Sonntag, 20. April 2008

"Pack die Alge in den Tank"

"Biosprit" muss nicht zwangsläufig mit der Lebenmittelerzeugung konkurieren. Es ist z. B. möglich aus Pflanzenabfällen Treibstoff zu gewinnen. Eine andere Möglichkeit bieten Mikroalgen-Kulturen.

Mikroalgen sind, anders als z. B. Getreide oder Raps, hervorragend für die Energieerzeugung geeignet, weil ihre Photosynthese einen besonders hohen Wirkungsgrad hat. In einer Mikroalgen-Kultur betreiben alle Zellen in gleichem Maße Photosynthese. Bei höheren Pflanzen photosynthetisieren nur die grünen Blattzellen, nicht jedoch die Zellen, die Wurzeln oder Stämme bilden. Deshalb ist der Biomasseertrag von Algenkulturen zehnmal größer als der höherer Landpflanzen. Diese Biomasse kann zur Produktion von Biodiesel, Bioethanol oder Biowasserstoff genutzt werden.

Besonders gut gedeihen die in Tanks gehaltenen Algenkulturen, wenn sie zusätzlich mit CO2 aus den Abgasen aus Kraftwerken "begast" werden. Die Algen wandeln sozusagen das CO2 in nutzbaren Treibstoff um - alles, was sie dazu brauchen, ist Wasser und Sonnenlicht.
Im industriellen Maßstab werden bislang weltweit weniger als 10.000 Tonnen Mikroalgen pro Jahr erzeugt. Das könnten in naher Zukunft erheblich mehr werden, denn mit Hilfe der Mikrosystemtechnik und der Mikroverfahrenstechnik kann die Produktion der Algen deutlich effizienter als bisher gestaltet werden.
Um die Nutzung von Algenbiomasse in Deutschland zu beschleunigen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Bundes-Algen-Stammtisch initiiert. Hier sollen neue Kooperationen und Entwicklungsprojekte für CO2-Emittenten und für künftige Nutzer der Algenbiomasse angeregt werden.

Auf dem Stand des BMBF (Halle 2, Stand C24) ist während der Hannover-Messe ein Wertschöpfungsmodell für die Energieerzeugung aus Algen zu sehen.

Aus: Umweltjournal - Die Alge im Tank.

Mehr Infos: Algenbioverfahrenstechnik.

Samstag, 19. April 2008

"Es geht um Abschreckung"

Ein sehr kluger Kommentar von Kai Bierman auf "Zeit online":
Es geht bei der Onlinedurchsuchung nicht darum, ein wirksames Instrument für Strafermittler zu schaffen. Das ist nach der Einigung von Innenminister Wolfgang Schäuble und Justizministerin Brigitte Zypries nun offensichtlich. Es geht um Abschreckung. Und es geht auf der anderen Seite darum, dass die demokratische Gesellschaft sich ihre Freiheiten und Rechte im Zeitalter des Internets neu erkämpfen muss.
Weiterlesen: Freiheitskampf im Netz.

Da passt es ins Bild, dass der Entwurf des neuen BKA-Gesetzes, dass laut Innenminister Schäuble den verfassungsrechtlichen Anforderungen genüge, nicht veröffentlicht wurde. Udos law-blog: Der nicht nachlesbare Entwurf. Die Dreistigkeit, des Innen- und des Justizministerium ist schon bemerkenswert: Wie kann man uns verkünden, dass der Gesetzentwurf den Vorgaben aus Karlsruhe genügen würde, und uns die Informationen, die wir bräuchten, um uns eine eigene Meinung bilden zu können, dennoch vorenthalten?
Ich sehe das als Beleg dafür, dass unsere politischen Entscheider einfach Angst haben - vielleicht vor Terroristen, aber ganz bestimmt vor dem Volk. Weshalb sie dem "mündigen Bürger" grundsätzlich misstrauen.
Nachtrag: Björn macht sich auf B.L.O.G. Gedanken über die Rolle der sich nach eigenen Angaben für die Bürgerrechte stark machenden Sozialdemokraten im Trauerspiel "Demokratieabbau auf Raten": Wer hat uns verraten ....

Nachtrag 2: Als pdf zum herunterladen: Entwurf für das neue BKA-Gesetz Stand 16. April 2008, via Netzpolitik.

Freitag, 18. April 2008

Warum mir "Tierrechte" suspekt sind

Obwohl ich mich dem Motto: "Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen? sondern: können sie leiden?" des Vereins "Menschen für Tierrechte" anschließen kann, gilt das sicher nicht für das Konzept "Tierrechte".

Ich schrieb vor gut zwei Jahren über Tierschutz und Tierrechte und die Organisation PeTA:
Um mögliche Missverständnisse zu vermeiden: Engagement für mehr Tierschutz ist bitter notwendig. Nach wie vor bestehen (grade in der deutschen Landwirtschaft) Tierhaltungsmethoden, die jeder Moral und jedem Mitgefühl Hohn sprechen. Engagement für die Erhaltung wildlebender Tiere und ihrer Lebensräume ist auch kein sentimentales Hobby, sondern Kernbestandteil des Umweltschutzes.
PETA geht es nach eigenen Angaben nicht um Tierschutz, sondern um Tierrechte. Womit nicht etwa das "Recht" auf nicht-quälerische Haltung gemeint ist. ("Recht" in Anführung, da Tiere keine Rechtssubjekte sind. Auch wenn meine Katze gerne auf "ihre Rechte" pocht.) PETA-Sprecher verkünden eine fragwürdige Ideologie, die Menschen und Tieren gleiche Rechte zubilligt. "Es gibt keinen Grund zu glauben, dass ein menschliches Wesen besondere Rechte hat," erklärte PETA-Gründerin und Vorsitzende Ingrid Newkirk. Von ihr stammt die Aussage: "Die Menschheit ist wie ein Krebsgeschwür gewachsen. Wir sind der größte Pesthauch auf diesem Planeten." Meiner Ansicht nach zeugt das mehr von Menschenhass als von Tierliebe.
Dieser Einschätzung bin ich treu geblieben - auch wenn ich heute den Link auf die "Achse des Guten" nicht mehr so leichthin setzen würde und meine Katze nicht mehr lebt. (Ich habe sie töten lassen, als sie an einem offensichtlich schmerzhaften und auf Antibiotika nicht ansprechendem schweren Abszess litt. Wohl gemerkt, ich vermeide den Euphemismus "einschläfern lassen". Als mein Bruder und ich sie im Wald beerdigt hatten, meinte mein Bruder, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach kein so schönes und würdevolles Grab erhalten würden. Ein seltsamer und paradoxer Gedanke.)

Nun ist "Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V." nicht PeTA und von der Überspanntheit, dem Fanatismus und der Heuchelei, den diese Organisation meiner Ansicht nach auszeichnet, offensichtlich ein gutes Stück weit entfernt.
Dennoch ist mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken, welche Konsequenzen die "Tierrechts"-Ideologie hätte, würde sie jemals in die Tat umgesetzt. Das hat zum Teil ganz lebenspraktische Gründe: ich weiß, dass wichtige Gebiete der medizinischen Forschung auf Tierversuche angewiesen sind. Und obwohl ich weiß, dass um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren, rechnerisch sieben Kilo Getreide benötigt werden, halte ich von einer veganen Lebensweise, die auch von "Menschen für Tierrechte" propagiert wird, nichts. Denn diese Betrachtung unterstellt, dass das Tierfutter alternativ für die menschliche Ernährung hätte genutzt werden können, was auf Getreide oder Soja zutrifft, nicht jedoch z. B. auf Gras.

Jeremy Bentham, von dem das Motto: "Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen? sondern: können sie leiden?" stammt, und der als einer der frühesten Tierrechtler gilt, ist meiner Ansicht nach ein Musterbeispiel dafür, wie "Aufklärung" tatsächlich dialektisch in "Barbarei" umkippen kann. (Frei nach "Horkdorno".) Jedenfalls denkt man bei seinem Namen heute weniger an Tierrechte, auch nicht an die Menschenrechte, deren unermüdlicher Anwalt er zeitlebens war, sondern an das Konzept des Panopticons. Dieses Gefängnis, in dem im Prinzip jeder Gefangene zu jeder Zeit unbemerkt beobachtet werden könnte, war von Bentham als Schritt zur Humanisierung des Strafvollzuges gedacht. Er hoffte, dass sich zu jeder Zeit alle Insassen regelkonform verhalten würden, da sie jederzeit davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Das Verlockende am Panopticon ist, dass es zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen führt, denn das Verhältnis zwischen effektiv geleisteter Überwachungsarbeit und erzeugter Angst, beobachtet zu werden, ist sehr effizient. Auch für von Ängsten gebeutelte Sicherheitsexperten und Innenpolitiker stellt das Prinzip "tugendhaftes Verhalten und totale Sicherheit durch permanente Angst, bei Regelverstoß erwischt zu werden" eine "süße Droge" dar, die sie alle Menschen- und Bürgerrechte missachten lässt.

Dem klassischen Utililtarismus Benthams und seines wichtigsten Schülers, John Stuart Mill, liegt eine Ethik zugrunde, die allzu leicht ins "barbarische" umkippen kann: das "Prinzip des größten Glücks“ ("Maximum-Happiness-Principle"), vor allem in seine mathematisierten Form: Um zu beurteilen, ob eine Handlung Leid oder Glück nach sich zieht, wird sozusagen alles entstehende Einzelglück addiert, und davon das entstehende Einzelleid abgezogen, der Saldo ergibt den Gesamtnutzen der Handlung. Das Glück und Leid jedes Menschen besitzt gemäß dieser Ethik das gleiche Gewicht - was regelmäßig zu ethisch-logischen Kurzschlüssen wie: "das Leben eines Einzelnen hat gegenüber dem Leben der Vielen kein Gewicht" führt. Kein Wunder, dass massenmordende Diktatoren wie Mao oder Stalin gern utilitaristisch argumentierten - bzw. utilitaristische Motive für Massenmorde vorschoben.
Eine weitere Gefahren liegt darin, dass Glück (oder auch nur Zufriedenheit) und Leid sich nicht messen lassen - die Gefahr liegt u. A. in der Zwangsbeglückung. Bezieht man, wie es Bentham tat, auch nichtmenschliche Lebewesen in das "Prinzip des größten Glücks“ ein, dann sind die Konsequenzen nicht selten "unmenschlich" - die meisten Tiere wären über das Aussterben der Menschheit vermutlich glücklich. Meines Wissens gehen aber nur wenige Tierrechtler so weit, dass sie Menschenrechte auf Tiere - und zwar alle Tiere übertragen würden.
Aber selbst die moralische Forderung, dass das Leben aller Tiere zu respektieren sei, würde zum Tod unzähliger Menschen führen: Nagetiere, vor allem Ratten und Mäuse, sowie Heuschrecken und andere Insekten sind buchstäblich Nahrungskonkurrenten des Menschen, ohne jede "Schädlingsbekämpfung" würde ein großer Teil der Ernten ausfallen. Abgesehen davon halte ich ethische/moralische Debatten darum, ob man z. B. Katzen gezielt gegen Hausmäuse einsetzen dürfe, für einigermaßen hirnrissig.

Die Erfahrung lehrt, dass Menschen, die versuchen, neue moralische Maßstäbe zu setzen, dabei oft die alten vergessen und unversehens bei einer eiskalten Unmoral landen.
In den Normen eine tierrechtsorientierten Moral ist beispielsweise ein Wissenschaftler, der lebensrettende Medikamente an Tieren testet, ein Verbrecher. Ob diese Haltung, wie bei PeTA, in menschenfeindlichen Fanatismus umschlägt, hängt allein von der Integrität und dem Gewissen der einzelnen Tierrechtler ab.

Donnerstag, 17. April 2008

Nachtrag zu "Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch?"

In meinem Beitrag Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch? habe ich mich ein wenig mit der Interpretation der "Odyssee" durch Adorno / Horkheimer in "Die Dialektik der Aufklärung" beschäftigt.

Ich machte mir dabei natürlich auch Gedanken darüber, wie Adorno /Horkheimer zu ihrer bemerkenswerten (und meines Erachtens weder Homer, noch der Odyssee, noch der griechischen Antike gerecht werdenden) Interpretation kamen.

Je mehr ich mich in den Text vertiefte, desto stärker wurde mein Eindruck, dass Adorno / Horkheimer bei ihrer Interpretation nicht vom Urtext der "Odyssee", sondern von schon vorhandenen Interpretationen ausgingen.
Der "Odyssee"-Exkurs berührt so gesehen die Frage, ob Homers Odysseus wirklich auf dem Weg zum bürgerlichen Individuum war, überhaupt nicht. Allenfalls geht es darum, ob Odysseus gemäß einer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktuellen, von der Psychoanalyse, dem Marxismus (historischen Materialismus) und dem bürgerlichen Fortschrittsgedanken inspirierten Interpretation Vorläufer des "aufgeklärten" bürgerlichen Menschen war.

Der zweite Eindruck: es ging Adorno / Horkheimer entweder gar nicht um die Antike - oder sie hatten eine Vorstellung von der antiken Gesellschaft, die mit dem, was wir über die griechische Gesellschaft zu Homers Zeit (und noch lange nach ihm) wissen, nicht viel zu tun hat.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung:
Der Träger des Geistes, der Befehlende, als welcher der listige Odysseus fast stets vorgestellt wird, ist trotz aller Berichte über seine Heldentaten jedenfalls physisch schwächer als die Gewalten der Vorzeit, mit denen er ums Leben zu ringen hat. Die Gelegenheiten, bei denen die nackte Körperstärke des Abenteurers gefeiert wird, der von den Freiern protegierte Faustkampf mit dem Bettler Iros und das Spannen des Bogens, sind sportlicher Art. Selbsterhaltung und Körperstärke sind auseinandergetreten: die athletischen Fähigkeiten des Odysseus sind die des gentleman, der, praktischer Sorgen bar, herrschaftlich-beherrscht trainieren kann.
Genauer gesagt: A. / H. haben den Eindruck, es wären Kämpfe sportlicher Art. Ich sehe das anders: zur Zeiten Homers (und erst recht zur Handlungszeit der Odyssee, gut 400 Jahre vor Homer) und selbst in der "griechischen Klassik" waren diese athletischen Fähigkeiten zugleich die "selbsterhaltenden" bzw. überlebenswichtigen Fähigkeiten eines Kriegers. Beim waffenlosen Nahkampf und dem Spannen und Schießen mit einem schweren Kampfbogen war der unblutige, "sportliche", Wettstreit in erster Linie "Training" für den Ernstfall. Aus der Probe seiner Kraft und Geschicklichkeit, die Odysseus gibt, wird schnell blutiger Ernst - er erschießt die "Freier" / Thronrivalen.
Noch zur Zeit Platons, fast 400 Jahre nach Homer, war das harte athletische Körpertraining der Epheben (jedenfalls offiziell) dazu bestimmt, die jungen Männer zu ausdauernden und kräftigen Soldaten auszubilden. Platon schlug nicht ohne Grund vor, die Übungen wieder "kriegsnäher" zu gestalten, als es zu seiner Zeit üblich wurde. Den reinen "Gentlemen"-Sportler gab es im antiken Griechenland wahrscheinlich erst nachdem sich in hellenistischer Zeit Berufs- und Söldnerarmeen gegenüber den "Bürgermilizen" durchgesetzt hatten. Wobei die Athleten, die z. B. in Olympia antraten, schon lange vor Plato Zeit und wahrscheinlich nicht lange nach Homers Zeit im heutigen Sinne "Profis" waren. Aber weiter:
Die von der Selbsterhaltung distanzierte Kraft gerade kommt der Selbsterhaltung zugute: im Agon mit dem schwächlichen, verfressenen, undisziplinierten Bettler oder mit denen, die sorglos auf der faulen Haut liegen, tut Odysseus den Zurückgebliebenen symbolisch nochmals an, was die organisierte Grundherrschaft real ihnen längst zuvor antat, und legitimiert sich als Edelmann.
A. und H. schreiben hier offensichtlich nicht von der Zeit Homers: erst einmal war die Kraft des "Berufskriegers" Odysseus nicht von der Selbsterhaltung getrennt, dann dürfte zu bezweifeln sein, dass Odysseus der "Feudalherr" seiner Rivalen war - es waren eindeutig "Edle", keine "Knechte / Sklaven". Odysseus erschießt seine Rivalen keineswegs symbolisch - nur wenn man die Handlung unmittelbar nachdem Odysseus den Bogen gespannt und den Pfeil durch Öhre der zwölf Streitäxte geschossen hat, abbricht, könnte man von einem "sportlichem Sieg" sprechen. Es stellt sich außerdem die Frage, was denn den "Freiern" durch Odysseus Grundherrschaft "real angetan" wurde - und wieso sich Odysseus durch den Sieg im Faustkampf und im Bogenkampf als "Edelmann" legitimiert. Er zeigt nur, dass er stark und geschickt ist. A. und H. unterstellen offensichtlich, dass zu Homers Zeiten eine Gesellschaftsordnung geherrscht hätte, die es dem "einfachen Mann" unmöglich gemacht hätte, ein guter Faustkämpfer und Bogenschütze zu werden. Ich vermute eine falsche Analogie: im Mittelalter konnte sich ein Ritter durch seine Fähigkeiten im Kampf zu Pferde als "Ritter" legitimieren, weil ein einfacher Bauer weder die Mittel für Rüstung, Waffen und den Unterhalt eines Schlachtrosse, noch die Zeit für die nötigen Waffenübungen gehabt hatte. Aber sowohl im Faustkampf wie im Bogenschießen konnte ein Bauer durchaus einem Ritter überlegen sein!
Es könnte auch sein, dass A. / H. an die Verhältnisse im frühen Industriezeitalter dachten: ein Fabrik- oder Landarbeiter hatte nicht die Gelegenheit, sich sportlich so zu üben wie ein "Gentleman" aus den besitzenden Ständen. Allerdings reichte es im 19. Jahrhundert überhaupt nicht aus, ein guter Sportler zu sein, um als "Gentleman" anerkannt zu werden.
Wie auch immer: "Odysseus" als Beispiel für einen Vorläufer des bürgerlich-aufgeklärten Menschen - oder als frühes Beispiel eines Grundherren und "Gentlemans" - funktioniert einfach nicht - es sei denn, man übernimmt exakt die Vorstellungen und (Vor-)Urteile Horkdornos über Homer, Odysseus und ihr gesellschaftliches Umfeld.

Jedenfalls interpretieren Adorno und Horkheimer eher etwas in die Odyssee hinein, als heraus!

29. April: Gegendemo mit Live-Konzert!

Am 1. Mai planen Rechtsextreme in Hamburg-Barmbek einen Aufmarsch.
Es gibt selbstverständlich eine Gegenveranstaltung - und zwar eine, die sich lohnt: am 29. April ab 16 Uhr am Busbahnhof Barmbek. Mit Live-Konzert. Mit zum Teil sehr prominenten Musikern.
Mit dabei sind: Deichkind - Schneller Autos Organisation - Holger Burner & Phillie Brandt - Samy DeLuxe - Jan Delay - Miss Leema - Silly Walks Soundsystem - Turbostaat - Knarf Rellöm Trinity - Plemo.

Weitere Infos zum Konzert gibt's hier!

Mittwoch, 16. April 2008

Stockfang

Ich habe nach langer Zeit mal wieder ein Stöckchen zugeworfen bekommen, und weil es so lange her ist ... - na, gut, ich mach mit!

1. Setze einen Link zu der Person, welche dir das Stöckchen zugeworfen hat.
Distel.

2. Erwähne die dazugehörigen Regeln in deinem Blog.
Fragen beantworten, Link setzen und Stöckchen weitergeben.

3. Erzähle von dir 6 unwichtige Dinge/Gewohnheiten/Macken.

3.1. Ich brauche niemanden, der mich besucht, zu erklären, dass ich Science Fiction- und Fantasy-Fan bin - dafür sprechen nicht nur zahlreiche Regalmeter voller entsprechender Literatur oder die Thematik der an den Wänden hängenden Bildern, sondern auch Raumschiffsmodelle, Drachenfiguren und allerlei "utopischer", "fantastischer" oder "exotischer" Nippes. Der Vorteil dabei: Kein Mensch wundert sich über mein Trinkhorn, Runen, Pentagramme, Thorshämmer oder schamanisches Zubehör. Es gibt allerdings Menschen, die das bei einen Mann "meines Alters" für "ein Zeichen der Unreife" halten. Ich frage mich, wie es um die geistige Reife von Menschen bestellt sein muss, die auf die Idee kommen, ihre Reife ausgerechnet durch Wohnungsdekoration demonstrieren zu wollen.

3.2. Ich habe zwar keine Telefonallergie, aber ich bin - relativ - "anruffaul".

3.3. "Koffeinsucht". Aber nicht um jeden Preis: "mein" Kaffee oder der Tee muss stark und aromatisch sein. (Nieder mit Plörrkaff und Tee-Erinnerungs-Wasser!)

3.4. Ich rede gern und viel und falle sicherlich auch dem Einen oder der Anderen ins Wort oder mische mich in Gespräche ein, die mich eigentlich nichts angehen.

3.5. Ich bin (oder halte mich für) kreativ, spontan, einigermaßen gebildet und neugierig auf alles, was ich noch nicht weiß. Und ich lasse das jede(n) wissen, egal, ob sie / er das wissen will oder nicht.

3.6. Ich neige - paradoxerweise - dennoch dazu, meine Werke zu unterschätzen.

4. Gib das Stöckchen am Ende deiner Antworten an 6 Leute durch Verlinkung weiter.

Na gut, hier meine Opfer (in der Hoffnung, dass ihnen nicht jemand anders schon dieses Stöckchen zugeworfen hat):

Karan
Cynx
Hellblazer
Volkmar
Hunty
Stefanolix

Montag, 14. April 2008

Löscht die olympische Flamme! (Und nicht nur wenn die Spiele in einer Diktatur stattfinden.)

Im Zusammenhang mit einem Aufstand in Tibet, über dessen Natur man hierzulande wenig weiß, aber viel vermutet, der Reaktion der chinesischen Regierung auf diesen Aufstand, der tendenziösen und manipulativen Berichterstattung westlichen Medien über den Aufstand und die chinesischen Reaktionen auf den Aufstand, und der hysterischen und albern-verschwörungstheoretischen Reaktion chinesischen Medien auf die tendenziöse und manipulative Berichterstattung westlichen Medien ist auch vom offensichtlich bedeutungsschwangeren "olympischen Feuer" und dessen Schutz die Rede.

Wenn man sich die Ursprünge des "olympischen Feuers" ansieht, dann steht es schwerlich für das, was heute zum "olympischen Gedanken" erklärt wird (als da wären: fairer Wettstreit, Völkerverständigung, Frieden, Freiheit, Gleichberechtigung, usw. usw. usw. - nicht zu vergessen die großen olympischen Geisterbeschwörungen: der Beschwörung des Geistes von Baron Pierre de Coubertin und die Beschwörung des Geistes der Antike).

Mit dem Baron de Coubertin hat die Flamme und der Fackellauf nichts zu tun, denn erst 1928 wurde erstmals eine "olympische Flamme" entzündet. Das heute übliche Feuerritual - mit feierlicher Entzündung im Hain von Olympia, Fakelläuferstaffette, feierlicher Entzündung des Feuers, Bewahrung der "Reinheit der Flamme" usw. - wurde zur Nazi-Olympiade von 1936 eingeführt - wobei es letzten Endes egal ist, ob die Idee aus dem Propagandaministerium kam oder doch vom nazi-hörigen Sportfunktionär Carl Diem, dem Organisator der olympischen Spiele.

Was die Antike angeht: man könnte, mit viel Mühe und einige Verdrehungen, im heilige Feuer der Hestia und in den Fackelumzügen im alten Athen, "historische Vorbilder" für den neuzeitlichen Feuerkult konstruieren. Denn etwas, was auch nur annähernd dem Nazi-Fackellaufspektakel entspräche, gab es im antiken Griechenland nicht.
Der olympische Fackellauf steht im Fokus antichinesischer Demonstranten. Aber schon seitdem die Nazis die Propaganda-Veranstaltung 1936 einführten, wird gegen das Ritual der "scheinheilgen Flamme" demonstriert.

Wikipedia: Olympische Flamme
Zeit-online: Fragen zum Fackellauf
einestages.spiegel.de: Wenn die Flamme nicht lang fackelt
heise-tp: "Löscht die Flamme".

Nun mag sich mancher meiner Leser die Frage stellen, wieso ich mich über so ein Symbol, mag es auch von den Nazis erfunden sein, aufregen würde. Ich würde ja schließlich auch nicht die Autobahnen boykottieren oder auf die Verlegung der gewerkschaftlichen 1.Mai-Kundgebungen auf einen anderen Termin bestehen (weil der 1. Mai unter den Nazis Feiertag wurde).

Der Grund liegt daran, dass die Symbolik seitens der Nazi-Propaganda sehr sorgfältig ausgewählt und ebenso sorgfältig inszeniert wurde. Ein "Symbol" ist immer mehr als ein simples Zeichen - es steht für etwas, es bewirkt etwas.
Für die Fachleute unter meinen Lesern: ich beziehe mich auf den Symbolbegriff von Ernst Cassierer (Der Mensch hat nur über Symbole einen Wirklichkeitsbezug), den von Goethe (Symbol auf als "aufschließende Kraft“, die im Besonderen das Allgemeine (und im Allgemeinen das Besondere) darzustellen vermag) und Joseph Campbell (Verweis des Symbols auf die Transzendenz.) Ich gebe zu, dass es schwierig ist, diese drei Auffassungen zusammenzudenken. Sie sind eher komplementär als kompatibel.
Der Mythos des Olympischen Feuers ist insofern echt, als das er wirkt, mag er ursprünglich ein eher banales, ahistorisches und "zusammengeklautes" Propagandakonstrukt sein.
Einen Eindruck von dem "Programm", das hinter der Fackellaufsymbolik steht, gibt die Anfangsszene eines (leider) hervorragend gemachten und (noch mehr leider) auch für mich ästhetisch reizvollen Films: Leni Riefenstahls Olympia-Film "Fest der Völker".
Die Kamera fährt durch eine in Dunst gehüllte Landschaft, in der die Überreste antiker Tempel, oft nur überwachsene Mauerreste und zertrümmerte Säulen, zu sehen sind. In einer für damalige Verhältnisse erstaunlich fließenden Fahrt nähert sich die Kamera einem besser erhaltenen Tempel inmitten der antiken Steine, umkreist ihn. Die Köpfe und Körper griechischer Statuen erscheinen in der Landschaft, von der Kamera Riefenstahls geradezu sinnlich umkurvt und umschmeichelt. Durch Überblendung "erwacht" ein nackter Diskuswerfer "zum Leben", auch andere marmorne Athletenstatuen werden "lebendig". Schließlich "erwacht" eine Statue eines Speerwerfers. Der Speer zielt auf eine Feuerschale. Ein (beinahe) nackter Athlet entzündet die olympische Fackel, hebt sie triumphierend empor.
(Der Wirkung tut es keinen Abbruch, wenn man weiß, dass (einige der) "antiken Ruinen" aus Pappmaché bestanden, weil die Aufnahmen aus dem antiken Olympia nicht für die Inszenierung zu gebrauchen waren, und dass die (fast) nackten Modellathleten nicht im heißen Sand von Olympia, sondern am zur Zeit der Aufnahme recht kühlen Strand der Ostsee agierten.)
Überblendung zum "realen Geschehen": der Fackellauf beginnt. Es wird gezeigt, wie die Flamme von einem Träger zum nächsten weitergegeben wird, bis zum im Film noch gewaltiger als in der Realität wirkenden Berliner Olympia-Stadion. Hier entzündet der letzte Läufer der Stafette die Olympische Flamme, einen einem antiken Altar nachempfundenen Gasbrenner. Die Kamera verharrt auf der Sonne, vibrierend in der heißen Luft über der Flamme. Die Menschenmassen jubeln, Hitler grüßt die Flamme.

Der erste Eindruck: "Ganz großes Kino", in doppelter Bedeutung. Dieser imposante Eindruck, sowohl des Fackellaufes wie seiner filmischen Inszenierung, wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass das IOC nach 1945 so unkritisch an der Nazi-Symbolik festhielt - sie ist einfach eine zu "gute" Show; so, wie bisher alle olympischen Spiele mehr oder weniger deutlich die Nazi-Olympiade von 1936 imitierten.
Was zeigt die Filmsequenz, symbolisch betrachtet? Sie zeigt, unter anderem, wie die Fackel vom antiken Griechenland an Nazi-Deutschland weitergegeben wird. Das "3. Reich" beansprucht das Erbe der Antike. Der Anspruch ist, wie viele Ansprüche der Nazis, so hohl und papiern wie die Säulen in Leni Riefenstahls Studiodekoration; er funktioniert nach dem Prinzip: "Frechheit siegt!" Wird er nur laut genug verkündet und oft genug wiederholt, wird "die breite Masse" diese Behauptung schlucken. So, wie sie geschluckt hat, dass die Nazis die "rechtmäßigen Erben" der alten Germanen seien, oder die, dass "Arier" grundsätzlich allen anderen "Rassen" überlegen seien - oder den, dass sich der Vernichtungsantisemitismus "wissenschaftlich begründen" ließe. Das Schlimme ist, dass die meisten dieser "geschluckten" Behauptungen den Untergang der Nazireiches überlebten - manche bis heute.

Natürlich stellt das heutige IOC die Fackellauf-Symbolik anders dar - die Flamme würde die positiven Werte, die die Menschheit schon immer mit dem Feuer verbunden hätte, symbolisieren, oder dass die Fackelstafetten eine Botschaft des Friedens und der Freundschaft unter den Völkern aussenden.
Das Dumme ist nur, dass die olympischen Rituale immer noch die selbstverliebte, selbstherrliche und herrische "braune Aura" des Nazimythos umwabert. Man denke nur an die umständlichen Vorkehrungen, mit der die "Reinheit der Flamme" gesichert wird - wird sie (wie dieses Jahr mehrmals geschehen) gelöscht, muss sie mit z. B. in einer Grubenlampe "bewahrtem" Originalfeuer neu entzündet werden. Erlöschen alle "Backup-Flammen", dann muss gemäß dem Reglement die Flamme im heiligen Bezirk von Olympia neu entfacht werden.
Mir fällt dazu nur ein: ein religiöser Ritus. Und zwar einer, der mit der heidnischen Antike nichts gemeinsam hat - aber alles mit dem Mystizismus der Nazis (und ihrer Pedanterie).

Ich habe eine lange und ernsthafte Diskussion über die Frage geführt, ob z. B. Runen in der Öffentlichkeit verwendet werden dürfen. (Nicht juristisch gesehen, sondern moralisch.) Auch wenn ich dabei Anregungen der Art, man möge, im Zuge der "Null-Toleranz" und einer Politik der Nadelstiche, einige von Nazis und Neonazis verwendete Runen "verbieten", für abwegig (und nebenbei sinnlos) halte, so kann ich das Unbehagen etwa des Journalisten Thoralf Staud angesichts eines rechtsextremen Dachdeckers, der mit der "Lebensrune" in einem Schaukasten direkt vor dem Anklamer Gymnasium wirbt, ohne dass es jemanden stört, gut nachvollziehen. (Zeit online: Glatzenbrot und Lebensrunen.) Das gilt unabhängig davon, dass die entsprechende Rune nicht von den Nazis erfunden, sondern "nur" missbraucht wurde, dass die Deutung dieser Rune (im älteren Futhark Algiz - Elch - genannt - sieht so aus wie das "Peace"-Zeichen, nur auf dem Kopf stehend und ohne Kreis) als Lebensrune (vorsichtig formuliert) umstritten ist, und dass nicht jeder, der diese oder andere Runen verwendet, rechtsextrem sein muss.
Das Fazit, das ich aus der Diskussion gezogen habe: die Runen können zwar nichts durch ihre Verwendung durch Nazis und es ist keine gute Idee, den inwändig Braunen diese Symbole einfach zu überlassen, aber es wäre eine noch schlechtere Idee, zu vergessen, dass Runen auch "beliebte" Nazi-Symbole sind. Die zur Zeit meist verwendete "echte" Rune ist übrigens eine "Binderune" aus Hagalas (in der Sternform des jüngeren Futhark, Lautwert "H") und "Berkano" (Lautwert) "B" - die Initialen Harald Blauzahns als Symbol für "Bluetooth". Eine locker-unbefangene Form der Runenverwendung, die dem düsteren Nazi-Mystizismus genau so entgegengesetzt ist, wie etwa die Ansuz-Berkano-Berkano-Ansuz Tätowierung, die ein Wikinger im Zeichentrickfilm "Asterix und die Wikinger" trägt.

Überträgt man diese Erfahrung auf den olympischen Fackellauf, der, anders als die Runen, wirklich eine Nazi-Erfindung ist, so verbietet sich die unkritische (!) Weiterverwendung dieser Symbolik eigentlich automatisch. Zumindest mit der "sakralen Aura" der Flamme, die wie gesagt eine "braune Aura" ist, müsste Schluss sein. Leider ist das IOC und sind die nationalen olympischen Komitees in dieser Hinsicht völlig unkritisch.
Eine ohne Brimborium mit dem Feuerzeug entzündete Flamme würde, wenn man schon ein feierliches Symbol für die Dauer der Spiele braucht, völlig ausreichen. Lockerheit ist ein gutes Gegenmittel gegen Nazi-Mystizismus. Ansätze zur heiteren Lässigkeit gab es schon bei einigen olympischen Spielen - leider immer nur Ansätze. Das starke Repräsentationsbedürfnis der Veranstalter lässt den Abschied von Inszenierungen frei nach "1936" offensichtlich nicht zu.

Soweit der allgemein-politische Teil meines Unbehagens gegenüber der olympischen Fackelstafette.
Es ist meine sprirituelle Ausrichtung, die dieses "politische" Unbehagen verstärkt. Es heißt, dass es den Urhebern eines Rituals "spirituelle Energie" zuführt, wenn dieses Ritual von anderen ausgeübt wird. Sicher, das klingt arg nach Esoterik-Messe. Wenn man aber "Energie" auch im übertragenen Wortsinn begreift, und überhaupt eine metaphysische Wirksamkeit von Ritualen - egal wie und auf welchem Wege - für möglich hält, dann wird schnell klar, weshalb es mir bei der "Wiederaufführung" eines Nazi-Rituals ziemlich flau im Magen wird.

Ein anderes "Ritual" - oder besser gesagt, die dem Nazi-Feuerzauber vorausgehende Inszenierung - verursacht bei mir kein flaues Gefühl im Magen, sondern einfach nur bitteres Lachen.

Auch die "Entzündungs-Zeremonie" der olympischen Flamme stammt offensichtlich aus dem Kino - allerdings nicht aus einem (leider) ästhetisch ansprechendem Propagandafilm, der durchaus zurecht zu den besten Sportfilmen aller Zeiten gerechnet wird, sondern aus einem billigen "Sandalenfilm" aus den 50er oder 60er Jahren, etwa vom Kaliber "Herkules und die Königin der Amazonen".
Kernelement sind Schauspielerinnen in weißen Gewändern, die edel-gemessen dahinschreitend eine Art Eurythmie-Vorführung im Freien aufführen, ganz so, wie sich der von jeder historischen Bildung unbeeinflusste "kleine Max" das klassische Griechenland vorstellt. ("Asterix bei den Olympischen Spielen" ist da erheblich authentischer.) Mit der Antike, dem spürbaren "Genius Loci" des alten heiligen Bezirkes, dem Geist und der Geschichte des antiken Olympias, hat diese alberne Zeremonie nichts zu tun. Mit dem (mutmaßlichen) Ablauf der einst in Olympia ausgeübten Rituale erst recht nichts.
Richtig "nett" wird es, wenn die "Priesterin" die alten Götter Griechenlands anruft: "Apollon, Gott der Sonne und des Lichtes, schicke deine Strahlen und entzünde die heilige Fackel für die gastfreundliche Stadt Peking. Und Du, oh Zeus, schenke Frieden allen Völkern der Erde und bekränze die Sieger des heiligen Wettkampfes." Irgendwie erinnert mich das an Ritualversuche pubertierender Mädchen, die ein ganz tolles Buch von, sagen wir mal, Hexe Sandra gelesen haben, und nun glauben, ganz doll magische Junghexen zu sein. Oder (Vorsicht Insiderwitz!) an Asatrú nach "Hägar dem Schrecklichen".
Zum Glück für die Veranstalter haben die alten Götter und die meisten ihren Anhänger Humor. Würde bei der "Flammenentzündung" z. B. eine katholische Messe in ähnlicher Weise verhackstückt, wäre das vermutlich das Ende des Fackelzaubers - wenn nicht der olympischen Spiele. Die Folgen eines entsprechenden pseudo-islamischen Ritual-Schmierentheaters für den Weltfrieden möchte ich mir gar nicht ausmalen ...

Sonntag, 13. April 2008

Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch?

Nachdem ich einen Bischof für die Art und Weise kritisierte, wie er Homers "Odyssee" als mythische Belegstelle für seine These heranzog (Marginalie: Warum lehnte Odysseus die Unsterblichkeit ab?) will ich über den wohl bekanntesten Fall, in dem die "Odyssee" als Steinbruch einer modernen philosophischen These verwendet wurde, nicht schweigen.

Ich meine natürlich Theodor W. Adorno und Max Horkheimer und ihre Deutung der homerischen Odyssee in ihrem berühmtesten Werk, der Aufsatzsammlung Dialektik der Aufklärung.
In der "Dialektik der Aufklärung" geht es zentral um die Fehlentwicklung der Zivilisation seit der Aufklärung, die im "Faschismus" kulminiert - wobei Horkheimer/Adorno vor allem an den deutschen "Nationalsozialismus" mit seinen Vernichtungskriegen und seinem millionenfachen, industriell organisierten Mord dachten.
Ihre zentrale These dabei ist, dass das Scheitern der Aufklärung, das zu einer Barbarei führte, das jeden noch so grausamen "Barbaren" der vorindustriellen Zeit vor Entsetzen hätte erbleichen lassen, bereits in der „instrumentellen Vernunft“ ihres Denkens angelegt ist.
Aus der "instrumentellen Vernunft" (die z. B. technischen Fortschritt als Machtinstrument gegenüber den einzelnen Menschen gebraucht) und ihrer Anwendung im Kapitalismus entsteht der Faschismus als logische Fortsetzung. Ich hoffe, dass philosophisch und soziologisch beschlagene Leser mich für diese etwas schräge Darstellung nicht schlagen werden.
Der "Odysseus-Exkurs" in dieser Sammlung wird Adorno zugeschrieben.
Adorno begreift (so verstehe ich ihn jedenfalls, ganz leicht verständlich ist der Text nämlich nicht) die Odyssee als Allegorie. Anhand der "Odyssee" veranschaulicht er die Entstehung des "bürgerlichen Individuums" bzw. "des autonomen Selbst". Odysseus kämpft gegen die Abhängigkeiten von der Natur und den die Natur interpretierenden Mythen. Die Natur erscheint in Gestalt der Götter, Nymphen und Ungeheuer gegen die er kämpft, die er überlistet und denen er widersteht. Er gewinnt diesen Kampf durch die Anwendung der List bzw. der instrumentellen Vernunft und durch Triebunterdrückung (er widersteht den Sirenen, der Kirke, der Kalypso usw.).
Die List (alias instrumentelle Vernunft) bildet den Kern des modernen Tauschprinzips, deren Äquivalent in der mythischen Zeit im Opfer bereits angelegt ist. (So wurde in der Regel nur ein Teil der Opfertiere wirklich dem menschlichen Gebrauch entzogen, also geopfert.) Das Moment des "Betruges im Opfer" setzt sich fort in der Listigkeit des Odysseus. Er setzt der Natur sein Bewusstsein entgegen. Indem er die Natur bekämpft, verleugnet er einen Teil seiner selbst, die Triebgesteuertheit. Diese Selbstverleugnung ist bereits eine Form der für die bürgerliche (= kapitalistische) "aufgeklärte" Gesellschaft typischen Entfremdung.
In Adornos/Horkheimers allegorischer Deutung stehen verschiedene Abenteuer des Odysseus für verschiedene geistige Zustände des Helden, die zugleich repräsentativ für die verschiedenen Stufen der "Zivilisationsgeschichte" ist - einer Entwicklung vom vorbewussten Denken über den Mythos, das Epos zur Ratio (und damit der Aufklärung).
Die Lotophagen stehen für einen vormythischen Geisteszustand (Zeitlosigkeit, scheinbares Glück durch Vergessen). Da sich aber Odysseus in der Zeit durch Vernunft und Fortschritt konstituiert, kann er ein Bleiben bei den glücklichen Lotosessern nicht dulden, da das einen Rückfall in die vormythische Zeit und damit den Zustand der Bewusstlosigkeit wäre.
Polyphem, der Zyklop, steht für einen Zustands der Barbarei, der Gesetzlosigkeit und des Mythos. Der Zustand der Gesetzlosigkeit, der Unordnung im Denken und Handeln, wurde von Odysseus überwunden. Um sich aus der Höhle des Polyphems retten zu können, muss Odysseus sich selbst verleugnen - er verleugnet seinen Namen - also einen Tausch eingehen. Indem er sich so verleugnet, entsagt er seinem Status als Subjekt. Um wieder Subjekt zu sein, gibt er auf der Flucht seinen Namen preis - obwohl er sich damit der Rache durch Polyphems Vater Poseidon aussetzt.
Die Zauberin Kirke repräsentiert die magische Stufe der Bewusstseinsentwicklung. Sie führt ihre Opfer in einen Zustand des Vergessens (vorbewusster, "animalischer" Zustand - bei Kirke wörtlich zu nehmen: sie verwandelt Männer in Schweine). Sie ist Prototyp der Hetäre (worunter Adorno offensichtlich eine "Femme Fatal" verstand und keine gebildete Prostituierte). Auch hier besteht wieder die Gefahr des Rückfalls in die vormythische Zeit des triebgesteuerten Handelns, des Verlustes von Selbstbewusstsein. Kirke sei das Urbild der Frau als "Naturwesen", die in der patriarchalen Gesellschaft in der Ehe nur als Machtempfangende bestehen kann.
Odysseus' Frau Penelope und die Heimkehr nach Ithaka steht für den zustand der Ratio, des verstandesmäßigen Denkens. Sie setzt die von Kirke eingesetzten Prinzipien fort (die Selbstentfremdung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft). Penelope hat die Werte dieser patriarchalischen Gesellschaft völlig verinnerlicht.
Der Hades, das Totenreich, steht für das Reich der Mythen und Bilder. Odysseus erkennt ihre "Unwahrheit" (sieht, das es nur leblose Schatten sind) und erhebt sich als Subjekt über sie. Erst wenn er die Irrationalität der Mythen erkannt hat, kann er wirklich heimkehren. Hierin liegt das bürgerliche Prinzip der Heimat begründet, dem alle Sehnsucht des Subjekts gilt, das aber zugleich die Entfremdung in sich trägt.

Odysseus, der Prototyp des aufgeklärten Bürgers, kann nur Subjekt sein, indem er immer wieder Triebverzicht übt, mit ordnender Vernunft die innere und äußere Natur beherrschbar macht. Als Subjekt sichert er sich ab in den bürgerlichen Werten von Heimat und Eigentum. Das Tauschprinzip beherrscht stets sein Handeln. Um Macht über die Natur auszuüben, muss er ständig Verzicht üben und einen Preis zahlen - den Preis der Entfremdung.

***

Bezeichnend finde ich, dass Ardorno / Horkheimer fast immer
von "der Aufklärung" oder "der Vernunft" schreiben - und nicht von der Anwendung instrumenteller Vernunft für gelegentlich auch "unvernünftige" Zwecke (im Sinne einer "lebenspraktischen Vernunft"). Um Odysseus' Taten beurteilen zu können, müsste man sich also seine Ethik ansehen.
Nach dem Verlassen des "dank" seiner "instrumentellen Vernunft" eroberten, geplünderten und niedergebrannten Trojas überfällt er mit seiner Gefolgschaft die mit den Trojanern verbündeten thrakischen Kikonen. Damit handelt er nicht gegen die zu seiner Zeit gültigen "moralischen Gesetze" (Odysseus würde sagen: "Wer meinen Feind unterstützt hat, verfällt ebenfalls der Rache!"). Er folgt dabei, wie schon vor Troja, einer brutalen "der Zweck heiligt die Mittel"-Ethik. Das ändert sich im Verlauf der Odyssee.
Oberflächlich gesehen folgt seine Rache an den "Freiern" seiner Frau, also seinen Rivalen um die Macht, einem ähnlichen Schema - will er zurück auf den Thron, müssen erst die Rebellen vernichtet werden. Allerdings hat Odysseus dabei etwas, was er vorher nicht hatte: ein schlechtes Gewissen. Er erkennt, dass er mit seinen (politischen) Gegnern auch die fähigsten Männer Ithakas getötet hat. Außerdem handelte er, anders als vor Troja und bei den Kikonen, nicht ausschließlich aus egoistischen Motiven. Modern gesprochen stellt er die "staatliche Handlungsfähigkeit" wieder her. (Die Moglichkeit einer "geregelten Machtübernahme" besteht nicht, solange Penelope nicht Odysseus für tot erklärt hat. Außerdem ist sie zweifelhaft, da die Rebellen untereinander zerstritten sind - jeder von ihnen wäre gerne König.) Wenn man so will, kann man hier Ansätze einer "Staatsraison" erkennen. Soweit ist Adornos/Horkheimers Ansatz zwar arg überspitzt, aber nicht abwegig.
Aber die "ethische Vernunft" ist auch Thema der Odyssee. Geradezu revolutionär im Vergleich zu anderen, auch wesentlich jüngeren, Epen und Sagen, ist das Ende: Die Göttin Athene (Göttin der Weisheit) schlichtet den Streit zwischen Odysseus und den Verwandten der erschlagenen Freier. Oder, allegorisch interpretiert: die Weisheit ("ethische Vernunft") überwindet die Blutrache, die die Folge der "instrumentellen Vernunft" des Odysseus, die zum Massakers an den "Freiern" führte, ist.

Aber zurück zur Adorno/Horkheimers Odyssee-Interpretation. Dass sie anachronistisch ist, in dem Sinne, dass Homer bestimmt nicht absichtlich das hineingeschrieben hat, was sie aus dem Epos herauslesen, wissen sie selber. Im Grunde benutzen sie den allgemein bekannten Stoff als "Steinbruch" für griffige Beispiele - in wenig griffiger Sprache.
Einschub: Der Kontrast zwischen dem verschrobelt-bildungsbürgerlichen Professoren-Deutsch "Horkdornos" und dem ebenfalls stark vom heutigen Sprachgebrauch abweichendem Deutsch der mir vorliegenden Odyssee-Übersetzung von Johann Heinrich Voß schmerzt beinahe körperlich. Die Sprache der voßschen Versübersetzung ist konstruiert, eben eine "Kunstsprache", die niemals Umgangsprache war oder hätte sein können. Damit endet aber auch schon die Gemeinsamkeit mit Adorno/Horkheimer. Voß' über 200 Jahre alte Odyssee-Übersetzung ist trotz der manchmal ungewöhlichen Wortwahl auch heute noch gut verständlich. Die Syntax ist klar, trotz der Fesseln des strengen Versmaßes. Ein "schönes" Deutsch - so wie Homer ein klassisches "schönes" Griechisch schrieb. Ich bin noch niemandem begegnet, der Adornos oder Horkheimers Deutsch "schön" fand. Entschuldigung, das musste sein!

Ich halte Odysseus keineswegs für einen Vorläufer / Prototypen des modernen, aufgeklärten, aber stark "verkopften", triebunterdrückenden bürgerlichen Individuums. Auch von dem Modell der stufenweisen geistigen Entwicklung halte ich wenig.

Odysseus liegt keineswegs außerhalb der Tradition der griechischen Heroen. Schon Theseus, Iason, Oidipous, Daidalos usw., sogar der übermenschlich starke Herakles, bestanden ihre Abenteuer nicht nur mit körperlicher Stärke und Mut, sondern immer auch mit einer "ordentlichen Portion Grips". Seine List, die er gegen die "Naturgewalten" einsetzt, ist also nichts Neues. Neu ist allerdings, wie sehr Odysseus als unverwechselbares menschliches Individuum - und nicht als Idealtypus - gezeichnet wird. Darüber hinaus ist Odysseus weniger ein strahlender Held, sondern er ist ein im Großen und Ganzen vorbildlicher Charakter - mit "kleinen" Fehlern und deutlichen Schwächen. Odysseus wagt - wenn auch mit dem Beistand einer Göttin - Widerstand gegen göttliche Gesetze. Obwohl er weiß, dass er seinem Schicksal nicht entrinnen kann, versucht er es so weit wie möglich in die eigenen Hände zu nehmen.
Triebverzicht ist nicht seine Sache: Er zeugt mit der Kirke den Telegonos und teilt mit Kalypso das Lager. Er ist habgierig und legt seiner Habgier nur da Zügel an, wo unmittelbare Gefahr droht. Selbstbeherrschung ist bei ihm nur Taktik.

Odysseus markiert in der Tat einen wichtigen Schritt in Richtung "Aufklärung" - im Sinne der Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Aber er markiert keine Etappe auf dem Weg zum gut funktionierenden bürgerlichen Individuum.
Er ist ein "Selberdenker", ein Querkopf, ein hinterlistiger Bursche. Ich kann ihn mir mühelos 1500 Jahre nach Homer als Kommandant eines Wikingerschiffes oder noch mal 750 Jahre später als Freibeuterkapitän vorstellen - aber auch als Befehlshaber auf einem Expeditionsschiff des 19. Jahrhunderts. Aber nicht als Kapitän eines Containerfrachters oder einer Lenkwaffenfregatte oder gar als "Wirtschaftskapitän". Er ist alles andere als ein in irgend einer Weise "bürgerlicher" Mensch. In der heutigen Zeit wäre ein Mensch mit seiner unangepassten, rebellischen und skrupellosen Natur ein gesellschaftlicher Aussenseiter.
Nachtrag: ich habe meinen Text der besseren Verständlichkeit zuliebe leicht überarbeitet. Irgendwie steckt die "Dialektik der Aufklärung" sprachlich an.;-)

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