Donnerstag, 29. November 2007

... nicht weil es einfach wäre, sondern gerade weil es schwierig ist!

Treffend geriet "Telepolis" diese Überschrift: Apollo 2.0. Der aussagekräftige Vergleich stammt aus dem Weißbuch Clean Power from Deserts vom "Club of Rome". Solarkraftwerke in der Sahara können den Energiebedarf Afrikas, Europas und des Nahen Ostens decken. Solarthermische Kraftwerke sollen nicht nur Strom liefern (der über Gleichstrom-Höchstpannungsleitungen verlustarm in die Metropolen geschickt werden kann), sondern auch noch Prozesswärme und Süßwasser - etwa für die Bewässerung der Felder des Mittelmeerraums.
Auch wenn ich über den Club of Rome durchaus gemischte Ansichten habe, ist die u. A. von ihm angestoßene Trans-Mediterranean Renewable Energie Cooperation eines jener Projekte, mit dem ein ehrgeiziges - aber erreichbares - Ziel näher rückt: Eine von fossilen Brennstoffen unabhängige Energieversorgung, und zwar dergestalt, dass auch der sich absehbar steigernde Energiebedarf der heutige "Entwicklungsländer" gedeckt werden kann - und am Ende ein Versorgungsniveau steht, das "Wohlstand für alle" statt lediglich "gerecht verteilten Mangel" bedeutet.

Der Vergleich mit "Apollo" ist passend. Als US-Präsident John F. Kennedy 1961 ein Projekt ankündigte, dass noch vor 1970 einen Menschen zum Mond und heil wieder zur Erde zurückbringen sollte, da gab es weder eine Trägerrakete, die für diesen Zweck auch nur annähernd stark genug wäre, noch war bekannt, ob Menschen überhaupt in der die Schwerelosigkeit arbeiten könnten, es gab keinen Computer, der in die Raumkapsel hätte eingebaut werden können, die Frage, ob eine weiche Mondlandung überhaupt möglich wäre, war ungeklärt - kurz: bei "realistischer" Planung auf dem Stand des Jahres 1961 erschien Apollo ein unmögliches Unterfangen zu sein. Und doch - es gelang! Der Kontrast zu anderen technischen Unternehmen ist so krass, dass heute wissenschaftlich unhaltbare, aber "irgendwie" plausibel klingende Verschwörungstheorien, die behaupten, die Mondlandungen seien fingiert worden, ihre Anhänger finden.
Auch wenn man am Sinn des Mondfluges Zweifel anmeldet und die ausgegebenen Geldmittel (die etwa zwei Monaten Vietnamkrieg entsprachen) für verschwendet hält Ich halte es nicht: "Apollo" zeigte, dass wenn etwas technisch möglich ist und die Intention (politisch, aber auch gesamtgesellschaftlich) es trotz aller Hindernisse und Probleme zu schaffen, groß genug ist, auch das anscheinend Unmögliche machbar ist.

Da passt es, dass es das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) war, das in diesem Jahr verschiedene Studien dazu veröffentlicht, die unter anderem vom Bundesumweltministerium (das offensichtlich doch zu mehr als zur Klimaschutz-PR zu gebrauchen ist) in Auftrag gegeben wurden.
Now, the rest is up to us, and there's a future to be won. We must turn our faces outward, we will do what must be done.

Geburtstage

Heute vor zwei Jahren schrieb ich meinen ersten Beitrag für dieses Blog. Der damals angekündigte "Relaunch" meiner (statischenn) Website blieb bisher Ankündigung, während sich das Blog sehr viel besser entwickelte, als ich erwartete. Übrigens griff ich schon in meinem zweiten Beitrag ein Thema auf, dass die Tageszeitungen und Fernsehsender erst etwa eineinhalb Jahre später für sich entdeckten: Biosprit ist schlecht für den Regenwald.

Noch jemand hat heute, am 29. November Geburtstag: mein Vater wird heute 70. Ich komme grade von einem Besuch bei ihm und meiner Mutter. Mein Vater wirkt heute vitaler und geistig aufgeschlossener und auch körperlich irgendwie jünger, als in den Jahren, in denen er noch arbeitete. Also ist der "Pensionsschock" kein zwangsläufiges Schicksal - und vielleicht fängt mit "66 Jahren" doch für einige Menschen tatsächlich das (selbstbestimmte) Leben an. Ich wünsche jedenfalls meiner Vater noch viele vitale und gesunde Jahre - und bin fest überzeugt: er wird sie haben. Alles Gute, Paps!

Heute vor 205 Jahren geboren wurde Wilhelm Hauff, ein genialen Schriftsteller und Märchenerzähler, der leider viel zu früh heute vor 180 Jahren und drei Tagen, starb. Der "Kalif Storch", der "Kleine Muck", "Zwerg Nase" und all die anderen wundervoll einfühlsam geschilderten romantischen Märchengestalten leben immer noch.

Und noch jemand, der viel zu früh starb, hat heute Geburtstag. Petra Kelly, die in den 80er Jahren für mich eine Art "politisches Idol" war, wäre heute 60 Jahre alt geworden.

Nicht zu vergessen eine jener Erfindungen, die die Welt veränderten, auch wenn sie in ihrer ursprüngliche Gestalt längst überholt sind: Heute vor 130 Jahren stellte Thomas A. Edison seinen Phonographen vor. Damit begann das Zeitalter der Schallaufzeichnung.

Nachtrag: Heute vor 6o Jahren, am 29.11.1947, nahm die UN-Vollversammlung die Resolution Nr. 181 an, mit der die Teilung des britischen Mandatsgebietes westlich des Jordan in einen arabischen und einen jüdischen Staat beschlossen wurde. Das ist das de facto Gründungsdatum des Staates Israel.

Dienstag, 27. November 2007

Wie "echt" ist ein "echter Germane"?

Vorgestern erschien in der "Bild am Sonntag" ein Artikel, der den Alpträumen eines völkisch gesonnenen Rassenquassler entsprungen sein könnte, und der es gestern auch in der Online-Ausgabe eines seriösereren Springer-Blattes geschafft hat. Welt online: Nur wenige Deutsche sind echte Germanen.

Der kurze Artikel beruft sich auf eine bislang unveröffentlichte Studie der Schweizer Genforschungsinstitutes Igenea.
Wobei hinsichtlich der Genauigkeit, mit der BamS dessen Forschungsergebnisse wiedergibt, durchaus Skepsis angebracht ist. Daher bin ich auf die offizielle Veröffentlichung der Studie gespannt.

Sie förderte, glaubt man dem BamS-Artikel, erstaunliches zutage: so hätten 10 % aller Deutschen jüdische Vorfahren. Was genealogisch völlig plausibel ist, denn seit über 1700 Jahren leben Juden im heutigen Deutschland. Wobei ich gerne wüsste, mit welcher genanalytischen Methode Igenea das herausgefunden haben soll. An die Existenz einer "jüdischen Rasse" im genetische Sinne hat noch nicht einmal der tonangebende NS-Rasseforscher Hans F. K. Günther geglaubt.

Interessant ist, dass das Schweizer Labor, glaubt man BamS, zudem heraus fand, dass lediglich sechs Prozent aller Deutschen väterlicherseits germanischen Ursprungs sind. 30 Prozent stammen danach von Osteuropäern ab. Auch wieder völlig plausibel.
Nur - wie bekommt man heraus, dass eine bestimmte Genkombination auf einen "germanischen" Vorfahren hinweist? Denn: eine "germanische Rasse" gibt es ebenso wenig wie eine "jüdische" oder "osteuropäische".

Dabei gelingt mit genanalytischen Methoden erstaunliches. So wurden in der Stiftskirche St. Dionysos in Enger (Westfalen) die Gebeine zweier ca. 60 Jahre alten Männern und einem Jugendlichen aus der Zeit um 800 gefunden. Es wird vermutet, dass die beiden großen und athletisch gebauten Männer, deren Knochen Spuren eines Lebens im Sattel und im Kampf aufweisen, die des Gegners Karls der Großen in den Sachsenkriegen, Widukind, und seines Schwagers Abbio sein könnte. Auch wenn das nicht abschließend zu klären ist, sprechen Genanalysen dafür, dass einer der beiden älteren Männer und der junge Mann eng mit noch heute in Westfalen lebenden „alten Familien“ verwandt sind, während der andere ältere Mann mit einer in Südjütland lebenden Population verwandt ist, also nach heutigen Begriffen "Däne" war.
Man kann also durch Vergleiche mit gut erhaltenen Leichenresten und durch Populationsvergleiche durchaus "Abstammungslinien" über Jahrhunderte hinweg nachweisen. Nun waren die "alten Westfahlen" Germanen. Genau so übrigens wie die Vorfahren des anderen älteren Mannes, der vielleicht Abbio war. Allerdings ist "germanisch" in erster Linie ein sprachwissenschaftlicher und in zweiter Linie - mit abweichender Bedeutung - ein kulturhistorischer Begriff. Selbst anatomisch sind die beiden "germanischen" Populationen in Ostwestfalen und in Südjütland verschieden. In der Terminologie des "Rasseforschers" Günther gehörten die Westfalen zur "fälischen" (Merkmal: breite Schädel) und die Jüten zur "nordischen Rasse" (längliche Schädel). Diese und andere Merkmale haben sich, statistisch gesehen, in beiden Populationen "erhalten", obwohl es schon zu Kaiser Karls Zeiten zu "Blutsmischungen" (Rassequasslerjargon) kam.
Wie vorsichtig man heutzutage mit Begriffen wie "germanisch", "keltisch", "slawisch" usw. ist, zeigen Ausgrabungen alter Eisenhütten im heutigen Bergischen Land. Die Funde gehören eindeutig zur La-Tène-Kultur. Die La-Tene-Kultur ist eine keltische Kultur. Trotzdem scheuen die Archäologen davor zurück, von keltischen Funden zu sprechen. Warum?
Es ist bekannt, dass in dieser Region und im in Frage kommenden Zeitraum sowohl keltische wie germanische Stämme gelebt hatten. Ferner ist bekannt, dass die Germanen Werkzeuge und handwerkliches "Know How" von den technisch "fortgeschritteneren" keltischen Nachbarn übernahmen. Also kann man an den Werkzeugen und Eisenhütten nicht erkennen, ob sie von Kelten oder "keltisierten Germanen" stammen. Mit DNS-Spuren in eventuellen Leichenresten könnte man das übrigens auch nicht.
Tatsächlich haben Genuntersuchungen ergeben, dass unter den Vorfahren der heutigen Iren, die ohne jeden Zweifel bis heute einer keltischen Kultur angehören, nur sehr wenige Vorfahren aus dem "Ursprungsgebiet" der Kelten, dem nördlichen Alpenrand, zu finden sind. Oder nehmen wir die Goten - größter germanischer Stammesverbund der Völkerwanderungszeit. Würde man deren DNS analysieren, würde man fast ausschließlich osteuropäische Vorfahren finden - obwohl die Goten steif und fest daran glaubten, aus dem heutigen Schweden zu stammen, worauf auch Sprache und Kultur hindeuten. Des Rätsels Lösung: nach der Überlieferung landeten die Goten mit nur drei Schiffen im Gebiet der Weichselmündung im heutigen Polen. Selbst bei kaninchenhafter Vermehrung hätten die Nachkommen dieser höchstens 60 Menschen nicht ausgereicht, um einige Jahrhunderte später das nach hunderttausenden zählende "Volk" der Goten zu bilden. Die Vorfahren der historischen Goten wurden ganz überwiegend in den Stamm aufgenommen, quasi adoptiert.
Es ist erstaunlich, wie lange sich die Legende von der "reinen Rasse" der Goten gehalten hat. Schließlich käme niemand auf die Idee, in jedem Römer der damaligen Zeit einen direkten Nachkommen der stadtrömischen Bevölkerung aus der Zeit um 700 v. u. Z. zu halten. Und wenn man die Abstammung von ihren jeweiligen Vorfahren im Jahre 150 v. u. Z. zugrunde legt, dann standen sich 400 Jahre später am Limes nicht "Römer" und "Germanen" gegenüber, sondern "romanisierte Kelten" und "germanisierte Kelten". Und auch die Vorfahren der "Kelten" wurden irgendwann einmal "keltisiert", denn die paar tatsächlich aus der Region um Hallstadt zugewanderten "Urkelten" unter ihren Vorfahren kann man getrost vernachlässigen.

Oder nehmen wir das Gebiet des heutigen Mecklenburgs. Um die Zeitenwende lebten dort nachweislich Germanen. Um das Jahr 800 lebten dort, genau so nachweislich, ausschließlich Slawen. Um um 1500 kann man von einer durchgehenden deutschen Bevölkerung ausgehen. Sieht man sich die Karten in den Geschichtsatlanten an, dann wanderten die Germanen in der Völkerwanderung ab und die Slawen ein. Und im Mittelalter, in der ersten Phase der "Ostkolonisation", wanderten Deutsche nach Mecklenburg ein. Nun war es aber nicht so, dass vor der der "Ostkolonisation" Mecklenburg menschenleer gewesen wäre - und Ausrottungskriege und Vertreibungen gab es nicht. Tatsächlich vermischten sich "Ansässige" und "Zugewanderte", wobei die "Deutschen" aus politischen und kulturellen Gründen die Oberhand behielten. Sie hätten, bei anderen Verhältnissen, auch "slawisch assimiliert" werden können, wie die skandinavischen Siedler in Russland, oder Enklaven bilden können, wie die Wolgadeutschen oder die Siebenbürger Sachsen. Einige Jahrhunderte zuvor waren die Slawen wirklich in einen "verlassenen" Raum eingedrungen. "Verlassen" in dem Sinne, dass ein so großer Teil der Bevölkerung abgewandert war, dass die Siedlungsdichte so gering wurde, dass das Land für Zuwanderer aus dem Osten interessant wurde. Weil auch ein großer Teil der "Oberschicht" der Germanen "unterwegs" war, gewannen die besser organisierten Slawen die kulturelle Vorherrschaft.

Also: von der Vorstellung, die "alten Völker" seien "bodenständig und unvermischten Blutes" gewesen, sollte man Abstand nehmen. Auch die Vorfahren der Westfalen und der Jüten zur Zeit Widukinds waren erst einige Jahrhunderte lang "Germanen".

Der beste Absatz im "Welt online"-Artikel ist der vorletzte:
Die moderne Genetik zeige die Unsinnigkeit des Rassismus auf, sagte Imma Pazos, eine der Wissenschaftlerinnen. Alle Genanalysen bewiesen, dass jeder Mensch unzählig viele Wurzeln habe und in jedem ein „Mischmasch“ stecke.
Was folgt, ist entlarvend:
Igenea wirbt im Internet gemeinsam mit der „Bild“-Zeitung für Gentests zur Bestimmung der Abstammung. Diese Tests kosten je nach Fragestellung mindestens 120 Euro.
Da kann ein wenig Sensationsmache wohl nicht schaden.

Montag, 26. November 2007

Antwort auf eine nicht gestellte Frage

Manchmal finde ich in den Resultaten von Suchmaschinen-Anfragen nicht nur die gewünschten Antworten, sondern auch Antworten auf Fragen, die ich niemals stellen würde - aber trotzdem irgendwie interessant finde.

Z. B. die Antwort auf die Frage, wie Michael Jackson heute ohne Gesichtsoperationen aussehen würde: Michael Jackson Age Progression. Knapp zusammengefasst: wie ein Mensch.

Donnerstag, 22. November 2007

Es geschah in Mölln - vor 15 Jahren

Am 23. November 1992 verübten Neonazis Brandanschläge auf zwei Wohnhäuser in Mölln, die von türkischen Familien bewohnt wurden. Dabei starben drei Menschen und neun weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Es war "nur" ein Anschlag von zahlreiche Brandanschläge gegen Migranten und Asylbewerber, die zwischen 1991 und 1993 in Deutschland vor allem, aber nicht nur, von Neonazis verübt wurden.
Ein Anschlag von vielen.

Anfang der 90er Jahre gab es in Deutschland eine bis dahin beispiellose Serie von xenophoben Anschlägen.
Xenophob - wörtlich "gast-ängstlich" - beschreibt den Charakter dieser Anschläge besser als die deutsche Entsprechung "fremdenfeindlich" oder "ausländerfeindlich" - und sogar "rassistisch". Es läuft darauf hinaus, Menschen, die im Wortsinn "nicht normal" sind, die also eine Norm, wie ein Deutscher gefälligst zu sein hat, nicht erfüllen, zu eliminieren - wobei das Spektrum des "Eliminieren" von (Zwangs-)Assimilieren über Vertreiben bis Umbringen reicht.

Leider goss die "große Politik", trotz allerlei Betroffenheitsadressen, trotz Empörung über die rechtsextremistischen Täter, kräftig Öl ins Feuer. Die Brandanschläge gingen einher mit einer - anders kann man es nicht nennen - Hetzkampagne gegen Asylbewerber. Teilweise wird das der Taktik der Unionsparteien geschuldet sein, das vermeintliche Wählerpotenzial am "rechten Rand" abzuschöpfen - die "Republikaner" profilierten sich damals mit fremdenfeindlichen Parolen. 1993 gipfelte die Auseinandersetzung um die Asylkampagne der CDU in einer de-facto Abschaffung des Asylrechts (Grundgesetzänderung mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und FDP).
Allerdings ist xenophobes Denken keine "Spezialität der politisch Rechten". Man könnte sogar darüber spekulieren, dass die Xenophobie eine Reaktion auf gut gemeinte, aber unkritische, "Multi-Kulti-Seeligkeit" gewesen sein könnte. Oder darüber, dass nach der Vereinigung Deutschlands der verschüttete Nationalismus ans Tageslicht kam. Aber das sind, denke ich, Randfaktoren. Der entscheidende Faktor war wohl primitive ökonomische Konkurrenzsangst - die Angst vor dem "Sozialschmarotzer". Die bis heute gern politisch instrumentalisiert, ja gefördert wird - bis weit in die SPD und "die Linke" hinein.

Die angeheizte xenophobe Stimmung in der Bevölkerung gipfelte in den Ausschreitungen von Rostock/Lichtenhagen (1992) sowie den Brandanschlägen in Mölln (1992) und Solingen (1993). Insgesamt wurden im Jahr 1992 mindestens 25 Menschen aus xenophoben Motiven ermordet.

"Mölln" stellte einen Wendepunkt innerhalb dieser Anschlagserie dar.
Die beiden Brandanschläge in der Nacht zum 23. Novemer 1992 zeigten, dass solche Anschläge keine "ostdeutsche Besonderheit" waren. Sie hatten, auch das war neu, kein Asylbewerberheim zum Ziel, sondern seit Jahre in Deutschland lebende türkische Einwanderer. Und anders als andere, eher "spontane" Brandanschläge war der Anschlag von Mölln ein kaltblütig geplanter Mord. In einem der Häuser gossen die Täter zunächst Benzin in das Treppenhaus und zündeten es an. Damit war der Fluchtweg blockiert. Dann warfen sie warfen einen Molotowcocktail auf die Rückseite des Hauses. Für die 51 jährige Großmutter und zwei Mädchen, 10 und 14 Jahre alt, die sich im ersten Stock aufhielten, gab kein Entkommen. Wegen dieses kaltblütigen Plans wurde zunächst auch in Richtung "Hamburger Unterwelt" ermittelt. (Mölln ist nicht allzu weit von Hamburg entfernt.) Aber es bestanden von Anfang an wenig Zweifel, dass die Täter in Neonazi-Kreisen zu suchen waren. (Beim Notruf meldete sich in der Brandnacht ein Anrufer mit den Worten: "In der Ratzeburger Straße brennt es. Heil Hitler!" und später "In der Mühlenstraße brennt es. Heil Hitler!")
In der Folge wurde es östlich von Hamburg "unruhig", es organisierte sich eine "türkische Bürgerwehr", es gab Schlägereien zwischen türkischen und deutschen Jugendlichen, die oft, aber leider nicht immer, Neonazis waren. "Mölln" war Thema in den Hauptnachrichten, auch international. Was ich höchst peinlich fand: Bundeskanzler Helmut Kohl fuhr damals, statt an der Trauerfeier teilzunehmen, direkt zum Berliner CDU Parteitag.

Nach 1990 fühlten die Neonazis, dass sie "Oberwasser" bekamen, dass "rechte" Themen wie die (angebliche) "Asylantenschwemme" die Wahlkampfveranstaltungen bestimmten. Das (vermeindlich) hilflose Agieren der "Gutmenschen" zwischen Lichterkette und Mahnadresse bestärkte sie noch in ihrem Selbstbewußtsein.
Allerdings nahmen auch die Aktivitäten der "Antifa" zu - wobei es die "Antifa", im Sinne einer einheitlichen politischen Weltanschauung oder einer einheitlichen Strategie, nie gab. Was die Antifa zusammenhält, ist der gemeinsame Gegner. Vor allem schaffte es die Antifa damals erstmals Bundesgenossen bis weit ins bürgerlich-liberale Spektrum zu gewinnen. Ich merkte das daran, dass Gegendemonstranten gegen Nazi-Veranstaltungen in der Regionalpresse nicht mehr gewohnheitsmäßig als "linke Chaoten" oder ähnlich bezeichnet wurden. (Eine Tendenz, die sich leider nicht bei allen Zeitungen bzw. Medien durchgesetzt hat!)

Im Jahr nach den Anschlägen gründete sich in Mölln der Verein "Miteinander Leben e.V." Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, das Zusammenleben von deutschen und MigrantInnen in der Region zu verbessern und Aufklärungsarbeit gegenüber rechtsextremistischen Auswüchsen in der Gesellschaft zu betreiben.

Und heute?
Diese pogromartige Stimmung Anfang der 1990er-Jahre gibt es zum Glück heute nicht mehr. Aber die Gefahr der Xenophobie ist natürlich nicht verschwunden. Immer wieder kommt es zu Gewalt gegen Einwanderer, "Ausländer", da reicht ein Blick in die Verfassungsschutzberichte.
In der Nacht vom 1. auf den 2. Juni 2007 versuchten mehrere Neo-Nazis mit Hilfe eines Fahrradständers in die Internationale Begegnungsstätte in Mölln einzudringen. Bei diesem Haus handelt es sich um das Brandhaus in dem 1992 drei Menschen ums Leben kamen.Nach dem den Nazis das Eindringen misslang, schlugen diese eine Scheibe ein, verklebten AntiAntifa-Aufkleber und flüchteten bevor die Polizei eintraf.
(Quelle: Indymedia)

Es gibt in der Kleinstadt Mölln eine aktive "Anti-Antifa", personell wohl eher klein, aber mit unangenehm hohem Gewaltpotenzial. Anfang 2007 machte sie erstmals durch Angriffe auf "Ausländer" (oder Menschen, die sie dafür hielten), Aufkleberaktionen auf das Brandhaus in der Mühlenstrasse, sowie Observationen von einzelnen "Linken" (oder Menschen, die die Anti-Antifa dafür hält) von sich reden.

Zur Zeit finden antifaschistische Aktionswochen in Mölln statt, um den Brandanschlägen zu gedenken und über Naziaktivitäten und Strukturen zu informieren.

Auf "MUT gegen rechte Gewalt":Stadt mit Stigma

5 Jahre alter, aber immer noch aktueller, Artikel der "Jungle World":
Lieber zum Parteitag

Sonntag, 18. November 2007

"Time won't drive us down to dust again!"

Heute lässt mich das Thema nicht los.
Vielleicht, weil Visionen - was sowohl "Leitbilder" wie "Träume" bedeuten kann - Hoffnungslosigkeit überwinden können.
Dass Dumme an "Weltuntergangsvisionen" ist, dass sie das Denken lähmen, wenn man in ihnen mehr sieht, als eben Visionen - sondern sie für die Zukunft hält. Aber die Zukunft gibt es nicht, das liegt in ihrer Natur, es gibt nur Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Wer das vergisst, resigniert entweder - oder hofft auf einen "Erlöser", einen "Retter" - und damit meine ich nicht etwa Jesus, eher schon jene, die sich gern auf ihn berufen. Endzeitpropheten, einige stramm religiös, einige weltlich. Heillose Heilslehren, alle verschieden, alle im Besitz des Patentrezeptes für die Abwehr des Unheils. Das Patentrezept gibt es nicht, was nicht heißt, dass wir ohnmächtig sind. Wer kämpft (auch im übertragenen Sinne) kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren. Das gilt für die drohende Überwachungsgesellschaft genau so wie für die befürchtete Klimakatastrophe. (Wobei, was bei allen Zukunftsvisionen gern übersehen wird, "Wandel" nicht zwangsläufig "Katastrophe" heißt.)

Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich das Thema "Vision" nicht aus dem Schädel bekomme. Weil ich eine "Vision" (oder besser Audition) im spirituellen (oder meinethalben religiösen) Sinne hatte. Und weil ich, infolge dieser Vision (die ich lieber für mich behalte - ich habe schon schlechte Erfahrungen gemacht), auf ein Lied stieß. Ein Lied, das von einer Visionärin stammt.

Wobei - das Lied kannte ich natürlich schon. Vor gut 15 Jahren habe ich es, so gut es ging, mitgesungen, spät nachts, auf einem Science Fiction-Con. Aber dieses Lied kann man ebenso gut abends am Lagerfeuer singen. Oder sogar im Rahmen eines heidnischen Rituals.

Die Komponistin und Texterin dieses Liedes heißt Leslie Fish. Obwohl ich nicht alle ihre Ansichten teile, und einige sogar für töricht halte, ist sie mir grundsymphatisch: Sie ist Filk-Musikerin (nicht zu verwechseln mit "Folk", obwohl es da Überschneidungen gibt), Schriftstellerin (Science Fiction und Fantasy) Fan (Science Fiction und Fantasy), Live-Rollenspielerin, mag Katzen - und ist Anarchistin. Wer mich einigermaßen kennt, weiß, dass mir so ein Mensch nicht wirklich unsympathisch sein kann - auch wenn ich weder Musiker, noch LARP-Spieler und nur bei sehr großzügiger Auslegung des Begriffes Anarchist bin. Leslie Fish lebt in den USA, ist schon ein wenig älter (201 ? ), sie war politisch aktiv gegen den Vietnamkrieg und für die IWW. Und in der Wikipedia heißt es: "Fish often weaves pagan and anarchist themes into her music."

Das Lied ist ihr bekanntestes, es stammt aus der Zeit, als die Vietnam-Friedensbewegung und die Hippiekultur in höchster Blüte standen, 1969. Es trägt den seltsamen Titel "Hope Eyrie" - ich hörte das als "hope aria", also "Hoffnungsarie", aber: "An aerie or eyrie is a nest of a bird of prey, built at a high altitude." - Ein Raubvogelnest, in großer Höhe erbaut. Ein Horst. Und viele, die es hören, verstehen nicht, worum es in diesem Lied geht.

Deshalb ist diese von Julia Ecklar, einer Musikerin und SF-Schriftstellerin, gesungene Version mit einem passenden Video hinterlegt:

"V" for "Vision"

Unsere Zukunft könnte finster aussehen: "Die schlimmsten Szenarien des IPCC sind so angsterregend wie ein Science-Fiction-Film", sagte UN- Generalsekretär Ban Ki Moon bei der Vorstellung des "Kompaktfassung" des Weltklimaberichts. "Angsterregend wie ein Science-Fiction-Film".
Eine negative Zukunftsvision. Ungeachtet, ob die Szenarien zutreffen oder nicht, ob CO2-Reduktionen effektiv etwas bewirken oder nicht - solche Visionen wirken. Und solange sie nicht zu Endzeitphantasien oder Öko-Totalitarismus führen, können sie ganz heilsam sein, und sei es nur, um Politiker daran zu erinnern, dass es wichtigeres gibt als Fraktionsdisziplin, Chancen auf Wiederwahl oder Zufriedenstellen der jeweiligen Klientel.
Die Zukunft ist nicht nur "das unentdeckte Land" - es gibt sie buchstäblich nicht. Ich bin mir sicher, dass es sinnvoller ist, zwischen Dingen zu unterscheiden, die wir ändern können, und solchen, die nicht mehr zu ändern sind. Pragmatisches Denken.
Helmut Schmidt, der profilierteste Pragmatiker der jüngeren deutschen Geschichte, sagte (bzw. raunzte) 1980: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!" Es bezog sich auf den damaligen SPD-Vorsitzenden Willy Brand und seine "Visionen". Brandt meinte mit "Visionen" strategische Ziele oder Ideen, ohne die auch ein pragmatischer Politiker nicht auskommt, Schmidts Kritik zielte vermutlich darauf ab, dass Brandt dabei seiner Ansicht nach zum utopischen Denken neigte: "Vision" im Sinne von "Traum" oder "Illusion". "Utopisches Denken" ist die Vorstellung, die gesellschaftliche bzw. politische Zukunft planen zu können: Generalplan "perfekte Gesellschaft", und wenn sich alle bis ins Detail daran halten, wird alles gut. Obwohl ich Freund literarischer Utopien bin, lehne ich utopisches Denken ab - es hat immer einen Zug ins Totalitäre.
Ich verstehe unter "Vision" hier: eine Vorstellung oder Imagination davon, was werden könnte. Was man, etwas ungenau, mit "Leitbild" übersetzen könnte.
Nehmen wir die literarischen Utopien (genauer gesagt: Dystopien) über totalitäre Überwachungsstaaten, genannt seien nur Samjatins "Wir", Orwell "1984" oder Alan Moores "V for Vendetta". Sie zeigen uns, wie es kommen könnte. Als Warnung es nicht soweit kommen zu lassen. Als Aufforderung zum Handeln, dazu, Fehlentwicklungen zu stoppen und, wenn möglich, rückgängig zu machen. In dem Moment aber, in dem aus der Vision, in Form einer literarischen Utopie, utopisches Denken wird, oder schreckenerregende Zukunftsvisionen ins apokalyptische Denken umschlagen, hört ihre befreiende Wirkung auf. (Beispiel: drohende Klimakatastrophe als Begründung einer ökologistischen Diktatur.)

Noch wichtiger als die warnenden Visionen sind die Visionen für eine bessere Welt. Solange sie nicht in "Patentrezepte für eine glückliche Zukunft" umschlagen, in utopisches Denken. Visionen vertragen sich sehr wohl mit pragmatischem Denken. Ein Beispiel ist das Vision Statement der Wikipedia:
Stell dir eine Welt vor, in der jeder einzelne Mensch freien Anteil an der Gesamtheit des Wissens hat.
Ich fand via BasA$$Mood eine sehr hoffnungsvolle Zukunftsvision, umrisshaft verdeutlicht als literarische Utopie bzw. Science Fiction-Szenarium: Cholorofilia 2106.

Keine Heilslehre, kein Detailplan, aber ein Ziel, ein positives Gegenbild zur Schreckensvision der Stadt der Zukunft als gigantischer, kontinentebedeckender Mega-Slum. Übrigens unter dem Leitbild "Anpassungsfähigkeit". Organisch denken, ökologisch, nicht ökologistisch.

Samstag, 17. November 2007

Unverlangte Buchbesprechung eines Buches aus dem "Arndt"-Verlag

Ich bekomme des öfteren Büchersendungen. Fast immer, weil ich das Buch bestellt hatte, hin und wieder erhalte ich auch Renzensionsexemplare oder Buchgeschenke. Nun erhielt ich zum ersten Mal eine unverlangte Büchersendung.

Die Masche, unverlangte Warensendungen mit beiliegender Zahlkarte zu versenden, ist aus der Mode gekommen, seitdem sich herumgesprochen hat, dass eine unverlangte Warensendung weder zur Zahlung noch zur Rücksendung verpflichtet - diese Form der "offensiven Kundenwerbung" wurde schlicht zu teuer. Deshalb war ich auch etwas erstaunt, dass ich eine Büchersendung eines Buches aus dem "Arndt-Verlag" nebst "pro forma Rechnung" erhielt.
Die "Lesen & Schenken GmbH" kannte meine Adresse, weil ich vor Jahren zu Recherchezwecken einen Katalog dort angefordert hatte. Ich hatte gehört, dass einige Bücher des "Arun"-Verlags, von denen ich vermute, dass sie "deutschvölkischen" bzw. "braun-esoterischen" Inhalt haben, die bei "Arun" nicht mehr im Programm waren, bei "Lesen & Schenken" angeboten würden. Ich wollte gerne wissen, ob das stimmte - und auch, wo "Lesen & Schenken" politisch in etwa zu verorten sei.

Bei dem Buch, das ich erhielt, handelt es sich um den Bildband "Kampfgruppe Scherer - 105 Tage im Kessel von Cholm" von Richard Muck, erschienen bei "Arndt", Kiel (nicht zu verwechseln mit dem auf Bücher über Papageien spezialisierten "Arndt-Verlag").
Also ein militärhistorisches Buch über ein Ereignis an der "Ostfront", im Jahre 1942. Allerdings kamen mir schon beim ersten Durchblättern Zweifel an der historischen Genauigkeit der Darstellung.

Zum historischen Hintergrund: Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die UdSSR drang sie innerhalb weniger Monate bis kurz vor Moskau und Leningrad vor. Ende 1941 kam der der "Blitzfeldzug" aus mehreren Gründen zum Stehen - die überrumpelte UdSSR hatte inzwischen ihre Gegenwehr besser organisiert, die deutschen Nachschublinien waren überdehnt, der harte russische Winter machten den leichtsinnigerweise nicht wintermäßig ausgerüsteten deutschen Truppen zu schaffen. Im Januar 1942 begann Stalin eine Gegenoffensive, zum Teil mit frischen Truppen, die bisher in Sibirien gestanden hatten, um eine von ihm befürchtete Invasion der japanischen Armee abzuwehren. Um die Verbindung zwischen den deutschen Heeresgruppen "Nord" und "Mitte" zu sprengen, griffen zwei sowjetische Armeen die rechte Flanke der deutschen 16. Armee an. Ihnen gelang es, die Front der Wehrmacht an mehrere Stellen zu durchbrechen, tief nach Westen vorzudringen und zahlreiche deutsche Verbände einzuschließen. Cholm, gelegen am Zusammenfluss des Lowat und der Kunja, war das letzte deutsche Widerstandsnest. Die 3. sowjetische Stoßarmee schloss Ende Januar Cholm ein, die 105-tägige Belagerung des "Kessels von Cholm" begann.
Die an sich strategisch eher nebensächliche Belagerung wurde wegen des zähen Widerstands der eingeschlossenen Truppen unter Generalmajor Scherer von der deutschen Propaganda groß herausgestellt, vor allem, da es gelang, trotz sowjetischer Gegenwehr eine Luftbrücke zur Versorgung einzurichten. Schließlich schaffte es ein deutsches Panzerkorps den Belagerungsring zu durchbrechen. Die sowjetische Truppen zogen sich zurück, es gelang ihnen erst 1944 Cholm wieder zu befreien. Auf deutscher Seite verloren rund 1.500 Mann ihr Leben, 1.500 weitere wurden z. T. schwer verletzt. Über die Verluste der Roten Armee fand ich keine Angaben, angeblich waren sie gut drei mal so hoch wie die deutschen, von den Opfern unter der Zivilbevölkerung gar nicht zu reden.
Diese dürren Worte geben von der wahren Brutalität der Kämpfe keinen Eindruck, die deutschen Invasoren gingen äußerst rücksichtslos vor, die sowjetischen Verteidiger antworteten entsprechend.
Auch "Kampfgruppe Scherer" gibt nach meinem Eindruck, trotz einige drastischer Worte und Bilder, den wahren Charakter des Kampfes nur sehr unzulänglich wieder.

Der 16 in großer Schrift bedruckte Seiten umfassende Einleitungsteil mutet so an, als ob er direkt aus der Frontberichterstattung der deutschen Wehrmacht übernommen worden wäre - einschließlich Wortwahl ("der Bolschewist", "bewaffnete Banditen" statt "Partisanen"), viel Pathos und gnadenloser Parteilichkeit.
Den Hauptteil des Buches, etwa 100 Seiten, nehmen die Fotos des Kriegsberichters Richard Munck ein, der Anfang März auf dem Luftweg nach Cholm kam. Technisch sind die Schwarzweiß-Fotos gut, inhaltlich gibt es keine Überraschung: Bilder von der "Ostfront", wie es sie zu Tausenden gibt, Soldaten in Dreck, Schnee, Trümmern, unrasierte, hohlwangige Gesichter, die gequält in die Kamera grinsen, schlammige Schützengräben, ausgebrannte Panzer. Alles trotz der Bildmotive nicht sonderlich schockierend - und alles irgendwo schon mal gesehen. Was auffällt: der Krieg erscheint auf diesen Fotos erstaunlich "sauber" und ästhetisch, manchmal geradezu romantisch, als ob sich die Herausgeber noch heute an die Vorgaben der Nazi-Zensur halten müssten und nur "schöne", den "Wehrwillen fördernde" Bilder abdruckten.

Der "Hammer" sind aber die Bildunterschriften. Was sich im Einleitungsteil ankündigt, setzt sich hier verschärft fort. Die Formulierungen scheinen "Original Wehrmachtsbericht 1942" zu sein: "Nach den harten Kämpfen des Februars verleiht der Führer Generalmajor das Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz" (S. 35)"Der Führer denkt an uns! Dieser Gedanke, das Wissen, der Führer sorgt sich um die Männer von Cholm, gibt allen Verteidigern neue Zuversicht und stärkt ihren Widerstandswillen" (S. 48). Krönender Abschluss: General Scherer beim Händedruck mit Hitler und der Bildunterschrift "Der Dank des Führers" (S. 126). Die reichliche Verwendung "heroisierenden" Vokabulars wirkt manchmal unfreiwillig komisch z. B. heißt es unter einem Foto, das ein Zugpferd zeigt: "Willig geben die Tiere ihre letzte Kraft her in treuer Pflichterfüllung" (S. 54). (Als ob sich die Gäule freiwillig gemeldet hätten - vielleicht waren es sogar erbeutete russische Pferde.)
Wie es für Kriegspropaganda typisch ist, die weder die ganze Wahrheit zeigen noch offen lügen kann (weil zu viele Augenzeugen dabeigewesen sind), steht das wahre Geschehen oft "zwischen den Zeilen". So erfährt man beiläufig, dass die sowjetischen Truppen sich in Gängen bis auf 30 m an die deutschen Schützengräben heranwühlten - und: "Im Morgengrauen stürmten sie mit "Hurrä" gegen die Stellungen". Man kann daraus schließen: die Sowjetsoldaten waren nur unzureichend für einen modernen Stellungskrieg ausgebildet, denn diese Taktik ist gegen einen Gegner mit MGs glatter Selbstmord. Oder wenn unter dem Bild eines notgelandeten, schon 1942 altertümlichen, Doppeldeckers steht: "Sowjetbomber abgeschossen!" (S. 44) - wobei aus dem weiteren Kommentar hervorgeht, dass der "Bomber" von der Truppe "Lahme Ente" oder "Kollektivtrecker" genannt wurde.
Damit bestätigt das Buch die Auffassung, dass die Deutschen von hastig "zusammengekratzten" Truppen der Roten Armee belagert wurden - was angesichts der eher geringen strategischen Bedeutung von Cholm nicht weiter überrascht, über die auch einig markige Stalin-Worte an die belagernden Truppen nicht hinwegtäuschen. Vielleicht verführte der "Sieg von Cholm" das Oberkommando der Wehrmacht dazu, z. B. die Kampfkraft der sowjetischen Streitkräfte bei Stalingrad zu unterschätzen.

Das Buch dürfte wegen seiner Faktenarmut und parteiischen Haltung für den an Zeit- und Militärgeschichte interessierten Leser eine glatte Enttäuschung sein. (Ich wäre jedenfalls enttäuscht gewesen, wenn ich das Buch gekauft hätte.) Auch Freunde "spannender Fronterlebnisse" im Sinne der "Landser"-Hefte kommen schwerlich auf ihre Kosten - das Buch ist dafür schlicht zu öde.
Kurz und knapp - ich kann mir nur eine Zielgruppe für dieses Buch vorstellen: NS-Nostalgiker.

Die Titel anderer "Bildbände für Zeitgeschichte" passen zu dem den durch "Kampfgruppe Scherer" gewonnenen Eindruck - genauer gesagt, gehört es offenbar zu den meines Erachtens "harmloseren" Titeln des Kieler "Arndt"-Verlages. Einige Beispiele: "SS-Kavallerie im Osten", "Reichsparteitag 1938 Großdeutschland", "Frontsoldat Hitler - der Freiwillige des Ersten Weltkrieges", "Hitlers Berghof".
Außer NS-verherrlichenden Bildbänden gibt der Arndt-Verlag etliche meiner Ansicht nach revisionistische Schriften heraus, z. B. die Göring-Biographie des Militärhistorikers und Holocaustleugners David Irving.

Zur "Lesen & Schenken Verlagsauslieferung und Versandgesellschaft mbH" gehören die Verlage ARNDT, Orion-Heimreiter, Bonus und Pour le Merite. Die Verlagsgruppe veröffentlicht nach eigenen Angaben jährlich ca. 50 Bücher, Kalender, Poster, CDs und DVDs.
Der inhaltliche Schwerpunkt aller Verlage liegt, wieder nach eigenen Angeben, bei Veröffentlichungen im Bereich der Zeitgeschichte und der Politik. Außer Büchern über die Zeit des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges nehmen auch "ostpolitische Schriften" sowie Bücher über Flucht und Vertreibung 1945 aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland breiten Raum ein. Politische Bücher befassen sich mit Themen wie Kulturverfall, Überfremdung und Entnationalisierung.

Dennoch gibt es erkennbare Unterschiede im Programm und Auftritt der Verlage. Ich vermute, dass das verkaufstaktische Gründe hat. Der "Arndt-Verlag" ist nach meinem Eindruck der Verlag für NS-Nostalgiker. Hingegen fehlten beim "Orion-Heimreiter-Verlag" solche deutlich rechtsextremen Titel, statt dessen findet man hier durchaus Titel angesehener Sachbuchautoren, wie dem Verhaltensforscher Irenäus Eibel-Eibesfeld, dessen "Der vorprogrammierte Mensch" vor über 20 Jahren hier erschien. Auch Romane z. T. sehr bekannter Autoren findet man hier. Allerdings gibt es auch bei "Orion-Heimreiter" Bücher zum Thema Vertreibung. Erwähnenswert ist das "Hausbuch Deutsche Weihnacht", das sich bei genauerer Betrachtung als eine Reprint-Sammlung von Texten und Illustrationen aus den Jahren 1933 - 1945, die fast ausnahmslos mit der nationalsozialistischen "Weihnachtsideologie" in Verbindung stehen, entpuppt. Dennoch macht das Programm von "Orion-Heimreiter" Alles in Allem den Eindruck eines national-konservativen, aber nicht rechtsextremen Verlages. Ich vermute, dass viele "Orion-Heimreiter"-Kunden von vielen Titeln des "Arndt-Verlages" abgeschreckt wären.
Zwischen den beiden Extremen steht meines Erachtens der "Pour le Merite"-Verlag, der auf Militärisches und Militär-Geschichte spezialisiert ist. Einer breitere Öffentlichkeit bekannt wurde der "Pour le Merite"-Verlag, als er als Reaktion auf die Ausstellung "Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht" den Titel "Verbrechen an der Wehrmacht. Kriegsgreuel der Roten Armee 1941/42" von Prof. Franz W. Seidler veröffentlichte.

Einen regelrechten Skandal verursachte der "Arndt-Verlag", als er 1996 ein Buch mit dem Titel "Dokumente polnischer Grausamkeiten" herausbrachte, für das in verschiedenen Vertriebenenzeitungen, so z.B. in "Der Schlesier", geworben wurde.
Der Untertitel des Buchs, eines Nachdrucks eines 1940 erschienenen Titels, lautete "Im Auftrage des Auswärtigen Amtes aufgrund urkundlichen Beweismaterials herausgegeben". Auftraggeber war das Auswärtige Amt des Großdeutschen Reiches, das mit diesem Werk die brutale Politik Deutschlands gegenüber Polen zu rechtfertigen versuchte. Nach der Meinung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland konnte durch den Untertitel der Eindruck entstehen, es würde sich bei dem Herausgeber der Dokumentensammlung um das derzeitige Auswärtige Amt unter dem damaligen Bundesminister Klaus Kinkel handeln. Einen vom Auswärtigen Amt angestrengten Prozess gegen den Arndt-Verlag auf Unterlassung der Nennung des Untertitels gewann das Amt. Einen weiteren, in dem es die Urheberrechte für den Text des Buches beanspruchte, womit es die weitere Verbreitung dieses antipolnischen Buches hätte verhindern können, verlor es.

Bericht über ein "Lesertreffen" der "Lesen & Schenken GmbH", einer Veranstaltung, deren Vortragsredner zwischen Rechtskonservatismus und Rechtsextremismus standen: Zusammenkunft "unter Gleichgesinnten".

Freitag, 16. November 2007

.... bis Weihnachten ist noch Zeit!

Neues von der "größten Verfassungsbeschwerde aller Zeiten" (Bundesinnenminister Schäuble, der mit einem missglücken Nazi-Vergleich unbeabsichtigt die Wahrheit sagte): Wir sind schon 13.000!
So viele Menschen haben bereits Vollmacht zur Verfassungsbeschwerde gegen die Vorratsdatenspeicherung erteilt. Damit hat sich die Zahl der Beschwerdeführer seit dem Gesetzesbeschluss am letzten Freitag fast verdoppelt. (Quelle: Pressemitteilung des Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung)

Noch bis zum 24. Dezember (Neuer Termin!) können weitere Vollmachten zur Verfassungsbeschwerde eingereicht werden. Macht den die Bürgerrechte in den Wind schlagenden "Sicherheitspolitikern" und und den rückratlosen Durchwinkern im Bundestag ein nettes Weihnachtsgeschenk!

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