Donnerstag, 27. Dezember 2007

"Ich bin ein Monster!"

Genauer gesagt bzw. gesungen: "Ich bin ein Monstääär, tief unten im Meer, und keine Sonne scheint zu mir her!"
Womit klar sein dürfte, dass es jetzt nicht um einen Online-Stellenmarkt geht, sondern um ein Lied. Ein Lied aus einer sehr hörenswerten neuen CD, die den schlichten und dabei so wahren, programmatischen und bedeutungsschwangeren Titel "drei" trägt.
drei cover

Wie ich schon mal erwähnte, profitierten die "Singvøgel" live sehr von der Erweiterung zum Trio durch Sven als Drummer und Percussionist. Sie klingen mit Sven dichter, voller, dynamischer und oft deutlich rockiger.

Auch wenn die Singvøgel auch als Duo wegen ihrer enormen instrumentellen Bandbreite nie das Klischee der "Liedermacher mit Klampfe" erfüllten, unterscheidet sich "drei" in der musikalischen Ausführung deutlich von den beiden Vorgängern Hart am Rande und Lieder sind. Wenn es im Promotion-Text heißt:
Zwei Männer und eine Frau – aber mehr Instrumente als eine 6-köpfige Rockband
so ist das kaum übertrieben. Die nüchterne Information
Karan – Gesang, Gitarren, E-Bass, Querflöte, Orgel, Klavier
Duke Meyer – Gesang, E-Bass, Syn-Bass, Gitarren
Sven Scholz – Schlagzeug, Percussion
gibt längst nicht alles wieder, was auf "drei" zu hören ist.
An dieser Stelle ist ein Lob an Andy Stadelmann angebracht, der nicht nur E-Bass und Viola spielte, sondern zusammen mit Duke die Abmischung und Produktion der CD übernahm. Auch wenn man es angesichts der auf hohem professionellen Niveau stehenden Produktion kaum glaubt: Dukes "Technoschamanenhöhle" alias "Echsenflug Studio" ist weit von den Möglichkeiten eines modernen kommerziellen Aufnahmestudios entfernt!

Die stilistische Bandbreite der "Singvøgel mit dem schrägen ø " ist ebenfalls weit gespannt. Nach eigenen Angaben ist ihr musikalischer Nenner ist Unberechenbarkeit: Folk, Rock, Pop, ein Hauch von Punk. Allerdings neigt sich die stilistische Waage auf "drei" deutlich in Richtung "Rock und Pop". Manche Fans mögen bedauern, dass "die Singvøgel" damit näher am "Mainstream" und "irgendwie kommerzieller" geworden sind - ich setze dagegen, dass die Band damit voll hallen- und festivaltauglich geworden ist. Nach meinem Dafürhalten sogar voll radio- und fernsehtauglich - "die Singvøgel" haben enormes Potenzial (und das meine ich erst).
In ihren jeweiligen Kompositionsstilen blieben sich Duke und Karan treu. Auch wenn sich längst nicht mehr, wie noch auf "Hart am Rande", deutlich zwischen "Karans Liedern" und "Dukes Liedern" unterscheiden lässt.

Inhaltlich sind die Texte lebensnah - und hoch sprituell. Wer bei "spiritueller Rock- und Popmusik" einerseits an Gospels und Soulmusik mit religiösen Texten, andererseits an sphärische "New Age"-Musik dachte, muss bei den "Singvøgel" dazulernen. Fast alle Titel sind von einer heidnisch-mystischen Weltsicht durchdrungen, einige haben einen deutlichen Bezug zum "heidnisch-germanischen", genauer gesagt zu Ásatrú. Was wenig mit nostalgischem Germanenkult oder Wikinger-Reanactment, überhaupt nichts mit "völkischen" bis rassistischen Machtphantasien von der "Überlegenheit der Germanen" und sehr viel mit einer mitten im Leben stehenden gelebten Spiritualität, mit einer pragmatischen Romantik, mit gut in der Moderne verwurzelter Naturmystik zu tun hat. So mischen sich in den Versen der "Singvøgel" Sehnsucht und Wut, Mythos und Alltag - meistens romantisch, manchmal provozierend.

Zu den Titeln:
"Drei Worte" - beschreibe ich - völlig subjektiv - als Mischung aus eingängigem Popsong und tiefsinnigem Liebes-Chanson. Es geht übrigens um Freyja, in ihrer Funktion als Liebesgöttin. Aber das ist zum Verständnis nicht unbedingt nötig.
"Weiter Horizont" - obwohl sehr "poppig" arrangiert, liegt dieses von Karan getextete und gesungene Lied sehr viel näher am inhaltsreichen, intelligenten Chanson als am Schlager. Vergleiche mit "Rosenstolz" drängen sich mir auf.
"Zentaurentraum" - ist mein Lieblingstitel auf "drei". Dukes neuromantisches (neuro-mantisches - neu-romantisches?) Lied, irgendwo in der Galaxis zwischen E.T.A. Hoffmann, R. M. Rilke und William Gibson angesiedelt, ist schon älter. Das neue Arrangement, mit Querflöte, Bass und Schlagzeug bringt Dukes manchmal surrealen Verse zum Strahlen.
"In dir drin" Ein ruhiges, nachdenkliches Duett Karans und Dukes, mit einem pathetischen, aber nicht übertrieben kitschigem, Arrangement - meiner Ansicht nach ein heißer Kandidat für einen "Feuerzeug-Schwenk"-Song.
"Haut an Haut" - ein ebenfalls ruhiger, aber eher "jazziger" Chanson, der Karans beachtliche gesangliche Qualitäten zeigt.
"Totengott-Ballade". Dukes Ballade auf Wotan - oder Odin - ist ein zorniger Abgesang auf Germanentümelei, Nazi-"Germanenkult" und den Missbrauch germanischer Mythologie für rassistische, nationalistische und gewalttätige Politik. (Und eine deutliche Warnung an alle "Odin statt Jesus"-"T-Hemd"-Träger: ein wütender Totengott lässt sich nicht instrumentalisieren. Schon gar nicht in "Religionskämpfen" mit antisemitischen Untertönen. Wer Wotan säht, wird Sturm ernten!)
"Irgendwann" ist auch ein politisches Lied, ein flotter, tanzbarer Boogie-Woogie von Karan - mit konkreten Hinweisen, was man im Alltag anders machen kann, damit sich was ändert.
"Hou, hou, hou" - von Text und Melodie deutlich "folkiger". Ein "Mutmacher"-Duett: "Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum".
"Worte voller Licht" Ein melancholisches Lied Karans, mit einem überraschend un-melancholischem Abschluss.
"Monster" Karan kann auch anders - zum Beispiel fast im Nina Hagen-Stil loskreischen "Ich bin ein Monstäär!". Ein Titel mit Punk-Anklängen und gnarzig verzerrter Gitarre. Der Text ist eine kluge Allegorie, die mindestens 5000 m tief sein dürfte.
"Großer Donner". Der Anfang erinnert mich ein wenig an die Titelmelodie eines Karl-May-Films - aber es geht nicht um einen Indianerhäuptling, sondern um den Donnergott, Gott der Fruchtbarkeit und Beschützer der Menschen vor den Naturgewalten, Thor.
"Immer schon dort" - Eine beinahe klassische romantische Ballade. Der Refrain "Und wird auch Geschichte geschrieben / mit Kriegen, Intrigen und Mord / überdauern dies doch, die sich lieben: / Immer schon waren sie dort" kann als Kommentar zur "üblichen" Geschichts-Vermittlung zwischen dröger Geschichtsstunde und aufgebrezeltem Guido-Knopp-TV gesehen werden.
"Im Flammen" - Das einzige Stück, von dem ich etwas enttäuscht bin, trotz des hervorragenden Textes und der eingängigen und stimmungsvollen Melodie. Mein Problem resultiert daraus, dass ich zu dem kraftvollen, rebellische, ekstatischen Text (" Wir sind in Flammen / setzen die Nacht in Brand / und das geschriebene Wort / wird Gesang. Aus unsern Trommeln / donnert die wilde Jagd / und galoppiert bis der Morgen erwacht") keine so langsame und melancholische Melodie erwarte. Ich kann mir denken, weshalb sich Karan für genau diese Melodie entschied, ich hätte mich anders entschieden.
"Reich mir die Hand" - Der letzte Titel erfüllt endlich die Vorstellungen all jener, die bei einer Ásatrú-Band automatisch an Wikinger-Songs denken. "Reich mir die Hand" handelt - jedenfalls vordergründig - von Gefährten, die auf Wiking gehen, wobei einiges nicht so gut verläuft, weshalb sie ums Überleben kämpfen müssen. Im übertragenenen Sinne auf jede Gemeinschaft, die gegen (scheinbar) übermächtige Gegner und (scheinbar) unüberwindliche Gefahren angeht. Wobei es auf jeden Einzelnen ankommt und jder für jeden da ist: "Wer jetzt noch dabei ist / weiß nur, dass er frei ist / und eins ist gewiss: es gibt kein' Ersatzmann!"
Ein Lied, dass neben dem "Sonnenrad-Song" und "Freundchen!" ihren Platz unter den "Kampfgesängen" der "Nornirs Ætt" findet. (Der Selbstbeschreibungs-Rap: "Wir sind die Nornirs Ætt" geht ja in eine ganz andere Richtung .)

Auch ja: bestellen kann man "drei" hier. Schon mal anhören kann man "drei" hier. Und die Termine der nächsten Live-Auftritte der "Singvøgel" erfährt man hier.

Kursiver Text wurde nachträglich ergänzt.

Montag, 24. Dezember 2007

Besinnliches zu Heligabend ...

... entdeckte ich im Online-Archiv der"taz": Stille Nacht, Lügennacht
Heute wird in den Kirchen die Weihnachtsgeschichte verlesen. Doch um deren historische Glaubwürdigkeit ist es schlecht bestellt, sagt der Göttinger Theologe Gerd Lüdemann
Trotzdem allen Christen eine fröhliche Weihnacht!

Mittwoch, 19. Dezember 2007

"Religiöse Atheisten" - oder Umfageergebnisse nach Maß

Von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebenen Studien rufen stets ein großes Medieninteresse hervor - warum auch immer. Außerdem sagt man diesen Studien nach, dass sie nach dem Prinzip vorgehen würden, dass schon bei Auftragsvergabe das Ergebnis fest stünde.

Beide Verdächtigungen treffen anscheinend auf den "Religionsmonitor" zu. Sein angeblich sensationelles Ergebnis: Jeder fünfte Bundesbürger ist ein hochreligiöser Mensch.
Man kann da anderer Ansicht sein, wie z. B. der Humanistische Pressedienst Deutschland: „70 % der Bundesbürger religiös"? Nein. Der hpd weist darauf hin, dass dieses "sensationelle Ergebnis" lediglich auf einem terminologische Trick beruhen würde: In der Studie werden für die Religiosität der Befragten drei Gruppen unterschieden: "Nicht religiös" - "religiös" - "hoch religiös".
Nennt man diese drei Gruppen weniger spektakulär "Nicht religiös" - "religiös indifferent/unentschieden" - "religiös", dann entspräche das dem Sprachgebrauch und den Ergebnissen, die in der empirischen Sozialforschung schon seit Jahren vorliegen.

Ein weiterer hpd-Beitrag nimmt sich der Studie auf satirischem Wege an. In der Märchenstunde bei Bertelsmann füllt eine überzeugte Atheistin den Fragebogen aus - mit dem Ergebnis, dass sie "religös" sei.

Man kann übrigens auch selbst an der Umfrage Teilnehmen: Religionsmonitor. Ich habe den Fragebogen ausgefüllt - mein ersten Eindruck: Petra Daheim vom hpd hat recht, die Erhebung unterbietet sogar das Niveau von Persönlichkeitstests der Marke „Wie treu sind Sie?" in Frau im Spiegel. Oder anders ausgedrückt: es ist nicht ganz leicht, die Fragen so zu beantworten, dass man am Ende "nicht religiös" ist.

Mein Testergebnis überrascht infolge dessen auch nicht sonderlich: Ich bin "hoch religios". beten Jedenfalls irgendwie. Insofern beruhigt es mich, dass der Test anonym ist. Jedenfalls irgendwie. Wenn man in einer Großstadt wohnt und die Monitor-Seite über "Tor"- aufruft, z. B..

Als Beispiel greife ich den ersten "Kernbereich" aus meinem Testergebnis heraus - der lässt außerdem wenig bis keine Rückschlüsse auf meine Persönlichkeit zu.
Religionstest
Die Erläuterung hierzu:
Der erste Themenbereich umfasst sieben Kerndimensionen des religiösen Erlebens und
Verhaltens. Sie kommen in allen Weltreligionen vor und können bei einem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Zusammen bilden sie die Grundstruktur der Religiosität eines Menschen.
"In allen Weltreligionen" - darunter versteht man bei Bertelsmann wohl "das Christentum". Jedenfalls sind die Frage meines Erachtens darauf zugeschnitten. Notfalls passen die meisten (nicht alle) noch zum Judentum und zum Islam. Außerdem wurde einige wage, "New-Age"-mäßige Antworten zur Wahl gestellt, die vermutlich auf Buddhisten zugeschnitten sein sollen.
Im Einzelnen können Sie sich zu den sieben Balken folgende Fragen stellen:
Interesse: Wie sehr interessiere ich mich für religiöse Themen und Fragen?
Ein Atheist, der sich intensiv mit Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" befasst, käme hier auf einen hohen Wert. ;-)
Glaube: Wie stark glaube ich an Gott oder etwas Göttliches?
Die Fragen zu diesem Komplex kann ich als Polytheist nur schwer beantworten.
Öffentliche Praxis: Wie oft bringe ich meine Religiosität in Gemeinschaft mit Anderen zum Ausdruck?
Hier liegt das Problem darin, dass nicht alle "Religionen" Alltag, "profane Feiern" und "Gottesdienst" so säuberlich trennen wie die meisten christlichen Kirchen. skaal
Gebet: Wie wichtig ist für mich das Gebet?
In gewisser Hinsicht führe ich durchaus "Zwiesprache" mit den Göttern (den Elementen, anderen Wesenheiten, aber auch Tieren, Planzen, Mineralien). Nicht in dem Sinne, dass ich mich mit ihnen laut unterhalten würde. ;-) Aber das unterscheidet sich doch sehr von einer verbalisierten Bitte an einen Gott, also ein Gebet im christlichen Sinne.
Du-Erfahrung: Wie oft mache ich Erfahrungen mit einem göttlichen "Gegenüber"?
Die Antwort ist klar - siehe Balken
Meditation: Wie wichtig ist für mich Meditation?
Dito.
All-Erfahrung: Wie oft mache ich die Erfahrung mit allem Eins zu sein?
Gut, dass sie den Begriff noch mal erläutert haben, hätte ja sein können, dass es um meine Erfahrung als Amateur-Astronom geht. rotfl

Praktisch auch die mitgelieferten Vergleichsbalken. Jedenfalls, wenn man sich sicher sein will, dass man "dazugehört" und ein "normaler, anständiger Durchschnitts-Deutscher" ist. Starke Abweichungen verstärken wahrscheinlich das Gefühl, "Außenseiter" zu sein, und das Bedürfnis, sich wenigstens äußerlich anzupassen. Was durchaus im Sinne des Auftraggebers liegen könnte.

Dass die Fragen teilweise arg "christozentrisch" sind, lässt sich z. B. hieran erkennen:
Religiöse Gebote im Alltag: Die zweite Perspektive richtet Ihren Blick auf die Frage, wie stark Sie sich in Ihrem Alltag an religiösen Geboten orientieren?
Ich für meinen Teil unterscheide nicht zwischen ethisch begründeten oder sich aus der Praxis des menschlichen Zusammenlebens ergebenden Geboten und solchen, die "religiös" begründet sind oder gar "offenbart" wurden. Von daher ist die Frage für mich nicht zu beantworten. Selbst wenn ich mich an die meisten der "10 Gebote" halte (bis auf das erste und zweite Gebot natürlich. ohne mich.)

Völlig absurd wird die Fragestellung, wenn z. B. danach gefragt ist, ob ich an "Engel" oder ob ich an "Dämomen" glauben würde (mit einer Selbsteinschätzung von "sehr" bis "gar nicht"). Ehrlicherweise müsste ich zugeben, dass ich von der Existenz von "Daimonen" überzeugt bin - im Sinne des Daimonion, das z. B. zu Sokrates sprach. Allerdings lässt die Gegenüberstellung mit "Engeln" (die in meinem Verständnis ebenfalls Daimonen sind) den Schluss, dass mit "Engeln" "Sendboten Gottes" und mit "Dämonen" "Sendboten des Teufels" gemeint sind. An so etwa glaube ich nicht.

Sinn und Zweck des "Religionsmonitors" ist es meiner Ansicht nach, den Christen im Lande (vor allen den politisch einflussreichen Exemplaren) das Bild eines im Großen und Ganzen religiös "ordentlichen" Deutschlands zu vermitteln. Also das zu erzählen, was sie gerne hören wollen. Was für die Bertelsmann-Stiftung nicht untypisch sein soll.

Dietrich Thor Steinars „Ring des Nibelungen“

Wagners monumentaler Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ gehört – trotz oder gerade wegen seiner Sperrigkeit – zu den meistinszenierten Opernzyklen der deutschen Musikliteratur. Ein Grund, weshalb der „Ring“ sich allzu gefälligen Interpretationen versagt, und anderseits immer wieder Regisseure zu neuen Interpretationen des Zyklus reizt, liegt in Wagners Germanenbild, das stark von nationalromantischen und „deutsch-völkischem“ Gedankengut beeinflusst wurde. Obwohl Wagner trotzt seines Antisemitismus kein Rechtsextremist, etwa im Sinne der späteren NSDAP, war, schätzten Nazi-„Größen“, allen voran Hitler, Wagners Opern über alle Maßen. Erwähnt werden müssen auch der „Flirt“ vieler Nachkommen und Verwandten Wagners mit den Nazis, und die Vorliebe einiger „kultivierterer“ Neonazis, die Wagner (verständlicherweise) primitivem Rechts-Rock oder rechten Liedermachern vom Schlage eines Frank „Troubadix“ Rennicke vorziehen.

Darüber geriet eine andere musikalische Bearbeitung des alten Sagenstoffes völlig in Vergessenheit, die dem „deutsch-völkischen“ Germanenbild noch weitaus näher kommt als Wagners „Ring“ und die sich bei Rechtextremisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einiger Beliebtheit erfreute: Dietrich Thor Steinars „Ring des Nibelungen“, unter Opernkennern meist kurz "Thor Steinar Ring" genannt.

Dietrich Steinar, der sich wegen seiner Vorliebe für alles „nordisch-germanische“ auch in der Öffentlichkeit gerne „Thor“ nannte, wurde am 1. 4. 1888 als 3. von 8. Kindern des Preussischen Unteroffiziers und späteren Zollbeamten Jürgen Steinar und der Klavierlehrerin Trude Steinar (geb. Ackermann) im damals zur Preussischen Provinz Schleswig-Holstein gehörenden Dorf Sande geboren. Nach absolvierter Volksschule und anschließender Lehre im Einzelhandel komponierte Dietrich, dessen musikalisches Talent schon von seiner Mutter gefördert worden war, erste Lieder, die sich bei ländlichen Festen großer Beliebtheit erfreuten. Bei einem Besuch in Hamburg kam er 1910 zum ersten Mal in Kontakt mit der Musik seines großen Vorbildes, Richard Wagner: er wohnte einer Aufführung des „Fliegenden Holländers“ an der hamburgischen Staatsoper bei. Zu dieser Zeit entdeckte der junge Komponist die Schriften der Ariosophen Jörg Lanz „von Liebenfels“ und Guido „von“ List. Begeistert von den Rasse-, Elite- und Germanenphantasien der Ariosophen schloss er sich noch im selben Jahr einer kleinen völkisch-germanischen Sekte an, der „Groß-Germanischen Goden Gesellschaft“ (G.G.G.G.), die ihren Hauptsitz in Berlin hatte. 1912 regte das Sektenoberhaupt der G.G.G.G., Georg von Nehmwanich , Thor Steinar zu seinem Opernzyklus an. Von Nehmwanich glaubte durch intensive Textüberinterpretationen den einzig wahren und wissenschaftlich zweifelslosen Glauben „unserer slavischen Urväter“ gefunden zu haben (er meinte herausgefunden zu haben, dass Slawen, Germanen, Kelten, Finnen und Samojeden „im Grunde das selbe Volk“ seien). Er ergänzte die ältere isländische Edda durch Fragmente der neueren Edda, des Beowulfs, des Nibelungenliedes, der Odyssee, der Fabeln Äsops, des Alten Testaments, des tibetischen Totenbuches, des „Liber al“ Crowleys, der „Deutschen Mythologie“ Jakob Grimms, der Märchen der Gebrüder Grimm, der Märchen aus 1001er Nacht, des Gilgamesch-Epos, H. G. Wells „Zeitmaschine“, Petras Klöppers Kinderbuch „Der wilde Wikinger“ und zahlreicher anderer „unzweifelhaften Primärquellen“ zur „Traditionell Germanischen Edda“, auch „Heidenbibel“ genannt.
Da ihn störte, dass das, was Wagner in seinen Opern über die alten Germanen und ihre Götter dichtete nicht mit der historischen Wahrheit (sprich: seiner „Traditionell Germanischen Edda“) übereinstimmte, bat er seinen Freund Thor Steinar, den „Wahren Ring des Nibelungen“ zu schreiben.
Steinar stürzte sich in die Arbeit. Schon 1913 wurden die beiden ersten Opern des Zyklus, „Das Rheingold“ und „Die Wahlkürre“ (die ungewöhnliche Schreibweise geht auf Von Nehmwanich zurück) im Musikpavillion der Kurpromenade des vorpommerschen Ostseebades Steinwerder uraufgeführt. 1914 folgten „Der Wer-Wolf“, „Siegmunds Sieg“, „Hagens Holmgang“ und „Kriemhilds Krache“ (nicht, wie fälschlich oft geschrieben wird: „Rache“). Die abschließende Oper des Zyklus, „Das göttliche Gelage“ (wie von Nehmwanich „Ragnarök“ übersetzte) bliebt wegen des frühen Todes Steinars ein Fragment.

Seine Opern halten rein kompositorisch dem Vergleich mit Wagner in keiner Weise stand. Immerhin zeichnen sich seine Arien durch eine gewisse Originalität und unfreiwillig groteske Texte aus, und stellen selbst für ungeübte Sänger keine stimmliche Herausforderung dar. (Ein zeitgenössischer Kritiker meinte: “Ein Glück, dass das Orchester so laut krawallt, dass man die Sänger nicht hören muss.“)
Kompositorisch bediente sich Steinar einer Technik, die als „Klepto-Kreativität“ bekannt wurde. Er nahm Fragmente aus erfolgreichen Opern, aber auch Operetten, Musicals und Schlagern, montierte sie neu und modifizierte die so entstandenen Stücke so, dass die Urheberrechtsverletzung nicht sofort auffiel.
Die Texte bedienen sich ausgiebig des Stabreims; wenn etwas sich nicht auf Anhieb stabte, schreckte Steinar auch nicht vor orthographischen Anpassungen wie „Kriemhilds Krache“, „durch diese dohle Dasse duss der dommen“, oder „Heiliger Hohsack“ nicht zurück.
Inhaltlich war Thor Steinar völlig den völkischen und ariosophischen Idealen verpflichtet. Da nach ariosophischer Auffassung die zahlreichen Götter, wie sie aus der germanischen Volksreligion bekannt sind, für die ariogermanische Führerschicht, die Armanen, in Wirklichkeit ein Gott sind, werden alle Götterrollen von einem einzigen Sänger übernommen. Das setzt die Fähigkeit zum schnellen Kostümwechsel voraus, in den meisten Inszenierungen wechseln die Sänger nur das Attibut (Wotans Speer, Donars Hammer, Freijas goldenes Halsband, Lokes brennendes Feuerzeug ). Helden erkennt man bei Steinar äußerlich daran, dass sie hellhäutig sind, blaue Augen haben und hohe Schnürstiefel tragen. Blond müssen sie, wegen des extremen Kurzhaarschnittes, nicht unbedingt sein. Die Bösen sind stets Juden, Freimauer, christliche Geistliche, Kommunisten, Ausländer oder Sektenbeauftragte – meistens alles zusammen.

Nach Ausbruch des 1. Weltkrieges meldete sich Dietrich Steinar freiwillig zum Kriegsdienst. Nach der Grundausbildung wurde er zum 88. westfälischen Infanteriebattaillon an die nordfranzösische Front versetzt. Er fiel schon beim ersten Einsatz. Sein „Spieß“, Hauptfeldwebel Alfred E. Neumann, erinnerte sich in seinen „Kriegstagebüchern“: „Steinar robbte sich bis auf 30 Meter an den französischen Schützengraben `ran. Dann stand der Idiot doch tatsächlich auf und stürmte mit „Hurrah!“ auf die Franzosen vor. Keine zwei Sekunden später war der Kerl ein Kugelsieb.“
Die Gebeine Steinars konnten später aufgrund der zahlreichen Einschussspuren eindeutig identifiziert werden.
Dietrich Thor Steinar und seine Opern erfreuten sich in den 20er Jahren bei jungen Nazis einiger Beliebtheit. 1935 verbot Hitler die Steinar-Verehrung „weil der Spinner deutschen Soldaten das denkbar schlechteste Vorbild gab.“
Im Soldatenjargon des 2. Weltkriegs nannte man Kleidungsstücke mit Einschusslöchern „Thor-Steinar-Mode“.

Heutzutage wird der "Thor Steinar Ring" kaum noch aufgeführt.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Literarisierung von Suchergebnissen, vor allem denen, die bisher mit unangenehmen Dingen, wie dem Nazi nahen Modelabel Thor Steinar verbunden sind. Es ist Teil der Aktion: “Thor Steinar’s Ring, ein Blog born hoax”.

Dienstag, 18. Dezember 2007

Endspurt der Verfassungsbeschwerde

Verfassungsbeschwerde einlegen. Noch bis zum 24. Dezember!

Wer es noch nicht getan haben sollte: Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung einreichen. Noch bis zum 24. 12. (Datum des Poststempels).

Samstag, 15. Dezember 2007

Kein "elektrischer Jutesack"

Ich zitierte neulich einen alten "Spiegel-Artikel" Fundstück - zum Nachdenken:
Kein Designer, kein Konzern wagt es dagegen, ein leichtes Fahrzeug mit umweltverträglichem Hybridmotor so aufregend zu verpacken, daß es nicht mehr wie ein motorisierter Jutesack daherkommt - was entscheidend zum Mißerfolg dieser neuen Fahrzeuggattung beiträgt.
Nun, ein abgasfreies Auto kann auch ganz anders aussehen, z. B. so:
Tesla Roadster

Aber zurück zum abgas-grauen Alltag.
David stellte in seinem Kommentar auf meinen Beitrag eine wichtige Frage:
Viel Entwicklungsaufwand in ein neues Produkt stecken um es dann so zu verpacken, daß es kaum einer will? Welchen Nutzen hätte man davon?
Unter rein kaufmännischen Gesichtspunkten wäre das in der Tat Verschwendung. Allerdings sind mittelständische Unternehmen, in denen man so denkt, unter den Automobilherstellern krasse Aussenseiter. Für einen Großkonzern sind die Entwicklungskosten eines nie in Großserie gehenden Öko-Autos eher Kleingeld. Wichtiger dürfte der Image-Gewinn (man könnte auch sagen: die Feigenblattfunktion) sein, oder die Möglichkeit, auf politische Vorgaben eingehen zu können. Gut macht es sich, Vorwürfe mit einem Hinweis auf sich schlecht verkaufende Ökomobile vom Tisch zu wischen: "Wir haben ja ein 3-Liter-Auto im Angebot, aber der Verbraucher will es offensichtlich nicht kaufen." Ich könnte an dieser Stelle lang und breit über die Modellpolitik der Automobilindustrie lamentieren, aber das haben genügend Andere schon genügend ausführlich getan.

Interessanter scheint mir die Frage, wieso eigentlich das klassische batteriebetriebene Elektro-Auto aktuell und in den Zukunftsstudien der Industrie so eine randständige Rolle einnimmt. Sicher, ein E-Auto kann nur so umweltfreundlich sein, wie das Kraftwerk, in dem der Strom für es erzeugt wird. Allerdings haben, weil der Strom sowieso in einen Akku-Satz "zwischengespeichert" werden muss, Wind- und Solarkraftwerke, deren Leistungsabgabe stark schwankt, beim "Autostrom" gegenüber konventionellen Kraftwerken kaum Nachteile.

Selbst wenn das Problem "Stromerzeugung" vom Tisch ist, sind Elektromobile, wie "jeder weiß", wenig alltagstauglich: sie sind langsam, lahm, haben zu wenig Reichweite, zu schwere Batterien.

Sagt man. Stimmte vielleicht mal vor 30 Jahren. Tatsächlich haben alltagstaugliche E-Autos wie der Think City diese Klischees längst Lügen gestraft. Der "City" ist ein vollwertig ausgestatteter Kleinwagen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h, 180 km Reichweite pro Batterieladung, bei 10 Stunden Ladezeit. Da Elektromotoren schon im unteren Drehzahlbereich einen guten Wirkungsgrad haben, kann das Getriebe nicht nur erheblich einfacher gestaltet werden als bei einem "Verbrenner", der "Think" ist ausserdem trotz seiner mageren 30 kW alles andere als eine "lahme Ente" beim Ampelstart.
Der entscheidende Fortschritt liegt im platzsparend im Unterboden eingebauten Lithium-Ionen-Akku von Tesla Motors, der aus 6.831 herkömmliche Akkus für Laptops aufgebaut ist.
Mit einer Innovation, die es immerhin zu einer Nominierung zum
Deutschen Zukunftspreis 2007 brachte, dürften die noch bestehenden Schwächen des Lithium-Ionen-Akkus bald der Vergangenheit angehören: Ein neuartiger Keramikseparator, der in Kooperation zwischen Evonik Industries AG, Essen und der Universität Duisburg-Essen entwickelt wurde, ist die Basis für sichere Lithium-Ionen-Batterien mit hoher Kapazität.

Überhaupt scheint Tesla Motors eine interessante Adresse für die Freunde des abgasfreien Autos zu sein. (Tesla Motors Website, Tesla Motors (engl. Wikipedia).)
Es ist ein geschickter Schachzug von Tesla, als erstes Modell ein anscheinend "überflüssiges" Fahrzeug, einen Sportwagen, auf den Markt zu bringen. Der "Tesla Roadster" ist eine Automobil gewordene Image-Kampagne für Elektrofahrzeuge. Das leichtgewichtige Fahrzeug hat eine Reichweite von gut 400 km pro Batterieladung, aus Sicherheitsgründen abgeregelte 200 km/h Höchstgeschwindigkeit und lässt mit einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in weniger als 4 Sekunden selbst kräftig motorisierte Benzinverbrenner alt aussehen. Das nächste Modell soll eine familientaugliche Limousine der gehobenen Mittelklasse, vergleichbar dem Audi A6 oder dem 5er-BWM, werden.

Zusammen mit den Elektro-Autos möchte Tesla seinen Kunden auch die Installation einer Stromtankstelle anbieten, die auf Car-Ports oder Hausdächer montiert werden kann. Damit würde der Elektro-Sportwagen endgültig zum "Umwelt-Renner".

Man kann dem von dem von Martin Eberhard und Marc Tarpenning, die sich durch den rechtzeitigen Verkauf ihrer erfolgreichen IT-Startups reich gemacht haben, gegründeten Autohersteller nur alles Gute wünschen. Zu viele innovative Aussenseiter sind schon mit pfiffigen Elektromobilen gescheitert, zu viele Vorzeigeprojekte der großen Automobilkonzerne nie auch nur in die Nähe einer Serienproduktion gekommen.

Welchen entscheidenden Nachteil haben Elektroautos? Es bedarf keiner Verschwörungstheorien, um zu erkennen, dass ein "Mitspieler" im Autogeschäft alles andere als begeistert über Elektrofahrzeuge sein dürfte: Die Mineralöl-Industrie. Elektroautos brauchen nun mal keine Tankstellen. Auch nicht für alternative Brennstoffe wie Methanol, Ethanol, Erdgas oder Wasserstoff, in die die Mineralöl-Konzerne für die Zeit "nach dem Öl" investieren.

(Siehe hierzu: Who Killed the Electric Car? )

Mittwoch, 12. Dezember 2007

Die Hammaburg war nicht die Keimzelle Hamburgs

In den meisten historischen Darstellungen gilt die "Hammaburg" als Keimzelle Hamburgs. Diese Burg soll, glaubt man den Chroniken, um 817 als fränkischer Brückenkopf nördlich der Elbe errichtet worden sein. Besonderen Wert legten der Chronist Rimbert, um 880 Erzbischof von Bremen, auf das Wirken seines Amtsvorgängers Ansgar, einem von der fränkischen Kirche beauftragten Missionar, der die Hammaburg als Ausgangspunkt für die Missionierung nordelbischen Germanen nutzte. Im Jahr 845 überfielen dänische Wikinger die Hammaburg, die sie anscheinend mühelos einnahmen, plünderten und zerstörten. Bischof Ansgar soll mit knapper Not entkommen sein. Die wiederaufgebaute Hammaburg führte, folgt man diesen Darstellungen, nach dem Wikingerüberfall lange Zeit nur noch ein Schattendasein.

Seit 1948 fanden in der Hamburger Altstadt umfangreiche Grabungen unter der Leitung Dr. Reinhardt Schindlers statt. Damals glaubte man in den für frühmittelalterliche Verhältnisse beachtlichen Wallanlagen - ein Quadrat mit abgerundeten Ecken, ca, 130 Meter Seitenlänge, mit 5–7 Meter hohen und 15 Meter breiten, oben durch Palisaden erhöhten Erdwällen - die Hammaburg gefunden zu haben. Außerhalb der Wälle gab es eine "Vorstadt" mit den Unterkünften der Kaufleute und Handwerker. Sie grenzte an einen Hafen, der an einem der Nebenarme der Alster (oder einer Mündung der Bille) lag, dem 1866 zugeschütteten Reichenstraßenfleet.
Aber schon damals gab es erste Ungereimtheiten: Warum wurde die Kaufmannsiedlung, die ja außerhalb der Wallanlage lag, nicht von den Wikingern geplündert und zerstört? Die spärlichen Funde von Wikinger-Waffen wollten auch nicht so recht zu den 600 Schiffen und 24000 Wikinger-Kriegern passen, die nach Angaben der Chronisten die Hammaburg stürmten - es dürften allerhöchstens 60 Schiffe und 2400 Mann gewesen sein, wahrscheinlich weniger. Zu wenig, um so eine mächtige Festung im Handstreich zu erobern, viel zu wenig für eine erfolgreiche Belagerung.
Datiert wurde die Wallanlage mittels Keramikscherben, die die für die Westslawen typischen Wellenmuster aufwiesen. Es schien zu passen: im Zuge der Sachsenkriege ließ Karl "der Große" Oboriten als "Puffer" zwischen den Sachsen und den mit ihnen verbündeten jütländischen Dänen ansiedeln. Das slawische Siedlungsgebiet muss um 800 bis in das heutige Hamburg gereicht haben.
Spätere wissenschaftliche Erkenntnisse ergaben jedoch, dass die bei den Grabungen gefundene Keramik aus der Burganlage nicht der früh-, sondern der mittelslawischen Zeit entstammte. Daraus lässt sich schließen, dass die Burg frühestens am Ende des 9. Jahrhunderts gebaut wurde - mindestens 50 Jahre nach dem Untergang der von Rimbert bezeugten Hammaburg.

Bei Grabungen in den Jahren 1980 bis 1987 fand man unterhalb der ersten eine zweite, kleinere Wallanlage. Diese entspricht dem Typ einer sächsischen Burg und stammt aus dem 8. Jahrhundert, aus der Zeit vor den "Sachsenkriegen" und der christlichen Missionierung. Sie ist damit zu alt, um die Hammaburg zu sein, die laut Rimbert 817 errichtet wurde.

Seit 2005 wird durch Archäologen des Helms-Museums unter der Leitung von Karsten Kablitz das Domplatz-Areal erneut untersucht. Dabei wurden Wallanlagen gefunden, die dem Augenschein nach Überreste der Hammaburg sein könnten.
Nähere Untersuchungen lassen aber den Schluss zu: Wenn es die Hammaburg überhaupt gab, dann befand sie sich nicht am heutigen Hamburger Domplatz. Das ergaben die C-14-Untersuchungen des Wallkörpers. Zwei Gräben wurden auf die Zeit zwischen 650 und 750 datiert, als die Hammaburg noch nicht existierte. Die großen Wallanlagen, die man nach 1948 für die Hammaburg hielt, datierte man nach Holzresten auf die Jahre 891 und 983 - was gut zu der Datierung durch mittelslawischen Keramikfunde passt.
(Hierzu auch im "Hamburger Abendblatt": Hammaburg - der große Irrtum. Weitere Informationen auf der Website des Helms-Museums.)

Ich vermute, dass die Hammaburg allenfalls eine eher kleine, abseits des Domplatz-Areals gelegenen Anlage war, die durchaus von ein paar entschlossenen Wikingerkriegern im Auftrag des sich bedrängt fühlenden Dänenkönigs Horich (Hørik) "plattgemacht" werden konnte. Es ist aber auch eine andere Deutung möglich: Hamme oder Hamm bezeichnet auf altniedersächsisch "festes Land in einem Sumpf oder Moor". Der Geesthang, auf dem später die Hamburger Altstadt entstand, war durch natürliche Gegebenheiten so gut geschützt, dass die Bewohner ihn als "Hammaburg " bezeichnet haben könnten. Eine tatsächliche "Burg" hätte es somit gar nicht gegeben - zumindest nicht in der Zeit zwischen der Zerstörung der sächsischen Burg und dem Bau der Wallanlage im späten 9. Jahrhundert.
Davon, dass Hamburg 817 mit der Hammaburg gegründet worden sei, kann ohnehin keine Rede sein. Die ältesten festen Behausungen im Gebiet der heutigen Hamburger Altstadt datieren auf das 4. Jahrhundert v. u. Z.. Eigentliche "Keimzelle" Hamburgs war wohl eine befestigte Siedlung der sächsische Nordalbingier (Nordludi), im 6. Jahrhundert auf einem Geestrücken bei der Alstermündung angelegt, ein Dorf namens Hamm.

Die Burg aus dem späten 9. Jahrhundert, zu dem die auf das Jahr 891 datierten Funde passen, wird als Domburg gedeutet, erbaut zum Schutz des neuen erzbischöflichen Mariendoms. Sie wird aber auch (oder hauptsächlich) eine Festung des "Limes Saxoniae" gewesen sein, der militärisch gesicherten Grenze zwischen dem mittlerweile ins Ostfrankenreich eingegliederten und christianisierten nordelbischen Sachsen und den noch heidnisch gebliebenen Slawen. Bereits 915 wurde die Burg beim ersten dokumentierten Überfall der slawischen Obodriten erobert, aber wohl nicht "dem Erdboden gleichgemacht". 983 wurde die Burg von der Armee des Obodritenfürst Mistui im Jahre 983 zerstört oder erheblich beschädigt. Die auf 983 datierten Holzstücke gehören wahrscheinlich zum Wiederaufbau. Die Hartnäckigkeit, mit der die Festung bis ins 11. Jahrhundert berannt, zerstört, wieder aufgebaut und mehrfach erweitert wurde, lässt auf eine gewisse strategische und wirtschaftliche Bedeutung Hamburgs schließen. Jedenfalls kann von einem "Schattendasein" Hamburgs zwischen 845 und dem Aufleben des Nordseehandels im 12. Jahrhundert wohl keine Rede sein.

Dienstag, 11. Dezember 2007

Gedanken zu einer verspäteten Empörung

Es stimmt leider - das Problem, dass der Entwurf für die Neufassung des § 182 Abs. 1 StGB für die sexuelle Selbstbestimmung junger Menschen birgt, wird erst jetzt in der Presse und der Bloggosphäre thematisiert - wo es fast zu spät ist (unbedingt lesen: ... vulgo: Sex-Verbot für Jugendliche, Seid keusch und mehret Euch, Sex nur noch für Erwachsene und Küssen verboten! Wie die Regierung unsere Sexualität regeln will.

Nur wenige Blogger (hervorzuheben ist Schutzalter) haben den längst vorliegenden Gesetzentwurf rechtzeitig thematisiert.

Auch ich stehe vor der Frage, warum ich nicht längst in meinem Blog öffentlich aufschrie?

Ich könnte darauf hinweisen, dass ich die Gesetzesänderung schon längst thematisiert hätte, z. B hier "Summer of Love VI" - die unvollständige Sexuelle Revolution oder hier: Moderne Hexenjagd - allerdings schreckte ich davor zurück, wegen des neuen §184b StGB und den neuen §182 StGB öffentlich laut zu werden (Protest sehe ich als meine Bürgerpflicht an).

Warum bin ich feige? (Was auch zur Frage beitragen dürfte: warum sind auch andere Blogger, von der Presse gar nicht zu reden, feige?)

Der wichtigste Grund, mich zurückzuhalten bzw. zu kneifen, ist, dass ich im "wahren Leben" außerhalb des Internets mit meine Versuchen, über diese Problematik zu diskutieren, mehrmals kläglich gescheitert bin.
Gescheitert daran, dass der Bekämpfung der Kinderpornographie ein extreme wichtiges, und der Jugendschutz immerhin hin noch ein wichtiges Thema in der öffentliches Debatte ist. So wichtig, dass jede Kritiker an einem Gesetzesvorhaben, das die Probleme Kinderpornographie und sexuelle Ausbeutung Minderjähriger zu bekämpfen verspricht, in Gefahr läuft, diese Probleme zu verniedlichen - oder gar ein persönliches Interesse daran zu haben, das die Gesetze nicht "endlich verschärft" werden.
Das auch vom "Spiegel" gebrachte Argument, dass die Gesetzesänderung auch das Verbot von "Dr. Sommer" bedeuten könnte, oder dass, wie in der US geschehen, Teenager, die voneinander "aufreizende" Fotos machen, bestraft werden können, verpuffte regelmäßig am Unglauben meiner Zuhörer. (Siehe auch, auf SpOn: "Die echten Kinderpornografen dürfen sich freuen".)

Ich gebe zu, dass meine sozialen Kompetenzen im Allgemeinen und meine Diskussionsfähigkeiten zu wünschen übrig lassen - aber das Grundschema, auch bei anderen fragwürdigen Gesetzesvorhaben, scheint mir offensichtlich zu sein:
  • Wenn ein Gesetz eine "gute Absicht" verfolgt, die von einer breiten Mehrheit der Gesellschaft mitgetragen wird, wird das Gesetz wenig oder gar nicht öffentlich kritisiert.
  • Es gibt immer noch, bei aller Politiker- und Politikverdrossenheit, ein großes Vertrauen in staatliche Institutionen: "So was passiert doch bei uns nicht!"
  • Menschen, die eine abweichende Ansicht vertreten, wird schnell unterstellt, egoistisch motiviert zu sein.
Warum führt die Politikerverdrossenheit nicht zu mehr Kritik an bürgerrechtsfeindlichen Gesetzen?
Besser als ein Diskussionsteilnehmer im "Freigeisterhaus" kann man es kaum formulieren:
"Man akzeptiert halt die Tatsache von weltfremden Durchgeknallten regiert zu werden, oder nicht. Dazwischen sehe ich keinen Raum mehr für weitere Alternativen. Sofern man akzeptiert - ist in der Akzeptanz auch die Logik für jede noch so irre Beschlußfassung begründet."

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