Sonntag, 9. Dezember 2007

Muss die Geschichte der Wikingerzeit umgeschrieben werden?

Dass die Geschichte umgeschrieben werden muss meint jedenfalls die norwegische Zeitung "Aftenposten" anlässlich der Entdeckung zweier großer wikingerzeitlichen Hallen in Borre (Vestfold).
(Der Aftenposten-Artikel auf Englisch: Rewrites Viking history)

Tatsächlich stellt die Entdeckung solcher "Königshallen" in der Nähe der Grabhügel von Borre die bisherigen Ansichten über die Machtverteilung im wikingerzeitlichen Norwegen in Frage. (Borre liegt am Westufer des Oslofjords, in der Nähe der Hafenstadt Horten.)
Die Grabhügel von Borre entstanden zwischen 560 - 1050 u. Z. . Sieben große und über 30 kleinerer Hügel bilden das größte frühmittelalterliche Grabhügelfeld Nordeuropas. Leider wurden alle Gräber später geöffnet und ausgeplündert. Dennoch gelangen einige kunsthistorische bedeutsame Funde ("Borrestil").

Die Hallen wurden mit Magnetometern und Bodenradar lokalisiert (größere Grabungen am Fundort stehen anscheinend noch aus).
Die größere hölzerne "Königshalle" wurde auf die Zeit um 700-800 datiert und könnte 40 m lang und 12 - 13 m breit gewesen sein. Damit wäre sie die größte bisher gefundene wikingerzeitliche Halle in Vestfold. Das deutet darauf hin, dass Borre nicht nur ein Begräbnisplatz war, sondern ein echtes Machtzentrum. Nach Ansicht der Archäologin Lena Fahre vom Midgard-Geschichtszentrum trafen sich hier Stämme aus ganz Nordeuropa zu Opferritualen.

Die am Fund beteiligten Archäologen sind der Ansicht, dass die bisherige historische Lehrmeinung, dass Kaupang das herausragende Machtzentrum Norwegens war, revidiert werden muss, da nun ein weiteres Zentrum weiter im Norden gefunden wurde.

Die Hallen dürften architektonisch und wohl auch in der Funktion die Vorläufer der berühmten hochmittelalterlichen Stabkirchen gewesen sein.
Damit erhärten die Funde die Theorie des Germanisten und Religionshistorikers Rudolf Simek, der davon ausgeht, dass es zumindest im skandinavischen Raum durchaus "Tempel" gab, die zugleich Versammlungsräume waren. (Dargelegt u. A. in seinem Buch Religion und Mythologie der Germanen.) Das könnte die widersprüchlichen Angaben antiker und mittelalterlicher Autoren darüber, ob es im nordgermanischen Kulturraum heidnische Tempel gab oder nicht, erklären: manche Autoren sahen in den Hallen nur "weltliche" Räume, andere stellten die sakrale Bedeutung in den Vordergrund. Die heidnischen Germanen unterschieden, anders als die Christen, nicht strikt zwischen sakraler und weltlicher Sphäre. Von ihrer Funktion dürften die Königshallen "Mehrzweckbauten" wie die aus der Antike bekannten Basiliken (von gr. basilike, was auch "Königshalle" bedeutet) gewesen sein: Räume für Gerichtssitzungen, Volksversammlungen, Handelsgeschäfte, Repräsentation des Herrschers (der stets auch sakrales Oberhaupt war), Feste und gemeinschaftliche Rituale.

Himbeertoni

Seit einiger Zeit stoße ich in "Public Relation"-kritischen Blogs wie z. B. Indiskretion Ehrensache oder Sargnagelschmiede immer wieder auf den Begriff "Himbeertoni" - wobei Himbeertonis vorwiegend in der PR-Branche, aber auch in Journalismus, Werbung und Politik anzutreffen sind.

Internet-Recherchen in Richtung des Kindermusicals "Schmackofatz und Himbeertoni" blieben frucht(!)los.
Deshalb versuchte ich mich zu erinnern, wo ich zum ersten Mal vom Himbeertoni gehört habe.

Wenn ich es richtig zusammenbekomme, dann gibt es den Himbeertoni in zwei Ausführungen, der österreichischen und der hamburgischen.

In der österreichischen Variante ist Himbeertoni jemand, der sich alles gefallen lässt, sich nie wehrt, nie widerspricht, feige ist - und zwar aus Dummheit. Dieser Himbeertoni tritt vor allem in der Negation auf, z. B. "ich bin doch kein Himbeertoni", "ich bin doch nicht dein Himbeertoni" oder "ich lass mich doch nicht zum Himbeertoni machen!"

In der hamburgische Variante, die aus dem St. Pauli-Milieu stammt, und unter Umständen von den Redensarten Wiener Zuhälter beeinflusst wurde, ist "Himbeertoni" ein mehr oder weniger legendäres "Kiezoriginal", dessen Spitzname allerdings nicht auf einen - sagen wir mal - rückgratlosen Mann hindeutet, sondern auf eine alte Geschichte anspielt, die sich mutmaßlich Anfang der 70er Jahre zugetragen haben soll, und die mit einer von besagter Person auf Ex getrunkenen ganzen Flasche Himbeergeist und einer anschließenden Volltrunkenheitsfahrt im Oberklasse-Mercedes zu tun hat. Details weichen, wie bei mündlich überlieferten Legenden üblich, stark ab.

Beide Varianten scheinen mir aber mit besagtem PR-Himbeertoni, der sich vor allem durch schamlose Verlogenheit und mangelnde Fähigkeit im Umgang mit Kritik auszeichnet, wenig gemein zu haben.

Mir ist allerdings ein Trailer für die auf St. Pauli spielende Polizei-Fernsehserie "Großstadtrevier" bekannt, in dem Hauptwachtmeister Matthies (Jan Feder) Kleinkriminelle "die auch nur Menschen sind", beschreibt. Einer, "der alle topt" ist "Himbeertoni" der, wenn er beim Verhör lügt, rot anläuft "wie so'n Schulmädchen". (Also eine kreative Neudeutung der hamburgischen Himbeertoni-Variante.)

"Himbeertoni" wäre nach dieser Lesart ein notorischer Lügner, bei dem stets offensichtlich ist, dass er lügt. Nimmt man den "kein Rückrat"-Aspekt des österreichischen Himbeertonis in abgewandelter Form, nämlich "äußere Arroganz aus innerer Unsicherheit" hinzu, dann sind "Himbeertonis", die beide Eigenschaften vereinen, in der PR-Branche mindestens so häufig anzutreffen wie Anja-Tanjas. (Und in Journalismus, Werbung, Politik auch nicht eben selten.)

Samstag, 8. Dezember 2007

Das (angestrebte) Scientology-Verbot und die Aufklärung

Um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich halte Scientology für eine Organisation, die unter dem Deckmantel einer "Kirche" ihre Mitglieder in Abhängigkeit hält und wirtschaftlich ausbeutet, religiös bemäntelte Kurpfuscherei auf psychotherapeutischen Gebiet betreibt, gerne konspirativ arbeitet und weder vor massiver Desinformation (d. h. Lügen, dass sich die Balken biegen) noch vor Wirtschaftskriminalität zurückschreckt. Das ist, wie gesagt, meine persönliche Meinung. Ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich hatte vor Jahren mit der "Org" zu tun und kenne etliche "Aussteiger".

Für eines halte ich Scientology nicht - für eine unmittelbare Gefahr für die verfassungsmäßige Ordnung der Bundesrepublik Deutschlands. Es gibt meines Wissens mittelschwer größenwahnsinnige Projekte der "Ron-BORGs", Wirtschaft und Politik zu unterwandern, mit dem Ziel "Clear Germany" (Deutschland wird scientologisch), mit dem Zwischenziel "Clear Planet" (die Erde wird scientologisch) und dem schwer zu überbietenden Endziel "Clear Universe". Letzteres verrät meiner Ansicht nach einiges über den politischen Realitätssinn der bei "normalen" Zielen durchaus pragmatisch agierenden und nicht ungefährlichen "Org". Wer Angst vor einer unmittelbar bevorstehenden Machtübernahme durch die alles unterwandernden Scientologen hat, ist meines Erachtens Opfer der nicht zu unterschätzenden "psychologischen Kriegführung" der Scientology geworden.

Ich bin der Ansicht, dass die Ziele der Scientology durchaus undemokratisch sind - von daher habe ich nichts dagegen, dass staatliche Organe ein Auge auf die Scienties haben, und das kriminelle Aktivitäten der "Org" so behandelt werden, wie organisierte Kriminalität auch sonst behandelt wird.
Aber wenn die Innenministerkonferenz erklärt: Scientology unvereinbar mit dem Grundgesetz (sueddeutsche.de) - dann halte ich das in mehrfacher Hinsicht für problematisch:
Es fehlt es an Sorgfalt hinsichtlich der vorgeschlagenen Maßnahmen:
  • Scientology reagiert erfahrungsgemäß auf Verbote mit Umorganisation und Gründung von Tarnorganisationen
  • Scientology ist durchaus in der Lage, sich im Falle eines Verbotes als "religiös verfolgte" Opfer eines "neuen Naziregimes" darzustellen - es gab bereits eine Scientology-Kampagne in den USA, in der sich Scientologen mit den in Nazideutschland verfolgten Juden verglichen, die dem Ansehen Deutschlands extrem abträglich war. Wir Deutschen haben nun einmal über sechs Millionen Leichen im Keller - und die Scienties stürzen sich ohne Skrupel auf diese "Schwäche". Die Org ist zwar ein Zwerg, aber ein Zwerg mit verdammt großer Klappe, vor allem in den USA und vor allem in der Filmindustrie. Es ist daher taktisch mehr als unklug, Scientology statt durch zähe, beharrliche Basisarbeit (die durchaus erfolgreich ist) mit dem "großen Knüppel" anzugehen.
Dann fehlt es an Reflexion hinsichtlich der eigene Motive:
  • Ein Randproblem wird zur tödlichen Bedrohung aufgeblasen. Was die Innenminister-Konferenz übrigens nicht zum ersten Mal macht.
  • Die Verbissenheit, mit der Scientology dämonisiert wird, hat selbst etwas Religiös-Verbohrtes. Parallelen zur anti-islamischen Affekten, die nicht mehr zwischen intoleranten gewaltbereiten "Dschihadisten" und "Achmed-Normal-Muslim" unterscheiden, drängen sich auf. So, als ob sich unsere Innenminister mehr als "Hüter des christlichen Abendlandes" als "Hüter der Demokratie" begreifen würde.
Die Innenminister zeigen sicher zu Recht voller Abscheu und Empörung auf die Scientologen. Die "Organisation" oder "Kirche" bzw. "Sekte" zu verbieten ist jedoch wieder einmal der aussichtslose Versuch, ein Problem zu verbieten, statt es zu lösen.

Was hilft gegen Scientology? Aufklärung! Aufklärung im Sinne von Bildungsarbeit und öffentlicher Information, Aufklärung in Sinne von Polizeiarbeit (gegenüber kriminellen Aktivitäten der "Org"), aber auch Aufklärung im philosophischen Sinne.
Das Problem, dass ich nicht nur bei der politischen Haltung gegenüber Scientology sehe, sondern auch bei der gegenüber anderen religiösen und quasireligiösen Gruppierungen, ist der weit verbreitet Glaube daran, dass die eigene (christliche) Religion im Besitz der absoluten Wahrheit ist, ein Glaube an die Überlegenheit der eigenen Überzeugungen, der die meisten politischen Überzeugungen in der Schatten stellt. Das blinde Hoffen in die Wirkung der Autorität der Staatsmacht ist auch eine Form des quasi-religiösen Glaubens.

So, wie es im Moment leider aussieht, sind unsere Innenminister eine größere Gefahr für die Verfassung als jede noch so aggressive Sekte.

Übrigens:
Politiker und Verfassungsschützer halten ein Verbot der Organisation Scientology für unwahrscheinlich. Es sei nicht Aufgabe des Staates, den Menschen die Dummheit zu verbieten, heißt es unter anderem.
aus netzeitung: Skepsis gegenüber Scientology-Verbot.

Freitag, 7. Dezember 2007

Jul-Tradition

... mal sehen, ob er noch da ist: bocken kamera.

Wer sich fragt, was das soll, den verweise ich (ja richtig geraten!) auf einen Artikel, den ich vor gut einem Jahr schrieb: Bock auf Jul.
(Gegen Jahresende wird mein Blog sehr selbstreferenziell.)

Donnerstag, 6. Dezember 2007

Deutscher Zukunftspreis 2007 geht an Projekt "Licht aus Kristallen"

Vor gut einem Jahr schrieb ich über den "Deutschen Zukunftspreis" - ein Preis, der zwar große mediale Aufmerksamkeit bekommt, aber trotzdem leider viel weniger beachtet wird, als er es verdienen würde:
Deutschland sucht den Super-Erfinder.

Sozusagen als "Update": heute (6. Dezember 2007) verlieh Bundespräsident Horst Köhler in Berlin dem Team aus Regensburg und Jena den mit 250.000 Euro dotierten Deutschen Zukunftspreis 2007.
Deutscher Zukunftspreis - Aktuelles.
Das Sieger-Team arbeitet auf dem Gebiet der Leuchtdioden und fand ein Verfahren, dass es möglich macht, dass LEDs bei vielen Anwendungen die herkömmliche Glühlampe ersetzen können.
Leuchtdioden (LEDs) haben gegenüber herkömmlichen Glühlampen deutliche Vorteile: Sie sind langlebig und verbrauchen wenig Energie. Die Nutzung dieser kleinen und eigentlich leuchtschwachen Lichtspender war zunächst aber nur eingeschränkt möglich.

Mithilfe der Dünnfilmtechnologie sowie spezieller Gehäuse und Optiken fanden Dr. Klaus Streubel, Dr. Stefan Illek und Dr. Andreas Bräuer einen Weg, deutlich lichtstärkere LEDs als bisher herzustellen. Die Leistung der drei heute ausgezeichneten Forscher setzt sich aus drei Innovationen zusammen. Damit gelang es ihnen, ein Hemmnis, das einem Einsatz der LEDs vielfach entgegenstand, zu überwinden. (Mehr, auch zu den drei anderen nominierten Teams, in der ausführlichen Pressemeldung.)

Ich gratuliere.

"Die Linke" ist doch eine sehr normale deutsche Partei ...

"Die Linken" treten mit dem Anspruch auf, sich grundsätzlich von den anderen im Bundestag vertretenen Parteien zu unterscheiden. Nimmt man Katina Schubert von der "Linken" als Beispiel, scheinen sie nicht allzu viel von freier Meinungsäußerung zu halten, das Internet nicht so recht verstanden zu haben und viel Wert auf symbolische Maßnahmen "gegen Nazis" zu legen, die heutigen Rechtsextremisten wenig weh tun dürften. Also ganz auf Regierungslinie.

Jedenfalls legt ihre Strafanzeige gegen das Internetlexikon Wikipedia wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole diese Vermutung sehr nahe: Nazis raus aus der Wikipedia. Die Wortwahl klingt - bis auf das Adjektiv "erfreulich" - jedenfalls seltsam vertraut: "Seine erfreulich offene Struktur macht „Wiki“ leider auch zu einem wenig kontrollierbaren Einfallstor für rechte und rechtsextreme Ideologien."
Ja, es stimmt, dass Rechtsextreme (und andere) Ideologen immer wieder versuchen, ihren Hirnmüll in der "Wikipedia" unterzubringen. Wie man sich anhand der Diskussionen zu zeitgeschichtlichen Themen überzeugen kann, hat er dort keine nennenswerte Überlebenszeit. (Anders z. B. als in gedruckten Nachschlagewerken, so fand sich in den Auflagen bis 1996 der "Propyläen Geschichte Deutschlands" mutmaßlich neu-rechtes und geschichtsrevisionistisches Gedankengut.)

Außerdem würde die Strafanzeige nur die deutsche Wikipedia betreffen. Oder beabsichtigt Frau Schubert, deutschen Nutzern künftig den Zugriff auf "ausländische" Wikipedias zu verweigern? (Analog der Umleitung auf Google.de - die sich übrigens umgehen läßt.)

Wie dem auch sei, gegen rechtextremes Gedankengut in den Köpfen der Menschen helfen solche Aktionen nichts. Dagegen hilft nur Aufklärung. Und keine kleinkarierten Verbote, die sich durchaus mal gegen Antifaschisten wenden können. Oder gegen auffällige Lederknöpfe.

(Via: ZAF )

Asatru-Astronomie

Thor's Helm Nebula

*Thor´s Helm / NGC 2359* - Foto: J.C. Cuillandre / nasa.gov

Via

Montag, 3. Dezember 2007

Prestigeobjekt "bemannte Raumfahrt"? - In Europa eher nicht!

Am 6. Dezember wird, wenn alles nach Plan geht (und es sieht gut aus) die Raumfähre ATLANTIS starten. An Bord: das Weltraumlabor COLUMBUS, das zweite Forschungsmodul der internationalen Raumstation ISS.
Raumfahrer.Net: Nikolausgeschenk für Europas Raumfahrt.

Dirk Lorenzen schrieb aus diesem Anlass einen ausführlichen Artikel auf FTD.de: ISS wird endlich ausgebaut.

Dabei weist er auf den oft übersehenen Umstand hin, dass es nach der vorhergesehenen Einstellung der Flüge des "Space Shuttles" schwierig sein wird, die ISS zu versorgen, geschweige denn, weiter auszubauen. Schlimmer noch:
Wenn der Shuttle nicht mehr fliegt, sind die Astronauten jahrelang allein auf die russische Soyuz-Kapseln angewiesen - der amerikanische Shuttle-Nachfolger ist frühestens 2015 startbereit. Sollte auch das russische System einmal länger ausfallen, droht unter Umständen das Ende der ISS, denn ohne Besatzung ist die Station nicht lang im All zu halten.
Zur Versorgung der ISS wurden, neben den altbewährten russischen automatischen Transportraumschiffen vom Typ "Progress" zwei erheblich leistungsfähigere automatische Versorgungsschiffe entwickelt, und zwar absichtlich nach zwei unterschiedlichen Konzepten: das in Japan entwickelte H-2 Transfer Vehicle (HTV) und das in "Europa" (Deutschland, Italien, Frankreich) entwickelte Automated Transfer Vehicle (ATV).
ATV beim Ansteuern der ISS
ATV beim Ansteuern der ISS (künstlerische Darstellung). Wie die Progress M und im Gegensatz zum Shuttle oder dem HTV kann das ATV vollautomatisch andocken. Zur Zeit wird das erste ATV, das den Namen "Jules Verne" trägt, in Kourou auf den Start vorbereitet. Der Start auf einer "Ariane 5" ist für den 14. Februar 2008 vorgesehen. - Bildquelle: NASA-Website

HTV und ATV ergänzen sich in ihren jeweiligen "Spezialfähigkeiten", außerdem hat gerade die Geschichte des Space Shuttles gezeigt, wie gefährlich es sein kann, auf einen Typ Raumfahrzeug allein zu vertrauen. Gegenüber einer Progress M1 der neuesten Bauart mit maximal 3,2 t Nutzlast (Progress M: 2,3 t) kann das das HTV immerhin 6,0 t Fracht zur Raumstation bringen, das ATV hat sogar eine Kapazität von 7,6 t. (Der Shuttle kann theoretisch 10 t Versorgungsgüter transportieren.) Allerdings können HTV und ATV keine Mannschaften zur ISS befördern.
Jedenfalls wenn nach den bisherigen Planungen geht. Das könnte sich ändern:
"Ich setze auf eine europäische bemannte Rakete", sagt der deutsche Astronaut und DLR-Vorstand Thomas Reiter. "Das würde unseren Stellenwert gegenüber anderen Raumfahrtnationen wie Russland, USA und in Zukunft auch China und Indien erhöhen." Bisher ist Europa nur bei den Materialtransporten gut platziert: Im Februar bringt erstmals das unbemannte Transportraumschiff "ATV" knapp zehn Tonnen (sic!) Material zur ISS. Ein bemannter Zugang ins All ist politisch noch unerwünscht. Doch das technische Vermögen hat Europa: Columbus ist ein bemanntes Raumschiff ohne Antrieb. Das "ATV" hat einen exzellenten Antrieb, ist aber unbemannt. Man müsste nur beide Geräte geschickt kombinieren. "Eine eigene bemannte Rakete ist machbar", sagt Reiter. "Wenn nicht jetzt, wann dann?"
Ansätze für einen europäischen bemannte "Zugang zum All" gab es schon mehrere. Meistens liefen sie nach dem Schema ab, dass Frankreich ein Projekt anschob, das dann an deutschen Bedenken scheiterte. Ohne deutsches Know-How geht in der europäischen Raumfahrtbehörde ESA wenig, ohne deutsches Geld gar nichts. In einem Fall - dem Raumgleiter "Sänger II" - wurde von deutscher Seite ein ebenso technisch perfektionistisches wie aufwendiges Konzept vorgeschlagen - das schon die erste "Technologiefolgenabschätzung" politisch nicht überlebte: die "Sänger"-Befürworter hatten ihr ehrgeiziges Projekt zu offensichtlich " schöngerechnet".
Ein deutsches Argument gegen "eigene" europäische bemannte Raumschiffe war lange Jahre, dass man nicht unnötig die gewünschte enge Zusammenarbeit mit den USA durch ein "Konkurrenzprojekt" gefährden wollte. Das wichtigste Argument war aber immer: "Raumfahrt gilt bei unseren Wählern als teures Prestigeunternehmen, bemannte Raumfahrt sogar als glatte Geldverschwendung, das bekommen wir nicht durch."
ATV an der ISS gedockt
Risszeichung eines an der ISS angedockten ATVs. Man erkennt deutlich, dass das ATV einigen "begehbaren" Raum bietet. Bildquelle: NASA-Website.

Tatsächlich ist "bemannte Raumfahrt" auch heute noch ein Prestigeobjekt. Weniger für Russland oder die USA, die schon seit gut 45 Jahren "im Geschäft" sind. Für die aufstrebende Macht China umso mehr: chinesische Raumfahrt. Mit dem bemannten Shenzhou-Raumschiff demonstrierte China seinen Anspruch, auch auf technischem Gebiet die "kommende Supermacht" zu sein. Chinesische Medien werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass China als einer von nur drei Staaten die technischen Fähigkeiten für die bemannte Raumfahrt hätte (dabei mitgedacht: "... und Japan und die Westeuropäer nicht!"). Die Tatsache, dass Shenzhou in hohem Ausmaß auf russischem Know-How beruht, wird dabei allerdings gern verschwiegen.

Sind die "Westeuropäer" in der Lage, ein bemanntes Raumschiff zu bauen?
Thomas Reiter meint "ja" und er weiß, wovon er spricht.
Das ATV ist ein frei fliegendes Raumfahrzeug, das alle Sicherheitsanforderungen bemannter Systeme erfüllt. (Also kein Raumstationsmodul wie "Columbus" oder das in der Shuttle-Payloadbay mitfliegende "Spacelab".) Es ist also wie ein bemanntes Raumfahrzeug konstruiert und gebaut. Das muss es auch, da es ja die meiste Zeit Bestandteil eines bemannten Komplexes, der ISS, ist. So genügt z. B. das gesamte Antriebssystem den Ansprüchen an ein bemanntes Fahrzeug, schließlich wird es auch benutzt, um die gesamte ISS auf eine höhere Umlaufbahn zu bringen und dabei auch die Lagekontrolle zu übernehmen.
Was fehlt, sind Untersysteme, die ein bemanntes Raumschiff auszeichnen, am wichtigsten wohl das Lebenserhaltungssystem. (Die nötige Technik ist aber vorhanden und wird z. B. bei "Columbus" genutzt .) Und - es gibt keine Rückkehrmöglichkeit.

Auf Basis des ATV ließe sich also durchaus ein bemanntes Raumschiff entwickeln, sogar recht kurzfristig, allerdings mit einigem Aufwand: Die Ariane 5 Rakete müsste "man rated" werden, d. h. sie muss den Sicherheitsanforderungen für bemannte Flüge entsprechen. Das dürfte in relativ kurzer Zeit machbar sein, denn die Ariane 5 wurde u. A. als Träger für den (aufgegebenen) europäischen Raumgleiter "Hermes" entwickelt und ist, nach anfänglichen Schwierigkeiten und Fehlstarts, eine zuverlässige Trägerrakete geworden. Schwieriger ist das Problem der Rückkehrkapsel. Man könnte, wie China, einen "Lizenzbau" der Sojuz-Rückkehrkapsel erwägen, aber auch die Entwicklung einer eigenen "europäischen" Kapsel (oder eventuell eines Gleiters) ist, rein vom technischen Können her, möglich (siehe Atmospheric Reentry Demonstrator). Letzten Endes ist alles eine Frage des Budgets.

ATV-Progress-Apollo
Größenvergleich des ATV mit einer russischen Progress (die bemannten Sojus-Raumschiffe sind genau so groß) und einem US-amerikanischen "Apollo"-Raumschiff. Das ATV hat 45 m³ unter Druck stehenden Innenraum, gegenüber nur 8,50 m³ bei einer Sojus TMA (5,0 m³ in der Orbitalsektion, 3,50 m³ in der Kommando- bzw. Rückkehrkapsel) und 6,17 m³ in der Apollo-Kommandokapsel. (Zum Vergleich: Space Shuttle Orbiter, Flugdeck und Wohndeck zusammen: 73 m³. Das chinesische Shenzhou-Raumschiff hat, dank seiner gegenüber der Sojus stark vergrößerten Orbitalsektion, 14.00 m³ Kabinenvolumen). Bildquelle: NASA-Website.

Vom technisches und industriellen Können, vom "Know How", her, hinkt "Europa" in der Raumfahrt keineswegs hinterher, auch nicht in der bemannten Raumfahrt. Ginge es allein um einen Propagandaerfolg, hätte die ESA schon vor 25 Jahren eine eigene Raumkapsel in die Erdumlaufbahn bringen können - das Know How war vorhanden. Wäre das Budget bewilligt worden, gäbe es seit einigen Jahren einen bemannten europäischen Raumgleiter (den "Hermes") und vielleicht eine eigene Raumstation auf Basis des Columbus-Moduls. (Auch das "Harmony"-Verbindungsmodul der ISS ist eine "europäische", d. h. überwiegend italienische, Entwicklung, allerdings im Auftrag der NASA.)

Anders als in den Jahren des "Space Race" zwischen den USA und den UdSSR - und anders als heute in China - können Weltraumprojekte nicht mehr allein mit Hinweisen auf das Prestige der Nation "verkauft" werden, die Industrie, die Wissenschaft und nicht zuletzt die Steuerzahler wollen einen erkennbaren Nutzen sehen.

Allerdings dürfte die Art und Weise, wie in den meisten populären Medien Deutschlands über Raumfahrt (und andere "spektakuläre" Gebiete der Technik und Naturwissenschaft) berichtet wird, wenig hilfreich dabei sein, den Nutzen dieser "technischen Abenteuer" zu vermitteln: "Völlig losgelöst ... .

Samstag, 1. Dezember 2007

Fundstück - zum Nachdenken

Kein Designer, kein Konzern wagt es dagegen, ein leichtes Fahrzeug mit umweltverträglichem Hybridmotor so aufregend zu verpacken, daß es nicht mehr wie ein motorisierter Jutesack daherkommt - was entscheidend zum Mißerfolg dieser neuen Fahrzeuggattung beiträgt.
Zitat aus einem nur noch partiell lesbaren Artikel von einer zerfledderten Seite aus einem alten "Spiegel", erspäht im überquellenden Altpapiercontainer.

Aufbruch in eine "schöne neue Welt" oder das enthumanisierte Menschenbild

Im Zusammenhang mit staatlichen Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen, aber auch mit privatwirtschaftlichem Datenhunger wird gerne George Orwells berühmte Dystopie "1984" angeführt. Wenn man sich vorstellt, dass die Bundesrepublik Deutschland oder andere hochindustrialisierte parlamentarisch-demokratische Staaten in eine "klassische" totalitäre Diktatur abgleiten würden, könnte an dieser Vision einiges dran sein.

Ich bin allerdings eher der Ansicht, dass wir uns eher auf ein System zubewegen, das im großen und ganzen Ähnlichkeit mit einer anderen klassischen Dystopie hat: mit Brave New Word von Orwells ehemaligem Literaturprofessor in Eton, Aldous Huxley.
Auf eine Inhaltsangabe des Romans, der - anders als der eher gegenwartsbezogene Roman "1984", der die Verhältnisse von 1948 extrapolierte und auf die totalitäre Spitze trieb - auch als Science Fiction-Literatur bahnbrechend war, verzichte ich und verweise auf die gute Zusammenfassung in der "Wikipedia": Schöne Neue Welt.

Die entscheidenden Punkte der "Schönen neuen Welt" sind:
  • staatlich gesteuerte genetische Vorherbestimmung aller Bürger
  • Konditionierung als Erziehungsmethode, quasi "Dressur" der Kinder, die als Erwachsene gar nicht anders können als systemkonform zu denken.
  • Kastensystem nach "Intelligenzklassen" - von Alpha-Supergenies bis Epsilon-Halbidioten
  • "sanfter Totalitarismus" - Überwachung und Kontrolle sind weitgehend in die Köpfe der Bürger verlegt, Gewaltausübung als Herrschaftsmittel ist mininiert.
  • Gruppenzwang, Gemeinschaftszwang - ein gewisser Individualismus wird allenfalls bei "Alphas" als Preis für deren kreative Fähigkeiten toleriert. Wer für sich sein will, gilt als asozial.
  • eine überall verfügbare nebenwirkungslose "Glücksdroge" ("Soma"), zugleich Beruhigungsmittel, Stimmungsaufheller und Partydroge
  • Beschränkung der Bildung auf unmittelbar "nützliches" Wissen, eine humanistische Bildung gibt es nicht, historisches Wissen wird unterdrückt - Sinn: kein Bürger kann Interessen außerhalb seines Aufgabenbereichs entwickeln, geschweige denn auf nonkonformistische Idee kommen. Ausnahme: Mitglieder der Weltregierung - alles Alpha-Plus mit gesicherter Systemloyalität.
  • Hedonismus und inhaltlich sinnfreie Riten als Religionsersatz.
  • Völlige Trennung von Fortpflanzung und Sexualität, letztere ist nur noch reines "Genussmittel" bzw. "Bettgymnastik" ohne tiefere Gefühle.
  • (gewaltloser) Konsumzwang, verbunden mit Arbeitszwang und Vernügungszwang
  • Massenproduktion (orientiert am Fordismus, Henry Ford ist Grundlage der Zeitrechnung und Quasi-"Gottheit" im Roman). Um Arbeitslosigkeit und daraus resultierende Unruhen zu vermeiden, gibt es absichtlich keine Vollautomatisierung bzw. Robotisierung (allerdings sind "Deltas" und "Epsilons" wenig mehr als "menschliche Roboter").
Das Motto des Weltstaates ist "Gemeinschaft, Gleichheit, Stabilität", seine inoffizielle Maxime "Glück - im Sinne von ständiger Zufriedenheit - durch Verzicht auf Freiheit".

Wie ähnlich unsere Welt der "schönen neuen Welt" ist oder einmal sein könnte, wurde 1999 in der "Zeit" diskutiert. Die Diskussion basierte auf einem Vortrag des Philosophen Peter Sloterdijk mit dem Titel "Regeln für den Menschenpark" (Wikipedia-Artikel: Regeln für den Menschenpark - der Vortrag im Wortlaut.) Sloterdijk hat in seinem mit Anspielungen und Seitenhieben auf die "Kritische Theorie" Adornos und Horkheimers gespickten Vortrag Dinge angesprochen, die leicht als reaktionäre politische Thesen verstanden werden können - und promt wurden. Da er sich an der Radikalität seiner Thesen selbst berauschte, verstanden einige den Vortrag ob seiner Leidenschaftlichkeit als Plädoyer für (positive) Eugenik, sprich Menschenzucht. Der Schwerpunkt der folgenden intensiven öffentlichen Diskussion lag, wenn ich mich richtig erinnere, auf der Frage nach der Anwendung von Gentechnologie auf den Menschen, die zumindest in Deutschland beinahe durchgehend abgelehnt wurde. Eine weitere wichtige Parallele zu "Brave New World" ist, dass Sloterdijk die humanistische Bildung zur Diskussion stellt.
Zwei Dinge sind mir noch in unangenehmer Erinnerung: Sloterdijk denunzierte Kritik an seinem wuchtig kulturpessimistischen Vortrag als hysterische Anfälle eines Antifa-Alarmismus, dessen Denken sich in Reflexen erschöpfe. Das andere waren die selbsternannten "Experten" in Presse, Funk und Fernsehen, die sich vor allem durch mangelndes biologisches und philosophisches Grundwissen auszeichneten - unfreiwilliger Beleg für Sloterdijks pessimistische Aussage, dass das humanistische Bildungsideal längst am Ende sei. (Die Debatte in der Presse ist hier dokumentiert: Der Sloterdijk-Streit in der Presse.)

Ein zweite "Schöne neue Welt"-Debatte, dieses Mal im Feuilleton, löste Michel Houellebecq mit seinem (meiner Ansicht nach überschätzten) Roman "Elementarteilchen" aus. Unter vielen anderen Themen dieses mit Themen und Thesen geradezu überladenen Buches beschäftigt sich Houellebecq intensiv mit Aldous Huxley und dessen Bruder, dem Biologen Julian Huxley. Houellebec provozierte mit der These, es sei Heuchelei, in dem Buch einen totalitären Albtraum zu sehen. "Schöne Neue Welt" sei vielmehr eine positive Utopie. Hinsichtlich der ungehemmten sexuellen Freiheit, dem gelungenen Kampf gegen das Altern und der Freizeitkultur wäre sie ein Paradies. Aldous Huxley habe erst 30 Jahre später in "Brave New World Revisited" versucht, seinen Roman als Anklage und Satire hinzustellen. Weitgehend außer Acht gelassen wurde die offene Frage, inwieweit Houellebec die Ansichten seiner detailliert gezeichneten, aber "blutleer" wirkenden Charaktere seines Semi-Science-Fiction-Romans tatsächlich teilt.

Immerhin: er zeigte, dass es möglich ist, die Gesellschaft der "Brave New World" als anzustrebendes Ideal zu sehen. Sie hat ja, im Gegensatz zu "1984", ihre Attraktionen.

Huxleys Konsumgesellschaft könnte eine extreme, aber logische Entwicklung der ökonomischen Werte darstellen, in denen persönliches Glück als durch Konsumgüter erworbene Zufriedenheit und Erfolg auf materiellen Wohlstand reduziert wird. Wichtig für die Entstehung seines "Weltstaates" (nach einem verheerenden, mit biologischen Waffen geführten Krieg) ist das enge Bündnis zwischen "Big Business" (eines Konzern-Kapitalismus, der die klassischen "Gesetze der Marktes" längst ausgehebelt hat) und "Big Gouverment" - eines bevormundenden, alles kontrollierenden Staates, der z. B. Sozialleistungen nur gegen bedingungslose Anpassung vergibt.

Zentraler Punkt nahe aller klassischen Dystopien, und auch bei "1984" und noch stärker bei "Brave New World" zu finden, ist das enthumanisiertes Menschenbild in den geschilderten Gesellschaften. Der Mensch wird nicht nur äußerlich, durch ökonomischen Druck, auf seine Funktion, etwa als Arbeiter, als Konsument oder - heute noch - als Erbringer familiärer "Dienstleistungen" wie Aufzucht von Kindern reduziert, er begreift sich zunehmend selbst als "Leistungsträger". Am weitesten Fortgeschritten die Enthumanisierung meines Erachtens bei jene beruflich aufstiegsorientierten "Eliten", die sich selbst für die Karriere zu optimieren versuchen. Sport wird von diesen Menschen nicht mehr betrieben, weil er Spaß bring und gesund ist, sondern um Fit für den Job zu sein. Auch Freundeskreis, Hobbies, Kleidung, Wohnungseinrichtung, politische Haltung werden vornehmlich nach "Erfolgs"-orientierten Maßstäben gewählt und gestaltet. ("Erfolg", daran sei noch einmal erinnert, misst sich allein im erworbenen Vermögen. Auch Macht ist Mittel zum Zweck "Vermögenserwerb".)
Entfremdung und Selbstentfremdung gehen Hand in Hand.

Dass die Denkweise der "Schönen Neuen Welt" schon längst in der politischen Praxis angekommen ist, verrät der Umgang mit den alt gewordenen Mitmenschen. In Huxleys Roman werden die Menschen bis etwa zum 65. Lebensjahr optimal gesund und "jung" erhalten. Danach setzt der beschleunigte körperliche Verfall ein. Da auch die Angst vor dem Tod durch Konditionierung beseitigt wurde, sind die alten Menschen gern dazu bereit, sich freiwillig töten zu lassen.
Ansätze, die deutlich in diese Richtung gehen, gibt es bereits. Die "demographischen Probleme", von denen seit einigen Jahre so viel die Rede ist, sind jedenfalls perfekt gelöst! Kinder werden je nach Bedarf erzeugt und unproduktive Rentner gibt es, dank des Todes zwischen dem 65. und 70. Lebensjahr, auch nicht.

Das "enthumanisierte" Menschenbild ist keine Spezialität des "Neoliberalismus", auch wenn ein ungehemmter Kapitalismus ihm Vorschub leistet. Das "Unwort des 20. Jahrhunderts" war nicht von ungefähr "Menschenmaterial". Dieses unmenschliche Menschenbild gedeiht generell dann besonders "gut", wenn in einem Gemeinwesen autoritäre oder sogar totalitäre Formen der Machtausübung mit einer hochentwickelten Industrie, entsprechend effizienten Mittel der Informationsverarbeitung, kapitalistischen Vorstellungen von "Effizienz" und Erfolg, und die Vorstellung eines Wohlfahrtsstaats, der für Leistung auch Gegenleistung in Form von Gehorsam fordern darf, zusammenkommen. Dem Stalinismus und dem Maoismus "mangelte" es, obwohl die Systeme eher staatskapitalistisch als sozialistisch waren, an der "kapitalistischen Effizienz", Ausbeutung erfolgte vorwiegend auf "altmodische" Art und Weise durch Gewalt von außen - und Mao mangelte es auch an den technischen Mitteln. Deshalb wurden diese relative langlebigen mörderischen Systeme, die einen jeweils einen großen Teil der Weltbevölkerung unterjochten, von einem glücklicherweise kurzlebigen und im auf Teile Europas beschränkten System bei weitem in den Schatten gestellt: Dem deutschen Nationalsozialismus. Da kamen alle Faktoren - totalitäre Machtausübung, hochentwickelten Industrie, effiziente Mittel der für Propaganda, Verwaltung, Nachrichtenwesen und kapitalistischen Vorstellungen von "Effizienz" einschließlich Selbstausbeutung zusammen - und der "fürsorglich bevormundende" Wohlfahrtstaat nach NS-Lesart. Die "Fusion" aus "Monopolkapitalismus" (einen Kapitalismus ohne funktionierende Märkte) und "Volksgemeinschaftsideologie" - einer Art "(Pseudo-)Sozialismus nur für Herrenmenschen" enthumanisierte das Menschenbild schneller und gründlicher, als sich das Huxley wenige Jahre zuvor auch nur vorstellen konnte. Wie Ralf Giordano in "Die Zweite Schuld" bemerkte, erstreckte sich die "Enthumanisierung" bei den meisten Deutschen (noch) nicht auf die persönlichen Sphäre - was übrigens von NS-"Größen" wie Himmler als erhebliche Schwäche gesehen wurde: "Jeder" würde den oder den "anständigen" Juden kennen. Optimal im Sinnes des NS-Untertanenverbandes wäre ein Deutscher, der jeden, der nicht "dazugehört" auf Befehl ohne mit der Wimper zu zucken umbringt. Oder der, wenn er alt oder schwer krank geworden ist, ohne Zögern in seine "freiwillige" Tötung einwilligt.

Tatsächlich ähneln sich die Vorstellungen von "Großdeutschland nach dem Endsieg" und Huxleys "Schöner neuen Welt" in mancherlei Hinsicht. Für alle in meiner oben stehenden Auflistung angeführten Merkmale der "Schönen neuen Welt" gibt es ein ziemlich genaues Gegenstück in den "Endsiegs-Utopien". ("Ziemlich genau", denn der ausgeprägte Hedonismus der "Schönen neuen Welt" war den Nazis als "dekadent" verpönt.)

Und - wohin gehen wir?
Ich sehe, mit Foucault, seit der "industriellen Revolution" eine Art "Systemdarwinismus" am Werk, d. h. Systeme (Staaten, Organisationen, Konzerne) denen es gelingt, die Produktivität zu steigert als auch die Kosten für Herrschaft zu reduzieren, setzen sich gegenüber anderen Systemen zwangsläufig durch. (Beispiel: "Sieg" des "kapitalistischen Westens" mit seiner hohen Produktivität und ohne den "Ballast" eines Unterdrückungsapparates über den "real existierenden Sozialismus" im "Ostblock".)
Foucault erkannte dabei auch, dass eine Kontrolle, bei der die "Kontrollinstanz" in den Kopf des Untertans verlegt ist, sehr viel effizienter ist als jede Form der Kontrolle von Außen.
In "Überwachen und Strafen" nannte er das "Panoptikum", ein Gefängnis, in dem der Gefangene sich nie sicher sein kann, dass er im Moment nicht überwacht wird, als ein Mittel, die Kontrollinstanz nach "innen" zu verlegen. Eine anderes Mittel der "Zurichtung" liegt in der Erziehung. Ist es nicht erstaunlich, dass unsere Schule Sechsjährigen genau das zumutet, was Sechsjährige erfahrungsgemäß am wenigsten mögen, nämlich stillsitzen und zuhören?
Die "Zurichtung" ist dann perfekt, wenn sich ein Mensch "freiwillig" selbst zurichtet, sich z. B. wie oben geschildert, für die "Karriere" optimiert. ("Doping" in Form von Arzneimittel- und Drogenmissbrauch eingeschlossen. Und der zahlenmäßig wichtigste Grund sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen, dürfte das Streben nach beruflichem Erfolg sein, nicht nur bei Models und Schauspielern.)

Mein Fazit daraus:
- Kapitalismus ist nur dann mit einem menschenwürdigen Dasein vereinbar, wenn es a) funktionierende Märkte gibt und b) Demokratie herrscht - die bis in die Unternehmen hinein reicht.
- Das Bündnis zwischen "Big Business" und "Big Gouverment" ist zu bekämpfen. Am besten, es gibt weder das eine noch das andere.
- Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld (eigentlich eine Versicherungsleistung!) dürfen nicht an Bedingungen geknüpft werden, die die Freiheitsrechte des Einzelnen faktisch einschränken.
- Jede Gesellschaft ist für den Einzelnen da und hat ihm zu dienen, nicht umgekehrt. Das schließt nicht die moralische Verpflichtung des Einzelnen aus, sich um das Gemeinwohl zu kümmern, im Gegenteil! Aber dieser Gemeinwohl muss in der Summe des Wohls der Einzelnen liegen, nicht in einer abstrakten Staatsraison. Statt "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" Hilfe auf Gegenseitigkeit.
- Jeder Versuch, den Menschen und seine Eigenschaften auf seine Biologie zu reduzieren, ist mit großem Misstrauen zu begegnen.

Es wird finster in Deutschland

Aber nur, wenn es nach "Greepeace Deutschland" zusammen mit der BILD-"Zeitung", BUND, WWF, Google und ProSieben geht - und auch nur für fünf Minuten, am 8. Dezember. Danach dürfen die kitschigen Weihnachtsbeleuchtungen wieder die Einkaufstraßen mit altertümlichen Glühlampen beheizen, werden Gebäude, vor allem Kirchen, angestrahlt, und Leuchtreklamen sorgen für das, was man in Provinzstädten immer noch "weltstädtisches Flair" nennt.

Stefan Niggemeier kann ich nur zustimmen: Greenpeace geht ein Licht aus.

Sinnvoller als mal kurz das Licht auszumachen, ist es allemal, bis zum 27. 12. 2007 diese Online-Petition gegen Lichtverschmutzung an den Deutschen Bundestag zu unterzeichnen. Angestoßen wurde sie von den astronomischen Vereinigungen und Tierschützern. Eine gesetzliche Reduzierung der Lichtverschmutzung durch unnötige und unzweckmäßige (nicht gezielt nach unten, z. B. zur Straßen, sondern in alle Richtungen strahlende) Lichtquellen würde nicht nur den Blick auf den Sternenhimmel verbessern und die Tiere schonen, sondern auch noch Energie sparen (und somit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, wenn man das Umweltschutz-Motto "nicht ohne meinen Klimawandel" berücksichtigen will). Slowenien hat bereits Ende August 2007 als Vorreiter in der EU ein solches Gesetz beschlossen.

Freitag, 30. November 2007

Neues von den Singvøgeln

Die neue CD der "Singvøgel" ist fertig! Das Werk trägt den (mehrdeutigen) Titel "3" und soll deutlich "rockiger" sein als die beiden Vorgänger-Silberscheiben.

Die Release-Party mit Lifekonzert findet am Sonntag, dem 16.12. in Wien auf dem Yule-Markt des WurzelWerks statt:
Präsentation des neuen Singvøgel-Albums.

Info via: Andreas Stadelmann.

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