Sonntag, 6. Juli 2008

"Wikinger im Bernsteinland" - auch ein zeitgeschichtliches Problem

Vielleicht ganz interessant: Das Schwerpunktthema der Woche im Wissenschafts-Portal scinexx ist diese Woche Die Wikinger im Bernsteinland - Auf der Suche nach Siedlungsspuren in Wiskiauten
Im Jahr 1865 wurde in einem kleinen Wäldchen nahe dem Ort Wiskiauten (heute Mohovoe) im früheren Ostpreußen ein Wikingerfriedhof mit über 500 Grabhügeln entdeckt. Die Suche nach den Überresten einer dazugehörenden Siedlung blieb aber trotz vieler Grabungen jahrzehntelang erfolglos.

Doch jetzt sind deutsche und russische Archäologen im Bernsteinland endlich fündig geworden - mit einem überraschenden Ergebnis. Denn bereits vor der Ankunft der skandinavischen Kaufleute und Krieger kurz vor der Mitte des 9. Jahrhunderts hat es in Wiskiauten mindestens zwei Dörfer des westbaltischen Volksstamms der Prussen gegeben. Die alte Vorstellung von einer reinen Wikingerkolonie muss deshalb korrigiert werden.
Allerdings spricht der sehr informative Artikel den zeitgeschichtlichen Hintergrund, der düster-dräuend und unübersehbar über der Mittelalteralterarchäologie im ehemaligen Ostpreußen und noch ehemaligeren
Prussen
-Land hängt, nicht an - wie ich vermute, aus Angst davor, in ein Wespennest zu stoßen.

Dass Wiskiauten bis vor kurzem als "zeitlich eng begrenzter skandinavischer Handelsplatz" gewertet wurde, und dass es erst jetzt anerkannt wird, dass die skandinavische Bevölkerung dabei stark in die Siedlung der einheimischen Prussen integriert gewesen sein muss, hängt nicht nur mit bislang fehlenden Grabungsbefunden zusammen.

Die deutsche Altertumsforschung tat sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts damit schwer, den Prussen (die weder Germanen noch Slawen waren) eine nennenswerte Kultur zuzusprechen. Die "Geschichte Ostpreußens" begann gewissermaßen mit der (äußerst brutalen) Eroberung durch den "Deutschen Orden". Eine prussische Hochkultur hätte die "historische Legitimation" eines "echt deutschen" Ostpreußen, auf die im Kaiserreich viel Wert gelegt wurde, in Frage gestellt. Skandinavische Siedler passten hingegen recht gut in das erwünschte Geschichtsbild. In der Nazizeit sogar noch besser, da "nordisch" in der NS-Ideologie mit "kulturschaffend" gleichgesetzt wurde.

In der (offiziellen) sowjetische Altertumsforschung wurde bis weit nach der Stalin-Zeit die "Normannentheorie" erbittert bekämpft: Nämlich die für russische Nationalisten offenbar schwer zu schluckende, aber archäologisch und durch Quellen gut belegte, Theorie, dass der erste russische Staat von Warägern ("Normannen") gegründet wurde. (Antinormannismus)
Entsprechend wurden alle skandinavischen Siedlungsspuren im Bereich der UdSSR als "zeitlich eng begrenzte Handelplätze" gewertet.

In Schlagwortform:
Vor 1945 durften die Prussen keine nennenswerte Kultur haben, nach 1945 durften die Wikinger keinen nennenswerten kulturellen Einfluss auf die "Völker Osteuropas" (also auch die Prussen) gehabt haben.

Da archäologische Grabungen von der staatlichen Förderung abhängen, ist es wenig überraschend, dass das, was nicht "erwünscht" war, auch nicht gefunden wurde.

Das nur zur Ergänzung des ausgezeichneten "scinexx"-Artikels.

Freitag, 4. Juli 2008

... auch Nichtbayern haben in Bayern ein Recht zu demonstrieren

Deswegen rufen die Humanistische Union Hessen und die Humanistische Union Bayern auch die Menschen außerhalb des Freistaats auf, beim Landtag in München Eingaben gegen die geplante Änderung des bayerischen Versammlungsgesetzes einzureichen: Eingaben gegen geplante Einschränkungen.
"Würde dieses Gesetz in Deutschland Schule machen, müssten wir unsere Arbeit als Bürgerrechtsorganisation praktisch einstellen", erklärte der hessische Landessprecher der Humanistischen Union, Franz-Josef Hanke.

Die Gefahr ist groß, dass Bayern bei bürgerrechtsfeindlichen Gesetzen den Vorreiter macht und andere Ländern folgen. Diese Gefahr besteht auch bei der Online-Untersuchung, bei der Bayern weit über die Pläne für das bundesweite BKA-Gesetz hinausgeht: Online-Durchsuchung in Bayern - O'zapft is!(taz). Die am Donnerstag von der CSU-Mehrheit vom Landtag durchgewunkenen Gesetze erlauben u. A. der bayerischen Polizei künftig, heimlich die Computer Verdächtiger durchsuchen. Dazu dürfen die Ermittler in Wohnungen einbrechen, um ihre Spionage-Programme auf den Rechnern zu installieren. Außerdem wird den Fahndern erlaubt, auf den Computern Daten zu verändern oder zu löschen, "wenn dies zur Abwehr einer gegenwärtigen Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit einer Person erforderlich ist und eine Erhebung zur Abwehr der Gefahr nicht ausreichend wäre". Bei "Gefahr im Verzug" ist für das heimliche Ausspionieren nicht einmal eine richterliche Genehmigung nötig - sie kann nachträglich eingeholt werden. Weg frei für heimliche Online-Durchsuchungen in Bayern (heise). Das Gesetz tritt am 1. August in Kraft.

Mittwoch, 2. Juli 2008

Tunguska-Katastrophe - Meteoritentheorie weiter erhärtet

Am Montag jährte sich zum 100. Mal die "Tunguska-Katastrophe". Sie gilt als eine der größten Naturkatastrophen der Neuzeit. Am 30. Juni 1908 ereigneten sich in der Nähe des Flusses Tunguska in Zentralsibirien nördlich des Baikalsees eine oder mehrere Explosionen, die auf einem Gebiet von über 2000 Quadratkilometern rund 80 Millionen Bäume umknickten. Die Kraft der Explosion wird auf fünf bis 30 Megatonnen TNT geschätzt. Das entspricht mehr als dem Tausendfachen der Hiroshimabombe.
Glücklicherweise ereignete sich die Katastrophe in einem sehr dünn besiedelten Gebiet. Viele Indizien deuten auf eine Meteoriten-Einschlag (Impakt) hin - da aber bisher kein Krater gefunden wurde, kursieren auch andere Theorie über das "Ereignis" - von recht plausiblen wie einer gewaltigen Methangas-Explosion bis zu so versponnenen wie einer durch ein Zeitloch "gefallenen" Atombombe.

Vor einigen Tagen schriebt Volkmar in seinem Eoraptor Log: Der Tunguska-Impakt: potenzieller Krater gefunden. Womit möglicherweise die Meteoriten-Theorie bewiesen wären. Unabhängig von diesem möglichen Krater gibt es weitere neue Erkenntnisse, die die Impakt-Theorie sehr stark erhärten:
Bei der Tunguska-Katastrophe ist es 1908 offenbar zu starken sauren Niederschlägen gekommen. Das schließen russische, italienische und deutsche Forscher aus Ergebnissen der Untersuchungen der Torfprofile des Katastrophengebietes. An der Grenze des Dauerfrostbodens von 1908 hatten sie deutlich erhöhte Werte der schweren Stickstoff- and Kohlenstoff-Isotope 15N und 13C festgestellt. Die maximale Anreicherung wurden für die Gebiete im Explosionsepizentrum and entlang der Flugbahn des kosmischen Körpers registriert. Erhöhte Konzentrationen von Iridium und Stickstoff in entsprechenden Torfschichten stützen die Theorie, dass die gefundene Isotopeneffekte eine Folge der Tunguska-Katastrophe sind und kosmische Ursachen haben. Schätzungen zufolge sind damals etwa 200.000 Tonnen Stickstoff auf die Tunkuska-Region in Sibirien herabgeregnet. "Extrem hohe Temperaturen beim Eintritt eines Meteoriten in die Atmosphäre haben dafür gesorgt, dass der Sauerstoff in der Atmosphäre mit Stickstoff zu Stickstoffoxid reagiert hat", sagte Natalia Kolesnikova am Montag gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti. Die Wissenschaftlerin ist eine der Autoren der 2003 im Fachblatt Icarus veröffentlichten Studie der Lomonosov-Universität Moskau, der Universität Bologna und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ).
Quelle, weitere Informationen und weiterführende Links auf der Website des Helmholz-Zentrum für Umweltforschung: Tunguska-Katastrophe: Beweise für sauren Regen stützen Meteoritentheorie

Im Schatten des Sommerlochs

werden so manche das Licht der breiten Öffentlichkeit scheuende Gesetze durchgepeitscht. Deshalb läuft es mir bei dieser Meldung trotz sommerlicher Wärme eiskalt den Rücken ´runter: EU: Konservative wollen Internet-Nutzung lückenlos überwachen (heise online)

Einen treffenden Kommentar zu diesem geradezu chinesischen Unterfangen: BIg Brother EU ("Indiskretion Ehrensache").

Wir sind aber nicht ganz wehrlos: Mitmachen: Europaweite Aktion gegen das Telekom-Paket(netzpolitik.org)

Iranische Atomenergiebehörde verbietet Solarien

Die kleine Meldung ist zwar einige Tage alt und mag nicht so recht in die sonnige Jahreszeit passen - sie ist aber einfach zu absurd, als dass ich sie ignorieren könnte: Iran verbietet Solarien (Die Presse).
Der Iran verbietet die Nutzung, Aufstellung und den Import von Sonnenbänken. Der offizielle Grund: Strahlenschutz am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit.
Offensichtlich einer dieser offiziellen Gründe, die immer dann erfunden werden, wenn Politiker irgendeinen offiziellen Grund brauchen - und der so absurd ist, dass jedem klar ist, dass es um etwas ganz anderes geht. Denn dass allein die Bräunungswilligen und nicht etwa das Personal oder vorbeigehende Passanten die UV-Strahlung des Solariums abbekommen, dürfte auch im Iran weithin bekannt sein.
Federführend ist interessanterweise die Atomenergiebehörde - (na klar, es geht ja um Strahlung!) -in Absprache mit dem Handelsministerium.
Über den Rundfunk werden die Iraner aufgefordert, Sonnenstudio-Betreiber anzuzeigen. Wer eine Sonnenbank nutzt oder betreibt, muss mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Solarien in in Hotels, Fitnessstudios oder Schönheitssalons sind vor allem bei den Iranerinnen sehr populär geworden. Wegen der strengen islamischen Kleidungsvorschriften bietet sich ihnen nur an wenigen Orten die Gelegenheit zum Sonnenbad im Freien.
Es ist ja eine beruhigende Nachricht, für alle, die sich von einer "iranischen Bombe" fürchten: endlich wissen wir, womit sich die iranische Atomenergiebehörde wirklich beschäftigt.
Meiner Ansicht nach geht es bei diesem Verbot um das, was auf Polit-Deutsch: "Zeichen setzen" genannt wird. Der strenge Sittenkodex der islamischen Republik wird bekanntlich von vielen Iran nach Kräften umgangen - und meistens so, dass die Regierung dagegen machtlos ist. Im Falle der Solarien kann sie etwas unternehmen, zeigen, dass man den Grundsätzen der islamischen Revolution nicht auf der Nase herumtanzen kann - und sie tut es auch. Bezeichnenderweise nicht mit einer plausiblen Begründung, etwa, dass die Benutzung von Sonnenbänken ungesund sei.
Das Prinzip: "Da wo wir es können, hart durchgreifen" kennt man ja auch in westliche Demokratien. Ich denke da an bestimmte Erscheinungen im "Krieg gegen Drogen" - und auch an Politiker, die gerne "Killerspiele" verbieten wollen. Egal, ob es was nützt.
Vielleicht gilt die Benützung eines Elektrostrandes ja auch als Abfall vom Islam, als heimlich ausgeübter Sonnenkult. Vom Islam zum Christentum Konvertierten soll angeblich ja bald lebenslange Haft oder gar der Tod drohen: Eine Religion für Huren und Junkies (Kölner Stadtanzeiger).

Montag, 30. Juni 2008

Gedankenexperimente ( 1 )

Man kann sich heute nur noch schwer vorstellen, wie die Evolutionstheorie auf die Zeitgenossen von Alfred Russel Wallace und Charles Darwin gewirkt haben mag. Am ehesten geht es noch, wenn man an christliche Fundamentalisten denkt, die mit allen Mitteln versuchen, ihre Kinder davon zu bewahren, in der Schule Darwins "gottloser" Lehre ausgesetzt zu werden.

Christopher Schrader fragt sich in seinem SZ-Artikel Weltbild in Trümmern, welche Theorien (ohne Rücksicht auf reale Erkenntnisse der Wissenschaft) heute einen ähnlichen Umsturz auslösen würden, wie Darwin und Wallace von 150 Jahren.
Dabei griff er auf Ideen zurück, die bereits ohne viel Widerhall diskutiert oder in der Science-Fiction behandelt werden.
Astrophysik: Die Menschheit entdeckt im Weltraum ein intelligentes Volk, das unsere Probleme wie Klimawandel, Überbevölkerung und menschlichen Egoismus seit langem gelöst hat. Aber es weigert sich, auf unsere Signale zu antworten, ignoriert uns wie eine lästige Fliege.

Medizin: Krankheiten entstehen nur, wenn das Gehirn es zulässt. Viren, Bakterien, gebrochene Beine und Blutfette in den Adern sind keine Auslöser von Leiden, sondern Symptome.

Hirnforschung: Freier Wille und Bewusstsein sind Illusionen. Tatsächlich reagiert der Körper autonom auf physiologische Reize. Und wenn wir glauben, wir erlebten etwas gemeinsam mit jemand anderem, was uns unser Bewusstsein zu bestätigen scheint, bilden wir uns auch die Reaktion des Anderen nur ein.

Biologie: Dass Menschen bei Tieren und sich selbst zwei Geschlechter erkennen, beruht auf einer durch Hormone verursachten Wahrnehmungsstörung. Homo- und Transsexuelle sehen etwas klarer. Manche Naturvölker kennen Drogen, mit denen der Konsument das wahre Einheitsgeschlecht erkennt oder sogar dauerhaft die Illusion wechseln kann, die ihn umgibt.
Ich bin, angesichts dieser Hypothesen, eher enttäuscht. Sie werden als Hypothesen z. T. schon seit Jahrzehnten diskutiert, und zwar nicht nur in der Science Fiction. Wenn sie sich erhärten und zu tragfähigen Theorien ausbauen ließen, würden sie wohl tatsächlich heftige Kontroversen hervorrufen - ob sie in der Größenordnung der Evolutionstheorie lägen, oder doch "nur" das Ausmaß der Kontroverse um Einsteins Relativitätstheorie hätten, hängt meines Erachtens sehr von den sozialen und medialen Rahmenbedingungen ab.

Mein Weltbild würden sie übrigens - bis auf eine! - nicht erschüttern.

Der Reihen nach: Dass uns hochentwickelte außerirdische Intelligenzen einfach ignorieren würden, halte ich für das weitaus plausibelste Szenario im Falle eines Kontaktes mit Extraterrestriern. Ich kann keine Gedanken lesen, und erst recht nicht die von Ausserirdischen - aber Szenarien wie einer "ersten Direktive", die die Beeinflussung primitiver Kulturen (wie uns) verbieten, die Möglichkeit, dass wir für "sie" nur eine Art Ameisen sind, oder die, dass "sie" von uns so verschieden sind, dass ein tiefer gehender Kontakt einfach unmöglich ist, erscheinen mir sehr viel plausibler als "brüderliche Hilfe vom anderen Stern" oder gar eine kolonialistische "Invasion aus dem Weltall" (die dann auch interstellare Raumfahrt voraussetzen würde - alles andere ginge auch ohne direkte Begegnung per Funk, Laser, gepulsten Gravitationswellen, Quantenkommunikator usw.).

Dass Krankheiten nur dann entstünden, wenn das Gehirn es zulässt und Viren, Bakterien, gebrochene Beine und Blutfette in den Adern keine Auslöser von Leiden, sondern Symptome seien, halte ich in dieser übergeneralisierten Form für extrem unwahrscheinlich - vor allem im Fall der gebrochenen Beine. Ich nehme aber in der Tat an, dass "psychische" Faktoren bei der Heilung eines gebrochenen Beines eine wichtige Rolle spielen. Ich nehme zwar nicht an, dass Viren und Bakterien "nur" Symptome, nicht Ursache, von Krankheiten sind, allerdings hängt es nicht allein von der Anwesenheit bestimmter Krankheitserreger ab, ob jemand erkrankt oder nicht. Sonderlich erschüttert wäre ich von dieser Theorie jedenfalls nicht.

Freier Wille und Bewusstsein sind Illusionen. In gewisser Hinsicht halte ich das, aufgrund des derzeitigen Forschungsstandes der Neurobiologie, für recht wahrscheinlich. Was aber nicht bedeutet, dass unser Verhalten neurobiologisch determiniert ist.
Selbst wenn der "freie Wille" ein reines Artefakt des Gehirns ist, und die Vorstellung "nun treffe ich eine bewusste Entscheidung" reine Illusion, wären wir keine "fest programmierte” Wesen mit rein reflexartigen Handlungen. Wenn ich bei meinem Gegenüber das selbe Gefühl beobachte, wie ich es mir vorstellte und ich es erwartet habe, dann ist das eine durch Erfahrungen gedeckte Vorhersage - unabhängig davon, ob es mir bewusst ist oder nicht. (Gerade Gefühle anderer Menschen erkennen wir oft eher auf der nicht-bewussten als auf der bewussten Ebene. Wir erkennen z. B., dass ein Lächeln nur gespielt ist, können aber in der Regel nicht sagen, warum. Das Bewusstsein ist nur ein Teil unseres Selbst.) Eine gut untermauerte Theorie, dass wir lediglich nach "Programm" funktionierende Bio-Roboter wären, würde allerdings in der Tat mein Weltbild erschüttern.

Zur Theorie, dass Menschen bei Tieren und sich selbst zwei Geschlechter erkennen, nur einer durch Hormone verursachten Wahrnehmungsstörung beruht, würde ich sagen: das stimmt. Es liegt allerdings wohl nicht in erster Linie an den Hormonen.
Leider gibt es im Deutschen keine Unterscheidung zwischen "sex" (biologisches Geschlecht) und "gender" (soziales Geschlecht).
Sogar beim biologischen Geschlecht ist die Sache nicht so klar, wie es in unser Kultur gewöhnlich geglaubt wird, es gibt z. B. das genetische Geschlecht, dass nicht identisch sein muss mit dem gonadales Geschlecht (der hormonelle Ausstattung), die beide vom genitalen Geschlecht, der Ausstattung mit primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, abweichen kann.
"Gender", das soziale Geschlecht, ist im hohem Maße sozial konstruiert - und auf nichts anderes läuft die vorgestellte Theorie hinaus. Klassifikationen wie "heterosexuell", "homosexuell", "bisexuell" oder "transsexuell" sind rein kulturell bedingte Kategorien, kulturelle "Schubladen"; schon innerhalb der "westlichen" / "abendländischen" Kultur gibt es in dieser Hinsicht gewaltige Unterschiede - und z. B. ein "alter Grieche" würde diese Kategorien entweder nicht verstehen oder für totalen Blödsinn halten.
Ich wäre im Gegenteil sehr verstört, wenn nachgewiesen würde, dass es nur genau zwei "Gender" gäbe, und wenig erstaunt, wenn es auch ein biologisches "drittes Geschlecht" gäbe (womit ich keine Zwitter meine).

Samstag, 28. Juni 2008

Clubsterben - leider weiß ich, warum

Das "Molotow" am Spielbudenplatz gehört zu den letzten klassischen Musikclubs auf St. Pauli. Vielleicht heißt es bald "gehörte", denn: Kiez-Club kann Defizit nicht ausgleichen - Molotow vor dem Ende (mopo).
Was ich besonders schade finde, denn im "Molo" habe ich unzählige großartige Live-Konzerte mitverfolgt. Wer da schon alles gespielt hat ... Das "Molotow" im Keller (und die mit ihm verbundene "Meanie Bar" Parterre) ist jedenfalls für Leute meines Musikgeschmacks der einzige verbliebene "gute Laden" auf dem Kiez.
Meistens war der Laden brechend voll, 300 Zuhörer gehen rein, so dass ich mich über die Nachricht, der Club sei in finanziellen Schwierigkeiten, zuerst etwas gewundert habe. Aber es passt ins unschöne Bild: Das Ende der Klubs!?(Moppelkotze).

Es liegt nicht an den Besucherzahlen - die sind nach wie vor konstant, auf hohem Niveau. Was sich verschlechtert hat, ist der Umsatz am Tresen. Ohne diese Einnahmen kann ein Club wie das Molotow nicht überleben, denn die Eintrittsgelder decken vor allem Künstler-Gagen und Catering - "alles andere" wird vom Getränkeumsatz gedeckt.
Nein, am Rauchverbot liegt es nicht. Die Leute haben einfach weniger Geld, und kaufen sich in einem der im Umfeld immer mehr werdenden Discounter preiswerte Alkoholika zum "Vorglühen". Das fehlt dann in der Getränkekasse.
Ich muss zugeben, dass ich auch kein besonders guter "Molotow"-Kunde bin. Nicht, weil ich "vorglühe", sondern weil ich Alkohol schlecht vertrage. Nach dem ersten Bier mache ich meistens Schluss - und bei Mineralwasser ist die Gewinnspanne im Ausschank elend gering.
Letzten Endes läuft es vielleicht darauf hinaus, dass die Kulturbehörde der Stadt als alleiniger Retter dastehen könnte. Subventionen aus der Einsicht, dass Hamburgs Musikszene ein wichtiger Werbeträger und Arbeitgeber ist. Allerdings halte ich eine großzügige Förderung für wenig wahrscheinlich - die Prioritäten in der Hamburger Kulturpolitik wurden schon lange anders gesetzt, etwa für den Bau der Elbphilharmonie, die nochmals teurer wird - um wie viel, weiß die Kultursenatorin erst im September Geldfresserchen Elphi (taz nord).
Tatsächlich wäre mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass die Musikszene völlig am Tropf der Subventionen hängt (oder am Tropf von Sponsoren, was fast eben so schlimm wäre) - denn es gilt immer noch: "Wer zahlt, schafft an."

Mittwoch, 25. Juni 2008

Seefahrtsmuseum - Eröffnung mit viel Tamm-Tamm?

Nach mehrfacher Verzögerung wird es heute eröffnet: das Internationale Maritime Museum Hamburg im historischen Kaispeicher B (und genau auf dem 10. Längengrad östlich von Greenwich).
Website des Museums: Internationales Maritimes Museum

Pressemeldungen zum Museum:
Hamburger Abendblatt: Jetzt hat Deutschlands größte Hafenstadt endlich ein Schifffahrtsmuseum
Hamburger Morgenpost:Tamm Tamm um Schiffe und viel meer
taz nord: Zehn Stockwerke Seefahrt.
SZ: Maritimes Museum Hamburg - Distanzlos
SpOn: Kreuzfahrtluxus und Sklavenschiffe
FAZ: Peter Tamms Torpedoboot in Rechlin
Jungle World: Hakenkreuz ahoi!
NDR: Bundespräsident eröffnet Maritimes Museum
D Radio Kultur: Internationales Maritimes Museum Hamburg öffnet heute seine Pforten

Ein Museum, das sich durchaus sehen lassen kann: es zeigt auf zehn Stockwerken (stilgerecht "Decks" genannt) und 12 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche 500 000 Exponate aus 3000 Jahren Seefahrtsgeschichte, darunter Schiffmodelle aus Bernstein, Silber und Gold, Originalbriefe legendärer Seehelden, tausende historische Gemälde (die größte Sammlung maritimer Kunst weltweit), Geräte, Waffen, Boote, Modelle, Dioramen - und Kuriositäten wie Piratenflaggen und Piratenschädel.
Dazu noch am vermutlich besten Standort, den man sich für ein Seefahrtsmuseum überhaupt denken kann: mitten im Hafen, dennoch mitten in der Innenstadt, in einem mächtigen neugotischen Kaispeicher, der selbst ein Stück Seefahrtsgeschichte ist. Eine perfekte Ergänzung zu den ganz in der Nähe liegenden Museumsschiffen "Cap San Diego" und "Rickmer Rickmers", und auch zum Museumshafen Övelgönne und zu den bestehenden Museen mit Seefahrtsabteilungen (vor allem dem Altonaer Museum, dem Museum für Hamburgische Geschichte und dem Museum der Arbeit). Eine Touristenattraktion ersten Ranges.

Kaispeicher B
Der Kaispeicher B in der Hamburger Speicherstadt
Foto: Bernd Sterzl pixelio

Also alles bestens? Ein großer Tag für Hamburg? Nicht unbedingt, denn das Museumsprojekt ist schon seit Jahren heftig umstritten.
Unter anderem deshalb umstritten, weil fast alle Exponate aus der Sammlung des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Axel-Springer-Verlags AG, Peter Tamm, stammen. Seine Sammlung gilt als weltweit größte private Sammlung zur Schifffahrts- und Marinegeschichte. Peter Tamm, der wegen seines "Marine-Ticks" im Springer-Verlag unter dem Spitznamen "der Admiral" bekannt war, kann man mit einigem Recht als strammen Konservativen bezeichnen. Kritisiert wird, dass Tamm bei seiner Sammlung eine Vorliebe für Militaria hat - womit nicht nur Kriegsschiffsmodelle, alte Schiffskanonen oder Ähnliches gemeint sind, sondern z. B. auch Orden, Ehrenzeichen, Paradeuniformen - auch aus der Zeit der Nazi-Wehrmacht, weshalb dieser Teil der Sammlung auch "die größte öffentlich zugängliche Ansammlung von Hakenkreuzen Hamburgs" genannt wurde. Kritiker werfen deshalb der Sammlung eine zu große Fokussierung auf militärische Aspekte der Seefahrt und insbesondere einen zu unkritischen Umgang mit Fragen der NS-Zeit vor.
Vor allem linke und pazifistische Gruppen befürchteten deshalb, im Kaispeicher B könnte ein kriegsverherrlichendes Seekriegs-Museum entstehen.
Dass links und rechts des Haupteingangs Schiffskanonen stehen, zerstreut diesen Verdacht nicht gerade. Es sind übrigens Vorderlader-Kanonen der HMS "Foudroyant", dem Flaggschiff des britischen Admiral Horatio Nelson in der Schlacht von Abukir.

Auf noch schärfere Kritik stößt die ungewöhnlich großzügige Finanzierung durch die Stadt. Zwar stellt Peter Tamm als Eigentümer dem Museum die Ausstellungsstücke unentgeltlich zur Verfügung, aber die Renovierung und der Umbau des Kaispeichers kosteten 30 Millionen Euro, die vollständig aus öffentlichen Mittel stammte, hinzu kommen Erschließungskosten von 5 Millionen Euro. Man kann einwenden, dass das wichtige Industriedenkmal ohnehin erhalten und für eine sinnvolle Nutzung umgebaut werden musste. Schwer einzusehen ist jedoch, warum die Tamm-Stiftung, die das Museum betreibt, das Gebäude für 99 Jahre in mietfreier Erbpacht erhält. Der Hamburgische Kunstverein, ebenfalls eine gemeinnützige kulturelle Stiftung, residiert zwar in auch einem öffentlichen Gebäude, muss dafür aber ganz normal Miete zahlen. Die Zuschüsse für die Stiftung stehen im Gegensatz zu den allgemeinen Kürzungen in der Hamburger Kulturförderung. Der böse Verdacht der Klüngelei steht nach wie vor im Raum - etwa: "Der Hamburger Senat kommt einem ehemaligen Vorstandsmitglied eines in Hamburg marktbeherrschenden Zeitungsverlags entgegen, dessen Zeitungen auffällig unkritisch über die Politik des Ersten Bürgermeisters Ole von Beust und seinem Senat berichten." Hinzu kommt, dass die für den Beschluss zuständige Senatorin Dana Horáková Peter Tamm aus jener Zeit gut kannte, als sie beim Axel-Springer-Verlag als Journalistin arbeitete und Tamm dort Vorstandsvorsitzender war.

Deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass zur Eröffnung nicht nur Bundespräsident Köhler kommt, sondern auch eine Gegendemo - bzw. eine Mahnwache - stattfindet.
Maritimes Museum öffnet - LINKE protestiert
Die LINKE, LV Hamburg: Mahnwache anlässlich der Eröffnung des "Internationalen Maritimen Museums"

Die Abgeordnete der LINKEN Christine Schneider, findet deutliche Worte: "Das Museum ist geprägt von einer Sammelwut und das verbindet sich mit einer bestimmten Ideologie". Der Überlebenskampf in einem Orkan werde in eine Reihe gestellt mit dem Seekrieg, wodurch dem Seekrieg ebenfalls der Charakter einer Naturgewalt zugesprochen würde.
Sie räumt allerdings, nach einem Vorab-Besuch des Museums, ein: "Hätte man eine kritische geschichtliche Aufarbeitung gemacht, hätte das ein großartiges Museum werden können".
Kanone der Standard-klein
Foto: Bernd Sterzl pixelio

Den Kritikpunkt, dass "noch ein Seefahrtsmuseum" überflüssig sei, konnte ich von Anfang an nicht nachvollziehen. Eine Konkurrenz zum Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven besteht für das fachlich interessierte Publikum nicht, da die Museen unterschiedliche Schwerpunkte haben. Was "einfache Sightseeing-Touristen" und vor allem Tagesausflügler angeht, liegen Bremerhaven und Hamburg zu weit voneinander entfernt, um sich "ins Gehege" zu kommen. Ernster nehme ich schon das Argument, dass die großzügige Förderung des Internationalen Maritimen Museums zulasten der bestehenden Museen geht - oder allgemeiner gesagt, ob die Steuergelder nicht an anderer Stelle besser angelegt wären.

Die Baumaßnahmen am Kaispeicher B wären wahrscheinlich ohnehin im Rahmen des Ausbaus der "Hafencity" erfolgt, vielleicht in etwas bescheidenerem Rahmen, aber das ist m. E. nicht das Problem. Für problematisch halte ich dagegen die 99-jährige mietfreie Erbpacht für die Stiftung Tamm.

Zu Peter Tamms Sammlung: Ich hatte vor einigen Jahren Gelegenheit, große Teile der Sammlung, die bisher in einer (völlig überfüllten und vollgestopften) Villa in Blankense untergebracht waren, anzusehen. Es stimmt, sie ist militarialastig. Ich habe tatsächlich den Eindruck gewonnen, dass "Admiral" Tamm vom Seekrieg überaus fasziniert ist und eine Art "Seeheldenkult" betreibt, der leider auch Seeoffiziere der Kriegsmarine Nazideutschlands einschließt - der Marschallstab von Großadmiral Karl Dönitz ist das wahrscheinlich umstrittenste Objekt der Sammlung.
Allerdings machte die Sammlung wirklich nicht den Eindruck, dass sie von einem "strammen Nationalisten" zusammengestellt worden wäre. Tamms größtes Idol ist unübersehbar der britische Admiral Nelson, und ich habe eher den Eindruck, dass es ihm relativ egal ist, für welche Nation ein Seemann oder ein bestimmtes Kriegsschiff kämpfte. Auch sonst ist die Sammlung betont international ausgerichtet.
Es stimmt auch, dass die Sammlung sehr stark von der "Sammelwut" Tamms geprägt ist, was bei der maritimen Kunst besonders auffällt. Nach dem, was ich sah, würde ich die Bilder grob in drei Kategorien aufteilen: 1. Bilder von großem künstlerischen Wert, oft von berühmten Marinemalern (etwa dem holländischen Barockkünstler Willem van der Velde), 2. Bilder von kulturhistorischem Wert oder solche, die interessante Zeitdokumente sind, z. B. Kapitänsbilder - und 3. Bilder, denen ich bestenfalls dekorativen Wert zubilligen möchte. Tamm sammelte offensichtlich nicht mit dem Blick eines Kunstkenners, sondern nach dem Prinzip: "Ist ein Schiff drauf und gefällt es mir, kauf ich das Bild." (Ich hoffe sehr, dass fachkundige Kuratoren ohne Rücksicht auf Tamms Geschmack darüber entscheiden werden, welche Bilder gezeigt werden und welche besser im Magazin bleiben.) In milderer Form gibt es dieses Problem auch bei den Schiffsmodelle.
Trotzdem: Obwohl ich nicht alles sehen konnte, denke ich, dass die Sammlung Tamm zu den weltweit bedeutendsten ihrer Art gehört - und unbedingt der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte. Das müsste nicht unbedingt in Hamburg sein - es hat auch aus anderen Städten, z. B. aus Rostock, Kiel oder London Angebote für sein Museumsprojekt gegeben. Damals, als ich die Sammlung besichtigte, fand ich die Idee, die "Sammlung Tamm" in einem erweiterten Deutschen Schiffahrtsmuseum in Bremerhaven unterzubringen, reizvoll - bis mir klar wurde, dass der erforderliche Ergänzungsbau deutlich größer sein müsste, als das vorhandene Museumsgebäude.

Was die Präsentation der Sammlung im Museum angeht, teile ich die Sorgen der Museumskritiker, hier entstünde ein Seekriegsmuseum, nicht - oder besser: nicht mehr. Tamm hat keinen direkten Einfluss auf die Ausstellung. Hingegen gibt es einen wissenschaftlich anerkannten Beirat, der bei der Konzeption der Ausstellungen hilft, "böse Schnitzer" (und tammsche Geschmacksentgleisungen) zu vermeiden. Für die konzeptionelle Planung des Internationalen Maritimen Museums sind Hermann Schäfer, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn, sein Ausstellungsleiter Jürgen Reiche sowie Holger von Neuhoff, der die erfolgreiche "Titanic"-Schau in der Speicherstadt gestaltete, verantwortlich.
Ich vermute, dass auch die kritische Auseinandersetzung mit der Sammlung Tamms positive Folgen hatte. Deck fünf, Thema: "Marinen der Welt (von 1815 bis heute)", in dem die Kriegsschiffe gezeigt werden, nennen die Ausstellungsmacher dann auch ironisch den "bösen Boden". Auch Deck vier: "Leben auf Marineschiffen, Schiffsbewaffnung" dürfte eine Herausforderung für das Fingerspitzengefühl der Austellungsgestalter sein. Nach Vorab-Berichten werden die "Militaria" betont sachlich präsentiert. Ob das und einige Texttafeln ausreichen, jeden "kriegsverherrlichenden" Eindruck zu neutralisieren, wage ich zu bezweifeln. Allerdings ist das Konzept der Ausstellung nicht in Stein gemeißelt; die von Christine Schneider vermisste kritische geschichtliche Aufarbeitung kann durchaus noch eingebracht werden, wenn sich genügend Stiftungsmitglieder und Besucher dafür einsetzen.
Man muss auch immer im Auge behalten, dass der "militärische Teil" die Ausstellung keineswegs dominiert - auch wenn die Schiffskanonen am Eingang einen anderen Eindruck vermitteln könnten.

Noch etwas Kritik an den Kritikern: Es sollte um die Sache gehen, nicht um die Person Peter Tamm. Er gibt, als "strammer" Konservativer, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlages, enger Vertrauter Axel Springers und mutmaßlicher Militarist, ein verlockendes Feindbild ab - so verlockend, dass die Museums-Kritik, denke ich, zu sehr an der Person Peter Tamm festgemacht wird.

Ich freue mich, trotz allem, schon darauf, das Museum endlich besichtigen zu können. Ab Donnerstag ist es soweit.

Nachtrag: Jens Jessen beschreibt seine Eindrücke von der fertigen Ausstellung: Das umstrittene Schifffahrtsmuseum in Hamburg. Sein Hauptkritikpunkt ist, dass bei der Gestaltung der Ausstellung der Schauwert allzu oft über die historische Didaktik siegte. Kriegsverherrlichend ist sie offensichtlich nicht:
Die Kargheit des museumspädagogischen Konzepts ist die einzige Angriffsfläche, die das Marinekapitel der Ausstellung den Kritikern bietet.

Montag, 23. Juni 2008

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: Die Wikinger

Auch wenn die historischen Fakten in diesem berühmten Kostümfilm nicht wirklich authentisch zu nennen sind, zeichnet er ein in weiten Teilen glaubwürdiges Bild der Wikinger als wagemutige und wilde Seefahrer, und auch die Charaktere wirken echt. Zudem besticht der Film durch farbenprächtig wiedergegebene Riten und beeindruckende Aufnahmen an Originalschauplätzen.
ARTE-Website über den Film "Die Wikinger".

So kann man es natürlich auch ausdrücken. Eine treffendere Beschreibung wäre allerdings: "Der Film lässt kaum ein Wikinger-Klischee aus und ignoriert äußerst souverän die historische Fakten."
Die Wikinger
Die Wikinger" (The Vikings) aus dem Jahre 1958 ist der bekannteste und kommerziell erfolgreichste Wikingerfilm aller Zeiten.
Für mich gehört er, inhaltlich gesehen, zu einer Unterkategorie, in der sich sonst eher billige Trash-Filme als aufwendige Großproduktionen finden: "So daneben ist, dass der Film schon wieder Kult ist."
Das betrifft, wie gesagt, den Inhalt, in erster Linie also das Drehbuch. Optisch und dramaturgisch gehört der Film "Die Wikinger" zu den besseren "Historienschinken" der 1950er Jahre.

Die Besetzung ist hervorragend - Kirk Douglas, damals ohnehin die Idealbesetzung für kantige Kämpfertypen mit körperlicher Präsenz, gab mit sichtbarer Spielfreude und der notwendigen Prise Ironie den Wikingerhäuptling Einar, Tony Curtis überzeugte als sein Halbbruder / Rivale Erik. Erstaunlicherweise konnte auch Ernest Borgnine als Douglas' Filmvater Ragnar überzeugen, obwohl Borgine und Douglas etwa gleichaltrig sind. Die gutaussehende Janet Leigh war als Prinzessin Morgana auch keine Fehlbesetzung. James Donald als intriganter Lord Egbert und Frank Thring als böser König Aella von Northumbrien traten neben der enormen Präsenz der Hauptdarsteller Curtis und Douglas etwas in den Hintergrund.

Die Dramaturgie ist routiniert, und die für Hollywood in den 50ern obligatorische Liebes-Schmonzette - Einar und Erik verlieben sich beide in Morgana - noch im erträglichen Kitschbereich. Die Kampf- und Schlachtszenen sind, für damalige Verhältnisse, überzeugend choreographiert, die Ausstattung ist üppig. Es kam dem Film auch sehr zugute, dass er zum Teil an Originalschauplätzen gedreht wurde.

Die Idee für den Film stammte von Kirk Douglas selbst. 1956 nahmen seine Pläne, einen "Normannenfilm" zu machen, konkrete Formen an. Als Regisseur engagierte er Richard Fleischer, mit dem er bereits bei der aufwendigen Jules-Verne-Verfilmung "20000 Leagues Under the Sea" ("20000 Meilen unter den Meeren") erfolgreich zusammengearbeitet hatte. Douglas und Fleischer sollen anfangs beabsichtigt haben, den Roman "Die Abenteuer des Röde Orm" von Frans G. Bengtsson zu verfilmen, sie wählten jedoch den weniger bekannten Roman "The Viking" von Edison Marshall als literarische Vorlage. Abgesehen davon, dass es offenbar schwierig war, die Filmrechte von Bengtssons Erben zu bekommen, war der vielschichtige und genau recherchierte "Röde Orm" wahrscheinlich als Vorlage eines "Western, der in der Wikingerzeit spielt" (Douglas über seinen Film), weniger geeignet als Marshalls Roman, der mit dem Untertitel "An Heroic Saga of Lust and Conquest" erschien.
Douglas und Fleischer entschlossen sich, nach eigenen Angaben, die Wikinger so weit wie möglich historisch genau darzustellen. Deshalb sollten die Wikinger in ihrem Film auch keine Helme mit Hörnern tragen (einige Hörnerhelmträger schafften es dann doch in den fertigen Film).
"Die Wikinger" wurden, wie so viele "Hollywood"-Monumentalfilme von der Stummfilmzeit bis heute, fernab von Kalifornien gedreht. Die Innenaufnahmen entschanden in den Bavaria-Filmstudios bei München, die Außenaufnahmen entstanden in einer mittelalterlichen Burg in Frankreich und in Norwegen, wo ein komplettes und einigermaßen originalgetreues Wikingerdorf am Sognefjord errichtet wurde. Der Schnitt und die Nachbearbeitung fanden in London statt. Zwei originalgetreue Wikingerschiffe wurden auf einer norwegischen Bootswerft gebaut - sie gehören bis heute zu den überzeugendsten Film-Langschiffen. Beim Casting der Wikinger-Nebendarsteller und -Komparsen bissen die Klischees um so heftiger zu: sie mussten nicht nur geübte Ruderer sein, sondern auch mindestens 1,80 m groß sein und lange Vollbärte tragen.
Zu den Kompromissen, die beim Nachbau der Wikingerschiffen gemacht wurden, gehörten nicht nur versteckt eingebaute Bootsmotoren, sondern auch Segel aus Kunstfaser. Die Motoren wurden dazu benutzt, um die Schiffe schnell von einem Drehort zum anderen zu bringen - allerdings sollen die Propeller in einigen Szenen zu sehen sein (mir sind sie bisher nicht aufgefallen). In einer Produktion mit großem Budget und großzügigem Zeitrahmen konnte Fleischer es sich leisten, Filmszenen neu drehen zu lassen, wenn in bereits fertigen Szenen ein "Wikinger" im Hintergrund eine Zigarette rauchte oder eine leere Bierdose im Wasser trieb.
Aushangbild "Die Wikinger"
Das unberechenbare norwegische Wetter und Fleischers Perfektionismus drohten schließlich doch das Budget und den Zeitrahmen zu sprengen - Schlechtwetter erforderte drei Monate zusätzliche Drehzeit, das Budget wurde um eine Million Dollar (was damals viel Geld war) überschritten.
Kopfschmerzen bereitete Fleischer auch Kirk Douglas' und Tony Curtis' bei Regisseuren und Produzenten gefürchtete Vorliebe dafür, gefährliche Stunts selbst auszuführen. Hätte sich Douglas in der berühmten Szene, in der er außenbords von Riemen (Ruder) zu Riemen sprang oder Curtis bei seinem Sprung auf den Pferderücken etwa ein Bein gebrochen, wäre das Filmprojekt wahrscheinlich geplatzt. Ein Streik der norwegischen Komparsen um mehr Gage verzögerte die Dreharbeiten nur geringfügig. Die von Douglas gern erzählte Anekdote, dass er und Curtis bei einer Party für die Filmcrew auf der Bühne jongliert hätten und sich über den frenetischen Beifall gewundert und gefreut hätte, weil sie nicht gewusst hätten, dass Janet Leigh hinter ihnen einen Striptease aufführte, ist wahrscheinlich eine von Douglas erfundene Legende, mit der er den Komparsenstreik ausschmückte.

Der Film war in den USA ein überwältigender Erfolg. In Skandinavien war er jedoch ein Kassen-Flop. Vor allem in Schweden waren die Filmkritiken vernichtend.

Das war auch kein Wunder, den der Film entzückt den historisch sachkundigen Freund der unfreiwilligen Filmkomik durch daumendick aufgetragene Klischees und durch zahlreiche kleine historische Fehler und große Anachronismen. Egbert trägt nicht nur den Titel "Lord", sondern auch die Allüren eines englischen (Klischee-)Edelmannes. König Aella lebte vor der Zeit der Wikingerüberfälle auf England - er war der erste bekannte angelsächsische König des Königreiches Deira im 6. Jahrhundert, das mittelenglische Königreich Northumbria, in dem Deira aufging, existierte zwischen 604 und 878, während die gezeigte Wikingerkultur am ehesten noch im 10. Jahrhundert angesiedelt werden könnte. Abgesehen davon wirkt "Northumbria" im Film eher hochmittelalterlich, was nicht nur an der hoch- bis spätmittelalterlichen Burg liegt, auf der einige Szenen gedreht wurden. Aber genug der Haarspalterei: ungewöhnlich für das amerikanische Kino der damaligen Zeit ist, dass Pater Godwin (Alexander Knox) eine beinahe lächerliche Figur abgibt - ungewöhlich, weil der damals für Filme in den USA praktisch verbindliche Production-Code vorschrieb, dass Geistliche nicht als komische Charaktere oder Schurken dargestellt werden durften.
Die gezeigten Riten wirken immerhin schön barbarisch-prächtig, auch wenn sie fast alle frei erfunden wurden und sich ihr Sinn daran erschöpft, barbarisch-prächtig zu sein. Eben passend für einen Western im Fantasy-Mittelalter.
Für Kenner der nordischen Mythologie ist die dramatische Schlusssequenz von besonderer Delikatesse: Es kommt zu einem Schwertkampf zwischen Einar und Erik. Eriks Klinge zerbricht, Einar könnte ihn nun ohne weiteres töten. Doch Einar zögert und erkennt, dass er seinen Bruder vor sich hat. Erik stößt Einar die zerbrochene Klinge in die Brust. Und nun die Szene, die beim sachkundigen Publikum stets große Heiterkeit erzeugt: Erik gibt seinem sterbenden Bruder sein Schwert in die Hand, damit er Walhalla erreichen kann.
Ob ein im Kampf gefallener Kämpfer als Einherjer nach Walhall einzieht, hängt nach altnordischer Vorstellung davon ab, dass er tapfer und ehrbar gekämpft hat. Tatsächlich ist die Vorstellung, dass ein Krieger ein Schwert für den Einzug nach Walhall brauchen würde, etwa so grotesk, wie die Vorstellung, ein Christ müsse unbedingt mit der aufgeschlagenen Bibel in den Händen sterben, um in den Himmel zu kommen.
Zuschauern ohne Wikinger-Wissen entgeht dieser Spaß leider.

Da der Film aber mit dem Anspruch beworben wurde, das Leben der Wikinger so historisch genau wie möglich wiederzugeben, ist die Enttäuschung der meist über die Wikingerzeit gut informierten skandinavischen Zuschauer nachvollziehbar. Erst viel später, als in den 80er Jahren der Film in die Videotheken kam, wurden "Die Wikinger" auch in Nordeuropa "Kult".
Kirk Douglas in "Die Wikinger"

Alles im Allem ist "Die Wikinger" ein sehenswerter Film - und damit eher "gut" als "doof". Es gibt wirklich viel schlechtere Wikinger-Filme, von denen die meisten noch nicht einmal "gut-doof" sind.

Ein Wikinger-Film, der wirklich nur wegen seiner unfreiwillgen Komik zu ertragen ist, der in jeder Hinsicht "so daneben ist, dass der Film schon wieder Kult ist", ist z. B. "Raubzug der Wikinger" (The Long Ships) aus dem Jahr 1964, immerhin mit Richard Widmark und Sidney Poitier und immerhin unter Verwendung eines der Schiffe aus "Die Wikinger" (angeblich) frei nach Bengtssons "Röde Orm" gedreht (so frei, dass es kaum Ähnlichkeiten gibt). Verglichen mit diesem oft im Fernsehen gezeigten Trash ist Kirk Douglas' "Wikinger-Western" wahrlich Filmunterhaltung mit Niveau!

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Geheimauftrag MARIA STUART...
Krisenfall Meuterei Der dritte Roman der Reihe "Geheimauftrag...
MMarheinecke - 9. Apr, 19:42
Urlaubs-... Bräune
Das "Coppertone Girl", Symbol der Sonnenkosmetik-Marke...
MMarheinecke - 1. Aug, 08:34
Geheimauftrag MARIA STUART...
Ahoi, gerade frisch mit dem Postschiff eingetoffen. Der...
MMarheinecke - 26. Mär, 06:48
Kleine Korrektur. Man...
Kleine Korrektur. Man kann/sollte versuchen die Brille...
creezy - 11. Nov, 11:29
strukturell antisemitisch
Inhaltlich stimme ich Deinem Text zwar zu, aber den...
dummerle - 5. Jun, 11:12

Suche

 

Status

Online seit 7356 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:08

Credits


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte
Geschichte der Technik
Hartz IV
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wirtschaft
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren