Kulturelles

Mittwoch, 5. Dezember 2012

JETZT! - Das neue Album der "Singvøgel"

Die Band „Singvøgel“, das sind Karan, Duke Meyer und Sven Scholz, gibt es seit nunmehr 10 Jahren. Ursprünglich waren sie ein Gesangsduo zweier Sänger, die nicht unterschiedlicher sein konnten, später kam mit Sven ein Schlagzeuger und Arrangeur hinzu, womit aus dem „Liedermacher-Duo“ ein „Rock- und Pop-Trio“ wurde. Wobei der Name für ein Gesangs-Duo fast Selbstparodie und für eine Rockband einfach nur schräge ist.
Wer sozusagen aus erster Hand – bzw. aus berufenem Mund – mehr über die Band mit dem schrägen Namen und dem schrägen „ø“ wissen will, dem empfehle ich den fast drei Stunden langen, informativen, amüsanten und mit vielen Musikbeispielen gewürzten Podcast von Band-Mitgründer Duke. (Download, MP3, ca. 366 MB)

Als Lifeband sind die „Singvøgel“ ein Erlebnis. Für die Studio-Aufnahmen galt das bisher nur bedingt. Die bisherigen Alben der Band stehen auf hohem Amateur-Niveau, was für das einstige Duo durchaus reichte, den musikalischen Ambitionen der Rockband aber nicht immer gerecht wurde.
Durch einen jener Glücksfälle, die der üblichen Lebenserfahrung in unsere Gesellschaft widerspricht, nämlich der, dass niemand einem etwas schenkt, die allerdings aus Gründen, die ich nicht weiter ausführen möchte, im Umfeld der „Singvøgel“ gehäuft auftreten, kamen die „Vøgel“ zu dem zumindest vom Namen her passenden Produzenten Ingo Vogelmann. Ein erfahrener professioneller Produzent ist für eine ambitionierte Band unbezahlbar – und für eine kleine ambitionierte Band buchstäblich unbezahlbar. Die „Singvøgel“ hatten das Glück des Tüchtigen: Ingo produzierte das neue Album JETZT nämlich aus Freundschaft und wegen des ihn offensichtlich faszinierenden musikalischen Potentials der Band für lau!
Nicht nur bei der Produktion gingen die „Singvøgel“ neue Wege. Schon bisher steigerte sich von CD zur CD der Aufwand der Ausstattung – klar, denn ein CD-Käufer will ja einen „Mehrwert“ gegenüber dem Download, etwa ein Booklet.
Um dem musikalisch ambitionierten Album auch zur einer angemessene CD-„Pressung“ mit angemessener Ausstattung zu verhelfen, wagten die „Singvøgel“ ein Experiment: Crowdfunding. Für etablierte Bands ist das ein inzwischen bewährter Weg, für eher unbekannte „kleine“ Bands mit überschaubarem Fandom immer noch ein Wagnis. Es glückte – das crowd-finanzierte Album „JETZT“ ging ins Presswerk!
Singvøgel - Jetzt - Front Cover

Bevor ich zum Inhalt des Albums komme, muss ich erst einmal reinen Wein einschenken: Es entspricht nicht unbedingt meinem Musikgeschmack. Das gilt für Ingos wirklich professionelle Produktion, die allerdings manchmal „not quite my cup of tea“ ist, zum Teil auch für das für meinen persönlichen Geschmack zu heftige Pathos einiger Songs. Es macht sich eben bemerkbar, dass ich ein Freund des „klassischen“ Gitarren-Rocks bin, ganz gerne mal Punk und Garage höre, klassische Musik überaus schätze und seit einiger Zeit den Jazz für mich entdecke - und mich an „überproduzierten“ und „glattgebügelten“ „Wall-of-Sound“-Produktionen, an Pathos und Prunk einfach übergehört habe. Ich bin jemand, der aus Überdruss an verfeinerter Küche und üppigen Desserts lieber Schwarzbrot und saure Gurken isst – was nicht gegen verfeinerte Küche und Desserts spricht. Die „Singvøgel“ sind alles andere als musikalisches Fast-Food!

Der Aufmacher ist „Pegasus“. Der Text, gedichtet und gesungen von Karan, ist eine Huldigung an die Personifikation des schöpferischen Prinzips, dessen, was noch vor der Phantasie und der Inspriration kommt. Leider – ich bin kein Dichter - finde ich kein anderes Wort als den vernutzten Begriff „Kreativität“ um zu beschreiben, was „Pegasus“ unter anderem ist. Die erste Zeile, „Ich habe meine Heimat bei den Sternen“, könnte zugleich symptomatisch für die Band sein – sie hat Ambitionen, und zwar nicht zu knapp. Die Melodie ist ruhig und sanft, fast „schwebend“, die Besetzung „Singvøgel“-typisch halbakustische Gitarre, Flöte und Schlagzeug.

Dass die „Singvøgel“ eine gesellschaftskritische, durchaus politische, Band sind, zeigt sich in dem zweiten Song, „Renn, Elfe, renn“.
Wobei die besagte „Elfe“ einerseits eine großartige Metapher ist, „Elfen mit Kampfhubschraubern jagen“ ist, was etwa die Ideologie des Präventionsstaates und das Vorgehen eines Polizeistaates angeht, weitaus treffender als das bekannte „mit Kanonen auf Spatzen schießen“. Anderseits ist die Elfe natürlich eine Allegorie, unter anderem für Natur, für Phantasie, für das innere Kind und für das „Anderssein“. Aber die Elfe ist nach meinem Eindruck mehr als nur Metapher und Allegorie.

Das Intro sind Hubschraubergeräusche und Krähengeschrei – es evoziert die Atmosphäre eines „Castor“-Transportes, jedenfalls für den, der schon mal bei einer Anti-Castor-Demo im Wendland dabei war. Die Musik ist angemessen wuchtig-bedrohlich, der gesprochene Dialog Karans und Dukes in den Versen an militärischen Sprachgebrauch angelehnt – sozusagen „Hörspiel“. Im gesungenen Refrain „Renn, Elfe, renn, es geht um dein Leben“ wechseln sie die Ebene, und sprechen die Elfe und den Hörer direkt an: Sie werden dich nicht hängen, aber erfassen, überwachen, kontrollieren, schikanieren, kleinmachen, dir dein selbstbestimmtes Leben nehmen.

Renn Elfe, renn! (handcolorierte Fassung)

Nun mein persönlicher Favorit auf „JETZT“, ein unverkennbarer Duke-Song: „Der Wahnsinn allein“.
Die scheinbar abgedrehten Verse Dukes sprechen eine tiefe und gern verdrängte Wahrheit aus. Was wären wir, wenn wir allesamt „normal“, sozial angepasst, kontrolliert und vernünftig wären? Ohne eine Portion Größenwahn gäbe es weder künstlerische Ambitionen noch technische, kulturelle, politische Revolutionen, ohne mehr als eine Spur Beziehungswahn würde sich wohl kaum ein Mensch verlieben. Duke ist nach meiner bescheidenen Ansicht ein hervorragender Dichter.
Mir gefällt das Lied auch wegen seiner „beinahe live“-Atmosphäre. Hatte ich schon erwähnt, dass die „Singvøgel“ eine hervorragende Life-Band sind?

Wenn „Der Wahnsinn“ das „typische Duke-Stück“ des Albums ist, ist die melancholische Ballade „Aller Anfang ist Meer“ nach meinem Eindruck das „typische Karan-Stück“. Ruhig, romantisch, zurückhaltend und ein bisschen kitschig. Wie Duke ist auch Karan eine erstklassige Poetin, schon das Wortspiel „Aller Anfang ist Meer / mehr“ ist tiefsinnig und einer längeren Meditation wert. Im direkten Vergleich zum thematisch und musikalisch verwandten „Muschelkalk“ auf dem vorangegangenen Album „Für Zeiten wie diese“ erkannt man den Wert der professionelleren Produktion: Karans Stimme kommt wesentlich besser heraus, ebenso der Klang der Instrumente.

Der aufwendigste, ambitionierteste und aufsehenerregendste Song des Albums ist „Dea Dia.“ Er ist zugleich mein Problemsong. Ein Lied, das ich nur schwer ertrage.
Die „Dea Dia“ ist die in unserem Kulturkreis wenig bekannte römische Göttin des Wachstums, womit die alten Römer allerdings nicht das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes oder der Renditen meinten, zweier der wichtigsten „Götter“ unseres Kulturkreises, sondern das Wachsen der Vegetation, den Wandel, den Wechsel der Tages- und Jahreszeiten und der Lebensalter, der Entwicklung. Karan beschreibt in ihren Versen zuerst den unbefriedigenden Ist-Zustand, in Worten, die eine treffende Beschreibung einer milden depressiven Verstimmung oder die Vorboten eine echten depressiven Episode sein könnten. Man könnte auch sagen: sehr melancholisch. „Alle Schönheit trägt ein Trauerkleid“. Dann die Anrufung und schließlich die Huldigung der Göttin: „Wurzel allen Wandels“.
Obwohl mir die Verse, aus Gründen, die nicht in die Öffentlichkeit gehören, schwer innerlich zu schaffen machen, sind sie nicht der Grund, wieso „Dea Dia“ für mich ein Problemsong ist.
Für mein Empfinden ist „Dea Dia“ irgendwie „überproduziert“, zu viel „Pop-Zuckerguss“, zu viel „Wall of Sound“, zu bombastisch.
Wobei die "Singvøgel", wie mir Sven verriet, es ja pathetisch wollten, es also nicht allein Ingo Vogelmanns „Handschrift“ ist, die sich hier bemerkbar macht.
Von Ingo ist das gut drei Minuten lange Intro. Ein ausgeklügelter Synthesizer-Klangteppich. Für mich als Kraftwerk-Fan müsste das Intro von Ingo theoretisch genau meine Kragenweite sein, ist es seltsamerweise nicht. Ich habe mir zum Vergleich extra ein paar alte Kraftwerk-Sachen vom Album „Die Mensch-Maschine“ angehört: „Kraftwerk“ war verdammt rau damals, die Musik aus den zum Teil selbstgebastelten Analog-Synthesizern „klingt nach Strom“. Das Dea-Dia-Intro ist im direkten Vergleich beinahe soft, moderner, sauberer – aber unverkennbar „Kraftwerk-Schule“. Wandel der Produktionstechnik, Wandel des Zeitgeschmacks, insofern wieder zum Thema passend.
Der Hauptteil ist Pathos pur. Erst ein paar Klavierakkorde, dann ein lateinischer Vers, mit dem Karans melancholischer Gesang beginnt (enos lares iuvate,) und dann wird es richtig „episch“, fett arrangiert, mit verzerrter Gitarre als Rock-Element. Nach der Melancholie allzu euphorisch, hymnisch, pathetisch.
Mein Geschmacksurteil, ich weiß. Schiebe ich meinen Geschmack mal beiseite, muss ich anerkennen: Ingo versteht sein Handwerk. Und was gehen mich die Ambitionen der „Singvøgel“ an?
Mit Blick auf das, was musikalisch zur Zeit gut läuft, ist „Dea Dia“ genial, nicht nur, weil Moll-Songs seit Jahren im wachsendem Maße die Charts dominieren. Er fängt da an, wo der „Melancholie-Pop“ zwischen Lana del Rey und „Silbermond“ mangels Mut aufhört. Im deutschen Sprachraum traue ich allenfalls noch „Rosenstolz“ etwas annähernd in dieser Klasse zu, aber nur annähernd.(Ein nicht fairer Vergleich, bzw. da vergleiche ich Äpfel mit Birnen.)
Über das aufwendige und handwerklich hervorragende Video zum Song von George P. Schnyder schreibe ich besser nichts, das ist ein Kapitel für sich. Eines, das für mich, aus meiner ganz persönlichen Situation heraus, nicht zu ertragen ist: Angstschweiss statt Gänsehaut.

Die „Krähe im Kopf“, gedichtet und gesungen von Karan war ursprünglich ein „Vögel im Kopf“, im Sinne von „einen Vogel haben“. Inhaltlich eine weniger heftige Ergänzung zu Dukes genialem „Wahnsinn“, mit versöhnlichem Schluss: „Ich hab ne Krähe im Kopf und lass sie fliegen.“
Für meinen Geschmack mit etwas zu viel Pathos arrangiert und produziert.

„Auch“ ist fast schlagerhaft produziert (aus meinem Mund kein Kompliment) und angenehm anzuhören (was durchaus ein Lob ist), mit leichten Anklängen an Reinhardt Mey – einem, was immer man von ihm halten mag, großartigem Verseschmied.
Ein sehr versöhnlicher Song, entspannend, freundschaftlich und kein Stück traurig.
Das „gemütliche“ und dichte Arrangement und die „fette“ Produktion passen, mit Blick auf das breite Publikum, schon. Es ist der meiner Ansicht nach „radiotauglichste“ Track von JETZT.

„Meistens auf der Flucht“ ist gesellschafts- und selbstkritisch, ohne „Politsong“ zu sein. Duke treffende, wahre und und ironisierte Beschreibung der erbärmlichen, Mentalität des typischen Mannes, der nach den Komplimenten der Frauen giert, aber eigentlich ab und an im passenden Moment einen Tritt in die Eier bräuchte. „Wir sind so logisch, wie ein Bündel Faden im Spiel der Katz – und wenn uns keine Lob sind wir verratzt.“
Zu Produktion und Arrangement schreibe ich dieses Mal nichts.

Der neunte und letzte Track ist die „Ambient“-Reprise von „Pegasus“, in der Ingo Vogelmanns Einfluss überdeutlich ist. Na ja, wem‘s gefällt.

Nun zum Klang, sowie ich es als Nicht-Musiker überhaupt beurteilen darf. Im direkten Vergleich z. B. zu „Für Zeiten wie diese“ profitiert „JETZT“ sehr von der langjährigen Erfahrung Vogelmanns. Der Klang ist ausgewogener, die Instrumente verschwinden nicht im Brei. Wobei auch ein guter Produzent nur das hervorholen kann, was die Musiker mitbringen.
Bei einigen Songs, z. B. beim „Pegasus“, könnten die Gesangsspur etwas weiter in den Vordergrund gemischt werden, den bei den „Singvøgeln“ sind die Texte nicht nur gut, sondern auch inhaltlich wichtig. (Sehr ungewohnt in der Popmusik der letzten 20 Jahre, ich weiß.)

Fazit: JETZT ist das technisch und handwerklich unbestreitbar beste Album der „Singvøgel“. Was die Lieder an sich angeht, textlich und kompositorisch, hält es dabei das hohe Niveau seiner Vorgänger.
Melancholie ohne Verbitterung, Kritik ohne Häme, nicht unpolitisch, aber ohne Agitation und Propaganda.
Bis auf meinen „Problemsong“ „Dea Dia“ mag ich die Lieder durchaus, „Wahnsinn“ gefällt mir ausgesprochen gut, „Pegasus“, „Renn, Elfe, renn“ und „Auch“ sind weitere Favoriten.
Was das Arrangement und vor allem die Produktion angeht: Geschmackssache. Mein Geschmack ist es nicht.
JETZT hat, obwohl es kein Konzept-Album ist, nach meinem Eindruck ein klares Konzept.
Das Konzept ist meiner Ansicht nach: Wir zeigen endlich mal, was wir im Studio können, mit der klaren Ansage, dass die „Singvøgel“ Ambitionen haben, keine „Amateurband“ mehr sein wollen. Die „Singvøgel“ versuchen sich deutlich aus gleich zwei Genre-Schubladen zu befreien.
Einerseits der „Liedermacher“ / „Politbarden“-Schublade, anderseits der "Pagan"-Schublade.
Daher wäre ein explizit „heidnisch-germanischer“ Song wie z. B. „Großer Donner“ auf JETZT kontraproduktiv.
Zwar sind auch „Pegasus“ und „Dea Dia“ „heidnisch“, aber eben nicht „germanisch“, und verstören weit weniger. Antike Mythologie gehört eben zum anerkannten kulturellen Kanon, dafür ordnet einen keiner in die „völkische“, „faschistische“ oder „deutschtümelnde“ Schublade ein – oder in die „Sekten-Ecke“.
Daher ist es auch klar, dass z. B. „Bragis Bande“ nicht ins JETZT-Konzept gepasst hätte: die Aussage ist zu explizit neopagan und der mitbrüllfreundliche Song ist nichts für eine ebenso anspruchsvolle wie glatte Produktion.
Auch die in mehreren Liedern erzählte Geschichte von der „Schwarzen Perle“, um eine Perle der Meeresgöttin Ran, einem sterbenden Wikinger und einer zweifelnden Nonne, wäre in JETZT wohl wegen der Thematik fehl am Platz gewesen.

Da die „Singvøgel“ noch zahlreiche weitere bisher nicht auf Tonträger veröffentlichte Lieder in Petto haben, ist das nächste Album eigentlich nur eine Frage von Zeit und Geld. Das gelungene Crowdfounding zeigt, dass zumindest „Geld“ eine lösbare Aufgabe sein dürfte.

Was ich mir wünsche, ist endlich mal ein „Singvøgel-Life“-Album. (Hatte ich schon erwähnt, dass sie eine großartige Life-Band sind?)
Bisher gab es nur Mitschnitte mit den erbärmlichen „Mikrofonen“ der Kameras. Ein guter Konzert-Mitschnitt mit gutem Equipment aufgenommen und gut abgemischt – das wäre etwas für mich.

Den Download des Albums erreicht man über die Website der „Singvøgel“. In den Formaten MP3, M4A und, etwas ganz Feines, der annähernd verlustlosen Komprimierung FLAC, die sich auch auf der Heimanlage anhören lässt. Die CD ist „in der Mache“, soll aber noch vor Jahresende fertig werden.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

That's The Bag I'm In

Das neueste Video von "Thee Pounders" (nur echt mit zwei "ee"). "Live on boat" auffer Elbe - und statt "Musikdampfer" *) Musikbarkasse (hat sowieso mehr Stil).


Der Anlass, aus dem ich das "Thee Pounders Video" poste: The Sonics & Thee Pounders live @ Markthalle (heute Abend, ist leider schon ausverkauft). Support für The Sonics, die (mutmaßlich) erste Punk-Band, ist ja nicht irgend etwas ...

*) "Musikdampfer": a) Kreuzfahrtschiff - die meisten von denen haben heutzutage so viel Stil wie ein Viehtransporter und so viel Eleganz wie ein Parkhaus.
b) Ausflugsschiff, vor allem die kitschige, z. B. als "Mississippidampfer" aufgebrezelte, Variante.

Montag, 19. September 2011

Zum Thema "Piraten"

Grade noch geschafft: heute ist "Talk like a pirat day". Also los:
»Für die Piratenpartei Deutschland ist es natürlich ein ganz besonderer Erfolg, in das erste Landesparlament einzuziehen. Es verleiht Glaubwürdigkeit und bietet die Chance zu beweisen, dass Piraten nicht nur Idealisten sind, sondern auch in der Lage tatsächlich etwas zu bewirken und die Politik in Deutschland nachhaltig zu verändern. Wir haben nun den Beweis angetreten, dass wir wählbar sind, dass eine Stimme für die Piraten nicht "verschenkt ist". Wir scheitern nicht mehr an der Fünf-Prozent-Hürde und haben damit erwiesenermaßen klargemacht zum Entern!«
(von Sebastian Nerz und hier.)

Gibt es, außer müden Kalauern (wie meinem) Gemeinsamkeiten zwischen Piraten und "Piraten"? Eher nicht! "Pirat" wurde, als Begriff mit negativer Konnotation ("Seeräuber", "Gesetzloser") benutzt, um Wirtschaftsdelikten, die bei Licht besehen, von wenigen gewerbsmäßig betriebenen Ausnahmen abgesehen, allenfalls Bagatellstraften sind, das Odium des Schwerkriminellen anzudichten: "Softwarepiraten". (Analog zur unfreiwillig komischen, aber trotzdem manchmal nervigen Kampagne "Raubkopierer sind Verbrecher".)
Wer entschieden Reformen des Urheberrechts angesichts der durch Digitalisierung und das Internet gegenüber der Vor-Digital-Zeit völlig veränderten Produktions- und Vertriebswegen forderte, vielleicht sogar z. B. zu fordern wagte, das Filesharing von Privatkopien zu legalisieren, wurde als Vertreter der "kriminellen Raubkopierer" hingestellt, eben als "Pirat".

Was die Vertreter der "alten Medien", vor allem der Musikindustrie, übersahen: "Piraten" stammt vom griechischen πειρᾶν (peiran), was "nehmen" bedeutet - die Einschränkung auf "illegales Wegnehmen" und schließlich "Seeraub" stammt von Menschen, die keine Griechen waren und diese grundsätzlich für Räuber, Wegelagerer und Betrüger hielten. (Nein, ich rede nicht von der "Zeitung" mit den vier großen Buchstaben, sondern von altrömischen Politikern.)
Man kann auch nehmen, was einem rechtmäßig zusteht. Zum Beispiel kann man von einem legal erworbenen Dokument (egal, ob Schriftstück, Musikstück oder Video) eine Kopie zur privaten Nutzung machen.
Jene, die scharfe Kritiker des bestehenden Urheberrechts und vor allem des Verwertungsrechts "Piraten" nannten, vergaßen außerdem, dass "Pirat" eine sozialromantische Konnotation hat. Daher wurde der Begriff sehr schnell von den so Angesprochenen als ironisierende Selbstbezeichnung aufgegriffen.

Diese Zeichnung hier heißt "Piratin":
Piratin

Nach einem Lied der Singvøgel, zu hören auf dem Album "Für Zeiten wie diese", geschrieben und gesungen von Karan - die übrigens tatsächlich "Piratin" ist.

Mittwoch, 24. August 2011

Probleme des Raumschiff-Designs in der Science Fiction

Vor gut 30 Jahren erschien in "Perry Rhodan" eine Risszeichung, die grundsätzlich zeigt, welche Problemen Science Fiction-Schaffenden haben, wenn es darum geht, die Technik einer fernen Zukunft zu schildern, zu zeichnen oder zu filmen: die Zeichnung "Abfangjäger der neuen 'Redhorse'-Baureihe", gezeichnet von Jürgen Rudig, 1981, erstmals veröffentlicht in PR Band 1059 "Fels der Einsamkeit".

Auf seinem "Phuturama" interviewt Gregor Sedlag (selbst ein begnadeter Risszeichner) Jürgen Rudig: “Alles nur ein Spaß?” – 30 Jahre Redhorse-Jäger. (Wo dann auch diese legendäre Zeichnung zu sehen ist.)

Normalerweise sind Risszeichnungen futuristischer Technik in Perry Rhodan so etwas wie Extras - nett anzusehen, manchmal interessant, aber selten bis nie hauptsächlicher Kaufgrund oder Leseanreiz. Und selten bis nie Anlass für Diskussionen unter den Lesern.
Die RZ des "Redhorse-Jägers" führte hingegen zu sehr kontroversen Reaktionen der Leser. Viele bemängelten die Freihandzeichung ("Fliegender Schrotthaufen"), andere waren entzückt. Es war das erste Mal, dass die Fans sich dermaßen in Begeisterung oder totaler Ablehnung über eine Risszeichnung ausließen.
(Wie sah meine Reaktion damals aus? So! Ich gehörte also zu jenen, die Jürgen Rudigs Zeichung inspirierend fanden. Wenn auch das Ergebnis bei mir eher dürftig war.)
Ich war immer der Meinung, Raumschiffe – und die Typen, die sie fliegen – sehen in zweitausend Jahren ganz anders aus als für uns vorstellbar. Raumschiff Orion mit seiner ganz eigenen Ästhetik imponierte mir z. B. viel mehr als der ganze Star Wars-Kram.
Ich kann da Jürgen Rudig nur zustimmen. Sein "Raumjäger" lässt deutlich werden: so, wie wir uns das heute vorstellen, werden die Raumschiffe der fernen Zukunft (wenn es sie einmal geben sollte) garantiert nicht aussehen.

Bei Technik, die sozusagen in "Sichtweite" ist, also die nahe Zukunft betrifft, sieht das Design-Problem für SF-Schaffende grundsätzlich anders aus. Hier kann der Aspekt "technische Glaubwürdigkeit" sehr wichtig sein, und zwar nicht nur in der "harten", naturwissenschaftlich-technisch orientierten SF, sondern auch bei SF, bei der eher soziale oder politische Fragen im Vordergrund stehen. Typische Fragen wären: Sind die hinter dem geschilderten oder gezeichneten Gerät stehenden Prinzipien glaubwürdig? Wäre es sinnvoll, so etwas wirklich zu bauen, bzw. kann dem Leser / Betrachter der Sinn so eines Gerätes plausibel gemacht werden? Ist das Design benutzerfreundlich?

Darüber muss sich jemand, der ein überlichtschnelles Raumschiff entwirft, keine Gedanken machen. Schon deshalb, weil nach dem derzeitigen Stand der Physik so etwas schlicht unmöglich ist. Fast wie in der Fantasy hat der "Raumschiff-Designer" freies Feld.

Das die allerwenigsten SF-Schaffenden wirklich nutzen.

"Star Wars" ist ein klassisches Beispiel, wie unsere der bekannten Technik verhafteteten Sehgewohnheiten das Design bestimmen. Es gibt einfach keinen Grund, weshalb ein altes, etwas vergammeltes Raumschiff auf die gleiche Weise verwittert sein sollte, wie ein vergammelter alter LKW - außer, dass wir an alte, vergammelte LKW gewohnt sind. Also sehen Raumjäger "irgendwie" wie Jagdflugzeuge, Raumschlachtschiffe "irgendwie" wie schwimmende Kriegsschiffe, Antigrav-Gleiter wie fliegende Autos usw. aus. Ich will nicht sagen, dass das Design bei "Star Wars" schlecht oder langweilig wäre - aber es ist ziemlich konventionell.

Wie Technik zugleich glaubwürdig und "ungewohnt" sein kann, zeigte etwas später der erste "Alien"-Film - ohnehin ein Meilenstein der "Gebrauchskunst".

Das Design von "Orion" ist nicht nur wegen des kreativen Einsatzes von Alltagsgegenständen (Bügeleisen, Wasserhähne usw.) bemerkenswert, sondern, weil es mit einfachen Mitteln eine exotische Anmutung schuf.

"Star Trek" ist verglichen damit eher bieder - was für das Design aller ST-Serien gilt. Zum Teil ist das allerdings dem überzeugenden Ansatz Gene Roddenberrs geschuldet, technische Geräte von der Funktion her zu sehen, und nicht umgekehrt (wie es oft bei Perry Rhodan der Fall ist), vom (utopischen) technischen Prinzip das Aussehen ableiten zu wollen. Wie Roddenberry es selbst ausdrückte, käme kein Polizist in einem Fernsehkrimi auf die Idee, lang und breit die Funktionsweise seiner Dienstpistole zu schildern. Man kann mit dem Ding jemanden erschießen, und damit fertig! Das ist das Geheimnis, wieso viele der in der originalen Star Trek Serie der 60er Jahre gezeigten Gerätschaften später realisierten Geräten mit der entsprechenden Funktion so ähnlich sehen. (Z. B. Tablet-Computer) - die Funktion für den Benutzer gibt das Design vor, nicht das (mögliche) technische Prinzip
Trotz einer gewissen Biederkeit gelang "Star Trek" ein Meilenstein im SF-Design: das originale Raumschiff "USS Enterprise, NCC 1701" (kein A, B, C, oder D).
Gene Roddenberry stellte ganz klare Bedingungen an den Entwurf: er wollte auf keinen Fall irgendwelchen Leitwerksflossen, Düsen oder Lufteinlässe sehen. Kein "Raketenschiff", keine "fliegende Untertasse".
Und so entstand ein Raumschiff, das zugleich exotisch wie "glaubwürdig" anmutet.
Dem gegenüber war die Pseudo-Stromlinenform der "The Next Generation" Enterprise NCC 1701-D ein deutlicher Rückschritt.

Sonntag, 14. August 2011

Sloop "John B." - über einen Evergreen mit nautischem Hintergrund

In der Version der Beach Boys wurde "Sloop John B." zum Millionenseller.

Zum ersten Mal wunderte ich mich als Sechsklässler, der mühsam englische Songtexte zu verstehen versuchte, über die Diskrepanz zwischen der heiter-beschwingten Melodie und dem gar nicht so heiteren Text.
Erst später erfuhr ich, dass "Sloop John B." bzw. "The John B. Sails" ein traditioneller Folksong ist, genauer gesagt ein Shanty, oder noch genauer ein "Forebitter", also kein Arbeitslied der Seeleute im engeren Sinne, sondern ein Lied, das in der Freizeit gesungen wurde. Wie viele Shanties ist auch "Sloop John B." ein Spottlied, in dem die einfachen Teerjacken ihren Frust ´raus ließen.
Anders als bei den meisten anderen Shanties lassen sich Ort und Zeit, in der das Lied entstanden, einigermaßen gut eingrenzen. Der Text deutet auf die Bahamas, die Melodie auf den "westindischen" Raum - Antillen, Bahamas, Bermudas, Küste des Golfs von Mexiko.
"John B. Sails" wird als Folksong bezeichnet und erschien in einem Artikel von Richard Le Gallienne in der Dezemberausgabe 1916 von Harper's Magazine. Eine um eine Strophe gekürzte Fassung zitierte Gallienne in seinem 1917 erschienen Roman "Pieces of Eight". Das Lied soll zu dieser Zeit um Nassau, der Hauptstadt der Bahamas, äußerst populär gewesen sein.
Das Wrack eines kleinen Schiffs namens "John B." liegt vor Governor's Harbour auf einem Korallenriff der Insel Eleuthera, einer der Bahamas. "John B." bezieht sich auf John Bethel, einen der ersten Siedler auf Eleuthera. Gesunken ist die "John B." wahrscheinlich 1906, also etwa später als in der "Wikipedia" angegeben.

Übrigens waren die Beach Boys nicht die ersten, die mit diesem Titel erfolgreich waren. Hier eine Version von Blind Blake Higgs, im damals populären Calypso-Stil (1952) und mit abweichendem Text: John B. Sails.
Und schließlich eine Interpretation, die vielleicht einen Eindruck vermittelt, wie der Song in einer Hafenkneipe in Nassau auf den Bahamas zu fortgeschrittener Stunde geklungen haben mag:
Joseph Spence: Sloop John B.

Was ist eine Sloop?

Erst einmal ein großes Boot, das gerudert oder gesegelt werden kann. Im Deutschen Schaluppe, Schlup oder Slup, auf englisch seit dem 18. Jahrhundert auch shallop genannt.
Schaluppe

Dann der von diesem Boot abgeleitete Takelungstyp, mit einem Hochtakelungs-, Gaffel- oder (wie bei der Schaluppe oben) einem Spritsegel als Großsegel und einem einzelnen Stagsegel als Fock, im Deutschen Slup genannt.

Außerdem ein einmastiger Schnellsegler ab der Mitte des 17. Jahrhunderts, der auf Deutsch auch Slup, Schlup oder Schaluppe genannt wird:
Schaluppe / Sloop (18. Jahrhundert)

Diesen Schiffstyp gibt es, in abgewandelter Form, bis heute:
Slup "Adelante"

Und um die Verwirrung komplett zu machen, konnte im Sprachgebrauch der Royal Navy eine Sloop unter Umständen sogar ein voll getakelter Dreimaster sein.

Aus dem Text des Liedes wird aber schnell klar, dass nur eine "Sloop" im Sinne eines kleinen Schiffs mit einem Mast gemeint sein kann. Die historische "John B." war angeblich ein Schwammtaucher-Boot, was erklären könnte, wieso sich ihr Skipper dicht an die gefährlichen Riffe heranwagte.
1. We come on the Sloop
"John B.",
my grandfather and me,
´round Nassau Town we did
roam,
drinking all night,
we got int' a fight,
I feel so breakup,
I wanna go home!

Corus:
So hoist up the "John B.'s"
sails,
see how the mainsail sets,
send for the captain aboard.
So let me go home,
let me go home.
I feel so breakup,
I wanna go home!

2. The first mate, oh he got drunk,
broke up the captain's trunk, (alternative: the people's trunk)
constable had to come and
take him away.
Sheriff Johnsstone please,
leave me alone -
I feel so breakup,
I wanna go home!

3. The poor cook, oh he got fits,
ate up all oft the grits,
then he took an threw away
all of his corn.
Sheriff Jonsstone please,
leave me alone -
this is the worst trip,
I've ever been on.
Hier meine Übersetzung - ohne Versmaß und Reim:
Wir kamen mit der Sloop "John B.",
mein Großvater und ich. "Grandfather" kann im seemännischen Jargon auch "Decksältester" bedeuten - ein erfahrener Matrose als Vorarbeiter,
In der Nähe der Stadt Nassau
trieben wir uns herum.
Wir tranken den ganzen Abend
und gerieten in einen Kampf.
Ich fühl' mich kaputt,
ich will nach Hause.

Refrain:
So setzt die Segel der "John B.",
seht wie das Großsegel steht,
Ruf den Käpt'n an Bord (An Deck? Es ist wenig plausibel, dass auf einem Schiff schon die Segel gesetzt wurden, wenn der "Alte" noch an Land war. Aber "Deck" hätte sich nicht gereimt.)
So las mich nach Hause gehen, lass mich nach Hause gehen,
ich will nach Hause.
Ich fühl' mich kaputt
Ich will nach Hause.

Der erste Maat betrank sich,
und brach den Laderaum / das Schapp des Käpt'ns auf.
(Der Kapitän verwaltete einen verschlossenen Laderaum, das sog. Zollschapp, in der unverzollte Sprituosen gelagert wurden, die außerhalb der Hohheitsgewässer an die Mannschaft verkauft wurden. Alternativ wäre auch denkbar, dass er dem Käpt'n den Brustkorb eindrückte. Aber dann hätte die John. B. schwerlich Segel setzen können. People' s trunk ist das Mannschaftsschapp, also ein gemeinsam genutzter, abschließbarer Schrank oder Laderaum.)
Die Polizei musste kommen und ihn mitzunehmen.
Sheriff Johnsstone, bitte lass mich in Ruhe,
Ich fühle mich so kaputt, lass mich nach Hause.

Der arme Koch, oh, der drehte durch,
und aß alle Grütze auf,
dann nahm er den ganzen Mais und warf ihn weg,
Sheriff Johnston, bitte lass mich in Ruhe,
Das ist die schlimmste Reise, auf der ich je war.

Donnerstag, 11. August 2011

Sieben Gedankensplitter über die Hochkultur

Es ist schon eine Weile her, dass Georg Diez auf SPON Sieben Wahrheiten über die Hochkultur zum Besten gab, unter anderem als Antwort auf einen meines Erachtens sehr lesenswerten Artikel der "Zeit":
Hoch die Hochkultur! von Jens Jessen.

Tendenziell bin ich eher bei Jessen als bei Diez, obwohl ich Diez manchmal recht geben muss. Jedenfalls auf den ersten Blick.
Wie es manchmal so geht, wenn ich keine schnelle Antwort geben kann, dauerte es Wochen, bis mir Diez "Sieben Wahrheiten über die Hochkultur wieder in den Sinn kamen. Was allerdings nicht weiter schlimm ist, denn das Thema ist nicht tagesaktuell.

1. Es ist in Deutschland leider üblich, von "Kultur" zu sprechen, wenn eigentlich "Kunst" gemeint ist. Das macht es so schwierig, über "Hochkultur" zu reden.
Zur Kultur gehören außer den ("schönen") Künsten (bildende Künste, Musik, Dichtung usw.) bekanntlich auch Wissensschaft, Technik, Recht, Moral, Religion, Wirtschaft und manches mehr - im weitesten Sinne: alles, was Menschen schaffen. (Die für Deutschland früher so typische Unterscheidung zwischen "Kultur" und "Zivilisation" halte ich für überflüssig. Fast immer sind "Kultur" und "Zivilisation" Synonyme und die Ausnahmen sind fachsprachlich - z. B. wenn in der Archäologie von der "Hallstadt-Kultur" die Rede ist.)
Enger gefasst umfasst "Kultur" außer Kunst vor allem die Bildung.
Während es ziemlich müßig wäre, über die Kriterien zu debattieren, welche eine "Hochkunst" ausmachen, erscheint mir eine Debatte über "höhere Bildung" ziemlich sinnvoll zu sein.
Ich verstehe unter "höherer Bildung" nicht einfach die Bildung, die man an einer Hochschule erwirbt - schon, weil die meisten Studiengänge eher auf die Berufsausbildung gerichtet sind. Ich verstehe darunter vielmehr jene Bildung, die über die "Grundbildung" (tatsächlich das, was man in der Grundschule - hoffentlich - lernt) und die "Berufsbildung" (oder besser: Ausbildung) hinaus geht. Jene Bildung, die es einem ermöglicht, über den Horizont der eigenen "Alltagskultur" heraus zu sehen, etwa fachübergreifende Zusammenhänge zu erkennen oder fremde Kulturen zu verstehen.

2. Diez hat recht, Hochkultur ist ein Konstrukt. Trotzdem ist es sinnvoll, von Hochkultur zu reden.
Hochkultur ist, so sehe ich es, eine Kultur, die einen hohen Anspruch an sich selbst stellt. In der Kunst kann das der Anspruch des Künstlers sein, ein herausragendes Werk zu schaffen, etwa einen inhaltlich anspruchsvollen Roman, der noch in 100 Jahren gelesen und allgemein geschätzt werden wird. In der Bildung kann es der Anspruch einer Hochschule sein, nicht nur "Durchlauferhitzer für Karrieren" sein zu wollen. "Hochkultur" gibt es auch im Alltag: Man kann sehr gebildet, aber höchst unkultiviert sein. Es ist sogar möglich, die Etikette und sämtliche ungeschriebenen Gesetze des "guten Benehmens" perfekt zu beherrschen - und trotzdem ein unkultivierter Klotz zu sein. Die Mindestvorraussetzung, um einen Menschen kultiviert (bzw. zivilisiert) zu nennen, ist, dass dieser Mensch rücksichtsvoll ist und überlegt handelt. Kommt ein waches, aufrichtiges Interesse und Verständnis für das Denken und Handeln der Mitmenschen, eine "höhere Bildung" im oben genannten Sinne und etwas, was ich mit einem leicht altmodischen, aber treffenden Begriff "Herzenbildung" nenne, hinzu, dann könnte man von einem "hochkultivierten" bzw. "hochzivilisierten" Menschen reden.

3. Wenn auch der Begriff "Hochkultur" nicht fragwürdig ist, müssen in der Tat die Kriterien, was zur Hochkultur gehört, und was "schnöde" Alltags-, Gebrauchs- oder Popkultur ist, hinterfragt werden.
Sie müssen, denke ich, sogar immer wieder immer aufs Neue, hinterfragt werden. Mag sein, dass es einige "ewig gültige" Werke und Bildungsinhalte gibt. Aber die "Klassische Musik" von heute war zum ganz überwiegenden Teil, als sie komponiert wurde, "schnöde" "Gebrauchsmusik". Meiner Ansicht nach gehört ein solides Grundwissen über Evolutionsbiologie zum notwendigen Kanon einer modernen höheren Bildung - was im 19. Jahrhundert nicht der Fall gewesen wäre.

4. Ältere Werke und Bildungsinhalte werden eher zur Kanon der Hochkultur gezählt als neue. Das liegt nicht allein daran, dass so die "Hüter der Hochkultur" konservativ wären.
Es gibt so etwas wie einen "Test der Zeit". Besonders deutlich wird das in der Musik: Wenn ein bestimmtes Lied über Jahre hinweg beliebt bleibt, ein "Evergreen" ist, und es vielleicht sogar über kulturelle Grenzen hinweg beliebt bleibt, dann ist es ein "Klassiker", gehört es zum "kulturellen Erbe den Menschheit", auch wenn es ursprünglich nur eine beim Rühreibraten dahingesummte Melodie war. Ob ein neues Werk, oder eine neue wissenschaftliche Erkenntnis, oder eine neue Unterrichtsform usw. das Zeug zu einem "Klassiker" hat, das kann alleine die Zeit erweisen.
Qualität setzt sich nicht automatisch durch, ist aber sehr hilfreich, um dem Vergessen zu entgehen.

5. Hochkultur ist Kapitalismuskritik
Da gebe ich Dietz recht. Aber das Hochkultur Kapitalismuskritik ist, ist auch gut so. Es ist, denke ich, bitter notwendig, bei kostspieligen "Events" auch nach dem inhaltlichen Niveau zu fragen. Wo dann in der Tat die überkommenen Einrichtungen der "Hochkultur", angefangen beim städtischen Theater oder dem örtlichen Kammerchor - aber auch, auf der mehr popkulturellen Ebene, z. B. kleine, aber gut etablierte Live-Musikclubs, die Vergleichsmaßstäbe liefern.
Es ist auch notwendig, "Eliteuniversitäten" darauf abzuklopfen, ob sie mehr können, als "hocheffiziente" Fachidioten heranzuziehen - der Kanon der "höheren Bildung" gibt den Vergleichsmaßstab.
Dietz behautet einfach Unsinn, wenn er meint, mit den Hochkulturbegriff würden wesentliche Teile der Kultur des 20. Jahrhunderts auf den Müll geworfen werden, weil Hollywood und die Beatles ja zum Beispiel keine Subventionen erhalten haben.
Wenn z. B. moderne Kunst, die sich "am Markt" nicht durchsetzt, subventioniert wird, führt das nicht automatisch dazu, dass diese Kunst in den Kanon der "Hochkultur" aufgenommen wird. Das ist ja gar nicht Sinn der Subvention, sondern eine nicht allein auf "Marktkonformität" gebürstete Kunst möglich zu machen.
Umgekehrt kann auch Kunst, die sich gut verkauft, hohen kulturellen Wert besitzen.

6. Hochkultur ist korrupt
Da hat Diez leider recht, allerdings anders, als er meint. Wenn, um bei Diezens Beispiel zu bleiben, der Münchner Intendanten Dieter Dorn nach seinem Abtreten hoch gelobt wird und über jede Kritik erhaben scheint, so liegt das an dem Ruf, den er sich im Laufe der Jahre, wenn auch wohl nicht mit jeder Inszenierung, erarbeitet hat. Sein Prestige ist mittlerweile so groß, dass Schwächen einfach nicht mehr gesehen werden.
Der Literaturkanon etwa wird regelmäßig durch den Prestigewert korrumpiert. Thomas Mann z. B. genießt einen hohen so Prestigewert, dass über seine unübersehbaren stilistischen Schwächen kaum geredet wird.
Und der schlechte Prestigewert der Naturwissenschaften verhindert, dass sie dergestalt in den "höheren Bildungskanon" aufgenommen werden, wie es meiner Ansicht nach erforderlich wäre.

7. Es ist wahr, dass es letztlich ist es nur ein winziger Teil der Bevölkerung ist, der von der Kultursubventionierung profitiert.
Es stimmt auch, dass diese "kulturelle Elite" zum beträchtlichen Teil zum eher wohlhabenden Teil der Gesellschaft gehört.
Aber das ist kein Grund, alle Kultursubventionen zu streichen. (Zur Erinnerung: auch die Bildung gehört zur Kultur!)
Gäbe es diese Subventionen nicht, wären Plätze in der Oper (das typische, gern genommen Beispiel) für "arme Schlucker" wie mich völlig unfinanzierbar. Nur wenige Museen sind in der Lage, sich allein aus Eintrittsgeldern und Stiftungen (auch eine Form der Subventionierung - wenn auch eine privat finanzierte) zu erhalten. Gäbe es nur noch private Universitäten, womöglich sogar ohne Stipendien für begabte, aber arme, Studenten (auch eine Form der Subvention!), dann wäre "höhere Bildung" Privileg einer kleinen wohlhabenden bis reichen Elite.
Reden kann man gerne darüber, was und wie gefördert wird. Aber das gefördert werden sollte, steht für mich nicht zur Debatte.
Übrigens: Manchmal sind gute Rahmenbedingen viel mehr Wert als bares Geld!

Sonntag, 19. Juni 2011

"Cyber-": Versuch einer kleinen Geschichte eines halben Reizwortes

Mein Artikel Cyber-... äh, Attrappe" machte mich neugierig: wie kommt es eigentlich, dass der Präfix "Cyber-" eine so starke und mit vielen Ängsten besetzte Reizwirkung hat? Schließlich ist die Kybernetik, von der sich "Cyber-" ableitet, eine wichtige und vielseitige, aber außer unter Fachleuten wenig beachtete Wissenschaft. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, in jüngerer Zeit Schlagzeilen z. B. über Rückkopplungen, Selbstorganisation oder Volition gelesen zu haben. Die Kybernetik ist bei vielen "aufregenden" und schlagzeilenträchtigen Themen entscheidend wichtig, wie dem (scheinbar) "anarchischen" Internet, "sozialen Netzwerken" und den Folgen, den Bedingungen, unter denen Empörung zur Revolution wird, den Ursachen und Folgen von Wirtschaftskrisen und immer wieder den Fragen der Ökologie, als Paradebeispiel einer "kybernetischer Wissenschaft". Kybernetik ist unentbehrlich um die moderne Welt auch nur annähernd zu verstehen, aber trotzdem ein publizistisches Mauerblümchen, was daran liegt, dass sie sehr abstrakt ist.

Ganz anders die mit "Cyber-" beginnenden Reizworte wie Cyberspace, Cyborg, Cyberwar, Cyberkriminalität, Cyberterrorismus usw.. Dabei fällt auf, dass alle diese Begriffe, wenn auch manchmal indirekt, "was mit Computern" zu tun haben.
Im großen und Ganzen lässt sich sagen: "Cyber-irgendwas" bezieht sich fast immer auf Dinge aus einem Anwendungsbereich der Kybernetik, der Informatik, und beschränkt sich innerhalb der Informatik auf wenige Gebiete, wie z. B. Robotik, Künstliche Intelligenz, "virtuelle Realität", Mensch-Maschine-Schnittstellen bis hin zur "Verschmelzung" von Mensch und Computer.
Oder anders gesagt: auf jene Gebiete, die oft in der Science Fiction thematisiert werden.

Ich versuche eine kleine, unvollständige, Chronologie, wie sich der Begriff "Cyber-" entwickelte.

1947 Norbert Wiener prägt dem Begriff "Cybernetics", abgeleitet vom griechischen kybernétes für "Steuermann", bald schon eingedeutscht als "Kybernetik". Wiener versteht darunter die die Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen.

1946–1953 Die Macy-Konferenzen zur Kybernetik, zehn interdisziplinäre Konferenzen mit dem Ziel, die Grundlagen für eine allgemeine Wissenschaft der Funktionsweise des menschlichen Geistes zu schaffen. Sie werden in der Fachöffentlichkeit viel beachtet, der Begriff "Cybernetics" bürgert sich im englischen Sprachraum ein.

1950 Die bahnbrechenden Arbeiten John von Neumanns zur Architektur von Computern werden auch außerhalb der Fachkreise viel beachtet, als Erkenntnisse der neuen Wissenschaft Kybernetik.

1956 John McCarthy prägt den Begriff "artificial intelligence“ ("künstliche Intelligenz") als "griffige" Beschreibung der Themen der Dartmouth Conference für den Förderantrag bei der Rockefeller-Foundation. Dieses Schlagwort weckt sofort breites öffentliches Interesse und die Erwartung, dass es "sehr bald" denkende Computer und Roboter geben wird. Da die beteiligten Wissenschaftler allesamt "Kybernetiker" sind (sozusagen als gemeinsamer Nenner ihrer Fachgebiete), und die Forschung zur künstlichen Intelligenz eindeutig ein Gebiet der Kybernetik ist, wird der Begriff "Cybernetics" von nur an regelmäßig im Zusammenhang mit "denkenden Maschinen", "Elektronengehirnen" usw. verwendet.

Seit Ende der 50er-Jahre Journalisten und Science Fiction-Autoren (z. B. der polnische Autor Stanislaw Lem), benutzen "Kybernetik" als Synonym für Robotik.

1960 Manfred Clynes und Nathan S. Kline prägen den Begriff Cyborg ("Cybernetic organism").
In ihrem gemeinsamen Aufsatz Cyborg and Space schlagen sie vor, den Menschen mit technischen Mitteln an die Umweltbedingungen des Weltraums anzupassen, als Alternative zur künstlichen erdähnlichen Bedingungen an Bord von Raumschiffen. Mittels biochemischer, physiologischer und elektronischer Modifikationen sollen Menschen als "selbstregulierende Mensch-Maschinen-Systeme" im Weltraum überlebensfähig werden.
Obwohl das Konzept der Mensch-Maschinen-Hybriden schon lange vorher Thema der Science Fiction war, und bereits an "intelligenten Prothesen" bzw. künstlichen Organen geforscht wurde, setzt sich der griffige Begriff "Cyborg", wahrscheinlich befeuert durch das rege öffentliche Interesse an der Raumfahrt in den 60er-Jahren, schnell durch. Dabei wird er allerdings begrifflich unscharf (der
Wikipedia-Artikel gibt einen kleinen Eindruck davon).

Mitte der 60er-Jahre Ein Indiz, wie weit "Cyber-irgendwas"-Begriffe schon im englischen Sprachgebrauch verbreitet sind, ist der Titel einer Folge der beliebten Fernsehserie "The Avangers" The Cybernauts. Die "Cxbernauts" sind menschenähnliche Killer-Roboter. (In der deutschen Fassung "Mit Schirm, Charme und Melone" heißt die Folge schlicht "Die Roboter".)

Zweite Hälfte der 60er-Jahre
Eine Zeit lang wird im deutschen Sprachraum "Kybernetik" oft synonym zu Informatik bzw. Computerwissenschaft gebraucht. Je mehr Computer zum Alltag gehören, desto mehr schwindet dieser Sprachgebrauch.

1970 Die Control Data Corporation bringt den ersten Großrechner der CDC Cyber-Familie auf den Markt. Die "Cybers" galten lange als die leistungsfähigsten "Supercomputer" der Welt. Die entsprechende Medienaufmerksamkeit trägt dazu bei, das Präfix "Cyber-" populär zu machen und eng mit der Vorstellung von Hochleistungscomputern zu verbinden.

um 1980 Es bildet sich ein neues Subgenre der Science Fiction heraus, der Cyberpunk. Der ursprüngliche "Cyberpunk" ist eine dystopische ("negativ-utopische) Richtung der SF und geht im wesentlichen von zwei Fragen aus:
  1. Was wäre wenn der Staat (die Staaten) von großen Konzernen kontrolliert würden, die die staatliche Monopol-Macht für ihre Zwecke instrumentalisieren ("Konzernherrschaft", "staatsmonopolistischer Kapitalismus")?
  2. Was wäre wenn praktisch die gesamte Kommunikation und alle ökonomischen Transaktionen in einem weltweiten, nicht hierachischen Datennetz ablaufen würden?
Im Laufe der Jahre werden nicht nur typische Themen des Cyberpunks wie Nanotechnologie, Gentechnik und virtuelle Realität, bzw. Konzernmacht, Manipulation der Massen und Subkultur der Hacker Teil der Mainstream-Literatur, sondern auch die reale Welt gleicht mehr und mehr einer typischen Cyberpunk-Dystopie der 80er Jahre.

1982: Der Cyberpunk-Autor William Gibson prägt in seiner Kurzgeschichte "Burning Chrome" den Begriff Cyberspace. "Cyberspace" umschreibt eine Verbindung aus weltweitem Computernetz (vergleichbar mit dem Internet) mit virtueller Realität. Anstelle wie heute mit einem Browser auf die Seiten des WorldWideWeb zuzugreifen, greift der User im Cyberspace über eine neuronale Schnittstelle (quasi einen "Computeranschluss an das Gehirn") auf die "Matrix" zu. Eine
konsensuelle Halluzination eines computergenerierten grafischen Raums macht es dem Cyberspace-User möglich, sich intuitiv im Datennetz zu orientieren.

1984 James Cameron dreht mit eher bescheidenem Buget den Film Terminator. Der sehr erfolgreiche Actionfilm verbindet die SF-Themen Zeitreise, "Machtübernahme" durch intelligente Maschinen und Cyborg.
Er thematisiert die Ängste vor unkontrollierbar werdenden Computersystemen und prägt nebenbei deutlich die populäre Vorstellung von einem "Cyborg" (außen Schwarzenegger, innen Metall).

1987 Der Film Robocop popularisiert Elemente des Cyberpunks und das Konzept des Cyborgs als von einem menschlichen Gehirn gesteuertem Roboter.

1991 Das World Wide Web wird weltweit zur allgemeinen Benutzung freigegeben. Schnell erkennen Fachpublizisten die Ähnlichkeit mit dem Konzept des "Cyberspace", obwohl von einer "virtuellen Realität" im Zusammenhang mit dem WWW noch keine Rede sein kann.

90er-Jahre In der Umgangssprache wird Ausdruck Cyberspace oft als Synonym für das Internet oder, spezieller, das WWW verwendet. Wortprägungen wie "Cybernaut" (im Sinne eines "Astronauten im Cyberspace"), "Cybermobbing", "Cyberverbrechen","Cyberkultur", "Cyber-Attacke" usw. folgen.

1991 der US-Sicherheitsexperte Winn Schwartau prägt den Begriff "electronic Pearl Harbor" - eines Überraschungssangriffs z. B. mit DDos oder Viren auf die Kommunikationsnetze der USA und ihrer Verbündeten. In diesem Zusammenhang werden später die Begriffe "cyberwar" und "cyberterrorism" geprägt.

1992 Das Pentagon prägt in der Direktive TS-3600.1 den Begriff des "Information Warfare", des "Informationskrieges".

1993 veröffentlichte der einflussreiche Publizist John Arquilla seinen ersten Artikel (von zahlreichen) über "Cyberwar". Er arbeitet für RAND, eine Pentagon-nahe Denkfabrik. Später berät er Donald Rumsfeld (Verteidigungsminister unter Präsident George W. Bush).

1997 Der Begriff Cybercop für einen im "Cyberspace" (gemeint ist das Internet) agierenden Polizisten wird im U.S. "Report to the President's Commission on Critical Infrastructure Protection" verwendet. Spätestens damit erreicht der Präfix "Cyber-" die offizielle politische Sphäre.

2001 Ein viel diskutierter Artikel auf "telepolis" Selbstkontrolle statt Cyberpolizei und Filter? bürgert den (ursprünglich kritisch gemeinten) Begriff "Cyberpolizei" ein.

ab 2002 Im Zuge des nach den Attentaten des 11. September 2011 ausgerufenen "War on Terror" gewinnt der Begriff Cyberwar, der über die zwischen Staaten und Unternehmen üblichen und längst auch mit Mitteln des Computerzeitalters geführten Spionage-Spionageabwehr-Kleinkriegs hinaus geht, an Boden. Das Schreckgespenst einer z. B. durch DDos-Angriffe lahmgelegten Infrastruktur wird vor allem von Beratern der Regierung Bush jr. an die Wand gemalt. Die Rede ist von einem drohenden "electronic 9/11".

2008 Krieg zwischen Russland und Georgien. Angeblich wird er auch mit Mitteln des "Cyberwar" ausgefochten. Dazu die taz: Das Phantom des Cyberwar.

2000er Jahre Die (jugendliche?) Subkultur der "Cyber" (und der "Cybergoths") mit einer dem "Cyberpunk" entlehnten Ästhetik bildet sich heraus, stark beeinflusst vom Stil der ursprünglich aus Japan stammenden Visual Kei.
(Später bildet sich eine entsprechende und keineswegs auf junge Menschen beschränkte Steampunk-Szene heraus. Ein bekannter Ausspruch: "Cyberpunks sind Goths, die außer schwarz Neonfarben für sich entdeckten, Steampunks Goths, die außer schwarz sepia und braun für sich entdeckten.")

2010 Das Cyber Command der US-Streitkräfte wird offiziell in Dienst gestellt. Schon seit einigen Jahren gilt in den USA die Doktrin der "Network Centric Warfare". Kernbestandteile sind die Informationshoheit sowie die informationelle Vernetzung von Soldaten. Unter diese Doktrin fallen auch traditionelle Konzepte wie die psychologische Kriegsführung sowie die Störung von Radar- und Funksignalen. Zu den Aufgaben des "Cyber Command" sollen auch offensive "Cyberattacken" gehören. Der "Cyberwar" wird zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

2011 Das deutsche "Cyber-Abwehrzentrum" wird eröffnet - die Cyber ... äh, Attrappe.

Sonntag, 13. März 2011

"Die Wirklichkeit ist kohlenschwarz und diesig"

Mit diesen Worten beschreibt Horst Eckert, besser bekannt als "Janosch" seine Kindheit:
Die Wirklichkeit ist kohlenschwarz und diesig, sie riecht nach verfaultem Holz, nach altem Kraut.
Eine harte Kindheit hatte er im oberschlesischen Kohlerevier, und zu allem Überfluss lehrte der Jesuitenpater, der ihn ab dem siebten Lebensjahr unterrichtet, Ehrfurcht und erzählt viel vom Fegefeuer. Kein Wunder eigentlich, dass der kleine Horst sich einen Farbkasten wünscht, mit dem er die dunkle, dumpfe, matte Welt, die ihn umgibt, will er übermalen.
Katholisch geboren zu sein, ist der größte Unfall meines Lebens.
meint er, obwohl seine Eltern nicht besonders religiös waren. Seine Lehrer, seine ganze Umgebung, war es umso mehr.
Die ersten Jahre meines Lebens waren die totale Zerstörung meiner Person
sagt er im Rückblick, und ich denke, man kann den Kinderbuchautor nicht wirklich verstehen, wenn man das nicht weiß.
Porträt: Von der Welt, wie sie sein könnte (Augsburger Allgemeine)

Janosch gehört zu denen, die finden, dass die Wirklichkeit stark überschätzt wird. Früher hätte ich diesen Standpunkt nicht geteilt, inzwischen finde ich ihn sehr vernünftig. Die "Tigerente" findet er heute kitschig und kann sie nicht ausstehen. Er bezeichnet sie sogar als "Scheiß Tigerente". Diesen Fluch habe ich gelegentlich auch auf den Lippen, aber ich vermute, dass ich etwas anderes damit meine. Jedenfalls meistens.

Die "Grundstimmung" seines Lebens ist die Auflehnung gegen alles, was in seinen Augen Macht ausübt, Kirche, Staat, Vorgesetzte, Banken, Anwälte, alles. Ich kann das zwar sehr gut, verdammt gut, verstehen, aber um diese anarchistische, rebellische Haltung auch mit 80 (er hatte am 11. März Geburtstag) noch durchzuhalten, sie zu leben, dazu muss sie ganz tief verwurzelt sein.
Sehr gut verstehen kann ich, wieso Janosch ein scharfen Kirchenkritiker, vor allem der katholische Kirche, ist. Er sitzt im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, für die er kirchenkritische Karikaturen zeichnete. Er nennt sich einen frommen Ketzer und lehnt gottesfürchtige Religiosität entschieden ab. 2007 bezeichnete Edmund Stoiber, zu diesem Zeitpunkt noch amtierender bayrischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender, Janosch aufgrund der Zeichnung "Die Taufe" sowie seiner GBS-Mitgliedschaft als "falschen Propheten", der
keinen Zugang zu unseren Kinderzimmern erlangen" dürfe. In meinen zutiefst heidnischen Augen ist das ein Kompliment. Obwohl ich kein Atheist und nur mit Einschränkung Naturalist bin, und mich nicht als Feind des Christentums verstehe (es ist einfach nicht meine Baustelle), sympathisiere ich mit der GBS.Es tut auch der "Kirche im Dorf", den engagierten Christen an der Basis, meiner Ansicht nicht gut, wenn "die Kirche" eng mit dem Staat und wichtigen Medien verfilzt Macht ist. Aber genug abgeschweift ...
Es gibt noch drei andere Kinderbuchautoren, die ich, auch als Erwachsener, ähnlich schätze wie Janosch: Astrid Lindgren, Tomi Ungerer und Max Kruse. (Wobei ich Janosch und Ungerer erst kennen und schätzen lernte, als ich kein Kind mehr war. Janosch' "Die Geschichte von Valek dem Pferd" erschien schon 1960, es liegt also nicht an meinem Jahrgang.) Es ist kein Zufall, dass Janosch mit ihnen eng befreundet ist bzw. war.
(Der vierte "Kinderbuchautor", den ich nennen könnte, ist eigentlich ein "Erwachsenenautor", der sich des Genres Kinder- und Jugendbuch bediente, und seine Weltanschauung - besser: Welt-Anschauung - war zwar ähnlich tief und menschenfreundlich, aber anders: Michael Ende. Ein geistig sehr "erwachsener", d. h reifer Mensch - man muss innerlich reif sein, um in Worten, die auch ein Kind versteht, tiefsinnige Gedanken zu vermitteln. Was er dann wieder mit den vier anderen Autoren gemein hat.)
Dass auch Janosch ein "tiefer" Denker ist, das wurde mir erst richtig klar, als ich dem Töchterchen eines Freundes (sie war damals gerade vier) aus "Oh, wie schön ist Panama" immer und immer wieder vorlesen musste. Nur ist das bei Kindern dieses Alters nicht ungewöhnlich, aber irgendwie "hatte" die Geschichte etwas, eine Erkenntnis, die so wichtig ist, dass sie nicht oft genug ausgesprochen werden kann: die Erkenntnis, dass so etwas wie das Glück niemals woanders als in sich selbst gefunden werden kann.
(Für die, die die Geschichte nicht kennen sollten: Tiger und Bär finden eine Kiste mit der Aufschrift "Panama". Sie stellen sich Panama als Paradies vor und machen sich auf den Weg. Am Ende der Reise kommen sie, ohne es zu merken, genau dort an, wo sie aufgebrochen sind. Von außen betrachtet hat sich nichts verändert, und doch sind die zwei nun glücklich – weil sie glauben, in Panama zu sein.) Den, wie er sagt, wichtigsten Satz seines Lebens brachte man ihm in seiner Zeit als Schmied und Schlosser bei: "Es gibt nichts, was nicht geht!" Vielleicht hätte er nie Hammer und Zange erfolgreich gegen Zeichenfeder und Schreibmaschine getauscht, wenn er diesen Satz nicht sehr verinnerlicht hätte. (Noch ein kleiner Einschub: als Schriftsteller reich zu werden, ist in etwa so wahrscheinlich wie ein Lottohauptgewinn. Die meisten Menschen haben keine realistische Vorstellung davon, in welcher finanziellen Situation sich die meisten Schreiber befinden (wie auch die meisten Musiker, die meisten Maler und Graphiker, die meisten Bildhauer, kurz: die meisten Künstler, "Kulturschaffenden"). Ihnen sei dieser Artikel der taz dringend empfohlen: "Bestsellerautor mit 845 Euro netto - Hungernde Poeten". Auch Janosch wurde, bei allem Erfolg, nicht wirklich reich. Warum Künstler trotzdem weitermachen? Weil ihnen an ihrer Kunst liegt. Finanziell gesehen in einer von der Verwertungslogik bestimmten Welt eine äußerst ungünstige Verhandlungsposition.)
Vor einiger Zeit schrieb ich über das Thema: "Kitsch". Janosch Bilderbücher sind nicht kitschig. Wieso sie es nicht sind, erkannte Jan Chaberny, der Autor des Artikels der "Augsburger Allgemeinen" sehr gut:
Dass sie das nicht ist, liegt daran, dass Janosch seine Geschichten mit Sarkasmus und mit Humor erzählt. Dass er keine heile Welt schafft, dass er anarchische Wünsche wie Versuchsballons aufsteigen lässt. Seine Helden wollen wahlweise Obst klauen, Schwarzfahren oder gleich zum Mond fliegen.
Janosch' Geschichten erzählen häufig von einer Umkehrung, von einer Verkehrung der Machtverhältnisse. Dass scheint mir typisch für gute Kinderbuchautoren zu sein. Nicht nur Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf stellt die Verhältnisse auf den Kopf, das schafft sogar der niedliche blonde Knirps namens Emil (bzw. Michel) - auch wenn das weniger offensichtlich ist.

Es gibt einige Janosch-Fans, die halten seine Werk für unpolitisch und finden das angenehm. Zwar bin auch ich der Ansicht, dass Kinder mit Propaganda und Agitation in Ruhe gelassen sollten, aber ein völlig politikfreies Kinderzimmer ist ein fragwürdiges Ideal. In dem Sinne, dass er keine Propagandaschriften schreibt, nicht Partei für eine politische Partei ergreift und nicht agitiert (außer gegen gottesfürchtige Religion und die katholische Kirche) mag das Urteil "unpolitisch" zutreffen. Spätestens seit der Sache mit Edmund Stoiber ist seine Werk Politikum, und außerdem ist jedes Buch, jedes Bild, in dem er sich für Freundschaft, Treue und Freiheit und gegen jede Form von Macht und Gewalt einsetzt, politisch. Damit sind die meisten seiner Werke politische Werke.

Kinderbuchautoren wie Janosch, Kruse, Lindgren, Ungerer, Ende und einige mehr, die es auch verdient hätten, die ich aber nicht oder zu wenig kenne, sind enorm wichtig, weil sie ideale vermitteln - die nicht immer die Ideale der erziehenden Erwachsenen und niemals die Ideale der Untertanenmacher sind. Sie werden von "weißen" und "schwarzen" Kindern (natürlich sich allen Menschen, und damit alles Kinder, braun, nur in unterschiedlicher Helligkeit und Farbsättigung) geliebt, egal. ob sie in Deutschland, Schweden, der Türkei oder Kroatien leben (Lindgren ist auch über den europäischen Raum hinaus berühmt, den anderen Autoren wäre es zu wünschen.)

Samstag, 26. Februar 2011

Kreativitätskiller: Angst vor Kitsch

Es gibt viele Dinge, die die Schaffenskraft hemmen, und die Angst, etwas falsch zu machen, kann sie sogar völlig töten.

Zunächst einmal gibt es einen "Gegenspieler" der künstlerischen Kreativität - es gibt noch eine andere, und zwar Kreativität im Sinne von Problemlösungskompetenz - der "innere Kritiker". Gegenspieler, nicht etwa Feind!

Angst vor Kitsch ist nicht ganz dasselbe wie das typische Tätigkeitsfeld des inneren Kritikers, der Perfektionismus, das Streben nach hohem künstlerischen Niveau. Ein Künstler, der zu früh zufrieden ist, unterfordert sich, nur wer nie ganz zufrieden ist, kann meiner Ansicht mehr als Mittelmaß schaffen.
Ist man allerdings sehr perfektionistisch veranlagt, und stellt immer höhere Ansprüche an sich selbst, kann auch das Streben, möglichst vollkommen zu sein, die Schaffenskraft ruinieren. "Perfekt" ist eine höchst subjektive Wertung, und Perfektion, Vollendung, Vollkommenheit nicht mehr ist ein Ideal, dem man sich allenfalls annähern kann, das aber letzten Endes unerreichbar ist.

Bei der Angst davor, Kitsch zu schaffen, wirken "innere Zensor" und von außen an den Künstler herangetragenen Ansprüche zusammen.

Wie ich früher schon einmal schrieb ist "Kitsch" einer der schwammigsten Begriffe der deutschen Sprache, und der Kitschvorwurf ein geradezu klassisches Totschlagargument gegen Kunst, die man aus irgendeinem Grunde für minderwertig hält.

Ich halte es mit einer älteren Definition, und halte Kitsch für falsch:
  • falsch im Ort (etwa: Erzeugnisse der Musikindustrie werden als Volksmusik ausgegeben)
  • falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine heile Welt, die es nicht gibt und nie gab)
  • falsch im Material (etwa: Verwendung von Klischees statt echter Gefühle - oder wörtlich genommen: Plastik oder bemalte Pappe, die so tun, als wären sie Holz.)
Adornos Definition, der Kitsch sei etwas "dümmlich Tröstendes", beziehe ich in meinen Kitschbegriff ein, obwohl Adorno vieles als "kitschig" ablehnte, was ich niemals so nennen würde.
"Kitsch" ist für mich weitgehend gleichbedeutend mit Verlogenheit, Unaufrichtigkeit gegenüber dem Leser / Hörer / Betrachter.
Kitschig ist daher auch das Immergleiche, das Vorhersehbare, nach "Schema F"-gestrickte. Auch behagliche Langeweile ist für mich Kitsch (da kommt Adorno durch), das Streben, nur ja niemanden zu verstören, seine Quelle.

Neulich lobte ich einen Roman, der angeblich der "kitschigste Seeroman aller Zeiten" sein soll: "Seefahrt ist Not" von Gorch Fock. Abgesehen davon, dass die Auswahl an verlogenen, dümmlichen und formelhaften Seeromanen so groß ist, dass sich schwerlich einer als "der kitschigste aller Zeiten" herausstellen ließe, ist die Frage, ob "Seefahrt ist Not" wirklich besonders kitschig ist.
Ich stelle die Frage so: Was ist an diesem Roman verlogen? Aus heutiger Sicht sicherlich Gorch Focks Nationalismus. Wer heute so schreiben würde, dem würde ich ohne zu zögern vorwerfen, er wäre unaufrichtig - im besten Fall Wunschdenken, im schlechtesten Fall lügenhafte Propaganda. Ich bin mir nicht sicher, ob das schon für Gorch Fock in der Zeit galt, als er "Seefahrt ist Not" schrieb. Nicht bestreiten will ich, dass der Mann später übelste Kriegspropaganda verzapft hat - aus Überzeugung, aber dennoch verlogen. Eine Lüge, an die man selbst glaubt, ist trotzdem nicht die Wahrheit. "Seefahrt ist Not" ist hingegen in der Alltagsschilderung realistisch, die Handlung grundsätzlich glaubwürdig. Solche Leute wie Klaus Mewe gab es ja wirklich, allenfalls ist sein Charakter überzeichnet.

Aber wahrscheinlich ist der Kitschvorwurf an "Seefahrt ist Not" ein Geschmacksurteil, das mit einem moralischen Urteil gekoppelt ist, und sozusagen absolut gesetzt wird.

Weil dieses Urteil "das ist Kitsch" aber mit einer moralischen Abwertung verbunden ist, mindestens mit der, unaufrichtig zu sein, ist es auch so gefürchtet. Jedenfalls dann, wenn es von einer Autorität - egal, ob es ein angesehener Literaturkritiker, ein angesehener Schriftsteller oder auch nur ein schlichter Literaturwissenschaftler - ausgesprochen wird.

"Felix Krull" schrieb in seinem satirischen "Ratgeber" "Literatur für Hochstapler":
Wenn nach dem Freudschen Mißverständnis das Böse immer auch das Wahre ist, dann darf es eben in der Literatur nichts Gutes geben, und auch nichts Schönes. Literatur tut immer so, als müsste sie all das Schlechte für diese Welt für sich reklamieren. So darf es nie ein happy end geben. Kein stilles Glück; keine normalen Menschen, die glücklich verheiratet sind und eigentlich ganz zufrieden sind, und vielleicht sogar einen einen Beruf ausüben, der ihnen auch noch Spaß macht.
Auf die Frage, ob nicht eventuell doch die erfreuliche Nähe zu einem wirklich zauberhaften Menschen auch mal Thema eines literarischen Werkes sein könnte, antwortet er:
Nein, und nochmals nein! Allein schon die Frage verrät den literarisch minderwertigen Geschmack. So etwas ist Kitsch. Und Kitsch ist der Todfeind der Literatur. All das Elendsgetue dient ja hauptsächlich der Kitsch-Prophylaxe. Natürlich erliegt die Literatur damit einem Kitsch der Negativität, um auch einmal mit einem pathetischen Genitiv zu glänzen, aber das verraten wie keinem.
Auch wenn das bezogen auf den Kulturbetrieb als Ganzes arg übertrieben ist, ist es leichter ernst genommen zu werden, wenn man auch ein ernstes Thema wählt und es es auch ernsthaft behandelt.
Das klassische Beispiel dafür ist meiner Ansicht nach Brigitte Schwaigers Erstlingsroman "Wie kommt das Salz ins Meer?", ein Buch, das seinerzeit nicht nur glänzende Kritiken erhielt, sondern auch Bestseller war.
"Kitschig" ist der Roman meiner Ansicht nach nicht, Schwaiger war in ihrem autobiographisch geprägten Werk ehrlich und beschrieb nicht als Masche eine Welt voller Enttäuschung und Monotonie, und verstörend und insofern mutig ist der Roman auch. Trotzdem: hätte Schwaiger ihre schlechten Erfahrungen in einem ironischen, schwarzhumorigen Ton verarbeitet, was, da sie heuchlerische Moralvorstellungen und die Enge kleinbürgerlicher Lebensentwürfe bloßlegt, sogar meiner Ansicht nach passen würde, wäre das Buch wohl weitaus weniger beachtet worden.

"Krull" spricht etwas an, das er das "Freudsche Missverständnis" nennt (natürlich auch, um eine bewährte Hochstapler-Taktik zu demonstrieren: ein berühmten Name verleiht selbst banalen Erkenntnissen Beachtung). Die Wahrheit ist oft unangenehm. Der Umkehrschluss ist, dass das was unangenehm ist, wohl auch wahr sein müsse. Eine Weltsicht, die der den von Sven Scholz benannten Zynikern ähnelt, die hinter der entschiedenen Replik, die Judith Holofernes von "Wir sind Helden" auf Jung von Matts Anfrage, ob sie nicht Werbung für die BILD machen wollen, nichts als einen PR-Trick zur Selbstvermarktung vermuten können.
Wer allen "edlen Motiven" misstraut, oder jede gute Nachricht mir tiefer Skepsis aufnimmt, immunisiert sich gegen den Vorwurf, naiv zu sein. Übertragen auf die Literatur: mit viel Melancholie, Enttäuschungen, bitterbösen Abrechnungen, Misstrauen, Hass und Verbitterung lässt sich offenbar "Tiefe" und ein gewisses Niveau simulieren.

Das gilt übrigens auch für Lieder - ich denke da an Weltschmerzsimulationen der Band "Unheilig" wie "Geboren um zu leben" oder die großen Erfolge, die Xavier Naidoo mit ebenso moralinsaueren wie verquasten Texten zu melancholischen Melodien hat. Naidoo und "der Graf" haben wenig gemeinsam - außer, dass ihre Texte beim zweiten Hinhören eher banal und nicht sonderlich poetisch sind. Ich halte viele ihrer Lieder für Musterbeispiele eines "Kitsches der Negativität", der anscheinend ob seiner Negativität nicht als Kitsch wahrgenommen wird.

In einem Porträt des Galionsfigurenschnitzers Claus Hartmann im Deutschlandfunk sagte Hartmann zum Vorwurf, maritime Bildhauerei sei Kitsch:
"Wir müssen uns gegen nichts wehren. (..) ich glaube, wenn man das als Künstler anfängt, solche Dinge in seine Kreativität mit einzunehmen, dann haben wir schon verloren."
Damit hat er wahrscheinlich recht. Wer ständig Kitschprophylaxe betreibt, ist erst recht unaufrichtig, also (nach meiner Definition) kitschig. Und wer sich ständig Sorgen darüber macht, wie sein Werk bei den Mitmenschen, vor allem jenen mit Autorität, ankommt, der tötet auf die Dauer die Lust am Schaffen, am Ende die Kreativität.

Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Wofür ich niemanden außer mir selbst verantwortlich machen kann. An meinen Ängsten und Vorurteilen kann allein ich etwas ändern.

Dienstag, 15. Februar 2011

Gorch Fock - ein halbvergessener Schriftsteller

In den letzten Wochen ist das Segelschulschiff der deutschen Marine, die Bark "Gorch Fock", ins Gerede gekommen. Darüber will ich nichts schreiben, denn ich hätte nichts dazu zu sagen, was andere nicht schon besser gesagt hätten. Zum oft angezweifelten Sinn der seemännischen Ausbildung auf Segelschiffen: die halte ich für sinnvoll, ich halte sie sogar für angehende Handelsschiffsoffiziere für sinnvoll, während ich am Sinn der deutschen Marine durchaus meine Zweifel habe.

Wahrscheinlich wäre der Namenspatron der Bark, dessen Bild immerhin gut 30 Jahre lang den 10 DM-Schein verzierte, ohne dieses berühmte Schiff heute ein weiterer vergessener Dichter.
Johann Wilhelm Kinau, wie Gorch Fock mit mit bürgerlichem Namen hieß, wird heute nur noch wenig gelesen. Was meiner Ansicht nach nichts über die literarischen Qualitäten seines quantitativ eher schmalen Werkes sagt.

Geboren wurde Johann Kinau am 22. August 1880 im zur Hamburg gehörenden Teil der ElbInsel Finkenwerder, damals Finkenwärder geschrieben. Sein Vater Heinrich war Seefischer. Johann fuhr mit 14 Jahren mit, war dabei ständig seekrank und erschien seinem Vater für zu schwach für die harte Arbeit an Bord. Auch eine Lehre als Krämer, wie die Einzelhändler damals genannt wurden, musste er abbrechen. Er wurde er Buchhalter und nebenbei Schriftsteller. Immerhin arbeitete er ab 1906 bei der größten deutschen Reederei, der Hamburg-Amerika-Linie.

Bekannt, zumindest in Norddeutschland, wurde er mit seinen plattdeutschen Gedichten und Liedertexten. Er versuchte, zusammen mit seinem Freund Richard Ohnsorg, dem Gründer des gleichnamigen Theaters, die plattdeutsche Sprache wenigsten in Hamburg und umto "salonfähig" und literaturfähig zu machen. Wirklich gelungen ist ihnen das nicht. "Erneuerer der niederdeutschen Literatur", wie ihn sein Bruder Rudolf Kinau, ebenfalls ein bekannter plattdeutscher Schriftsteller, nannte, war er nicht und konnte er gar nicht sein. Dazu war sein Werk zu schmal vom Umfang und zu eng vom Genre.

Es sind die dichterischen Qualitäten, Focks Umgang mit der Sprache und sein Talent, Stimmungen zu transportieren, die sein bekanntestes Werk, Seefahrt ist Not!, ein Roman mit hochdeutschem Text und plattdeutschen Dialogen, noch heute lesenswert machen. Es schildert das harte und gefährliche Leben der Finkenwerder Hochseefischer zugleich realistisch und romantisch, und unübersehbar heroisierend: Klaus Mewe, der junge Fischer, gerät zum "späten Wikinger".
Ich gebe zu: ich mag so was. Abenteuerbücher - und "Seefahrt ist not!" ist eines - leben von solchen kernigen Charakteren, von zupackenden Optimisten. Man mag es absurd finden, für sinnlosen Heroismus halten, wenn Klaus, dessen Vater von einer Fahrt nicht mehr zurückgekommen war, so besessen von der See ist, dass er immer wieder hinaus muss, bis er selbst in der Nordsee untergeht. Es ist klar, dass Klaus Mewe, genannt "Klaus Störtebeker", das Leben in vollen Zügen genießt und trotzdem (oder gerade deshalb?) immer wieder sein Leben riskiert.
Kinau war ein großer, aber kein ganz großer Abenteuerschriftsteller. Jack London und Herman Melville, die amerikanischen Meister des Seeromans, kannten auch traumatisierte oder an sich selbst zweifelnden Helden, deren Heldentum auch gerade im Sieg gegen sich selbst liegt. Kinau ist längst nicht so tief. Aber sein Klaus Mewes ist auch kein papierener Strahlemann, wie die Helden Karl Mays.
Leider finden sich auch antibritische und nationalistische Töne in diesem Buch: Kinau war auch in dieser Hinsicht ein Kind seiner Zeit: Damals, 1912, entsprachen seine vaterländischen Untertöne dem Zeitgeist einer Zeit der maritimen Aufrüstung und des Hurra-Patriotismus.
Die Hamburger Schulbehörde verteilte 5000 Exemplare an die männlichen Schüler der Hansestadt. Wäre er kein patriotischer Heimatschriftsteller gewesen, wäre das trotz der literarischen Qualitäten Focks wohl nicht geschehen.
Finkenwerder-69
Gedenkstein für Gorch Fock (eigentlich Johann Wilhelm Kinau) in seinem Heimatort Finkenwerder. Foto: MartinM - CC-Lizenz by-nc-sa)

Kinau gehört zu den vielen, zu vielen, Künstlern, die im 1. Weltkrieg buchstäblich ihrer patriotischen Begeisterung zum Opfer fielen und viel zu jung starben. Als der Krieg 1914 ausbrach, meldete er sich freiwillig - er war immerhin 34, nur bedingt tauglich und Familienvater, er hätte nicht müssen. Für die Marine galt er als nicht tauglich, er kam zum Heer, wurde in Serbien und in Verdun eingesetzt, machte sogar Karriere: 1916 wurde er Offiziersanwärter. Im März 1916 erfüllte sich für den Mann, den die Sehnsucht nach der See nie losgelassen hatte, seinen Traum: Er wurde zur Marine versetzt, wurde Matrose auf dem Kleinen Kreuzer S.M.S. "Wiesbaden". Wenige Monate später, am 31. Mai 1916, wird die "Wiesbaden" in der Seeschlacht am Skagerrak schon zu Beginn der Schlacht durch einen Volltreffer in den Maschinenraum manövrierunfähig geschossen und sank nach einem Torpedotreffer ins Heck. Johann Kinau ertrank, seine Leiche wurde in Schweden angetrieben. In den Taschen seiner Uniform fand sich seine Kladde mit den Aufzeichnungen, die er bis zum letzten Tag führte. Er wurde zusammen mit anderen deutschen und britischen Opfern der Seeschlacht auf dem Ehrenfriedhof für Marinesoldaten am Südhang des Jorefjords bestattet, auf der Insel Steensholm, wo seine Leiche antrieb, gibt es einen Gedenkstein mit seinem Namen.

Mit dem "Heldentod" des patriotischen Dichters setzte die Glorifizierung "Gorch Focks" ein. Sein Werk und auch sein ziemlich kurzes, unheroisches Leben wurde von Nationalisten glorifiziert, so sehr, dass das literarische Werk fast völlig gegen den künstlichen nationalen Glorienschein verblasste. Kinau war Nationalist, seine "plattdeutschen Kriegsgedichte" von 1915 sprechen eine deutliche Sprache, aber zum "völkischen Dichter" wurde er erst posthum hochgejubelt.
Daher überrascht es wenig, dass die Reichsmarine 1933 ihr neu erbautes Segelschulschiff "Gorch Fock" nannte. (Die erste Gorch Fock liegt heute als Museumsschiff im Stadthafen von Stralsund.)
Die Nationalsozialisten vereinnahmten den Schriftsteller dann komplett. Es war nicht sehr schwer, Gorch Fock in die Naziideologie einzupassen, man musste nur Suchen und das eine oder andere weglassen. Es gibt eine einzige judenfeindliche Passage in seinen 20 erhaltenen Tagebüchern, aber in der Gorch-Fock-Darstellung der Nazizeit nahm sie einen prominenten Platz ein. Bei der propagandistischen Instrumentalisierung sollen Kinaus Brüder keine ruhmreiche Rolle gespielt haben.

Gorch Focks "Seefahrt ist Not!" bleibt auch nach dem Ende der Nazizeit zumindest in der Bundesrepublik Deutschland "Volksbuch" und Schullektüre. Die Namenswahl für die zweite Gorch Fock 1958 war - im Gegensatz zum Schiff selbst - nicht umstritten.
Das änderte sich erst Mitte der 1960er Jahre. 1965 erschien in der "Frankfurter Rundschau" ein Beitrag von Egbert Hoehl, der eine längst fällige Debatte über die fatale erzieherisch Wirkung von "Blut und Boden"-Literatur in westdeutschen Schulen anstieß. Hoehl meinte damit nicht die Blut-und-Boden-Literatur, kurz BluBo, der Nazizeit, sondern benutzte diesen Begriff als Polemik gegen Autoren mit nationalistischer Tendenz, wie Gorch Fock, Hermann Löns, Walter Flex und Heinrich Lersch.
Tatsächlich wurden Kinaus Werke aus den Lehrplänen getilgt. Was ich - obwohl ich einige Werke Kinaus und Löns schätze - für eine richtige Entscheidung halte. Ein Bruch mit völkischen Traditionen war überfällig, und er war in der Praxis wohl nur dadurch zu erreichen, in dem diese Texte aus dem Unterricht verschwanden.
(Hermann Löns-Gedichte habe ich trotzdem noch in den 1970er Jahren in der Schule gelernt - ob sie noch im offiziellen Lehrbuch standen, weiß ich nicht, dass unsere Lehrerin einen völkisch-nationalistischen "heimlichen Lehrplan" hatte, glaube ich nicht. Sie fand die Gedichte wohl einfach schön.)

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