Freitag, 30. Oktober 2009

Einen Tag vor dem Start

So, ich bin seeklar! Recherchen, Plot, Hauptpersonen, Schiffe - steht!
Morgen noch der "Kick Off" - da treffen wir wahnsinnigen Marathonschreibern aus Hamburg uns noch mal und machen uns Mut.

Mein NaNoWriMo-Profil findet Ihr hier: About the author: hrafnsgaldr.

ich habe den Plot in 14 Kapitel unterteilt. In Analogie zu den 14 Songs des FAWM, den anderen Wahnsinns-Wettbewerb, in dem es darum geht, im Februar in 28 Tagen 14 Songs zu schreiben. Da ich ja zwei Tage "off Keyboard" sein werde, kommt das mit den 28 Tagen auch hin.

Damit liegen auch die Etappenziele ("Milestones") fest. Etwas nervös bin ich schon.
Es geht ja um Quantität - 50.000 Wörter in 30 Tagen - nicht darum, einen möglichst "guten" Roman zu schreiben - obwohl es einige NaNoWriMo-Wahnsinnige es schaffen, veröffentlichungsreife Bücher zu schreiben - natürlich mit Nachbearbeitung. Mehr noch: einige dieses Romane wurden auch schon veröffentlicht. Vor Kurzem wurde der erste deutsche NaNo-Roman bei einem "richtigen" Verlag veröffentlicht: der Krimi "Millionenallee".

Ich merke schon jetzt, wie der bei mir normalerweise sehr scharf gestellte "Qualitätsfilter" beim Projekt "Brüder der Küste" durchlässiger wird, oder anders gesagt, die verinnerlichten Deutschlehrer, Chefredakteure, Kritiker und Lektoren die Klappe halten. Auch die Schere im Kopf klappert nicht; der innere Zensor, die Instanz, die mir sagt, dass "man" "so etwas" nicht schreibt.
Wobei ich noch ein paar "Filter" mehr "ausschrauben" muss, als die genannten - welche, gehört nicht in die Öffentlichkeit.

Es ist ja so, dass "Qualitätsfilter" nicht unbedingt zu gutem Stil oder auch nur gutem Deutsch führen, wovon sich jeder Leser meines Blogs und des Rechtschreib- und Grammatikmülls, den ich manchmal produziere, überzeugen kann.

Manche Ideen, manche davon schon zu Exposés oder sogar ausgearbeiteten Handlungen gereift, habe ich abgewürgt und weggeworfen, weil irgendetwas in mir sagte "das wird ja eh nichts". Es stimmt, dass das Gefühl in vielen Fällen nicht trog und die Idee wirklich nicht taugte. So ganz falsch zeigt mein innerer Kompass nicht an. Was ich versuche: einmal einfach an einem nicht unbedingt überzeugenden, literarisch eher fragwürdigen, aber viel Spaß versprechenden Thema dranzubleiben.

Durch den immensen Zeitdruck entsteht eine Konzentration, die Erlaubnis gibt, die Filter und Zensoren, die "Wenns" und "Aber", außer acht zu lassen. Ein Experiment mit offenem Ausgang zu wagen. Wegschmeißen oder löschen kann ich den Kram hinterher immer noch. Ja, auch das gehört zur Übung: vorn vornherein für den Papierkorb, und nicht für das Verlagslektorat, zu schreiben. Ich werde mein Urteil, ob der fertige Roman gut oder schlecht ist, nicht anderen, und vor allem keinen Freunden (Freunde sind schlechte Kritiker), überlassen. Es wäre eine angenehme Dreingabe, wenn "Brüder der Küste" auch nur halbwegs lesenswert gerät. Nie daran denken, wie viel Aufwand ich schon investiert habe. Nach vorne blicken!

Egal, schon zu viel über mich gesenft. Morgen wird's ernst. Und in einem Monat werde ich es wissen.

Per aspera ad astra!

Die Piraten, die alten Seeleute und Augenklappen

Noch knapp 28 Stunden - dann schreibe ich den ersten Satz meines NaNoWriMo-Projektes, aus dem hoffentlich der Roman "Brüder der Küste" wird.

Im Zuge meiner Recherchen stolperte ich immer wieder über "klassische" Piratenklischees. Einige sind freie Erfindungen mehr oder weniger phantasiebegabter Schreiber ("Arrrrr!"), andere, wie der Hang zur aufwendigen Kleidung und zum Tragen von auffälligem Schmuck, sind von Chronisten des "goldenen" oder eigentlich "blutigen" Zeitalters der Piraterie um 1700 überliefert. Dann gibt es seltene, aber interessante Einzelfälle, die von Seemannsgarn spinnenden Seeleuten und später von Abenteuerschriftstellern so oft aufgegriffen würden, dass man sie später irrtümlich für typisch hielt. Nur sehr wenige Seeräuber vergruben ihre Schätze - aber seit der "Schatzinsel" gehört die Schatzkarte mit dem großen "X" und die mit Gold- und Silbermünzen gefüllte Truhe zum Piratenbild einfach dazu. Interessant dabei ist, dass Stevenson ja schreib, was Piraten überlicherweise mit ihrem Beuteanteil machten: sehr schnell ausgeben. Andere Piraten, auch das erwähnt Stevenson, trugen die erbeuteten Piaster zur Bank oder legten das Geld anderweitig an. (Long John Silver hat einige gut gepolsterte Konten und eine gut gehende Hafenkneipe.)

Augenklappe, Holzbein und Hakenhand, der Papagei und die Vorliebe für Rum sind hingegen Seemannsklischees aus der Zeit der Segelschiffe bzw. zum Klischee gewordenen Vorstellungen, wie eine "typische" alte Salzhaut, ein altgedienter Seebär, aussehen könnte. Später überlebten diese Klischees in der Abenteuerliteratur.

Das wichtigste "Piratenmerkmal" ist die Augenklappe. Tatsächlich waren relativ viele Seeleute auf einem Auge blind.
Bei vielen von ihnen war das die Folge einer Kriegsverletzung.
Wenn eine Kanonenkugel auf ein hölzernes Schiff traf, führte der Einschlag zu einem dichten Hagel an kleinen und größeren Holzsplittern. Die verheerende Splitterwirkung von Kanonentreffern auf hölzernen Schiffen wird in den meisten Piraten- und Seekriegs-Filmen viel zu harmlos dargestellt. Der einzige Film, in dem wirklich überzeugend gezeigt wird, wie sich solide hölzerne Bordwände, Masten und Spieren sich unter Kanonentreffern regelrecht in Wolken aus scharfkantigen Holzsplittern auflösen, und der auch einen Eindruck davon gibt, welche Wunden diese Splitter verursachen, ist Master and Commander. Schon ein winziger Splitter kann ein getroffenes Auge zerstören. Das prominenteste Opfer eines Splitters war Admiral Lord Horatio Nelson, der im Gefecht vor Korsika 1793 am rechten Auge verwundet wurde, und durch eine Entzündung die Sehkraft auf diesem Auge verlor. (Allerdings trug Nelson auf dem blinden Auge keine Augenklappe).

So relativ häufig Augenverwundungen auch waren: Das Klischee des Seemanns mit Augenklappe stammt wahrscheinlich aus einer älteren Zeit und hat nichts mit Gefechten auf See zu tun.
jakobsstabAnwendungen des Jakobsstabs in Astronomie und Landvermessung, Stich aus dem 16. Jahrhundert.

Bei den vor 1600 gebräuchlichen Navigationsinstrumenten, vor allem dem Jakobsstab, maß man den Stand der Sonne über dem Horizont, indem man direkt in das gleißende Licht schaute, wobei allenfalls mit Ruß eingedunkelte Augengläser nur begrenzten Schutz boten. Einige Jahre derartige Beobachtungen konnte das Augenlicht ruinieren - aber die Beobachtungen mussten gemacht werden. Unter zwanzig alten Kapitänen soll es nicht einen gegeben haben, der nicht auf einem Auge blind war, da er, um seinen Weg zu finden, jeden Tag in die Sonne starren musste.

Aber schon In der "großen Zeit" der Freibeuter in der Karibik im 17. Jahrhundert war diese Berufskrankheit der Navigatoren vermeidbar. Der englische Navigator und Entdeckungsreisende John Davis erfand 1595 den Backstaff, auch Back-Quadrant oder nach seinem Erfinder Davis-Quadrant genannt. Bei diesem Instrument steht der Navigator mit dem Rücken zur Sonne und riskiert nicht mehr sein Augenlicht. Der Winkel zwischen Sonne und Horizont wird indirekt, mittels eines Schattenwerfers (G) bestimmt.
backstaff
Davis-Quadrant, Darstellung aus der Zeit um 1600.

Außerdem war der Davis-Quadrant noch erheblich genauer als der Jakobsstab, weshalb er, zumindest auf Seeschiffen, schon bald den Jakobsstab ablöste.
Ab 1740 löste der noch exaktere von Newton und Hadley erfundene Spiegel-Oktant den Davis-Quadranten ab. Der Oktant wurde im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zum noch heute gebräuchlichen Sextanten weiterentwickelt. Ein Vorteil des Sextanten: Wird er während der Messung nicht völlig ruhig gehalten, so schwankt das Bild des Horizont und das des Gestirns gemeinsam im Gesichtsfeld hin und her, so dass eine zweifelsfreie Überlagerung beider Ziele und damit eine korrekte Messung mit etwas Geschick trotzdem möglich ist. Der Sextant liefert daher auch in der freien Hand auf einem schwankenden Schiffsdeck gehalten genaue Ergebnisse. (Wer wissen will, wie man mit sich mit einem Sextanten auf See zurechtfindet: Volkers Crashkurs-Astronavigation.)
Der Nachteil , dass der Navigator beim Gebrauch eines Sextanten wieder direkt in die Sonne sehen muss, wird durch einklappbare Filtergläser (auch "Schattengläser" genannt) ausgeglichen. Ab dem 18. Jahrhundert konnten ausreichend dunkle und dabei verzerrungsfreie Filtergläser hergestellt werden, mit denen eine gefahrlose Sonnenbeobachtung möglich wurde.

Wenig ist meines Erachtens von einer Hypothese zu halten, die es immerhin in die deutsche "Wikipedia" schaffte (Augenklappe). Piraten sollen Augenklappen genutzt haben, um die Dunkelanpassung eines Auges für die Nacht zu trainieren. Indem sie ein Auge auch tagsüber im Dunkeln hielten, hätten sie geglaubt, bei Dunkelheit besser sehen zu können.
Tatsächlich kann durch das Tragen dunkler Brillen in beleuchteten Innenräumen die Dunkelanpassung, wenn man ins Dunkle tritt und die Brille abnimmt, beschleunigt werden - oder umgekehrt erleichtern Sonnenbrillen die schnelle Anpassung an dunkle Innenräume.

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