Dienstag, 24. November 2009

Das folgenschwerste aller Biologie-Bücher

Heute ist der 150. Jahrestag der Veröffentlichung des bahnbrechenden Buches "On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life" von Charles Darwin.
"Die Entstehung der Arten", wie der Band in der deutschen Übersetzung heißt, erschien am 24. November 1859 mit einer Auflage von zunächst nur 1500 Exemplaren - die im Nu vergriffen waren.
Es gab die erste wissenschaftlich überzeugende Antwort auf eine der großen Menschheitsfragen: Warum gibt es Pflanzen, Tiere und Menschen? Wie lassen sich ihre Eigenschaften auf natürliche Weise erklären? Damit wurden einige der auffälligsten und zugleich rätselhaftesten Phänomene der Natur, die sich der biologischen Forschung über Jahrhunderte hinweg hartnäckig entzogen hatten, wissenschaftlich verstehbar.
Darwin-Jahr.de: Die Darwinsche Revolution.

Auch auf Darwin-Jahr.de fand ich einen Buchtipp für ein Buch, dass ich unbedingt lesen muss:
Darwin und die Götter der Scheibenwelt von Terry Pratchet.

Sehenswert zum Jubiläum: Darwin und kein Ende - Darwins Korallen auf dctp.tv.

Dienstag, 17. November 2009

Die Tücken der Nulltoleranz

Es hat sich in der Kriminalitätsprävention praktisch bewährt, es ist nicht unproblematisch, es wird immer wieder falsch verstanden und noch häufiger politisch instrumentalisiert: das Prinzip der "Null Toleranz".

Der bizarrsten Blüten treibt das Prinio "Zero Tolerance" seit einiger Zeit im Vereinigten Königreich. Einem Mann, der eine Schrotflinte fand und persönlich zur Polizeiwachen brachten, drohen fünf Jahre Haft Ex-soldier faces jail handing in gun (surrey twoday) . (Via Uwe Vetters Lawblog).
Der Grund für das dem üblichen Gerechtigkeitsempfinden Hohn sprechendes Urteil des "Guildford Crown Court" liegt darin, dass der britische Gesetzgeber das Prinzip der "Zero Tolerance" - hier: dass jeder illegale Waffenbesitz bestraft wird, egal, aus welchen Gründen: "The intention of anybody possessing a firearm is irrelevant" - mit der beliebten Idee der "abschreckenden Strafe" kombiniert hat - Mindeststrafe für illegalen Waffenbesitz fünf Jahre. Es ist sehr zu hoffen, dass das Urteil vor höheren Instanzen kein Bestand hat.

Eine weitere britische Zero-Toleranz-Regelung ist nicht so leicht unter "schwerer handwerklicher Fehler bei der Gesetzgebung, geboren aus Aktionismus, Populismus und Hysterie" abzuhaken:
Scouts banned from carrying knives (times online) (Via Cynx.) Ich persönlich finde diese Regelung nicht gut, weil sie die jungen Pfadfinder im Grunde unter einen fast immer unberechtigten Generalverdacht stellt. Anderseits ist das Messertrageverbot aber moralisch legitim und wahrscheinlich aus praktischen Gründen geboten.
Ein Fahrtenmesser kann ein Werkzeug sein, aber am Gürtel als Teil der Kluft getragen, überwiegt doch m. E. der Waffencharakter. Das Messer-Verbot mag zwar eine übertrieben strenge Regelung sein - aber sie ist, anders im Fall des Waffenfinders, immerhin gerecht - denn es ist nicht einzusehen, mit welchem Recht Pfadfinder Messer im Gürtel tragen dürften, andere junge Menschen jedoch mit so einem Fahrtenmesser sofort als "Messerstecher" verdächtigt werden würden.

Es gibt ja auch sinnvolle Verbote, die durch Ausnahmen für "harmlose Fälle" undurchsetzbar werden würden. Zum Beispiel ist Alkoholgenuss in den "Metronom"-Zügen ab sofort verboten:
Das Verbot gilt in jedem Metronom zu jeder Tages- und Nachtzeit, an allen Wochentagen, für alle Fahrgäste und für alle Varianten von Alkohol, also auch das Feierabend-Bier oder das Hausfrauen-Sektchen. Die Metronom Eisenbahngesellschaft gestaltet das Verbot so umfassend, um gerecht zu bleiben und Diskussionen vor Ort zu vermeiden.
Metronom startet Alkoholverbot (taz-nord).

Das ist ein Beispiel dafür, dass eine "Null-Toleranz"-Regelung auch ganz pragmatische Gründe haben kann - auch wenn das Feierabend-Bier niemanden weh tut und die Regelung damit streng genommen über das Ziel hinaus schießt.

Sonntag, 15. November 2009

Bergfest (oder Äquatortaufe)

Wir schreiben den 15. November 2009 - und ich habe über 30000 Wörter ( 31687 ganz genau, Stand 9:00 Uhr) meines Piratenromans mit dem Arbeitstitel "Brüder der Küste" geschrieben. Die Hälfte des Monats ist verstrichen, und die Hälfte des Schreibpensums von 50 000 Wörtern überschritt ich bereits am Donnerstag, dem 12. . Damit liege ich recht gut im Zeitrahmen - jedenfalls für einen "Feierabendschreiber".

Zeit, einige Gedanken darauf zu verwenden, was der kollektive Schreibwahnsinn aka NaNoWriMo so mit mir anstellt.

Die erste Beobachtung ist die nicht ganz überraschende, dass andere Interesse und Hobbies darunter leiden. Das ist unter anderem auch an diesem Blog ablesbar - ich komme kaum noch dazu, über etwas anderes zu bloggen als den NaNoWriMo. Dass ich dagegen praktisch gar nicht mehr fernsehe, stört mich übrigens nicht die Spur.
Zum Glück heißt das nicht, dass mich nichts in der Welt außer diesem Schreibwettbewerb interessiere würde. Das war meine heimliche Befürchtung vor dem November - ich kenne meinen Hang, mich total in irgend etwas zu versenken.
Die dritte Beobachtung ist die, dass mein Alltag erstaunlich wenig darunter leidet. Tatsächlich gibt das Schreibpensum, oder genauer, die Zeit, die ich fürs Schreiben reserviere, dem Tag zusätzlich zur Arbeit Struktur - und dank dieser Struktur bewältige ich den Alltag vielleicht sogar besser als in Zeiten der Arbeitslosigkeit. Auf die Dauer etwas viel Struktur, zugegeben, aber bis zum 30. halte ich noch durch.
Die "Chandler-Methode", nicht nach Tagespensum zu schreiben, sondern einfach Alltags zwei oder drei, am Wochenende sechs oder acht Stunden (hängt jeweils von der Tagesform ab) zu reservieren, hat sich für mich bisher bewährt. Würde ich mir ein Pensum vornehmen, bestünde die Gefahr, dass ich an Tagen, an denen es nur langsam vorangeht, bis spät in die Nacht schreibe. Der "Schreibrausch", in dem ich Lust habe, bis zum "Headcrash" (Kopf fällt vor Übermüdung auf die Tastatur) zu schreiben, tritt ja eher selten ein. Der "Schreibdurchfall" ist da etwas anderes, weniger Euphorisches, weniger Inspiriertes. Ich habe den Verdacht, dass der "Schreibdurchfall" dadurch zustande kam, dass ich auch "im Inneren" merkte, dass ich den "inneren Zensor" in den "Urlaub" geschickt habe. Dazu ein Haufen dahingekritzelter Notizen - und der "Zustand" war da.

Ansonsten sind meine Gedanken oft auch dann, wenn ich nicht schreibe irgendwie in der Karibik - was ja angenehm wäre, wenn es nicht die Karibik des Jahres 1672 wäre. Es weckt schon starke, und nicht unbedingt angenehme Gefühle, wenn ich zum Beispiel eine Sklavenauktion schildere.
(Wobei es vergleichbare Scheusslichkeiten ja noch heute gibt.)

Mein Charakter und meine Weltsicht gehen ungefiltert in den Roman ein. Was außer der schon früher von mir bemerkten Akzentverschiebung weg vom Abenteuergarn hin zum historischen
Roman bewirkt, dass "Brüder der Küste" sich zu einem deprimierenden historischen Roman entwickelt. Der andererseits nicht faktennah genug ist, um als "romanhafte Aufarbeitung eines blutigen Kapitels der Weltgeschichte", wie es so schön auf den Rückseiten- und Klappentexten heißt, durchgehen zu können.
Ich muss mich ab und an zur Kurskorrektur zwingen, damit der Roman zumindest ansatzweise der amüsante Abenteuerschmöker wird, als der er eigentlich geplant war. Dass er ein Schundroman, ein Buch, das die Welt nicht braucht, werden wird, war von vornherein eingeplant. NaNoWriMo ist eine sportliche Herausforderung, keine kulturelle.
Weshalb "nach Fertigstellung löschen" durchaus eine realistische Option ist. Ich sehe den NaNoWriMo als "Trainingseinheit" an, in der ich meine Fähigkeit, diszipliniert und unter Zeitdruck kreativ zu schreiben, verbessere. Der Roman ist für mich wichtig - und mir graust ein wenig vor der Möglichkeit, immer wieder auf den Schrott angesprochen zu werden, den ich da verbrochen hätte. Ein ehrgeiziger Autor, der ein Skript verwirft, ist nun mal angesehener, als einer, der seinen Schund auf Biegen und Brechen veröffentlicht. Oder anders gesagt: ich fürchte, meinen Ruf als Schreiber zu ruinieren.

Zum Roman selbst:
Ich erlebe, wie schwierig es ist, etwas "nicht" zu denken. ("Nicht an das rosa Krokodil denken".) Das heißt: mein Hauptcharakter, ein Schiffsarzt, sollte kein heroischer und kundiger Heiler im Stile Noah Gordons werden - und was wird er? So etwa wie "Der Medicus" oder "Der Schamane" zur See! Das ergibt sich aus einer gewissen Eigendymnamik des sich verselbständigen Klischees, gegen die anzusteuern Einiges an Energie erfordert. Damit aus Jan kein "Medicus" wird, müsste ich sozusagen "gegen den Strich" schreiben. Das ist offenbar schwieriger und auch zeitaufwendiger, als ich dachte.

Eine zweite Eigendynamik. Ich kürze nicht (wäre beim NaNoWriMo ja auch kontraproduktiv). Die Folge: unzählige Abschweifungen, Detailschilderungen, Nebenhandlungen. Von den geplanten 14 Kapiteln sind jetzt, zur "Halbzeit", gerade einmal vier fertig - aber jedes davon ist gut doppelt so lang wie geplant. Theoretisch müsste ich jetzt acht Kapitel fertig haben.

Hingegen sind die "Jugendschutz"-Probleme, die ich am Anfang hatte, keine Probleme mehr, seitdem ich meinen ernsthaft erwogenen Plan, den Roman zu veröffentlichen geknickt habe.

Also ist Jan am Anfang "Hurenarzt" in Port Royal und behandelt, so gut es mit den Mitteln seiner Zeit geht, Geschlechtskrankheiten, und beschert seinen Patienten dabei wohl oder übel Quecksilbervergiftungen. Außerdem nimmt er reihenweise Abtreibungen vor. Davon lebt er nicht schlecht, aber irgendwie hat er die Schnauze von diesem Berufsfeld voll.
Ein weiterer Protagonist ist ein - nach einem "Berufsunfall" - einbeiniger Pirat, der vorher als Stückmeister für die Kanonen der "Aphrodite", jetzt aber als Schiffskoch nur noch für die "Gulaschkanone" (die es übrigens 1672 noch nicht gab, bitte also als Metapher verstehen) zuständig war - ja, Long John Silver lässt schön grüßen. Der bisherige Wundarzt der "Aphrodite" ist ein elender Stümper - also ein typischer Vertreter sein Zunft - so jemand, der sozusagen Blutverlust mit Aderlass behandelt (Vorsicht: Metapher!) und Wunden absichtlich zum Eitern bringt, weil Wunden nun einmal eitern müssen. (Und so was kam in der frühneuzeitlichen Heilkunde wirklich vor!) Der jetzige Schiffskoch sieht sich nach einem guten Arzt um, der sich um den schmerzenden Stumpf seines mehr abgehackten als amputierten Beines kümmern soll. So kommt eines zum Anderen und Jan, genannt der "Doktor aus Friesland" (obwohl er keinen Doktortitel hat und strenggenommen kein Friese ist), wird Buccanier und "Bruder der Küste".
Soweit das Grundgerüst des 1. Kapitels.

Der bisher geschriebene "Rest" behandelt den Abschied von Jans Geliebter und seinen einheimischen Freunden (die nötige Portion Schmalz), die Versuch der Aphrodite-Crew, zusätzliche Leute anzuwerben: Methode 1 funktioniert nicht und zieht Kneipenschlägerei (muss sein, ist schließlich ein Piratenroman) und Ärger mit der Obrigkeit nach sich, Methode 2 funktioniert, würde aber, im Falle des Auffliegens, noch massiveren Ärger mit der Obrigkeit bedeuten, durchaus in Form eines Kriegsschiffes mit 40 Kanonen (darunter 18 24-Pfünder), das die "Aphrodite" (16 Kanonen, alles 6-Pfünder) mit einer gut liegenden Breitseite durchaus in den Treibholzzustand überführen könnte.
Dann kommt bisher noch ein klassischer Piratenangriff auf ein Handelsschiff vor - das für die Piraten (die nicht etwa die Jungs von der "Aphrodite" sind, sondern andere Freibeuter) etwas anders ausgeht, als erwartet. (Hätte ich noch eine Spur dicker aufgetragen, wäre das Ergebnis, zumindest für Asterix-Leser, durchaus zu erwarten gewesen.)
Das geplante Seegefecht habe ich erst mal abgesagt. Weil ich mich in die Mentalität eines Freibeuters hineinversetzte: "Wozu kämpfen, wenn man wirksam drohen kann?" Die Mär vom "grausamen, schrecklichen Piraten" geht ja tatsächlich teilweise auf die "psychologische Kriegsführung" von raffinierten Freibeutern wie "Blackbeard" zurück, der eher harmlos war, aber sehr beeindruckend aufzutreten verstand.
Im Moment arbeite ich an einem Hurrican und an einem Abstecher nach Tortuga. Und Jan hat einen Zahn gezogen, auch wenn das an sich eher der Job des Baders und Barbiers wäre. (Aber der Patient traut Jan in dieser Hinsicht mehr zu - stimmt auch, Jan nimmt eine Flachzange, direkt aus dem Werkzeugkasten, der Bader hätte einen Haken benutzt - wie er u. A.noch in einer Karrikatur von Wilhelm Busch aus dem 19. Jahrhundert abgebildet ist.)

Vielleicht wird der Schund also wenigstens unterhaltsamer Schund.

Dienstag, 10. November 2009

Schreibdurchfall - NaNoWriMo, Woche 2

Ich erwähnte, dass ich manchmal in einem buchstäblichen Schaffensrausch, in einer Art "Schreibtrance" schreibe.

Am Montag dem 9. erlebte ich eine Form der "Schreibtrance", die ich nur als "Schreibdurchfall” bezeichnen kann.

Am Wochenende war ich für zwei Tage auf (Geburtstags-) Besuch, und da schreibt man ja nicht einfach vor sich hin.
Ich hatte aber Zeit zum Schreiben, denn die Anreise per Bahn dauerte fünf, zurück sogar rund sechs Stunden. Da ich kein kleines, handliches Netbook mein Eigen nenne, kritzelte ich eifrig in meinen Schreibblock.
Wieder zuhause tippte ich das Gekritzel dann ab. Dabei kam ich ins Spinnen, freie Assoziieren, irgendwelche Sätze, die mir gerade einfielen Niederschreiben. Sogar Einfälle, die Kapitel betreffen, die noch gar nicht "dran" waren, schrieb ich nieder. Also jeder Scheiß, der mir gerade in den Sinn kam - deshalb auch Durchfall.

Das Resultat: nach rund vier Stunden fieberhaften Tippens hatte mein Romanskript 21400 Wörter - die gerade Zahl ergab sich, weil ich mir sagte: den Hunderter noch voll, dann Schluss.
Darunter ist allerdings verdammt viel Wortmüll. Satzfetzten und Fragmente, oft in atemberaubend regelwidrigen Grammatik und voller Tipp- und Rechtschreibfehler.

Normalerweise ginge es jetzt ans große Saubermachen, aber in der Ausnahmesituation NaNoWriMo, wo es nur auf Quantität ankommt, kostet Nacharbeiten kostbare Zeit. Anderseits habe ich auch meinen Stolz als Schreiberling - und ging heute noch mal ´drüber.

Wirklich streichen brauchte ich nichts, denn der Schreibmüll lässt sich gut zu vollständigen Sätzen aufarbeiten. Allerdings habe ich auf diese Weise ein halbes fünftes Kapitel, dass jetzt frei im Raum hängt, und einige logische Übergänge müssen noch eingefügt werden,
Anderseits ergab sich aus einige Dialogfetzen ein weiterer, mit der Haupthandlung verwobener paralleler Handlungsstrang, der den Roman, denke ich, lebendiger und spannender macht. Es geht um das Problem, dass die Schiffe zu schwach bemannt sind, und man sich so als Kaperfahrer nicht einfach an einen seriösen Heuerbaas (Arbeitsvermittler für Seeleute) wenden kann. Nun gut, es gibt in Port Royal auch weniger seriöse Heuerbaase - woraus sich interessante Verwicklungen und eine Kneipenschlägerei (und eventuell auch ein Degenduell - mal sehen) ergeben.
Jolly Roger 01
Nein, keine Piratenkneipe, sondern der legendäre "Jolly Roger" auf St. Pauli, Fankneipe des gleichnamigen F.C. St. Pauli.

Alles in allem ist das Ideenniederkritzeln mit anschließendem "Schreibdurchfall" zwar keine sonderlich effiziente Methode des kreativem Schreibens. Es ist aber auch nicht weiter kontraproduktiv - wenn man es nicht zu oft macht.

Montag, 9. November 2009

9. November - leider auch Anlass zur Wut

Den Vorabend zum 9. November - bekanntlich nur Jahrestags der Maueröffnung, sondern auch der von der NSDAP organisierten deutschlandlandweiten Pogrome gegen Synagogen und jüdische Geschäfte - "feierten" die kackbraunen Hohlbratzen auf ihre Weise:
Angriff auf die Neue Synagoge in Dresden am Vorabend des 9. November 2009 (npd-blog)

Zwar stammt das Wort "Reichskristallnacht" nicht aus dem offiziellen Nazisprech (nach offizieller Sprachregelung war das ein "spontaner Ausbruch des Volkszorns"), ist aber dennoch verharmlosend, denn es erweckt dem Eindruck, als seien damals lediglich Schaufensterscheiben zu Bruch gegangen.

Tatsächlich werden selbst in der seriösen Literatur falsche und zu niedrige Opferzahlen der Novemberpogrome genannt. In einem Ausmaß zu niedrig, dass Prof. Dr. Meier Schwarz von einer Kristallnacht-Lüge spricht.
In mühevoller Kleinarbeit fand unsere Arbeitsgruppe bei der Akteneinsicht in den ehemaligen Konzentrationslagern und durch die Knüpfung persönlicher Kontakte zu Hinterbliebenen der Opfer heraus, dass in der Pogromnacht ungefähr 400 Menschen ermordet wurden. Während der Tage nach dem Pogrom kamen weitere 400 Menschen ums Leben.
Meier Schwarz vermutet, dass die Anzahl der Opfer des Pogroms bei 1.300 bis 1.500 liegt.
Das heißt: die Pogromnacht war tatsächlich und mörderisch-tätig der Auftakt zur Judenvernichtung.

Und noch ein Jubiläum, eines, das erfreulich hätte sein können. Vor 70 Jahren entkamen Hitler und weitere Mitglieder der NS-Führungsspitze, darunter Propagandaminister Goebbels, der Reichsführer der SS, Himmler und der stellvertretende Parteichef der NSDAP, Hess, nur um Haaresbreite einem Attentat. Das Attentat vom 8. November 1939 steht im Schatten des 9. November 1938 und wird überstrahlt vom 9. November 1989.
Über Georg Elser - ein einsamer Held schrob ich vor zwei Jahren in diesem Blog.
Auf den "NachDenkSeiten" schreibt Albrecht Müller
Zum Gedenken an Johann Georg Elser, einen der wenigen mutigen Helden. Bisher ohne Gedenken.


Nachtrag: Im MDR-Fernsehen war bei dem Hakenkreuzschmierereien an der Dresdner Neuer Synagoge eine Gleichsetzung von Hakenkreuz und Davidstern zu sehen. Das spricht, neben teilweise englischen Sprüchen: Fuck the Juden, Monkey! ; Scheiß Juden; Killers of Children dafür, dass das Mal vielleicht keine kackbraunen, sondern "antizionistische" oder vielleicht "islamistische" Hohlbratzen am Werk waren. Egal, wer es war: antisemitische Hohlbratzen bleiben antisemitische Hohlbratzen, egal mit welchem Hintergrund.

Donnerstag, 5. November 2009

NaNoWriMo - am Abend des 5. Tages

Einige Beobachtungen nach fünf Tagen Wahnsinn:

Es geht, nach furiosen Start, nun langsamer voran. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich am Feierabend nicht schaffe, in den "rauschhaften" Schreibfluss, bei dem ich alles um mich vergesse und sozusagen meine Geschichte lebe, zu gelangen. Dazu habe ich eben am Tag zu viel anderes zu tun. Dennoch ist die Schreibgeschwindigkeit nicht langsam: Immerhin bin ich bei 16467 Wörtern (nach OpenOffice-Zählung). Mein Schreibtempo ist etwa das selbe wie beim Bloggen oder bei journalistischen Texten, jeweils ohne Recherche und Nachbearbeitung, was normalerweise mindestens eben so viel Zeit in Anspruch nimmt, wie das Schreiben selbst. Ich schaffe etwa 1000 Wörter die Stunde. Das Problem, außer der fehlender "Schreibtrance", ist es, genügend Stunde freizuschaufeln.
Nun werde ich am Wochenende mindestens zwei Tage "weg von der Tastatur" sein. Dennoch bin ich optimistisch, was das Ziel 50000 Worte am 30. November, angeht.

Dann stelle ich fest, dass, vielleicht weil ich vorher so viel recherchierte, sich mein Roman stark in Richtung eines historischen Romans entwickelt. Erkennbar ist das am Faktenreichtum, an dem Bemühen um historische Glaubwürdigkeit, auch im Detail, und auch daran, dass es bisher viel Dialog und viel Ambiente gibt, aber wenig "Action". Was ist das für ein Piratenroman, in dem nach über 15000 Wörtern noch kein Seegefecht, kein Säbelduell und noch nicht mal eine Kneipenschlägerei vorkommt? Keine Sorge, es ist wenigstens schon mal eine romantisch-leidenschaftliche Liebesaffäre drin - ich muss ja meinem Anspruch, keine Angst vor Klischees zu haben, gerecht werden. ;-) Außerdem ist demnächst ein Sturm geplant, und die Seegefechte, Säbelduelle und Kneipenschlägereien sind bereits geplottet.

Eine weitere, im Generalkurs nicht vorgesehene Wendung, sind, nennen wir es mal, sexualethische Fragen. Das späte 17. Jahrhundert war ja in dieser Hinsicht recht bemerkenswert. Man schrieb damals in diesen Dinge recht deutlich und deftig - ein bekanntes deutsches Beispiel ist Grimmelshausens "Der abentheurliche Simplicissimus". Der Kontrast zwischen Exquemerlin, Defoe oder Captain Johnson und den alles, was auch nur entfernt sexuell gefärbt sein könnte, sorgsam umschiffenden Abenteuerschriftstellern des 19. und 20. Jahrhunderts ist deutlich.
Und irgendwo färbt das ab. Zumal Port Royal ja eine extrem große Prostituiertendichte gehabt hat.
Eine andere Frage, die bereits den Kurs beeinflusst, ist die Frage der Homosexualität in der reinen Männergesellschaft auf See. Nach den Regeln der Bukaniere durften ja keine Frauen an Bord genommen werden. Eine besondere Bedeutung hatte unter den Kaperfahrern der Karibik der Begriff "Matelote". Das hieß eigentlich nicht mehr als "Bordkamerad", die gebräuchlichen Worte "Matrose" und "Maat" kommen daher. Bei der Brüdern der Küste hatte das Wort eine besondere Bedeutung: Buccaniers von Tortuga waren für ihre lebenslange Partnerschaften zwischen Männer bekannt. Meistens war das wohl nicht viel mehr als eine enge Freundschaft, aber andere Matelots teilten nicht nur Besitz und Essen, sondern auch ihre Koje und noch viel mehr miteinander. Auch wenn die "matelotage" unter den von Jamaika aus fahrenden Buccaniers nicht ganz so weit verbreitet war, entstand das Klischee, dass Matelots zwangsläufig stockschwul seien – in "Sodomie lebten", wie das damalige Moralapostel nannten.

Zum Zeitkolorit trägt auch bei, dass 1672 einerseits schon der Geist der Frühaufklärung zu wehen begann - anderseits etwa die Zeit der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung noch längst nicht vorbei war.
Eine Zeit voller (scheinbarer) Widersprüche. Isaac Newton, Physiker, Mathematiker und zugleich ernsthafter Alchimist, ist ein ziemlich bezeichnender Mensch dieser Epoche.

Zum Schreiben selbst: Es hat sich, das kann ich nach diesen paar Tagen schon sagen, bewährt, nach der Methode Raymond Chandler vorzugehen. Er setzte sich, statt eines Pensums, eine Zeit, in der er nicht unbedingt schrieb, aber die er sorgfältig von allen Tätigkeiten außer Schreiben fern hielt.
In meinem Fall heißt das: Einfach zwei Stunden reservieren, in denen nichts andere tue, als schreiben. Es funktioniert - und so schreibe ich lockerer und entspannter, als wenn ich mir ein 2000-Wörter-pro-Tag-Pensum setzten würde - was 2 Stunden konzentriertem Schreiben in meinem gewohnten Tempo entspricht.

Es klappt bisher ganz gut. Und die Ideen gehen mir nach wie vor nicht aus.

Montag, 2. November 2009

NaNoWriMo 2009 – Tag 1, Kapitel 1

Der Wahnsinn, einen Roman in 30 Tagen zu schreiben, hat begonnen. Ich begann gestern pünktlich um 0 Uhr und schrieb den ersten Satz von "Brüder der Küste".

Ich bin über mich selbst erstaunt, denn ich bin überrascht, wie flott ich schreiben kann und wie viel Spaß das Schreiben mit (teilweise) ausgeschraubtem "Filter" macht.
Das erste von geplanten 14 Kapiteln ist fertig und deutlich länger geworden, als geplant: es hat satte 7287 Wörter nach Open-Office-Zählung.
Klischees, die historisch möglich sind, lasse ich drin. Ich schreibe schließlich keine "große Literatur", sondern einen Piraten-Schmöker. (Indem ich mir das vor Augen führe, überliste ich meinen inneren Zensor.) Grammatik, Rächshraibunk und stilistische Details können bis zur Nachbearbeitung warten.

Wenn das so weiter geht, habe ich keine Sorge, dass ich die 50000 verfehlen könnte. Aber ich fürchte der Roman wird am 30. November noch nicht fertig sein. Vielleicht wird er am Ende über 88000 Worte lang werden ...

Die Idee, für jedes Kapitel einen Generalkurs abzustecken, aber den genauen Kurs des Schreibens nicht vorher festzulegen, hat sich bisher bewährt. Mal sehen, ob das so bleibt.

Noch etwas: ich dachte, ein "Piratenroman" wäre etwas für die Zielgruppe der jungen Leser. Klassischer "Jugendabenteuerroman" im Sinne etwa der "Schatzinsel".
Aber schon nach dem ersten Kapitel merkte ich dann, dass schon die historisch korrekte Darstellung des Lebens in Port Royal (Jamaica) im Jahre 1672 Probleme mit der "Jugendfreiheit" des Romans bringt. Erst recht gilt das für die Schilderung des Lebens an Bord. Es ist kein Zufall, dass vor einigen Jahre eine Seeabenteuer-Romanreihe in Gefahr geriet, als "jugendgefährdende Schriftreihe" indiziert zu werden. Ganz so "hart" wird der Realismus in "Brüder der Küste" nicht sein - aber Jugendbuch im Sinne der "Schatzinsel" ist es wohl nicht. (Abgesehen davon, dass eine detailgetreue Verfilmung der "Schatzinsel" wohl kaum Aussichten auf eine FSK-Freigabe "ab 12" hätte - es wäre wohl "ab 16", wenn man alles zeigt, was Stevenson schildert.)

Bei einem explizit sozialkritischen Roman muss die "Gewaltfrage", denke ich, anders gesehen werden als bei einem reinen Abenteuerschmöker. Da hat der "Realismus" eindeutig Vorrang vor "Jugendschutzerwägungen" - ein sozialkritischer Roman, der bei der Zielgruppe 12 - 18 ankommen soll, muss einfach Gewalt thematisieren und schildern, um glaubwürdig zu sein. Alles andere wäre schönfärberisch, und würde, vermute ich, zurecht durchfallen.

(Wenn ich mir die einschlägigen Gesetze und Vorschriften so ansehen, dann müsste ein "jugendschutzrechtlich unbedenkliches" Jugendbuch sozusagen klosterschulentauglich sein, so scharf sind einige Regelungen.)

Leider muss ich die Woche über arbeiten (jetzt habe ich Mittagspause). Ich hätte im Moment Lust zu schreiben bis ich vor Müdigkeit mit dem Kopf auf die Tastatur falle. Vor Einfällen kann ich mich im Moment kaum retten. Auch wenn die meisten von ihnen normalerweise nicht meiner Selbstzensur standgehalten hätten.

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