausführlich habe ich mit dieser Thematik hier auseinander gesetzt: 70 Jahre Marihuana-Verbot in den USA - ein fragwürdiges Jubiläum.)
In der Diskussion um die "Rauschdroge Hanf" geriet die pharmazeutische Anwendung von Cannabis in den Hintergrund. Erst seit einigen Jahren werden Cannaboide als Medikament, z. B. bei Multipler Sklerose oder bei Grünem Star, wiederentdeckt.
Noch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war Cannabis, gewöhnlich in Form von alkoholischen Extrakten, ein leicht verfügbares und häufig verschriebenes Medikament. Die Anwendungen reichten von Kopfschmerzen bis Hühneraugen.
Ab 1929 war Cannabis in Deutschland apothekenpflichtig, aber nach wie vor ein fester Bestandteil des Arzneimittelschatzes. Vor allem naturheilkundlich orientierte Ärzte zogen es, z. B. bei der Schmerzbehandlung, synthetischen Medikamenten wie Paracetamol vor. (Hierzu mehr in der Wikipedia: Cannabis als Arzneimittel.)
Erst 1971 wurde Cannabis in das "Opiumgesetz" aufgenommen und damit seine Anwendung als Arzneimittel praktisch verboten. Pflanzliche Cannabisprodukte bzw. -zubereitungen (Phytopharmaka) sind in Deutschland nach wie vor gemäß dem Betäubungsmittelgesetz grundsätzlich nicht verkehrsfähig und können daher auch nicht ärztlich verschrieben werden. Es dauerte bis 2005, bis Patienten, die auf die Standardtherapien nicht ansprechen, den "Erwerb von Cannabis zur Anwendung im Rahmen einer medizinisch betreuten und begleiteten Selbsttherapie" beantragen können.
Synthetische Cannaboide können erheblich leichter als Medikament verordnet werden, als aus Hanf gewonnene. Das ist sicherlich bei vielen Anwendungen auch pharmakologisch sinnvoll. Allerdings ist der natürliche Wirkstoff wesentlich kostengünstiger als synthetisch hergestellte Cannaboide, so dass theoretisch die synthetischen Cannaboide nur bei therapeutischer Überlegenheit gegeben werden sollten. Dem steht der schlechte Ruf des "Rauschgifts" entgegen.

Eine etwas überraschende mögliche Wirkung von Cannabis könnte die Prävention von Alkoholschäden sein.
Haschisch: Schutz des Gehirns vor Alkoholschäden? (Pharmacon Net). Kalifornische Forscher untersuchten die Wirkungen von Alkohol und Cannabiskonsum auf die Integrität der weißen Substanz des Gehirns. Sie verglichen 42 Heranwachsende im Alter zwischen 16 und 19 Jahren, die aus drei Gruppen bestanden: starke Alkoholkonsumenten, starke Alkoholkonsumenten, die auch viel Cannabis konsumierten, und Jugendliche, die keine Drogen konsumierten (Kontrollpersonen). Dabei zeigte sich, dass starke Alkoholkonsumenten, die auch Cannabis verwendeten, weniger Veränderung der weißen Gehirnsubstanz hatten als reine Alkoholkonsumenten. Das könnte ein Hinweis auf neuroprotektive Eingenschaften sein.
Auf weitaus sichererem Grund befindet sich die Anwendung von Cannabis in der Schmerztherapie: Cannabis gegen Schmerzen vor dem Durchbruch: Positive Wirkung bei mehreren Erkrankungen bereits wissenschaftlich bewiesen (pharmacon.net).

Interessante neue Erkenntnisse gibt es auch bei der Erforschung der Funktion der köpereigenen Cannaboide. Wissenschafter der University of California und der University of Georgia haben nachgewiesen, dass eine Cannabis ähnliche im Gehirn natürlich produzierte Substanz dem Körper bei der Schmerzlinderung hilft. Diese Forschungsergebnisse sollen zur Entwicklung neuer Medikamente führen, die diese natürliche Reaktion anregen können: Körper eigenes Cannabis hilft gegen Schmerzen: Bedeutung der Endocannabinoide erstmals erforscht (pharmacon.net).

Samstag, 5. September 2009

Die Erschaffung des Vitamin-C-Mythos

Mangel an Ascorbinsäure - besser bekannt an "Vitamin C" - führt zur der als "Geisel der christlichen Seefahrt" bekannten Mangelkrankheit Skorbut und erhöht die Infektanfälligkeit. Aber schon eine halbwegs gesunde Ernährung deckt den Vitamin-C-Bedarf von 100 mg pro Tag ab (das ist die bereits hochgegriffene Empfehlung der deutschen Gesellschaft für Ernährung - schon 20 mg Ascorbinsäure reichen aus, um Skorbut zu verhindern). Wer viel Obst und Gemüse isst, übertritt diesen Wert bei weitem. Daher sind Vitamin-C-Präparate für einen gesunden Menschen, der sich abwechslungsreich und vollwertig ernährt, völlig überflüssig. Sie schaden aber auch in aller Regel nicht, da der Körper einen Überschuss an Ascorbinsäure wieder über die Nieren ausscheidet.

Im Anschluss an den Beitrag über Entsäurerung lässt sich sagen, dass sehr hohe Vitamin-C-Dosen, auf die selbst der eifrigste Obstesser und Gemüsefan nicht kommen dürfte, die Oxalat- und sekundär auch die Harnsäure-Konzentrationen im Blutplasma steigern. Das ist ab 1000 mg pro Tag - dem zehnfachen der empfohlenen Dosis - nachweisbar. Erst ab etwa 6000 mg pro Tag steigt auch der Oxalatspiegel im Urin und damit das Risiko für Nieren- und Blasensteine. Allerdings sinkt die Resorption von Ascorbinsäure im Darm bei hohen Dosen ab - ein Grund, weshalb man mit natürlichen Vitamin-C-Quellen nicht auf einen gefährlich hohen Ascorbinsäurespiegel kommt. Anders gesagt: man muss sich schon mit Megadosen quälen, um sich mit Vitamin C zu schaden.

Weil es, auch für therapeutische Zwecke, genügend Vitamin C aus natürlichen Quellen gab, gab es 1933, als dem Schweizer Chemiker Thadeus Reichstein ein Verfahren zur synthetischen Herstellung von Ascorbinsäure patentiert wurde, dafür im Grunde keinen Bedarf. Das Pharmaunternehmen Roche kaufte das Patent trotzdem, da es in der Weltwirtschaftskrise auf der Suche nach neuen Produkten war und auf eine noch zu entdeckende neue therapeutische Anwendung hoffte. Diese neue Anwendung als Arzneimittel wurde aber nie entdeckt. Trotz fehlendem Bedarf für synthetisches Vitamin C wurde es für Roche zur Goldgrube. Denn nach dem Vitamin selbst wurde auch die Nachfrage nach dem Vitamin künstlich hergestellt.
Das Unternehmen stützt sich dabei – und das ist gesellschaftlich brisant – auf einen ganz bestimmten Begriff von Gesundheit: Gesund ist nicht, wer nicht krank ist, sondern wer leistungsfähig bleibt. Es geht um Prävention und die «Volksgesundheit», und Roche gelingt es, Vitamin C mit dem öffentlichen Interesse an einem leistungsfähigen «Volkskörper» zu verknüpfen. Und genau darin sieht Bächi das Entscheidende in der Karriere dieses Stoffs.
Vitamin C – vom Ladenhüter zum Milliardengeschäft (BaZ) - via Stationäre Aufnahme.

Trotz des bis heute nachwirkenden Vitamin-C-Hypes wird die meiste synthetisch oder biotechnisch gewonnen Ascorbinsäure zu einem nicht-pharmazeutischen Zweck verwendet: Sie wird als Konservierungsmittel - genauer gesagt: als Antioxidans - vielen Lebensmittelprodukten (unter der Nummer E 300) zugesetzt. Diese Anwendung erschloss sich dem einstigen "Ladenhüter" Ascorbinsäure aber lange nachdem es als "Fitmacher" etabliert war.

Donnerstag, 3. September 2009

Pseudowissenschaftliche Mimikry: Entsäuerung

Neben der "Entschlackung" (als ob unser Stoffwechsel ein Hochofen wäre) ist die "Entsäuerung" eines der häufigsten pseudowissenschaftlichen Schlagworte, mit der Diäten und Nahrungsergänzungsmittel angepriesen werden.

Entsäuerung ähnelt in mancher Hinsicht dem inzwischen aus der Mode gekommenen "Biorythmus". Die Vertreter des "Biorhythmus" behaupten, dass sich die "gute und schlechte Tage" eines Menschen mit einem einfachen Rechenverfahren aus drei "Grundrythmen" zu 23, 28 und 33 Tage berechnen ließen. Der Aussagewert dieses Biorythmus entspricht etwas dem Versuch, durch Würfeln "gute" und "schlechte" Tage bestimmen zu wollen. Es gibt aber eine seriöse wissenschaftliche Disziplin, die Chronobiologie, die mit naturwissenschaftlichen Methoden die zeitliche Organisation von Lebewesen untersucht - die "biologischen Rhythmen". Der Hype um den "Biorythmus" in den 1980er Jahren ist ohne diese beabsichtigte Verwechslung kaum zu erklären. Die "innere Uhr" gibt es wirklich, nur läuft sie nicht so gleichmäßig, dass irgendeine Rechnung mit starren Zyklen Sinn machen würde.

Nach einem ähnlichen Prinzip, das man "pseudowissenschaftliche Mimikry" nennen könnte, funktioniert die "Entsäuerung". Sie beruht unter anderem darauf, dass wahrscheinlich jeder schon mal etwas vom wichtigen Säure-Basen-Haushalt in unserem Körper gehört hat, von der Übersäuerung der Muskulatur bei zu hartem Training und von den üblen Folgen eines zu hohen Harnsäurespiegels.
Anhänger der Idee der allgemeinen "Übersäuerung" unseres Körpers behaupten, dass unser Stoffwechsel ständig Säureattacken neutralisieren muss, damit die Zellen und der Stoffwechsel normal funktionieren. Unsere heute übliche Lebensweise und Ernährung wird für andauernde, heftige Säureattacken verantwortlich gemacht. Auf die Dauer führe das zu einer allgemeinen Übersäuerung in den Geweben. Glaubt man einige Anhängern der "Übersäuerungshypothese", die ich im Folgenden einfach "Entsäuerer" nenne, ist Übersäurung verantwortlich für nahezu alle Zivilisationskrankheiten und allgemeinen Befindlichkeitsstörungen.

Das erste "Original": Der Säure-Base-Haushalt
Der Säure-Base-Zustand im durchbluteten Körpergewebe entspricht dem des Blutes. (Die Oberhaut oder z. B. die Schleimhäute in Magen und Darm weichen davon ab, aber das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.) Der "Laborwert", der den Säure-Base-Zustand des Blutes angibt, ist der pH-Wert. Je niedriger der pH-Wert ist, desto saurer ist das Blut - und je höher, desto basischer. Destilliertes Wasser ist neutral und hat einen pH-Wert von 7, Essig hat einen pH-Wert von etwa 2,5, Magensäure von 1,0 - 1,5, der von der Bauchspeicheldrüse abgegebene Darmsaft 8,3 und Seife einen von 9 - 10.
Unsere Körperzellen können nur in einem bestimmten, leicht basischen Bereich arbeiten, deshalb hat das Blut beim gesunden Menschen einen pH-Wert von 7,37 bis 7,45. Vor allem die Lunge, die Leber und die Nieren halten das notwendige Verhältnis von Säuren und Basen im Gleichgewicht.
Bei einigen Krankheiten, vor allem schweren Infektionen, aber auch bei Vergiftungen oder nach langem Hungern, kann sich das Gleichgewichts verschieben. Liegt der pH-Wert unter 7,37 (was chemisch gesehen immer noch im basischen, nicht im sauren Bereich wäre), spricht man von Übersäuerung (Azidose), bei einem pH-Wert über 7,45 von einer Alkalose. Menschen, bei denen das der Fall ist, sind in Lebensgefahr und müssen intensiv behandelt werden. Bei den meisten Krankheiten weicht der pH-Wert des Bluts - und damit der durchbluteten Gewebe - allerdings nicht vom Normalbereich ab.

Das zweite "Original": die Harnsäure
Ein zu hoher Harnsäurespiegel im Blut kann zu Gicht, zur Harnsäure-Nierensteinen und im Extremfall zu Harnsäureinfarkten führen. Der häufigste Grund für eine erhöhte Harnsäurekonzentration (mehr als 0,4 mmol/l) ist die unzureichende Harnsäureausscheidung über die Nieren. Der Harnsäurespiegel ist z. B. beim erblichen Lesch-Nyhan-Syndrom erhöht, tritt aber auch bei der Fettstoffwechselerkrankung Hypertriglyceridämie auf, die durch hohes
Übergewicht oder starken Alkoholkonsum begünstigt wird. Auch eine starke Bestrahlung durch Röntgen- oder Gammastrahlen, etwa bei einer Strahlentherapie, kann den Harnsäurespiegel erhöhen. Aber auch die Ernährung beeinflusst den Harnsäurespiegel, und zwar durch die Aufnahme von Purinen. In Fleisch - vor allem Innereien wie Leber und Niere - in Fisch und in Hefe sind viele Purine enthalten, aber auch in Hülsenfrüchten und Nüssen. Stark purinhaltig sind auch Bier und Cola. Die Purine in Kaffee, schwarzem Tee und Kakao werden übrigens nicht zu Harnsäure abgebaut, deshalb gilt der Rat "kein Bohnenkaffee bei Gicht" als veraltet. Der Harnsäurespiegel kann z. B. nach einer reichlichen Fleischmahlzeit mit viel Bier kurzfristig deutlich ansteigen, reguliert sich beim gesunden Menschen aber schnell wieder ein.

Das dritte "Original": der Milchsäurespiegel
Der "Milchsäurespiegel" wird normalerweise angegeben durch den Lactatwert. Bei starker Muskelbeanspruchung kann es zum Anstieg des Blut-Lactatgehaltes kommen, wenn dem Muskel nicht genügend Sauerstoff zugeführt wird. Dann spricht man von anaerobe Bedingungen. Steht den Muskelzellen zu wenig Sauerstoff zur Verfügung, stellen sie auf "Notbetrieb" um und gewinnen Energie durch eine Prozess, der der Milchsäuregärung entspricht. Die dabei anfallende Milchsäure (Lactat und H+) wird aus den Zellen geschwemmt und mit dem Blut abtransportiert. Früher vermutete man, dass dieser Vorgang die Ursache des Muskelkaters sei ("Muskel ist sauer geworden"). Beim "anaeroben Betrieb" macht der Körper sozusagen "Sauerstoffschulden", die anschließend mit tiefen Atemzügen "zurückgezahlt" werden müssen. (Gegensatz: aerobe Bedingungen, Muskeltätigkeit mit ausreichend Sauerstoff. Die bekannte Tanzgymnastik "Aerobic" hat ihren Namen danach, dass bei ihr immer genug Sauerstoff für aerobe Muskeltätigkeit eingeatmet wird. Beim Laufen gilt die Faustregel: "Aerobisch ist Laufen ohne Schnaufen.")

Die Mimikry: die Übersäurungshypothese
Glaubt man den "Entsäuerern", dann führen die vermutete Übersäuerungen im Gewebe zu einer erhöhten Infektanfälligkeit. Außerdem soll Übersäuerung angeblich Hauterkrankungen, Allergien, Cellulitis, Asthma, Tinnitus, Kopfschmerzen, Gelenkerkrankungen und Osteoporose, Erschöpfungszustände und chronische Müdigkeit verursachen. Einige "Übersäuerungs-Experten" führen sogar die Arteriosklerose, die über Durchblutungsstörungen zum Herz- und Hirninfarkt führen kann, auf Säureüberschuss zurück.
Gegen die vermutete Übersäuerung wird empfohlen, dass weniger Säuren und mehr Basen mit der Nahrung aufgenommen werden sollen. Außerdem soll die Ausscheidung von Säuren gefördert und deren Neubildung im Körper gehemmt werden. Daraus leiten die "Entsäuerer" ihre Ernährungsempfehlungen ab. Ungünstige Nahrungsmittel sind demnach Kaffee, schwarzer Tee, Cola, Alkohol, Fleisch, Hartkäse oder Süßigkeiten. Stattdessen sollen mehr frisches Obst und Gemüse und vor allem Kartoffeln auf dem Speiseplan stehen.
Für Menschen mit erhöhten Harnsäurespiegel ist das eine sehr sinnvolle Diät (abgesehen vom Verzicht auf Kaffee und Tee, deren Purine nicht zu Harnsäure abgebaut werden). Anderen Menschen kann sie zumindest gesundheitlich nicht schaden.
Ein anderer sinnvoller Rat der "Entsäuerer" ist es, regelmäßig, in Maßen und in Ruhe zu essen. Auch gegen den Rat, Stress zu vermeiden, Entspannungstechniken wie autogenes Training zu praktizieren und ausreichend zu schlafen, lässt sich schwerlich etwas sagen.
Um die Säureausscheidung zu verstärken, empfehlen die "Entsäuerer" viel Bewegung, Kneipp-Anwendungen und Saunagänge.
Auch wenn das den ph-Wert der Gewebe nicht erhöht, ist das bei den meisten Menschen gesundheitsfördernd.

Also ist "Entsäuern" zwar medizinischen gesehen Unfug, aber wenigstens ein Unfug, der nicht schadet, sondern eher nützt?
Das wäre der Fall, wenn die "Entsäuerer" nicht zusätzlich zu ihren sinnvollen oder wenigstens unschädlichen Gesundheitsratschlägen Nahrungsergänzungsmittel wie "Basentabletten" oder "Basenpulver" anpreisen würden. Diese Präparate sind unterschiedliche Mischungen aus Spurenelementen und anderen Mineralstoffen, oft auch in Kombinationen mit weiteren Stoffen wie Vitaminen. Diese Präparate sollen den Ausgleich des Säure-Basen-Haushalts unterstützen und werden außer im Esoterik-Handel auch in Reformhäusern und sogar in Apotheken angeboten.
Das Dumme ist nur, dass basische Mineralien schon im Magen mit einer starken Säure in Kontakt kommen und neutralisiert werden. Allenfalls steigt der pH-Wert der Magensäure etwas an.
Außerdem bestehen die Entsäuerungspräparate durchweg aus vergleichsweise preiswerten Zutaten, und werden zu manchmal abenteuerlich hohen Preise verkauft.

Was ist also vom "Entsäuern" zu halten?
Störungen des Säure-Basen-Haushalts sind unstrittig gefährlich, ein zu hoher Harnsäurespiegel kann zu Gicht, Harnsäure-Nierensteinen und Harnsäure-Infarkten führen, und beim Ausdauersport sollte man den Michsäurespiegel (Laktatspiegel) niedrig halten.

Hingegen gibt es die "Gewebeübersäuerungen", jedenfalls in der Form, in der sie von den "Entsäuerern" angenommen werden, wahrscheinlich überhaupt nicht. Außerdem reguliert der menschliche Organismus gerade den Säure-Basen-Haushalt enorm effizient.
Die Behauptung, dass nahezu alle Zivilisationskrankheiten durch eine allgemeine Übersäuerung verursacht oder wenigsten mitverursacht werden, ist wissenschaftlich nicht belegt und noch nicht einmal plausibel.

Die allgemeinen Empfehlungen der "Entsäuerer" sind meistens gesundheitsförderlich oder wenigstens nicht schädlich. Aus der Sicht der Naturheilkunde sind richtige Ernährung, Bewegung, Entspannung und Kälte- und Wärmereize wichtige Säulen einer ganzheitlichen, ursächlichen, Behandlung von Krankheiten. Darüber hinausreichende spezielle "entsäuernde" Präparate sind dagegen sinnlos - (und meistens noch nicht einmal "gute" Placebos).
Schlimmer noch: stark mineralhaltige Präparate sollten grundsätzlich nur nach Rücksprache mit dem Arzt oder Heilpraktiker eingenommen werden, da bei Überdosierungen gefährliche Nebenwirkungen möglich sind.
Ein weiteres Risiko besteht darin, dass stark auf die "Übersäurungs"-Hypothese fixierte Patienten (und Heilpraktiker) unter Umständen die möglichen wirklichen Ursachen (Grunderkrankungen) für die Symptome übersehen. Das kann die Diagnose der Grunderkrankungen verzögern, zu Fehldiagnosen führen, oder sogar dazu, dass notwendige medizinische Behandlungen versäumt werden.

Dienstag, 18. August 2009

Wer viel denkt schützt sein Gehirn

Was bei Muskeln und Knochen allgemein bekannt ist, gilt offenbar auch für das Gehirn - regelmäßige Übung schützt vor Verfall, oder in der Sprache der Fitnesstrainer: "Use it - or loose it!"
Vermutet wurde es längst, jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt, dass
Gehirnzellen länger leben, wenn das Gehirn ständig gefordert ist. Der Mechanismus ist allerdings ein anderer als bei Muskeln oder Knochen: Neurobiologen an der Uni Heidelberg haben festgestellt, dass die Hirnaktivität ein spezielles genetisches Programm in Gang setzt. Dieses aktiviert wiederum Schutzgene, die das Überleben der Zellen deutlich verstärken. Die in der Fachzeitschrift "PLoS Genetics" veröffentlichten Forschungsergebnisse eröffnen neue Perspektiven für therapeutische Ansätze zur Behandlung degenerativer Erkrankungen des Nervensystems.
Leider schützt Hirntraining nur vor dem Absterben von Gehirnzellen; ein Neuaufbau, wie bei Muskeln und zu einem gewissen Grade bei Knochen, ist nicht möglich.

Mehr:
Gehirntraining schaltet Schutzgene ein (scinexx)
Schutzgene für Nervenzellen: Ein aktives Gehirn lebt länger (Pressemeldung der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

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