Umwelt

Mittwoch, 27. April 2011

Heute und vor 25 Jahren

Überlegungen zum katastrophalen Reaktorunfall im AKW Tschernobyl sind gerade im Zusammenhang mit dem ebenfalls katastrophalen Reaktorunfall im AKW Fukushima - Dai ichi so üblich, dass ich es mir lange überlegte, ob meine Überlegungen nicht besser für mich behalten sollte, da bestimmt jemand diese Überlegungen in sehr viel besserer Form längst geäußert hat.

Ein interessante, aber in der Berichterstattung etwas untergegangene Tatsache ist, dass die Reaktoren beim Erdbeben der Starke 9 auf der Richter-Skala offensichtlich nicht beschädigt wurden. Die Kernkraftwerksblöcke waren für Beben der Stärke 8,2 ausgelegt, wobei man nicht aus den Augen verlieren darf, dass die Richter-Skala logarithmisch ist - ein Beben der Stärke 9 ist zehnmal so stark wie eines der Stärke 8.
Angesichts der eingestürzten Gebäude und aufgerissenen Straßen in der Umgebung ist das eine bemerkenswerte Tatsache. Mag bei der Konstruktion der Reaktoren auch vieles im Argen gelegen haben, immerhin wurde damals, in den 1970ern, als die Kraftwerksblöcke gebaut wurden, offensichtlich solide gearbeitet.
Die automatische Schnellabschaltung ordnungsgemäß beim Beben ausgelöst.
(Siehe: Chronik der Nuklearkatastrophe von Fukushima.) Die externe Stromversorgung des Kraftwerks fiel durch Erdbebenschäden aus, die Stromversorgung der Kühlsysteme wurde von den Notstromdieselgeneratoren in den Untergeschossen der Turbinengebäude übernommen. Wäre es bei den Erdbebenschäden geblieben, wäre es noch einmal glimpflich abgegangen.
Was zur Katastrophe führte, war der Tsunami. Die Untergeschosse im Turbinengebäude waren nicht ausreichend wassergeschützt, so dass der Tsunami die Notstromgeneratoren überschwemmte und sie ebenso wie die Kühlpumpen ausfielen. Beide waren - anders als in später errichteten Kraftwerken - an der ungeschützten Stelle verblieben, obwohl eine Tepco-interne Untersuchung dies als Sicherheitsrisiko einschätzte.
In Tschernobyl war das Notkühlsystem absichtlich abgeschaltet worden.
Die Gemeinsamkeit bei beiden Katastrophen war, außer, dass in beiden Fällen verantwortungsloser Leichtsinn im Spiel war, dass nicht die beim Bau einkalkulierten Gefahren zum Unfall führten, sondern jene, die übersehen oder vernachlässigt wurden. Was an und für sich keine Überraschung ist, denn das trifft auch auf z. B. die meisten Verkehrsunfälle zu. Wie überall in Technik entwickelten sich auch bei Kernreaktoren die Sicherheitskonzepte durch die Praxis ("Learning by Doing"). Nur können die Folgen eines schweren oder sehr schweren Unfalls in der "Atomindustrie" so schwerwiegend sein, dass sich dieser übliche Weg, irgendwann zu einer akzeptabel sicheren Anwendung zu kommen, verbietet.

"Fukushima" ist ansonsten kein "zweites Tschenobyl": Nicht nur der Reaktor, nicht nur der Unfallhergang, sondern auch die Folgen sind völlig anders als in Tschernobyl. Was nicht unbedingt bedeutet, dass es in jedem Fall "harmloser" wäre - immerhin sind in Japan gleich drei Reaktoren havariert, und überdies einige der im zur Zeit des Erdbebens abgeschaltetem Reaktorblock 4 im Abklingbecken gelagerten Brennelemente beschädigt worden.

Donnerstag, 31. März 2011

Bienensterben - ein kompliziertes Problem

Ein weltweites Bienensterben gibt seit vielen Jahren Anlass zur Sorge. Diese Sorge ist kein "Luxusproblem", denn auf Honig und Met kann man notfalls verzichten (auf Met eher ungern). Ein Drittel der menschlichen Nahrung hängt von der Bestäubungsarbeit der Bienen ab, die in ersten Linie von denen in der Debatte ums Bienensterben meist übersehenen Wildbienen (zu denen auch die Hummeln gehören) geleistet wird.

Der Begriff "Bienensterben" geht auf einen heute fast vergessenes Ereignis in den 1980er Jahren zurück: damals starben in der chinesischen Provinz Sichuan so gut wie alle Bienen. Die wahrscheinliche Ursache war der unkontrollierte Einsatz von Insektiziden. Wirklich erholt hat sich der Bienenbestand dort nie, weshalb Obstbäume in Sichuan bis heute mühsam von Hand bestäubt werden müssen.
Auch für den Rückgang der Bienenpopulation bei uns ist sicher auch der großzügige und nicht immer sachgemäße Umgang mit Pflanzenschutzmittel verantwortlich. So starben im Mai 2008 am Oberrhein mindestens 15 500 Bienenvölker mit rund 330 Millionen Tieren, die meisten nördlich von Freiburg im Ortenaukreis. Die Ursache war Maissaatgut, das mit dem Insektizid Clothianidin gebeizt war. Theoretisch hätte das behandelte Saatgut in Boden verschwinden sollen, wo es den sammelnden Bienen nicht zugänglich ist.
Auch andere Ursachen, wie ausgedehnte Monokulturen, machen den Bienen zu schaffen.
An dieser Stelle einen Hinweis an Hobbygärtner: Ist der einzelne Garten noch so klein, sind alle Gärten zusammen ein beachtliches, artenreiches Biotop. Daher unbedingt Bienenschutz beachten! Dabei ist der Nutzen eines bienenfreundlichen Gartens durchaus gegenseitig, nicht nur bei Beerensträucher und Obstbäumen, sondern sogar bei Küchenkräutern. Dass Wildkräuter und bunte Wiesen gern von Insekten angeflogen werden, sollte sich herumgesprochen haben. Für Nichtgartenbesitzer auch schon vernünftig: mit heimischen Blumen und Küchenkräutern bepflanzter Balkonkästen helfen den Bienen, und "Guerilla Gardening" ist keine schlechte Idee. Mit wenig Aufwand lässt sich außerdem ein Bienenhotel als Nistgelegenheit für Wildbienen basteln.

Wenn in den letzten Jahren vom "Bienensterben" die Rede ist, ist meistens aber eine mysteriöse Krankheit gemeint: "Colony Colapse Disorder " (CCD) griff seit dem Herbst 2006 in der USA um sich. Die ausgewachsenen Arbeitsbienen verschwanden spurlos und ließen den Bienenstock samt Königin, Jungbienen und Brut hilflos zurück. Der plötzliche Bienentod blieb allerdings nicht auf die USA begrenzt. Das Phänomen ist mittlerweile weltweit zu beobachten.

Die Ursachen für den plötzlichen Tod ganzer Völker sind noch unklar. Hauptverdächtige sind Parasiten wie beispielsweise die Varroa-Milbe, die seit etwa 30 Jahren auch in Mitteleuropa anzutreffen ist.
Aber auch andere Ursachen, naheliegende wie Insektizide und und eine schwindende Artenvielfalt, Infektionskrankheiten, häufigere Wetterextreme, aber auch weit hergeholte, wie "Elektrosmog", stehen im Verdacht, CCD auszulösen.
Bienenforschung ist sehr kompliziert, da der Bienenschwarm einen "Superorganismus" bildet, bei dem neben den biologischen Eigenschaften der Einzelbiene auch die des ganzen Schwarms berücksichtigt werden müssen.
Schwierig gestaltet sich die Suche nach den Ursachen auch deshalb, weil kein Bienenvolk dem anderen gleicht und die Bedingungen, unter denen die Bienen aufwachsen und leben, niemals identisch sind. Für wissenschaftliches Arbeiten sind das keine guten Voraussetzungen.

Biologen der Universität Würzburg haben vor Kurzem einen neuen Ansatz entwickelt, der dazu beitragen könnte, Licht ins Dunkel zu bringen. Ein Team, geleitet von Harmen Hendriksma, Doktorand für Tierökologie und Tropenbiologie, hat eine Methode entwickelt, die es möglich macht, Bienen in großer Zahl im Labor zu züchten. Damit könnten Wissenschaftler weltweit unter kontrollierten und miteinander vergleichbaren Bedingungen untersuchen, welche Faktoren Bienen das Leben schwer machen.

Das Würzburger Team benutzen eine Art künstliche Wabe aus Plastik, etwa so groß wie eine Zigarrenkiste und mit 110 Waben, die den typischen Wachswaben gleichen. An ihren Enden befinden sich abnehmbare Böden, die wie kleine Näpfe geformt sind. In diese legt die Königin ihre Eier.
Die Näpfe nehmen die Wissenschaftler anschließend ab und tragen sie samt Inhalt in ihr Labor. Bisher mussten in mühsamer Kleinarbeit die Bienenlarven mit Nadel und Pinzette einzeln aus dem Brutwaben gefischt werden, was viele Larven nicht überlebten. Nach der neuen Methode können innerhalb von 90 Minuten mehr als Larven gesammelt werden. Die Larven scheinen mit dieser Methode auch keine Probleme zu haben: 97 Prozent von ihnen überlebten den Transport und entwickelten sich im Labor ganz normal bis ins Larvenstadium kurz vor der Verpuppung.

Die erfolgreiche Aufzucht von Bienen im Labor ist laut Hendriksma der Schlüssel für die Suche nach den Auslösern des Völkerkollapses:
Nur im Labor ist es möglich, unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen, wie sich bestimmte Faktoren auf die Entwicklung der Bienen auswirken – beispielsweise Insektizide, die Varroa-Milbe oder eine schlechte Ernährung.
Ganz anders eben als in draußen lebenden Kolonien, deren Leben von zahlreichen unkontrollierbaren Einflüssen bestimmt ist.

"Bedrohte Völker - Das Bienensterben bedroht die Landwirtschaft" -
Gunnar Henze, "Bild der Wissenschaft", Konradin, Leinfelden-Echterdingen, 4/2011, S. 36 - 39

Pressemeldung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg: Dem Bienensterben auf der Spur

BEEgroup an der Universität Würzburg.

Infoseite des Biologen Paul Westrich über Wildbienen.

Montag, 28. März 2011

Energie und Askese

Harald Welzer machte sich in der FAZ vom 20. März 2011 einige Gedanken, die mich zum Widerspruch reizen.
Nach Fukushima - Abschaffung der Komfortzone
Nicht, weil Welzer grundsätzlich unrecht hätte. Oder weil ich mich an seiner "konservativen", kulturpessimistischen Weltsicht stoßen würde. Tatsächlich stoße ich mich an Behauptungen, die meiner Ansicht einfach nicht zutreffen.
Und zwar deswegen, weil das hier der zweite GAU war und schon der erste nichts verändert hatte, weil die Sogwirkung eines Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, das die unablässige Steigerung von Glück durch die unablässige Ausweitung der Konsumzone anbietet, so stark ist, dass sich ihr kaum noch jemand entziehen mag.
Der "erste GAU" (gemeint ist wohl der katastrophale Unfall in Tschernobyl) hat sehr wohl etwas verändert. Seitdem ist Kernenergie ein Auslaufmodell, in dem Sinne, dass sie nur noch gegen erhebliche Widerstände politisch durchsetzbar ist. Das wiederum führt dazu, dass der Neubau eines AKW im Grunde unkalkulierbar ist: ob überhaupt, wenn ja, wann, und mit welchen (teurer) zusätzlichen Sicherheitsauflagen das Kraftwerk ans Netz gehen kann, ist nicht mehr absehbar. Die angebliche ändert, sieht man sich nur die Zahlen an, daran wenig. Die Renaissance der Kernkraft beschränkt sich auf Länder, in denen staatliche Betreiber oder Geldgeber das Risiko tragen, mit anderen Worten: wo Kernkraftwerke, auch entgegen ökonomischen Erwägungen, politisch gewollt sind.

Wieso hatte "Tschernobyl" nicht stärkere Auswirkungen?
Der eine Grund ist betriebswirtschaftlicher Natur: ein AKW ist teuer, es gibt also ein starkes Interesse der Betreiber, die Kraftwerke so lange am Netz zu lassen, bis sie sich amortisiert haben. Ist dieser Punkt erst einmal erreicht, ist für privatwirtschaftliche Kraftwerksbetreiber der Anreiz groß, die Anlagen so lange im Betrieb zu lassen, wie technisch möglich: da die alten Kraftwerke ihrer Erstellungskosten längst eingefahren haben, fallen im wesentlichen nur noch Brennstoff-, Personal- und Wartungskosten an. Ein "Alt-AKW" ist wegen des geringen Brennstoffanteils an den Betriebskosten ein besonders profitables Kraftwerk - auch weil die eigentlich "unbezahlbaren" Versicherungs- und Entsorgungskosten größtenteils von staatlicher Seite, also vom Steuerzahler, übernommen werden.
Der zweite Grund liegt darin, dass der Unfall von Tschernobyl sich in dieser Form nur bei einem bestimmten Reaktortyp (graphitmoderierter wassergekülter Reaktor), der außerdem sicherheitstechnisch auf einem erbärmlichen Stand war, ereignete. Auf der propagandistischen Ebene wurde daraus ein "sowjetischer Schrott-Reaktor", während "unsere Reaktoren" sicher seien. (Obwohl bei viele heute im Betrieb befindlichen AKW die heute geforderten Sicherheitsstandards nicht erfüllen.) Tatsächlich hätte sich ein "Tschernobyl-Unfall" in den Siedewasserreaktoren von Fukushima nicht ereignen können: Ein Erdbeben, das stärker als bei Bau berücksichtigt war, und ein Tsunami, der höher war, als berücksichtigt, traf eine sicherheitstechnisch veraltete Anlage, die schlechter gewartet war, als vorgesehen. Verkettungen unglücklicher Umstände sind im Prinzip überall möglich.
Eine künftige Lebens- und Überlebenskunst kann nur darin bestehen, das erreichte zivilisatorische Niveau in Sachen Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit zu halten und die Fehlentwicklungen – zukunftsfeindliche Energienutzung, grenzenlose Mobilität, die Kultur der chronischen Verfügbarkeit von allem – radikal zurückzunehmen.
Zustimmung - bis auf die falsche Definition der Fehlentwicklungen:
Es ist ja nicht die Energienutzung, die "zukunftsfeindlich" ist - die kann man allenfalls einschränken und effizienter machen. Es sind die Energiequellen, auf die es ankommt. Wobei einzig regenerative Träger auf Dauer zukunftssicher sind.
Auch die grenzenlose Mobilität ist an und für sich kein Problem. Es kommt "nur" auf das Verkehrsmittel an, bzw. die Energie, mit der das jeweilige Verkehrsmittel betrieben wird. Zum Beispiel ist ein dichtes, voll elektrifiziertes Bahnsystem, dessen Strom zu 100% aus regenerativen Quellen stammt, technisch keine Utopie. (Die Schweiz kommt diesem Ideal schon recht nahe.) Die tatsächlichen ökologischen Problembereiche sind der Autoverkehr und der Flugverkehr. Ökologisch problematisch ist im Güterverkehr, dass es betriebswirtschaftlich sinnvoller sein kann, ein benötigtes Gut unter hohem Energieeinsatz von weither zu beschaffen, als es aus der Region zu beziehen.
In einer "Kultur der chronischen Verfügbarkeit von allem" lebt ohne nur eine winzige Minderheit der heutigen Menschheit. In der leben nur diejenigen, die das nötige Geld haben. Eine Kultur, in den allen lebensnotwendigen Güter für jeden jederzeit verfügbar sind, z. B. gutes Trinkwasser, Grundnahrungsmittel, wetterfeste Unterkunft, ist ein bisher nicht annähernd erreichtes Ziel.
Eine reale Dystopie. Ich bin in den vergangenen Tagen oft gefragt worden, ob ich glaube, dass nun endlich der Punkt erreicht sei, an dem die Menschen aufhören, an die Versprechen des unaufhörlich wachsenden Wohlstands zu glauben, den Preis für dieses Versprechen zu hoch finden und umkehren zu einem anderen, vielleicht nicht ganz so bequemen und fremdversorgten Lebensstil. Ich glaube das nicht, leider.
Ich bin, hinsichtlich "des Systems", ebenfalls pessimistisch, nämlich eines System, in dem politische Entscheidungen von betriebswirtschaftliche Kriterien - in gar nicht so seltenen Fälle schlicht die Kapitalrendite - abhängen. (Das ist übrigens nicht nur eine Schwäche eines Kapitalismus, in dem faktisch die "freie Marktwirtschaft" nicht existiert, geschweige denn eine wirksame Kontrolle der monopolartigen "Marktbeherrscher" durch die Öffentlichkeit, sondern war auch eine des "real existierenden Sozialismus", in dem der Staat als Monopolist auftrat.)
Einem Denkfehler, den ich für fatal halte, unterliegt auch Welzer - der "Askesefalle". Wir - jetzt gesprochen für die großen Mehrheit der Menschen in den Industriestaaten - müssten, im Falle eines "Umbaus" auf rein regenerative Energieversorgung, auf wenig "verzichten", sondern "nur" anders konsumieren.

Ein großes "Nur". Rudolf Maresch schriebt dazu im November letzten Jahre in Reaktionäre westlicher Länder vereinigt euch! (telepolis)
[...] Darum mag es durchaus auch viele gute und gewichtige Gründe für eine Abschaltung der Atomkraftwerke geben, die Sicherheitsfrage ebenso wie die ungeklärte Frage der Endlagerung. Doch auch die Atomkraftgegner vermögen nicht zu sagen, wie der stetig wachsende Energiebedarf, etwa für all die annoncierten E-Autos, Speicher- und Rechenkapazitäten etc. in den nächsten Jahrzehnten herkommen soll.

Mit regenerativen Energien allein, mit Energieeffizienz, der stetigen Erhöhung des Strompreises und Vakuum verpackter Gebäuden wird er jedenfalls nicht zu decken sein. Zumindest nicht der eines Exportweltmeisters, der die soziale Wohlfahrt nur auf diese Weise gewährleisten kann. So schlau und schöngerechnet sich Prognosen der Solarlobby bis ins Jahr 2050 auch geben und darstellen lassen.[...]
Ich zitiere Maresch, weil er, vielleicht unbeabsichtigt, den entscheidenden Punkt berührt: der Energiebedarf eines "Exportweltmeisters" (verallgemeinert: einer stark exportabhängigen Industriegesellschaft ohne nennenswerte Rohstoffvorkommen - wie sie z. B. auch Japan ist), bei dem die Wohlfahrt durch hohe Wachstumsraten finanziert wird (und der zunehmende Reichtum einer kleine Oberschicht), dürfte damit nicht zu decken sein. Nebenbei macht er den Fehler vom heutigen Stand der Technik auszugehen. Das ist jetzt kein "Glaube an den Fortschritt" meinerseits, sondern ergibt sich aus der Kenntnis sich bereits in der Entwicklung befindlicher Technologien, auch wenn nicht alle die "Marktreife" erreichen werden.

Prognose wie diese: Wissenschaftler zeigen, wie eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien möglich ist sind nur dann "schöngerechnet", wenn die Bedarfsstrukturen in Zukunft die selben sind, wie heute.
"Bedarf" ist, im Sinne der Ökonomie, ein mit Kaufkraft versehenes Bedürfnis, ein "nachfragewirksames" Bedürfnis. Jemand, der von ALG II leben muss, hat folglich weniger Bedarf als ein gut verdienender leitender Angestellter, auch wenn er oder sie vielleicht die selben Bedürfnisse hat. Dem ALG II- Empfänger wird sogar vorgeschrieben, wie hoch sein / ihr Bedarf sein darf, damit er die ihm (oder ihr) zugestandenen Bedürfnisse erfüllen kann.

Als Beispiel nehmen wir das Bedürfnis nach Mobilität. Gehe ich zu Fuß oder benutze das Fahrrad, kann ich dieses Bedürfnis mit extrem wenig Energieeinsatz befriedigen - um den Preis einer sehr geringen Reisegeschwindigkeit. Oder noch deutlicher: Fahre ich mit dem Segelschiff, dann ist eine Reise auf die Kanarischen Inseln mit 100 % regenerativer Energieversorgung kein Problem. Die Problem bei der Mobilität ergeben sich im Falle der Kanarenreise daraus, dass der Jahresurlaub für diese sicherlich interessante und erholsame Form des Reisens nicht ausreicht.
Beim Auto ist das noch deutlicher. Ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrssystem würde die meisten Autofahrten überflüssig machen - in vielen Fällen sogar mit kürzeren Reisezeiten. Hier spielen weitere Bedürfnisse eine Rolle, die nach Komfort und - bei Auto nach wie vor wichtig - nach Prestige. (Der Faktor "Prestige" dürfte auch bei vielen Geschäftsreisen entscheidend sein.)

Aus der Perspektive der wirklich Armen kann der Umbau der Ökonomie auf eine ausschließlich mit erneuerbaren Energiequellen betriebenen "Kreislaufwirtschaft" sogar erheblich mehr an Lebensstandard bringen. Aber unser Wirtschaftssystem würde, wie
Manfred Max-Nee zurecht sagt, ohne Armut (womit er vor allem die Armut in sog. Schwellenländern meint) sofort kollabieren. In seinem Interview für die "taz" skizziert er eine Gegenbewegung:Wer überlebt, kann nicht dumm sein. Auch er drückt aus, dass die Verbindung zwischen Lebensstandard ("Wie viele meiner Bedürfnisse werden befriedigt?") und Umfang des Konsums falsch ist:
Wird in den reichen Ländern der Lebensstandard sinken?

Im Gegenteil, unser Lebensstandard wird besser sein. Warum brauchen wir mehr und mehr Konsum? Jeder sollte mal eine Liste machen mit den Dingen, die er wirklich braucht - und denen, die im Grunde überflüssig sind. Welche Liste wird wohl länger sein?
Das ist, so formuliert, fast eine Binsenwahrheit. Warum aber wird sie nicht erkannt?
Meiner Ansicht nach hat das sehr viel mit unserer geistige (und geistlichen) Kultur zu tun.
In unser Bewusstsein hat sich die Vermutung eingeschrieben, dass es immer nur zwei Möglichkeiten gäbe, eine richtige und eine falsche. (Dualistisches Denken, angefangen bei Platon und Aristoteles, von Augustinus vergröbert und verallgemeinert, in dieser Form seit der geistige Vorherrschaft der auf augustinäischem Denken aufbauenden katholischen Kirche im Mittelalter für das "abendländische Denken" charakteristisch, trotz Aufklärung). Der Kapitalismus ist, gemäß diesem Schwarzweißdenken, trotzt aller Fehler alternativlos, weil der Sozialismus versagt hätte. Weitere Möglichkeiten "dazwischen", "darüber hinaus" oder "daneben" sind nicht vorgesehen.
Die zweite Denkfalle entstand gerade während der Aufklärung. Es ergibt sich aus der damals geboren Vorstellung, dass jede Regel unversalierbar sein müsse, also immer und überall gälte. Besonders bei Kant kommt ein starker Rigorismus der Moral dazu: moralisches Verhalten duldet keine Ausnahmen. Kommt das von der katholischen Kirche übernommen dualistische "entweder-oder" Weltbild und die protestantische Pflicht-Ethik (die auch Kant stark prägte), dann ergibt sich daraus, dass freiwilliger Verzicht als "totale Entsagung", als Askese, verstanden wird.
Da außerdem aus ideologischem Denken die ökonomischen Grundlagen gesamtgesellschaftlich gesehen "unvernünftiger", aber im Sinne einer "instrumentellen Vernunft" (zweckrationaler) Entscheidungen verkannt werden, erscheinen die "Kollateralschäden" zweckrationaler Entscheidungen (etwa der, Koste es was es wolle, eine gute Zwischenbilanz zu erreichen, weil der gute Managerjob und die Prämie davon abhängen) als "menschliche Schwächen", und Habgier, "dummer" Konsum und Verdrängung von Risiken als anthropologische Konstanten. (Die "Erbsündelehre" verstärkt dieses fatalistische Denken sogar noch.) Es gibt sicherlich egoistische Manager, aber wir leben in einer Welt, in der sich Nicht-Egoisten nicht auf Managerposten halten können: das Problem liegt in der Struktur, und Manager gehen, Strukturen bleiben. In der Politik stimmt es zwar, dass Macht korrumpiert, aber die bestehenden Strukturen, etwa in den Parteien, verhindern, dass Menschen, die nicht korrumpierbar sind, überhaupt politische Karriere machen.

All dies führt dazu, dass sich viele eine "ökologisch nachhaltige" Gesellschaft gar nicht ohne erheblichen Druck auf die Einzelmenschen, die ja gut leben wollen, vorstellen können.
Oder anders gesagt, hat diese "grüne" Gesellschaft den Charakter eines Umerziehungslagers. "Öko-Diktatur" mit erzwungener Askese als "einzige Hoffnung" oder - häufiger - als Schreckgespenst.

Es geht anders, ich denke sogar, es wird anders gehen. Kein "Utopia", denn gerade utopisches Denken führt zur Diktatur und neuer Ungerechtigkeit, weil die Wirklichkeit da draußen sich nicht um unsere Pläne schert. Kein "idealer Endzustand", denn Wandel gibt es ständig. Eine "schmuddelige", konfliktreiche - soll es doch, solange die Konflikte nicht mit Waffen ausgetragen werden - dezentrale Welt, geprägt vom sich ständig pragmatisch durchwursteln. Kein "Einklang mit der Natur" (sowieso illusorisch, da es ein "ökologische Gleichgewicht" im Sinne perfekter Balance sowieso nicht gibt), sondern ein nachhaltiges Wirtschaften.
Nicht für jeden eine bessere Welt. Aber ein Welt, in der die Mehrheit besser leben kann, als jetzt.

Freitag, 25. März 2011

Spendenaktion Japan

BandOrg hat vor kurzem zu einer Sammelaktion für Japan aufgerufen und es machen schon einige interessante unabhängige Bands und Projekte mit, indem sie für den Sampler “Jeder Download hilft!” einen Song “gespendet” haben.

OK, BandOrg ist kein iTunes oder, aber Kleinvieh macht auch Mist.

Jeden dieser Songs kann man entweder einzeln für einen kleinen Euro kaufen, oder alle zusammen als Album für 20 Euro. Der Erlös geht komplett an die UNICEF-Katastrophenhilfe für Japan.

Achso, ihr könnt die Songs nicht nur kaufen, sondern den Verkaufsplayer auch auf eure eigene Webseite stellen. Ach was, könnt - sollt:
[…}Alle Songs stellen wir in einen speziellen Benefiz-Player ein (Verkaufspreis 1,-€/Song), alle Erlöse dieser Verkäufe (nach Abzug der Transferkosten der Zahlungsanbieter) werden wir in Eurem Namen zu 100 Prozent an die UNICEF-Katastrophenhilfe für Japan spenden, so dass die Hilfe direkt vor Ort ankommt. Selbstverständlich spenden auch wir unseren Anteil. Jeder Song, der neu dazu kommt, wird umgehend in den Player eingespielt! Den Player findet Ihr auch unter facebook.com/bandorg.de. […]
Bitte verbreitet diesen Player - baut den Code “CODE” (Auf “Einbetten” klicken) in Eure Internetseite, Facebookseite oder sonst wo ein und helft, dass diese Songs heruntergeladen werden. […]







Links:
-> BandOrg.de Website
-> BandOrg @ facebook

Montag, 14. März 2011

Fukushima: Alles ist gesagt - nur nicht von allen

Obwohl ich durchaus von mir behaupten kann, nicht völlig ahnungslos zu sein, sehe ich davon ab, über Ablauf, Schwere und Folgen des Fukushima-Unfalls zu spekulieren, so wie ich auch zum Erdbeben, zum Tsunami und zum Vulkanausbruch in Japan nichts zu sagen hätte, was nicht Tausende andere schon besser gesagt hätten (und Zehntausende andere wahrscheinlich schlechter).
Also überlasse ich das Bloggen über japanische AKWs viel lieber denjenigen die über die entsprechende Sachkenntnis verfüge, ohne ihre Propaganda unterzumischen. Das gilt leider übrigens auch für Atomenergie-Gegner, weshalb ich z. B. die Seiten von Greenpeace nicht uneingeschränkt empfehlen möchte.

Besser machen es die Anti-Atom-Piraten sie sammeln Nachrichten, und halten sich mit Spekulationen zurück. Anders gesagt: sie machen den Job, den z. B. "Nachrichtensender" wie n-tv weitgehend verfehlen.

Für gut halte ich z. B. das Physikblog.eu wegen der gut verständlichen und sachkundigen Erläuterungen.

Ansonsten verweise ich auf meine Freundin Camilla, die hat ein paar nützliche Infolinks zur Situation in Japan zusammengestellt hat und die richtigen Worte findet:
Und, liebe Japaner_innen – ich habe ein paar von Euch kennen, respektieren, mögen gelernt – ich möchte Euch nur sagen: Ich denke an Euch. Was Euch zustößt, geht mir nahe, auch wenn Ihr auf der anderen Seite des Globus sitzt.

Freitag, 12. November 2010

Castor-Transporte nach Russland durch Hamburg?

Die Castorbehälter mit Atommüll aus dem westfälischen Ahaus, der zur Endlagerung nach Russland gebracht werden soll, soll über den Hamburger Hafen gehen. Das teilte Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) auf Anfrage von Radio Bremen mit. Im atomaren Zwischenlager Ahaus lagern 18 Behälter mit Müll aus einer einstigen DDR-Kernforschungsanlage. Die Castoren sollen in den russischen Atomkomplex Majak im Südural gebracht werden. Ein Termin dafür steht noch nicht fest.

An sich sind "Castor"-Transporte durch Hamburg nichts Neues.

Der Grund dafür ist das Kernkraftwerk Krümmel (KKK). Sowohl die Versorgung des 1400 MW-Siedewasserreaktors mit frischen Brennelementen (die nur schwach radioaktiv sind) wie der Abtransport der verbrauchten Brennelemente, die stark radioaktiv sind und deshalb in Castor-Behältern transportiert werden, erfolgt per Bahn. Das KKK ist an eine Nebenbahn, die Geesthacht-Bergedorfer-Eisenbahn, angeschlossen.
GBE
Der Gleisbau wurde 1990 vollständig erneuert - ohne die Castor-Transporte für die Ver- und Entsorgung der Brennstäbe des KKK wäre diese heute kaum noch benutzte Nebenbahn wohl längst stillgelegt worden.

Die Castor-Transportstrecke aus dem KKK verläuft auf der Bergedorf-Geesthachter-Bahn ab Krümmel bis Hamburg-Bergedorf, von da an auf Gleisen der DB-Netz AG über Hamburg-Rotenburgsort über Hamburg-Wilhelmsburg und Hamburg-Harburg zum Rangierbahnhof Maschen (südlich von Hamburg).

Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass diese Transporte jedes Mal von Protestdemonstrationen und Schienen-Blockaden begleitet werden. Es spricht meiner Ansicht Bände, wenn sogar Atomkraftgegner, die nicht in der Region wohnen, weder die Atommüll-Transporte noch die Proteste gegen sie kennen. Nachdem ich aber kürzlich mitbekommen habe, wie viele Menschen glauben, die mit hochradioaktivem Atommüll beladenen Castor-Behälter wurde in Gorleben unterirdisch gelagert werden, erstaunt mich in dieser Hinsicht kaum noch etwas.
Die Castor-Behälter werden im "Transportbehälterlager Gorleben" in einer 182 m langen, 38 m breiten und 20 m hohe Lagerhalle aus 2 m dickem Stahlbeton stehend aufbewahrt. Bei der Einlagerung hat der Atommüll eine Temperatur von etwa 400 Grad Celsius. Erst wenn der Müll nach einer Dauer von 20 bis 30 Jahren durch die nachlassende Aktivität auf etwa 200 Grad abgekühlt ist wäre eine eventuelle Einlagerung in einem Salzstock überhaupt möglich. Hierzu auch: Gorleben: Getrickst, getäuscht, gelogen (FR-online).

Interessant ist die Reaktion der GAL (Hamburger "Grünen"), die bekanntlich in einen Koalition mit der CDU in Hamburg mitregieren:
Castor-Transporte in Hamburg: Was tut die GAL?.
Am 10. November 2010 debattierte die Hamburgische Bürgerschaft einen Antrag der LINKEN zu den geplanten Atomtransporten. Unter dem Beifall von SPD, GAL und LINKEN verkündete die Vorsitzende des Umweltausschusses Jenny Weggen (GAL): "Wir werden alle Möglichkeiten ausreizen, damit keine Castoren durch Hamburg rollen."
Die Bremische Bürgerschaft hatte auf Druck der Bremer Linksfraktion mit den Stimmen von SPD, Grünen und LINKEN beschlossen, die bremischen Häfen für die Transporte zu sperren.
Aus Sicherheitsgründen habe man von Anfang an massive Bedenken geltend gemacht, den Transport über Bremen oder Bremerhaven abzuwickeln. Ein Transport über Bremerhaven (Bremen käme ohnehin nicht in Frage) wäre wahrscheinlich riskanter als über Hamburg - was noch lange nicht bedeutet, dass eine Verschiffung ab Hamburg unbedenklich wäre!

Es gibt, wie in Bremen, auch in Hamburg eine breite parlamentarische Mehrheit gegen den Castor-Transport nach Russland. Das Problem dabei: die CDU ist für den Transport - und die GAL hat schon einige Mal dem größeren Koalitionspartner nachgegeben.

Nachtrag: Die schwarz-grüne Koalition in Hamburg lehnt eine Verschiffung ab!
DDR-Atommüll
Hamburgs Hafen soll für Atomfracht dicht bleiben
(SpOn).

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Fremdlesen: Evolutionsbiologe wünscht größere Achtung vor Naturerbe

Die UN-Artenschutzkonferenz gehört auch meiner Ansicht nach zu jenen gut gemeinten, aber schlecht durchdachten Großkonferenzen, deren magere Ergebnisse im krassen Missverhältnis zum Aufwand, der betrieben wird, stehen.

Auf den ersten Blick wirkt die Aussage des Evolutionsbiologen Josef H. Reichholf im Interview mit D-Radio, dass die gängige These, dass täglich mehrere Dutzend Arten aussterben, nur eine Annahme sei, die sich aber auf Unkenntnis des Artenbestandes der Erde bezöge, empörend. Beim näheren Hinsehen redet Reichholf Klartext, den vor allem Politiker und Wirtschaftslobbyisten "im Norden" nicht gerne hören dürften. Und eine bestimmte Sorte Ökologisten mit geradezu religiöser Vorliebe für apokalyptische Szenarien ebenfalls nicht. Zumal Reichholf ein profilierter Artenschützer ist, und z. B. an der erfolgreichen Wiederansiedlung des Bibers in Bayern beteiligt war.
(...) Karkowsky:Landwirtschaftliche Ausbeutung, die wiederum vom Menschen natürlich verschuldet ist. Da hat diese Artenschutzkonferenz ja drei wichtige Prämissen. Erste: Weltweit sterben täglich Arten aus. Zweitens: Das muss verhindert werden, denn die Biodiversität ist wichtig. Und drittens: Der Mensch hat's verbockt. Da widersprechen Sie ja gleich zweien dieser Prämissen, oder?

Reichholf:Ja, im Grunde genommen allen dreien. Denn der Mensch, das ist mir zu allgemein. Es sind eben bestimmte wirtschaftliche Interessen von reichen Ländern, die Hauptverursacher sind und den Hauptgrund liefern für die Entwicklungen; und dass täglich oder jährlich so und so viele Arten aussterben, ist eine Annahme, eine Art Hochrechnung, die sich aber auf Unkenntnis des Artenbestandes der Erde bezieht. Die Arten, die wir kennen, die können wir erfassen, und nach allem, was mir bekannt ist, ist in den letzten zehn Jahren so gut wie keine einzige bekannte Art ausgestorben. Wir haben also ein großes Missverhältnis zwischen dem tatsächlichen Kenntnisstand, und der besagt, seit dem 19. Jahrhunderts ist die Rate des Aussterbens von Tier- und Pflanzenarten rückläufig und in unserer Zeit fast auf Null gegangen ...
( ...) Wir haben diese Erfolge und wir haben sie bei solchen Arten, die vorher aktiv verfolgt wurden, deren Ausrottung eigentlich jahrhundertelang das Ziel war im Falle der Wölfe oder bei den Adlern und anderen Greifvogelarten oder Raubtieren. Das hat sich geändert, das ist einer der ganz großen Erfolge des Artenschutzes im Speziellen und des Naturschutzes ganz allgemein.

Aber die Vorstellung, dass alles schlechter würde in der Natur, die ist dennoch weit verbreitet gerade in unserem Land, obwohl die Verhältnisse sich nicht bei uns verschlechtern - da sind sie besser geworden -, sondern in Regionen, die wir eben mit unserer Art zu wirtschaften ausbeuten. Und das liegt uns so fern und deswegen schwingt, so mein Eindruck, in solchen Großkonferenzen das schlechte Gewissen ganz entscheidend mit.
Das ganze Interview: Reichholf: Artensterben ist "nicht mehr als eine Vermutung"

Montag, 25. Oktober 2010

Die Hörnern der Kühe und die bio-dynamische Landwirtschaft

Es gibt viele traditionelle und wenig hinterfragte Methoden in der Landwirtschaft, die genau betrachtet Tierquälerei sind. Damit befasste sich vor Kurzem das u. A. das FAZ Wissenschaftsblog Planckton: Fohlen-Brandzeichen im Bundesrat: In den neuen Tierschutzdebatten geht es um archaische, aber lange geduldete Methoden.

Eine der erwähnte archaischen Methoden ist die weit verbreitete Enthornung von Rindern. Wobei es - anders als für das veraltete Brandzeichen - durchaus rationale Gründe dafür gibt, wieso vor allem Milchkühen die Hörner entfernt werden - denn sie können sich mit ihren natürlichen Waffen gegenseitig verletzen.
Die hornlose Kuh (merkur-online)
Wolle ein Landwirt Rinder mit Hörnern halten, müsse er den Stall so konzipieren, dass die Tiere mehr Platz haben. „Das scheitert aber oft an der Wirtschaftlichkeit“, so Wachinger.
Daher ist es kein Wunder, dass sogar die meisten Bio-Bauern - wenn auch oft mit schlechtem Gewissen - den Kälbern die Hornanlagen ausbrennen.

Eine Ausnahme sind allerdings die biologisch-dynamischen Landwirte. In der anthroposophisch orientierten Landwirtschaft können Kühe ihre Hörner behalten. Und damit hätte ich einen Anschluss an meinen Artikel über Rudolf Steiner gefunden
Die Hörner von Kühen auf Demeter-Höfen dürfen nicht entfernt werden, dies ist laut Demeter-Richtlinien nicht gestattet. In besonders begründeten Ausnahmefällen ist das Enthornen zulässig, hierfür muss eine zeitlich befristete Ausnahmegenehmigung von der Organisation eingeholt werden.

Das ist im Sinne des Tierschutzes gut begründbar. Aber Steiner ging es, als er diese Regel formulierte, nicht in erster Linie um Tierschutz. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass bei Steiner oft Vernunft, mystisches Denken, Intuition und ausgemachte Spinnerei nahtlos ineinander übergehen. (Mit "Spinnerei" meine vor allem Steiners Neigung, einfach frei vor sich hin zu assoziieren - an sich eine gute Voraussetzung für kreatives Denken - aber dann die so gefundenen Gedankenketten nicht zu reflektieren, geschweige dann, (selbst-)kritisch zu hinterfragen.)

Auf die Frage, wieso die Kuh eigentlich Hörner hätte, gab Steiner folgende Antwort:
Die Kuh hat Hörner, um in sich hineinzusenden dasjenige, was astralisch-ätherisch gestalten soll, was da vordringen soll beim Hineinstreben bis in den Verdauungsorganismus, so dass viel Arbeit entsteht gerade durch die Strahlung, die von Hörnern und Klauen ausgeht, im Verdauungsmechanismus.
Rudolf Steiner, 4. Vortrag "Kräfte und Substanzen, die in das Geistige hineingehen: Die Düngungsfrage", S. 97 unten, aus: "Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft" (pdf)

Das ist keine Parodie, und auch kein böswilliger Versuch meinerseits, Steiner durch ein durch aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat als abgedrehten Esoterik-Spinner darzustellen.
Die vollständig Antwort Steiners auf die Frage "Haben Sie schon einmal nachgedacht, warum die Kühe Hörner haben, oder gewisse Tiere Geweihe haben?" findet sich auf den Seiten 96 - 98.

Montag, 29. März 2010

Plastikmüll im Meer - und ein Hoffnungsschimmer

Einer der bedrückendsten und dabei beeindruckendsten Dokumentarfilme der letzten Zeit ist Plastic Planet .

Eines der größten Probleme, die vor allem Verpackungen aus Kunststoffen ausgeht, ist der Plastikmüll im Meer. Es gibt mittlerweile gewaltige, zusammenhängende Müllteppiche. In einigen Meeresregionen, wie im Zentralpazifik und auch in der Sagossosee im südlichen Nordatlantik haben sich riesige Müllstrudel gebildet. Der pazifische Müllstrudel hat mitlerweile die Größe Zentraleuropas erreichen und besteht nach Schätzungen aus 100 Millionen Tonnen Kunststoffabfall.
Einen ausführlichen Überblick gibt dieses "scienexx"-Dossier:
Müllkippe Meer - Ein Ökodesaster mit Langzeitfolgen
Plastikmüll ist, weil die meisten Kunststoffe nur langsam abgebaut werden, ein Langzeitproblem. Wobei im Meer gerade der Zerfall des Mülls gefährlich ist: die schwimmenden Fragmente werden im Laufe der Zeit immer kleiner. Partikel von fünf Millimetern Größe und darunter sind besonders umweltgefährlich, da sie mit ihrer großen Oberfläche giftige Stoffe adsorbieren. Wird es dann von Meerestieren gefressen, landet das Gift in ihren Mägen.

Aber offensichtlich gibt es einen Hoffnungsschimmer: Wissenschaftler der Universität Sheffield in England und des Centre for Environment, Fisheries and Aquaculture haben jetzt möglicherweise eine Lösung gefunden, wie dieser Plastikmüll reduziert werden könnte. In ihrer Studie hatten sie unter anderem mit Hilfe von DNA-Analysen erforscht, welche Mikroben Polyethylen besiedeln, der Kunststoff, der beispielsweise für Plastiktüten eingesetzt wird. Die Forscher stellten fest, dass das Plastik von zahlreichen Bakterienarten bewohnt wird, die zusammen einen Biofilm auf der Oberfläche bilden. Allerdings waren nur bestimmte Typen von Mikroben an diesem Biofilm beteiligt, ihre Artzusammensetzung unterschied sich deutlich von der der sonstigen Meeresmikroben. Nach Ansicht der Forscher könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass die Plastik bewohnenden Bakterien sich auf den Kunststoff als Lebensraum spezialisiert haben und aktiv am Abbau des Kunststoffs beziehungsweise der giftigen Substanzen auf ihnen beteiligt sind.
Mikroben gegen Plastikmüll im Ozean.
Diese Untersuchungen sind im Zusammenhang mit einer Studie, die 2009 von Forscher um Katsuhiko Saido von der Nihon Universität in Chiba auf dem Treffen der American Chemical Society in Washington vorgestellt wurde, besonders interessant. Die japanischen Wissenschaftler zeigten, dass bestimmte Kunststoffabfälle unter Bedingungen wie im freien Ozean, wo er Sonne, Regen oder anderen Umwelteinflüssen ausgesetzt ist, schneller zerfallen als bisher gedacht.
Das ist allerdings nicht unbedingt ein gutes Zeichen, denn dabei wird nach den Erkenntnissen der Umweltchemiker unter anderem auch Bisphenol A frei. Die Chemikalie steht im Verdacht das Hormonsystem von Tieren massiv zu stören und Erbgutveränderungen auszulösen. Zu den von den Forschern nachgewiesenen Substanzen gehören zudem auch andere Umweltgifte wie Styrolmonomere, die eine krebsauslösende Wirkung haben können.
Daher ist die Entdeckung der englischen Wissenschaftler, dass die an Kunstoffpartikeln anhaftenden Bakterien auch diese Stoffe offensichtlich abbauen können, ein gutes Zeichen - und ein Hinweis, wie dieses drängende Umweltproblem bewältigt werden könnte.

Möglicherweise ist gerade das Bisphenol A, das der Regisseur des Films "Plastic Planet", Werner Boote, die größten Sorgen macht, gar nicht so gefährlich, wie er meint und wie es im Film dargestellt wird.
Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) als auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, EFSA) kamen unabhängig voneinander zu dem Schluss, BPA sei ungefährlich, da der hormonähnliche Stoff ziemlich schnell in der Leber unschädlich gemacht und innerhalb weniger Stunden ausgeschieden wird.

Wieso das so ist, stellt die Chemikerin Ilona Baldus in ihrem Science-Blog dar: Chemisch gesehen: Plastic Planet.

Samstag, 27. März 2010

"Licht aus" für eine Stunde ... ?

Heute abend gab es mal wieder eine rein symbolische Aktion, um ein "Zeichen zu setzen": Die Aktion "Earth Hour", mit der der WWF nach eigenen Angaben unter Andrem zeigen wollte, "dass jeder Einzelne etwas tun kann". Eine Welle der Dunkelheit rund um den Globus.
Nun, ich wäre (Vorsicht Sarkasmus!) ohne die "Licht aus"-Aktion nicht darauf gekommen, dass man Energie sparen kann, indem man unnötige Beleuchtung ausschaltet. Wesentlich sinvoller fünde ich es, wenn z. B. Gebäude gar nicht angestrahlt wurden, anstatt nur für eine symbolische Stunde z. B. die Lichter am Brandenburger Tor oder an der Oper von Sydney auszuschalten. Meiner Ansicht nach sind angestrahlte Gebäude nichts als Lichtverschmutzung - ein ewiges Ärgernis nicht nur für Astronomen und Nachttiere.
Der Verdacht liegt nahe, dass die Aktion sozusagen "moraltheologisch" gemeint war - man kann zeigen, dass man sich der "drängenden Probleme" (von denen der Klimawandel nur eines ist) bewusst ist und dass man zu den "Guten" gehört. Eine wirksame Demonstration für eine andere Energiepolitik sieht jedenfalls anders aus.

Da mittlerweile ein ziemlich großer Anteil des produzierten elektrischen Stroms für IT-Zwecke aufgewendet wird, dürften energieeffizentere Computer ein sinnvoller Beitrag zum Energiesparen sein. Da trifft es sich gut, dass gerade ein neuer Weltrekord in energieeffizienter Datenverarbeitung gemeldet wurde. Wissenschaftler am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Goethe-Universität Frankfurt haben ein Verfahren entwickelt, das den Energieverbrauch bei der Verarbeitung von großen Datenmengen deutlich reduziert. Damit erzielten sie einen neuen Weltrekord bei einem internationalen Wettbewerb zur effizienten Sortierung von Daten. Verglichen mit den vorherigen Rekordhaltern von der Stanford University steigerten sie die Energieeffizienz um das Drei- bis Vierfache.

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