Freitag, 30. Oktober 2009

Einen Tag vor dem Start

So, ich bin seeklar! Recherchen, Plot, Hauptpersonen, Schiffe - steht!
Morgen noch der "Kick Off" - da treffen wir wahnsinnigen Marathonschreibern aus Hamburg uns noch mal und machen uns Mut.

Mein NaNoWriMo-Profil findet Ihr hier: About the author: hrafnsgaldr.

ich habe den Plot in 14 Kapitel unterteilt. In Analogie zu den 14 Songs des FAWM, den anderen Wahnsinns-Wettbewerb, in dem es darum geht, im Februar in 28 Tagen 14 Songs zu schreiben. Da ich ja zwei Tage "off Keyboard" sein werde, kommt das mit den 28 Tagen auch hin.

Damit liegen auch die Etappenziele ("Milestones") fest. Etwas nervös bin ich schon.
Es geht ja um Quantität - 50.000 Wörter in 30 Tagen - nicht darum, einen möglichst "guten" Roman zu schreiben - obwohl es einige NaNoWriMo-Wahnsinnige es schaffen, veröffentlichungsreife Bücher zu schreiben - natürlich mit Nachbearbeitung. Mehr noch: einige dieses Romane wurden auch schon veröffentlicht. Vor Kurzem wurde der erste deutsche NaNo-Roman bei einem "richtigen" Verlag veröffentlicht: der Krimi "Millionenallee".

Ich merke schon jetzt, wie der bei mir normalerweise sehr scharf gestellte "Qualitätsfilter" beim Projekt "Brüder der Küste" durchlässiger wird, oder anders gesagt, die verinnerlichten Deutschlehrer, Chefredakteure, Kritiker und Lektoren die Klappe halten. Auch die Schere im Kopf klappert nicht; der innere Zensor, die Instanz, die mir sagt, dass "man" "so etwas" nicht schreibt.
Wobei ich noch ein paar "Filter" mehr "ausschrauben" muss, als die genannten - welche, gehört nicht in die Öffentlichkeit.

Es ist ja so, dass "Qualitätsfilter" nicht unbedingt zu gutem Stil oder auch nur gutem Deutsch führen, wovon sich jeder Leser meines Blogs und des Rechtschreib- und Grammatikmülls, den ich manchmal produziere, überzeugen kann.

Manche Ideen, manche davon schon zu Exposés oder sogar ausgearbeiteten Handlungen gereift, habe ich abgewürgt und weggeworfen, weil irgendetwas in mir sagte "das wird ja eh nichts". Es stimmt, dass das Gefühl in vielen Fällen nicht trog und die Idee wirklich nicht taugte. So ganz falsch zeigt mein innerer Kompass nicht an. Was ich versuche: einmal einfach an einem nicht unbedingt überzeugenden, literarisch eher fragwürdigen, aber viel Spaß versprechenden Thema dranzubleiben.

Durch den immensen Zeitdruck entsteht eine Konzentration, die Erlaubnis gibt, die Filter und Zensoren, die "Wenns" und "Aber", außer acht zu lassen. Ein Experiment mit offenem Ausgang zu wagen. Wegschmeißen oder löschen kann ich den Kram hinterher immer noch. Ja, auch das gehört zur Übung: vorn vornherein für den Papierkorb, und nicht für das Verlagslektorat, zu schreiben. Ich werde mein Urteil, ob der fertige Roman gut oder schlecht ist, nicht anderen, und vor allem keinen Freunden (Freunde sind schlechte Kritiker), überlassen. Es wäre eine angenehme Dreingabe, wenn "Brüder der Küste" auch nur halbwegs lesenswert gerät. Nie daran denken, wie viel Aufwand ich schon investiert habe. Nach vorne blicken!

Egal, schon zu viel über mich gesenft. Morgen wird's ernst. Und in einem Monat werde ich es wissen.

Per aspera ad astra!

Die Piraten, die alten Seeleute und Augenklappen

Noch knapp 28 Stunden - dann schreibe ich den ersten Satz meines NaNoWriMo-Projektes, aus dem hoffentlich der Roman "Brüder der Küste" wird.

Im Zuge meiner Recherchen stolperte ich immer wieder über "klassische" Piratenklischees. Einige sind freie Erfindungen mehr oder weniger phantasiebegabter Schreiber ("Arrrrr!"), andere, wie der Hang zur aufwendigen Kleidung und zum Tragen von auffälligem Schmuck, sind von Chronisten des "goldenen" oder eigentlich "blutigen" Zeitalters der Piraterie um 1700 überliefert. Dann gibt es seltene, aber interessante Einzelfälle, die von Seemannsgarn spinnenden Seeleuten und später von Abenteuerschriftstellern so oft aufgegriffen würden, dass man sie später irrtümlich für typisch hielt. Nur sehr wenige Seeräuber vergruben ihre Schätze - aber seit der "Schatzinsel" gehört die Schatzkarte mit dem großen "X" und die mit Gold- und Silbermünzen gefüllte Truhe zum Piratenbild einfach dazu. Interessant dabei ist, dass Stevenson ja schreib, was Piraten überlicherweise mit ihrem Beuteanteil machten: sehr schnell ausgeben. Andere Piraten, auch das erwähnt Stevenson, trugen die erbeuteten Piaster zur Bank oder legten das Geld anderweitig an. (Long John Silver hat einige gut gepolsterte Konten und eine gut gehende Hafenkneipe.)

Augenklappe, Holzbein und Hakenhand, der Papagei und die Vorliebe für Rum sind hingegen Seemannsklischees aus der Zeit der Segelschiffe bzw. zum Klischee gewordenen Vorstellungen, wie eine "typische" alte Salzhaut, ein altgedienter Seebär, aussehen könnte. Später überlebten diese Klischees in der Abenteuerliteratur.

Das wichtigste "Piratenmerkmal" ist die Augenklappe. Tatsächlich waren relativ viele Seeleute auf einem Auge blind.
Bei vielen von ihnen war das die Folge einer Kriegsverletzung.
Wenn eine Kanonenkugel auf ein hölzernes Schiff traf, führte der Einschlag zu einem dichten Hagel an kleinen und größeren Holzsplittern. Die verheerende Splitterwirkung von Kanonentreffern auf hölzernen Schiffen wird in den meisten Piraten- und Seekriegs-Filmen viel zu harmlos dargestellt. Der einzige Film, in dem wirklich überzeugend gezeigt wird, wie sich solide hölzerne Bordwände, Masten und Spieren sich unter Kanonentreffern regelrecht in Wolken aus scharfkantigen Holzsplittern auflösen, und der auch einen Eindruck davon gibt, welche Wunden diese Splitter verursachen, ist Master and Commander. Schon ein winziger Splitter kann ein getroffenes Auge zerstören. Das prominenteste Opfer eines Splitters war Admiral Lord Horatio Nelson, der im Gefecht vor Korsika 1793 am rechten Auge verwundet wurde, und durch eine Entzündung die Sehkraft auf diesem Auge verlor. (Allerdings trug Nelson auf dem blinden Auge keine Augenklappe).

So relativ häufig Augenverwundungen auch waren: Das Klischee des Seemanns mit Augenklappe stammt wahrscheinlich aus einer älteren Zeit und hat nichts mit Gefechten auf See zu tun.
jakobsstabAnwendungen des Jakobsstabs in Astronomie und Landvermessung, Stich aus dem 16. Jahrhundert.

Bei den vor 1600 gebräuchlichen Navigationsinstrumenten, vor allem dem Jakobsstab, maß man den Stand der Sonne über dem Horizont, indem man direkt in das gleißende Licht schaute, wobei allenfalls mit Ruß eingedunkelte Augengläser nur begrenzten Schutz boten. Einige Jahre derartige Beobachtungen konnte das Augenlicht ruinieren - aber die Beobachtungen mussten gemacht werden. Unter zwanzig alten Kapitänen soll es nicht einen gegeben haben, der nicht auf einem Auge blind war, da er, um seinen Weg zu finden, jeden Tag in die Sonne starren musste.

Aber schon In der "großen Zeit" der Freibeuter in der Karibik im 17. Jahrhundert war diese Berufskrankheit der Navigatoren vermeidbar. Der englische Navigator und Entdeckungsreisende John Davis erfand 1595 den Backstaff, auch Back-Quadrant oder nach seinem Erfinder Davis-Quadrant genannt. Bei diesem Instrument steht der Navigator mit dem Rücken zur Sonne und riskiert nicht mehr sein Augenlicht. Der Winkel zwischen Sonne und Horizont wird indirekt, mittels eines Schattenwerfers (G) bestimmt.
backstaff
Davis-Quadrant, Darstellung aus der Zeit um 1600.

Außerdem war der Davis-Quadrant noch erheblich genauer als der Jakobsstab, weshalb er, zumindest auf Seeschiffen, schon bald den Jakobsstab ablöste.
Ab 1740 löste der noch exaktere von Newton und Hadley erfundene Spiegel-Oktant den Davis-Quadranten ab. Der Oktant wurde im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zum noch heute gebräuchlichen Sextanten weiterentwickelt. Ein Vorteil des Sextanten: Wird er während der Messung nicht völlig ruhig gehalten, so schwankt das Bild des Horizont und das des Gestirns gemeinsam im Gesichtsfeld hin und her, so dass eine zweifelsfreie Überlagerung beider Ziele und damit eine korrekte Messung mit etwas Geschick trotzdem möglich ist. Der Sextant liefert daher auch in der freien Hand auf einem schwankenden Schiffsdeck gehalten genaue Ergebnisse. (Wer wissen will, wie man mit sich mit einem Sextanten auf See zurechtfindet: Volkers Crashkurs-Astronavigation.)
Der Nachteil , dass der Navigator beim Gebrauch eines Sextanten wieder direkt in die Sonne sehen muss, wird durch einklappbare Filtergläser (auch "Schattengläser" genannt) ausgeglichen. Ab dem 18. Jahrhundert konnten ausreichend dunkle und dabei verzerrungsfreie Filtergläser hergestellt werden, mit denen eine gefahrlose Sonnenbeobachtung möglich wurde.

Wenig ist meines Erachtens von einer Hypothese zu halten, die es immerhin in die deutsche "Wikipedia" schaffte (Augenklappe). Piraten sollen Augenklappen genutzt haben, um die Dunkelanpassung eines Auges für die Nacht zu trainieren. Indem sie ein Auge auch tagsüber im Dunkeln hielten, hätten sie geglaubt, bei Dunkelheit besser sehen zu können.
Tatsächlich kann durch das Tragen dunkler Brillen in beleuchteten Innenräumen die Dunkelanpassung, wenn man ins Dunkle tritt und die Brille abnimmt, beschleunigt werden - oder umgekehrt erleichtern Sonnenbrillen die schnelle Anpassung an dunkle Innenräume.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

China - die dreckige Lokomotive der Weltwirtschaft.

In der immer noch anhaltenden Wirtschaftskrise blicken manche Experten und noch mehr "Öchsperten" (Chat Atkins) hoffnungsvoll auf China. Das "Land der Mitte", dessen Wachstumsrate immer noch, gemessen am "Westen", mehr als solide ist, erscheint als kraftvolle Weltwirtschaftslokomotive. Dumm nur, dass diese Lokomotive offensichtlich eine ausgesprochen dreckige Feuerung hat.

Es sind schockierende Bilder, in denen Lu Guang das Ausmaß der Umweltverschmutzung in China dokumentiert:
Amazing Pictures, Pollution in China.

Diese schrecklich-faszinierenden Bilder sollten zwei gerne verdrängte Tatsachen ins Bewusstsein rücken.

Das ob seiner angeblichen Effizenz auch von "westlichen" Wirtschaftsexperten bewunderte und manchmal als Vorbild gepriesene chinesische System, das ich kurz mit "Kapitalismus ohne Demokratie" umreißen möchte, erkauft seine hohen Wachstumsraten auf Kosten einer ausgebeuteten Bevölkerung und einer ausgeplünderten und verschmutzten Natur. Ob das Wort "Effizenz" die Mischung aus entfesselter Bürokratie, Korruption und staatlicher Unterdrückung in China richtig beschreibt, dürfte ohnehin zweifelhaft sein. Kein Zweifel besteht aber daran, dass Großunternehmen mit den "richtigen Beziehungen" in der dem Namen nach immer noch sozialistischen Volksrepublik China enorme Profite erzielen können.
Zwar bildete sich in den Städten mit dem Wirtschaftsboom so etwas wie ein Mittelstand, doch die Landbevölkerung verarmte. Soziale Spannungen nehmen zu. Wanderarbeiter müssen sich zu unmenschlichen Bedingungen verdingen. Die "Lösung" besteht in Überwachen und Strafen, verbunden mit Zensur und Propaganda. Und auch das scheinen manche deutsche "Öchsperten" für "vorbildlich" zu halten.

Die zweite gern verdrängte Tatsache ist die, dass etwa ein Fünftel der Emissionen Chinas - sowohl der CO2-Emmisionen, wie der "allgemeinen" Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung - sozusagen im Auftrag anderen Weltregionen geschieht, sprich für den Export chinesischer Produkte aufgewendet werden. (In Bezug auf CO2 dargestellt in einer Veröffentlichung der Universität Manchester (pdf) Consumers, business and climate chance.)
Anders gesagt: wenn z. B. deutsche Unternehmen ihre Produktion nach China verlagern, dann verlagern sie damit auch die mit der Produktion verbundene Emmisionen. Schlimmer noch: was an der Produktion in China so finanziell verlockend ist, sind außer den billigen Arbeitskräften auch die verglichen mit europäischen Standards geringe Umweltschutzaufwendungen.

Montag, 26. Oktober 2009

Zeugenpflicht, sich quälen zu lassen, demnächst Gesetz?

Es wird zwar gern von Krimi-Autoren und von besonders diensteifrigen Kripo-Beamten vergessen und ist eher wenig bekannt: Bisher galt in Deutschland das Prinzip, dass kein Zeuge verpflichtet ist, bei einem Polizeibeamten eine Aussage zu machen. Nur eine Ladung als Zeuge durch die Staatsanwaltschaft oder den Ermittlungsrichter ist verpflichtend.
Udo Vetter grub im Law Blog ein tief im Koalitionsvertrag vergrabenes, tiefgreifendes Reformvorhaben aus:
Von der Polizeiwache in die Ordnungshaft.

Ziemlich weit hinten, zwischen Änderungen im Wiederaufnahmerecht und der Reform des Transsexuellenrechts, steht folgender Satz:
Wir werden eine gesetzliche Verpflichtung schaffen, wonach Zeugen im Ermittlungsverfahren nicht nur vor dem Richter und dem Staatsanwalt, sondern auch vor der Polizei erscheinen und – unbeschadet gesetzlicher Zeugenrechte – zur Sache aussagen müssen.
Damit wäre wieder ein Stück aus üblen historischen Erfahrungen geborenes Stück Rechtsstaat abgebaut. Ein schwacher Trost: sollte die Koalition tatsächlich planen, dass eine Ordnungshaft von der Polizei angeordnet werden könne, wäre eine Änderung des Grundgesetzes erforderlich - und dafür fehlt die nötige 2/3-Mehrheit.

Vetter schreibt, dass Polizeibeamte gegenüber Zeugen praktisch keinerlei Rechte haben, sei weitgehend unbekannt. Insbesondere auch unter Polizeibeamten.

Hätte ich über meine Rechte besser Bescheid gewusst, und wäre ich etwas selbstbewusster gewesen, wäre mit vor gut 12 Jahren eine sehr unangenehme Nacht erspart geblieben. Ich - und mit mir etwa zehn weiteren Zeugen - hatten einen S-Bahn-Suizid mitbekommen. Keine schöne Sache, um es vorsichtig auszudrücken. Obwohl ich "im entscheidenden Moment" nicht hinsah, vermute ich, dass es kein angenehmer Tod war, denn nach Lage der Dinge wurde der Mann von den Rädern eines noch langsam fahrenden anfahrenden S-Bahn-Triebwagens in drei Teile zerquetscht.
Die Polizei ging davon aus, dass der Mann, der vor der anfahrenden S-Bahn gelandet und zerquetscht worden war, eventuell gestoßen worden sein könnte - das Video der Überwachungskamera hätte das nahegelegt. Also Mordverdacht. Dringende Ermittlung. Angeblich keine Zeit, auf Zeugenvorladungen von der Staatsanwaltschaft zu warten. Tatsächlich wurden wir Zeugen vor der Vernehmung getrennt, damit wir uns nicht etwa absprechen würden.

Die Polizisten reagierten übrigens ausgesprochen sauer auf meine - wahrheitsgemäße - Aussage, ich hätte, als ich den Mann springen sah und ich nichts tun konnte, einfach weggesehen. Denn die KriPo-Beamten machte mir klar, dass sie von mir klare Angaben erwarteten: "Verstehen Sie nicht, es geht hier wahrscheinlich um die Aufklärung eines selten brutalen Mordes. Sie wissen, dass Sie sich mit einer absichtlichen Falschaussage strafbar machen?"
Ich bin nun mal kein Held, der geistesgegenwärtig die entscheidenden Beobachtungen macht. Aber auch leider zu sehr gut abgerichteter deutscher Untertan, um mutig und selbstbewusst zu sagen: "Sie kriegen meine Personalien, das dürfen Sie, ansonsten warte ich auf die Vorladung vom Staatsanwalt - und will endlich nach Hause, auf den Schrecken einen Cognac trinken und dann drüber schlafen." Vielleicht noch: "Der Stress hier ist Gift für meine Nerven."
Das unprofessionelle Verhalten der Polizisten ist dadurch erklärbar, dass die Beamten selbst hochgradig erregt waren und unter einem erheblichen Aufklärungsdruck standen. Menschlich vielleicht verständlich. Aber ebenso wichtig ist, dass ohnehin traumatisierte Zeugen nicht gequält werden dürfen.
Nach Lage der Dinge habe ich wenigstens nachträglich Beschwerde wegen der rechtswidrigen und demütigenden Behandlung eingelegt.
Eines ist klar: sollte ich noch einmal Zeuge eines Suizides, eines Verbrechens oder eines schweren Unfalls werden, mache ich unter solchen schikanösen Umständen keine Aussage. Selbst dann nicht, wenn ich - so wie es leider aussieht - künftig dazu verpflichtet wäre.
Deshalb sehe ich der im Koalitionsvertrag vorgesehene gesetzliche Regelung mit einen sehr üblen Geschmack im Mund entgegen.

Nachtrag: Ich nehme an, dass die Polizei damals den Verdacht hatte, dass unter den Zeugen Komplizen eines möglichen Täters sein könnten. Zu wenig für einen dringenden Tatverdacht, aber genug für eine gehörige Portion Misstrauen, die wir Zeugen dann auch heftig zu spüren bekamen. Das es tatsächlich Suizid und kein Tötungsdelikt war, wurde mir später auf Anfrage bestätigt. Außerdem hätte ein Mord in der Zeitung gestanden - über Bahnsuzide - DB-Code: "Personenunfall" - wird nicht berichtet.

Samstag, 24. Oktober 2009

NaNoWriMo - in einer Woche wird's ernst

Noch eine Woche bis zum 1. November.
Dann werde ich den ersten Satz meines NaNoWriMo-Projektes (aus dem hoffentlich ein Roman wird) mit dem Arbeitstitel "Brüder der Küste" niederschreiben.

Mit einem wichtigen Teil der Vorbereitung, nämlich den der Recherche der Fakten und Hintergründe, bin ich, soweit ich es überblicken kann, fertig. Übrigens blieben die Recherchen nicht ohne Auswirkungen auf den Plot. Ein Beispiel: ursprünglich hatte ich angenommen, dass das größere der beiden Kaperschiffe, eine Pinas niederländischer Bauart, ca. 280 Tonnen, ca. 30 m Rumpflänge, ruhig mit 9-Pfünder-Kanonen, d. h. mit Kanonen, die eine eiserne Vollkugel von 9 Pfund engl. (4,1 kg) verschießen können, bewaffnet sein könne.
Die Recherchen ergaben, dass so ein Schiff historisch glaubwürdig allenfalls 6-Pfünder getragen haben könnte. Das hat erhebliche Auswirkungen darauf, wie die Taktik der Seegefechte beschrieben werden muss. Überhaupt: Ich habe die beiden "Hauptschiffe" meines Projektes, die "Schwalbe" und die "Aphrodite" so gründlich durchdacht wie den Hauptcharakter, auch wenn ich garantiert nicht alle Details verwenden werde. Von der ausgearbeiteten Biographie des sich "Jan Ackermann" (ein falscher Name, soviel sei verraten) nennenden Protagonisten, wird bestimmt auch nur ein Teil ins fertige Werk einfließen. Ebenso wenig wie von seinem "Psychogramm". Aber so weiß ich genau, wie er in einer bestimmten Situation reagiert. Genau so ist das bei den Schiffen - ich weiß z. B., dass sich der über 1,80 m lange Smut den Kopf am Decksbalken stoßen wird, wenn er beim Verlassen seiner Kombüse nicht aufpasst, oder wie gut die "Schwalbe" einen Hurrican abreiten kann, oder dass die "Aphrodite" ein gutes, seetüchtiges Schiff ist, aber dazu neigt, ein bisschen leegierig zu sein, oder, dass die "Aphrodite" nicht den Hauch einer Chance hätte, einem niederländischen 52-Kanonen Konvojschiff zu entkommen (der Konvojer hat nämlich weitreichende 24-Pfünder und ist schneller), hingegen die noch schwächer bewaffnete und langsamere "Schwalbe" unter Umständen schon (weil sie höher an den Wind gehen kann und dank ihres geringen Tiefgangs über Untiefen hinwegsegeln kann, die für den Konvojer unpassierbar sind). Ich könnte die Schiffe jederzeit malen - und werde das auch bestimmt tun. (Wahrscheinlich im Dezember.)

Notizen über die sozialen, politische und geographischen Verhältnisse in der Karibik des Jahres 1672 und über den "Holländischen Krieg" (ein brutaler Raubkrieg des Frankreichs Louis XIV. gegen die Niederlande) liegen bereit, und ich weiß auch, wo ich weitere Fakten nachschlagen kann, wenn ich sie brauche. (Und noch ein Klischee fällt - von wegen "Zeitalter der Kabinettskriege", bei denen "nur" Söldner starben!) In der Karibik herrschte im 17. Jahrhundert praktisch ständig Krieg, mit wechselnden Koalitionen.
Sklaverei war übrigens selbstverständlich.
Natürlich habe ich mich über die Bukaniere / Flibustiere / Freibeuter der damaligen Zeit gründlich schlau gemacht. Alexandre Olivier Exquemelins "The Buccaneers of America" aus dem Jahr 1684 ist dafür meine Hauptquelle. Übrigens ist mein Hauptprotagonist (nicht "Held", dazu ist er nicht "edel" genug - manchmal ist "Jan Ackermann" ein ganz schönes Ekel und ausgesprochen rücksichtslos) wie Exquemelin (oder wie Rafael Sabatinis fiktiver, aber nahe an den Tatsachen angelehnter "Captain Blood") Wundarzt. Die damaligen Methoden der Wundbehandlung sind - nun ja, interessant. "Knochensäger-Jan" ist zwar ein erfahrener Praktiker, der locker den meisten studierten Ärzten seiner Zeit fachlich überlegen ist - aber er ist kein "Medicus" mit seine Epoche überragenden medizinischen Kenntnissen. Ich gestehe ihm aber zu, dass er weiß, welche Lebensmittel gegen Skorbut helfen - das wussten damals überraschend viele. (Sauerkraut war z. B. die "Geheimwaffe" der Niederländer, die auch deshalb mit viel kleineren Mannschaften auskamen, als etwa die Engländer.)

Die Handlung ist im Groben ausgearbeitet, im Groben deshalb, weil zu detaillierte Plots den Fluss der Phantasie eher hemmen (spreche da aus Erfahrung). Ich weiß, worauf es hinausläuft, aber die dazwischen liegenden Schritte kenne ich noch nicht.
Jemand, der es wissen musste, nämlich der Kriminalschriftsteller Raymond Chandler, meinte, dass die Fähigkeit, improvisierte Szenen plausibel wirken zu lassen, die Grundlage des raschen Schreibens sei. (Und Chandler hatte nach eigenen, glaubwürdigen, Angaben, manchmal 5000 Worte auf einen Sitz geschrieben.) Außerdem war er fest davon überzeugt, dass einem Schreiber in dem Augenblick, in dem er anfängt über Technik zu reden, totsicher die Einfälle ausgegangen wären, und meinte, dass diejenigen, die am meisten vom Schreiben verstünden, diejenigen seien, die nicht schreiben könnten.

Allerdings hätte Chandler Jack London, der riet, nicht auf die Inspiration zur warten, sondern mit der Keule hinterher zu jagen, wahrscheinlich nicht zugestimmt. Er schrieb:
Ich bekomme dauernd Aufsätze zu Gesicht, in denen Schriftsteller sich darüber auslassen, dass sie grundsätzlich nie auf Inspiration warten; sie setzen sich einfach jeden Morgen um acht an ihren kleinen Schreibtisch, ob’s regnet oder ob die Sonne scheint, ob sie einen Kater haben oder einen gebrochenen Arm oder was weiß ich sonst, und knallen ihr bisschen Pensum hin. Wie leer ihr Kopf auch sein mag und wie öde alles, was ihnen durch die Gedanken trudelt, mit solchen Quatsch wie Inspiration haben sie nichts im Sinn. Ich entbiete ihnen meine Bewunderung und gehe ihren Büchern sorgfältig aus dem Weg.
Auch wenn es beim NaNoWriMo auf Quantität, nicht Qualität, ankommt - ganz ohne Einfälle geht es nun mal nicht. Auch Jack London, ein extrem einfallsreicher, aber auch sehr sachkundiger Autor, schrieb nicht ohne Inspiration. Und auch Chandler wartete nicht einfach ab, bis eine Muse sich bequemte, ihn zu küssen.

Ich gehöre zu den Menschen, die in einen kreativen "Flow" geraten können, einen Schaffensrausch. Wenn mir das im November ein paar mal gelingt, schaffe ich die 50000 Wörter locker. Ohne "Flow", aber mit "täglichem Pensum", ist es eher fraglich.

Freitag, 23. Oktober 2009

Die 7 Todsünden der Religion in der Science Fiction

Ich bleibe beim Thema "Klischee", denn obwohl der Artikel auf dem Webportal IO9, um den es mir geht, mit The 7 Deadly Sins Of Religion In Science Fiction überschrieben ist, geht es darin nicht um "Sünden" (geschweige den Todsünden), sondern um Klischees der Science Fiction, wenn es um religiöse oder spirituelle Themen geht.

Religiöse Themen sind in einem Literaturgenre, das von der Fragestellung "Was wäre, wenn?" ausgeht, sozusagen von Anfang an präsent - schon Mary Shelleys "Frankenstein", der als erster Science Fiction-Roman gelten kann, ist ein philosophischer Roman, der auch religiöse Fragen stellt. In der SF-Massenliteratur und vor allem in SF-Filmen und (frühen) Fernsehserien herrschte allerdings lange Zeit eine deutliche Scheu vor religiösen Themen - wenn Religion überhaupt dargestellt wurde, dann meistens auf "christlich-konventionelle" Art und Weise. Das änderte sich seitdem der mit dem Buddhismus sympathisierende Humanist und Agnostiker Gene Roddenberry in den 1960er Jahren dafür sorgte, dass in seiner Fernsehserie "Star Trek" religiöse und spirituelle Themen auch auf "nicht-konventionelle" Art behandelt wurden.
Eine Serie, die sehr stark von religiösen und quasi-religiösen Aspekten profitiert, ist die neue "Battlestar Galactica"-Serie.
Allerdings haben sich auch etliche SF-Religionsklischees eingeschliffen - die sich teilweise direkt auf Roddenberrys "originale" "Star Trek"-Serie zurückführen lassen.

Charlie Jane Anders schreibt dem entsprechend auch davon, dass, wie andere Themen der Science Fiction - zum Beispiel der "Erste Kontakt", Zeitreisen oder Raumschlachten - science-fictionale Religion gut gemacht oder albern und sonderbar sein kann.

Hier also die sieben Fehler, die Science Fiction nach Ansicht Anders manchmal macht, wenn es um Religion geht (Übersetzung von mir M.M.) - und meinen "Senf" dazu.
1. Der Cargo-Kult. Ja, ich weiß, die Götter müssen verrückt sein. Aber ich habe Geschichten über primitive Völker, die Hochtechnologie entdecken und anfangen, sie zu verehren, satt. Oder die Nachkommen von High-Tech-Leuten, die primitiv wurden, und anfingen, die Technik ihrer Vorfahren zu verehren. So wie die Ewoks, die C-3PO verehren, oder die Wüstenleute, die in Doctor Whos "Planet Of Fire" den Raumanzug verehren. Normalerweise mit einem Unterton von: "Seht ihr? Das beweist, dass Religion Dummheit ist!" Auch furchtbar: Roboter, die ihre Erbauer anbeten oder Außerirdische, die Menschen anbeten. Oder Außerirdische, die Ferengi anbeten.
Cargo-Kulte und verwandte Erscheinungen sind ein reales gesellschaftliches Phänomen, sogar in modernen "Informationsgesellschaften". Daher sind sie ein dankbares und wichtiges Thema in der SF, wobei es, wie bei Zeitreisen oder Raumschlachten, sehr darauf ankommt, wie sie umgesetzt werden. Zwei Beispiele, die ich für sehr gelungen halte, sind der von Vormenschen angebetete schwarze Monolith in "2001 - Odyssee im Weltraum" und, als Satire auf längst sinnentleerte Traditionen, der erwähnte "heilige Raumanzug" in Dr Who. Wobei das "Cargo-Kult"-Thema meistens gar nicht die Religiösität als solche, sondern eine unkritische, blind gläubige, Form der Religion als "dumm" bzw. naiv darstellt. Oder, wie in der "Star Trek: Voyager"-Folge, in der die beiden Ferengi eine für sie höchst profitable Religion stiften, "wirtschaftorientierte" "Kirchen" wie Scientology oder die Munies aufs Korn nimmt.
2. Der billige Jesus. Es ist nicht verkehrt, wenn es eine messianische Figur in deiner Science Fiction gibt - ich will hier ja nicht den Spaß an Allem verderben - aber greife nicht einfach das Jesus-Bild aus der Luft und erwarte, dass es Sinn macht. Ja, ich meine dich, gekreuzigter Neo. Und ich blicke auf dich, Jesus H. Baltar. (Und obwohl ich das Ende von Doctor Whos "Last Of The Time Lords" mag, sehe ich auch dich an, treibender kreuzförmiger Doktor.) Die unentbehrliche TVTropes Website hat eine großartige Liste von Szenen mit "wahllos ohne Grund eingestreuter religiöser Symbolik".
Da stimme ich Anders zu. SF mit religiöser, meist christlicher Symbolik "aufzupeppen" um spirituelle Tiefe zu suggerieren, ist meistens billige Masche. Wobei es bei Dr. Who wieder satirisch gemeint sein dürfte, was dann nicht so "billig" wäre (vermute ich, ich kenne die Folge nicht).
3. Der dämliche Weltraum-Gott. Wenn wir in der Science Fiction wirklich einem Gott oder Göttern begegnen, ist es fast immer ein Reinfall. (Es gibt Ausnahmen - Star Trek: Deep Space Nine schafft es, dass unsere Helden die zeitlosen Propheten im Wurmloch treffen, ohne dass sie ihre Mystik verlieren.) Normalerweise ist aber ein Gott oder ein gottähnlicher Außerirdischer ein alberner alter Kerl mit komischem Bart. Oder es ist Jodie Fosters herablassender Vater.
Auch da hat Anders recht. (Das Team der "Stargate"-Serien kann froh sein, dass es praktisch keine Asatru-Fundamentalisten gibt ... )
4. Der Allzweck-Flicken für faule Autoren. Und hier bin ich gar nicht mit dem BSG-Finale einverstanden: die Starbuck-Sache. Die Battlestar-Autoren geben durchaus zu, dass sie Starbuck wegen des Schock-Effekt umbrachten, und dass sie sich im letzten Moment dafür entschieden hätten, sie im Finale der dritten Staffel zurückzubringen, da sie dachten, dass das "cool" wäre. Sie machten sich keine Gedanken darüber, wie sie ihre Auferstehung erklären könnten, bis sie anfingen, an der vierten Staffel zu schreiben. Und schließlich ... vermasselten sie es. Und es sieht so aus, als ob Religion die Tapete wäre, mit der sie das zukleisterten. (Bevor Starbuck das Schiff zur neuen Erde besteigt, hören wir, wie sie sich wieder einmal fragt, was sie ist. Und die Antwort scheint zu sein: Ein Engel des Lichts.) BSG ist damit keineswegs ein Einzelfall - es gibt bereits starke Hinweise darauf, dass "Lost" auf die "spirituelle Karte" setzen wird, um aus einigen der logischen Verwicklungen, in die die Geschichte sich verfangen hat, wieder heraus zu kommen.
Anders hat recht. Zu viel Autoren schreiben nach dem Prinzip: Gibt es ein Loch in der Handlungslogik, muss eben ein Wunder aushelfen.
5. Grob vereinfachende Auseinandersetzungen zwischen Religion und Wissenschaft. Wie jeder, der einige Zeit in der wirklichen Welt verbracht hat, weiß, kommen Religion und Wissenschaft einigermaßen gut miteinander aus, es sei denn, du bist ein Amish oder Richard Dawkins. Aber in einigen besonders albernen Science Fiction ist jeder Tag Galileo-gegen-die-Kirche-Tag. Manchmal geschieht das in Gestalt des einen Kerls, der es wagt, zu merken, dass die Welt hohl ist oder dass Gott in Wirklichkeit ein verrückter Computer ist. Das absolut plumpste Beispiel dafür gibt es in Doctor Whos "Meglos", wo die unglaublich platte unterirdische Kultur auf Tigella in zwei Gruppen geteilt ist, die unglaublich schlecht frisierten Savants, die an die Wissenschaft glauben, und die unglaublich hässliche Kopfbedeckungen tragenden Deion, die an Religion glauben. Immer wenn die "üppige aggressive Vegetation" des Planeten über sie kommt, treffen sie sich und streiten sich ob die Wissenschaft oder die Religion alle Antworten kennen würde.
Leider gibt es Gebiete, auf denen von einem vernünftigen Miteinander zwischen Wissenschaft und Religion keine Rede sein kann, zum Beispiel die Evolutionsbiologie. Wobei sich beileibe nicht nur extreme religiöse Fundamentalisten und fanatisch atheistische Wissenschaftler gegenüber stehen - und ich Dawkins, einen sehr besonnenen und nachdenklichen Menschen, nicht als "Fanatiker" bezeichnen würde. Dabei sollte auch berücksichtigt werden, dass die Evolution heute weitaus besser belegt ist, als es das Kopernikanische Weltbild zu Galileos Zeiten war. Kreationisten und "ID"-Anhänger dürfen sich nicht wundern, wenn man sich über sie in ähnlicher Weise lustig macht, wie über Menschen, die tatsächlich Glauben, die Sonne würde um die Erde kreisen. (Bei den "junge- Erde-Kreationisten", die glauben, die Erde sei nur etwa 6000 Jahre alt, liegt sogar der Vergleich mit Anhängern der flachen Erdscheibe näher.)
Dass die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Religion in der SF oft reichlich albern und einfallslos daher kommt, stimmt zwar, aber auch im wirklichen Leben verlaufen die Auseinandersetzungen zwischen Bibelwortwörtlichnehmern und dem Rest der Menschheit (egal, ob nur Wissenschaftler oder nicht, Atheist oder sogar tief religiös) in ermüdender Einförmigkeit.
6. Grob vereinfachende Wissenschaftsbeschimpfung im Namen der Religion. Es gibt nur eine Sache, die noch mehr auf die Nerven geht wie eine Strohmann-Debatte zwischen Wissenschaft und Religion, und das ist eine anti-wissenschaftliche Botschaft mit der Religion als Sprachrohr. Und dabei stört mich das schon erwähnte BSG-Finale wirklich. Wenn wir sehen, wie die Kolonisten die moderne Technik und Medizin auf dem Fuße eines anscheinend göttlichen Eingriffs aufgeben, der sie zu einem neuen Eden brachte, ist es nicht schwer, dass als eine eigenartige anti-wissenschaftliche Voreingenommenheit zu erkennen. Ja, in der New York-Szene am Schluss sagen EngelBaltar und EngelSix, dass nur unsere Eitelkeit und Gier in Verbindung mit Technik falsch sei, aber vorher wurden wir 45 Minuten lang mit einen seltsamen Zurück-zur-Natur-Thema berieselt.
In diesem Punkt bin ich wieder einer Meinung mit Anders.
7. New-Age-Mässigkeit. Wirklich, ich kann Weltraumgötter, oder Leute, die Technik anbeten, oder Wissenschafts/Religions-Streitigkeiten tolerieren ... aber ich kann mit Enya nichts anfangen. Oder mit Kristallen. Oder mit indianischen Visionssuchen. Oder mit Deepak Chopra. Oder irgend einer bastardisierten indisch/afrikanischen "Spiritualität", die von jedem wirklichen kulturellen Kontext oder echten religiösen Bedeutung gereinigt wurde. Ja, ich meine dich, Usutu aus Heroes. Wenn ich meine Aura reinigen muss, esse ich etwas Haferkleie.
Anders gebe ich zum Teil recht. Zum Teil, denn nicht alles, was irgendwann einmal irgendjemand unter "New Age" verschubladisiert hat - oder was in oft tatsächlich verflachter, kontext-entleerter und kommerzialisierter Form auf Esoterik-Messen angeboten wird - verdient es, in Bausch und Bogen als Science Fiction-Thema abgelehnt zu werden. Ob man zum Beispiel Enya mag oder nicht, ist allein eine Frage des musikalischen Geschmacks, ebenso, ob sich Musik dieses Stils für SF eignet. (Sie eignet sich meiner Ansicht nach hervorragend, aber das ist eine Frage meines Geschmacks.) Bei Kristallen kommt es darauf an, was man mit den Dingern macht - die Dilithium-Kristalle im Warp-Antrieb der "Enterprise" wird Anders wohl kaum meinen. Ayuverda hat an und für sich nichts mit dem teils esoterischen, teils pseudowissenschaftlichen "Überbau" zu tun, den Deepak Chopra auf eine tradionelle Heilkunde obenauf packt. Gerade Themen wie Visionssuche oder schamanisches Reisen können ganz ausgezeichnet in Science Fiction und Fantasy thematisiert, aber auch auf völlig alberne, ahnungslose und kitschige Weise verhacktstückt werden.
Das Problem bei esoterischen Versatzstücken in der Science Fiction liegt meiner Ansicht nach einerseits darin, dass mit esoterischen "Erklärungen" gern Plotlöcher gestopft werden (eine Variante der 4. "Sünde"), anderseits darin, dass SF-Autoren nicht immer sachkundig sind, bzw. ihr Wissen aus recht trüben Quellen schöpfen. (Der Einfluss der blavatskyschen Theosophie auf die Science Fiction wäre zum Beispiel eine gründliche Untersuchung wert.)

Dienstag, 20. Oktober 2009

Bedenkliche Klischees in Schulbüchern

Am Sonntag schrieb ich noch vom "Mut zum Klischee" im Abenteuerroman - dieses Mal schreibe ich über Geschlechtsrollenklischees, die die Welt nicht braucht - schon gar nicht in Schulbüchern!
Jungs sind anders - Mädchen auch. Gerade in der Vorpubertät unterscheiden sich die Neigungen und Vorlieben männlicher und weiblicher Schüler, jedenfalls aus Sicht der Lehrer und Eltern, deutlich. Dennoch dürfte wenig Zweifel daran bestehen, dass getrennten Jungen- und Mädchenschulen, wie sie noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet waren, veraltet sind. Die Koedukation hat sich bewährt.
Das Klischee, dass Mädchen sich nicht für Technik und Naturwissenschaften interessieren würden und "von Natur aus" schlechter in Mathe wären als Jungs, die dafür "natürliche" Schwächen in den sprachlichen und musischen Fächern hätten, wird wohl kein Pädagoge mehr ernsthaft vertreten.

Es sei denn, er oder sie arbeitet bei "PONS".
Der Verlag brachte folgende "Neuheiten" heraus: Diktate für Mädchen, Diktate für Jungs und sogar Mathe-Textaufgaben für Mädchen und Mathe-Textaufgaben für Jungs.
"Wir wollen nicht altbekannte Klischees zementieren, sondern die Kinder da abholen, wo sie stehen", sagt Sebastian Weber, Verlagsleiter PONS Selbstlernen in der Pressemeldung zu dem, äh, geschlechtsspezifischen Lehrmaterial.
Tja, dumm nur, dass PONS die Jungs und Mädchen da abholen will, wo altbekannte Klischees sie hinstellen: "Wilde Jungs, die erst aktiv an ein Lernthema herangeführt werden, lösen anschließend bereitwilliger die nächsten Aufgaben konzentriert am Tisch. Gleiches gilt für Mädchen, deren Aufmerksamkeit vor allem über ihre Lieblingsthemen wie Pferde, Prinzessinnen und Mädchenfreundschaften gefesselt wird."
Das hat meines Erachtens herzlich wenig mit dem unterschiedlichen Entwicklungsstand von Jungs und Mädchen zu tun, oder mit tatsächlichen Vorlieben.
Mehr dazu auf Ludmila Carones Blog: Hinterm Mond gleich links an Pons: Welches Jahr haben wir noch mal?
"Okaaaaay, also die Mädchen sollen Nägel lackieren und Schmuck basteln? So, so. Auf das die Mädchen schon früh auf kleine konsumgeile Modepüppchen getrimmt werden, bei denen vor allem das Äußerliche zählt.
Da hat sie recht. Und Jungs haben gefälligst "wild" und "aktiv" zu sein, sonst sind sie
keine richtigen Jungs ...

Noch eine nette Fundsache aus den Kommentaren:
Gender Mainstreaming 'ungeheuer gefährlich' (auf kath.net).
(...) Die Kritiker sehen dadurch Gottes Schöpfungsordnung bedroht. Vom Gender Mainstreaming gehe eine „ungeheure Gefährlichkeit“ aus, sagte der Präsident des Kongressveranstalters, der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften, der Missionswissenschaftler Prof. Peter Beyerhaus (Gomaringen bei Tübingen), am 10. Oktober. Es handele sich um den systematischen Versuch, die schöpfungsgemäßen Unterschiede der Geschlechter zu beseitigen. Besonders problematisch sei, dass schon Kinder mit dieser Ideologie indoktriniert würden.(...)
Nachtrag: Aus der praktischen Sicht des Mathe-Unterrichts:
pons! que tu eusses pensé? (Wirrlicht)

Sonntag, 18. Oktober 2009

Mut zum Klischee

"You can't wait for inspiration. You have to go after it with a club."
- Jack London

Ich nehme an einem wahnsinnigen Wettbewerb teil, der zum Ziel hat, innerhalb eines Monats einen kompletten Roman zu schreiben: dem National Novel Writing Month, kurz NaNoWriMo. Allerdings bin ich wahrlich nicht der einzige Wahnsinnige, denn während des NaNoWriMo vom 1. bis 30. November versuchen tausende von Menschen einen ersten Entwurf (!) eines Romans zu schreiben. Dabei zählt nicht die Qualität des Werks, sondern allein die Quantität. Jeder, der 50000 Worte zusammenbringt, was durchschnittlich etwa 1700 Worten am Tag entspricht, zählt als Gewinner. Ein Preisgeld gibt es übrigens nicht. Die Sprache ist übrigens beliebig, und der Wettbewerb, entgegen dem Titel, längst International.

Beim NaNoWriMo bin ich zum ersten Mal dabei. Nach einigem Zögern: Zwar sind 50.000 Wörter nicht so schrecklich viel, und an manchen Tagen schreibe ich auch ohne Wettbewerb mehr als 1700 Worte. Es ist auch nicht das erste Mal, dass ich einen Roman schreibe. Ich habe sogar, im bescheidenen Rahmen, etwas veröffentlicht. (Aber nicht in Druckkostenzuschussverlagen, also der "Vanity Press"! Ich kann auch jeden angehenden Schreiber nur davor warnen, weil diese Verlage oftmals über kein Lektorat verfügen, also einfach alles drucken, wofür der Autor zahlt, und die dort verlegten Bücher daher oft von zweifelhafter Qualität sind. Die meisten in Zuschussverlagen erschienenen Bücher werden zu Recht von vornherein nicht ernst genommen. Ein Vorteil gegenüber dem Selbstverlag besteht also nicht, schon gar nicht finanziell: Für die geforderten Beträge kann man locker auch ein "Book on Demand" publizieren. Außerdem bin ich der Ansicht, dass ein Verlag am Buch verdienen soll, und nicht am Autor!)

Das Problem liegt darin, dass ich dann im November zu praktisch gar nichts anderem mehr käme, da ich ja auch andere Dinge vorhabe, z. B. arbeiten (im Job, nicht am Roman). Außerdem ist es ist schon verdammt lang her, seitdem ich meinen letzten romanlangen Text "verbrochen" habe. Aber nach Karans hervorragenden Erfahrungen mit dem genau so verrückten FAWM (February Album Writing Month), bei dem sie so geniale Lieder wie "Muschelkalk" oder "Piratin" schrieb, und einigen Ermutigungen von guten Freunden ließ ich mich breitschlagen überzeugen.

Ich gehöre nämlich zu den Typen, die zahllose angefangene Skripte in der Schublade bzw. auf der Festplatte liegen haben. Nein, ich halte mich an die Regeln des NaNoWriMo und werde davon nichts verwenden!
Und um ganz sicher zu gehen, schreibe ich keine Science Fiction, keine Fantasy und auch keinen Krimi - in diesen Genres habe ich mich schon versucht. Der Versuchung, irgendwann zu einem "Fertigteil" zu greifen, will ich so gleich einen Riegel vorschieben.

Meine ursprüngliche Idee, einen Gesellschaftsroman über die bizarre Welt einer Studenten-WG der turbulenten 80er Jahre zu schreiben, habe ich im Moment der Anmeldung fallen gelassen. Die maritime Begrüßung im deutschsprachigen Unterforum hat es mir angetan. Also schreibe ich einen Seeabenteueroman. Ich habe ein bisschen Ahnung von der christlichen und der unchristlichen Seefahrt, und der Hafen zwecks Inspiration ist ja auch nicht weit weg.
Es kam noch "schlimmer" - da gerade in den Nachrichten von "den Piraten" und von "Jamaica" die Rede war, dachte ich mir "Ist ja das abgenudelste Klischee der Abenteuerliteratur: Piraten in der Karibik."
Nun ist es aber so, dass ich in den Romanen, die ich tatsächlich fertig bekommen habe, mit Klischees spiele - während die, die es nie über das Exposé-Stadium schafften, vor allem durch meinen Eifer, abgenutzte Klischees zu vermeiden, nie voran kamen. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, Klischee Klischee sein zu lassen - und dafür zum Beispiel durch interessante Charaktere zu glänzen zu versuchen. Hej, den berühmtesten und vielleicht besten Seeräuberroman überhaupt, "Treasure Island" ("Die Schatzinsel") schrieb Robert Louis Stevenson auch in knapp einem Monat!

Ich habe immer mit dem Problem zu kämpfen, dass ich meine Romane nie fertig bekomme - an meinem "Erstling", der auch nur ca. 100.000 Worte hatte, bastelte ich über zwei Jahre. Daher ist der NaNoWriMon eine echte Herausforderung für mich. Zumal ich den Roman ja am Feierabend schreiben muss.

Mein Teilnehmername "hrafnsgaldr" ist übrigens altisländisch und bedeutet "Rabenzauber". Was nicht bedeutet, dass ich etwa beabsichtige, isländische Sagaliteratur zu schreiben. Oder einen Wikingerroman (den gibt's vielleicht beim NaNoWriMo 2010).

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