Kulturelles

Samstag, 26. April 2008

Kitsch?

"Kitsch" ist einer der schwammigsten Begriffe der deutschen Sprache - und der Kitschvorwurf ein geradezu klassisches Totschlagargument gegen Kunst, die man aus irgendeinem Grunde für minderwertig hält. Oft kann man daher "Das ist keine Kunst, sondern Kitsch!" mit "Das entspricht nicht dem von mir für gültig gehaltenen Kunstkanon" übersetzen.
Den Kitschvorwurf habe ich einige Male "am eigenen Leibe" erleben "dürfen". Ich bestreite gar nicht, dass das, was ich als (Amateur-)Künstler zustande bringe, künstlerisch nicht viel wert ist - und auf dem Kunstmarkt noch weniger.
U.S.S. Enterprise 1799
"Die unsäglichen Schinken mit Segelschiffen auf bewegter See sind das hanseatisch-gutbürgerliche Gegenstück zum berüchtigtem röhrenden Hirsch in Öl." - Folglich ist dieses von mir gemalte Bild Kitsch.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass jene, die leicht angewidert von "Kitsch" oder "Trivialkultur" reden, das in erster Linie zwecks Distinktionsgewinn machen. Dabei gibt es eine regelrechte "Distinktionsgewinnhühnerleiter" - in der Literatur geht das z. B. so: Der Simmel-Leser sieht auf die Leser von Heftromanen herab ("Niveauloses Zeugs"), während der Süßkind-Leser auf den Simmel-Leser herabblickt, und ein, sagen wir mal, Grass-Leser nicht selten auf den Süßkind-Leser herabblicken wird, dem seinerseits von einem Kafka-Jünger eine bodenlose Niveaulosigkeit seines literarischen Geschmacks unterstellt wird. (Was mich angeht: ich lese sowohl "Perry Rhodan" wie Kafka. Simmel, Süßkind und Grass zählen hingegen nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern.)

Da tut es gut, wenn jemand den Kitschbegriff etwas anders, und zwar treffender, gebraucht:
Und das allerschlimmste ist: Die Grünen wird das gar nicht stören. Ein wenig Öko kreischen und Kultur-ist-auch-wichtig-Rhetorik, und ansonsten geht’s vor allem um die Sicherung der Eigenstumswohnung in Eimsbüttel und die Karrierechancen der Kids des je eigenen Milieus. Und für die Besserverdienenden auch um die Abschottung gegen alle den Kitsch störenden Elemente in Ottensen, dieser Biedermeiner-Idylle für die Etablierten in der Kreativwirtschaft und Waldorfschullehrer.
momorulez in “Eine prominente Front von Gegnern gibt es nicht”: Die Koalition der Friedhofsgärtner
Ich weiß nicht genau, was momorulez unter "Kitsch" versteht. Ich bin da etwas altmodisch und folge einer laut "Wikipedia" "älteren Definition". Kitsch ist falsch:
  • falsch im Ort (etwa: Erzeugnisse der Musikindustrie werden als Volksmusik ausgegeben)
  • falsch in der Zeit (etwa: besungen wird eine heile Welt, die es nicht gibt)
  • falsch im Material (etwa: Verwendung von Klischees statt echter Gefühle)
(Falsch im Material kann auch wörtlich gemeint sein, wenn z. B. ein Stück Polystyrol-Spritzguss so tut, als sei es eine Schnitzerei in Holz. Umgekehrt sollte man sich hüten, alles, was aus Plastik ist, gleich für Kitsch zu halten.)

Genial finde ich Adornos Definition, der Kitsch als etwas "dümmlich Tröstendes" bezeichnete - auch wenn ich mich hinsichtlich dessen, was ich kitschig nenne, keineswegs seiner Meinung anschließe. Adorno schätzte das Wohlgefühl des Distinktionsgewinns für meinen Geschmack zu sehr.

Bezogen auf Wohn-Milieus ist "Kitsch" schlicht Verlogenheit. Konflikte werden aus dem Umfeld herausgehalten oder geleugnet. Eine Form der Wirklichkeitsflucht, in der das "gute" Wohnquartier als Oase der Geborgenheit wirkt. Die (eventuell) in einer gentrifizierten Gegend wie Ottensen vorhandene kulturelle "Szene" ist aus dieser Sicht eher "Service" oder "Deko" - und wird so entwertet.

Was halte ich für kitschig?
Ich finde das Werk zweier Maler, die verschiedener nicht sein könnten,ausgesprochen kitschig - was etwas anderes ist, als dass ich ihre Gemälde für durchweg schlecht halte.
Der eine ist Bernard Buffet. Dieser Maler hat das Pech, sehr früh im Leben sehr erfolgreich gewesen zu sein. Seine gigantische Produktion von mehr als 150 Bildern pro Jahr führte nicht nur dazu, dass seine Gemälde etwas sehr beliebiges hatten - er malte so ziemlich alles, und zwar in einem Stil, dem man schnell überdrüssig wird. Weshalb Buffet, nachdem der Hype (bzw. die Kunstmarktblase) infolge totalen Überdrusses um 1970 geplatzt war, den Ruf hatte, nur ein Fließbandmaler kitschiger Elendsbildern zu sein. Auch wenn Buffet jetzt "wiederentdeckt" wird, bin ich nach wie vor der Meinung, dass Buffet diesen Ruf zurecht hat. Wenngleich einzelne Bilder Buffets im richtigen Zusammenhang durchaus ihren Reiz haben können.

Der andere ist der Fantasy-Maler Boris Vallejo. Ich halte ihn für kitschig, obwohl ich das bei "Gebrauchskünstlern" - Vallejo malt vor allem für Buchtitel und für die Werbung - nicht so eng sehe. Vallejos handwerkliche Fähigkeiten sind beachtlich, der Mann kann malen und zeichnen, und ab und an schafft er surrealistische und phantastisch-realistische Werke, an denen ich mich kaum satt sehen kann. Allerdings: meistens malt er klischeehafte Bilder muskulöser Helden und wenig bekleideter, junger und "gut gebauter" Frauen. Eine mir persönlich bekannte Künstlerin und Kunstdozentin meinte, Vallejos "verschwendet sein Talent", ungeachtet des großen kommerziellen Erfolges seiner Bilder, denn er bedient immer dieselben ausgelutschten Klischees, obwohl man sieht, dass er auch anders könnte.
Besonders stört mich an Vallejo die "Konsum-Erotik" - Motto: Sex sells, aber nur dann, wenn die erotisierende Darstellung nicht verstört und die Grenzen der (in diesem Fall amerikanischen) üblichen Prüderie eingehalten werden.

Dienstag, 22. April 2008

Ernst Vlcek ist gestorben

Soeben las ich auf Uschis Blog, dass der bekannte und beliebte deutsche Science Fiction-Autor Ernst Vlcek heute völlig überraschend und friedlich gestorben ist.

Ernst Vlcek ist vor allem als Autor und langjähriger "Expokrat" der SF-Romanserie "Perry Rhodan" bekannt. Wie viele Romane der Genres Science Fiction, Fantasy und Horror er im Laufe der Jahrzehnte schrieb, ist kaum zu überblicken.

Kaum zu fassen, dass der gar nicht ernste Ernst nicht mehr unter uns ist! Ein wirklich schwerer Verlust, nicht nur für die deutsche Science Fiction.

Mach gut, Ernst, egal, wo Du jetzt sein magst!

Montag, 14. April 2008

Löscht die olympische Flamme! (Und nicht nur wenn die Spiele in einer Diktatur stattfinden.)

Im Zusammenhang mit einem Aufstand in Tibet, über dessen Natur man hierzulande wenig weiß, aber viel vermutet, der Reaktion der chinesischen Regierung auf diesen Aufstand, der tendenziösen und manipulativen Berichterstattung westlichen Medien über den Aufstand und die chinesischen Reaktionen auf den Aufstand, und der hysterischen und albern-verschwörungstheoretischen Reaktion chinesischen Medien auf die tendenziöse und manipulative Berichterstattung westlichen Medien ist auch vom offensichtlich bedeutungsschwangeren "olympischen Feuer" und dessen Schutz die Rede.

Wenn man sich die Ursprünge des "olympischen Feuers" ansieht, dann steht es schwerlich für das, was heute zum "olympischen Gedanken" erklärt wird (als da wären: fairer Wettstreit, Völkerverständigung, Frieden, Freiheit, Gleichberechtigung, usw. usw. usw. - nicht zu vergessen die großen olympischen Geisterbeschwörungen: der Beschwörung des Geistes von Baron Pierre de Coubertin und die Beschwörung des Geistes der Antike).

Mit dem Baron de Coubertin hat die Flamme und der Fackellauf nichts zu tun, denn erst 1928 wurde erstmals eine "olympische Flamme" entzündet. Das heute übliche Feuerritual - mit feierlicher Entzündung im Hain von Olympia, Fakelläuferstaffette, feierlicher Entzündung des Feuers, Bewahrung der "Reinheit der Flamme" usw. - wurde zur Nazi-Olympiade von 1936 eingeführt - wobei es letzten Endes egal ist, ob die Idee aus dem Propagandaministerium kam oder doch vom nazi-hörigen Sportfunktionär Carl Diem, dem Organisator der olympischen Spiele.

Was die Antike angeht: man könnte, mit viel Mühe und einige Verdrehungen, im heilige Feuer der Hestia und in den Fackelumzügen im alten Athen, "historische Vorbilder" für den neuzeitlichen Feuerkult konstruieren. Denn etwas, was auch nur annähernd dem Nazi-Fackellaufspektakel entspräche, gab es im antiken Griechenland nicht.
Der olympische Fackellauf steht im Fokus antichinesischer Demonstranten. Aber schon seitdem die Nazis die Propaganda-Veranstaltung 1936 einführten, wird gegen das Ritual der "scheinheilgen Flamme" demonstriert.

Wikipedia: Olympische Flamme
Zeit-online: Fragen zum Fackellauf
einestages.spiegel.de: Wenn die Flamme nicht lang fackelt
heise-tp: "Löscht die Flamme".

Nun mag sich mancher meiner Leser die Frage stellen, wieso ich mich über so ein Symbol, mag es auch von den Nazis erfunden sein, aufregen würde. Ich würde ja schließlich auch nicht die Autobahnen boykottieren oder auf die Verlegung der gewerkschaftlichen 1.Mai-Kundgebungen auf einen anderen Termin bestehen (weil der 1. Mai unter den Nazis Feiertag wurde).

Der Grund liegt daran, dass die Symbolik seitens der Nazi-Propaganda sehr sorgfältig ausgewählt und ebenso sorgfältig inszeniert wurde. Ein "Symbol" ist immer mehr als ein simples Zeichen - es steht für etwas, es bewirkt etwas.
Für die Fachleute unter meinen Lesern: ich beziehe mich auf den Symbolbegriff von Ernst Cassierer (Der Mensch hat nur über Symbole einen Wirklichkeitsbezug), den von Goethe (Symbol auf als "aufschließende Kraft“, die im Besonderen das Allgemeine (und im Allgemeinen das Besondere) darzustellen vermag) und Joseph Campbell (Verweis des Symbols auf die Transzendenz.) Ich gebe zu, dass es schwierig ist, diese drei Auffassungen zusammenzudenken. Sie sind eher komplementär als kompatibel.
Der Mythos des Olympischen Feuers ist insofern echt, als das er wirkt, mag er ursprünglich ein eher banales, ahistorisches und "zusammengeklautes" Propagandakonstrukt sein.
Einen Eindruck von dem "Programm", das hinter der Fackellaufsymbolik steht, gibt die Anfangsszene eines (leider) hervorragend gemachten und (noch mehr leider) auch für mich ästhetisch reizvollen Films: Leni Riefenstahls Olympia-Film "Fest der Völker".
Die Kamera fährt durch eine in Dunst gehüllte Landschaft, in der die Überreste antiker Tempel, oft nur überwachsene Mauerreste und zertrümmerte Säulen, zu sehen sind. In einer für damalige Verhältnisse erstaunlich fließenden Fahrt nähert sich die Kamera einem besser erhaltenen Tempel inmitten der antiken Steine, umkreist ihn. Die Köpfe und Körper griechischer Statuen erscheinen in der Landschaft, von der Kamera Riefenstahls geradezu sinnlich umkurvt und umschmeichelt. Durch Überblendung "erwacht" ein nackter Diskuswerfer "zum Leben", auch andere marmorne Athletenstatuen werden "lebendig". Schließlich "erwacht" eine Statue eines Speerwerfers. Der Speer zielt auf eine Feuerschale. Ein (beinahe) nackter Athlet entzündet die olympische Fackel, hebt sie triumphierend empor.
(Der Wirkung tut es keinen Abbruch, wenn man weiß, dass (einige der) "antiken Ruinen" aus Pappmaché bestanden, weil die Aufnahmen aus dem antiken Olympia nicht für die Inszenierung zu gebrauchen waren, und dass die (fast) nackten Modellathleten nicht im heißen Sand von Olympia, sondern am zur Zeit der Aufnahme recht kühlen Strand der Ostsee agierten.)
Überblendung zum "realen Geschehen": der Fackellauf beginnt. Es wird gezeigt, wie die Flamme von einem Träger zum nächsten weitergegeben wird, bis zum im Film noch gewaltiger als in der Realität wirkenden Berliner Olympia-Stadion. Hier entzündet der letzte Läufer der Stafette die Olympische Flamme, einen einem antiken Altar nachempfundenen Gasbrenner. Die Kamera verharrt auf der Sonne, vibrierend in der heißen Luft über der Flamme. Die Menschenmassen jubeln, Hitler grüßt die Flamme.

Der erste Eindruck: "Ganz großes Kino", in doppelter Bedeutung. Dieser imposante Eindruck, sowohl des Fackellaufes wie seiner filmischen Inszenierung, wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass das IOC nach 1945 so unkritisch an der Nazi-Symbolik festhielt - sie ist einfach eine zu "gute" Show; so, wie bisher alle olympischen Spiele mehr oder weniger deutlich die Nazi-Olympiade von 1936 imitierten.
Was zeigt die Filmsequenz, symbolisch betrachtet? Sie zeigt, unter anderem, wie die Fackel vom antiken Griechenland an Nazi-Deutschland weitergegeben wird. Das "3. Reich" beansprucht das Erbe der Antike. Der Anspruch ist, wie viele Ansprüche der Nazis, so hohl und papiern wie die Säulen in Leni Riefenstahls Studiodekoration; er funktioniert nach dem Prinzip: "Frechheit siegt!" Wird er nur laut genug verkündet und oft genug wiederholt, wird "die breite Masse" diese Behauptung schlucken. So, wie sie geschluckt hat, dass die Nazis die "rechtmäßigen Erben" der alten Germanen seien, oder die, dass "Arier" grundsätzlich allen anderen "Rassen" überlegen seien - oder den, dass sich der Vernichtungsantisemitismus "wissenschaftlich begründen" ließe. Das Schlimme ist, dass die meisten dieser "geschluckten" Behauptungen den Untergang der Nazireiches überlebten - manche bis heute.

Natürlich stellt das heutige IOC die Fackellauf-Symbolik anders dar - die Flamme würde die positiven Werte, die die Menschheit schon immer mit dem Feuer verbunden hätte, symbolisieren, oder dass die Fackelstafetten eine Botschaft des Friedens und der Freundschaft unter den Völkern aussenden.
Das Dumme ist nur, dass die olympischen Rituale immer noch die selbstverliebte, selbstherrliche und herrische "braune Aura" des Nazimythos umwabert. Man denke nur an die umständlichen Vorkehrungen, mit der die "Reinheit der Flamme" gesichert wird - wird sie (wie dieses Jahr mehrmals geschehen) gelöscht, muss sie mit z. B. in einer Grubenlampe "bewahrtem" Originalfeuer neu entzündet werden. Erlöschen alle "Backup-Flammen", dann muss gemäß dem Reglement die Flamme im heiligen Bezirk von Olympia neu entfacht werden.
Mir fällt dazu nur ein: ein religiöser Ritus. Und zwar einer, der mit der heidnischen Antike nichts gemeinsam hat - aber alles mit dem Mystizismus der Nazis (und ihrer Pedanterie).

Ich habe eine lange und ernsthafte Diskussion über die Frage geführt, ob z. B. Runen in der Öffentlichkeit verwendet werden dürfen. (Nicht juristisch gesehen, sondern moralisch.) Auch wenn ich dabei Anregungen der Art, man möge, im Zuge der "Null-Toleranz" und einer Politik der Nadelstiche, einige von Nazis und Neonazis verwendete Runen "verbieten", für abwegig (und nebenbei sinnlos) halte, so kann ich das Unbehagen etwa des Journalisten Thoralf Staud angesichts eines rechtsextremen Dachdeckers, der mit der "Lebensrune" in einem Schaukasten direkt vor dem Anklamer Gymnasium wirbt, ohne dass es jemanden stört, gut nachvollziehen. (Zeit online: Glatzenbrot und Lebensrunen.) Das gilt unabhängig davon, dass die entsprechende Rune nicht von den Nazis erfunden, sondern "nur" missbraucht wurde, dass die Deutung dieser Rune (im älteren Futhark Algiz - Elch - genannt - sieht so aus wie das "Peace"-Zeichen, nur auf dem Kopf stehend und ohne Kreis) als Lebensrune (vorsichtig formuliert) umstritten ist, und dass nicht jeder, der diese oder andere Runen verwendet, rechtsextrem sein muss.
Das Fazit, das ich aus der Diskussion gezogen habe: die Runen können zwar nichts durch ihre Verwendung durch Nazis und es ist keine gute Idee, den inwändig Braunen diese Symbole einfach zu überlassen, aber es wäre eine noch schlechtere Idee, zu vergessen, dass Runen auch "beliebte" Nazi-Symbole sind. Die zur Zeit meist verwendete "echte" Rune ist übrigens eine "Binderune" aus Hagalas (in der Sternform des jüngeren Futhark, Lautwert "H") und "Berkano" (Lautwert) "B" - die Initialen Harald Blauzahns als Symbol für "Bluetooth". Eine locker-unbefangene Form der Runenverwendung, die dem düsteren Nazi-Mystizismus genau so entgegengesetzt ist, wie etwa die Ansuz-Berkano-Berkano-Ansuz Tätowierung, die ein Wikinger im Zeichentrickfilm "Asterix und die Wikinger" trägt.

Überträgt man diese Erfahrung auf den olympischen Fackellauf, der, anders als die Runen, wirklich eine Nazi-Erfindung ist, so verbietet sich die unkritische (!) Weiterverwendung dieser Symbolik eigentlich automatisch. Zumindest mit der "sakralen Aura" der Flamme, die wie gesagt eine "braune Aura" ist, müsste Schluss sein. Leider ist das IOC und sind die nationalen olympischen Komitees in dieser Hinsicht völlig unkritisch.
Eine ohne Brimborium mit dem Feuerzeug entzündete Flamme würde, wenn man schon ein feierliches Symbol für die Dauer der Spiele braucht, völlig ausreichen. Lockerheit ist ein gutes Gegenmittel gegen Nazi-Mystizismus. Ansätze zur heiteren Lässigkeit gab es schon bei einigen olympischen Spielen - leider immer nur Ansätze. Das starke Repräsentationsbedürfnis der Veranstalter lässt den Abschied von Inszenierungen frei nach "1936" offensichtlich nicht zu.

Soweit der allgemein-politische Teil meines Unbehagens gegenüber der olympischen Fackelstafette.
Es ist meine sprirituelle Ausrichtung, die dieses "politische" Unbehagen verstärkt. Es heißt, dass es den Urhebern eines Rituals "spirituelle Energie" zuführt, wenn dieses Ritual von anderen ausgeübt wird. Sicher, das klingt arg nach Esoterik-Messe. Wenn man aber "Energie" auch im übertragenen Wortsinn begreift, und überhaupt eine metaphysische Wirksamkeit von Ritualen - egal wie und auf welchem Wege - für möglich hält, dann wird schnell klar, weshalb es mir bei der "Wiederaufführung" eines Nazi-Rituals ziemlich flau im Magen wird.

Ein anderes "Ritual" - oder besser gesagt, die dem Nazi-Feuerzauber vorausgehende Inszenierung - verursacht bei mir kein flaues Gefühl im Magen, sondern einfach nur bitteres Lachen.

Auch die "Entzündungs-Zeremonie" der olympischen Flamme stammt offensichtlich aus dem Kino - allerdings nicht aus einem (leider) ästhetisch ansprechendem Propagandafilm, der durchaus zurecht zu den besten Sportfilmen aller Zeiten gerechnet wird, sondern aus einem billigen "Sandalenfilm" aus den 50er oder 60er Jahren, etwa vom Kaliber "Herkules und die Königin der Amazonen".
Kernelement sind Schauspielerinnen in weißen Gewändern, die edel-gemessen dahinschreitend eine Art Eurythmie-Vorführung im Freien aufführen, ganz so, wie sich der von jeder historischen Bildung unbeeinflusste "kleine Max" das klassische Griechenland vorstellt. ("Asterix bei den Olympischen Spielen" ist da erheblich authentischer.) Mit der Antike, dem spürbaren "Genius Loci" des alten heiligen Bezirkes, dem Geist und der Geschichte des antiken Olympias, hat diese alberne Zeremonie nichts zu tun. Mit dem (mutmaßlichen) Ablauf der einst in Olympia ausgeübten Rituale erst recht nichts.
Richtig "nett" wird es, wenn die "Priesterin" die alten Götter Griechenlands anruft: "Apollon, Gott der Sonne und des Lichtes, schicke deine Strahlen und entzünde die heilige Fackel für die gastfreundliche Stadt Peking. Und Du, oh Zeus, schenke Frieden allen Völkern der Erde und bekränze die Sieger des heiligen Wettkampfes." Irgendwie erinnert mich das an Ritualversuche pubertierender Mädchen, die ein ganz tolles Buch von, sagen wir mal, Hexe Sandra gelesen haben, und nun glauben, ganz doll magische Junghexen zu sein. Oder (Vorsicht Insiderwitz!) an Asatrú nach "Hägar dem Schrecklichen".
Zum Glück für die Veranstalter haben die alten Götter und die meisten ihren Anhänger Humor. Würde bei der "Flammenentzündung" z. B. eine katholische Messe in ähnlicher Weise verhackstückt, wäre das vermutlich das Ende des Fackelzaubers - wenn nicht der olympischen Spiele. Die Folgen eines entsprechenden pseudo-islamischen Ritual-Schmierentheaters für den Weltfrieden möchte ich mir gar nicht ausmalen ...

Mittwoch, 19. März 2008

Sir Arthur C. Clarke (16. Dezember 1917 – 19. März 2008)

Zum Tode von Arthur C.Clarke, dem große Raumfahrtvisionär und SF-Schriftsteller, ist heute schon so viel geschrieben worden, dass ich dem wenig hinzuzufügen hätte. Eine sehr umfassende und aktuelle Informationsquelle zum Leben und Wirken Sir Arthurs ist wieder einmal die (englischsprachige) Wikipedia: Arthur C. Clarke. Danach kann man sich das Lesen der meisten, meist schlecht recherchierten, Nachrufe sparen. (Dazu weiter unten mehr.)

Wer an Arthur C. Clarke denkt, der denkt unweigerlich an seine Mitarbeit beim Kinofilm "2001 - Odysee im Weltraum". Raumfahrtinteressierten ist Clarke eher dafür bekannt, dass er schon 1945 der den geostationären Orbit als Standpunkt für Nachrichtensatelliten vorschlug. Er war nicht der erste, der auf diese Idee kam - aber er war der erste, der sich dafür einsetzte, dass seine Vision auch Wirklichkeit wurde.
Das zeichnete den Visionär Arthur C. Clarke vor den meisten anderen SF-Autoren aus - er setzte sich aktiv für seine Visionen ein, als Erfinder, Publizist, "Netzwerker". Clarke war aktiv daran beteiligt, die bessere Welt zu erschaffen, von der er schrieb. Er war direkt (und finanziell) an Projekten beteiligt, die "High-Tech" an "Entwicklungsländer" weitergaben, das wichtigste ist das Arthur C. Clarke Center for Modern Technologie in Clarkes Wahlheimat Sri Lanka.
Dass er zukünftige technische Entwicklungen prognostizierte, ist für einen SF-Autor nicht ungewöhnlich, ungewöhnlich ist aber, dass er seine "Prognosen" als Anregungen für künftige Innovationen verstand. Anders ausgedrückt: er setzte bewusst auf den Mechanismus der sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Dass eine hochentwickelte Technik am Ende der gesamten Menschheit nutzt, war Clarkes feste Überzeugung. Wie sein "Kollege", der SF-Schriftsteller Brian W. Aldiss, schrieb, sei das vielleicht eine naive Vision - aber Visionäre würden meistens dann am Besten funktionieren, wenn sie eine Aura von Naivität umgäbe. Aldiss bewunderte die wohltätige und strebsame Seite Clarkes, "es ist die andere Seite der Münze, die L. Ron Hubbard ebenfalls als Konterfei trägt".
Tatsächlich war der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard ebenfalls ein SF-Schreiber, der versuchte, seine Visionen Wirklichkeit werden zu lassen. Dabei unterschieden sich Ziele und Methoden Clarkes und Hubbards in einer Weise, dass man Hubbard als "Schatten" Clarkes beschreiben könnte. Allerdings war Clarke der bessere und erfolgreichere SF-Autor - was hoffen lässt, dass er auch auf lange Sicht der bessere und erfolgreichere Visionär sein wird.
Noch eine Randbemerkung: Arthur C. Clarke wurde von kritischen Rezensenten als "typischer Vertreter des Plastik-Optimismus der 60er Jahre" beschrieben, mit Blick auf den Film "2001" auch als "über-optimistischer "Raumfahrt-Propagandist". Dazu muss man allerdings wissen, dass Clarke selbst die in "2001" beschriebene Raumfahrt- und Computertechnik nicht mit diesem Datum versehen hat - auch in seinen futurologischen Aufsätzen forderte er die Leser immer auf, die angegebenen Jahreszahlen "cum grano salis" zu sehen. Er betonte, dass der Zeitpunkt vieler Ereignisse nicht von wissenschaftlichen oder technischen, sondern von ökonomischen oder politischen Erwägungen abhängen wird. Als Beispiel nannte er die Mondlandung, die am technisch "frühestmöglichen Termin" erfolgte, und zwar aufgrund einer politischen Entscheidung.
Clarke war auch in dem Sinne kein "billiger Optimist", dass er die negativen Folgen technischer Entwicklungen unterschätzt hätte - er war sogar einer der ersten Autoren, die sich mit ökologischen Problemen beschäftigten. Allerdings schrieb er keine Katastrophenszenarien, sondern lieber Romane, in denen die Menschen mit ihren ökologischen Problemen fertig geworden sind. Lösungsvorschläge statt Untergangsvisionen.

An dieser Stelle komme ich auf Nachrufe in deutschen Medien zurück, die zwar "gut gemeint" sind, die Sir Arthur wirklich nicht gerecht werden. Z. B. wird Clarke in der "Netzeitung" (Odyssee auf Erden beendet: Science-Fiction-Autor Clarke ist tot) als "Wanderer zwischen Naturwissenschaften und düsteren Zukunftsszenarien" beschrieben - da klischiert es mächtig, denn Clarkes Zukunftsszenarien sind nicht düstern, aber da SF-Autoren bekanntlich düstere Zukunftszenarien schreiben, muss das wohl auch auf Clarke zutreffen. Erstaunlich auch, wie wichtig die Story von der DNA-Probe, die "durchs All fliegen" soll, genommen wird: sie beruht auf einem Witz, den Clarke in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP machte.

Überhaupt nicht nachvollziehbar ist folgende Behauptung:
In den letzten Jahren widmete er sich in seinem Büchern dem Schicksal der Menschen im Zeitalter der Raumfahrt. Allerdings war er wenig optimistisch und erklärte, die Welt dürfte in wenigen Jahrzehnten unbewohnbar sein. In seinem Roman «3001: Die letzte Odyssee» aus dem Jahr 1998 hat menschliche Intelligenz nur im Weltraum überlebt, während auf der durch Klimakatastrophen zerstörten Welt nur noch einige primitive Lebewesen zu finden sind.
Der Roman "3001 - The Final Odysee" schildert eine Zivilisation, die das Sonnensystem besiedelt hat und in der in der Tat mehr Menschen freiwillig im (erdnahen) Weltraum leben, als auf der Erde. Die Erde ist in einem ökologisch wesentlich besseren Zustand als in der Gegenwart, sie wurde in eine Art Naturpark verwandelt. (Inhaltsangabe in der Wikipedia: 3001 The Final Odyssey).

In seiner jetzigen, ziemlich gut recherchierten, Form ist der Nachruf auf SpOn Zum Tode Arthur C. Clarkes gar nicht mal so schlecht. (Die erste, grauenhafte, Fassung war wohl ein typischer "SpOn-Schnellschuss".)

Allerdings behauptet der Artikel nach wie vor, dass Clarke überzeugt davon gewesen wäre, die Welt werde in einigen Jahrzehnten unbewohnbar sein.

Dieser Satz im Nachruf ist wohl ein Beitrag zum Wettbewerb "Wie bringe ich möglichst viele Fehler in einem Satz unter?":
In einem seiner letzten Werke, dem Roman "3001: The Last Odyssey" von 1997, erwacht der Pilot eines Raumschiffes nach tausend Jahren im Tiefschlaf und muss auf eine Erde zurückkehren, die durch Klimakatastrophen vollends verwildert ist und nur noch noch primitive Lebensformen beherbergt.
Es gibt keinen Roman Clarkes, der auch nur annähernd dieser Beschreibung entspräche - allerdings unzählige Romane anderer SF-Autoren mit ähnlichem Plot.

Das von einer pessimistischen Gundeinstellung Clarkes - bei aller Skepsis - keine Rede sein kann, zeigt seine eigene Geburtstagsbotschaft vom 16. Dezember 2007:
90th Birthday Reflections.

Montag, 3. März 2008

Giordano-Bruno-Denkmal

Mit mehr Angst verkündet Ihr das Urteil, als ich es entgegennehme.
Giordano Bruno

Am Sonntag, dem 2. März 2008, wurde in Berlin, am Potsdamer Platz, ein Denkmal des am 17. Februar 1600 auf dem Campo de’ Fiori in Rom wegen "Ketzerei und Magie" bei lebendigem Leib verbrannten Philosophen und Dichters Giordano Bruno enthüllt. (Bericht des humanistischen Pressedienstes: Giordano-Bruno-Denkmal enthüllt.)
Die Skulptur des Berliner Bildhauers Alexander Polzin ist absichtlich nicht "schön", im Sinne einer gefälligen Ästhetik, sie soll verstören:
Die sechs Meter große, kopfunter hängende Menschenfigur wurde aus einem einzigen Fichtenstamm herausgeschnitten und dann in Bronze gegossen. Die angedeutete Schraubbewegung zielt auf das Inbild des nackten, geschundenen Menschen mit überstreckten Füßen, Armen und Händen.
Die sechs Finger an einer der beiden Hände bringt den visionären Abweichler, den Theoretiker des Übermenschlichen in’s Spiel. Der Brustansatz verweist auf die undogmatische, arkane, gleichsam feminine Seite Brunos Naturphilosophie.
Das Holz, das dem Entwurf zu Grunde liegt, ein Kohlenstoffmaterial, verwandelt sich mit all seiner Maserung in eine Kupfer-Zinn-Legierung. „Damit haben, was wir brauchen: eine Rhetorik des Feuers, die diesem Mann gerecht wird, eine Ahnung von der Sprache der Alchemie und der Metamorphosen, die ihn als Pantheisten beflügelte. Bruno war gewiß der furchloseste und aufrichtigste aller neuzeitlichen Kosmologen.“
Ein wichtiger Ansatz. Allzu leicht wird Bruno auf die Rolle des "Märtyrers der Wissenschaft", des überzeugten Kopernikaners, reduziert, der von der reaktionären "Heiligen Inqusition" zum Feuertod verurteilt wurde.
Allerdings wurde Bruno nicht deswegen verurteilt, weil er die kopernikanische Lehre vertrat. Laut "wikipedia" postulierte Bruno die Unendlichkeit des Weltraums und die ewige Dauer des Universums. Damit stellte er sich der herrschenden Meinung einer in Sphären untergliederten geozentrischen Welt entgegen. Viel schwerer wog damals, dass seine pantheistischen Thesen von einer unendlichen materiellen Welt keinen Raum für ein Jenseits ließen, die zeitliche Anfangslosigkeit des Universums eine Schöpfung und dessen ewiger Bestand ein Jüngstes Gericht ausschlossen. Entgegen der Darstellung der "Wikipedia" ist dieser Schluss aus einem pantheistischen Weltbild keineswegs zwingend, und mir ist nicht bekannt, dass Giordano so gedacht hätte. Wer aber so dachte - und oft bis heute so denkt - sind christliche Theologen. Bruno meinte zudem, dass Jesus nicht der Sohn Gottes sei. Das ist in der Tat ein Grund, Bruno als "Ketzer" zu sehen. Ob es - ohne weitere Vorwürfe - als Begründung des Todesurteils ausgereicht hätte, darf bezweifelt werden.

Ich begrüße es, dass die Skulptur auf einen gern übersehenen Aspekt der Persönlichkeit Brunos hinweißt: er war auch Alchimist und Magier. Magier nicht nur im Sinne seine abergläubischen Zeitgenossen, die etwa seine Gedächtniskunst für "Zauberei" hielten, sondern im Sinne der "natürlichen Magie" der frühen Neuzeit. Seine Hinrichtung muss vor dem Hintergrund der Hexenverfolgung der frühen Neuzeit gesehen werden, die Ende des 16. Jahrhunderts einen traurigen Höhepunkt erreichte. Wenn man so will, war Giordano Bruno eine "männliche Hexe" - jedenfalls für seine Richter.

Dass Giordano Bruno nicht nur ein "Vordenker der modernen Wissenschaft" war, der "leider noch nicht den Schritt zur mathematisierten Physik gemacht hatte", wird oft verdrängt. So, wie verdrängt wird, dass Galileo Galilei bei seinem mathematischen Ansatz an die Zahlenmystik der Pythagoräer anknüpfte, Johannis Kepler ebenfalls Zahlenmystiker" und (trotz Bedenken) erfolgreicher Astrologe war, oder Isaac Newton sich sein Leben lang intensiv mit Alchimie beschäftigte. Tatsächlich könnte es sein, dass Newton, hätte er nicht "magisch" sondern im Sinne Descartes "rational" gedacht, seine mit Fernwirkungen arbeitende Gravitationstheorie nie hätte entwickelt können.

Website zum Denkmal: Giordano-Bruno-Denkmal

Samstag, 23. Februar 2008

Festivalsterben. Merkt das eigentlich wer?

Fragte Karan auf Twitter.

Abgesehen davon, dass es sicherlich ein "gefühltes" Festivalsterben (bezogen auf Musikfestivals) gibt, etwa in dem Sinne, dass "früher immer mehr los" war, offenbart schon eine kurze Internetsuche nach bekannten Festivals, dass es mehrere von ihnen schlicht nicht mehr gibt, während andere mit diversen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Eine dieser Schwierigkeiten ist die "Kostenfalle": man glaubt dem Publikum einen gewissen "professionellen Standard" schuldig zu sein. Dieser "professionelle Standard" kostet aber Geld, was sich auf die Eintrittspreise niederschlägt oder bzw. und die Abhängigkeit von Sponsoren (sprich: Werbung) erhöht. Beides führt in unschöner Regelmäßigkeit zu sinkenden Zuschauerzahlen.

Eine andere Schwierigkeit ist, dass kommunale Räumlichkeiten, wie Bürgerhäuser, Sporthallen usw. nicht mehr zur Verfügung stehen oder die selben Mieten nehmen, die kommerzielle Veranstalter zu zahlen bereit sind.

Eine ganz erhebliche Schwierigkeit trägt den Namen "Sicherheit". Ohne regulären "professionellen" Ordnungsdienst geht oft nichts mehr - auch wenn ein paar freiwillige Ordner locker reichen würden. Der Grund sind Auflagen der Kommunen und der Versicherungen. Die Angst, dass "etwas passieren könnte", steigert sich mittlerweile zur ausgewachsenen Phobie. Nicht immer ganz grundlos: zwar gibt es auch nicht mehr "Krawalle" als früher, aber mittlerweile weiß man in jedem Rathaus, dass a) "die Medien" gierig auf den kleinsten "Krawall" lauern und b) ein "Krawall", der in die Zeitung, ins Radio oder ins Fernsehn kommt, Gift für das Image der Stadt und tödliches Gift für die Karriere eines verantwortlichen Kommunalpolitikers ist.

Immerhin bin ich ganz froh, dass wenigstens das Wutzrock-Festival "umsonst & draußen" bei mir "um die Ecke" dieses Jahr wieder stattfinden wird ...

Sonntag, 3. Februar 2008

Manipulative Kinderbücher?

Über das "Ferkelbuch" habe ich ja schon einige Worte verloren "Bangemachen gilt nicht!" - oder: Kinderbibel für Skeptiker , aber es gibt einen interessanten Nebenaspekt, der z. B. in der SZ angesprochen wird. Alex Rühle beginnt seinen Artikel nämlich so:
Es gibt viele schlechte Kinderbücher; am schlechtesten aber sind die indoktrinierenden. In ihrem Bemühen, den Kindern nur ja die richtige Botschaft einzuhämmern, verzichten die Autoren auf alle Originalität, auf jedes erzählerische Detail, das einfach nur da sein darf, absichtslos, interessant und schön. Die Illustratoren malen dazu keine eigenständigen Bilder, sondern pinseln farbige Thesen.
(aus: Indizierungsverfahren gegen Kinderbuch - Der hässliche Rabbi.)

Ähnlich argumentiert auch Alan Posener:
Ein Fall für den Index? Kinderbücher, die zu unterhalten vorgeben, in Wirklichkeit aber erziehen wollen, sind ohnehin eine Pest. Eigentlich gehörten sie alle verboten. Aber Kinder sind weniger doof, als die meisten Eltern und Zensoren glauben. Wenn sie die Gelegenheit haben, greifen sie instinktsicher zu moralfreien Geschichten wie „Pu der Bär“. Der wird ein Klassiker bleiben, wenn dieses traurige Dokument der Borniertheit längst vergessen ist. Es zu verbieten wäre zu viel der Ehre.
Wie antisemitisch kann ein Kinderbuch sein?

Nicht ganz nebensächlich ist in diesem konkreten Fall, dass der Vorwurf der "Öde", den Alex Rühle macht, meines Erachtens nicht zutrifft. "Wo bitte geht es zu Gott?" ist ein freches Kinderbuch, das den (pädagogischen) Holzhammer in der Werkzeugkiste lässt.
Was aber stimmt: es hat eine Agenda. Da diese Botschaft sich gegen Autoritäten wendet, dürfte sie bei den Kindern ankommen. Mit den "bösen Buben" Max und Moritz identifizierten sich in jeder Generation auf Neue deutlich mehr junge Leser, als mit ihren Opfern. Auch in der Bildschirmwelt der Cartoons und Animes haben freche Figuren mehr Fans als "brave".
Eher nebensächlich ist, dass "Pu der Bär" alles andere als "moralfrei" ist. Jedenfalls ist er nicht annähernd so frei von "mahnenden Lektionen" wie die allseits beliebte Junganarchistin "Pippi Langstrumpf". Pu gerät z. B. durch seine Verfressenheit so oft in die Klemme, dass die erzieherische Botschaft "nasche nicht so viel" unübersehbar ist.

Zum Vergleich mit dem umstrittenen Buch habe ich mir einige Kinderbibeln angesehen. Da gibt es solche und solche. Solche, die sich optisch und textlich nicht sonderlich von Märchenbüchern oder Sagen-Nacherzählungen unterscheiden. (Mal ehrlich: was sind nacherzählte biblische Mythen den anderes als Märchen und Sagen?) Also harmlos. Und solche, die bewusst "mehr" sein sollen, als "nur" eine Art Märchenbuch. In denen infolgedessen die christliche Moral (oder das, was die Verfasser dafür halten) daumendick aufgespachtelt wird. Angstmache, anti-wissenschaftlicher Schöpfungsglaube und ab und an eine Prise Antisemitismus inklusive. Komisch nur, dass sich kein Leitartikler in der "Welt" oder der "Süddeutschen" über solche Kinderbibeln aufregt.

Aber so ganz unrecht haben Posener und Rühle nicht. Kinder- und Jugendbücher mit manipulativer Botschaft sind tatsächlich eine Plage.
Michael Ende schrieb in "Die unendliche Geschichte" über den Lesegeschmack seines "Helden" Bastian:
Er mochte keine Bücher, in denen ihm auf eine schlechtgelaunte und miesepetrige Art die ganz alltäglichen Begebenheiten aus dem ganz alltäglichen Leben irgendwelcher ganz alltäglicher Leute erzählt wurden. Davon hatte er ja schon in Wirklichkeit genug, wozu sollte er auch noch davon lesen? Außerdem hasste er es, wenn er merkte, daß man ihn zu etwas kriegen wollte. Und in dieser Art von Büchern sollte man, mehr oder weniger deutlich, zu was gekriegt werden.
Das heißt nicht, dass Endes Bücher keine Botschaft hätten, oder keine Moral vermitteln würden. Im Gegenteil: es gibt kaum "erzieherischere" Kinderbücher als "Jim Knopf", "Momo" oder "Die unendliche Geschichte". Der Unterschied zwischen Endes Büchern und den gut gemeinten "pädagogisch wertvollen" Langweilern liegt in zwei Punkten: Sie sind nicht langweilig, sondern spannend, exotisch, abenteuerlich, und ihre erzieherische Botschaft befreit die Leser von Zwängen, regt sie zum selber Denken an, anstatt Zwänge zu verstärken oder Tabus zu errichten.
Schmidt-Salomon hat nicht annähernd das Talent eines Michael Endes oder z. B. eines Max Kruses (oder einer Joanne K. Rowling). Sein Buch ist vergleichsweise plump. Aber langweilig oder unoriginell ist es wirklich nicht.

In all der Aufregung um Ursula von der Leyens Indizierungsantrag gegen "Wo bitte geht es zu Gott?" wird allzu leicht übersehen, dass die hinter dem Versuch der Ministerin stehende Geisteshaltung seit einiger Zeit Aufwind hat. Man denke nur an den "Fall" des kirchenkritischen Karikaturisten und Bilderbuchzeichners Janosch. In dankenswerter Deutlichkeit sprach der damalige bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber im Juni letzten Jahres aus, worum es dabei geht: Stoiber bezeichnete Janosch als "falschen Propheten". Man dürfe nicht zulassen, dass Janosch mit seinen antireligiösen Zeichnungen und Kommentaren "Zugang zu unseren Kinderzimmern erlange". Stattdessen müssten Kirche, Gesellschaft und Politik "an einem Strang ziehen" und den Kindern "Orientierung, Werte und Religion" vermitteln. Stoiber attackiert Janosch. (Die Pointe dabei ist, dass Janosch' Kinderbücher gar nicht religionskritisch sind.)

Wir wundern uns, wenn christliche Fundamentalisten in den USA Harry Potter-Bücher und -Filme verboten sehen wollen - oder sogar öffentlich verbrennen. Ihr Motiv ist Angst - vorgeblich Angst davor, dass ihre Kinder "okkulte" Praktiken lernen könnten, tatsächlich aber die Angst, dass die jungen Menschen ihre starren moralischen Maßstäbe in Frage stellen könnten.
Die Ängste von Politikern wie Stoiber und von der Leyen gehen offensichtlich in eine ähnliche Richtung.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: Constantine

There's many another world. I don't know how well they briefed you on the other side, but alternate universes ain't a myth. There's a kaleidoscope variation on this full-tilt mess always goin' on. Blue Sheikh told me there's another John Constantine in an alternate universe, has black hair and lives most of his life in Los Angeles. Gets the bloody lung cancer and gets out of it, too, just like me. Black coat instead of a trench coat: he's me but not me. I sure as bleedin' hell don't want to be him — point is, with lots of everyone around in some universe somewhere, who needs this world?
John Constantine über den "Film-Constantine".

Heute ist der 20. Jahrestag des Erscheinen des 1. Bandes der phantastisch-realistischen Comicserie Hellblazer
(Wer Hellblazer noch nicht kennen sollte: Man kann sich Band 1 kostenlos als pdf-Datei von der offiziellen DC-Website 'runterladen:
Original Sins ) Ein willkommener Anlass für einen Artikel. Obwohl John Constantine schon 1985 als regelmäßiger Charakter im Horror-Comic "Swamp Thing" auftauchte, und ich vor Kurzem schon einmal über John Constantine - den Constantine der Comics schrieb: Der Pfeil der Zeit - oder: John Constantine lebt!.

Um es vorweg zu nehmen: der Film ist nicht schlecht. Genauer gesagt: er ist brauchbares Unterhaltungskino. Leider verschenkt er viel vom Potenzial der Vorlage.
Und leider gibt es dafür, dass "Constantine" nur brauchbares Unterhaltungskino ist, klar erkennbare Ursachen. Nein, nicht die Eigenwilligkeit, John Constantine von London nach Los Angeles verlegt zu haben. Oder die nicht unbedingt naheliegende Besetzung der Hauptrolle mit Keanu Reeves.
Nein, es ist wohl das Starren der Produzenten auf ein Phantom namens "Zielgruppe". Und ein starres, mutloses Festhalten an "bewährten Rezepten".

Spätestens seit "Der Exorzist" gilt die Faustregel: Horrorfilme über Besessenheit mit römisch-katholischem Hintergrund "funktionieren". Folglich wurde das mythologische Konzept der Vorlage auf den Kopf gestellt: In John Constantines Welt existieren die Götter und Geister sämtlicher Kulturen nebeneinander und nähren sich von der Verehrung der Sterblichen. Constantine hat es also nicht nur mit der christlichen Hölle mitsamt Teufeln und Dämonen zu tun.

Der Film, der lose auf dem Hellblazer-Comic "Dangerous Habits" beruht, hält sich im groben Umrissen an volkstümliche katholische Jenseitsvorstellungen.

Ein paar Worte zum Inhalt des Filmes: John Constantine ist ein Exorzist, der "das Böse" hauptsächlich im eigenen Interesse bekämpft, denn der Kettenraucher hat Lungenkrebs und kein Interesse daran, nach seinem drohendem Tod in der Hölle zu landen. Nach einem Selbstmordversuch erlebte er für einige Minuten die Hölle und versucht sich als Dämonenjäger von der Todsünde des Selbstmordes reinwaschen.

Die Polizistin Angela Dodson untersucht den Tod ihrer als psychisch krank geltenden Zwillingsschwester Isabel - sie mag nicht an den Selbstmord der gläubigen Katholikin glauben. Sie trifft John Constantine. Wie in solchen Filmen nicht anders zu erwarten, erkennt der erfahrene Exorzist, dass die Dämonen verstärkt gegen das alte Abkommen zwischen Gott mit dem Teufel, dem zufolge es Himmel und Hölle nicht gestattet ist, direkten Einfluss auf die Menschen zu nehmen, verstoßen. Ebenfalls klar: sowohl Angela wie ihre Schwester sind medial begabt, Angela verdrängte das erfolgreich, Isabel wird ob ihrer Begabung für wahnsinnig gehalten.

Im Weiteren geht es um Mammon (nein, damit ist nicht die Gewinnerwartung von Warner Bros. gemeint, sondern der Sohn des Teufels), seinen buchstäblich diabolischen Plan zur Unterjochung der Erde und den"Speers des Schicksals" (jener Lanze, die der Legionär Longinus einst mit dem Blut Christi tränkte), der in die Hände Mammons geraten ist. Zusammengehalten wird die Handlung von Action, Spezialeffekten - vor allem Computeranimationen - Pseudo-Philosophie - und erfreulich guten Schauspielern (Klasse: Peter Stormare als Teufel), die vergeblich gegen ein schwaches Drehbuch kämpfen.
Am Ende ist Constantine seinen Lungenkrebs und seine Verdammnis los, Isabellas Seele ist errettet, die Welt gerettet - und Constantine hat sich das Rauchen abgewöhnt.

Der Film kopiert allzu offensichtlich den Stil der "Matrix"-Trilogie und den Plot des Mysterythrillers "God's Army". Leider wurden die Spannung und die Logik nur unzureichend kopiert.

Abgesehen von den durch die Verlagerung nach L.A. und durch die Besetzung mit Reeves erforderlichen Änderungen fallen folgende Unterschiede zum Comic-Constantine auf:

Schon mal erwähnt: die abweichende Aussprache des Namens im Film "Tine. Constantine." Außerdem schafft er es "in Wirklichkeit" nicht, von den Kippen zu lassen. Immerhin qualmt er mittlerweile Silk Cut (sehr leichte britische Zigarettenmarke).

Im Film kämpf Constantine regelmäßig gegen Dämonen, was zu der Verhaltensweise des Hellblazer-Constantine, sich solcher ungleicher Kämpfe nach Möglichkeit zu entziehen, nicht passt. Wobei es ihm keineswegs an persönlichem Mut mangelt. Wenn es nicht anders geht und es um etwas wirklich wichtiges geht, z. B. darum, einen seiner zahllosen verstorbenen Freunde vor der Hölle zu retten, kämpft auch John Constatine. Er hat ein fatales Talent dafür, sich in Situationen zu manövrieren, die anderen - bevorzugt seinen Freunden, Bekannten und Familienangehörigen - das Leben kosten. Das ist auch der Hauptgrund dafür, weshalb er so zerknirscht und manchmal zynisch drauf ist.
Er verabscheut Gewalt und vor allem Schusswaffen. Hingegen scheint der Film-Constantine geradezu ein Waffennarr - darunter durchaus Schusswaffen - zu sein.

In "Hellblazer" ist Constantine zur Hölle verdammt, weil er Magie missbraucht und versuchte, seinen Vater zu ermorden. Im Film ist er wegen Selbstmord verdammt. (Soviel ich weiß, glauben die Katholiken, dass nur vollendeter Selbstmord die Verdammnis nach sich zieht. Bei versuchtem Selbstmord ist Reue und Buße möglich. Constantine sah im Film aber durchaus lebendig aus. Das ist auch der springende Punkt, wenn Constantine für ein paar Minuten in der Hölle war, also tot war, aber anschließend wieder lebt, kann er immer noch im irdischen Leben tätige Reue leisten.)

Gabriel ist im Film neben Mammon der wichtigste Antagonist, er verflucht die Menschen, weil ihnen seiner Ansicht nach zuviel Gnade gewährt wird. Im Grunde lehnt er sich damit gegen Gott auf, auch wenn es ihm darum geht, dass nur die wenigen Gnade erhalten sollten, die wirklich Gott ergeben sind. Das ist zwar ein netter Seitenhieb gegen "gnadenlose" religiöse Fanatiker, die alle, die nicht buchstabengetreu der jeweiligen absolut wahren Schriftauslegung folgen (also praktisch alle Menschen) zur Hölle verdammen, aber so ein Verhalten widerspricht sowohl der Bibel wie auch den ansonsten sehr unterschiedlichen traditionellen jüdischen, christlichen und islamischen Anschauungen und Gabriel-Legenden.
Im Comic ist Gabriel neutral, glaubt an die göttliche Vorsehung (wenn nicht er, wer dann?) und hat deshalb (verständlicherweise) ein skeptischen Bild von den Menschen. Die Idee, Gabriel (eine mögliche Bedeutung: "Mann Gottes") von einer Frau (Tilda Swinton) darstellen zu lassen, gefällt mir dagegen ganz gut - Engel sind ja angeblich geschlechtslos.

Ja, und ganz so selbstlos wie im Film wird John Constantine in "Dangerous Habits" seinen Krebs nicht los: er verspricht drei verschieden Teufeln seine Seele, für den Fall, dass sie seinen Krebs heilen. Was auch klappt - auch Teufel gehen unnötigem Ärger aus dem Weg und retten lieber Constantine das Leben, anstatt sich endlos um eine lausige Seele zu kloppen.

Noch eines: John Constantine verdient seinen Lebensunterhalt nicht mit Exorzismen. (Wie sollte er auch?) Ob er insgeheim nach Vergebung sucht, behält er ganz tief drin für sich. Er sieht auch keine (Halb-)Dämonen oder (Halb-)Engel.

Vielleicht muss ich meine Ansicht von eingangs dieser Postings ergänzen: außer dem Starren der Produzenten auf die "Zielgruppe" und mutlosem Festhalten an "bewährten Rezepten" ist es vielleicht die Anpassung an "sozial erwünschtes" Verhalten, eine Form vermeintlicher "Political Correctness", die einen großen Teil des Potenzials des Film "Constantine" versickern läßt. Der Held darf eine raue Schale haben, aber er muss - im konventionellen Sinne - "gut" sein. Der "Hellblazer"-Constantine ist kein "guter" Mensch, aber ein halbwegs anständiger Charakter, zu dessen moralisch besten Zügen seine Abscheu vor unnötiger Gewalt gehört. Der Film-Constantine ist moralisch "gut" - aber ein keinen Kampf scheuender Waffennarr.
Auch wenn den "echten" John Constantine nicht zum Freund haben möchte - weil schon viele seiner Freunde durch seine Fehler oder einfach durch das magisch von ihm angezogene Pech umkamen - ist er mir aber grundsympatisch.
Der "Film-Constantine" ist ein netter Kerl mit sarkastischen Sprüchen. Und der Film hat gute Ansätze.
Mehr nicht.

Dienstag, 8. Januar 2008

Sei wachsam!

In den Kommentaren von Udos law blog fand ich ein kulturelles Kleinod aus dem Jahre 1997, das tatsächlich so aktuell wie nie ist:
Reinhard Mey: Sei wachsam (live).

Um Reinhard Mey, der in den 70er, 80er und frühen 90ern als deutschsprachiger Chansonnier (das trifft es besser als "Liedermacher" oder "Schlagersänger") sehr beliebt war, ist es leider anscheinend etwas still geworden. Obwohl nur wenige seiner Titel so "politisch" wie "Sei wachsam" sind, sind seine durchweg intelligenten Texte selten wirklich "unpolitisch". Das ist noch nicht einmal sein bekanntestes Lied "Über den Wolken", das ursprünglich die B-Seite einer Single war, auf deren A-Seite der satirische und deutlich zeitkritische "Mann aus Alemania" zu hören ist. (Es war eine meiner ersten Platten. Kopfhörer)

(Und wehe es mosert hier einer: "Mey ist doch spießige Mainstream-Kacke für Ommas!") warrior

Sonntag, 30. Dezember 2007

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme: Barbarella

Dieser Artikel folgt der inneren Logik dieses Blogs: im Sommer schriebt ich eine kleine Reihe über den "Summer of Love" 1967 und im Herbst gibt es einen (ungeplanten) Raumfahrt-Schwerpunkt. Außerdem war wieder mal eine Expedition in die Wunderwelt der gut-doofen Filme fällig - warum nicht Barbarella?
Außerdem fügt sich Barbarella irgendwie gut an die bereits besprochenen gut-doofen Filme
Die Blaue Lagune und "300" an: drei irgendwie erotische Filme, die nicht im Entferntesten irgendwie realistisch genannt werden können. Jedenfalls irgendwie.

"Barbarella" war, anders als manche Kommentatoren anlässlich des Geburtstag Jane Fondas am 21. Dezember, meinten, nicht der Karriere-Durchbruch der vielseitigen, sehr politisch engagierten, sehr widersprüchlichen, und in ihrem Engagement mitunter widersprüchlichen Schauspielerin. Jane Fonda erreichte ihren Durchbruch mit der Western-Kommödie "Cat Ballou" (1965), ihren ersten Golden Globe erhielt sie sogar schon 1962 für ihre Rolle in "A Walk on the Wild Side". Tatsächlich erwies sich "Barbarella" (1968) eher als Karriere-Gift, denn der spätere Kultfilm fiel sowohl bei den Kritikern wie an den Kinokassen durch, und legte die damals 30-jährige Fonda auf das problematische Image des "Sexsymbols" fest.

Barbarella-Filmplakat
Werbeplakat für den Film "Barbarella"

Wieso der Film damals durchfiel, obwohl er wie kaum ein andere dem "Zeitgeist" der Pop-Art und Psychedelic-Ära und der anbrechenden "Sexwelle" entsprach, ist immer noch ein Rätsel. Vielleicht entsprach zu sehr der "vordersten Front" des Spätsechziger-Zeitgeist, so dass er für die breite Masse des Publikums einfach einige Jahre "zu früh" kam. (Für die damals eher konservative Filmkritik sowieso.)

Die Frage, wieso der Streifen heute Kultstatus geniest, lässt sich leicht beantworten. "Kult" ist schon die Anfangsszene, in der Barbarella, dargestellt von Jane Fonda, sich in Schwerelosigkeit ihres Raumanzugs entledigt - bis auf die Haut. Taktisch geschickt platzierte Buchstaben des Titelvorspannes sorgten dafür, dass der "Space Strip" dennoch innerhalb "jugendfreier" Normen blieb.
Die große Stärke des Films ist, dass er sich keine Sekunde lang selbst ernst nimmt - wobei die Ironie erstaunlicherweise vielen Kritikern entging. Sie begriffen (noch) nicht, dass "Trash" (oder "Camp") auch Absicht sein kann. Berühmt wurde der Film durch die zahlreichen angedeuteten Sex-Szenen, die, obwohl nur angedeutet, dennoch (ironisch) dick aufgetragen wirken.
Für heutige Ansprüche wirken die meisten Spezial-Effekte des Films billig und wenig überzeugend, für damalige Verhältnisse waren sie jedoch gut gemacht. Noch heute überzeugend wirken die knallbunt-exotischen, oft surreal wirkenden Sets des komplett im Studio gedrehte Film. Wie die sexy Kostüme vor allem der Hauptfigur auf das damalige Publikum gewirkt haben müssen, kann man ermessen, wenn man weiß, dass die Kostüme der originalen "Star Trek"-Serie (dt. "Raumschiff Enterprise") schon als sehr gewagt galten.

Titelbild Barbarella
Titelbild des Barbarella-Comicbuchs "Le Miroir aux Tempêtes"

Als Vorlage diente der erste von vier Comicbüchern mit der Titelheldin Barbarella des französischen Comic-Künstlers Jean-Claude Forest. Die Vorlage "Barbarella" erschien ab 1962 zuerst in Fortsetzungen im V-Magazine, das sich auf das damals noch wenig entwickelte Genre des Erwachsenencomics spezialisiert hatte. Die Buchfassung erschien 1964. Die Raum-Agentin Barbarella durchlebt dabei zahlreiche Abenteuer auf dem Planeten Lythion beim Versuch, den Wissenschaftler Durand Durand aus den Klauen der bösen Schwarzen Königin zu befreien. Weder inhaltlich noch zeichnerisch hebt sich "Barbarella" aus der Masse der Comics der franco-belgischen Schule heraus. Aufsehen erregend war das, was ein Sammler und Kenner von Science Fiction-Comics einmal "Barbarellas selbstbestimmte sexuelle Gefräßigkeit" genannt hatte. Forest griff das von "James Bond" geprägte Klischee des Geheimagenten, der unzählige sexuellen Affären mit zahlreichen ebenso attraktiven wie willigen Frauen hat, auf und drehte einfach die Geschlechter der Protagonisten um.

1955 illustrierte Forrest die Science Fiction-Erzählung "Shambleau", die die "Grand Old Lady" der amerikanischen Science Fiction und Fantasy, Catherine L. Moore 1933 geschrieben hatte. In "Shambleau" rettet der Protagonist, N. W. Smith (der ohne jeden Zweifel das Vorbild für Han Solo in "Star Wars" war) die ebenso schöne wie geheimnisvolle außerirdische Frau Shambleau vor einem wütenden Lynchmob. Shambleau ist allerdings nicht das, was sie zu sein scheint - in letzter Sekunde muss Smith von seinem Kumpel Yarol gerettet werden, der Shambleau - eine ins Raumzeitalter versetzte Gorgo Medusa - mit einer Variante von Perseus Spiegeltrick erschießt. Wegen ihrer abgerundeten Charaktere, ihrer subtilen Anspielungen auf sexuelle "Abgründe" der Psyche und des gekonnten Spiels mit Archetypen (im Sinne der Tiefenpsychologie) gilt die "Abenteuerstory" Shambleau als Klassiker der SF-Literatur. Forrests illustrierte Fassung war das Vorbild für "Barbarella". Forrests Illustrationen können kaum congenial zu C. L. Moores Erzählung genannt werden - sie sind effektvoll, bleiben aber z. B. hinter den Zeichnungen des gleichfalls unter "Heftchen"-Bedingungen arbeitenden deutschen SF-Illustrators Johnny Bruck zurück, von den "großen" Illustrationskünstlern gar nicht zu reden.
Immerhin: "Barbarella" ist flott gezeichnetes gelungenes Lesefutter.

Promo-Foto zu Barbarella
Promotion-Foto zum Film "Barbarella"

"Barbarella" ist meines Erachtens kein wirklich guter, sondern nur ein gut-doofer Film. Warum?
Der nach Motiven des ersten Barbarella-Bandes gedrehte Film profitierte zwar von der routinierten Regie des Journalisten, Schriftstellers, Regisseurs und gelegentlichen Filmproduzenten Roger Vadim, leidet aber unter einem flachen Drehbuch mit streckenweise hanebüchenen Dialogen. Bei aller Routine (oder gerade deshalb?) unterlief Vadim um ein Haar ein Verstoß gegen die goldene Regel des Trashfilms: "Trash darf alles - nur nicht langweilen".
Jane Fonda als Barbarella wirkt, obwohl sie als wissenschaftlich vorgebildete Spezial-Agentin (und "Astro-Navigatrix") eingeführt wird, über weite Strecken ausgesprochen dümmlich. Von der "selbstbestimmten sexuellen Gefräßigkeit" ist wenig zu spüren, Barbarella wirkt eher so, als würde sie mit jedem Mann in die Kiste steigen.
Dass Barbarella auch Frauen sexuell nicht eben abgeneigt ist, geht im Film fast unter - immerhin weist sie lesbischen Avancen der Schwarze Königin zwar ab, aber nicht "keusch" ab. Im Comic ist sie es, die die Schwarze Königin verführt.) Vermisst habe ich den Roboters Dictor, dessen mechanische Sexualtechniken Barbarella schätzen lernt. ("Dictor, Sie haben Stil!"). Irgendwie wirkt der Film so, als hätte die Produzenten der Mut und die Frechheit auf halben Wege verlassen - denn Gerüchte über eine "unzensierte", wagemutigere Fassung sind nur Gerüchte.
Der Vorwurf feministischer Kritikerinnen (zu denen später auch Jane Fonda selbst gehörte) "Barbarella" sei sexistisch und enthalte erniedrigende Männerfantasien ist nicht ganz vom Tisch zu wischen. Auch die schauspielerischen Leistung waren - vorsichtig formuliert - nicht gerade oscar-reif.

Das Pech für "Barbarella" war, dass der Film, die augenscheinlich so gut ins Jahr 1968 passt, etwa 10 Jahre zu früh produziert wurde - 1978 wären nicht nur adäquate Filmtricks verfügbar gewesen, das Publikum wäre auch für eine SciFi-Sexkomödie und die Kritik für das Konzept des absichtlichen Trash "reifer" gewesen.

Aber selbst wenn "Barbarella" perfekt umgesetzt worden wäre, wäre es immer ein Trash-Film geblieben. Bei diesem Stoff geht es nicht anders!

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