Gedankenfutter

Samstag, 17. Mai 2008

Was ist Ehre? Ist das Ehre?

Die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung.
Arthur Schopenhauer

Es gibt Bluttaten, bei denen ich mich innerlich weigere, zur "Tagesordnung" überzugehen. (Bei anderen Verbrechen widert es mich eher an, dass sie bis zum letzten Detail ausgewalzt und bis ins Intimste ausdiskutiert werden.)

Das Opfer, das ich hier wie die Presse Morsal O. nenne, obwohl ich ihren Familiennamen kenne, war eine 16-jährige Hamburger Schülerin, eine Deutsche afghanischer Herkunft. Sie war in Hamburg beinahe so etwas wie eine "kleine Berühmtheit", jedenfalls bei Menschen,die sich für das Zusammenleben Menschen unterschiedlicher Kulturen interessieren. Vor eineinhalb Jahren erhielt Morsal O. einen Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für ein Projekt, das respektvolles und freundliches Miteinander an ihrer Schule fördern sollte.

Der Tatort war ein Parkplatz am Lübeckertordamm im Stadtteil St. Georg, gleich beim Campus der Hochschule für angewandte Wissenschaften und ganz in der Nähe vom Allgemeinen Krankenhaus St. Georg, an einer viel befahrenen Straße und bei einer U-Bahn Station. Ich erwähne das auch, damit nicht wieder die Klischees vom "Ghetto" und vom "verschwiegenen Hinterhof" zuschlagen. Aber in erster Linie deshalb, weil der Täter offensichtlich zu seiner Tat stand - alle sollten es sehen.

Die Täter war ihr eigener Bruder. Ahmad O. (23) rief am Donnerstagabend seine Schwester an und bestellte sie zum Parkplatz. Der 23-Jährige kam in Begleitung eines Freundes. Als Morsal O. auf dem Parkplatz erschien, zog er sofort sein Messer.
Die Ärzte zählten später mindestens 20 Wunden.

Anwohner und Passanten hörten die verzweifelten Schreie des Mädchens und riefen die Polizei. Als der Notarzt den Tatort erreichte (es kann sich nur um wenige Minuten gehandelt haben, sowohl ein großes Krankenhaus wie die Hauptfeuerwache befinden nur wenige hundert Meter entfernt) waren Ahmad O. und sein Freund bereits geflüchtet. Gut eine Stunde versuchten die Helfer, die 16-Jährige zu reanimieren - vergeblich. Kurz nach dem Mord stellte sich der Begleiter des Täters auf einer Polizeiwache. Er war offenbar nicht in das Vorhaben seines Freundes eingeweiht. Schockiert erzählte er den Beamten, wer der Täter war. Als Ahmad O. festgenommen wurde, leistete er keinen Widerstand und gestand die Tat. Aus dem Motiv machte er keinen Hehl, er gestand seine Schwester getötet zu haben, weil sie sich "von der Familie abgewandt" habe.
Hamburger Abendblatt: Sie wollte Freiheit - und musste dafür sterben

Das Motiv: "Ehrenmord". Was bei "Islamophoben" und selbsternannten Hütern des christlichen Abendlandes erwartungsgemäß die entsprechenden "Beissreflexe" auslöst. Andere verweisen auf die "archaischen Stammesgesetze" des wilden Afghanistans.
Sie vergessen: Verbrechen im Namen der "Ehre" geschehen in nahezu allen Teilen der Welt und in allen soziokulturellen Milieus. Sie sind laut der Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" kein religiöses Phänomen, obwohl sie häufig in islamischen Ländern begangen werden. Auch in vielen anderen Ländern kommen solche Verbrechen vor, etwa in Brasilien, Ecuador oder sogar in Italien. Auf den Koran können sich "Ehrenmörder" nicht berufen, ebenso wenig wie auf die Bibel.
Entgegen einem anderen Klischee hat Ahmad O. wahrscheinlich nicht mit Wissen der Familie gehandelt, sozusagen als "Vollstrecker des Familienwillens".

Der Bluttat ging ein langer Streit mit der Familie voraus. Morsal O. hatte sie auf eigenen Wunsch verlassen. Sie fühlte sich als Deutsche - die sie seit fünf Jahren je auch war.
Sie kam auf die strengen, patriarchalischen Sitten ihrer Familie nicht mehr klar - und ihr großer Bruder kam, so sieht es aus, auf die Emanzipation seiner Schwester von dieser Familientradition nicht klar.
Das Mädchen suchte Hilfe bei mehreren Sozialeinrichtungen. Doch die völlige Abkehr von der Familie, die vor 13 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam, gelang ihr nicht. Zuletzt lebte sie im offenen Jugendhaus Feuerbergstraße.

Offenbar sah ihr Bruder Ahmad O. deshalb die Ehre der Familie verletzt. Noch vor Kurzem hatte das Mädchen ihn angezeigt, weil er es zusammengeschlagen hatte. Bei der Verhandlung verweigerte sie allerdings die Aussage. Der gewalttätige Bruder konnte deshalb nicht zu einer Haftstrafe verurteilt werden.
Es war nicht das erste Mal, dass gegen ihn ermittelt wurde. Ahmad O. ist als "Intensivtätet" polizeibekannt, mehrmals ermittelte die Kripo wegen Körperverletzung gegen ihn, auch Urteile gab es.

Was ist Ehre? Einfach gesagt: die Konsequenz aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl. ("Alle für einen, einer für alle!")
Wird seine Gemeinschaft (Familie, Fanclub, militärische Einheit, Heimatdorf, Religionsgemeinschaft usw. usw.) missachtet, wird der Einzelne getroffen, durch Missachtung des Einzelnen wird seine Gemeinschaft getroffen. (Wenn ich hier die männliche Sprachform benutze, dann heißt das für mich nicht, dass "Ehre" ein in erster Linie "männliches Prinzip" oder gar ein "patriarchalisches Konstrukt" sei.)
Die "persönliche Ehre" beruht, da bin stimme ich Schopenhauer zu, auf dem Ansehen des Einzelnen in den Gemeinschaften, denen er angehört, und der Gesellschaft, in der er sich bewegt. Sie überschneidet sich mit dem "guten Ruf".

Der "Verlust der Ehre", der "Gesichtsverlust", ist der Verlust von Ansehen innerhalb der Gemeinschaft oder der Gesellschaft.

Es heißt manchmal, dass "verletzte Ehre" in Kulturkreisen, in denen das Ansehen eines familiären, ethnischen oder religiösen Kollektivs über den Wert des Einzelnen gestellt würde, unter offener Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien auf gewaltsame Weise "wiederhergestellt" würde - als Rache, Selbstjustiz oder Ehrenmord. Der Begriff etwa der "Familenehre" stünde dem staatlichen Gewaltmonopol entgegen. Daraus könnte man schließen, dass ein ausgeprägter "Ehrenbegriff" unweigerlich zu zahlreichen, rasch eskalierenden Konflikten führt.

Schon ein Blick in unsere eigene ("abendländische") Kultur zeigt, dass das nicht der Fall ist. Ein intakter "Ehrbegriff" - in Verbindung mit einem Gefühl für persönliche "Würde" - kann sogar Konflikte verhindern. Kommt noch ein intaktes Selbstbewusstsein hinzu, verhindert das Bewusstsein für Ehre und Würde das Gefühl "dauernden Beleidigtseins", dass so anfällig für Provokationen macht. Angriffe aus Zorn, Neid oder Unwissenheit werden ignoriert, "tuen wir so, als hätte wir es nicht bemerkt" - oder: "was kümmert es die Eiche, wenn eine Sau sich ihr kratzt" und bestimmte Menschen ("niederer Gesellschaftsschicht" oder Fremde) gelten den Ehrenregeln ohnehin nicht unterworfen, als "nicht satifaktionsfähig", wie es früher im Adel hieß. Ist aber das Selbstbewusstsein schwach und der "Ehrbegriff" unklar, dann ist die "Ehre" oft nur noch Vorwand, jede Verletzung, Beleidigung oder Missachtung maximal zu "vergelten".

Die Ehre kann auch dazu beitragen, Konflikte zwischen Personen, Gemeinschaften oder Institutionen ohne Gewaltanwendung auszutragen. Gerade in den Stammeskulturen, auf die viele "Abendländer" so hochnäsig herabblicken, wird bei Streitfällen sorgfältig darauf geachtet, offenen Streit möglichst zu vermeiden oder zu verschleiern, da ein offener Streit einen Ehrverlust des Gegners zur Folge haben könnte.
In Stammeskulturen ist man sich des Eskalationspotenzials von "Ehrenhändel" durchaus bewusst. Ein buchstäblich lebensgefährliche Potenzial birgt die Blutrache, weshalb zu den frühesten und heiligsten Gesetze (geschrieben und ungeschrieben) Vorschriften gehören, die verhindern, dass gegenseitige Rache eskaliert. Das oft missverstandene biblische "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ist eine Vorschrift gegen die Eskalation - Entschädigung oder Rache müssen dem Anlass angemessen sein, dass heißt, es darf ein ausgeschlagener Zahn nur mit dem Gegenwert eines Zahnes vergolten werden, nicht etwa mit dem Leben.
Noch älter und in vielen Stammeskulturen noch heute zu finden ist das "Wergeld" (von althochdeutsch "wer" = "Mann"). Es ist eine Entschädigung, die an jene ausgezahlt wird, die sonst die Blutrache an einem Totschläger hätten ausüben müssen, in der Regel an nächsten Verwandten. Diese Regelung auf Schadenersatz kann auch auf andere Vergehen angewandt werden. Besonders das germanische Volksrecht unterschied dabei sorgfältig zwischen "Totschlägern" (ohne Heimtücke - also war auch Tötung im Kampf oder im Duell) und "heimtückischen Mördern", die als "feig", also ehrlos, galten.

Weil man sich in Stammeskulturen darüber im Klaren ist, wie leicht Streit in Ehrensachen eskalieren kann, wird darauf geachtet, dass der Konflikt so ausgetragen wird, dass beide Seiten "das Gesicht wahren" können. Eine dieser Möglichkeiten ist das Duell, dass man nicht in jedem Fall als "Überbleibsel aus Zeiten vor dem staatlichen Gewaltmonopol" abtun sollte. Die Sitte, dass bei einem Streit um die Ehre in der Öffentlichkeit die Kontrahenten "vor die Tür" gehen, und die Sache "unter sich" austragen, verdeutlicht das: der Konflikt bleibt auf die Kontrahenten begrenzt, ihre jeweilige Gemeinschaft und deren Ehre ist nicht betroffen, und die Kontrahenten unterwerfen sich Regeln, die eine Eskalation, etwa zum bewaffneten Kampf oder zur Massenschlägerei, ausschließen.

Zurück zum Fall des "Ehrenmordes". Meiner Ansicht nach ging es bei dieser Bluttat weniger um die "Familienehre", als um verletzten Stolz und das Gefühl des "großen Bruders", ihm würden "traditionelle Vorrechte" verweigert werden. Außerdem scheint er zu jenen Menschen zu gehören, die Konflikte gerne mit offener Gewalt austragen - aus Gründen, die wahrscheinlich nicht in der traditionellen afghanischen Familie begründet liegen. Wie ich weiter oben schrieb, ist bei schwachem Selbstbewusstsein und unklarem Ehrbegriff die "Ehre" oft nur noch Vorwand, jede Verletzung, Beleidigung oder Missachtung zu "rächen".
(Wobei ich hier nicht aus "Multikulti"-Romantik der aus Afghanistan stammende Familie einen "Opferstatus" oder gar aus ihre Situation bedingte "Sonderrechte" zubilligen will. Sie muss akzeptieren, dass Selbstjustiz hierzulande nicht als ehrenwert gilt, und dass es zur persönlichen Ehre einer Frau gehört, sich für ihre Rechte einzusetzen.)
Wer die Familienehre dagegen hoch hielt, dass ist das Opfer, Morsal O. . Sie blieb ihrer Familie gegenüber loyal, als sie die Möglichkeit hatte, durch ihre Aussage ihren Bruder hinter Gitter zu bringen. Sie versuchte offensichtlich, eine klaren Schnitt zwischen sich und ihrer Familien und ihren streng patriarchalische "Gesetzen" zu machen - und damit, beabsichtigt oder nicht, ihrer Familie die "Schande" einer rebellischen Tochter zu ersparen.

Montag, 12. Mai 2008

Warum gab es in der Weimarer Zeit so viele jüdische Intellektuelle?

Vor Kurzem las ich einen interessanten Artikel auf "hagalil":
Das Jahr 1933: Vertreibung und Emigration in der Physik.
Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, wie viele der hervorragenden Physiker in Deutschland um 1933 Juden oder jüdischer Abstammung waren. Albert Einstein, James Franck, Hans Bethe, Otto Stern, Lise Meitner, Max Born, Peter Paul Ewald, um nur ein paar "große" Namen zu nennen.

Die Physik ist, denke ich, ein hervorragendes Beispiel dafür, dass "jüdische Intellektuelle" außerhalb der traditionell als "typisch jüdisch" wahrgenommenen Gebiete brillierten. Bei berühmten Ärzten z. B. könnte ich die jüdischen Arztfamilien, also eine Tradition, heranziehen. Bei berühmten Journalisten und Schriftstellern liegt hingegen das "Außenseiterphänomen" nahe - der Blick eines ewig Ausgegrenzten und Diskriminierten auf Gesellschaft und Politik wird wahrscheinlich schärfer und treffsicherer sein, als der eines Menschen, der Vorurteile und unsichtbare Barrieren nicht aus eigener Erfahrung kennt.

Eine neuerdings wieder populär gewordene Hypothese geht davon aus, dass die Beschäftigung mit der hebräischen Sprache das abstrakte Denkvermögen fördert. Hinzu käme noch die intensive Auseinandersetzung mit einer "Gesetzesreligion" mit "hochabstraktem Gottesbegriff". Mag sein - aber von den oben genannten Physikern, wie auch von zahlreichen von den Nazis als "jüdisch" verfolgten Wissenschaftlern anderer Gebiete kam meines Wissen kaum einer aus einer "frommen" jüdischen Familie. Die "Glaubensjuden" unter ihnen waren gut assimiliert, sehr viele waren nur dann "Juden" oder "jüdischer Abstammung", wenn man die Maßstäbe der Nazis anlegt.
Der Kreis der "Nichtarier" umfasste nämlich auch Personen, die weder von ihrer Konfession noch von ihrem Selbstverständnis her eine Verbindung zum Judentum hatten, und deshalb auch von ihrer Umwelt bis dahin gar nicht mit "Judentum" in Verbindung gebracht wurden.

Liegt die Erklärung möglicherweise doch im "Erbgut"?
Es gibt da eine ziemlich windigen “Studie” aus den USA, aus der laut ihrer Autoren hervorginge, dass amerikanische Juden im Schnitt einen um 20 % höheren IQ als der Durchschnitt der US-Bürger hätten.
Von welchem Kaliber diese "Studie" allerdings ist, wird spätestens dann klar, wenn dort behauptet wird, die Schwarzen lägen im Schnitt 20 % unter dem US-Intelligenzdurchschnitt.
Diese “Studie” stammt aus dem “neurechten” Dunstkreis, und wurde erst neulich, am Rande der Nazikundgebung am 1. Mai in Hamburg Barmbek, vom Neonazi, selbsternannten Eugeniker und Hamburger NPD-Chef Jürgen Rieger zustimmend zitiert: Der Jürgen von der NPD (Die Zeit online).

Ich sehe die Ursache dafür, dass es augenscheinlich so viele brillante jüdische Intellektuelle in Deutschland gab, weniger bei den Juden als in der deutschen Gesellschaft, vor allem der deutschen Gesellschaft im Kaiserreich.

Im Großen und Ganzen galten die "aufgeklärten" Juden Deutschland als "Intellektuellenfreundlich" - Kinder dieser jüdischen Familien, die viel lernten, viel wussten und gern mit dem Kopf arbeiteten, konnte mit den Wohlwollen der Eltern rechnen. Das war in manchen deutschen Milieus anders. (Ich schreibe hier ausdrücklich nicht über Proletarier, die kaum einen Zugang zur höheren Bildung hatten, sondern über mindestens kleinbürgerliche Kreise.) Eine milde Form der "deutschen Intellektuellenfeindlichkeit" war (und ist) der Spruch: "Lerne lieber einen anständigen Beruf" - womit offensichtlich Berufe wie Journalist, Schriftsteller, bildender Künstler, Musiker, aber auch die "abstrakten" Wissenschaften und sogar der Bankiersberuf als "unanständige" Berufe zu gelten hätten. Ungeschriebenes Motto: "Handwerk hat goldenen Boden - und wer handwerklich ungeschickt ist, wird im Idealfall Beamter". Wenn schon ein akademischer Beruf, dann "etwas solides": Arzt, Ingenieur, Pfarrer.

Nun war es so, dass ausgerechnet eine soziale Klasse, die zu "Kaisers Zeiten" zur Herrschaftselite gehörte, in einem kaum glaublichen Maßen anti-intellektuell war: der "Millitär-Adel", die "Offiziersfamilien". Der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth schrieb in seinem autobiographischen Buch "Innenansichten eines Artgenossen":
(...) Mein Vater war, mit anderen Worten, Sproß einer "Offiziersfamilie" worauf man sich selbst noch in der Weimarer Zeit nicht wenig zugute hielt und wie es für die meisten Adelsfamilien (zumindest in Norddeutschland) galt. Eine andere Berufswahl kam vor dem Hintergrund einer solchen Tradition gar nicht in Betracht. Genauer: Eine Wahl gab es in Wirklichkeit gar nicht. (...)
Wer aus einer "Offiziersfamilie" stammte, der hatte keine Chance, seine Talente und geistigen Anlagen zu entwickeln, weil er von frühester Jugend an einem Umfeld ausgesetzt war, das intellektuellen Neigungen keine Spielräume ließ.
Damit herrschten bei einer der "staatstragenden Eliten" des Kaisereichs ähnliche Zustände wie im "bildungsfernen" Proletariat - Begabungen unterhalb der Genialitätsschwelle hatten keine Chance. Keine Erfindung böswilliger Satiriker war die geradezu groteske Intellektuellenfeindlichkeit in diesen Kreisen:
Wer von seinen Offizierkameraden beim Kauf oder gar der Lektüre anspruchsvoller Literatur oder bei anderen Regungen geistiger Interessen ertappt wurde, setzte sich unweigerlich dem allgemeinen Spott aus. Die Reaktion erfolgte so unfehlbar, daß der Verdacht naheliegt, hier habe man durch ironische Abwehr instinktiv der Wahrnehmung eines Verzichts vorbeugen wollen, die eine schmerzliche Stelle getroffen hätte. Böse gesagt und in aller Deutlichkeit: Bordellbesuche oder Spielschulden, selbst Alkoholismus (in der kaiserlichen Armee wenig verbreitet) oder notorische "Weibergeschichten" (einzige Einschränkung: "Bitte nicht mit den Damen von eigenen Regiment!") wurden in diesem Milieu eher toleriert als Ansätze zu geistigen Interessen. Mein Vater hat mir später, sehr viel später, aus eigener Erfahrung bestätigt, daß dieses Bild nicht überzeichnet ist.(...)"
Besonders verheerend wirkte die geistige Armut des preussisch-deutschen Militäradels, weil nicht nur die hohen Offiziere des im Kaiserreich so "wichtigen" Militärs, sondern praktisch das gesamte diplomatische Corps und viele hochrangige Beamte aus diesem sehr "vonnigen" Milieu stammten. Wer als Adeliger z. B. für das auswärtige Amt arbeitete hatte sicher den "aktiven" Berufsoffizieren seines Standes Fremdsprachenkenntnisse und wahrscheinlich auch Gewandheit im gesellschaftlichem Auftritt voraus - war, wie eine Reihe abenteuerlich anmutender diplomatischer Pannen und aus purer Ignoranz geborener "Zwischenfälle" aus der Kaiserzeit belegen, nicht unbedingt gebildeter oder besser darin geschult, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen. Das Klischee vom ebenso arroganten wie engstirnigen "Kraut", "Boche" oder "Moff" wurde schon zu dieser Zeit, und nicht etwa erst durch die Kriegspropaganda des 1. Weltkriegs, geprägt.

Zurück zum Thema: Ein großer Teil der "gesellschaftlichen Elite" Deutschland im 1. Drittel des 20. Jahrhunderts - und noch mehr, die sich an dieser "Elite" orientierten - schied damit "freiwillig" aus dem Wettbewerb um "intellektuelle Brillanz" aus. Eine mindestens ebenso wichtige - und zunehmend wichtiger werdende "Elite" war das Besitzbürgertum. Nur bestand dieses Besitzbürgertum im kaiserlichen Deutschland zum überwiegenden Teil aus "Neureichen", bei denen "brotlose Kunst" als Beruf nachweislich auch nicht sonderlich angesehen war. Das Bildungsbürgertum Deutschlands war hingegen ungewöhnlich konservativ - nicht nur hinsichtlich der politischen Ausrichtung, sondern auch hinsichtlich der akzeptierten Lehrmeinungen - man orientierte sich als "deutscher Gelehrter" lieber nach "anerkannten Autoritäten", als zu neuen Ufern aufzubrechen - jedenfalls dann, wenn man Wert auf eine akademische Karriere legte. Mit den revolutionären Neuerungen - egal, ob in der Quantenphysik, in der modernen Kunst, in der Psychoanalyse - gaben sich vorwiegend "Aussenseiter" und "Quereinsteiger" ab. Nach Lage der Dinge waren darunter überdurchschnittlich viele Juden oder Menschen jüdischer Abstammung.

Überspitzt kann man sagen: es gab in der Weimarer Republik deshalb so viele jüdische Intellektuelle, weil es so wenige "arische" Intellektuelle gab. Was im Endeffekt bedeutete, dass, nachdem die deutschen Juden vertrieben oder ermordet waren, Deutschland unter akutem Mangel an "beweglichem Geist" litt. (Abgesehen davon, dass im "Dritten Reich" sozusagen auf selbständiges Denken die Todesstrafe stand. Ein Klima, unter dem intellektueller Nachwuchs, auch der mit "Ariernachweis", einfach nicht gedeiht.) Das "dumpfe" gesellschaftliche Klima, das Nachkriegsdeutschland bis in die 60er Jahre prägte (und zwar in beiden Teilen Deutschlands), hängt meines Erachtens auch mit diesem akuten Mangel an brillanten Intellektuellen zusammen.

Donnerstag, 17. April 2008

Nachtrag zu "Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch?"

In meinem Beitrag Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch? habe ich mich ein wenig mit der Interpretation der "Odyssee" durch Adorno / Horkheimer in "Die Dialektik der Aufklärung" beschäftigt.

Ich machte mir dabei natürlich auch Gedanken darüber, wie Adorno /Horkheimer zu ihrer bemerkenswerten (und meines Erachtens weder Homer, noch der Odyssee, noch der griechischen Antike gerecht werdenden) Interpretation kamen.

Je mehr ich mich in den Text vertiefte, desto stärker wurde mein Eindruck, dass Adorno / Horkheimer bei ihrer Interpretation nicht vom Urtext der "Odyssee", sondern von schon vorhandenen Interpretationen ausgingen.
Der "Odyssee"-Exkurs berührt so gesehen die Frage, ob Homers Odysseus wirklich auf dem Weg zum bürgerlichen Individuum war, überhaupt nicht. Allenfalls geht es darum, ob Odysseus gemäß einer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktuellen, von der Psychoanalyse, dem Marxismus (historischen Materialismus) und dem bürgerlichen Fortschrittsgedanken inspirierten Interpretation Vorläufer des "aufgeklärten" bürgerlichen Menschen war.

Der zweite Eindruck: es ging Adorno / Horkheimer entweder gar nicht um die Antike - oder sie hatten eine Vorstellung von der antiken Gesellschaft, die mit dem, was wir über die griechische Gesellschaft zu Homers Zeit (und noch lange nach ihm) wissen, nicht viel zu tun hat.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung:
Der Träger des Geistes, der Befehlende, als welcher der listige Odysseus fast stets vorgestellt wird, ist trotz aller Berichte über seine Heldentaten jedenfalls physisch schwächer als die Gewalten der Vorzeit, mit denen er ums Leben zu ringen hat. Die Gelegenheiten, bei denen die nackte Körperstärke des Abenteurers gefeiert wird, der von den Freiern protegierte Faustkampf mit dem Bettler Iros und das Spannen des Bogens, sind sportlicher Art. Selbsterhaltung und Körperstärke sind auseinandergetreten: die athletischen Fähigkeiten des Odysseus sind die des gentleman, der, praktischer Sorgen bar, herrschaftlich-beherrscht trainieren kann.
Genauer gesagt: A. / H. haben den Eindruck, es wären Kämpfe sportlicher Art. Ich sehe das anders: zur Zeiten Homers (und erst recht zur Handlungszeit der Odyssee, gut 400 Jahre vor Homer) und selbst in der "griechischen Klassik" waren diese athletischen Fähigkeiten zugleich die "selbsterhaltenden" bzw. überlebenswichtigen Fähigkeiten eines Kriegers. Beim waffenlosen Nahkampf und dem Spannen und Schießen mit einem schweren Kampfbogen war der unblutige, "sportliche", Wettstreit in erster Linie "Training" für den Ernstfall. Aus der Probe seiner Kraft und Geschicklichkeit, die Odysseus gibt, wird schnell blutiger Ernst - er erschießt die "Freier" / Thronrivalen.
Noch zur Zeit Platons, fast 400 Jahre nach Homer, war das harte athletische Körpertraining der Epheben (jedenfalls offiziell) dazu bestimmt, die jungen Männer zu ausdauernden und kräftigen Soldaten auszubilden. Platon schlug nicht ohne Grund vor, die Übungen wieder "kriegsnäher" zu gestalten, als es zu seiner Zeit üblich wurde. Den reinen "Gentlemen"-Sportler gab es im antiken Griechenland wahrscheinlich erst nachdem sich in hellenistischer Zeit Berufs- und Söldnerarmeen gegenüber den "Bürgermilizen" durchgesetzt hatten. Wobei die Athleten, die z. B. in Olympia antraten, schon lange vor Plato Zeit und wahrscheinlich nicht lange nach Homers Zeit im heutigen Sinne "Profis" waren. Aber weiter:
Die von der Selbsterhaltung distanzierte Kraft gerade kommt der Selbsterhaltung zugute: im Agon mit dem schwächlichen, verfressenen, undisziplinierten Bettler oder mit denen, die sorglos auf der faulen Haut liegen, tut Odysseus den Zurückgebliebenen symbolisch nochmals an, was die organisierte Grundherrschaft real ihnen längst zuvor antat, und legitimiert sich als Edelmann.
A. und H. schreiben hier offensichtlich nicht von der Zeit Homers: erst einmal war die Kraft des "Berufskriegers" Odysseus nicht von der Selbsterhaltung getrennt, dann dürfte zu bezweifeln sein, dass Odysseus der "Feudalherr" seiner Rivalen war - es waren eindeutig "Edle", keine "Knechte / Sklaven". Odysseus erschießt seine Rivalen keineswegs symbolisch - nur wenn man die Handlung unmittelbar nachdem Odysseus den Bogen gespannt und den Pfeil durch Öhre der zwölf Streitäxte geschossen hat, abbricht, könnte man von einem "sportlichem Sieg" sprechen. Es stellt sich außerdem die Frage, was denn den "Freiern" durch Odysseus Grundherrschaft "real angetan" wurde - und wieso sich Odysseus durch den Sieg im Faustkampf und im Bogenkampf als "Edelmann" legitimiert. Er zeigt nur, dass er stark und geschickt ist. A. und H. unterstellen offensichtlich, dass zu Homers Zeiten eine Gesellschaftsordnung geherrscht hätte, die es dem "einfachen Mann" unmöglich gemacht hätte, ein guter Faustkämpfer und Bogenschütze zu werden. Ich vermute eine falsche Analogie: im Mittelalter konnte sich ein Ritter durch seine Fähigkeiten im Kampf zu Pferde als "Ritter" legitimieren, weil ein einfacher Bauer weder die Mittel für Rüstung, Waffen und den Unterhalt eines Schlachtrosse, noch die Zeit für die nötigen Waffenübungen gehabt hatte. Aber sowohl im Faustkampf wie im Bogenschießen konnte ein Bauer durchaus einem Ritter überlegen sein!
Es könnte auch sein, dass A. / H. an die Verhältnisse im frühen Industriezeitalter dachten: ein Fabrik- oder Landarbeiter hatte nicht die Gelegenheit, sich sportlich so zu üben wie ein "Gentleman" aus den besitzenden Ständen. Allerdings reichte es im 19. Jahrhundert überhaupt nicht aus, ein guter Sportler zu sein, um als "Gentleman" anerkannt zu werden.
Wie auch immer: "Odysseus" als Beispiel für einen Vorläufer des bürgerlich-aufgeklärten Menschen - oder als frühes Beispiel eines Grundherren und "Gentlemans" - funktioniert einfach nicht - es sei denn, man übernimmt exakt die Vorstellungen und (Vor-)Urteile Horkdornos über Homer, Odysseus und ihr gesellschaftliches Umfeld.

Jedenfalls interpretieren Adorno und Horkheimer eher etwas in die Odyssee hinein, als heraus!

Sonntag, 13. April 2008

Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch?

Nachdem ich einen Bischof für die Art und Weise kritisierte, wie er Homers "Odyssee" als mythische Belegstelle für seine These heranzog (Marginalie: Warum lehnte Odysseus die Unsterblichkeit ab?) will ich über den wohl bekanntesten Fall, in dem die "Odyssee" als Steinbruch einer modernen philosophischen These verwendet wurde, nicht schweigen.

Ich meine natürlich Theodor W. Adorno und Max Horkheimer und ihre Deutung der homerischen Odyssee in ihrem berühmtesten Werk, der Aufsatzsammlung Dialektik der Aufklärung.
In der "Dialektik der Aufklärung" geht es zentral um die Fehlentwicklung der Zivilisation seit der Aufklärung, die im "Faschismus" kulminiert - wobei Horkheimer/Adorno vor allem an den deutschen "Nationalsozialismus" mit seinen Vernichtungskriegen und seinem millionenfachen, industriell organisierten Mord dachten.
Ihre zentrale These dabei ist, dass das Scheitern der Aufklärung, das zu einer Barbarei führte, das jeden noch so grausamen "Barbaren" der vorindustriellen Zeit vor Entsetzen hätte erbleichen lassen, bereits in der „instrumentellen Vernunft“ ihres Denkens angelegt ist.
Aus der "instrumentellen Vernunft" (die z. B. technischen Fortschritt als Machtinstrument gegenüber den einzelnen Menschen gebraucht) und ihrer Anwendung im Kapitalismus entsteht der Faschismus als logische Fortsetzung. Ich hoffe, dass philosophisch und soziologisch beschlagene Leser mich für diese etwas schräge Darstellung nicht schlagen werden.
Der "Odysseus-Exkurs" in dieser Sammlung wird Adorno zugeschrieben.
Adorno begreift (so verstehe ich ihn jedenfalls, ganz leicht verständlich ist der Text nämlich nicht) die Odyssee als Allegorie. Anhand der "Odyssee" veranschaulicht er die Entstehung des "bürgerlichen Individuums" bzw. "des autonomen Selbst". Odysseus kämpft gegen die Abhängigkeiten von der Natur und den die Natur interpretierenden Mythen. Die Natur erscheint in Gestalt der Götter, Nymphen und Ungeheuer gegen die er kämpft, die er überlistet und denen er widersteht. Er gewinnt diesen Kampf durch die Anwendung der List bzw. der instrumentellen Vernunft und durch Triebunterdrückung (er widersteht den Sirenen, der Kirke, der Kalypso usw.).
Die List (alias instrumentelle Vernunft) bildet den Kern des modernen Tauschprinzips, deren Äquivalent in der mythischen Zeit im Opfer bereits angelegt ist. (So wurde in der Regel nur ein Teil der Opfertiere wirklich dem menschlichen Gebrauch entzogen, also geopfert.) Das Moment des "Betruges im Opfer" setzt sich fort in der Listigkeit des Odysseus. Er setzt der Natur sein Bewusstsein entgegen. Indem er die Natur bekämpft, verleugnet er einen Teil seiner selbst, die Triebgesteuertheit. Diese Selbstverleugnung ist bereits eine Form der für die bürgerliche (= kapitalistische) "aufgeklärte" Gesellschaft typischen Entfremdung.
In Adornos/Horkheimers allegorischer Deutung stehen verschiedene Abenteuer des Odysseus für verschiedene geistige Zustände des Helden, die zugleich repräsentativ für die verschiedenen Stufen der "Zivilisationsgeschichte" ist - einer Entwicklung vom vorbewussten Denken über den Mythos, das Epos zur Ratio (und damit der Aufklärung).
Die Lotophagen stehen für einen vormythischen Geisteszustand (Zeitlosigkeit, scheinbares Glück durch Vergessen). Da sich aber Odysseus in der Zeit durch Vernunft und Fortschritt konstituiert, kann er ein Bleiben bei den glücklichen Lotosessern nicht dulden, da das einen Rückfall in die vormythische Zeit und damit den Zustand der Bewusstlosigkeit wäre.
Polyphem, der Zyklop, steht für einen Zustands der Barbarei, der Gesetzlosigkeit und des Mythos. Der Zustand der Gesetzlosigkeit, der Unordnung im Denken und Handeln, wurde von Odysseus überwunden. Um sich aus der Höhle des Polyphems retten zu können, muss Odysseus sich selbst verleugnen - er verleugnet seinen Namen - also einen Tausch eingehen. Indem er sich so verleugnet, entsagt er seinem Status als Subjekt. Um wieder Subjekt zu sein, gibt er auf der Flucht seinen Namen preis - obwohl er sich damit der Rache durch Polyphems Vater Poseidon aussetzt.
Die Zauberin Kirke repräsentiert die magische Stufe der Bewusstseinsentwicklung. Sie führt ihre Opfer in einen Zustand des Vergessens (vorbewusster, "animalischer" Zustand - bei Kirke wörtlich zu nehmen: sie verwandelt Männer in Schweine). Sie ist Prototyp der Hetäre (worunter Adorno offensichtlich eine "Femme Fatal" verstand und keine gebildete Prostituierte). Auch hier besteht wieder die Gefahr des Rückfalls in die vormythische Zeit des triebgesteuerten Handelns, des Verlustes von Selbstbewusstsein. Kirke sei das Urbild der Frau als "Naturwesen", die in der patriarchalen Gesellschaft in der Ehe nur als Machtempfangende bestehen kann.
Odysseus' Frau Penelope und die Heimkehr nach Ithaka steht für den zustand der Ratio, des verstandesmäßigen Denkens. Sie setzt die von Kirke eingesetzten Prinzipien fort (die Selbstentfremdung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft). Penelope hat die Werte dieser patriarchalischen Gesellschaft völlig verinnerlicht.
Der Hades, das Totenreich, steht für das Reich der Mythen und Bilder. Odysseus erkennt ihre "Unwahrheit" (sieht, das es nur leblose Schatten sind) und erhebt sich als Subjekt über sie. Erst wenn er die Irrationalität der Mythen erkannt hat, kann er wirklich heimkehren. Hierin liegt das bürgerliche Prinzip der Heimat begründet, dem alle Sehnsucht des Subjekts gilt, das aber zugleich die Entfremdung in sich trägt.

Odysseus, der Prototyp des aufgeklärten Bürgers, kann nur Subjekt sein, indem er immer wieder Triebverzicht übt, mit ordnender Vernunft die innere und äußere Natur beherrschbar macht. Als Subjekt sichert er sich ab in den bürgerlichen Werten von Heimat und Eigentum. Das Tauschprinzip beherrscht stets sein Handeln. Um Macht über die Natur auszuüben, muss er ständig Verzicht üben und einen Preis zahlen - den Preis der Entfremdung.

***

Bezeichnend finde ich, dass Ardorno / Horkheimer fast immer
von "der Aufklärung" oder "der Vernunft" schreiben - und nicht von der Anwendung instrumenteller Vernunft für gelegentlich auch "unvernünftige" Zwecke (im Sinne einer "lebenspraktischen Vernunft"). Um Odysseus' Taten beurteilen zu können, müsste man sich also seine Ethik ansehen.
Nach dem Verlassen des "dank" seiner "instrumentellen Vernunft" eroberten, geplünderten und niedergebrannten Trojas überfällt er mit seiner Gefolgschaft die mit den Trojanern verbündeten thrakischen Kikonen. Damit handelt er nicht gegen die zu seiner Zeit gültigen "moralischen Gesetze" (Odysseus würde sagen: "Wer meinen Feind unterstützt hat, verfällt ebenfalls der Rache!"). Er folgt dabei, wie schon vor Troja, einer brutalen "der Zweck heiligt die Mittel"-Ethik. Das ändert sich im Verlauf der Odyssee.
Oberflächlich gesehen folgt seine Rache an den "Freiern" seiner Frau, also seinen Rivalen um die Macht, einem ähnlichen Schema - will er zurück auf den Thron, müssen erst die Rebellen vernichtet werden. Allerdings hat Odysseus dabei etwas, was er vorher nicht hatte: ein schlechtes Gewissen. Er erkennt, dass er mit seinen (politischen) Gegnern auch die fähigsten Männer Ithakas getötet hat. Außerdem handelte er, anders als vor Troja und bei den Kikonen, nicht ausschließlich aus egoistischen Motiven. Modern gesprochen stellt er die "staatliche Handlungsfähigkeit" wieder her. (Die Moglichkeit einer "geregelten Machtübernahme" besteht nicht, solange Penelope nicht Odysseus für tot erklärt hat. Außerdem ist sie zweifelhaft, da die Rebellen untereinander zerstritten sind - jeder von ihnen wäre gerne König.) Wenn man so will, kann man hier Ansätze einer "Staatsraison" erkennen. Soweit ist Adornos/Horkheimers Ansatz zwar arg überspitzt, aber nicht abwegig.
Aber die "ethische Vernunft" ist auch Thema der Odyssee. Geradezu revolutionär im Vergleich zu anderen, auch wesentlich jüngeren, Epen und Sagen, ist das Ende: Die Göttin Athene (Göttin der Weisheit) schlichtet den Streit zwischen Odysseus und den Verwandten der erschlagenen Freier. Oder, allegorisch interpretiert: die Weisheit ("ethische Vernunft") überwindet die Blutrache, die die Folge der "instrumentellen Vernunft" des Odysseus, die zum Massakers an den "Freiern" führte, ist.

Aber zurück zur Adorno/Horkheimers Odyssee-Interpretation. Dass sie anachronistisch ist, in dem Sinne, dass Homer bestimmt nicht absichtlich das hineingeschrieben hat, was sie aus dem Epos herauslesen, wissen sie selber. Im Grunde benutzen sie den allgemein bekannten Stoff als "Steinbruch" für griffige Beispiele - in wenig griffiger Sprache.
Einschub: Der Kontrast zwischen dem verschrobelt-bildungsbürgerlichen Professoren-Deutsch "Horkdornos" und dem ebenfalls stark vom heutigen Sprachgebrauch abweichendem Deutsch der mir vorliegenden Odyssee-Übersetzung von Johann Heinrich Voß schmerzt beinahe körperlich. Die Sprache der voßschen Versübersetzung ist konstruiert, eben eine "Kunstsprache", die niemals Umgangsprache war oder hätte sein können. Damit endet aber auch schon die Gemeinsamkeit mit Adorno/Horkheimer. Voß' über 200 Jahre alte Odyssee-Übersetzung ist trotz der manchmal ungewöhlichen Wortwahl auch heute noch gut verständlich. Die Syntax ist klar, trotz der Fesseln des strengen Versmaßes. Ein "schönes" Deutsch - so wie Homer ein klassisches "schönes" Griechisch schrieb. Ich bin noch niemandem begegnet, der Adornos oder Horkheimers Deutsch "schön" fand. Entschuldigung, das musste sein!

Ich halte Odysseus keineswegs für einen Vorläufer / Prototypen des modernen, aufgeklärten, aber stark "verkopften", triebunterdrückenden bürgerlichen Individuums. Auch von dem Modell der stufenweisen geistigen Entwicklung halte ich wenig.

Odysseus liegt keineswegs außerhalb der Tradition der griechischen Heroen. Schon Theseus, Iason, Oidipous, Daidalos usw., sogar der übermenschlich starke Herakles, bestanden ihre Abenteuer nicht nur mit körperlicher Stärke und Mut, sondern immer auch mit einer "ordentlichen Portion Grips". Seine List, die er gegen die "Naturgewalten" einsetzt, ist also nichts Neues. Neu ist allerdings, wie sehr Odysseus als unverwechselbares menschliches Individuum - und nicht als Idealtypus - gezeichnet wird. Darüber hinaus ist Odysseus weniger ein strahlender Held, sondern er ist ein im Großen und Ganzen vorbildlicher Charakter - mit "kleinen" Fehlern und deutlichen Schwächen. Odysseus wagt - wenn auch mit dem Beistand einer Göttin - Widerstand gegen göttliche Gesetze. Obwohl er weiß, dass er seinem Schicksal nicht entrinnen kann, versucht er es so weit wie möglich in die eigenen Hände zu nehmen.
Triebverzicht ist nicht seine Sache: Er zeugt mit der Kirke den Telegonos und teilt mit Kalypso das Lager. Er ist habgierig und legt seiner Habgier nur da Zügel an, wo unmittelbare Gefahr droht. Selbstbeherrschung ist bei ihm nur Taktik.

Odysseus markiert in der Tat einen wichtigen Schritt in Richtung "Aufklärung" - im Sinne der Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Aber er markiert keine Etappe auf dem Weg zum gut funktionierenden bürgerlichen Individuum.
Er ist ein "Selberdenker", ein Querkopf, ein hinterlistiger Bursche. Ich kann ihn mir mühelos 1500 Jahre nach Homer als Kommandant eines Wikingerschiffes oder noch mal 750 Jahre später als Freibeuterkapitän vorstellen - aber auch als Befehlshaber auf einem Expeditionsschiff des 19. Jahrhunderts. Aber nicht als Kapitän eines Containerfrachters oder einer Lenkwaffenfregatte oder gar als "Wirtschaftskapitän". Er ist alles andere als ein in irgend einer Weise "bürgerlicher" Mensch. In der heutigen Zeit wäre ein Mensch mit seiner unangepassten, rebellischen und skrupellosen Natur ein gesellschaftlicher Aussenseiter.
Nachtrag: ich habe meinen Text der besseren Verständlichkeit zuliebe leicht überarbeitet. Irgendwie steckt die "Dialektik der Aufklärung" sprachlich an.;-)

Samstag, 5. April 2008

Marginalie: Warum lehnte Odysseus die Unsterblichkeit ab?

Aus dem Statement von Bischof Huber auf der Pressekonferenz "Woche für das Leben" "Gesundheit – höchstes Gut?", Berlin:
Besonders anrührend wird das in einem alten Epos erzählt, das dem Menschheitstraum von Unsterblichkeit und Selbstentfaltung etwas anderes entgegensetzt: Der Dichter Homer erzählt in der Ilias, dass Odysseus die Unsterblichkeit, die ihm von der Nymphe Kalypso angeboten wurde, ablehnte. Er zog es vor, an der Seite seiner Frau Penelope alt zu werden. Liebe und Solidarität sind stark wie der Tod. Sie helfen, Leiden standzuhalten und den Grenzen menschlichen Lebens ins Gesicht zu sehen. Solidarität und Gerechtigkeit sind darum für das Gesundheitssystem so wichtig wie der Wunsch der einzelnen nach Gesundheit und das Recht auf eine Heilbehandlung.
Bemerkenswert finde ich zunächst, dass ein Bischof auf einen heidnischen Mythos zurückgreift, um eine christliche Position zu untermauern. Der Grund dürfte darin zu suchen sein, dass ein geeignetes Beispiel im biblischen Kanon fehlt.
Allerdings stimmt die Darstellung des Bischofes nicht. Im ersten Gesang der Odyssee ist ausdrücklich davon die Rede, dass der Rat der Götter beschließt, Odysseus die Heimkehr zu ermöglichen. (In seinem Zorn bat der von Odysseus geblendete Zyklop Polyphem seinen Vater Poseidon, Odysseus auf dem Meer umkommen zu lassen oder seine Heimkehr zu verhindern. Wobei Odysseus' Tat angesichts der Absicht des Zyklopen, ihn und seine Gefährten zu fressen, Notwehr war.) Der Götterbote Hermes fordert die Nymphe Kalypso auf, Odysseus, den sie sieben Jahre lang auf ihrer Insel zurückgehalten hat, ziehen zu lassen. Obwohl Kalypso ihm Unsterblichkeit verspricht, wenn er bei ihr bleibt, wünscht Odysseus sie zu verlassen, um zu Penelope zurückzukehren.
Odysseus ist also Gefangener bzw. Sklave der Kalypso, und ihr Versprechen ist ein Versuch, ihn "freiwillig" im goldenen Käfig auf der verborgenen Insel Ogygia zu halten. Es ist gerade der Drang zur Selbstentfaltung - neben der Loyalität zu seiner Königin / Frau und seinem Pflichtbewusstsein als König Ithakas - der Odysseus auf Unsterblichkeit in Unfreiheit verzichten lässt.
Dieser Abschnitt der Odyssee taugt also nicht als Beispiel für die Aussage: "Liebe und Solidarität sind stark wie der Tod".

Außerdem drängt sich mir, als praktizierendem Heiden (wenngleich vorzugsweise mit Bezug auf ein anderes Pantheon) eine Frage auf: Wer ist Kalypso, wenn sie die Macht über Leben und Tod hat?
Die Antwort ist - für mich - offensichtlich: eine Totengöttin. Dafür spricht ihr Name ("die Verbergende"), dafür spricht, dass ihre Insel mit Schwarzpappeln, Zypressen, Eppich/Efeu und Veilchen bewachsen ist, bei den alten Griechen - und bis heute - typischen Friedhofsbäumen und -Blumen. Sie lässt Odysseus auf Hermes' Geheiß frei - Hermes ist nicht nur Götterbote, sondern auch Psychopompos, Seelenführer, er geleitet die Seelen der Toten in die Unterwelt. Dafür spricht auch, dass Odysseus siebzehn Tage, Tag und Nacht, so segelt, dass die große Bärin stets zur Linken steht. Siebzehn Tage und Nächte Kurs Nordost, bei gutem Wind, das sind sogar mit einem einfachen Segelfloß mindestens 2500 Kilometer. Das große Mittelmeer ist zu klein dafür. Ogygia ist nicht der "Nabel des Mittelmeers", sondern eine Insel im bodenlosen Meer, am Rand der Zeit.
Odysseus verlässt Ogygia - und kehrt ins Leben zurück.

Donnerstag, 3. April 2008

Rassismus - leider immer noch ein Thema

Rassismus ist für mich ein Dauerthema, spätestens seitdem ich vor fast acht Jahren einen ausführlichen Artikel darüber schrieb: „Menschenrassen gibt es nicht!" Bringen die Ergebnisse der Genforschung das Ende des Rassismus?

Der aktuelle Anlass für mich, wieder einmal auf das Thema "Rassismus" zurückzukommen, ist ein hässlicher Vorgang, der diese Woche durch die Nachrichten ging: Eine Pfarrersfamilie, die ursprünglich aus Westdeutschland stammte, hat die thüringische Kleinstadt Rudolstadt wieder verlassen. Sowohl Frau Neuschäfer als auch ihre fünf Kinder sahen sich rassistischer Anfeindungen ausgesetzt. Ihre Kinder seien wegen ihrer dunklen Haut beleidigt und verprügelt worden. Der Bürgermeister des Ortes sieht "keine Ausländerfeindlichkeit". Vielleicht hat er recht, denn Frau Neuschäfer ist Deutsche - mit einem aus Indien stammenden Vater.

Sehr aufschlussreich finde ich folgendes Interview mit Herrn Neuschäfer, das heute in der "Netzeitung" erschien: Flucht aus dem Osten: "Ich hätte meine Frau in die Psychiatrie bringen müssen"

Um rassistisch zu sein muss man es nicht unbedingt ein Rassist sein. Das klingt paradox, aber ein Rassist hat eine rassistische Ideologie, zumindest im Hinterkopf. Wobei diese Ideologie nicht zwangsläufig "rechts" sein muss und auch nicht zwangsläufig mit dem biologischen bzw. biologistischen Rassebegriff arbeiten muss. Es gibt einen "Rassismus ohne Rassen", so wie es einen "'Antisemitismus ohne Juden" gibt.
Der Alltagsrassismus muss noch nicht einmal böse gemeint sein, und selbst jemand, der nichts gegen Schwarze (Asiaten, Orientale, Inder usw.) hat, kann rassistisch sein. Rassismus fängt nicht erst beim "Rassenhass" an.
Rassismus heißt, Menschen anhand bestehender oder auch nur konstruierte Unterschiede zu klassifizieren. (Zum Beispiel: wer eine sehr dunkle Haut hat, kommt in die Schublade "Schwarzafrikaner", wer blond und hochgewachsen ist, gilt als "nordisch" usw. - auch wenn das mit der realen Herkunft nichts zu tun hat.) Diesen - oft nur vermuteten - ethnischen oder "rassischen" - Klassen werden bestimmte Eigenschaften zugeordnet, typischerweise anhand unreflektierter Vorurteile und Klischees.
Es ist rassistisch, wenn Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Gesichtsform usw. abgewertet werden. Aber es gibt auch einen "Positivrassismus": "die" Schwarzen sind musikalisch, "die" Japaner sind fleißig, "der" Südamerikaner temperamentvoll,"der" Nordeuropäer kann gut organisieren usw. usw..
Dass solche Annahmen blanker Unsinn und kein Stück plausibler als die Vorstellung vom "vom Natur aus kulturfernen" Schwarzen sind, ist eigentlich klar. Eigentlich - denn auch ich bin dagegen nicht immun - und manchmal deshalb selber rassistisch.
Rassistische Tendenzen hat fast jeder (auch ich), es ist ein hartes Stück Arbeit, sie zu erkennen und zu versuchen, nicht mehr rassistisch zu sein.

Gerade derjenige, der von sich im Brustton der Überzeugung behauptet, doch "kein Rassist" zu sein, ist erfahrungsgemäß anfällig für rassistisches Denken. Manchmal sind solche Menschen sogar "echte" Rassisten, also mit entsprechender Ideologie.

Woher kommt der "Alltagsrassismus"?
Kein Mensch ist dagegen immun, Vorurteile und dämliche Verhaltensweisen aufzunehmen, vor allem dann, wenn sie sogar Bestandteil der Erziehung sind.

Eine mögliche Ursache, weshalb "im Osten" Deutschlands und hier besonders "in der Provinz" der Alltagsrassismus anscheinend erheblich stärker ist, als in den Metropolen und "im Westen", erwähnt Neuschäfer in seinem Interview:
Wir haben Fremdenfeindlichkeit selbst im kirchlichen Rahmen erlebt, etwa im Kinderkreis unseres Sohnes. Diese Ablehnung ist auch ein Problem der ehemaligen DDR, wo Monokultur und Kollektivismus das akzeptieren anderer Kulturen erschwerten. Da ist vieles unaufgearbeitet geblieben. Denn man gilt schnell als Nestbeschmutzer, wenn man dieses Problem anspricht.
Um eins Klarzustellen: auch "im Westen" und in Großstädten gibt es viel zu viel Rassismus. Ich thematisiere den offensichtlich tief verwurzelten "Kleinstadtrassismus" nicht, um die "Ossis" in die Pfanne zu hauen:
Der Thüringen-Monitor, eine Studie zu den politischen Einstellungen der Bürger, hatte 2007 zum Ergebnis, dass 48 Prozent der Befragten der Meinung sind, Ausländer kämen, um den Sozialstaat auszunutzen, 52 Prozent meinen gar, die Bundesrepublik würde durch Ausländer überfremdet, 19 Prozent antworten, Ausländer sollten nur unter eigenen Landsleuten heiraten.
- Thüringen ist übrigens das Bundesland, in dem es am wenigsten "Ausländer" gibt: ganze 2,0 Prozent "Ausländeranteil" - Bundesdurchschnitt: 8,8 Prozent, das Bundesland mit dem höchsten "Ausländeranteil" ist Hamburg mit 14,2 Prozent. Zahlen gemäß statistischem Bundesamt, Stand 2006.
Das entspricht einer alten Erfahrung: Rassismus gedeiht dort, wo Vorurteile und Klischees nicht durch tägliche Erfahrung korrigiert werden.
Ich sehe eine lange rassistische Tradition, die kaum unterbrochen wurde, und die buchstäblich in "Kaisers Zeiten" begann.
Die DDR war zwar offiziell antirassistisch, und auch die Alt-BRD brach nicht wirklich konsequent mit der rassistischen Tradition, aber tatsächlich konservierte die DDR-Realität viele alte Ängste und Klischees. Glaubte man den DDR-Medien, kam die Ursache aller Probleme immer "von außen", meistens aus dem Westen, aber auch aus "sozialistische Bruderländern" wie Polen. Dennoch kann man die
intolerante Staatsdoktrin schwerlich für den gesamten Rassismus in Thüringen und anderen ehemaligen DDR-Gebieten verantwortlich machen. Schließlich waren viele von denen, die sich heute rassistisch betätigen, 1990 noch nicht einmal geboren.

Rassismus ist bei uns immer noch so sehr Normalität, dass wir ihn in unseren alltäglichen Handlungen und Überzeugungen nicht einmal bemerken. Politiker - auch "im Westen", auch seitens demokratischer Parteien appellieren ungeniert an rassistische und nationalistische Vorurteile.
Mehr noch: die meterhohe Zäune um die "Festung Europa", der mit brutaler Härte geführte Kampf gegen "illegale Einwanderer", werden als "normal" wahrgenommen. (Hierzu empfehle ich: Der eiserne Vorhang steht und wird täglich neu ausgebaut von che 2001.)
Faktisch ist das Fremdenfeindlichkeit in Reinkultur, durchaus auch mit rassistischen Untertönen. Auch die faktische Abschaffung des Asylrechtes ist offen fremdenfeindliche Politik. Diesen harten Fakten stehen meistens nur "weiche" Lippenbekenntnisse gegen Rassismus gegenüber.

Noch etwas:
Wenn jemand behauptet, es gebe "kaum Rassismus", z. B. "in unserer Stadt", ist das eine schwere Beleidigung gegenüber jenen, die unter rassistischen Überbegriffen leiden. Solche Behauptungen ignoriert die Erfahrungen hunderttausender Menschen in Deutschland, die das, als Betroffene oder als Betroffenen nahe Stehende, besser als jeder Außenstehende beurteilen können.
Wer Rassismus leugnet, stellt sich auf anmassende und verletzende Art "über" die Opfer des Rassismus: es wird bestritten, dass das, unter dem sie leiden, real ist.

Mittwoch, 26. März 2008

Das Rätsel der Managergehälter - mathematisch gelöst!

Behauptung: Das Gehalt eines Managers verhält sich umgekehrt proportional zu seiner Kompetenz.

Beweis:
Es gilt:

Power = Work / Time (1)
Time = Money (2)
Knowledge = Power (3)

Durch Einsetzen erhalten wir:

Knowledge = Work/Time = Work/Money

Und durch Umstellen ergibt sich:

Money = Work/Knowledge

Schlußfolgerung: Geht das Wissen gegen 0, so steigt die Bezahlung ins Unendliche!

(Gerade in der Kaffepause aufgeschnappter Witz.)
(Funktioniert leider nur auf Englisch. Könnte die Affinität von Möchtegern-Managern zu denglischen Vokabeln erklären.)

Sonntag, 9. März 2008

Bin ich Naturalist?

Im Großen und Ganzen: Ja. Aber nur im Großen und Ganzen.
(Ich erlaube mir mal die Arroganz, all jene, die nicht wissen, was "Naturalismus (Philosophie)" bedeutet, auf die Wikipedia zu verweisen: Naturalismus (Philosophie).)
Eigentlich könnte ich die Frage guten Gewissens mit "Ja" beantworten, denn ich bin davon überzeugt, dass sich alles im Universum als naturhaftes Geschehen beschreiben lässt. Oder, in Schlagworten: "Alles ist Natur" und "Übernatürlich ist ein leeres Wort".
Das Problem ist allerdings, dass ich Phänomene für "völlig natürlich" halte, die in unserer Kultur gemeinhin der Sphäre des "Übernatürlichen" zugeordnet werden - oder, was auch vorkommt, schlicht geleugnet oder "wegerklärt" werden - oder, was aus meiner Sicht besonders problematisch ist, mit wolkigen, meist "esoterischen", Ideologien eher instrumentalisiert als akzeptiert werden. Ein konkretes Beispiel: Synchronizitäten im Sinne des Physikers Wolfgang Pauli und des Tiefenpsychologen C. G. Jung. Ich bin mir völlig darüber im klaren, dass der Begriff der "Synchronizität" eine "Lizenz für Magie" bedeutet, wie es eine mit mir befreundete Skeptikerin (im Sinne der Skeptiker-Bewegung) ausdrückte. Wobei ich unter "Magie" nicht ganz dasselbe verstehe wie das magisches Denken im Sinne der Psychologie - und mit dem meist eher beklagenswertem Phänomen der Magisierung hat sie recht wenig zu tun.

Aber lassen wir die Probleme, die sich aus meiner sehr speziellen Sichtweise ergeben, einmal beiseite. Zurück zur Frage, ob ich Naturalist bin oder nicht.
Es ist sinnvoll, zwischen dem methodischen Naturalismus der Forschung und einem weltanschaulichen (besser: ontologischen) Naturalismus zu unterschieden. Ohne methodischen Naturalismus lässt sich nicht "sauber" naturwissenschaftlich (bzw. abstrahiert: erfahrungswissenschaftlich) argumentieren. Ich darf z. B. als Meteorologe weder den Sturmgott Wodan noch den heiligen Petrus bemühen, auch die Einflüsse eventueller Regenzauber sollte bei Wettervorhersagen nicht in Betracht gezogen werden. Dass sagt aber gar nicht über die religiösen - oder magischen - Praktiken des jeweiligen Meteorologen aus.
Anders als anderen, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, fällt es mir leicht wissenschaftliche und sprituelle bzw. metaphysische Aussagen als zwei Seiten derselben Wirklichkeit aufzufassen. Allerdings befinde ich mich dabei in einer relativ bequemen Position, da ich etwas anhänge, was gern und nicht ganz richtig "Naturreligion" genannt wird. "Religiöse Wahrheiten" in Form einer allgemein verbindlichen Offenbarung - etwa in Form einer Schöpfungsgeschichte - und naturwissenschaftliche Aussagen, etwa über die Evolution, lassen sich für den Gläubigen nicht ganz so leicht als "perspektivisch" oder "komplementär" deuten, wie "normale" Mythen, die Wahrheit enthalten, ohne im Wortsinn "wahr" zu sein.
Umgekehrt fällt es vielen onthologisch naturalistisch orientierten Denkern schwer, über (aus meiner Sicht nur vermeintliche) Widersprüche zwischen Mythos und empirisch erhärtbarer Wissenschaft "hinwegzusehen". Den "schwachen" Naturalismus kann man als pragmatische Vorgabe sehen, die es erlaubt, ungestört Wissenschaft zu betreiben.
Damit lässt sich meine Frage zum Teil beantworten: Ich bin also - mindestens - methodischer Naturalist.

Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider, Dozent für Philosophie der Naturwissenschaften an der Uni Giessen, unterscheidet, David Armstrong folgend, zwischen einem "starken" und einem "schwachen" Naturalismus. (In seinem Aufsatz "Naturalismus, metaphysische Illusionen und der Ort der Seele", den ich im Brightsblog fand.) "Schwacher" Naturalismus bedeutet, dass das Universum in seinem empirisch, aber auch theoretisch fassbaren Bereich ohne "Rekurs auf autonome spirituelle Entitäten" (also: Götter, Geister und Dämonen) besondere Lebenskraft oder teleologische und transzendente Wirk-Faktoren erkannt werden kann. Dieser schwache Naturalismus schließt einen transzendenten Seinsbereich nicht aus - es könnte also Götter, Geister und Dämonen geben - sondern behauptet nur, dass für das Verständnis des Kosmos auch in den höheren Entwicklungsstufen (Leben, Bewusstsein, Erkennen) "übernatürliche" Faktoren nicht gebraucht werden - nach dem bewährten Grundsatz der ontologische Sparsamkeit.
Das unterscheidet sich insofern vom methodischen Naturalismus, da ein methodischer Naturalist ja durchaus von z. B. der Existenz einer "göttlichen Vorsehung" ausgehen kann, oder von einer transzendenten Begründung moralischer Regeln.
David Armstrong hat darüber hinaus auch einen "starken Naturalismus" verteidigt, wonach ein Transzendenzbereich ausgeschlossen wird und somit das prinzipiell mit den Methoden der empirischen Wissenschaften erforschbare Universum alles ist, was es gibt. Diese Unterscheidung in schwachen und starken Naturalismus halte ich für ziemlich willkürlich: je nachdem, wie weit man das ontologische Sparsamkeitsprinzip anwendet, könnte eine Annahme einmal "schwach" und einmal "stark" naturalistisch sein. Es ist also eine rein subjektive Unterscheidung. Außerdem könnte man der Ansicht sein, dass z. B. Dämonen durchaus natürliche Wesenheiten sind - die Gaia-Hypothese, die die irdische Biosphäre als "Gesamtorganismus" sieht, wäre dafür ein Beispiel. So gesehen kann man an Dämonen "glauben", ohne sich in den Bereich der Transzendenz zu begeben. Ein anderes Beispiel wäre die "Schwarmintelligenz". ("Dämon" jetzt verstanden im Sinne einer nicht an einen einzelnen Körper gebundenen, aber durchaus substanziellen Intelligenz - nicht im Sinne "böser Geist" oder "Diener des Teufels".)

Kanitscheider plädiert dafür, den Naturalismus als philosophische Hypothese über die Welt anzusehen: Sie ist nicht direkt falsifizierbar, ist aber indirekt fallibel, weil kritisierbar. Er greift dabei auf Popper zurück, nach dessen Wissenschaftstheorie die Kritisierbarkeit ausreicht, um eine Hypothese als wissenschaftlich zu qualifizieren. Eine Widerlegung des Naturalismus erfolgt damit nicht durch Beobachtung oder Experimente, sondern durch Bezug auf die heute bewährten Theorien der Wissenschaft - genau so, wie wissenschaftliche Theorien nur selten durch direkte Erfahrungen überprüft werden, sondern indem Vorhersagen, die aufgrund dieser Theorien gemacht werden, empirisch entweder erhärtet oder falsifiziert werden. (Etwas durch Beobachtung oder Experiment ein für alle mal zu "beweisen" ist hingegen nicht möglich.) Des weiteren plädiert er für eine naturalistische Ethik , die ich grundsätzlich für sympathisch halte:
Ziel einer naturalistischen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können.
- aber genau darin liegt ein Problem, dass ich mit einem mehr als nur methodischen Naturalismus habe.
Dieses Problem habe ich weniger mit "dem" Naturalismus als vielen naturalistischen Denkern, und es besteht natürlich im bekannten "naturalistischen Fehlschluss", wobei ich der gebotene Kürze und der Bequemlichkeit halber wieder mal auf die Wikipedia verweise. (In seiner primitivsten, aber auch populärsten Form ist es der Fehlschluss, dass etwas das "natürlich" sei, auch "gut" sein müsse. Besonders fatal wird das "natürlich" dann, wenn Dinge für "naturgegeben" gehalten werden, die reine Konstrukte sind, die nirgendwo existieren, als im der menschlichen Gedankenwelt. Z. B. gibt es "in der (nichtmenschlichen) Natur" weder Völker, noch Rassen - und auch Begriffe wie "gesund" sind tatsächlich kulturell konstruiert. Es ist z. B. mit naturwissenschaftlichen Methoden allein nicht möglich, zu erkennen, ob ein bestimmter Mensch "gesund" ist. Relativ einleuchtend ist das bei Geisteskrankheiten, aber sogar bei Lipid-Werten macht es einen Unterschied, ob man unter "Gesundheit" etwa das persönliche Wohlbefinden versteht - oder den Zustand mit der statistisch höchsten Lebenserwartung, den Zustand maximaler Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz - oder gar den Zustand, der die Krankenversicherung am wenigsten belastet oder vielleicht sogar die Einhaltung eines niedrig angesetzten Normwertes, der einen möglichst großen Absatz an cholesterinsenkenden Medikamenten und diätetischen Lebensmitteln bewirkt. Grade die Beispiele, in denen "Gesundheit" aufgrund von wirtschaftlichen, religiösen, ideologischen bzw. machtpolitischen Gründen "definiert" wird, sind gar nicht so selten.

Es ist grade die Einsicht, dass auch der Begriff "Natur" kulturell konstruiert ist, dass mich gegenüber dem (ontologischen) Naturalismus skeptisch macht.

Meine Frage kann ich so beantworten: Ob man mich als Naturalist bezeichnet, hängt davon ab, welche Form des "Naturalismus" gemeint ist, und vor allem davon, was der Fragesteller für "natürlich" hält.
Natürlich ist diese schwammige Antwort nicht befriedigend.

Freitag, 7. März 2008

Zum Tode Joseph Weizenbaums

"Die Erde ist ein Irrenhaus. Dabei könnte das bis heute erreichte Wissen der Menschheit aus ihr ein Paradies machen."
Joseph Weizenbaum, Computerpionier, Computerwissenschaftler und Computerkritiker 1923 - 2008

heise: Der letzte Service: zum Tode von Joseph Weizenbaum.

Mir wird Professor Weizenbaum vor allem wegen ELIZA im Gedächtnis bleiben, einem von ihm entwickeltem Computerprogramm, das die Möglichkeiten der Kommunikation zwischen einem Menschen und dem Computer über natürliche Sprache aufzeigen sollte.
Was ELIZA wirklich aufzeigte, war, wie viele Versuchspersonen davon überzeugt waren, dass der Computer tatsächlich ihre Probleme verstand. Selbst wenn man sie darüber aufklärte, wie simpel gestrickt das ELIZA-Programm war, auf wie wenigen einfachen Regeln es beruhte, weigerten sie sich oft dies zu akzeptieren und blieben bei ihrer Projektion: "Der Computer hat mich verstanden".

Klar, Menschen reden auch mit ihrem Auto oder behaupten, dass ihr Haustier "jedes Wort verstehen" würde. Aber jeder geistig gesunde Mensch wird von einem Auto oder einem Hund nichts prinzipiell Unmögliches verlangen, etwa (wie im Falle ELIZAs) ein therapeutisches Gespräch. Offensichtlich war (und ist) der Computer für viele Menschen ein "magisches Gerät" und ein Programm eine Art "Zauber", dem prinzipiell unmögliche Dinge ohne auch nur einen Hauch Kritik zugetraut werden.
Man denke nur an das Vertrauen mancher "Sicherheitsexperten", dass der "Bundestrojaner" auf offensichlich übernatürliche Weise automatisch die Intimsphäre des Beschnüffelten respektieren würde. Oder vielleicht das Vertrauen darauf, dass der "Normalbürger" den "Magiern" der Softwareentwicklung "Übernatürliches" naiv zutraut.
Übrigens halte ich einen "Bundestrojaner", in der Form, wie er von einigen ersehnt, von anderen befürchtet wird, an sich für ein Stück Spyware, das die Fähigkeiten wirklich existierender Spyware in einem Maße übersteigt, dass der ganze "Trojaner" für absehbare Zeit wenig mehr als ein Stück IT-sciencefiction bleiben dürfte. Gut, wenn zuverlässig funktionierende Quantencomputer auf den Markt kommen - um starke Verschlüsselung zu brechen - und es bei der starken künstlichen Intelligenz zu einem Durchbruch kommt (von dem Weizenbaum mit einigem Recht erwartete, dass er nie kommen wird) können wir noch mal drüber reden.

Zum selber Nachsehen und Ausprobieren: ein ELIZA-Programm in PHP: PHPLinza.

Sonntag, 13. Januar 2008

Das Zeitalter der Effizienz - oder: was fehlt, ist Neugier

Wir leben in einer Zeit, in der die Quantität des "Wissens der Menschheit" geradezu unvorstellbare Ausmaße angenommen hat - und dieses Wissen im Großen und Ganzen dank moderner Kommunikationsmittel - unter denen das Internet das spektakulärste und leistungsfähigste ist - in einem früher unvorstellbaren Maße allgemein verfügbar ist.

Trotzdem scheint es an großen, zündenden Ideen zu mangeln. Sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Kunst und erst recht in der Politik.

Mangelt es unserer Zeit an großen Geistern?
Die beste Antwort darauf, die ich kenne, gab ein Philosoph, der keiner sein wollte vor gut 30 Jahren in einem anonymen Interview für "Le Monde":
Ich träume von einem neuen Zeitalter der Wißbegierde. Man hat die technischen Mittel dazu; das Begehren ist da; die zu wissenden Dinge sind unendlich; es gibt die Leute, die sich mit dieser Arbeit beschäftigen möchten. Woran leidet man? Am "Zuwenig“: ungenügende, quasi-monopolisierte, kurze, enge Kanäle. Es geht nicht darum, eine protektionistische Haltung anzunehmen, um zu verhindern, dass die "schlechte" Information durchkommt und die "gute“ erstickt. Man müßte eher die Hin- und Her-Wege und -Möglichkeiten vermehren . Kein Merkantilismus à la Colbert auf diesem Gebiet. Was nicht heißen soll, wie man es oft befürchtet, Uniformisierung und Nivellierung von unten aus. Sondern im Gegenteil, Differenzierung und Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Netze.
Michel Foucault: "Der maskierte Philosoph - Gespräch mit Christian Delacampagne"; S. 18; in: "Von der Freundschaft - Michel Foucault im Gespräch"; Merve Verlag, Berlin

Ich würde es so formulieren: Das "Zeitalter der Wissbegierde" scheiterte bisher daran, dass der "Merkantilismus à la Colbert" so etwas wie eine heimliche Leitideologie der heutigen "westlichen Kultur" ist - mehr noch als die Marktgläubigkeit des fälschlicherweise "Neoliberalismus" genannten dogmatischen Kapitalismus, der seit etwa 1980 eine der wichtigsten Ideologien des "Westens" ist. Ironischerweise wandten sich jene, die sich in den 1930er Jahren "Neoliberale" nannten, genau gegen jene strenggenommen "neoklassische" Wirtschaftsideologie, die heute mit dem Begriff "neoliberal" verbunden wird.

Der Leitgedanke des Merkantilismus ist die Effizienz. Das mag angesichts der zur gleichen Zeit grassierenden Verschwendungssucht am Hofe Louis XIV. merkwürdig anmuten, aber Sinn und Zweck der merkantilen Wirtschaftsordnung war es, die nötigen Mittel vor allem für die fortgesetzten "Kabinettskriege" des damaligen Frankreich zu beschaffen. Colbert erreichte das, indem er die Finanz- und Wirtschaftspolitik Frankreichs nach kaufmännischen (merkantilen) Prinzipien ausrichtete, so handelte, als wäre Frankreich ein großes Unternehmen. (Heute würde man von einer Wirtschaftspolitik nach BWL-Prinzipien sprechen.)

Es entbehrt nicht einer gewissen historischen Ironie, dass der "Vater" der klassischen marktwirtschaftlichen Lehre, Adam Smith, ein entschiedener Gegner des Merkantilismus war - und das nicht wenige jener "Neoliberaler" (in der Lesart ihrer Kritiker - sie selbst nennen sich lieber "Marktwirtschaftler") de facto eine Wirtschaftspolitik nach merkantilistischen Prinzipien fordern. Ich nenne die Wirtschaftsordnung, die z. B. von der Initivative "Neue Soziale Marktwirtschaft" propagiert wird, deshalb merkantilistisch, weil sich in ihr die Interessen "der Wirtschaft" (gemeint: Großunternehmen) mit der "Staatsraison" eng verquicken. Merkantilistisch ist auch, dass der Bürger nicht als Souverän, sondern als "Werkzeug" gesehen wird. (Ich habe die INSM als Beispiel gewählt, obwohl ich diese Lobbybude der Metallindustrie für längst nicht so wichtig oder gefährlich halte, wie manche ihre Gegner glauben. Anderseits ist sie leider auch keine Institution, die sachlich und ehrlich über die Vorteile der Marktwirtschaft aufklären würde.)

Zurück zu Adam Smith. Er entwickelte sein System der liberalen Marktwirtschaft als Gegenentwurf zum absolutistischen Staatsverständnis eines Thomas Hobbes ("Leviathan") und den aus diesem Staatsverständnis heraus abgeleiteten merkantilistischen Wirtschaftssystem. (Das sich, vor allem wegen der protestantischen Arbeitsethik, in Vielem vom colbertschen System unterschied, aber das Prinzip ist ähnlich.) Hobbes sah den Egoismus als einzig bestimmende menschliche Triebkraft. Der Staat ist eine Einrichtung, um per Vertrag die auf egoistische Selbsterhaltung bedachten Einzelnen voreinander zu schützen. Das Staatsziel und die auf dieses Ziel gerichtete "Staatsraison" wird nicht von den Einzelinteressen der Untertanen her gesehen (dazu sind sie ja viel zu egoistisch), sondern wird in einem Akt des Gottesgnadentums dem Monarchen zuteil. Dass sich Kaufleute und Fabrikanten bereichern, gilt in diesem System als ihr gutes (göttliches) Recht - allerdings sind sie von der politischen Macht weiterhin ausgeschlossen. (In Frankreich war die Kluft zwischen wirtschaftlicher Bedeutung und politische Bedeutungslosigkeit des (Besitz-)Bürgertums eine der Ursachen der Revolution.) In England gelang es dem Bürgertum hingegen an der politischen Macht teilzuhaben - dennoch blieb die Wirtschaftspolitik merkantilistisch, von "freiem Handel" konnte im Großbritannien des 18. Jahrhunderts noch keine Rede sein. Es gab hohe Schutzzölle, Einfuhr- und Exportverbote, Restriktionen für den Kolonialhandel, und vor allem die aus der Zeit der Cromwell-Diktatur stammende "Navigation Acts", der es ausländischen Schiffen verbot, britische Waren zu transportieren. Noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts war das britische Wirtschaftssystem darauf gerichtet, dass der "Wohlstand" (der staatstragenden Klassen, die sich mit "dem Staat" identisch sahen) eher durch den reglementierten Handel mit den Kolonien als durch Freihandel mit aller Welt gefördert wurde. Die Handelsstrategie war darauf gerichtet, die Kosten für Nahrungsmittel durch billige Importe, vor allem aus den Kolonien und aus dem politisch abhängigen Irland, niedrig zu halten - und damit auch die Kosten für Arbeitskraft in britischen Manufakturen und Fabriken gering zu halten. In den Anfängen der industriellen Revolution war das ein kaum zu überbietender "günstiger Standortfaktor" - jedenfalls solange es aufnahmefähige ausländische Märkte für britische Produkte gab. Auf die Dauer grub sich dieses merkantilistisch-kapitalistische System selbst das Wasser ab, was Smith schon früh erkannte. (In mancher Hinsicht hat der viel bewunderte "chinesische Weg" eines staatlich regulierten Kapitalismus Ähnlichkeit mit dem klassischen Merkantilismus. Ich erwarte, dass die "China-Blase" irgendwann ganz gewaltig platzt - es sei denn, dass Chinas Wirtschaft noch rechtzeitig einen ähnlichen Weg nimmt, wie die Südkoreas: Teilhabe der Massen am wirtschaftlichen Erfolg - und an der Macht.)
Adam Smith setzte dem merkantilistischen System nicht nur die liberale Marktwirtschaft entgegen (die berühmte "unsichtbare Hand"). Er glaubte nicht daran, dass der freie Wettbewerb selbstsüchtiger Interessen die Gesellschaft spalten würde - denn er sah die soziale Rücksichtnahme, die er "Benevolence" nannte, als eine natürliche balancierende Gegenkraft an. Er ging z. B. davon aus, dass Fairness nicht nur auf die Dauer für alle am Markt Beteiligten vorteilhaft ist, sondern dass es außerdem einen zutiefst menschlichen Drang zur "Fairness" gäbe. (Übrigens sprechen experimentalpsychologische Erkenntnisse für so einen "angeborenen Hang zur Fairness".) "Benevolence" geht sogar noch weiter: Smith glaubte, dass gewisse Prinzipien seiner Natur den Menschen dazu bestimmen, an den dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen. Dieser Drang, das Glück auch des anderen zum eigenen Bedürfnis zu machen, ist zum Teil angeboren (gottgegeben, wie Smith es ausgedrückt hätte), zum Teil aber auch Sache der Erziehung und der öffentlichen Ethik und Moral.
Im späteren Kapitalismus war von der smithschen "Benevolence" wenig zu spüren - tatsächlich setzte sich Ideologien durch, die den ungehemmten Egoismus rechtfertigten. Schon zu Smith's Zeiten kamen Rechtfertigungen für Rücksichtslosigkeit aus der religiösen Sphäre (Prädestinationslehre, Gnade Gottes ist am Erfolg im Leben abzulesen, jeder ist an dem ihm gemäßen Platz gestellt usw.), gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen sozialdarwinistische Vorstellungen hinzu.

Unnötig eigentlich zu erwähnen, dass die "Benevolence" bei den den ökonomischen Neoklassikern, "Turbokapitalisten" und Marktideologen bestenfalls auf die Rolle des Almosengebens reduziert ist - und das nur, wenn es der Wettbewerbsfähigkeit nicht schadet. Eher findet man sie schon bei den ursprünglichen Neoliberalen, den Ordoliberalen ("soziale Marktwirtschaft") wieder - und natürlich bei Sozialisten (die es in der Regel aber nicht mit der Marktwirtschaft haben).

Ihrer besseren ökonomischen Effizienz verdankten die Staaten des kapitalistischen "Westens" (unter anderem) den Erfolg über die notorisch ineffizenten "realsozialistischen" Staaten.

Inzwischen ist die größtmögliche Effizenz aber zum "Wert an Sich" verkommen, was konkurrenzfähig ist, ist auch gut (im ethischen Sinne). (Ein weiterer zum ideologischen "Wert an Sich" verkommener Begriff ist die "Sicherheit". Das Kompositum aus beidem, die "effizente Sicherheit" ist nicht nur in Deutschland etwas das politische Entscheider gern den bürgerlichen Freiheitsrechten entgegen stellen.)

Damit sind wir wieder beim Foucault-Zitat. Effizienzdenken (und aus Angst gespeistes Sicherheitsdenken, dass ist hier aber nicht Thema) ist offensichtlich Gift für viele kulturelle Bestrebungen.
Wenn z. B. der Wert eines Kunstwerkes nur in seinem Marktwert gesehen wird, führt das auf die Dauer dazu, dass bestimmte Formen der Kunst nicht mehr "produziert" werden - eine Verarmung der kulturellen Landschaft droht.
Dem gegenüber steht ein Denken, dass den Künstler als jemanden sieht, der sich freiwillig aus dem produktiven Leben verabschiedet hat, um schöne Dinge zu produzieren. Folgt man dieser Annahme, dann ist es nur logisch, dass der Künstler mit dem zufrieden zu sein hat, dass er gerade zum Überleben braucht - Kunst als Selbstzweck. Diese Ideologie des sich freiwillig aufopfernden Künstlers ist nur die Kehrseite des Effizienzdenkens, rechtfertigt Ausbeutung - und sie lässt sich auch z. B. auf Menschen, die freiwillig im sozialen Bereich helfen, übertragen.
In einer extremen "Effizenzgesellschaft" würde man wohl die Kunst (abgesehen von reiner Gebrauchskunst) völlig über Bord werfen - was womöglich als Preis, der für die Stabilität der Gesellschaft bezahlt werden müsse, gerechtfertigt würde. Denn kreatives Denken, dass nicht "produktiv eingebunden" ist, ist potenziell destruktiv, Sand im Getriebe.
Auf den Fortschritt der Wissenschaft würde man auch verzichten müssen - soweit es nicht um effizenzsteigernde Innovationen geht. Denn Grundlagenforschung ist ökonomisch ineffizient. Wenn überhaupt geforscht wird, dann gezielt auf ein vermarktbares Produkt hin. Neben der Grundlagenforschung sind vor allem die Sozialwissenschaften - soweit sie nicht als Lieferanten von Sozialtechniken brauchbar sind - gefährdet. Denn zuviel Wissen über den Menschen und seine Bedürfnisse abseits des Ökonomischen ist gefährlich.

Es gäbe, neben der vernachlässigten und geradezu verfehmten ("Kuschelpädagogik", "Sozialromantik") Fähigkeit zur Empathie, zum Einfühlen und Eindenken in die Bedürfnisse Anderer, noch eine Gegenkraft zur lähmenden Ideologie der Effizenz: die Neugier. Womit nicht die aus Angst geborenen Datensammelwut funktionell verfolgungswahnsinniger Geheimdienste und Kriminalbeamter (denn es gehört zu ihrer Professionalität, auch dort Verdachtsmomente zu sehen, wo sie als Normalbürger unbesorgt wären) und vielleicht nicht nur funktionell verfolgungswahnsinniger, machtbeflissener Politiker gemeint ist. Auch nicht gemeint ist die Neugier auf Klatsch und "pikante Details" aus dem Privatleben anderer Leute.
Ich meine die Neugier, die aus einem Kind spricht, dass die Erwachsenen mit Fragen löchert - bis ihm dann womöglich in der Schule die selbstbestimmte Neugier zugunsten des Lernstoffes ausgetrieben wird. Es ist erstaunlich, wie oft "Bildung" mit "abfragbares Wissen aneignen" verwechselt wird. (Wie von jenem Physiklehrer, der seinen Schülern erst mal klar macht, dass der Physikunterricht nichts mit Weltraum und so zu tun hätte. Hier wird Stoff fürs Berufsleben gebüffelt, alles andere ist Luxus, Zeitverschwendung, Spassvergnügen - kurz: ineffizient.)

Künstler - abgesehen von bestimmten Bereichen der Gebrauchskunst - sind auf diese Weise neugierig. Wissenschaftler meistens auch. Aber diese - scheinbar zweckfreie - Neugier ist schwer zu vermitteln. Viel zu vielen Menschen wurde sie längst abtrainiert. Wie auch Empathie und Sympathie - "Mitleid" im ursprünglichen Wortsinn, "mit Leiden" nicht als aus schlechtem Gewissen oder Selbstüberhöhung geborenes herablassendes Verteilen von milden Gaben oder auch nur warmer Worte. Oder Solidarität - auch in der ursprünglichen Bedeutung, und nicht im Sinne von "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" oder "Opfer bringen für die Solidargemeinschaft".

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