Gedankenfutter

Mittwoch, 3. April 2013

Ein problematisches typisches Motiv des Abenteuerromans

Antje Schrupp weist in ihrer lesenswerten Rezension
Nazismus und Popkultur: "Das zweite Leben des Dritten Reiches" von Georg Seeßlen auf Seeßlens interessante Grundthese hin, die den Faschismus als Konsequenz eines vergangenen Patriarchats interpretiert, an dessen Stelle dessen die pure Inszenierung des Führertums tritt.

Da ich mich nicht nur mit Abenteuerromanen auseinander setze, sondern sogar welche schreibe, ist die Denkfigur der alleinigen Representantion eines Volkes durch den "Einen", eines Gemeinweisens, in der "Einer spricht an Stelle der Vielen" gilt, die in der populären Kultur immer wieder inszeniert wird, besonders relevant. Sie ist geradezu eine Grundstruktur vieler Abenteuerromane, -Filme und seit einigen Jahren auch -computerspiele:
Der Held hat durch einen schurkischen, dämonischen Mann und seine Leute das elterliche Erbe verloren und muss nun umherziehen, schließlich das Land schöner und größer als je zuvor wieder errichten. Unschwer zu erkennen ist darin das “nationale Trauma”, Verlust und Wiedererrichtung des Reiches, Vernichtung des Usurpators, der wahlweise Jude, Demokrat oder Bolschewik ist. … Aber vielleicht steckt ja in dieser manischen Wiederholung vom schicksalhaften Tod des Vaters und der verbesserten Rekonstruktion des Reiches noch einmal jene Mythologie von Schuld und Schuldabwehr, die im Nebel der ursprünglichen Faschisierung zu finden war. (S. 181f)
("Abenteuer" schiesst hierbei natürlich Thriller, historische Romane, Science-Fiction und vor allem Fantasy mit entsprechenden Plots ein.)

Scheers "Superpirat" Reinhardt Gonder passt ziemlich gut in dieses Schema, unangenehm gut, möchte ich sagen.
Übrigens beschreibt diese problematische Denkfigur Scheers populärste Schöpfung Perry Rhodan glücklicherweise nur teilweise. Perry Rhodan steht zwar durchaus als "Einzelner" für "die Terraner", aber es ging auch in den frühen Romanen eben nicht um die verbesserte Restauration eines vergangenen Reiches, auch wenn der "Erbe"-Gedanke gut 1000 Bände sogar im Untertitel der Serie stand: "Der Erbe des Universums". Es geht allerdings um das "Erbe" einer Zivilisation, die ihre Chance gehabt hatte und versagte. "Aufbruch zu neuen Ufern" und "Toleranz und Vielfalt, aus dem Neues, Besseres entsteht" anstelle der Wiederherstellung der "guten, alten Ordnung". (So gesehen wäre übrigens Star Wars "faschistoider" als Perry Rhodan.)
Ich vermute, dass das (die von mir begrüßte nicht-reaktinäre Ausrichtung) auch daran liegt, dass Scheer nicht der "Alleinschöpfer" Rhodans war, sondern dass (die Perry Rhodan-Autoren)Walter Ernsting (alias Clark Darton) und später vor allem Willi Volz andere, weniger patriarchale und vor allem weniger autoritäre Mythen und Utopien im Hinterkopf hatten.

Das schmälert übrigens meinen Respekt und meine Sympatie für Karl-Herbert Scheer und seine Romane nicht - aber aus einigen Jahrzehnten Abstand erkennt man die Ecken und Kanten, die sein Werk aufwiesen. Ohne die, das muss auch gesagt werden, die harten und rasanten Scheer-Romane weniger hart und rasant wären. Sie hoben sich positiv von den allzu "braven" und oft ziemlich angestaubten deutschen Unterhaltungsstoffen ihrer Zeit ab. Und Scheer war alles andere als ein "heimlicher Nazi". Von der Sorte gab es in der deutschen Unterhaltungsliteratur und im (west-)deutschen Unterhaltungsfilm der 50er und 6Oer einige ziemlich schlimme Vertreter.

Mit ist schon sehr lange klar ist, dass Scheers Romanplots nicht nur kantig sind und es in ihnen ziemlich brutal zur Sache gehen kann, sondern auch sehr stark auf autoritäre "Führerpersönlichkeiten" mit schier übermenschlichen Fähigkeiten fixiert sind.
Das ist übrigens ein weiterer Grund, weshalb ich keine direkte Fortsetzung von "Herr der Meere" schreibe.
(Die Idee einer Suche ist übrigens nicht von mir, sondern von Kurt Kobler.)
Da "Herr der Meere" einige inhaltliche Parallelen zur frühen "Perry Rodan"-Serie, zum "3.-Macht-Zyklus", aufweist, bzw. Scheer einige Ideen aus "König der Meere" und "Herr der Meere" wiederverwendete, kam ich auf die Idee, doch statt "Vergeltung" und "Herstellung des rechtmäßigen Status" Gonder andere, visionärere, aber durchaus scheer-typisch übergroße Ziele zu unterstellen.
Reinhardt Gonder wurde vom Regime des englischen Königs Karl II. umd das Erbes seiner Eltern gebracht und als Rebell zur lebenslanger Zwangsarbeit auf westindischen Plantagen verurteilt. Er ist zwar von der Abstammung her Brandenburger, aber von Herzen Anhänger der englischen Republik unter "Lord Protector" Oliver Cromwell - und, was man ihm streckenweise bei aller Toleranz für seine saufenden und hurenden Piraten anmerkt, Puritaner. Nun war Oliver Cromwells Regime im Grunde eine Militärdiktatur, er selbst ein religiöser Fanatiker, dessen brutales Vorgehen gegen die irischen Katholiken bis heute Folgen hat, und der protestantisch-puritanische Tugendterror ein typisches Merkmal der Cromwell-Ära.

Da Gonder in "Herr der Meere" in erste Linie die piratentypischen Ziele "schnell reich werden" und "Rache" verfolgt, tritt das nicht so unangenehm zutage, wie das bei einem stärker "politischen" Plot der Fall gewesen wäre.

Da ich keine "unpolitischen" Abenteuerromane schreiben möchte, schon aus dem Grund, das sowohl "kontrafaktische Geschichtsschreibung" wie "Agentenromane" automatisch einen Zug ins Politische haben, ergibt sich daraus ein für mich durchaus reizvoller Zwiespalt: Gonder darf, damit die Kontinuität zu Scheers Werk erhalten bleibt, nicht plötzlich zum überzeugten, sinnenfrohen und "quasi-sozialistischen" Basisdemokraten (wie es sie unter den Bukanieren des späten 17. Jahrhunderts ansatzweise tatsächlich gab), mutieren. Anderseits darf er keine poltischen Ziele haben, die denen Cromwells entsprächen - ein Held, der einen autoritären christlich-protestantischen "Gottesstaat" anstrebt, wäre heutigen Lesern nicht zuzumuten, und, wie Scheer sicher wusste, wohl auch nicht den Lesern der 1950er Jahre.
Es ist Lesern meine ersten "Geheimauftrag MARIA STUART"-Romans sicher nicht entgangen, dass ich Symphatien für die sinnenfrohen und genussfreudigen, toleranten, durchaus basisdemokratischen und unter sich auf soziale Gerechtigkeit bedachten Bukaniere hege - trotz ihres blutigen "Handwerks". Sicher nicht als Vorbild für heute, aber als reizvolles Gegenbild zum Absolutismus des 17. Jahrhunderts. Ich denke nicht, dass Scheer meine Sympathien für eine Freibeuter-Anarchie geteilt hätte.

Mal sehen, wie ich mit dieser Herausforderung fertig werde.

Sonntag, 5. Februar 2012

Hassmails - was man mit ihnen macht und warum es sie überhaupt gibt

Was macht man mit Hassmails?
Die meisten, die schon mal Hassmail bekommen haben, machen es ganz pragmatisch: sie löschen sie.
Auch ich habe schon Hassmails bekommen, und sie gelöscht.

Hassmails sehe ich als eine böse Form der Trollerei an - ärgerlich, aber nichts, was mir wirklich zu schaffen macht. Ein Hassmail-Schreiber will mich ärgern und provozieren. Es wäre schlicht dumm, Trolle dadurch aufzuwerten, dass man sich von ihnen fertig machen lässt. Das ist eine Frage des gesunden Menschenverstandes und eine der Psychohygiene.
Die meisten interneterfahrenen Menschen werden das, vermute ich, ähnlich sehen.
Allerdings gibt es Mechanismen, die dazu führen, dass Hassmails, jedenfalls im journalistischen Diskurs, anders gesehen werden.
Da wird schnell mal aus einer Mücke ein Elefant, wie neulich im Falle der noch amtierenden politischen Geschäftsführerin der Piratenpartei, Marina Weisband.

Es gibt meiner Ansicht nach drei Faktoren, die dazu führten, dass der gesunde Menschenverstand bei einige Journalisten und anderen Meinungsmultiplikatoren aussetzte:
  1. Sie ist eine bekannte Politikerin und hat ihren (vorläufigen) Rückzug von einem wichtigen Parteiamt angekündigt. Weil gerade politische Journalisten sich daran gewöhnt haben, dass Politiker "Pattex am Hintern haben" und ohne massiven Druck oder massive Probleme kein wichtiges Amt aufgeben, wirkt der von Frau Weisband genannte Grund - Examen fertig machen - nicht plausibel. Ihr Verhalten passt nicht ins Weltbild. (Ich vermute, dass, wäre sie keine Politikerin, sondern Sportlerin, Künstlerin, Unternehmerin oder Wissenschaftlerin der Grund "ich will erst mal in Ruhe zu Ende studieren" nicht nur akzeptiert, sondern beinahe einhellig gelobt worden wäre: "Da setzt jemand die richtigen Prioritäten im Leben!")
  2. Sie ist Jüdin und die Hassmails sind antisemitisch. Es gibt in Deutschland - aus bekannten historischen Gründen und somit aus gutem Grund - eine starke Unsicherheit gegenüber Juden. Leider führen diese berechtigten Selbstzweifel und die manchmal angebrachte Scham nur selten zur Selbstkritik und noch seltener zu notwendigen kulturellen Veränderungen, z. B. echter Toleranz. Das Übliche sind Betroffenheitsgesten. Wenn also ein Jude antisemitische Hassmails erhält, ist das automatisch ganz furchtbar, viel schlimmer als wenn ein Nichtjude antisemitische Hassmails bekommt.
  3. Der "Stille Post"-Effekt - einer schreibt vom anderen ab, und bei jedem Abschreiben wird die Meldung sensationeller.
Frau Weisband hatte die Hassmails einfach gelöscht - wie ich es an ihrer Stelle ebenfalls getan hätte. Allerdings:
@Afelia: Polizei Münster schickt mir Briefe, ich solle Menschen anzeigen. Ich habe keine Lust, Menschen anzuzeigen.
Ich frage mich ernsthaft, was die Polizei da geritten hat. Beleidigung wird bekanntlich nur dann strafrechtlich verfolgt, wenn die oder der Beleidigte das selbst anzeigt. Außerdem ist es sehr fraglich, ob die Absender der Hassmails überhaupt ermittelt werden können (Stichworte: Wegwerf-Mailadressen, Mail-Anonymisierer).
Allenfalls kann ich mir Vorstellen, dass jemand bei der Münsteraner Polizei die aufgeregten Meldungen der Boulevardpresse von einer Hassmail-Flut für bare Münze nahm und es nur gut meinte.

Anders würde ich reagieren, wenn anscheinend ernst gemeinte Drohungen eingingen. Eine konkrete Drohung wäre auf jeden Fall Sache der Polizei - sogar dann, wenn es keine Möglichkeit gibt, den Droher zu fassen. Schon die bloße Tatsache, dass die Polizei eingeschaltet wurde, schreckt manche Täter davor ab, ihren Drohungen Taten folgen zu lassen. Eventuell ist sogar Personenschutz erforderlich und möglich.

Warum gibt es Hassmails? Auch dazu hat Frau Weisband etwas Kluges zu sagen:
[...] Aber nicht nur das macht Weisband Sorgen: »Es gibt eine regelrechte Hasswelle, egal ob sie sich gegen Juden, Muslime, Arbeitslose richtet, die Neigung, die eigene Unzufriedenheit auf eine gesellschaftliche Gruppe zu projizieren, ist enorm groß.« [...]
»Nur acht bis zehn Hassmails« - Marina Weisband zieht sich nicht wegen Antisemitismus zurück (juedische-allgemeine.de)

Es sind in der Regel nicht die harten Nazischläger, die Hassmails schicken - die schicken, wenn überhaupt, eher ernst gemeinte und ernst zu nehmende Drohungen.
Der typische Hassmailschreiber will diejenigen, in die er seine Unzufriedenheit projiziert, die er für "schuldig" an seiner Misere hält, ärgern, "es ihnen zeigen," sie "fertigmachen". Damit ist er in der Tat ein Troll, ein Provokateur, der bösartigen Sorte. Solche Menschen wollen, dass sich ihre Opfer schlechter fühlen. (Es ist anzunehmen, dass Frau Weisband, immerhin "fast fertige" Psychologin, das weiß - im Gegensatz zu vielen Journalisten, Polizisten und auch Politikern.)

Die Frage nach den Gründen für die Hasswelle, die Ausdruck einer "gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit" sind, untersucht u. A. das Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Hassmails, Beleidigungen und Einschüchterungsversuche sind nur die Spitze des Eisbergs. Und die Hasswelle fällt auch nicht vom Himmel:
[...]Ökonomische Umverteilungen von unten nach oben, Entfernungen aus dem öffentlichen „Verkaufsraum“, Generalverdächtigungen gegenüber Lebensstilen oder religiösen Überzeugungen ganzer Gruppen sind nur einige Varianten. Zum Teil werden Gruppen gegen andere instrumentalisiert oder als Bedrohungspotential auf die öffentliche Tagesordnung gehoben. Eine andere Variante ist, die Situation schwacher Gruppen gar nicht erst zu thematisieren, sie also aus der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion auszuschließen, zu vergessen; mithin sie nicht anzuerkennen, um nicht über Verbesserungen ihrer Lage nachdenken zu müssen. Klammheimlich kann dazu auch die „Schuldumkehr“ eingesetzt werden, womit die Ursachen für Abwertungen – quasi gesellschaftsentlastend – den Gruppen selbst zugeschrieben werden. [...]
Was muss "man" tun, um Hassmails auf sich zu ziehen?
Ich habe im Laufe der Jahre einige Hassmails bekommen, nicht viele, vielleicht ein oder zwei pro Jahr.
Das erste Mal, dass ich Hassmails erhielt, und zwar in nennenswerten Mengen, war vor gut 10 Jahren. Der Grund war, dass ich eine rechts-esoterische Gruppierung - konkret: die Armanen - in einem Online-Artikel offensichtlich geärgert hatte. Das ist nur scheinbar ein völlig anderer Mechanismus als die diffusen Projektionen, die z. B. hinter antisemitischen oder rassistischen Hassmails stecken.
Tatsächlich ging es gar nicht um mich persönlich oder gar um konkrete Punkte in meinem Artikel - das ergab sich aus den Formulierungen der Mails. Aus ihnen sprach einfach diffuser Hass auf "linke Zecken", "Volkstums-Verräter", "Inquisitoren" und "Antifanten", kurz, die Gruppen, denen diese Armanen und Armanen-Fans die "Schuld" dafür geben, dass sie, anders als noch in den 1990er-Jahren, kaum noch Einfluss auf die "Heidenszene" haben. Ich hatte mich exponiert - und wurde zum "Blitzableiter" einer diffusen Abneigung. Allerdings hatte ich den Armanen auch etwas getan.
Interessant ist, dass die Hassmails irgendwann aufhörten, ohne dass ich meine Mailadresse geändert hätte, und auch ohne, dass ich damit aufgehört hätte, rechte Esoteriker und Neuheiden mit braunstichiger Weltanschauung öffentlich zu kritisieren.
Wahrscheinlich hatten die Trolle einen anderen als "Blitzableiter" gefunden, der diffusen Hass auf sich zog.

Die meisten Hassmails treffen aber jene, die nur durch das, was sie sind oder für das, wofür sie gehalten werden, zur Projektionsfläche werden: rassistische, antisemtische, antiislamische, schwulenfeindliche usw. Mails.

Auf den ersten Blick bizarr mutet es an, dass auch ich, als Nichtjude, antisemitische Hassmails erhielt. Nicht oft, genau zwei Mal in rund zehn Jahren, aber klar antisemitisch.
Sicher würde ich viel mehr antisemitsche Hassmails bekommen, wenn ich Jude und irgendwie "wichtig" wäre.
Den Grund vermute ich darin, dass Antisemitismus ein zentraler, identitätsstiftender Punkt in der Weltanschauung neofaschistischer und völkischer Gruppen ist. So unterschiedlich die Rechtsextremisten auch sein mögen, auf das Feindbild Jude können sie sich alle verständigen - auch wenn der jeweilige Antisemitismus durchaus unterschiedliche Formen annehmen kann. Antisemitismus gehört zum Kitt, der "neurechte" Salonfaschisten, eher spießige NDPler, gewaltverliebte Nazis-Boneheads, ebenso gewaltverliebte, aber einen anderen Stil und Lebensstil praktizierende "autonome Rechte", "ökofaschistische" Artamanen, rechte Esoteriker usw. zusammenhält. Judenhass ist also wichtig für die "rechtsextreme Szene".
Ein typisches Merkmal ideologisch denkender (bzw. eher nicht-denkender) Menschen ist die Feindbildvereinheitlichung. Daher steckt für Nazis hinter allen ihren Gegnern "der Jude" - die historischen Nazis sahen bekanntliche Juden als "Drahtzieher" sowohl der Wallstreet wie des (damals sowjetischen) Kremls und wähnten "Finanzkapitalisten" und Bolschewisten insgeheim unter einer Decke.
Damit ist auch klar, wieso Nichtjuden aus dieser Ecke antisemitische Hassbekundungen abbekommen können: Wer entschieden gegen sie ist, kann doch nur ein Jude oder wenigstens "Jude im Geiste" sein!

Donnerstag, 26. Januar 2012

"Wie einzigartig ist der Mensch?" - Vortrag über die Evolution des Geistes

Der Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth referierte in einem Vortrag in der URANIA Berlin zur Frage: "Wie einzigartig ist der Mensch? Die Evolution des Geistes, der Intelligenz und des Bewusstseins".

Roths Forschungsschwerpunkte sind kognitive und emotionale Neurobiologie bei Wirbeltieren, theoretische Neurobiologie und Neurophilosophie. Seiner philosophischen und erkenntnistheoretischen Ansichten sind dabei durchaus umstritten. Trotzdem - oder gerade deshalb - lohnt es sich, anzuhören, was er über das Geist-Gehirn-Problem, die Evolution des Geistes und die Entstehung von Intelligenz und Bewusstsein zu sagen hat. Man sollte sich dabei weder allzu sehr vom Glanz des "berühmten Hirnforschers" blenden noch von der sehr einleuchtenden Darstellung zu sehr mitreißen lassen - wer kritisch zuhört und das selbst Denken nicht vergisst, hat mehr davon.

Der Vortrag auf You Tube:
1. Wie einzigartig ist der Mensch?
2. Lernverhalten und Werkzeuggebrauch
3. Selbsterkennen, Wissen und Nichtwissen
4. Die Sprache
5. Das Gehirn (1)
6. Das Gehirn (2)
7. Die Intelligenz des Menschen
8. Die Intelligenz der Vögel
9. Nahtod-Erlebnisse, Telepathie und außerkörperliche Erfahrungen
10. Das Resümee
11." Gott im Gehirn"
12: "Religiöse Prägung in der Kindheit"

Philosophisch vertritt Roth einen "nichtreduktionistischen Physikalismus" (im Gegensatz zum heute eher berüchtigten "reduktionistischen Physikalismus", der alle Phänomene der Welt auf physikalische Ursachen zurückführt), und einen "neurobiologischen Konstruktivismus", eine Form des radikalen Konstruktivismus.

Kritisch anzumerken ist, dass Roth, obwohl er als Neurophilosoph differenziertes Denken beherrschen sollte, manchmal undifferenzierte und verallgemeinernde Behauptungen, die aber eben "griffig" sind, aufstellt. Ein - nach meinem Eindruck für Hirnforscher nicht untypischer - Hang zum determinstischen Biologismus, bis hin zur Verneinung eines freien Willens - kommt hinzu.

Deutlicher als in diesem Vortrag wird diese Schwäche Roths in einem Interview, das er für den GEO-Kompakt-Band Intelligenz, Begabung, Kreativität (9 / 2011) gab, in der er unter anderem die empirisch nicht haltbare Ansicht vertritt, dass Mädchen im Schnitt weniger mathematisches Talent als Jungen hätten. Es zog eine ebenso wütende wie meiner Ansicht nach berechtigte Replik des Mathematikers Günter M. Ziegler auf "SciLogs" nach sich. Dass ausgerechnet ein Konstuktivist schulische Leistungen von Jungen und Mädchen auf (vermeindliche) biologische Unterschiede im Gehirnaufbau zurückführt, hat mich ziemlich erstaunt. Zumindest hätte er die Möglichkeit, dass das ein soziales, und nicht etwa ein neurobiologisches Konstrukt sein könnte, erkennen müssen, auch in einem Presseinterview.

Zurück zum Vortrag: zwei der von Roth angeführten Phänomene, nämlich außerkörperliche Erfahrungen und "religiöse Erscheinungen"
kenne ich aus eigener, mehrfacher, Erfahrung.
Ich folge ich Roth darin, dass er außerkörperliche Erfahrungen für ein völlig natürliches Phänomen hält (wozu seine außerkörperliche Erfahrung nach einem schweren Unfall sicherlich beitrug). Dankbar bin ich ihm dafür, dass er klarstellt, dass außerkörperliche Erfahrungen und Nahtoderfahrungen nicht zwangsläufig zusammengehören. (Hätte ich das bei meiner ersten, unfreiwilligen, außerkörperlichen Erfahrung gewusst, wäre mir ein erheblicher Schrecken erspart geblieben - ich dachte nämlich während dieser Erfahrung, ich läge im Sterben, und zerbrach mir anschließend vergeblich darüber den Kopf, in welcher akuten Lebensgefahr ich wohl gewesen wäre.)
Nicht teilen mag ich seine Darstellung, dass die "typischen" "Jenseitserfahrungen" bei Nahtoderlebnissen immer durch Hirntraumata verursacht werden. (Mit einer ähnlichen Erklärung, der, dass "Nahtoderlebnisse" auf hohe CO2-Konzentration im Blut zurückzuführen seien, setzte ich mich hier auseinander.)

Hinsichtlich der Darstellung, wie z. B. "Marienerscheinungen" zustande kämen (im Abschnitt "Gott im Gehirn"), mag ich ihm, da ich nicht nur einmal eine vergleichbare Erscheinung hatte, auch nicht folgen. Ihm zufolge werden solche Ereignisse durch tiefe epileptische Anfälle im rechten Temporallappen erzeugt. Das ist erst einmal sehr überzeugend, da solche Anfälle in der Tat mit akustischen Halluzinationen ("Stimmenhören"), dem Eindruck, einen hellen Fleck zu sehen und einem sprirituellen Hochgefühl, dem Gefühl des Geborgenseins, einher gehen können. Es überrascht auch nicht, dass sich durch elektrische Tiefenstimulation des rechten Temporalllappens solche Halluzinationen auslösen lassen.
Hingegen ist Roths Darstellung, dass sämtliche Propheten, einschließlich Jesus und Mohammed, Epileptiker gewesen seien, reine Spekulation. (Hinweise auf einen möglichen epileptischen Anfall gibt es tatsächlich bei Paulus, über Jesus und Mohammed wissen wir einfach zu wenig, um so eine historische Diagnose stellen zu können.) Bei meinen eigenen Erscheinungen kann ich einen epileptischen Anfall mit ziemlicher Sicherheit ausschließen. (Nicht ausschließen will ich die Möglichkeit von Pseudo-Halluzinationen - Pseudo-Halluzination deshalb, weil echte Halluzinationen mit einer "Wahngewissheit" einher gehen, während ich mir bei meinen Visionen, von der allerersten vielleicht abgesehen. durchaus über deren Visionscharakter im Klaren war.)

Es ist so, dass Roth eine mögliche Erklärung, wie das rätselhafte Geschehen zustande gekommen sein könnte, also eine Hypothese, die im einzelnen Fall sehr plausibel ist, auf die ganze Klasse von Ereignissen (außerkörperliche Erfahrungen, prophetische bzw. spirituelle Visionen) ausweitet, und dabei die Hypothese als erwiesene Tatsache darstellt ("so ist es"). Ich mag mich seinem schroffen Urteil, dass Neurotheologie Unsinn sei, auch nicht anschließen.

Da Roths Vortrag einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Neurobiologie gibt und einen ungewöhnlichen Blick auf existenzielle Fragen wirft, ist er trotz solcher solcher Schwächen sehr hörenswert!

Donnerstag, 19. Januar 2012

Das Traum(a)-Schiff - Gedanken anläßlich eines unnötigen Schiffsunfalls

Mittlerweile hat es sich herausgestellt, dass das Untergang der MS Costa Concordia weder auf Naturgewalten, noch auf eine Verkettung ungünstiger Zufälle, noch auf technisches Versagen zurückzuführen war. Die Unfallursache war sträflicher Leichtsinn, vor allem, aber nicht nur, des Kapitäns. Der Unfall war leicht vermeidbar.
Aber nicht nur in diesem Sinne ist der Schiffsunfall unnötig.

Ich habe einige Zeit hin- und her überlegt, ob ich überhaupt etwas über diese unnötige Katastrophe schreiben soll, ob mein "Senf" dazu nicht selbst unnötig ist.
Es ist nämlich bezeichnend, wie groß die mediale Aufmerksamkeit für absaufende Kreuzfahrtschiffs-Passagiere ist, wie "uninteressant" hingegen die vielen Flüchtlinge sind, die ebenfalls im Mittelmeer ertrinken.
Das heißt nun nicht, dass mir ertrinkende oder an Unterkühlung sterbende Kreuzfahrpassagiere nach dem Motto "Selber Schuld, ihr seid ja freiwillig mitgefahren und habe dafür sogar Geld bezahlt" egal wären.Und die oft unterbezahlten, weil aus "Billiglohnländern" stammenden, Besatzungsmitglieder sind mir erst recht nicht gleichgültig. Nur stimmt die Verhältnismäßigkeit nicht.

Die unnötige Schiffskatastrophe wirft aber auch ein Schlaglicht auf die meiner Ansicht nach defekte Strukturen der Seetouristik.

Es gibt natürlich keine nötigen Schiffsunfälle. Eine "unnötiger Schiffsunfall" ist auch nicht das Gleiche wie ein vermeidbarer Unfall. Der Untergang des Fährschiffes MS Estonia war vermeidbar, aber ein Fährschiff ist ein reguläres Verkehrsmittel, auf das nicht wenige Menschen angewiesen sind. Ich habe jahrelang Fährschiffe benutzt, wie ich z. B. die U-Bahn benutze. Fährschiffe sind öffentliche Verkehrsmittel, und Unfälle von Fährschiffen daher Verkehrsunfälle.
Unfälle von Kreuzfahrtschiffen sind für die Passagiere Freizeitunfälle und meiner Ansicht nach wie Sportunfälle zu bewerten, und zwar nicht wie Sportunfälle beim morgendlichen Joggen oder im Fitnessstudio, sondern die bei einem aufwendigen Funsport. Es gibt keine ökonomische Notwendigkeit, eine Kreuzfahrt zu machen, sie ist reiner Selbstzweck.

Daher sind z. B. auch die Umweltbelastungen durch Kreuzfahrtschiffe anders, strenger, zu bewerten, als die durch z. B. durch Fährschiffe, was wieder nicht heißt, dass Rußbelastung oder Umweltgefahren durch bei Havarien auslaufendes Schweröl bei Fährschiffen akzeptabel wären.
Dass der Unterlauf der Ems für neugebaute Kreuzfahrtschiffe kanalisiert wurde, ist meiner Ansicht nach eine Subventionierung der Meyer-Werft zulasten der Umwelt, und zwar eine, die, ebenfalls meiner Ansicht nach, arg nach Korruption riecht.
Ein "sanfter Seetourismus" ist möglich, z. B., mit Segelschiffen. Es gibt zwar erstaunlich viele Passagiersegler, aber: ein wesentlich weiter ausgebauter Segel-Seetorismus erfordert andere Strukturen als der Kreuzfahrt-Massentourismus, wie er sich in den letzten 30 Jahren entwickelt hat.

Verräterisch für die verzerrte Darstellung der Kreuzfahrtindustrie durch die Medien ist das Wort "Luxusliner", das in Kommentaren zum Untergang der Costa Concordia immer wieder auftaucht.
Ein Luxusliner ist - allenfalls - ein Schiff wie die MS Queen Mary II!
Die großen Kreuzfahrtschiffe sind weder "Luxus" noch "Liner". "Liner" ist ein im Linienverkehr fahrendes Schiff, das z. B. die Linie Southampton-New York oder Venedig-Piräus bedient. Ab und an verkehrt die Q.M. 2 auch auf der Nordatlantik-Linie, insofern ist "Liner" nicht ganz falsch. Aber die meisten Kreuzfahrtschiffe sind derart auf Kreuzfahrten optimiert, dass sie gar nicht im Liniendienst eingesetzt werden könnten.
Wichtiger ist allerdings der fehlende "Luxus" der meisten Kreuzfahrtschiffe. Der enorme Aufschwung des Kreuzfahrtbranche ist auch dem durch die riesigen "schwimmenden Hotelhochhäuser" ermöglichten Preisverfall im mittleren und unteren Segment der Kreuzfahrten geschuldet. Zwar wuchs auch das gehobene und das Luxus-Segment, aber der weltgrößte Kreuzfahrt-Konzern "Carnival Cruises", zum dem auch die Reederei "Costa" gehört, für die die Costa Concordia fuhr, bedient den Massenmarkt. Das ist nichts Verkehrtes. Verkehrt ist allerdings das Image, ich möchte fast sagen, die Ideologie, mit der die schwimmenden Hochhäuser vermarktet werden.
Zugegeben, diese Schiffe bieten einigen Komfort. Aber den bieten die berüchtigten "Bettenburgen" in den Badeorten zum Teil ja auch, ohne dass sie dadurch im allgemeinen Bewusstsein oder in der Darstellung in den Medien zu "Luxushotels" aufgewertet würden.
MS Eurodam Foto: MartinM, 2008, CC Namensnennung + Keine kommerzielle Nutzung + Weitergabe unter gleichen Bedingungen.
Das gigantische Kreuzfahrtschiff M/S Eurodam, im Vordergrund Baugruben der Hamburger Hafencity. Normalerweise werden die großen Kreuzfahrtschiffe in einem Kontext abgebildet, in dem die schöne Umgebung die auf maximale Kapazität optimierte Schiffsarchitektur optisch aufwertet.

Noch vor 30 Jahren waren Kreuzfahrten ein Nischenprodukt der Reisebranche.
Die enorme Expansion dieses Segmentes ist nicht allein dem gesteigerten Angebot und den gesunkenen Preisen geschuldet.
Sie ist auch auf ein künstlich geschaffenes Image und ein künstlich angeheiztes Bedürfnis nach dieser Urlaubsform durch die Werbung und "Product Placement" zurückzuführen.
Dazu gehört neben "Events" wie den "Hamburg Cruise Days" und einer auffällig unkritischen und distanzlosen Berichterstattung über Kreuzfahrtschiffe auch in den öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland vor allem die ZDF-Serie "Das Traumschiff", in der jede Folge im Grunde eine Dauer(schleich)werbesendung für Kreuzfahrten ist.

Ich missgönne niemandem seinen Urlaub auf See, so wie ich niemandem missgönne, einen Vergnügungspark zu besuchen oder einen Pauschalbadeurlaub zu buchen. Als schlimm und geradezu skandalös empfinde ich es, dass das künstlich aufgebaute Heile-Welt-Image der Kreuzfahrten den Blick auf Umwelt-, Ausbeutungs- und Sicherheitsprobleme in einem Ausmaß verschleiert, das in anderen Zweigen der Tourismusindustrie nicht denkbar wäre.

Samstag, 24. Dezember 2011

Aus tiefster Raunachtsruhe (oder Weihnachtsruhe, je nachdem)

Es gibt unangenehme Themen, denen man für einige Tage aus dem Weg gehen kann und gehen sollte.
Leider gehört das Thema "Alltagsantisemitismus" nicht dazu. Der hält sich an keine Feststagssruhe.
Und er kommt auch nicht nur aus dem Mund der "üblichen Verdächtigen", der "Rechtsextremisten", "Völkischen", NS-Nostalgiker usw. . Sondern manchmal aus dem an und für sich netter, toleranter, rechtsradikaler Umtriebe unverdächtiger Mitmenschen.
Mit dem Alltagsantisemitismus ist es so wie mit seinen Verwandten, dem Alltagsrassismus und dem Alltagssexismus. Der Alltagsantisemit ist sich in der Regel gar nicht einmal darüber klar, wie antisemitisch seine Äußerungen sind. (Gilt sinngemäß auch für Alltagsantisemitinnnen).
Aus Rücksicht auf die Privatsphäre der es gar nicht böse meinenden Alltagsantisemiten verzichte ich darauf, den konkreten Vorfall zu beschreiben. Dafür bringt Marina Weisband (ja, die Frau, die von unserer Qualitätspresse so gern die "hübsche Piratin" genannt wird, unter weiträumiger Umgehung aller politisch relevanter Themen) ein "schönes", selbsterfahrenes, Beispiel wie Alltagsantisemitismus funktioniert.

Wie kann es sein, dass Menschen, die nach eigener Einschätzung sogar Juden schätzen, Alltagsantisemiten sind?
Das Schrecklichste nach dem Antisemitismus ist der Philosemitismus
schrieb der jüdische Publizist Egon Schwarz. Selbstverständlich bringen Philosemiten keine Juden um und legen ihnen noch nicht einmal Steine in den Weg. Es ist mit dem Philosemitismus so wie mit dem Positivrasssismus - es ist z. B. für einen Schwarzen nicht unmittelbar gefährlich, aufgrund seiner Hautfarbe für einen temparamentvollen Tänzer mit "Rhythmus im Blut", guten Leichtathleten oder einen total coolen und relaxten Typen gehalten zu werden. Es kann aber reichlich nerven, so etikettiert und verschubladisiert zu werden. Und allzu oft schlägt ein enttäuschtes Positivklischee ins Negative um - manchmal schon wenn der besagte Schwarze ein miserabler 100-Meter-Läufer sein sollte.
Philosemitismus ist aber nach meiner Einschätzung doch etwas mehr als eine Sonderform des nervigen Positivrassismus. Speziell deutschen Philosemiten sind oft von Schuldabwehr oder schlechtem Gewissen gegenüber "den Juden" motiviert. Der Schuldabwehrphilosemitismus ist meiner Ansicht nach eng mit dem Schuldabwehrantisemitismus, dem sekundären Antisemitismus, verwandt. Und mit überhohen Ansprüchen an "die Juden" verbunden, an ihre Moral, Intelligenz, Toleranz. Ein Philosemit sieht in Juden "etwas Besonderes" - Juden sind für ihn irgendwie keine normalen Menschen.
Wenn jemand mir Eigenschaften zuschreibt, oder mich mag / nicht mag, einzig WEIL ich jüdisch bin, das ist Antisemitismus
twittert Marina Weisband (Afelia)

Warum das Thema für mich so wichtig ist. obwohl ich kein Jude bin? Weil es immer die Sache der Nichtjuden ist, Antisemitismus zu bekämpfen, nicht die der Juden.

Ich wünsche allen Juden ein fröhliches Rest-Chanukka!

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Hypermoral

Hin und wieder benutze ich den Ausdruck "Hypermoral", für eine Haltung, ein "Ethos", das ich für sehr problematisch halte.

Jemand, der hypermoralisch ist, ist nicht etwa, wie man vielleicht von Wortsinn her meinen könnten, jemand, der oder die besonders viel Wert auf moralisch einwandfreies Verhalten legt. Es gibt hypermoralische "Moralapostel", aber nicht jeder eifernder Moralprediger ist hypermoralisch.
Die meisten hypermoralischen Menschen haben ein manichäistisches, "schwarz/weiß", "ja/nein", "gut/böse" Weltbild. Aber auch davon gibt es Ausnahmen.

Hypermoral ist eine übersteigerte Form gesinnungsethischer Grundsätze, bei denen der Realitätsbezug und die praktische Anwendbarkeit nebensächlich ist. Für einen Hypermoralisten sind menschlichen Handlungen im wesentlichen durch gute oder böse Absichten bzw. "das Gute" und "das Böse" an den Absichten motiviert. Eine pragmatisch-moralische Auffassung, wie sie Goethes Mephisto in die Worte "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft" fasst, ist für Hypermoralisten nicht akzeptabel - aus einer böse Absicht kann für sie nichts Gutes erwachsen!
Ein entsetzliches Beispiel für Hypermoral sind jene Abtreibungsgegner, die so weit gehen, das ungeborene Leben auch auf Kosten des Lebens der Schwangeren zu schützen.
In der Politik ist "Moralhypertrophie" eine Einstellung, die alle Probleme in Staat und Gesellschaft als moralische Probleme auffasst.

Geprägt wurde der Begriff der "Hypermoral" 1968 im Essay Moral und Hypermoral des konservativen bis reaktionären Philosophen Arnold Gehlen. Diese Schrift ist durchaus danach, die philosophisch-anthropologischen Überlegungen Gehlens treten gegenüber der polemischen Zeitkritik deutlich ins Hintertreffen. Mit seinem Rundumschlag gegen so ziemlich alles, was ihm politisch und gesellschaftlich in der Bundesrepublik der 1960er-Jahre nicht gefiel (und ihm gefiel vieles nicht), ist Gehlen sozusagen der Prototyp aller "68er-Basher".
Obwohl ich völlig anderen Ansicht bin, halte ich die von Gehlen geprägten Begriffe "Humanitarismus" und "Hypermoral" für brauchbar.
Unter "Humanitarismus" versteht Gehlen die "zur ethischen Pflicht gemachte unterschiedslose Menschenliebe", eine Erweiterung des Familienethos auf die ganze Menschheit. "Fremde" Menschen, die nicht Familienangehörige, Freunde, Kollegen usw. sind, sollten genau so geliebt werden wie Menschen aus diesen "Nahgruppen". Also anstatt des alttestamentarischen "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" die Forderung: "Liebe deinen Fernsten wie deinen Nächsten". (Wobei Selbstliebe gerade nicht als "Tugend" gesehen wird, sondern als Laster - was die bei Hypermoralikern nicht seltene Haltung "Verachte deinen Nächsten wie dich selbst" folgerichtig nach sich zieht.)
Im Sinne des Humanismus muss die Menschenwürde eines Straftäters auch dann gewährt bleiben, wenn seine Tat aufs Tiefste missbilligt wird. Das wäre für Gehlen - aber nicht für mich! - schon hypermoralisch.
Humanitarismus sei ein Mittel ideologisch zweckmäßiger Fremdtäuschung zum Vorteil bestimmter (Herrschafts-)Gruppen mit gleichzeitiger öffentlicher Geltungssteigerung der Intellektuellen. Humanitarismus im Sinne Gehlens ist eine Form des übersteigerten Humanismus, die kein überzeugter Humanist ernsthaft vertreten würde.
Trotzdem ist der Begriff kein "Strohmann", denn entsprechende moralische Forderungen gibt es ja wirklich. Wenn auch eher selten seitens der von Gehlen gescholtenen Intellektuellen, als eher aus dem Lager religiöser oder ideologischer Fanatiker.

Donnerstag, 8. September 2011

"9/11" - und ich ..?

Gestern, am 7. September 2011, bat ZEIT-online um Leserartikel zum Thema:
Wie hat sich Ihre Sicht der Welt durch 9/11 verändert?
Obwohl ich ein Zeit-online-Account habe, werde ich meinen "Senf" zu diesem Thema lieber auf meinem Blog dazugeben.

Denn meine "Sicht auf die Welt" hat sich durch diesen Anschlag wenig verändert. Sie hat sich eher durch das verändert, was seitdem unter dem Vorwand (so sehe ich es) des "Kriegs gegen den Terror" gemacht wurde.

In gewisser Hinsicht bin ich sogar persönlich mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 verbunden. Einmal dadurch, dass ausgerechnet jenes Unternehmen, für das ich Mitte der 90er Jahre für einige Zeit in die USA gehen wollten, eine Niederlassung im Südturm des WTC hatte. Daher war einer meiner ersten Gedanken, nachdem ich die Aufnahmen von einstürzenden Südturm im Fernsehen gesehen hatte: "Wenn ich damals mehr 'Glück' in meiner beruflichen Karriere gehabt hätte, hätte ich vielleicht in genau diesem New Yorker Büro gesessen."
Bei Licht besehen ist das zwar eine unwahrscheinliche Möglichkeit, wenn auch wahrscheinlicher als ein Lottogewinn. Immerhin erkundigte ich mich danach, ob ein ehemaliger Kollege, den ich dem Name nach kannte, und von dem ich irgendwie mitgekommen hatte, dass er in New York arbeitete, überlebt hätte. Er hatte - als "typischer" ITler war er Spätaufsteher und beim Anschlag noch nicht am Arbeitsplatz.
Ich habe auch noch eine weitere quasi persönliche Verbindung zu "9/11":
Bei einer Bekannten, die in Hamburg-Harburg, Marienstrasse 54, zweiter Stock, wohnte, hatte ich mal ein paar meiner Bilder, die ich zuvor ausgestellt hatte, für so lange abgestellt, bis ich eine Transportgelegenheit gefunden hätte. Sie erzählte mir von ihrem "komischen Nachbarn". Mit dem stimmte was nicht. Ständig wären dort tagsüber die Vorhänge zugezogen, ihr Nachbar, Ägypter oder so war, würde auch immer so "komische Typen" mitbringen, und er sei auch so "scheiße freundlich", wie ein schlechter Schauspieler. Der hätte bestimmt was Kriminelles am Laufen, bestimmt Drogenhandel. Zu diesem "geheimnisvollen Nachbarn" ein Artikel aus dem Jahr 2001, aus dem "Stern"-Onlinearchiv: Killer im Cockpit.
Dieser alte Artikel ist auch ein schönes Beispiel, wie Erwartungen bzw. Vorurteile die Wahrnehmung beeinflussen. Im "Stern"-Artikel steht, die "komischen Leute" hätten bis in die späte Nacht "laut gebetet und gesungen" und auffällige orientalische Kleidung getragen. Davon hatte meine Bekannte nichts erzählt. Sicher war es abends mal laut nebenan, aber eben nicht wirklich auffällig. Auch nichts von auffälligen orientalischen Gewandungen, jedenfalls keinen, die in einem Stadtteil, in den zahlreiche Türken und nicht wenige Araber leben, auffallen würden. Die "komischen Leute" fielen ihr vor allem durch ihre Zurückgezogenheit und ihr sichtbares Misstrauen auf. Oder, anders gesagt, dadurch, dass sie sich auffällig unauffällig verhielten.

Ein Narrativ, eine "Erzählung" ist ja die von den "fanatischen fundamentalistischen Moslems", die in der Hoffnung auf eine Belohnung im Paradies den "Märtyrertod" gesucht hätten. Dieser moderne Mythos entspricht nicht den bekannten Tatsachen.
Andreas von Bülow wies 2002 in einem Interview für den "Tagesspiegel" darauf hin, dass er nicht stimmen kann:
(...)
Der amerikanische Journalist Seymour M. Hersh hat im "New Yorker" geschrieben, auch einige Leute von CIA und Regierung gingen davon aus, dass manche Spuren wohl gelegt wurden, um zu verwirren. Wer, bitte, Herr von Bülow, soll das alles gemacht haben?

Ich weiß das auch nicht, woher auch? Ich nutze nur meinen gesunden Menschenverstand und stelle fest: Die Terroristen haben sich so auffällig verhalten, wie es nur geht. Und als gläubige Muslime waren sie auch noch in einer Striptease-Bar und haben betrunken der Tänzerin Scheine ins Höschen gesteckt.

Selbst so etwas soll es geben.

Mag ja sein. Ich kann als Einzelkämpfer nichts beweisen, das übersteigt meine Möglichkeiten. Ich habe aber wirklich Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, dass das alles ein einzelner böser Mann in seiner Höhle ausgeheckt hat.
Nein, ein "militanter Islamist", ein fanatischer Anhänger eines politisch verstandenen Islam, muss nicht automatisch ein frommer Moslem sein. Und ein zum Töten und Sterben entschlossener Terrorist kann völlig andere Motive haben, als irgendwelche Jungfrauen im Jenseits.

Ich rechne von Bülow zwar zu den Verschwörungstheoretikern, und halte z. B. seine Vermutungen, die Flugzeuge seien ferngesteuert gewesen und das World Trade Center sei von innen heraus gesprengt worden, für absurd.
Es gibt Fakten, die im Prinzip jeder nachprüfen kann.
Ja, es ist möglich, dass ein Hochhaus durch den Aufprall eines Flugzeuges und den anschließenden Kerosinbrand zum Einsturz gebracht wird. Man unterhalte sich nur einmal darüber mit Feuerwehrleuten oder Bauingenieuren. (Ich habe es getan.)

Dennoch haben von Bülows Angaben, die Angaben eines ehemaligen Mitglieds der parlamentarischen Kontrollkommission der Nachrichtendienste und SPD-Obmanns im Schalck-Golodkowski- Untersuchungsausschuss, ein ganz anderes Kaliber als z. B. die von "Weltverschwörungs-Gerd" Gerhard Wisnewski, der inzwischen passenderweise bei KOPP, Fachverlag für "braune Esoterik" und abenteuerliche Verschwörungstheorien, schreibt.
Normalerweise gilt: Funktionieren schon die technischen Details einer Hypothese nicht, stellen sich politische, soziologische und ökonomische Fragen erst gar nicht.
In diesem Fall sind angebliche Fernsteuerungen, angeblich fehlende Wracks, angebliche Sprengsätze usw. aber eher Nebensächlichkeiten bzw. "Nebenkriegsschauplätze", auf denen sich die Verschwörungstheoretiker austoben, deren Behauptungen dann nahezu nach Belieben demontiert werden können. Ich gehe so weit, zu behaupten, dass Bülow sich, indem er so etwa aufgriff, unglaubwürdig machte. Denn andere Angaben von ihm halte ich nach wie vor für glaubwürdig.
Besonders zu denken geben sollten Bülows Hinweise auf die Feindbildkonstruktion und die Herren Huntington und Brzezinsky.
Beide gehörten zu dem Autorenpool, der, noch zur Zeit Präsident Reagans, die für das Pentagon verfasste Denkschrift "Differenzierte Abschreckung" verfasst hat, wo es unter anderem um das Feindbild für die Zukunft ging. Die Bedrohungszenarien und Einsatzpläne von damals sind eher von historischen Interesse, die Ideen einer "Freibildproduktion" gibt aber gerade im Hinblick auf die Entwicklung nach 2001 zu denken.
Mir ist aufgefallen, wie genau Huntington sein meist zitiertes Buch
Clash of Civilsations plottete – ich hatte beim Lesen das Gefühl, da schriebe jemand ein Exposé für einen Polit-SF-Roman, so "gewollt" ist es, so offenkundig an den Haaren herbeigezogen, aber dabei fein auf weit verbreitet Klischees, Vorurteile und Weltbilder (wie die vom "Christlichen Abendland") abgestimmt.
Mir sind die Thesen Huntingtons zu – sagen wir mal: konstruiert, um sie für bare Münze nehmen zu können. Diese sauber unterschiedenen Zivilisatonskreise, die schon bei zweiten Blick verraten, dass sie auch ganz anders hätten konstruiert werden können, und die so in den Vordergrund geschobenen, angeblich die jeweiligen Zivilisationen tief prägenden Religionen, die allenfalls kulturelle Faktoren unter vielen sind. Warum sind "Lateinamerika" und "der Westen" bei Huntington zivilisatorisch verschieden, obwohl sie beide zum "christlichen Abendland" gehören? Doch wohl, wie er selbst einräumte, aus ökonomischen Gründen und aus der unterschiedlichen historischen Erfahrung.
Huntington kommt mir so vor wie die "Stammtischstrategen", damals, Anfang der 90er, die den Jugoslawischen Bürgerkrieg (wie er damals noch genannt wurde) allein durch den Unterschied zwischen römische-katholischer (Kroaten, Slowenen), orthodoxer (Serben) und islamischer (Albaner) Kultur erklären wollten. Ein arg unterkomplexes Weltbild, dass aber so schön "funktioniert" und scheinbar vieles erklärt.
Und das ist es auch, was mich auch an der offiziösen Darstellung der 9/11-Attentate stört. Sie haben eines mit den Behauptungen der meisten Verschwörungstheoretikern gemeinsam: sie sind unterkomplex. So simpel ist die Wirklichkeit nicht, die Idee einer von einer Höhle irgendwo in den Bergen Afghanistan kommandierte Geheimarmee riecht eher nach einem James-Bond-Szenario.
Huntington lieferte wichtige Plotelemente zu diesem globalen Polit-Thriller, ohne den die "Story" nicht funktionieren würde. Das wichtigste ist die Behauptung, dass wir in einer Art unerklärtem Religionskrieg "the West" vs. "the Rest" stehen würden.
"The Rest" und nicht "nur" der Islam. Das ist ja das Praktische an Huntingtons Werkzeugkasten: mit ihm können Feindbilder so "hergeleitet" werden, wie es gerade passt. Probleme mit Russland? Klar, die orthodoxe Prägung, der Russe ist eben so! Spannungen mit China? Der Chinese als Konfuzianer denkt eben völlig anders als wir Abendländer! Außerdem passt das prima zur Selbstwahrnehmung der einflussreichen "religiösen Rechten" in den USA – und auch zu der konservativer Christen in Europa.
Eine spannende, plausibel wirkende, aber unterkomplexe Erzählung. Ein Politthriller in Form einer politwissenschaftlichen Theorie.

Fest steht jedenfalls: "9/11" passt erstaunlich gut in das Weltbild und zu den Plänen der US-Regierung unter Präsident Bush jr..
Was es doch ein "Inside Job"?

Ich denke: Nein.

Warum konnten die Anschläge am 11. September 2001 dann gelingen? Und das, obwohl einige der Attentäter schon lange (dem FBI bis zu zwei Jahre) vor den Anschlägen bekannt waren und zeitweise überwacht wurden?

Eine Faustregel, an die ich mich gern halte, ist nichts durch eine Verschwörung erklären zu wollen, was nicht einfacher durch Unfähigkeit und Chaos erklärt werden könnte. (Ein Abwandlung von "Occams Razor".)

Im Falle "9/11" herrschte ein geradezu unglaubliches Gegeneinander und Nebeneinander der Dienste (vor allem CIA und FBI) - geradezu ein Kleinkrieg, mit groben Fehleinschätzungen, Vorurteilen, Scheuklappendenken.

Gern übersehen wird, dass es vorher noch nie Flugzeugentführungen mit dem Ziel, die voll besetzten Passagiermaschinen absichtlich in Gebäude zu fliegen, gegeben hatte. Deshalb waren die Sicherheitsorgane, die sich auf bereits gemachten Erfahrungen stützen, nicht auf diesen Fall vorbereitet. Sechs der Attentäter wurden für eine extra gründliche Prüfung ausgewählt, woraufhin das Gepäck zusätzlich auf Sprengstoffe und versteckte Waffen geprüft wurde. Nach der Überprüfung gingen alle Entführer an Bord. Flache, am Körper getragene Teppichmesser hatte niemand auf der Rechnung.

Meine persönliche "Theorie" (eher: Vermutung) ist, dass die Geheimdienste einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Ressourcen darauf verwenden, ihre eigene Unfähigkeit zu verschleiern.

John Le Carré behauptet, dass in Geheimdiensten beinahe notwendigerweise Menschen Karriere machen, die in anderen Berufen wegen ihrer latenten Paranoia und ihrem Hang, die Welt stets durch den Filter ihrer jeweiligen Ideologie zu sehen, schwerlich über einfache Sachbearbeiterjobs hinaus gekommen wären. Ähnlich einzuschätzen ist die oft kolportierte, aber plausible Behauptung, dass der Polizeidienst (bzw. allgemein: Sicherheitsdienste, einschließlich Geheimdienste) Soziopathen geradezu magisch anziehen würde.
Rechnet man die Bürokratie in den Diensten, und ihre naturgemäß nur mangelhafte Kontrolle hinzu, dann ergibt sich ein Szenario, gegen das jenes von mächtigen Verschwörern im Hintergrund beinahe gemütlich anmutet.
Einer Welt, die nach völlig anderen moralischen Grundsätzen und Werten funktioniert, als die "Normalwelt", und in der die Aufrechterhaltung des "schönen Scheins" der demokratischen Legitimation fast so wichtig ist wie in der PR-Branche. (Überschneidungen sind im Bereich "Politikberatung" ja vorhanden.)
Hinter diesem schönen Schein verbergen sich interne Machtkämpfe, Inkompetenz, Größenwahn und völliges Fehlen von Skrupeln.
Eine Welt, in der Geheimdienste, die im Falle des CIA nur dem Präsidenten unterstehen und die (wenn nötig) geltende Gesetze brechen können, solche nette Sachen wie Gladio und andere Stay-behind-Organisationen, die nachweislich in mehrere Terroranschläge verwickelt waren, schaffen können. So bizarr anmutende Konstruktionen wie sie in der Iran-Contra-Affäre ans Licht kamen, lassen nur den Schluss zu, dass an der "verschwörungstheoretisch" amutenden Idee, Geheimdienste wären eine Art "Schattenregierung", die ihre eigene Politik machen, etwas ist.

Aber es war wahrscheinlich gar nicht nötig, einen "Inside Job", in dem es viel zu viele Mitwisser gegeben hätte, zu inszenieren.

Vor einigen Jahren bin ich in diesem Blog der Frage nachgegangen, ob an der Verschwörungstheorie, "Pearl Habor" wäre eine Inszenierung gewesen, mit der die Regierung Rosevelt die kriegsunwilligen USA-Bevölkerung kriegsbereit machte, etwas dran sei.
Mein Ergebnis damals: Inszenierung? – Nein! Ein "Let it happen"-Szenario, etwa eines, in dem Funksprüche der japanischen Flotte, die von US-Stellen mitgehört und sofort entschlüsselt wurden, absichtlich verzögert weitergegeben wurden? Ich weiß zu wenig, um die Frage beantworten zu können.
Klar ist, dass "Let it happen" nur wenige Mitwisser erfordert hätte.

Genau so geht es mir mit 9/11. Wobei, wie im Falle Pearl Habor, schon "von allein" so viel schief gegangen ist, dass eine eventuelle "absichtliche Nachlässigkeit" nicht leicht zu entdecken sein dürfte.
Keine „große Verschwörung“, sondern eine miese, fiese, aber entscheidende Kleinigkeit. Den "Rest" hätten die Terroristen im unbeabsichtigter Zusammenarbeit mit den nur begrenzt kompetenten Staatsorganen quasi von selbst erledigt.

Im Pearl-Habor-Fall lassen sich fast alle Argumente der "Verschwörungstheoretiker" widerlegen: nein, es lagen nicht nur alte Pötte auf Hawaii, Schlachtschiffe waren noch nicht so veraltetet, dass man sie ohne weiteres "geopfert" hätte, usw. usw..
Darüber übersieht man dann rasch, dass eben einige wenige Szenarien nicht widerlegt wurden, im Gegenteil, dass sogar Einiges dafür spricht, dass wirklich schon entzifferte und übersetzte japanische Befehle absichtlich einige Tage verzögert wurden.

Tatsächlich betreiben Verschwörungstheoretiker, vor allem die mit den besonders wilden "Theorien", Desinformation, die Durchaus im Sinne der Propagandisten der These vom schier allgegenwärtigen und allmächtigen Terrornetzwerk sind - und der Totalüberwachungs-Fans, die überall potenzielle Terroristen sehen und solche Sachen wie Demokratie und Menschenrechte für "überbewertet" halten. Und sie entwerten - siehe von Bülow - damit andere, vielleicht wichtigere, Teile ihrer Darlegungen.

Die endlosen Debatten, ob ein Hochhaus durch ein Flugzeug zum Einsturz gebracht werden könnte usw. usw. lenken von den wirklich interessanten Fragen ab.

Donnerstag, 4. August 2011

Gedanken über Visionen

Karl Urban bloggt Wenn keiner mehr an Visionen glaubt.

Ich stimme Karl darin zu, dass Visionen etwas tolles sind, und auch die Gründe, die er dafür angibt, kann ich nachvollziehen:
1. Sie geben ein technisches oder gesellschaftliches Leitbild vor, an dem sich viele orientieren.
2. Sie beanspruchen mit einer für uns alle besseren Welt aufzuwarten, ohne Leid, Unrecht, Krieg, Atommüll oder Volksmusik.
3. Visionen brauchen keine Machbarkeitsstudie! Sie geben ein Idealbild vor, das gar nicht zwingend erreichbar sein muss. - Es muss lediglich den Anschein erwecken, man könne irgendwann dorthin gelangen.
Ich kommentiere diesen Beitrag nicht - den Kommentar, den ich schreiben wollte, hat Lars Fischer nämlich längst gemacht, und zwar prägnanter formuliert, als ich es getan hätte:
Unsere Gesellschaft will keine Zukunft, weil sie Angst vor ihr hat. Und deswegen hat sie auch keine.
Wobei zu ergänzen wäre, dass "unsere Gesellschaft" sich auf die "Entscheider" und "Meinungsmacher" in Politik, Wirtschaft und Journalismus bezieht. Die von Lars genannte Angst vor dem Internet ist nur ein Beispiel von vielen für diesen angstgetriebenen Konservatismus.

Ich nehme Kais Blogbeitrag statt dessen zum Anlass für ein paar Gedanken über Visionen. Nicht zum ersten Mal: "V" for "Vision"

Was sind "Visionen"? In diesem Kontext: "Innere Bilder", Vorstellungen, wie es sein könnte, Leitbilder.
Abzugrenzen von "Wunschträumen", die nicht einmal den Anschein erwecken, erreichbar zu sein, und von "Utopien" als ausgearbeitete Entwürfe von Gesellschaften, in denen Visionen verwirklicht wurden. (Oder, im Falle der "negativen Utopien", der Dystopien, als ausgearbeitete Entwürfe von Gesellschaften, in denen Befürchtungen wahr geworden sind.)

Utopien haben, wie Visionen, ihren Sinn. Solange jedenfalls sie nicht ins utopische Denken umschlagen. Utopisches Denken ist brandgefährlich, da es immer einen Zug ins Totalitäre hat. (Da bin ich voll und ganz bei Karl Popper.) "Utopisches Denken" ist die Vorstellung, die gesellschaftliche bzw. politische Zukunft planen zu können, ein Generalplan für eine perfekte Gesellschaft, mit der Vorstellung, dass sich alle nur bis ins Detail daran halten müssten, damit alles alles gut würde. Damit Utopien ins utopische Denken umschlagen, müssen zwei Dinge zur Utopie hinzukommen: eine Ideologie (am "besten" eine mit Unfehlbarkeitsanspruch) und die Vorstellung, die Utopie sei ohne Weiteres realisierbar, also eine "konkrete Utopie". Utopisches Denken (in diesem Sinne) ist Wunschdenken plus ideologischem Aktionismus und sollte nicht verwechselt werden mit dem Durchdenken von Alternativen, das mitunter auch "utopisches Denken" genannt wird.

Visionäre können mitunter lästig werden, vor allem dann, wenn wir ihre Visionen nicht teilen. Noch lästiger sind Pseudo-Visionäre, vor allem in der Politik, die jede politische Zielsetzung gleich zur "Zukunftsvision" aufblasen. Auf eine innerparteiliche Grundsatzdebatte in der SPD reagierte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt 1980 mit seinem gern missverstandenen sarkastischen Kommentar (auch ich hatte ihn missverstanden):
Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.
Dieser Spruch zielte, laut Schmidt, nicht, wie oft zu lesen ist (und wie ich in "V for Vision" irrtümlich annahm) auf den "politischen Visionär" und Amtsvorgänger Schmidts, Willy Brand, ab. Der knochenharte Pragmatiker Schmidt störte sich vielmehr am inflationären Gebrauch von Wörtern wie "Vision" oder "visionär" und erinnerte daran, dass "Vision" auch Sinnestäuschung bedeuten kann.
Ich kann Schmidt in dieser Hinsicht gut verstehen, auch wenn mir so manches an der schmidtschen Realpolitik und ihren bis heute spürbaren Auswirkungen nicht gefällt.
Einer der Gründe, wieso "keiner mehr an Visionen glaubt", dürfte der inflationäre Gebrauch des Begriffes sein. Manchmal ist "Vision" geradezu ein Euphemismus für "leeres Versprechen" oder "wage Hoffnung".

Ja, und dann gibt es noch die Vision in der ursprünglichen, der religiösen oder besser vielleicht spirituellen Bedeutung.
Ich gebe zu: ich kenne so etwas aus eigener Erfahrung. Nicht nur das: ich suche absichtlich und bewusst nach Visionen.
Sicherlich kann man "Gesichter" oder "Erscheinungen" als Trugwahrnehmung bzw. (Pseudo-)Halluzination hinweg rationalisieren. Anderseits erwiesen sich so viele meiner Visionen als bedeutsam, dass die durchaus plausible Hypothese, da würde mir bloß irgend ein Teil meines Gehirn einen Streich spielen, mich nicht so recht überzeugen vermag. Eher überzeugt mich schon die Jungsche Archetypenlehre, bei all ihren Unzulänglichkeiten.

Eine brauchbare Umschreibung für solche Vorgänge stammt von Daniel Pinchbeck (neuerdings wegen des Films 2012 Time for Chance im Gespräch). Pinchbeck stellt sich das Gehirn wie eine Art Radio vor. Von den vielen Informationen, die unser Gehirn erreichen, kommt nur der Teil in unserem Bewusstsein an, der der "eingestellten Frequenz" entspricht (bitte nicht im Sinne der berüchtigten "Schwingungsebenen" bestimmter "Eso-Leuchten" verstehen, alles ist nur eine Metapher für die komplexen Vorgänge, die in unserem Denkapparat ablaufen).Normalerweise empfangen wir den Sender "Konsensrealität" bzw. "Alltägliche Wirklichkeit" - vergleichbar mit einem regionalen Musik- und Informationssender (aber einem, den praktisch jeder hört).
Psychodelische, d. h. bewusstseinserweiternde, Drogen ersetzen laut Pinchbeck das Serotonin und andere Neurotransmitter durch Psilocybin, Ibogain, Dimethyltriptamin usw. und verstellen damit den "Empfänger". Auf einmal bekommt man völlig neue "Sender" hinein, die das Gegenstück zu avantgardistischem Jazz oder tibetischer Folklore bringen - oder Informationsender, die uns Dinge wissen lassen, die uns normalerweise entgehen.
Der entscheidende Punkt dabei ist, dass das Denken und Empfinden mehr oder minder unbeeinflusst bleibt. Das Bewusstsein ist hellwach. Das unterscheidet die Wirkungen psychedelischer Drogen z. B. von der von Alkohol oder Heroin.

Meiner Erfahrung nach lässt sich auch ohne Drogen ein "anderes Programm" einstellen - etwa durch schamanistische Techniken (wobei Schamanismus und Drogengebrauch keine Gegensätze sind).

Das Wort "verrückt" als umgangssprachliche Bezeichnung für "psychotisch" trifft in Pinchbecks Metapher unerwartet genau zu: in einer Psychose ist der "Empfänger" sozusagen dauerhaft verstellt - "Radio Alltägliche Wirkllichkeit" bekommt man einfach nicht mehr rein. Drogeninduzierte Psychosen, "auf dem Trip hängenbleiben", wären in diesem Bild etwa so, dass der "Regler" am "Empfänger" mit so viel Kraft verstellt wurde, dass er sich verklemmt hat. Wenn der "Empfänger" sowieso schon wackelig ist (latente Psychose) kann selbst eine "weiche Droge" wie THC (Hauptwirkstoff im Haschisch) "verrückt machen".

Ich will das Bild nicht überstrapazieren, etwa durch mehr oder weniger geistreiche Wortspiele mit "Vision" und "Television". Es dürfte aber etwas klarer geworden sein, wieso Visionen nicht immer und nicht zwangsläufig Irrsinn oder Trugbild sind. (Aber manchmal sind sie es eben doch!)
Allerdings darf, entgegen dem, was vor allem in der zeitgenössischen Esoterik und von manchen religiösen Mystikern gelehrt wird, der kritische Verstand nicht völlig vernachlässigt werden. Es könnte ja sein, dass der tolle Sender, auf dem wir ungeahnte neue Informationen empfangen, ein Propagandasender ist. Oder - anderes Bild - wir im "spirituellen Internet" auf eine "Verschwörungstheoretikerseite" gestoßen sind.
Oder dass die Informationen vielleicht richtig und wichtig sind, aber uns schlicht überfordern - so, wie ein Grundschüler mit einem langen Text aus der "Wikipedia" überfordert wäre.

Montag, 30. Mai 2011

Hobbys und Amateurpsychologen

Es gibt Hobbys, über die es viele Klischees und Vorurteile gibt. Das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn nicht diese Klischees und Vorurteile nicht diversen Amateurpsychologen Anlass gäben, messerscharf zu erkennen, welche tieferen Gründe ansonsten doch ganz vernünftige Menschen dazu veranlassen würde, sich auf so merkwürdige Art die Zeit zu vertreiben. Und natürlich haben solche Schlüsse gar nichts mit Vorurteilen gegenüber den so charakterisierten Menschen zu tun! Man wisse doch genau, dass (hier die bevorzugte pop-psychologische Annahme einsetzen).

Was beim streichholzschachtelettikettensammelnden Großvater, der spinnenden (gemeint ist Wolle MM) Nachbarin oder dem seine Wochenenden als Ork verkleidet auf LARP-Events verbringenden Arbeitskollegen gilt, dass gilt auch z. B bei Politikern: sagt mir, welches Steckenpferd ein Minister reitet, dann sag ich dir, wie er z. B. zur Vorratsdatenspeicherung steht! (Eher ist der umgekehrte Schluss zulässig: Datenspeicher-Fans dürften in den seltensten Fällen einem Hobby nachgehen, das mit Computern und diesem Internetzdingens zu tun hat.)

Die Hobbys analysierenden Hobby-Psychologen dürften einer der Gründe sein, wieso Personalberater empfehlen, auf die Nennung von "Hobbys" im bei Bewerbungen zu verzichten. Auch wenn Nina Anika Klotz auf FTD.de ganz richtig feststellt, dass solche Angaben oft nichtssagend (Reisen, Lesen, Sport - gähn!) oder gelogen sind. Sie macht sich in ihrem Artikel Stirb, Steckenpferd, stirb! Gedanken darüber, wieso anscheinend immer weniger Deutsche ein klassisches Hobby (Kürbisse züchten, Buddelschiffe bauen, Mineralogie ... ) haben.
Die These: "Neue Medien" ersetzen traditionelle Hobbys. (Oder, so verstehe ich es: die Leute haben heute oft andere Hobbys als früher. Welche Überraschung - ich hätte noch von 15 Jahren schwerlich Blogger sein können.)
Nebenbei zeigt der Artikel, dass sogar richtige Psychologen nicht über die oben erwähnte vorurteilsgestützte Küchenspsychologie erhaben sind. Psychologe Peter Zellman findet:
"So gut war das Hobby früher ja nicht, es hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Eigentlich war es ein Abkapseln. Sich Zeit für ein Hobby zu nehmen hatte etwas Egoistisches und Egozentrisches." Viele Familien und Freundschaften seien an übertriebenem Zeitaufwand für das Hobby zerbrochen.
Da stellen sich natürlich die Fragen: a) ob solche Besessenheit von einer Freizeitbeschäftigung wirklich oft vorkam, b) ob nicht "Workoholics", die keine Hobbys, sondern nur ihre Arbeit kennen, nicht mehr Familien und Freundschaften auf dem Gewissen haben, und c) moderne Freizeitbeschäftigungen wirklich in dieser Hinsicht harmloser sind als Briefmarkensammeln oder Modellbahnen. Facebook-Profile pflegen soll immerhin geselliger als die Spielerei mit einer Märklin (Schleichwerbalarm!) sein.
Wenn Modellbahnspielen ein ungeselliges Hobby ist und auf die Dauer in die Selbstisolation führt - wozu gibt es die vielen Modellbahnclubs, Modellbahnerstammtische, Modellbahnforen - und inzwischen auch Modellbahngruppen auf Facebook?

Ich bin selbst kein Modellbahner (jedenfalls nicht mehr), kenne aber welche und könnte mir gut vorstellen, diesem Hobby nachzugehen.

Wahrscheinlich, weil ein Hobby wie Modelleisenbahn mit so vielen küchenpsychologischen "Erkenntnissen" besetzt ist (wahrscheinlich haben nur die Computerspieler mit mehr "psychologischen" Klischees über sie zu kämpfen), wählte René Pfister in seiner Reportage über Horst Seehofer dessen Modellbahnanlage als Einstieg. (Das soll kein Einstieg über einen weiteren überflüssigen Kommentar zu fiktiven Elementen in Reportagen sein - bliebe es dabei immer bei Modellbahnen, die der Reporter nie selber sah, wäre es um den Journalismus erheblich besser bestellt.) Seehofer hat also einen "Spieltrieb" und "Lust am Herrschen". Letztere Aussage ist klassische Hobby-Psychologie oder wäre es, wenn man Seehofer nicht ohnehin als sehr machtbewussten Politiker kennen würde. Ein anderes, weit verbreitetes Modellbahner-Klischee, nämlich, dass Menschen, die an Modelbahnanlagen basteln, sich in eine selbst geschaffene heile Welt zurückziehen würden, trifft auf den bayrischen Ministerpräsidenten eher nicht zu.

Ich finde es ist manchmal erstaunlich, wie sehr anpsychologisierte Erklärungen für eine bestimmte Eigenart von Hobbyisten selbst nahe liegenden anderen Erklärungsmodellen vorgezogen werden. Es wirkt richtig erfrischend, wenn ein Modellbahner in seinem Blogs auf die Frage, wieso die Modellbahnbranche in Schwierigkeiten steckt, ganz pragmatische und nachvollziehbare Gründe nennt, anstatt lang und breit über Mentalitätswandel, Wertewandel oder sonst einen -wandel zu räsonieren.
Eine - anscheinende - "Binsenwahrheit" kommt aber auch in diesem Artikel vor: Die "Epoche III" (vom Ende des 2. Weltkriegs bis 1968 oder 1970 in der ehemaligen DDR und in Österreich und der Schweiz) hat den größte Anteil an Modellbahnen in Deutschland, da das die Zeit wäre, in der die meisten Modellbahner ihre Kindheit hatten.
Es ist wahrscheinlich etwas an der Vermutung dran, dass viele Modellbahner ihre Kindheitserinnerungen nachspielen. Aber sie ist nicht die ganze Wahrheit. Auch meine Modellbahn, die ich als Jugendlicher besaß, war eine "Epoche III"-Bahn - was auch daran lag, dass diese Epoche noch nicht lange vorbei war, als ich meine erste Lok zu Weihnachten geschenkt bekam. Der Hauptgrund war aber, dass ich gern sowohl "nostalgische" Dampfloks wie Loks wie jene, die ich selbst am Bahnhof "in echt" zu sehen bekam, auf meiner Anlage haben wollte. Anfangs störten mich Anachronismen wenig, als ich ansatzweise begann, mich darum zu kümmern, stellte ich fest, dass bis auf einige Container-Wagen mein "rollendes Material" mit einigen kleinen Kompromissen (Beschriftung) recht gut in die Epoche III passen würde - wobei allenfalls meine frühe Kindheit in diese Zeit fällt.
Wäre ich beim Modellbahnhobby geblieben, wäre ich wohl auch bei Epoche III geblieben. Und warum nicht? Immerhin war das die Zeit, in der alle drei Traktionsarten (Dampf-, Elektro-, Dieselloks) nebeneinander bestanden. In der Epoche II gab es noch praktisch keine Dieselloks, in der Epoche IV nur noch einige Jahre einige wenige Dampfloks. Die Typenvielfalt war sehr groß - in Epoche IV setzte eine "Flurbereinigung" der Baureihen ein, aus Rationalisierungsgründen wurden "Splitterbaureihen", auch wenn sie noch recht neu waren, ausrangiert. Es gab noch viele Nebenbahnen, ein dankbares Thema für Modellbahnen (das betrifft mehr die "Westbahner" wie mich, bei der Deutschen Reichsbahn der DDR gab es kein so einschneidendes "Nebenbahnsterben" wie bei der Deutschen Bundesbahn).
Würde ich heute wieder mit dem "Modellbahnen" anfangen, würden mich auch die Epochen VI mit den ganz modernen Zügen und I - die Länderbahnzeit vor 1923 - reizen. Hingegen wäre die Epoche IV, in die der größte Teil meiner Kindheit und Jugend fällt, für mich wenig attraktiv.

Zurück zum Thema: Ich habe mich oft darüber geärgert, wenn ich als Science-Fiction- und Fantasy-Fan als "unreifer Spinner" bezeichnet wurde, und mir andererseits anhören musste, dass Maler und Zeichnen doch typische "Rentnerhobbys" seien. Diesen und ähnlichen "Menschenkennern" widme ich diesen Artikel!

Mittwoch, 4. Mai 2011

Aristoteles, die Eintagsfliege und die Besserwisser

Ich fand in einem Artikel Sascha Lobos über internetgestützte Besserwisser etwas sehr spannendes. Damit meine ich nicht Lobos Ausführungen über Besserwisser, die hinterher, dank Google, genau wissen, warum etwas geschah und wie man es hätte besser machen könne. Ich meine seinen Hinweis auf einen wirklich interessanten, schon etwas älteren, "scienceblogs"-Artikel von John Wilkins:
Aristotle on the mayfly.
Der Kern von Wilkins Beitrag und der Anfang von Sachas Lobos Schulmeisterei über Besserwisser, ist, dass Aristoteles um das Jahr 350 vor unserer Zeitrechnung schrieb: "Eintagsfliegen bewegen sich auf vier Beinen". Solche und ähnliche Aussagen veranlassen moderne Autoren immer wieder dazu, über antike Philosophen und Wissenschaftler wie in dieser EMBO Veröffentlichung zu schreiben:
Ancient Greek philosophers laid the groundwork for the scientific tradition of critical inquiry, but they nevertheless missed out on one aspect important to modern science. Many philosophers obtained their results through a tradition of contemplation and thought rather than experimental procedure, which, not surprisingly, led to errors. Aristotle’s belief that the brain is a cooling organ for the blood was definitely not based on anything that scientists today would consider scientific evidence. He also thought that in humans, goats and pigs, males have more teeth than females, a notion easy enough to correct. His statement that flies have four legs was repeated in natural history texts for more than a thousand years despite the fact that a little counting would have proven otherwise.
(Die antiken griechischen Philosophen legten den Grundstein für die wissenschaftliche Tradition der kritischen Untersuchung, aber ihnen fehlte dennoch ein wichtiger Aspekt der modernen Wissenschaft. Viele Philosophen kamen eher durch eine Tradition der Kontemplation und des Nachdenkens zu ihren Ergebnissen, als durch Experimente, was, nicht überraschend, zu Fehlern führte.
Aristoteles Überzeugung, dass das Gehirn ein Organ für die Kühlung des Blutes wäre, gründet definitiv auf nichts, was Wissenschaftler heute als wissenschaftliche Evidenz ansehen würden. Er dachte auch, dass männliche Menschen, Ziegen und Schweine mehr Zähne hätten als weibliche, eine Ansicht, die leicht richtig zu stellen wäre. Seine Aussage, dass Fliegen vier Beine hätten, wurde in naturkundlichen Texten für mehr als tausend Jahren wiederholt, trotz der Tatsache, dass ein wenig Zählen etwas anderes bewiesen hätte.)
War Aristoteles also ein schlechter Beobachter? Wilkins meint nein. (Was meine besserwisserische Seite freut, denn dieser Ansicht bin ich schon seit der Zeit, als ich noch fürs Abi büffelte. Allerdings nicht ohne Anstoß durch eine ziemlich unkonventionell denkende Philosophie-Lehrerin.)
Damit, dass das Gehirn das Blut abkühlt, hatte Aristoteles recht. Dass das nicht der Hauptzweck des Gehirns sein sollte (aber bei manchen Zeitgenossen offensichtlich ist), ergibt sich aus einer reinen Beobachtung ohne Hilfsmittel nicht. Wo der Sitz der Gedanken war, darüber konnte man zu seiner Zeit nur raten - und er riet, indem er einer Tradition folgte, die das Herz als Kern des menschlichen Wesens sah, daneben.
Zähne zählen sagt sich leicht. Nur weniger Menschen haben ein vollzähliges Gebiss, und zu Aristoteles Zeiten verloren Frauen meistens in früherem Alter Zähne als Männer, bedingt durch den erhöhten Kalziumbedarf bei Schwangerschaften. Noch im 19. Jahrhundert hieß es, dass jedes Kind der Mutter einen Zahn kostet.
Vielleicht hätte er, in Anlehnung an seinen Lehrer Platon schreiben können, die "Idee" (wir würden sagen: die Idealvorstellung) eines Gebisses wäre ein vollständiges Gebiss, und das hätte bei Mann wie Frau 32 Zähne. Vielleicht schrieb er das sogar wirklich. Er schrieb, im erhaltenen Text, über die konkrete, alltägliche Wirklichkeit, so wie er sie beobachtet hatte, bzw. wie sie ihm berichtet wurde. Das Problem dabei liegt nicht darin, dass Aristoteles ein schlechter Beobachter gewesen wäre - es fehlte ihm einfach noch am methodischen Handwerkszeug, um etwa statistische Aussagen wie: "im Bevölkerungsdurchschnitt hat ein männlicher Einwohner Athens 2,4 Zähne mehr als ein weiblicher" machen zu können - übrigens hätte ich mich mit den "2,4 Zähnen" bei jedem vorneuzeitlichen Denker zum Narren gemacht. (Aristoteles machte übrigens die Logik zur Wissenschaft, lieferte also die Grundlage für die heute gebräuchlichen Methoden der Wissenschaft.)
Nachtrag, weil ich gemerkt habe, dass meine Aussage missverständlich ist: Aristoteles kannte die notwendige Mathematik, um Begriffe wie "Durchschnitt" zu begreifen, er dachte aber anders als ein moderner Naturwissenschaftler.
Bei der Eintagsfliege schrieb Aristoteles nicht etwa, dass diese vier Beine hätte, sondern, dass sie auf vier Beinen geht - was bei männlichen Eintagsfliegen völlig richtig ist, bei ihnen sind nämlich die vorderen Beine zu Greiforganen für die Kopulation umgebildet.

Wenn jemand meint, dass meine (und Wilkins) Darlegungen haarspalterisch seien, dann stimmt das zwar, aber bei Aristoteles wird traditionell jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Die an eine breite Öffentlichkeit gerichteten Schriften des Aristoteles in Dialogform gingen nämlich verloren. Durch einige glückliche Zufälle blieben viele der für interne Unterrichtzwecke gedachten, fortlaufend redigierten Lehrschriften (man würde heute sagen: Vorlesungsskripte) erhalten. Darin wird aber offensichtlich Vieles einfach als bereits bekannt vorausgesetzt, und abgerundete Schlussfolgerungen sind darin nur selten enthalten. Weil aber entscheidende Teile seines Werkes nicht überliefert wurde, gewinnen Versuche, aus dem vorhandenen Text zu schießen, was Aristoteles gedacht haben könnte, zwangsläufig an Bedeutung.

Zu Aristoteles als Naturforscher ist zu sagen, dass er empirische Forschung betrieb. Seine Beobachtungen an Tieren sind allgemein so präzise, dass die Möglichkeit, dass er sich bei den Fliegenbeinen schlicht verzählt hätte, getrost vernachlässigt werden kann.
Sicher ist, dass er sogar tote Tiere und menschliche Leichen sezierte oder sezieren ließ. Er untersuchte sogar in festgelegten zeitlichen Abständen befruchtete Hühnereier, um zu beobachten, in welcher Reihenfolge die Organe sich entwickeln.
Neben eigenen Beobachtungen und einigen wenigen Textquellen stützte sich seine Zoologie auf Informationen von Menschen, die von Berufs wegen Tiere beobachten, wie von Fischern, Imkern, Jägern und Viehzüchtern. Allerdings übernahm er auch Irrtümer - vor allem, wenn sie zu seiner Zeit weit verbreitet waren.

Es stimmt zwar, dass viele Philosophen eher durch Kontemplation und reines Nachdenken zu ihren Ergebnissen kamen, aber das trifft z. B. weitaus mehr auf Aristoteles Lehrer Platon zu. Dessen bevorzugte Methode, die Dialektik (ein von Platon geprägter Begriff), eignet sich nicht zur Behandlung jeder Frage. Auf manche Stoffgebiete, die Naturwissenschaften zum Beispiel, lässt sich diese Methode nicht anwenden. Aristoteles musste also zwangsläufig auch empirisch arbeiten, wenn er Wissensgebiete bearbeiten wollte, die sein Lehrer nicht berücksichtigt hatte.
Was allerdings stimmt: Experimentiert hat er wohl nicht. Was nicht bedeutet, dass es keine antiken Wissenschaftler gegeben hätte, die experimentiert hätten.

War Aristoteles tatsächlich ein "Bremsklotz" für den Fortschritt der Wissenschaft? Bertrand Russel meinte, dass Aristoteles gewaltige Verdienste, aber auch nachteilige Einflüsse auf seine Nachfolger gehabt hätte. Hierfür seien jedoch seine Nachfolger stärker verantwortlich zu machen, als er selbst.
Man könnte auch sagen: Was kann Aristoteles dafür, dass er für die abendländischen Gelehrten des späten Mittelalters eine fast so unbestrittene Autorität wie die Kirche war und daher nicht ohne Weiteres kritisiert werden konnte?
Das hatte zur Folge, dass damit auch Aristoteles Meinungen und Irrtümer, etwa zur Demokratie (die er ablehnte), zur Sklavenhaltung, zur Stellung der Frau oder auch zur Stellung der Erde im Universum (im Mittelpunkt, meinte Aristoteles) praktisch jeder Kritik entzogen waren. Ein Aristoteles-Zitat hatte im späten Mittelalter unter Klerikern fast die selbe Autorität wie ein Bibelzitat - und die Kleriker hatten de facto das Bildungsmonopol.

Ich stimme Russel darin zu, dass, auch wenn einer seiner Vorgänger (ausgenommen vielleicht Demokrit) die gleiche Bedeutung erlangt hätte wie Aristoteles, die Folgen nicht minder katastrophal gewesen wären.

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