Gedankenfutter

Sonntag, 6. März 2011

Gedanken zur Psi-Forschung - oder dem Versuch, mit Stäbchen Suppe zu essen

(Aus meinem gedanklichen Skizzenbuch.)
Die Parapsychologie versteht sich als wissenschaftlicher Forschungszweig zur Untersuchung "paranormaler" Phänomene wie Telekinese, Telepathie, Präkognition usw. . Die "Wissenschaftlichkeit" der Parapsychologie wird nicht nur von organisierten "Skeptikern" wie der GWUP angezweifelt. Martin Mahner benennt in seinem Artikel Der Tod der Parapsychologie das meiner Ansicht nach zentrale Problem:
Schließlich müsse man feststellen, dass der Gegenstand der Parapsychologie – das ominöse Psi – immer noch rein negativ definiert ist (Alcock 2003). Psi ist immer gerade das, was nicht mit bekannten Mechanismen und Gesetzen erklärt werden kann. Das Fehlen einer positiven Charakterisierung führe aber dazu, dass man schlichtweg nicht sagen könne, ob ein festgestellter Effekt in einem Experiment wirklich auf derselben Ursache beruht wie ein Effekt in einem anderen Experiment.
Allerdings sind damit die mangels anderen Bezeichnungen "Psi-Phänomene" benannten Erscheinungen nicht aus der Welt. Oder anders gesagt: jedes Phänomen bzw. jede Klasse von Phänomenen braucht offensichtlich eine eigene Erklärung, die in vielen Fällen einfach "Täuschung" oder "Selbsttäuschung" heißen wird. In anderen Fällen sind "natürliche", aber komplexe, Erklärungen naheliegend: etwa im Falle des "Rutengehens". (Beim Rutengehen, Pendeln usw. usw. habe ich den Eindruck, dass das größte Hindernis für die Akzeptanz dieser Phänomene die pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuche sind.) Um es noch mal zu sagen: "übernatürlich" ist ein leeres Wort. Wenn z. B. Telepathie funktioniert, dann ist sie ein natürliches Phänomen, egal, ob wir es zufriedenstellend erklären können oder nicht.

Bei einigen - nur einigen - der unter "Psi" zusammengefassten Erscheinungen neige ich dazu, der Forderung, die wissenschaftlichen Methoden zu ändern bzw. aufzuweichen oder, wie es Mahner formuliert, sich von der Wissenschaft abzuwenden und zum Okkultismus zurückzukehren, zuzustimmen. Mit der Konsequenz, dass auf die Intersubjektivität und damit auf "harte" Wissenschaftlichkeit verzichtet werden müsste.

Letzten Endes arbeitet die Parapsychologie mit dem kausal-mechanistischen Modell, das sich auf den Gebiet der klassischen Naturwissenschaften glänzend bewährt hat und, mit einigen Einschränkungen, auch in den Sozialwissenschaften anwendbar ist. Wenn es um etwas geht, was ich, wieder in Ermangelung eines besseren Begriffs, mit "Magie" bezeichne, versagt die Parapsychologie notwendigerweise kläglich - denn der "Magie" liegt ein Weltbild zugrunde, das sich dem analytische Denken prinzipiell entzieht. (Damit will ich allerdings nicht versuchen, die Existenz "paranormaler" Phänomene wie Telekinese, Telepathie, Präkognition usw. gegen Widerlegungen zu immunisieren.)
Die Parapsychologie gleicht, auch wenn es nicht um "Magie" geht, regelmäßig dem Versuch, mit Stäbchen Suppe zu essen.

Es gibt "paranormale" Phänomene, die, wenn es sie gibt, mit dem derzeitigen Stand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht kollidieren, für andere gilt, dass sie für ihre Existenz bisher unbekannte Naturgesetze voraussetzen würden, und eine dritte Kategorie würde, wenn es sie gäbe, sozusagen frontal mit den bekannten Naturgesetzen kollidieren, d. h, unsere Welterkenntnis wäre grundlegend falsch, wenn diese Phänomene real wären.

Einen Frontalzusammenstoß mit den bekannten Naturgesetzen erleiden die kinetischen Psi-Fähigkeiten bzw. die Psychokinese.
Dazu gehören:
  • das "Poltergeist"-Phänomen (Gegenstände werden ungezielt psychokinetisch bewegt),
  • die Telekinese: Gegenstände werden ohne direkte Berührung ertastet und gezielt manipuliert,
  • die psychokinetische Beeinflussung von Molekülen bzw. Atomen im Kristallgitter (Uri Geller behauptet, dass sein "Gabelbiegetrick" so funktionieren würde)
  • die Pyrokinese - dabei werden die Moleküle psychokinetisch in so starke Schwingungen versetzt, dass das Material sich entzündet - (angebliche Ursache "spontaner Verbrennung")
  • daneben wird auch die angebliche Beeinflussung des radioaktiven Zerfalls und die von Stromkreisen manchmal als "(Mikro-)Psychokinese", auch wenn hier Energie und nicht Materie manipuliert werden soll.
Alle kinetischen Psi-Phänomene - einschließlich der rein energetischen - haben ein großes Problem: Wo kommt eigentlich die Energie her?
Tatsächlich wären psychokinetische Phänomene, würde sie so ablaufen, wie sie meistens in der parapsychologischen Literatur geschildert werden, glatte Verstöße gegen den Energieerhaltungssatz, der übrigens entgegen einem in Esoteriker-Kreisen populären Missverständnis auch für die Quantenmechanik gilt. Die vom Gehirn "abgestrahlte" Energie reicht jedenfalls nicht aus, auch nicht für die Mikro-Psychokinese: das menschliche Gehirn hat eine Gesamtleistung von 15 bis 20 Watt, die in Form chemischer Energie zugeführt wird, wobei sich die elektrische Gesamtleistung aller Hirnströme höchstens im Milliwattbereich bewegt.
Der gängigste "Rettungsversuche" sind weitere Annahmen, etwa das Mana-Konzept, die Vorstellung, es gäbe eine universelle "Lebenskraft" (bekanntestes popkulturelles Beispiel: die "Macht" im Star Wars"-Universum). Od, Psi-Energie, Orgon, Qi oder Prana sind verwandte Konzepte. Letzten Endes sind Mana, Od, Qi usw. eher metaphysische als physikalische Konzepte, und der Versuch, Metaphysik in eine wissenschaftliche Theorie einzubinden, führt zu nichts, außer Begriffsverwirrung.
Da es auch mit dem empirische Nachweis der Psychokinese gelinde gesagt schlecht bestellt ist, ist der Schluss, dass alle auf Psychokinese hindeutenden Beobachtungen und Versuchsergebnisse auf Fehlern, auf Selbsttäuschung oder Betrug beruhen, beinahe zwingend.
Bei anderen "Psi-Phänomenen" ist die Situation für die Anhänger der Parapsychologie zwar nicht ganz so aussichtslos, aber es zeigt sich an den mageren Ergebnissen, dass sich mit Stäbchen die Suppe bestenfalls tröpfchenweise essen lässt.

Wie sähe aber ein "Löffel" aus?

Erst einmal muss jedes vermeintliche Psi-Phänomen für sich gesehen werden. Im 19. Jahrhundert wurde z. B. die Hypnose vielfach als paranormales Phänomen gesehen ("animalischer Magnetismus") - heute gilt die hypnotische Trance als normaler Bewusstseinszustand.

Das Beispiel "Hypnose" zeigt, dass für viele vermeintlich "paranormale" Phänomene im Sinne der Anomalistik gültige Erklärung gefunden werden können. In anomalistischer Sichtweise wird anerkannt, dass unerklärte Phänomene existieren, aber nicht von einer prinzipiellen Unerklärbarkeit ausgegangen, sondern vielmehr versucht, entweder konventionelle Erklärungen zu finden oder neue Erklärungsmuster zu entwickeln, die wissenschaftlich angemessen sind. Gültig im Sinne der Anomalistik sind Erklärungen, die auf konventionellem Wissen und Nachdenken beruhen sowie einfach und unbelastet durch Spekulationen oder Hyperkomplexität sind. Die Beweislast liegt auf dem, der eine anomale Behauptung aufstellt, und nicht beim Forscher, der sie überprüft. Außerdem gilt der auch von skeptische Grundsatz: Je ungewöhnlicher eine Behauptung ist, umso höher sind die Anforderungen an einen Beweis.
Die Hypnose war, als sie von der Psychologie "entdeckt" worden war, zunächst ein anomales Phänomen, für das neue Erklärungsmuster gefunden wurden, dem ein das Denken des 19. Jahrhunderts sozusagen auf den Kopf stellender Perspektivwechsel zugrunde liegt: "Wir", sprich unser Wachbewusstsein, sind nicht unumschränkter "Herr im eigenen Haus", es gibt geistige Vorgänge, die uns nicht bewusst sind.

Die hypnotische Trance gibt meiner Ansicht nach auch ein Erklärungsmuster für viele "paranormale" Vorgänge, nämlich das es sich dabei allein um Bewusstseinsphänomene handelt.
in Beispiel: Unsichtbarkeit.
Ich stelle fest, dass ein Mensch sich durch eine Menschenmenge bewegt hat, und das sich anschließend niemand daran erinnern konnte, diesen Menschen gesehen zu haben.
Ein ad hoc-Erklärung könnte sein, dass dieser Mensch tatsächlich physikalisch unsichtbar war. Das z. B. eine psychokinetische Erklärung sein: dieser Mensch "biegt" die Lichtstrahlen um sich herum. Dieser Erklärung erscheint doch etwas weit hergeholt, und könnte gegebenenfalls empirisch, etwa mit Hilfe einer Überwachungskamera, widerlegt werden.
Eine einfachere Erklärung wäre, dass dieser Mensch alle, die ihn gesehen haben, auf irgend eine noch zu erklärende Weise so beeinflusst hat, dass sie alle vergessen haben, ihn gesehen zu haben. Vielleicht durch Hypnose?
Damit bin ich beim Bewusstsein angelangt. Es kommt also bei der "Unsichtbarkeit" gar nicht darauf an, nicht gesehen zu werden, sondern darauf, nicht wahrgenommen zu werden. Und in der Tat gibt es viele erprobte Methoden, "übersehen" zu werden. Die Erstaunlichste ist die Unaufmerksamkeitsblindheit: Objekte können sich direkt durch das Zentrum der Aufmerksamkeit bewegen und werden trotzdem nicht "gesehen", wenn wir ihnen keine spezielle Aufmerksamkeit entgegenbringen. Ein verblüffendes Experiment ist der unsichtbare Gorilla.

Ich teile die "Psi-Phänomene" vorläufig und grob in folgende Kategorien ein:
  1. mit bestehenden wissenschaftlichen Theorien erklärbare Phänomene (das sind meiner Ansicht nach die meisten),
  2. Phänomene, die neue wissenschaftliche Theorien zur Erklärung erfordern,
  3. metaphysische, d. h. mit (natur-)wissenschaflichen Methoden grundsätzlich nicht erklärbare Phänomene.
Eine "außersinnliche" Wahrnehmung gibt es meiner Ansicht nach nicht. Es gibt jedoch Wahrnehmungen mittels uns normalerweise nicht bewusster Sinneseindrücke, vielleicht sogar solche, die von uns bisher unbekannten und normalerweise unbewussten Sinnen stammen.

Der Schlüssel - oder der "Löffel" zum Verständnis vieler (ich vermute: der meisten) "paranormalen" Phänomene sind die unterschiedlichen Bewusstseinszustände.

Ein sehr stark vereinfachendes, aber grundsätzlich meiner Auffassung nach stimmiges, Bild der Bewusstseinszustände ist das eines Radios. Der "Sender", auf den wir im Wachzustand normalerweise eingestellt sind, ist die Konsensrealität oder, neoschamanisch ausgedrückt, die Alltägliche Wirklichkeit. Sie entspricht dem Programm eines üblichen "Informationssenders": kurze Nachrichten, Verkehrsdurchsagen und Popmusik. Im Zustand verminderter Konzentration empfangen wir "Dudelfunk": immer noch Popmusik, aber weniger von uns gewollte Information, dafür mehr "Werbespots" - wie sind in diesem Zustand manipulierbarer. Im Extremfall sind wir auf einen Propagandasender eingestellt - wenn wir nichts anderes mehr hereinbekommen, nennt man das "Wahnvorstellung", wenn man uns hindert, einen anderen Sender zu empfangen, "Gehirnwäsche". In meditativer oder schamanischer Trance oder unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen, oder beim hochkonzentrierten geistigen Arbeiten können wir auch noch weitere "Sender" empfangen, die uns mehr bieten, als "Radio Konsens": vielleicht klassische Musik, Jazz, Hintergrundberichte, Reportagen, Folklore aus aller Welt, experimentelle Musik, Talkshows, Anrufsendungen, Quizshows usw. usw. .

Die "Radiowellen", die unsere "Antennen" erreichen, die Sinneseindrücke, sind immer die selben. Was uns davon erreicht, bestimmt die "Abstimmung" unseres Bewusstseins. Manche "Sender" werden so wenig gehört, dass sie von Menschen, die fast nur "Radio Konsens" hören, für "paranormal" gehalten werden können.

Freitag, 4. Februar 2011

Eine notwendige Voraussetzung für gute Musik

Gute Musik ist nicht belanglos, nicht wohlanständig, nicht harmlos. Leicht, aber nur ganz leicht, zugespitzt: Wenn Musik gut ist, verletzt sie Tabus, bekennt ihre Sympathie für den Teufel und propagiert hässliche Dinge wie Drogen, Sex und unanständige Ausschweifungen. (Das gilt nicht nur für Rock'n'Roll, wo es offen Programm ist, sondern auch für Klassik, Jazz und Folklore usw. usw. )
Das macht aus einem provokativ gemeinten, zum Erbrechen sexistischen Proll-Hip-Hop mit Schema-F-Melodie noch keine gute Musik. Aber Musik, die sich peinlich genau an alle Konventionen hält, die niemanden weh tun und jedem gefallen will, ist schlechte Musik.

(Nachtgedanken zum FAWM, angeregt durch einen Teilnehmer.)

Mittwoch, 26. Januar 2011

"Gleichgültigkeit ist die schlimmste Einstellung"

Ein wichtiger Gedanke aus einem wichtigen Buch.
Gleichgültigkeit ist die schlimmste Einstellung

Es mag ja sein, dass die Gründe für Empörung heute nicht mehr so deutlich zu erkennen sind. Wer befiehlt und wer entscheidet? Wir haben es nicht mehr mit einer kleinen Elite zu tun, deren Machenschaften leicht zu durchschauen sind. Die Welt ist groß, und wir spüren deutlich, wie sehr die Dinge miteinander verschränkt sind. Aber in dieser Welt gibt es Dinge, die unerträglich sind. Wer sie sehen will, muss genau hinsehen. Ich sage den jungen Leuten: Wenn ihr nur ein wenig sucht, werdet ihr solche Dinge finden. Am schlimmsten ist es, wenn man sagt: "Damit habe ich nichts zu tun. Das ist mir egal." Wer sich so verhält, verliert eine der wesentlichen und unverzichtbaren Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit zur Empörung und das Engagement, das daraus erwächst.
Stéphane Hessel, aus: Stéphane Hessels Pamphlet "Empört euch!" (faz)

Das Gegenteil von Liebe ist nicht etwa Hass (schließlich gibt es auch Hassliebe), sondern Gleichgültigkeit.

Gleichgültigkeit ist eine der meist unterschätzten menschlichen Eigenschaften. Die Fähigkeit der meisten Menschen (ich nehme mich da nicht aus), Dinge, die sie vermeintlich nichts angehen, zu ignorierend, ist erstaunlich. Douglas Adams karikierte diese Fähigkeit, indem er das PAL-Feld (Problem-anderer-Leute-Feld) "erfand".
Ein PAL-Feld beruht auf der angeborenen Neigung der Leute, nicht zu sehen, was sie nicht sehen wollen, nicht erwartet haben oder nicht erklären können. Sie erklären es einfach zum Problem anderer Leute und nehmen es deshalb nicht wahr. Es ist viel einfacher und wirkungsvoller als ein normales Unsichtbarkeitsfeld, kann obendrein über hundert Jahre lang mit einer einfachen Taschenlampen-Batterie betrieben werden, und ist so wirksam, dass ein Raumschiff, dass mitten im Spiel auf dem Lord’s Cricket Ground landete, von den Zuschauer überhaupt nicht wahrgenommen wurde.

Als satirische Science Fiction ist Gleichgültigkeit noch zum Lachen. Wenn ich mir jedoch vor Augen halte, dass der "Holocaust", der millionenfache industriell betriebene Massenmord in den von Nazi-Deutschland beherrschten Ländern, nur deshalb funktionieren konnte, weil sehr viele Menschen es "gar nicht so genau wissen" wollten, oder sich dachten, dass sei zwar schlimm für die Juden (Kommunisten, Zigeuner, Bibelforscher, Homosexuellen usw. usw.), aber das ginge einen "einfachen Menschen" nichts an, und "die da oben" würden sich schon "was dabei gedacht" haben. (So dachten durchaus auch Nicht-Deutsche; ich betone das, weil es z. B. Franzosen gibt, die meinen, "so etwas" sei typisch für die obrigkeitshörigen, rohen und tumben "Boches". Was natürlich nichts daran ändert, dass unter Anderem die extrem autoritären Traditionen Deutschlands und ein beinahe ebenfalls "traditionell" zu nennender skrupelloser Opportunismus der deutschen Eliten den "Holocaust" erst möglich machten.)
Das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte wurde durch Wegsehen und Nicht-wahrhaben-wollen erst möglich!

Samstag, 22. Januar 2011

Alltagsrassismus und die Wichtigkeit des "N-Wortes"

Um es von vornherein klar zu stellen: Der Begriff "Neger" ist und bleibt eine rassistische Beleidigung.
Warum?
Der wichtigste Punkt: Weil fast alle dunkelhäutigen Menschen es für eine schwere Beleidigung halten, so genannt zu werden.

Um einem gängigen "Gegenargument" zuvor zu kommen: Das ist nicht damit gleichzusetzten, dass die meisten Deutschen nicht gerne "Boche" oder "Moff" genannt werden. Denn obwohl ich keine Schuld an den Verbrechen Deutscher - an in diesem Falle Franzosen oder Niederländer - habe, weiß ich, dass z. B. die Naziverbrechen von einer großen Mehrheit der damaligen Deutschen befürwortet oder wenigstens hingenommen wurden. Dass heißt: Es ist psychologisch mehr als verständlich, wenn auch ein heutiger Franzose, Niederländer, Norwegen "die Deutschen" verabscheut - und einem Polen, einen Russe, einem Ukrainer nehme ich es nicht übel, wenn er mich ganz persönlich nicht mag, allein aus dem Grund, weil ich nun einmal ein Deutscher bin. Bei Juden, Sinti, Roma akzeptiere ich auch offenen Hass. Nicht, weil ich es mag, gehasst zu werden. Oder weil ich mich in einer "Sack und Asche"-Demutshaltung gefalle - die kommt übrigens gar nicht gut an. Vom "Schuldkult", von denen deutsche (und "alldeutsche, sprich österreichische) Nationalisten gerne quatschen, hat das erst recht nichts zu tun. Weil das nichts, aber auch gar nichts mit "Schuld" zu tun hat. Sondern mit Gefühlen, mit Einfühlung und Respekt für die Gefühle anderer, und vor allem: mit historischem Bewusstsein.
Noch etwas anderes ist, wenn z. B. ein Österreicher mich "Piefke" nennt. Schlimmstenfalls mag er die Deutschen nicht - Geschmacksurteil. Normalerweise ist das aber Scherzhaft gemeint. Aber "Neger" hat einen so üblen Beiklang, dass ich es geschmacklos respektlos und wiederum beleidigend finde, einem Schwarzen, der über so einen Scherz nicht lachen kann und sich schwer beleidigt fühlt, "Humorlosigkeit" vorzuwerfen.

Im Falle "Neger" wird eine über die Hautfarbe konstruirete Gruppe von Menschen, die oft nichts gemeinsam hat, als eben diese Hautfarbe, und die heute noch spürbar benachteiligt wird, von durch nichts als die Farbe ihrer Haut Privilegierten beleidigt. Das ist der Unterschied!

"Neger" ist, auch wenn es ursprünglich nur Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe beschrieb ("negro" = "schwarz"), durch Jahrhunderte der Sklaverei, des Kolonialismus, der systematischen Benachteiligung "Nichtweißer", und des Sklaverei, Kolonialherrschaft und Benachteiligung rechtfertigen Rassismus, so eng mit übelsten rassistischen Zuschreibungen verbunden, dass es eben nicht neutral gebraucht werden kann.
Das ist übrigens der Unterschied zu im Rahmen von "politisch korrekten" Sprachregelungen verpönten Völkerbezeichnungen wie "Eskimo" oder Hautfarbenbezeichnungen wie "Mulatte". Die können beleidigend gemeint sein, müssen es aber nicht.
Eine noch heute gängige rassistische Zuschreibung, die mit dem Wort "Neger" verbunden ist, ist die der Triebhaftigkeit. ("Der Neger schnackselt halt gern!" - und ist daher an der erschreckenden AIDS-Epidemie in südlichen Afrika "selber Schuld".) Es ist ohnehin unübersehbar, wie sehr Diskriminierung bis hin zum offenem Hass mit Sex und Sexualrepression verknüft sind. Schwule und Lesben können davon ein Lied singen!

Es wird auch heute immer wieder gerne – unter Zuhilfenahme für für wissenschaftlich gehaltenen Thesen - darauf hingewiesen, dass "Negern“ bestimmte Eigenschaften eben "angeboren" seien. Der "Klassiker": "von Natur aus weniger intelligent als Weiße".

Mit dem Wort "Neger" ist außer dem Rassismus - die "Neger" seien den "Weißen" unterlegen - Viktimisierung, die Darstellung als Opfer bzw. als schwach und, oft "gut gemeinte", Bevormundung und Infantilisierung verbunden. Wen ich "Neger" nenne, nehme ich nicht ernst.
Es fällt mir auch immer wieder auf: Texte, in denen das Wort "Neger" "unbefangen" und nicht distanzierend verwendet wird, sind auch sonst meistens rassistisch, sogar dann, wenn das N-Wort in "scherzhafter" Form verwendet wird.

Soweit das.
Anderseits: Vor einigen Tagen ging ein Beschluss, dass Wort "Nigger" (noch mal um einige Umdrehungen heftiger als "Neger") aus Mark Twains Huckleberry Finn. Wohl gemerkt war Twain Antirassitist, das Buch hat eine gegen Rassismus gerichtete Tendenz und Twain wusste, warum er seinem Ich-Erzähler das Wort "Nigger" in den Mund legte: die Gesellschaft im (heute gern verklärten) "Alten Süden" der USA war zum Erbrechen rassistisch. Wenn man das "N-Wort" weg lässt, verfälscht und verniedlicht man die Aussage Twains über die allgemein übliche rassistische Mentalität.

Dann gibt es noch etwas, was ich "Negerkuss-Antirassismus" nenne. Einen demonstrativen Antirassismus, bei den es gar nicht so wichtig ist, ob Schwarze Rassismus ausgesetzt sind, sondern im Vordergrund steht, dass man selbst sich schön antirassistisch fühlen kann. Sicherlich ist "Negerkuss" ein dummes Wort. Aber es ist ein Nebenproblem. Es wäre schön, wenn Rassismus in Deutschland nur noch mit "Negerküssen", "Zigeunerschnitzel" und dergleichen zu tun hätte. ("Negerkuss" ist schließlich kein Schimpfwort, wie "Negermusik", sondern beschreibt eine sehr leckere Sache.)

Fast sieht es wie eine bewusste Ablenkung davon aus, wie schlimm es in Wirklichkeit aus sieht.

Die Wirklichkeit, die sieht z. B. so aus: Wer nichts hat kann auch mehr bezahlen. Ganz normaler Behördenrassismus in Deutschland. Oder so: Kampf dem europäischen Grenzregime! Um Europa keine Mauer, Bleiberecht für alle und auf Dauer! Verhindert Abschiebungen, zeigt Zivilcourage! (Überhaupt ist Che's Warblog eine Fundgrube für Menschen, die sich für Rassismus und die Folgen wirklich interessieren.)
Die Reaktion des "Mainstreams" der Medien auf Rassismus ist wegsehen, vertuschen, nicht wahrhaben wollen!

Zurück zum N-Wort. Im deutschen Sprachraum gibt es erst in den den letzten Jahrzehnten ein Bewusstsein dafür, dass der Begriff "Neger" rassistisch und beleidigend ist. Laut Wikpedia finden sich in deutschen Wörterbüchern erst ab den 1970er Jahren Hinweise auf eine abwertende oder diskriminierende Konnotation des Begriffs. Das allgemeine Sprachgefühl hinkt dem noch nach. Zu jemanden, der aus dem Urlaub tief gebräunt nach Hause kommt, zu sagen: "Wow, Du bist ja schwarz wie ein Neger!" dürfte in den meisten Fällen nicht beleidigend gemeint sein.

Freitag, 17. Dezember 2010

Überall gefährliches weißes Zeugs

winteranfang 02
Früher hieß das Winter oder weiße Weihnacht, heute spricht man von Schneekatastrophe.
"Scheibenwischer", Sendung vom 29.12.2005

Ich sehe für das mediale "Wetterchaos" - im Vergleich zur sachlichen Berichterstattung vor ca. 30 Jahren - zwei Gründe:
  • Die allgemeine Boulevardisierung der Medien: was früher nur bei der BILD "Zeitung" üblich war, ist inzwischen Standard, sogar bei selbsternannten "Qualitätsmedien": nur Sensationen sind interessant, je schriller desto besser, und schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Da wird aus jedem halbwegs strengen Winter ein "Jahrhundertwinter" (allzu alt ist das Jahrhundert ja tatsächlich nicht) - und den "frühesten Wintereinbruch der letzten zehn Jahren" gibt es alle zehn Jahre.
  • die Suche nach Ausreden. ein Grund für das "Winterchaos" letztes und dieses Jahr sind ja u. A. zu geringe Streusalzvorräte, ein zu stark reduzierter Winterdienst der Straßenmeistereien, zu wenige Reserveloks und zu schlechte Wartung bei der Bahn usw. . Weil das "Winterchaos" nichts mit der betriebswirtschaftlich durchrationalisierten Infrastruktur - Kosten sparen, koste was es wolle, mit Marktradikalität / "Neoliberalismus", also mit der herrschenden Ideologie, zu tun haben darf, muss es am Wetter liegen. Parallelen zur DDR, bei der Missstände auch nie etwas mit der sozialistischen Planwirtschaft zu tun haben durften, liegen auf der Hand.
Dafür, dass es anscheinend nur noch schlechtes Wetter gibt (egal, wie das Wetter wirklich ist), gibt es vielleicht noch einen weiteren Grund: Noch ist niemand so frech, "schönes Wetter" (anders als etwa "gute Konjunktur") erfolgreicher Regierungspolitik / Unternehmensaktivität / Behördentätigkeit /Reformmaßnahmen / Lobbyarbeit usw. zuzuschreiben.

Sonntag, 12. Dezember 2010

"Alle reden vom Wetter" - Auch die Bahn

Am 7. Dezember stand das offizielle Jubiläum "175 Jahre Eisenbahn in Deutschland" an. Anlass für mich, auf einige Aspekte der Bahngeschichte hinzuweisen, die in der offiziellen Selbstdarstellung der Deutschen Bahn AG eher untergehen.

Heute würde diese kühne Werbeaussage aus dem Jahr 1966 wohl hämisches Grinsen bis bitteres Lachen nach sich ziehen. Jedenfalls ist es unwahrscheinlich, dass sie noch funktionieren würde:
Alle reden vom Wetter. Wir nicht. - DB-Werbung 1966

2010 scheint der alte Werbespruch nicht mehr zu gelten. Vom 8. bis zum 11. Januar überzog Sturmtief "Daisy" das Land mit Schnee und Eis - und der deutsche Zugverkehr brach zeit- und streckenweise völlig zusammen. Durch Schnee und aufgewirbelten Schotter wurden Züge beschädigt, Weichen froren ein, Oberleitungen vereisten und brachen. Hunderttausende froren in auf der Bahnhöfen. Das war umso peinlicher, da erst am 20. Dezember 2009 der Zugverkehr im Nordwesten winterbedingt weitgehend zum Erliegen gekommen war. Diesen Winter sollte alles besser werden, die Deutsche Bahn sei organisatorisch, technisch und personell auf den Winter vorbereitet, hieß es noch Anfang November. Ende November fuhr, pünktlich mit dem ersten Schnee, die Bahn nicht mehr pünktlich. Alls es dann zu Schneeverwehungen kam, müsste der Verkehr zwischen Leipzig und Nürnberg zeitweise eingestellt werden. Auch im übrigen DB Netz mussten Bahnreisende mit größeren Verspätungen und Zugausfällen rechnen.

Über witterungsbedingte Probleme berichtet regelmäßig der
Fahrgastverband PRO BAHN.

War vor 44 Jahren die Bahn wirklich wetterfester? Fragt man Menschen, die damals regelmäßig mit der Bahn fuhren, dann erfährt man, dass es auch damals bei Schneesturm oder hartem Frost festgefrorene Weichen, Schneeverwehungen, defekte Oberleitungen usw. gab - und entsprechend auch Verspätungen. Allerdings konnte sich niemand daran erinnern, dass es damals "so ein Chaos" gegeben hätte - "irgendwie sei es immer weiter gegangen." Das passt zu einem weiteren Slogan aus den 1960er Jahren: "Wir fahren immer. Die Bahn".
Alles deutet darauf hin, dass die Deutsche Bundesbahn damals tatsächlich, verglichen mit anderen Verkehrsmitteln, relativ unabhängig vom Wetter war.

Eine gern genommene Erklärung ist die, dass die moderne Technik eben anfälliger sei, als die von damals, und verweist auf "Pannenzüge" wie die Triebwagen der Baureihen 425 und 426 oder dem ICE-TD der Baureihe 605 oder auf "Schönwetterloks" wie die TRAXX F140 AC1 (DBAG Baureihe 185) oder die Baureihe 101.

Man sollte sich vor allzu viel Technik-Nostalgie hüten: Auch in den 1960er Jahren und früher gab es Loks und Triebwagen mit erheblichen "Kinderkrankheiten". Es gab auch die eine oder andere komplette Fehlkonstruktion. Das ist in der technischen Entwicklung normal. Ein Beispiel: die "Pannenlok" der späten 1950er und frühen 1960er Jahre war ausgerechnet die heute von Eisenbahnenthusiasten gefeierte Baureihe V 200 (ab 1968: BR 220). Klar, sie war eine technische Pionierleistung, und auch klar, sie sieht gut aus - aber es ist kein Zufall, dass keine V 200 30 Jahre Dienst bei der DB schaffte (das ist für Dieselloks normalerweise "kein Alter"). Die V 200 stieß im Betrieb oft an ihre Leistungsgrenzen, was nicht selten zu Verspätungen führte und zu Schäden an den überlasteten Motoren. Außerdem war sie als zweimotorige Lok wartungsintensiv. Am Beispiel V 200 wird deutlich, dass auch technisch hervorragende Konstruktionen in der Praxis enttäuschen können, und dass schon damals der Hang der DB bestand, an vermeintliche "Paradepferde" so viele Vorschusslorbeeren zu verteilen, dass die Erwartungen beinahe zwangsläufig enttäuscht werden müssen.

Was aber bei den Pannen und Mängeln neuerer Fahrzeugtypen auffällt, ist die Ursache: Sparsamkeit an der falschen Stelle - Kosten reduzieren, koste es, was es wolle. Ein Beispiel sind die "Regio Swinger" genannten Neigezüge der Baureihe 612. Sie ist zwar, anders als die Vorgängerbaureihe 611 (treffender Spitznamen "Pannolino", in Anlehnung an den erfolgreichen Neigezug BR 610 "Pendolino") technisch im Prinzip gelungen, aber die Sensorik wurde ohne technische Rechtfertigung sparsamer entworfen, als nötig - was auf kurvenreichen Strecken ein Fahrgefühl wie auf einem kleinen Boot in bewegte See zu Folge hat. (Spitznamen wie "Kotzbomber","Kippelzug","Wackeldackel" oder "Menschenschredder" sprechen für sich.) Der bekannteste Fall für Sparsamkeit am falschen Platz sind die Klimaanlagen der ICEs und ICs, die nur bis zu Außentemperaturen bis 32° C ausgelegt sind, und während einer Hitzewelle im Juli 2010 reihenweise ausfielen. Gefährlich ist die "sparsame Auslegung" bei den zu schwach dimensionierten Radsatzwellen der ICE 3 , die zum Achsbruch-Unfall von Köln am 9. Juli 2008 führten.

Es gibt auch technische Faktoren, die die Störanfälligkeit gegenüber 1966 erhöhen, für die die DB AG nichts kann. Zum Beispiel ist Elektrotraktion gegenüber extremen Wetterverhältnisse empfindlicher als Diesel- oder Dampftraktion (die 1966 noch Gang und Gebe war): Oberleitungen können durch umfallende Bäume bei Sturm zerstört werden, bei Eisregen vereisen usw.. Während der starken Schneeverwehungen Ende November musste der Schnellverkehr auf 160 km/h gedrosselt werden, was die ICE und IC-Fahrpläne durcheinanderbrachte - 160 km/h war 1966 die Höchstgeschwindigkeit der damals schnellsten Serienlokomotiven der DB, der BR E 10.12 (ab 1968: 112). (Übrigens gehört die kobaltblau/beige lackierte E 10 1311, die auf dem alten DB-Plakat durch den Schnee rast, zu dieser Baureihe.) Nur die vier Vorserien-Lokomotiven der Schnellfahrlokomotive E 03 (103) waren schneller.

Erheblich mehr ins Gewicht fällt allerdings, dass die Deutsche Bahn AG seit Mitte der 1990er Jahre sehr an der Infrastruktur, am rollenden Material und an der Wartung gespart hat. "Kosten sparen, koste, was es wolle" - bis 2008 mit ständigem Seitenblick auf den geplanten Börsengang der DB AG. Die Bahn ist "auf Kante genäht", es fehlen z. B. Resevelokomotiven und -wagen.

Solange weiterhin der unternehmerische Wille zur Investition in das Gleisnetz, in Signalanlagen, in Weichenheizungen, in Wartungspersonal und in störungssichere Zugtechnik fehlt, habe ich keine Hoffnung auf Besserung.
Auch die "alte Bundesbahn" war nicht gegen das Wetter oder gegen Pannen immun. Aber der Werbespruch "Wir fahren immer" traf zu. So, wie er heute noch z. B. für die Schweizer Bundesbahn oder die japanischen Bahnen zutrifft.
Hohe Zuverlässigkeit ist also möglich - wenn es den unternehmerischen und den politischen Willen gibt!

Mittwoch, 3. November 2010

Beitrag zu einem Langzeitprojekt (1)

Es geht um ein "Langzeitprojekt" der "Nornirs Ætt", über dessen Einzelheiten, vor allem spiritueller Art, ich mich nicht öffentlich auslassen möchte. Wichtig ist an dieser Stelle eine meiner Ansicht nach notwendige Voraussetzung für das Ziel dieses Projektes: Es kann nur dann Gelingen, wenn die Denkstrukturen, die - unter anderem - die Nazi-Diktatur hervorgebracht haben, gebrochen sind.

Einer dieser Denkstrukturen oder besser Denkgewohnheiten, ist der Glaube an "den Staat" - hier: ganz konkret an die "Vergöttlichung" des Staates in Deutschland.
Wir müssen endlich Schluß machen mit dem alten deutschen Irrglauben, der Staat sei ein höheres Wesen, dem man sich blind anvertrauen dürfe.
Harro Schulze-Boysen, deutscher Offizier, Publizist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, hingerichtet am 22. Dezember 1942

Xenophobie, Rassismus, "Leitkulturdebatten", Nationalismus, Antisemitismus, Homophobie, Hetze auf Minderheiten, Verachtung "sozial Abgehängter", Hass gegenüber "Außenseitern" usw. gab und gibt es leider so ziemlich überall. Dass es einen "deutschen Sonderweg" gäbe, der quasi zwangsläufig das aggressiv-imperialistische wilhelminische Deutschland und später mit Nazi-Deutschland das verbrecherischte Staatswesen der Weltgeschichte hervorbrachte, glaube ich immer weniger. Erst einmal, weil es in der Geschichte keine Zwangsläufigkeiten gibt - Brecht hatte Recht, als er seine Parabel auf Hitlers Aufstieg zur Macht Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui nannte. Die Nazis haben nicht die "Macht ergriffen", sie wurde ihnen vom deutschnationalen und konservativen Lager angetragen - aus Kalkül. Bis Ende Januar 1933 wäre die Nazidiktatur recht einfach aufzuhalten gewesen. Und die Weimarer Republik hat sich mit der Zustimmung fast aller Parteien selbst entmachtet.

Der zweite Grund ist der, dass es zwar viele Strukturen in der deutschen Gesellschaft gab, die den "Griff nach der Weltmacht" (1. Weltkrieg) und den Vernichtungskrieg Nazideutschlands begünstigten, aber eine "Kausalkette", die sozusagen von der "verspäteten Nation" über die bismarksche Reichsgründung zum 1. und 2. Weltkrieg und den Gaskammern von Auschwitz reichen würde, ist erkennbar "post festum" konstruiert. Ähnlich ist es mit dem "deutschen Nationalcharakter", den einige (auch deutsche) Schreiber schon bei den Kimbern und Teutonen festmachen wollen.

Es gibt aber tatsächlich deutsche Eigenarten, Denkgewohnheiten, die Diktatur und Machtmissbrauch sehr entgegen kommen. Eine seltsame, und auch heute noch (oder wieder) politisch wirksame deutsche Kontinuität liegt z. B. in der Überschätzung der eigenen Macht und der eigenen Möglichkeiten.
Die von Schulze-Boysen angesprochene "Vergottung" des Staates gehört für mich ohne Zweifel ebenfalls dazu.
Er hat leider immer noch recht.

Hinsichtlich anderer deutscher Denkstrukturen, etwa der Obrigkeitsgläubigkeit, hat sich seit Schulze-Boysens Tagen vieles zum Besseren gewandelt. Die quasi-religiöse Überhöhung des Staates - die auch beim wirtschaftsliberalen "Standortnationalismus" spürbar ist, nicht. Wenn von Standortnationalisten ein "schlanker Staat" gefordert wird, dann ist damit meiner Auffassung nach ein Staatswesen gemeint, dass auf maximale Effizienz getrimmt ist und dessen Zweck es ist, einer
Wesenheit namens "die Deutsche Wirtschaft" optimale Bedingen zu geben. (Natürlich ist "die Deutsche Wirtschaft" ein willkürliches ideologisches Konstrukt, das einerseits handfeste Eigeninteressen "metaphysisch" überhöht, anderseits Konflikte zwischen Interessengruppen - etwa den zwischen Großkonzernen und "Mittelstand" - verschleiert.) Die strukturelle Ähnlichkeit zwischen "dem Volksganzen" der Völkischen, dem "Nationalstaat", wie ihn klassische Nationalisten vergöttern, der "deutschen Wirtschaft" einer Richtung, für die ich die historische Bezeichnung nationalliberal für treffend halte, oder auch dem Staatsbegriff der "Kasernenhofkommunisten", wie er einst in der DDR und heute noch in vielen Köpfen Linker und "Linker" steckt, ist, bei allen Unterschieden im Detail, kaum zu übersehen. Der "Staat" als Selbstzweck und zugleich höchste weltliche Autorität steckt uns Deutschen noch in den Knochen.

Erst wenn Schulze-Boysen nicht mehr Recht haben wird; wenn die deutsche Regulierungswut und ausgeprägte Paragraphengläubigkeit genau so Vergangenheit seien werden, wie "Leitkulturturdebatten" und öffentlich geschürte Verhöhnung der Verlierer, dann wird die Vergötterung des Staates, die den Untergang Nazideutschlands so mühelos überstand, beendet sein.

Meiner Ansicht nach geht die deutsche Staatsgläubigkeit zum Teil auf Luther und die Reformation zurück, sicherlich auch auf das "preußische Gesellschaftsverständnis" seit Friedrich II. und die - romantisch überhöhte - Sehnsucht nach einem (noch nicht existierenden) mächtigen deutschen Nationalstaat in der Zeit zwischen den "Befreiungskriegen" und bismarkscher Reichsgründung. Diese Reichsgründung mit Gewalt ("Eisen und Blut") und List - und die damit verbundenen "Revolution von oben" - dürfte einer der wichtigsten Faktoren bei der Herausbildung des "typisch deutschen" Staatsverständnisses sein.

Ein wichtiger Faktor für die "Vergötterung des Staates" ist das eigentümliche Verhältnis von Staat und Kirchen in Deutschland. Einerseits gibt es keine Staatskirche, anderseits sind Staat und Kirche nicht, wie in westlichen Demokratien üblich, deutlich getrennt. Die großen Kirchen spielen die seltsame Rolle einer "offiziellen moralischen Anstalt", in der politischen Praxis werden bei schwierigen ethischen Fragen gern kirchliche Organisationen quasi als "Fachbehörden" herangezogen. (Beispiel: das Embryonenschutzgesetz von 1990, in dem sich die römisch-katholische Auffassung, dass bereits die befruchtete Eizelle ein menschliches Individuum sei, durchsetzte.) Es ist fast so etwas wie ein Tauschgeschäft: die Kirchen "liefern" klare Wegweisungen und Grenzziehungen, mit den Vorteil, dass sie, jedenfalls für gläubige Christen, aus berufenem Munde kommen, und in ewigen Werten und Wahrheiten verankert sind. Als Gegenleistung für diesen politisch nützlichen Dienst erhalten die "Amtskirchen" Privilegien, die für einen Staat ohne offizielle Staatsreligion einmalig sein dürften. Die moralische Legitimation durch die Religion dürfte "göttliche" Stellung "des Staates" im deutschen Denken jedenfalls stärken.

Kein Wunder also, dass die Pfarrerstochter Angela Merkel unter großem Beifall auf der CDU-Regionalkonferenz in Berlin-Brandenburg sagte, dass wer sich nicht am christlichen Menschenbild orientiere, fehl am Platz sei. (Siehe Eigene Identität statt "Multikulti-eiapopeia" (Tagesspiegel.de).) Bei einem Treffen mit Vertretern der "Deutschen Evangelischen Allianz" (DEA) stellte Kanzlerin Merkel klar, dass sie nicht den Islam fürchte, sondern sich Sorgen um den nachlassenden christlichen Glauben in Deutschland mache.
Die Logik ist, aus Sicht einer CDU-Politikerin, nachvollziehbar: Es ist ja durchaus denkbar, islamische Organisationen nach dem Vorbild der Kirchen in das Legitimationssystem des "deutschen Staates" einzubauen. Umgekehrt liegt der Verdacht nahe, dass viele Menschen, die aus den großen etablierten Kirchen austreten, sich gar nicht von der Religion, sondern von den Amtskirchen als "Religionsbehörden" verabschieden - der anhaltende Boom der "Freikirchen" und der "neuen religiöse Bewegungen" spräche dafür.
Aber auch die "echt nichtreligiösen" Menschen unter den Konfessionsfreien sind für das "traditionelle" deutsche System der moralischen Legitimation politischen Handels durch Kirchenvertreter eindeutig "verloren". Vom Wirken der Kirchen sind sehr viele Menschen moralisch, politisch und ökonomisch enttäuscht. Vor allem haben die Kirchen, entgegen der moralischen Autorität, die ihnen auch von SPD-Politikern zugebilligt wird, nach 1945 keine Neubegründung der Moral geleistet - statt dessen wurden alte Moralvorstellungen wieder etabliert. Die Beiträge der Kirchen zu Demokratie und Rechtsstaat kann man mit der Lupe suchen.

In einer rechtsstaatlich-demokratischen Ordnung (wie wir sie hoffentlich noch haben) kommt es auf die Vernunft der Politiker und auf deren Integrität, aber nicht aber deren religiöses Bekenntnis an.

Trotzdem: In gewisser Weise können die Kirchen auch meiner Ansicht nach ein Gegengewicht gegen (etwas pathetisch formuliert) moralischen Verfall sein - etwa gegen die weit verbreitete Ellenbogenmentalität und ihre ideologische Rechtfertigung, den "Sozialdarwinismus". Sie vermitteln auch Werte, die sich vom monetären Wertsystem des radikalen Kapitalismus und dem des "am Glück der Vielen" orientierten Utilitarismus deutlich - und wie ich finde, angenehm - unterscheiden. Ich verstehe unter "Werten" beispielsweise Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit - zwingend verbunden mit Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit und Rücksichtnahme. Ob die Kirchen diese Werte immer überzeugend vertreten und vermitteln, ist fraglich - aber immerhin sind sie im kirchlichen Raum noch relevant.

Aber wenn die Kirchen nur bedingt als ethische Institution taugen, und wegen ihrer Rolle in einem System der "Staatsvergottung" als Institutionen problematisch sind - wer oder was könnte die "moralische Richtschnur" für politisches Handeln liefern?
Das in der deutschen Geschichte schon praktizierte Modell, dass "der Staat" (bzw. das politische System) diese Funktion gleich miterledigt, wäre im deutschen Irrglauben, der Staat sei ein höheres Wesen, dem man sich ohne Bedenken anvertrauen könne, nur konsequent. Ein Blick in die Geschichtsbücher enthüllt die Konsequenzen dieses Denkens.

Wir wäre es mit dem Weltethos?
Ich halte es für wenig hilfreich, denn das "Projekt Weltethos" wendet sich an die (großen) Religionen der Welt und berücksichtigt Menschen, die diesen Religionen fern stehen, nur am Rande.
Ein weiteres Problem karikierte ein Freund von mir, der auf einem "Weltethos"-Kongress zu Gast war, mit den Worten "Von Weltethikern wird alles gnadenlos niedertoleriert".
Wer an einem "nicht integrierbaren" Wahrheitsanspruch festhält, schließt sich selbst aus dem Kreis der Diskussions- und Gesprächswürdigen aus. Das mag bei religiösen Fundamentalisten noch verständlich sein, aber auch z. B. Naturalisten haben einen Wahrheitsanspruch, und zwar einen, der innerhalb der großen Religionen nicht konsensfähig wäre. Selbst der (bewusst eingeschränkte und vorläufige) Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaften kollidiert mit dem "Weltethos", das einerseits im Namen der Toleranz alle Wahrheitsansprüche ausschließt, andererseits eine ziemlich genaue, im interreligiösen Dialog ermittelte, Vorstellung davon hat, was das eine Wahre und Gute ist
Alles in Allem riecht mir das Weltethos mehr und mehr nach einer Neuauflage des Modells "Kirche als Fachbehörde für ethische Fragen".

Besser gefällt mir da schon ein vom Einzelnen ausgehender Ansatz, wie ihn Roland Alton in Ethify Yourself vertritt. (Auch wenn Altons Ansatz auch diesen mir nicht behagenden "Patentrezept"-Beigeschmack hat.) Dem Wertekanon aus neun Werte mit dem Anspruch auf universelle Gültigkeit für einen breiten Kulturkreis kann ich jedenfalls zustimmen.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Einigkeit und Recht! Und Freiheit?

Anlässlich 20 Jahre "deutsche Einheit".

Im Großen und Ganzen ist sie, trotz verblühender Landschaften (vor allem in Brandenburg und Vorpommern zu besichtigen), eine Erfolgsgeschichte. Darin stimme ich mit der ehemaligen DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld überein. (In manchem Anderen kann ich ihr nicht zustimmen.)
Vera Lengsfeld: "Die DDR ist weg, das war ein Erfolg!"
Einige bemerkenswerte Zitate aus diesem Interview, das sie "Focus online" gab, nebst etwas Senf:
Lengsfeld: Sicher. Das System der DDR hat Menschen hervorgebracht, die bereit waren, ihre Nächsten zu verraten. Das hat etwas mit dem System zu tun, aber nicht mit dem Menschen an sich. Mein Vertrauen in die Menschen ist dadurch überhaupt nicht berührt.
Da hat sie recht: ob es in einer Gesellschaft Denunziation und Spitzelei gibt, ist eine Sache der Struktur dieser Gesellschaft. Im Einzelfall ist es natürlich eine Charakterfrage, ob jemand bereit ist, zu Denunzieren und Privatsachen auszuspionieren, aber in einer nach meinem Verständnis intakten Gesellschaft wird Denunziation und Schnüffelei nicht belohnt, sondern verachtet - der "schwache Charakter" kommt nicht zum Zuge. Auch die Bundesrepublik war nie eine Gesellschaft, die sich durch besonderen Respekt vor der Privatsphäre ausgezeichnet hat. Spätestens seit der Jahrtausendwende sehe ich einen deutlichen Trend in Richtung eines Systems, das wieder Menschen hervorbringt, die bereit sind, ihre Nächsten zu verraten.
[...] Viel wichtiger ist, dass durch diese Geschichte die Lebenslüge der geistigen Elite dieses Landes ins Wanken gerät: die Legende, dass die 68er-Bewegung die eigentliche Geburtsstunde der Demokratie in der Bundesrepublik bedeutet habe. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Bewegung hat nicht gegen ein repressives System, sondern gegen die beste Demokratie protestiert, die Deutschland bis dahin hatte. Und sie hat dies getan mit Bildern und Ideen von kommunistischen Massenmördern wie Mao und Pol Pot. [...]
Obwohl das arg nach modischem "'68er-Bashing" klingt: falsch ist das nicht. Die "''68er" werden meiner Ansicht nach überschätzt, im Positiven wie im Negativen. Es stimmt, es gab in den 60er und frühen 70er Jahren einen Demokratisierungsschub, aber diese Entwicklung weg vom "traditionellen deutschen Untertanengeist" begann spätestens mit der Spiegel-Affäre 1962. Meiner Ansicht nach unterlief den "'68ern" der klassischer Denkfehler des "Schwarz-Weiß"-Denkens: Weil die USA sich im Vietnamkrieg erkennbar ins Unrecht gesetzt hatten, die "Bösen" waren, musste Ho Chi Min, Befreiungskämpfer gegen die französische Kolonialherrschaft, später Premierminister und charismatische Führer Nordvietnams, automatisch "ein Guter" sein. Jeder Bombenangriff auf die zivile Infrastruktur Nordvietnams (unter dem zynischen Motto "Bombing them back into stone-age"), jeder von US-Truppen ermordete "Vietkong-Sympatisant", jeder völkerrechtswidrige Einsatz von chemischen Kampfstoffen usw. förderte das moralische Ansehen Hos (und in geringerem Ausmaße später das Pol Pots).
Noch drastischer ist der Effekt bei Mao - die VR China schien eine Alternative zum Kapitalismus nach US-Vorbild und zum Kasernenhofkommunismus nach dem Muster der UdSSR zu sein. Da nur wenig über die tatsächliche (katastrophalen) Verhältnisse in China bekannt war, konnte sich der "Mao-Kult" unter westlichen Linken halten. Sein radikales Vorgehen gegen die "Bürgerlichen" während der Kulturrevolution kam der Rebellionsromantik der "'68er" entgegen. Später wollten viele Mao-Fans die schreckliche Wahrheit - mindestens 44 Millionen Menschen verloren wegen seiner Politik ihr Leben - nicht wahr haben.
Man muss der Wahrheit ins Auge blicken: Bürgerrechtler sind in keiner Partei beliebt. Sie sind zu unabhängig und nicht geneigt, Parteisoldaten zu werden. Das verlangt aber mehr oder weniger jede Partei. [...]
Da gebe ich Frau Lengsfeld voll und ganz recht!
FOCUS Online: Der große Störenfried in diesem Jahr hieß Thilo Sarrazin. Was verrät uns die Debatte um seine Person über den Geisteszustand der Republik im Jahre 2010?
Lengsfeld: Die Debatte hat gezeigt, wie groß die Kluft zwischen Politik und den meisten Medien und den Bürgern ist. Früher gab es die Einheitspartei. Heute soll anscheinend eine Einheitsmeinung hergestellt werden. Das wird nicht klappen. Eine ähnliche Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung kenne ich nur aus der DDR der 80er-Jahre. Das Ergebnis ist bekannt.
Eine zwiespältige Antwort. Worin ich mit Frau Lengsfeld einer Meinung bin: die Diskrepanz zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung ist tatsächlich gewaltig. Die "klassischen Medien" sind sozusagen chronisch "Public Relation-verseucht" - und es gibt tatsächlich einen ziemlich engen "Konsenskorridor", in manchen Fragen fast schon eine Selbstgleichschaltung.
Zwiespältig ist die Antwort insofern sie ausgerechnet auf die Frage nach Thilo Sarrazin gegeben wurde. Denn Sarrazin hat keine neuen oder bislang verschwiegenen oder unterdrückten Tatsachen ans Licht gebracht - das Image des Mannes, der "unbequeme Wahrheiten" sagt, ist ein Medienkonstrukt. Er ist ein hemmungsloser Selbstdarsteller und Verkäufer seines Buches. Was an Sarrazins Aussagen wahr ist, ist nicht neu, und das, was neu ist, ist sozialdarwinistisch, sozialrassistisch, verlogen und arrogant.

Der Fall der Mauer und das Ende der DDR (das mit der Vereinigung zusammenfiel) war ein Sieg der Freiheit.
Leider wird von "Freiheit" gern in propagandistisch verzerrter Form geredet:
Die DDR folgte bereitwillig dem deterministischen Motto Lenins "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit".
In der "alten Bundesrepublik" schafften es Forderungen nach mehr Freiheit vor allem dann in die Medien, wenn es um emotional aufgeladene Nebensächlichkeiten wie die "Freie Fahrt für freie Bürger" (gegen Tempolimits auf Autobahnen) ging.

Ich habe das üble Gefühl, dass das politische System Deutschlands, in dem nicht nur die Kanzlerin so gern das Wort "alternativlos" in dem Mund nimmt, 20 Jahre nach der Einheit die beiden verzerrten "Freiheitsbegriffe" vereinigt.

Sonntag, 26. September 2010

30 Jahre Oktoberfest-Anschlag - Wut statt "Betroffenheit"

Es war das blutigste Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik. Vor 30 Jahren riss eine Bombe auf dem Oktoberfest 13 Menschen in den Tod und verletzte mehr als 200 – teilweise schwer. Bis heute glauben viele nicht, dass ein einzelner Rechtsradikaler aus persönlichem Frust die Tat beging.
Einzeltäter oder Braune Armee Fraktion? (NPD-BLOG.INFO)

Ich spöttele oft Verschwörungstheoretiker, die grundsätzlich nicht an Einzeltäter glauben wollen. Im Falle der Oktoberfestbombe gefriert mir dieses spöttische Lächeln auf den Lippen. Denn auch ich gehöre zu denen, die nicht glauben, dass ein einzelner Rechtsradikaler aus persönlichem Frust die Tat beging.
Die blutige Spur führte zu den Neonazis. Doch die Ermittler haben diese Spur zu den Akten gelegt und stattdessen die Theorie vom Einzeltäter in die Welt gesetzt und festgeschrieben. So ist der größte Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte bis heute nicht aufgeklärt.
Oktoberfest-Attentat

Als die auf Splitterwirkung ausgelegte Bombe auf dem Oktoberfest 13 Menschen buchstäblich bei lebendigem Leib in Fetzen riss - und über 200 Menschen zum Teil grausam verstümmelte - da war ich noch Schüler.
Ich fuhr am Tag nach dem Attentat mit dem Bus. Ich erinnere mich genau, wie der Busfahrer auf einmal rechts ran fuhr, den Motor abstellte und über Lautsprecher zu einer Gedenkminute für die Opfer des Oktoberfestattentates aufforderte.
Ich bat den Busfahrer, mich bitte aus dem Bus zu lassen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich sagte, ich weiß nur dass ich wütend war. Und ich weiß, was ich beim Verlassen des Busses rief: "Das hilft den Opfern auch nicht!" Den Rest der Strecke ging ich zu Fuß.
Sicher war meine Reaktion trotzig und unreif. Aber ich ertrug diese verdammte Heuchelei und Desinformation nicht. Heute begreife ich, dass die Gedenkminute nicht für die Opfer, sondern für die Lebenden da ist - und das öffentlich bekundete Trauer eine Geste der Höflichkeit darstellt.
Damals war ich - natürlich - unreifer, impulsiver. Trotzdem war meine Reaktion, auch aus heutiger Sicht, nicht verkehrt. Ich hatte die Reaktionen der Medien und der Politiker auf den RAF-Terror im Hinterkopf: da überwog Abscheu und Wut. Das Oktoberfestattentat wurde wie ein tragischer Unfall behandelt. Eine Panne. Irgendso ein Irrer mit 'ner selbstgebauten Bombe. Das bloß niemand auf die Idee kommt, statt Betroffenheit Wut zu zeigen!
Ich zeigte Wut. Ich bin nicht stolz darauf, ich schäme mich ein wenig dafür, aber - ich musste es, verdammt nochmal, tun!

Mir war klar: mit diesem schrecklichen Attentat war die Blutspur des Rechten Terrors an einem Tag viel breiter, als es Jahre RAF-Terrors vermocht haben - ohne damit die Taten der mörderisch fanatischen RAF-Terroristen relativieren zu wollen. Und mir war auch damals klar: es "durfte" keine Staat und Gesellschaft bedrohende rechtsextreme Terrororganisation geben. Direkt nach dem Anschlag mutmaßte der CSU-Vorsitzende Franz-Josef Strauß es habe sich um einen Anschlag von links gehandelt. Obwohl es klar war, dass es nicht nicht zu den Taten der RAF passte, oder zu denen linksextremer Terrorgruppen in anderen Ländern Europas. Ich empfand einen beinahe körperlichen Ekel vor Strauß - dessen politische Positionen ich bis dahin zwar strikt ablehnte, den ich aber in gewisser Hinsicht respektierte, ja beinahe bewunderte. (Der Mann hatte im kleinen Finger mehr Charisma als der ganze heutige CDU / CSU-Spitze zusammen nicht!)
Ich war auf Strauß wütend. Ich war wütend, dass das Oktoberfest nur unterbrochen, aber nicht abgesagt wurde. Ich war wütend, dass eine Massenfahndung nach den Mittätern, im Stil der RAF-Fahndung, unterblieb.

Noch etwas zu den schweren Verletzungen: Ein ehemaliger "Sandkastenfreund" von mir war einige Jahre später wegen Tötens auf Verlangen angeklagt. Er hatte seine Mutter auf deren Wunsch vergiftet. Sie war beim Oktoberfest-Attentat grausam verletzt worden. Ihr mussten in unzähligen Operationen über 200 Splitter aus dem Körper entfernt werden - einige konnten nicht entfernt werden. Sie war praktisch blind und taub, hatte unzählige Narben. Sie saß im Rollstuhl, ein Bein amputiert, das andere steif. Jede Bewegung ihrer Arme schmerzte. Und das Schlimmste für sie: wegen einer desaströsen "Schmerztherapie", für die ich die Ärzte nicht verantwortlich machen möchte, da sie nur den damals im schmerztherapeutischen Entwicklungsland Deutschland üblichen Standards folgten - "Wundversorgung vor Schmerzversorgung, und Vorsicht mit Opiaten" - hatten sich die schrecklichen Schmerzen sich tief in das "Schmerzgedächtnis" eingefressen.
Ihr Sohn wurde durch die Bombe nur leicht verletzt. (Relativ leicht: Trommelfelle kaputt und eine tiefe Narbe auf der Stirn.) Er hadert noch heute deswegen mit sich selbst, weil es nicht ihn, sondern seine Mutter so schlimm erwischt hat. Er wäre für seine Sterbehilfe gern in den Knast gegangen. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass es ihm lieber gewesen wäre, wenn die Strafe nicht auf Bewährung ausgesetzt worden wäre, als letztem Dienst an der Mutter.

Es gibt kein Recht auf Rache. Aber es gibt ein Recht auf Wut. Es gibt das Recht der überlebenden Opfer und ihrer Angehörigen auf vollständige Aufklärung der Tat und ihrer Hintergründe.

Einige Jahre später besuchte ich mit einem noch ziemlich frisch nach München umgezogenen Bekannten das Oktoberfest. Auch wenn ich an diesem Abend nicht an das Attentat dachte: ich hatte keinen Spaß und wusste nicht, warum. Ich schiebe es normalerweise auf das enthemmt-flegelhafte Verhalten der besoffenen Festbesucher. Aber tief in mir drin werde ich wohl an den grausamsten Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte gedacht haben.

Donnerstag, 16. September 2010

Im Gedenken an eine Verteidigerin der "kleinen Sünden"

Wie "New York Times" am 13. September berichtete, starb vor kurzem die (außer bei Puritanern und Gesundheits-Fanatikern) beliebte us-amerikanische Schriftstellerin Barbara Holland - "Barbara Holland, Defender of Small Vices, Dies at 77"
“Joy has been leaking out of our life. We have let the new Puritans take over, spreading a layer of foreboding across the land until even ignorant small children rarely laugh anymore. Pain has become nobler than pleasure; work, however foolish or futile, nobler than play; and denying ourselves even the most harmless delights marks the suitably somber outlook on life.”
Die Freude ist aus unserem Leben entwichen. Wir ließen die neuen Puritaner an die Macht kommen, die eine Decke der Drohungen über das Land legen, bis sogar unwissende kleine Kindern nur noch selten lachen. Schmerz wurde edler als Vergnügen; Arbeit, selbst dumme oder sinnlose, edler als das Spiel; und dass wir uns sogar die harmlosesten Freuden versagen kennzeichnet die angemessene düstere Lebensanschauung.
Sie hat leider so recht, nicht nur für die USA, sondern vielleicht mehr noch für Deutschland. Zwar ist die puritanische fixe Idee, dass Genuss Sünde sei, hierzulande nicht so weit verbreitet wie im Mutterland des modernen Puritanismus, aber Vorwürfe an Kranke, sie seien doch "selber schuld" und schadeten so der Gemeinschaft, machen das ohne weiteres wett. Wie in den USA herrscht bei uns (auch in den katholischen Gegenden) eine "protestantische Ethik" im Sinne von Webers Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus vor:
„Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster Vermeidung alles unbefangenen Genießens, so gänzlich aller eudämonistischen [glückseligen] oder gar hedonistischen [lustorientierten] Gesichtspunkten entkleidet, so rein als Selbstzweck gedacht, dass es als etwas gegenüber dem ‚Glück‘ oder dem ‚Nutzen‘ des einzelnen Individuums jedenfalls gänzlich Transzendentes und schlechthin Irrationales erscheint“
Warum gewinnt diese in mancherlei Hinsicht fragwürdige "Ethik des Geizes" wieder an Boden, obwohl in den vom Massenkonsum geprägten kapitalistischen Gesellschaften in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ein gemäßigter Hedonismus durchaus gesellschaftsfähig war und zum Teil noch ist? Vereinfacht lässt sich sagen, dass die protestantische Ethik die klassische kapitalistische Gesellschaft ermöglichte. Umgekehrt begünstigt eine Rückkehr zu "klassisch kapitalistischen Verhältnissen" - also: strickte Klassengrenzen, "industrielle Reservearmeen", mit deren Hilfe Löhne gedrückt werden, Abbau des staatlichen und gemeinwirtschaftlichen Sektors, "Herr im Haus"-Politik der Kapitalisten, "Reproletarisierung" der Unterschicht usw. - auch die sie legitimierende Ideologie: die "protestantische Ethik" im Sinne Webers (deren extremste Form der vom Calvinismus abgeleitete "moderne Puritanismus"ist).
Ein weiterer Faktor, der den religiös begründeten Puritanismus (der sich auch bei Katholiken finden lässt) erstarken lässt, ist die Gegnerschaft zum Islam. "Dem Islam" bzw. dem neopuritanischen Zerrbild des Islams mangelt es an der nötigen Arbeitsethik. Aber dafür hätte "der Islam" andere Tugenden, die der "dekadente Westen" nicht mehr hätte: Opferbereitschaft, unbedingte Loyalität, Familiensinn, die Bereitschaft, viele Kinder aufzuziehen, und (selten offen ausgesprochen) eine Ordnung, die Frauen, Schwule, "Säufer", "Asoziale" "an ihren Platz" weist. Der Islam hat also alle "Tugenden", die einst "das christliche Abendland" stark gemacht hätten, bis auf die Arbeitsethik, hingegen hätte das Abendland von seinen "alten Tugenden" fast nur die Arbeitsethik behalten, und auch mit der ginge es bergab. (Von den "Sieben Todsünden" würde "die Moderne" alle bis auf die Faulheit "freudig umarmen".)
Folgerung: damit die "Musels" uns nicht erobern, müssen "wir" wieder so werden, wie die westlichen Industrienationen mal im 19. Jahrhundert gewesen waren (zumindest in der Vorstellungswelt der neuen Puritaner).

Wie das in der Praxis bei den heute Heranwachsenden funktioniert, lässt sich an der neuesten Shell-Studie und an der Rheingold-Studie ablesen, die sich hinsichtlich der Ergebnisse wenig unterscheiden - die Interpretation ist drastisch verschieden: wenn die Shell-Studie die Jugend als optimistisch und pragmatisch schildert, schilde die Rheingold-Studie sie als angstvoll und ungeheuer anpassungswillig. Beiden Studien zufolge gewinnt eine konservative, im Kern protestantische Ethik, verbunden mit neospießigem Verhalten, unter den jungen Leuten an Boden. Aus Panik angepasst und unter Selbstkontrolle (telepolis).

Zurück zu Barbara Holland. Sie trank mit Lust Alkohol und qualmte wie ein Schlot. "Natürlich" starb sie an Lungenkrebs - aber mit 77 kann das sogar abstinenten Nichtrauchern blühen.
Zwar möchte ich sie nicht als Vorbild darstellen. Rauchen ist nicht nur extrem ungesund, sondern ein höchst unbefriedigendes Laster, weshalb ich es mir abgewöhnte. (Ich war zwar nur "Genussraucher" - abends mal ´ne Pfeife zur Entspannung - aber irgendwann merkte ich dann auch tagsüber den "Nikotinjieper" - sicheres Zeichen, dass es Zeit war, aufzuhören.) Ich denke aber nicht daran, meinen (mäßigen) Alkoholkonsum und meinen (seltenen) Gebrauch anderer Drogen einzustellen.

Nichts gegen Sport - solange er Spaß macht. Nichts gegen gesunde Ernährung - aber gut schmecken muss sie schon.
Ein viel erstrebenswerteres und wie ich finde, gesünderes, Ideal als das der Askese ist die Mäßigung, das Einhalten der "rechten Maßes".

Es ist immer ein Alarmzeichen, wenn die kleinen Sünden mit großen Aufwand bekämpft werden.

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