Mittwoch, 5. November 2008

"Ritzer"-Klischees - endlich öffentlich hinterfragt

"Ritzer" - das ist die verharmlosende bis romantisierende mediale Bezeichnung für eine Form des autoaggressiven Verhalten, dass das medial geprägte Klischee mit jungen Frauen in Verbindung bringt.

Bettina Winsemann schrieb auf "telepolis" das, was meiner Ansicht nach in jeder Zeitung, jedes Internet-Portal, jedes Fernsehprogramm gehört: Männer/Frauen machen sowas nicht!.
Gerade die Fixierung auf "Frauen = Selbstverletzung" zeigt immer deutlicher auch die Form einer von mir als "positiven -ismus" bezeichneten Logik: indem bestimmte Gruppierungen aus einer Berichterstattung herausgenommen werden oder aber ihr Geschlecht/Religion/Herkunft/Hautfarbe usw. quasi als Persilschein genommen werden, wird eigentlich genau diese Gruppierung erneut zum Ziel von Wut und Aggression.
Ich muss einräumen: das Thema ist für mich heikel, zu heikel, dass ich darüber unbefangen bloggen könnte. "Ritzen" hat nichts mit oberflächlichem Aufritzen der Haut zu tun, "Ritzer" fügen sich selbst erhebliche Schmerzen und deshalb auch erhebliche Verletzungen zu, schneiden sich die Haut tief ein.
"Ritzen" ist beileibe nicht die einzige Form der Autoaggressivität, auch nicht die verbreitetste - aber wohl jene, die sich am "attraktivsten" medial umsetzen lässt.
Typische Formen der Autoagressivität:
  • "Ritzen" - sich selbst mit scharfen Gegenständen wie z. B. Glasscherben, Rasierklingen oder Messern verletzen.
  • Sich selbst Verbrennungen oder Verbrühungen z. B. mit Zigaretten, Kerzen oder Bügeleisen zufügen
  • Sich selbst ins Gesicht oder auf den Kopf oder (bei Männern) in die Hoden schlagen, sich beißen
  • absichtlich ungesunde Ernährung
  • Magersucht
  • Bulemie
  • exzessiver Sport, über die Schmerzgrenze hinaus
  • Schlafentzug
  • bestimmte Formen des Drogenmissbrauchs, z. B. "Komasaufen"
Wie schon diese (unvollständige) Auflistung zeigt, ist am Klischee des "stillen Hilfeschreis verunsicherter junger Mädchen" wenig dran. Und die Ursachen sind genau so vielfältig wie die Ausprägungen.
In aller Vorsicht lässt sich sagen: Autoaggressive Handlungen sind Betroffenen meist nur schwer bis gar nicht kontrollierbar, ihr Verhalten unterliegt nur selten der freien Entscheidung. Außerdem sollte Autoaggressivität nicht mit Masochismus verwechselt werden.

Auslöser (nicht zu verwechseln mit den Ursachen) von Autoaggressivität sind meist Nichtigkeiten - manchmal aber auch traumatische Erlebnisse, die von Außenstehenden nicht immer als solche erkannt werden. Alltägliche Missgeschicke, wie etwa eine verpatzte Prüfung oder manchmal auch nur eine Verspätung, werden als persönliche Katastrophe empfunden. Zu Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit kommen oft Wut, Angst und Verzweiflung. Diese Stimmung steigert sich zu Selbst-Hass und dem starken Bedürfnis, sich selbst zu verletzen.
Die Betroffenen schämen sich meistens für ihr Verhalten und fühlen sich oft schuldig.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass junge Frauen besonders oft mit dem Drang zur Selbstverletzung zu kämpfen haben. Ein Grund kann darin liegen, dass Mädchen im Teenageralter in der Regel "reifer" sind als Jungen: Mädchen sind eher bereit, Fehler bei sich selbst zu suchen. Hinzu kommt: Mädchen leben in unserer Gesellschaft immer noch ihre Wut nicht an anderen Menschen oder Gegenständen aus, sondern sie richten Aggressionen gegen sich selbst - weil sie selbst das einzige "erlaubte" Ziel für Aggression sind.
Aber das sind relative Unterschiede. Die dadurch, dass Männer und erwachsene Frauen meistens weniger leicht erkennbare Formen der Autoagression wählen als jugendliche "Ritzerinnen", noch deutlicher Hervortreten.

Dienstag, 4. November 2008

... und wieder mal tritt ein "handwerklich schlechtes" Gesetz in Kraft

Ab dem 5. November 2008 ist der Besitz von “Jugendpornografie” strafbar. Hierbei handelt es sich um "Jugendpornographische Schriften" (auch Bilder, Videos und Computerspiele gehören auf Jura-Deutsch zu den "Schriften"), die sexuelle Handlungen 14- bis 18-Jähriger zeigen, oder zumindest diesen Eindruck erwecken. (Das heißt: es braucht nicht wirklich eine sexuelle Handlung sein - und die Akteure könnten auch älter sein.) Bisher war lediglich Kinderpornografie (bis 14 Jahre) verboten. Meldung bei heise: Strafgesetzbuch kennt ab morgen den Begriff "Jugendpornographie"

"Gut gemeint" ist manchmal das Gegenteil von "gut gemacht" - auch wenn einige Kinken des Gesetzentwurfs beseitigt sind. Bei pingeliger Auslegung des sehr subjektiven Gesetztextes (was ist "wirklichkeitsnahes Geschehen?") könnte auch ein Bild wie dieses darunter fallen:
Michelangelo Caravaggio - Amor Vincit Omnia, 1602/3
Michelangelo Caravaggio - Amor Vincit Omnia, 1602/3

Weiteres auf Udos Law Blog: Jugendpornographie ab morgen strafbar (vor allem die Kommentare!) und Neuer Schub für die Hexenjagd

Nachtrag: ... und Burks schreibt auch etwas sehr Treffendes zum novellierten Gesetz: Jugendschutz jetzt noch klostertauglicher.

Montag, 3. November 2008

"Neuer Kenntnisstand" - oder: ein Lehrstück zu lancierten Studien

Der Titel, unter dem "Heise" über einen bizarren Vorgang berichtet, kann man "sehr diplomatisch" nennen. Krebs-Studie: Mobilfunkkritiker räumt Fehler ein. Der "Fehler" liegt darin, dass Salzburger Mobilfunk- und WLAN-Gegner Dr. Gerd Oberfeld einen C-Netz-Sender, der angeblich zu einem erhöhten Krebsrisiko bei Anwohnern führte, einfach erfunden hat. Kein "Fehler", sondern eine Lüge.

Der Vorfall ist ebenso absurd wie bezeichnend: Dr. Gerd Oberfeld hatte Anfang diese Jahres eine Langzeitstudie (1984 bis 1997) veröffentlicht, die in österreichischen Medien mit Schlagzeilen wie "Handymasten verursachen Krebs" rezipiert wurde. In der Studie wurde ein erhöhtes Krebsrisiko bei Anwohnern einer österreichischen C-Netz-Mobilfunkanlage (NMT 450 MHz) festgestellt. Tatsächlich gab es an dem Standort aber gar keine Sendeanlage.

Die Mobilkom Austria forderte Oberfeld daher auf, seine Studie zurückzuziehen. Als er der Aufforderung nicht nachkam, klagte das Unternehmen. Noch vor der zweiten Verhandlung haben sich die Parteien nun verglichen. "Späte Einsicht: Dr. Gerd Oberfeld zieht Mobilfunk-Studie zurück", freut sich die Mobilkom in einer Mitteilung.
Doch Oberfeld widersprach gegenüber heise online dieser Darstellung: "Ich nehme zur Kenntnis, dass an dem Standort keine C-Netz-Anlage war." Jedoch ziehe er seine Studie nicht zurück, sondern werde sie "an den neuen Kenntnisstand anpassen."
Nun ist der Satz "Ich passe mich dem neuen Kenntnisstand an" im besten Falle ein Ausdruck von Kritikfähigkeit und Realismus. Jeder Forscher kann Fehler machen. Es ist für mich aber sehr schwer vorstellbar, dass Oberfeld tatsächlich nicht wusste, dass es an dem von ihm untersuchten Standort im steirischen Hausmanstätten nie eine C-Netz-Sendeanlage gegeben hat. Ich glaube auch, anders als ein Kommentator bei "heise", nicht, dass der Mann nicht den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität verstanden hätte und ernsthaft den jeder Logik spottenden Umkehrschluss zog: "Sendemasten verursachen Krebs, wo es also mehr Krebserkrankungen als gewöhnlich gibt, muss es auch Sendemasten geben". (Warum nicht gleich eine gut getarnte Atomversuchsanlage? Dann hätte er wenigstens in das gut gehende Geschäft der professionellen Verschwörungstheoretiker einsteigen können.)

Was Dr. Oberfeld hingegen gut verstanden hat, ist, wie man mittels Studien Stimmungen erzeugen kann. Nur bei der Durchführung verhält er sich noch etwas unprofessionell. Lobbybuden wie die INSM gehen im Prinzip auch nicht anders vor, wie am Beispiel der Städte-Rankings besonders deutlich wird: Rankings: Wie bastel ich mir eine Spitzenposition? und INSM vergleicht Äpfel mit Birnen.

Das Prinzip der lancierten Studie beruht zunächst auf der simplen Erkenntnis, dass faule oder überforderte oder unfähige oder auch nur extrem überlastete Journalisten - und davon gibt es anscheinend sehr viele - auf Recherchen verzichten. Oft unterbleibt sogar die Ac-Hoc-Plausibilitätsprüfung.
Der zweite wichtige Punkt ist die "Glaubwürdigkeit". Schon die Tatsache, dass Dr. Oberfeld Arzt ist, erhöht seine subjektive Glaubwürdigkeit enorm. "Wissenschaftliche Langzeit-Studie" klingt auch schon mal gut. Aber der entscheidende Punkt ist der, dass Dr. Oberfeld behauptete, etwas nachgewiesen zu haben, das ohnehin zahlreiche Menschen für wahr halten, nämlich dass die Strahlung von Handymasten Krebs verursacht.
Wäre dem guten Doktor nicht der peinliche Patzer mit dem fehlenden Sendemast unterlaufen, würde seine Studie von zahllosen Mobilfunkgegenern überall in der Welt als Beweis für die üblen Wirkungen von Sendemasten zitiert werden.

Viele Studien, egal, ob sie die Unwirksamkeit von Konjunkturprogrammen oder die gesundheitsfördernde Wirkung von Pflanzenmagarine belegen, oder ob sie zeigen, dass es ALG II-Empfängern noch viel zu gut geht, sind beim näheren Hinsehen zweifelhaft. Der Fall "nicht existierender Sendemast verursacht Krebs" sollte deshalb Anlass zur Skepsis sein.

Freitag, 31. Oktober 2008

Auslaufmodell Privatsphäre

Auf Einladung der "Humanistischen Union" (HU) referierte der Hamburgische Datenschutzbeauftragte, Hartmut Lubomierski, am Mittwochabend (29.10.) zum Thema „Steuernummer für alle - Ende der Privatheit?" Seine Prognose war pessimistisch.

Sofern die Steuer-ID tatsächlich nur für Steuerregister erlaubt sei, wäre sie kein allgemeines Personenkennzeichen, das zum Kernelement eines allgemeinen Personenprofils werden könnte - wenn, und das sei das Entscheidende, im Gesetz keinerlei "Öffnungsklauseln" durch Rechtsvorschriften vorgesehen seien.
Aber politisch ist dieser Spielraum gegeben und die Parlamente hätten den Datenschutz in den vergangenen Jahren eifrig durchlöchert.
Statt es zu schützen, verstoßen die Parlamente ständig gegen das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Sie denken nicht mehr vom Bürger aus, sondern vom Staat her. Beispielsweise definiert das deutsche Datenschutzgesetz die Durchgriffslöcher für die Wirtschaft, so dass immer mehr das Prinzip um sich greift: "Ware gegen (persönliche) Daten".
Nicht der Staat ist der große Datensammler, sondern es sind die Wirtschaftsunternehmen.
Dabei ist diese Datenerfassung, die von der Wirtschaft ausging, um einen "gläsernen Kunden" zu bekommen, zur rein wirtschaftlichen Leistungserbringung eigentlich nicht erforderlich. Aber die Industrie erstellt mit den Daten der Kundenkarten, Einkäufe, Zahlungen, etc. Infrastrukturen, auf die der Staat zugreift.
Wahrscheinlich ist ‚Privatsphäre' ein Auslaufmodell. Und: Um die Privatheit zu verlieren, bedarf es nicht mehr der Steuer-ID, jeder ist bereits detailliert erfasst.
Der Aufschrei der Öffentlichkeit würde unterbleiben, weil die Technik so bequem sei und jeder Bürger meint, er habe nichts zu verbergen. Es sei kaum zu fassen, was jeder von uns schon freiwillig an Daten preisgegeben hätte. Wir erleben diese Datenspeicherungen ja auch nicht, sie laufen unmerklich "im Hintergrund", ohne dass wir etwas davon merken.

hpd.de: Steuer-ID : Ende der Privatheit?

Eine persönliche Anmerkung: ich teile den Pessimismus Lobomierskis, aber warne dringend vor der Paranoia, die solche Berichte auslösen können. Denn sooo hilflos und ausgeliefert, wie es scheint (und wie man uns gerne hätte) sind wir nicht.

Es geht auch nicht an, wenn ich, aus Angst, deswegen irgendwo "Ärger" zu bekommen, mit meiner Meinung im Internet grundsätzlich hintern Berg zu halten. Was ist das Recht auf freie Meinungsäußerung wert, wenn ich es, aus Angst vor "Datamining" oder auch nur einem schnell mal googlenden Personalchef nicht mehr benutze?
Es gilt, bei aller gebotenen Datensparsamkeit, auch das Prinzip, dass Offenheit und Öffentlichkeit schützt. (Praktisches Beispiel: ein Schwuler, der dazu öffentlich steht, ist, z. B. im Falle beruflicher Diskriminierung in einer erheblich besseren Position, als jemand, der seine sexuelle Neigung angstvoll verbirgt.)

Mal ganz praktisch, um es den privatwirtschaftlichen und staatlichen
Datenkraken nicht zu leicht zu machen: 10 Gebote zum Datenschutz und zur Datensicherheit
Leider fehlt unter diesen Geboten der Hinweis auf kostenlose und wirksame (!) Verschlüsselungssoftware und auf die Möglichkeit, anonym zu surfen. (Ich empfehle Kai Ravens Homepage mit Anleitungen und Einführungen für Verschlüsselungen und anonymes Surfen und die Website der Privacy Foundation.)

Donnerstag, 30. Oktober 2008

"Moraltheologie" - oder: wer was wie sagen darf

Moraltheologie, Disziplin der katholischen Theologie; befasst sich mit dem praktischen Lebensvollzug des Christen und den diesem zugrunde liegenden normativen Handlungsvorgaben; ihr entspricht in der evangelischen Theologie die theologische Ethik.
Meyers Lexikon online

Als praktizierender Heide übersetze ich das so: Die Moraltheologie befasst sich mit der Frage, was Christen dürfen, wobei die "moralische Richtschnur" dessen, was man als Christ darf, aus religösen bzw. mythologischen Überlieferungen abgeleitet wird.
Im übertragenen Sinne "moraltheologisch" sind solche Aussagen und Handlungen, in denen es in erster Linie darauf ankommt, sich selbst zu vergewissern, dass man zu den "Guten" gehört, und zu benennen, wer oder was "böse" ist.
Dabei rücken die Fragen, ob "das Böse" angemessen benannt und verboten wird, und ob "die Bösen" angemessen hart bestraft werden, die Frage, ob ein Misstand durch "moraltheologisch" motiviertes Handeln wirklich abgestellt oder wenigstens eingedämmt wird, völlig in den Hintergrund.

Praktisches Beispiel - der "Bible Belt" der USA. Hier ist die Politik stark "moraltheologisch" ausgerichtet, vor allem auch in Hinblick auf Kriminalität. Wäre eine Politik, die darauf drängt, dass Kriminelle aus moralischen Gründen unnachsichtig verfolgt und hart bestraft werden müssen, besonders erfolgreich, müsste man im "Bible Belt" besonders sicher vor Straftaten sein. Ein Blick in die Liste der gefährlichsten Städte der USA zeigt hingegen, dass knapp die Hälfte der "gefährlichsten Städte" der USA im klassischen "Bible Belt" liegen - und nur drei der 25 sichersten Städte.

Nach Ansicht des Journalisten und Schriftstellers (Schwerpunkte: Internet, Rassismus, Antisemitismus, Rechtextremismus, Zensur) Burkhard Schröder erschöpfen sich viele (die meisten?) politische Diskurse in Deutschland in "Moraltheologie":
Man diskutiert nicht über den Inhalt des Gesagten, wie hierzulande üblich, wenn es um Moraltheologie geht, sondern darüber, ob dieser oder jener dieses oder jenes hat sagen und vergleichen dürfen.
Dabei ging es um das Thema Internet-Zensur in China, revisited - aber im Prinzip gilt das für etwa die Hälfte aller politischen und gesellschaftlichen Diskurse, die es in deutsche Massenmedien schaffen. Egal ob es um Drogen, Kinderpornographie, Terrorismus, Rassismus, Antisemitismus, Gewaltkriminalität, Neonazis und sogar Umweltschutz geht. Selbst die Diskurse um die Finanzkrise kreisen hierzulande zu oft um "moraltheologische" Fragen.
Motto: Empörung zeigen, betroffen sein, und jeden abstrafen, der es wag, gut gemeinte, aber unwirksame, Maßnahmen, Projekte, Programme, Gesetze zu hinterfragen.

Die Verbindung zum autoritären Gesellschaftsverständnis ist mit Händen zu greifen. Auf der einen Seite Unsicherheit: "Darf man das? Ist das erlaubt?" - (Ich gebe zu: auch ich bin oft verunsichert, bzw. lasse mich leicht verunsichern.) Auf der anderen Seite: "Wer hat Ihnen das dann erlaubt? Da könnte ja jeder kommen!"

Mal ein aktuelles Beispiel: neulich im Deutschlandfunk (und zwar nicht bei der "Morgenandacht" - sorry für die fehlende Quellenangabe, habe Uhrzeit und Sprecherin nicht notiert) - Es sei zynisch und menschenverachtend, von einer "geplatzte Spekulationsblase" zu reden - denn die Finanzkrise bedeutet für zahllose Menschen Verlust ihre Ersparnisse, Arbeitsplatzverlust, für viele Armut.
Als jemand, dem es - vorsichtig ausgedrückt - wirtschaftlich nicht allzu gut geht, kann ich nur sagen: das Bild einer platzenden Blase trifft's genau. Stelle ich mir so vor wie ein platzender LKW-Reifen. Das ist nicht nur extrem laut, sondern auch extrem unfallgefährlich. Eine platzende Spekulationsblase ist größer, lauter, gefährlicher.
Und selbst wenn es nicht so wäre, wäre der Wortgebrauch mein geringstes Problem.

Das erinnert mich an die "Negerkuss P.C" - oder "Political Correctness für Dünnbrettbohrer": lieber einen vielleicht fragwürdigen, aber für die vom Rassismus Betroffenen einigermaßen harmlosen Sprachgebrauch verdammen, als tatsächlich rassistische Strukturen - z. B. das mörderische Grenzregime der EU auch nur benennen. Aber im Fall der "Negerküsse" reicht es aus, wenn ich das "N-Wort" nicht in den Mund nehme, um mich "als einer der Guten" fühlen zu dürfen.

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Gräber geben Einblick in die Weltsicht der Wikinger

Dass die Grabbeigaben aus heidnischen Wikingergräbern Aufschluss über das Weltbild und die Haltung zum Tode der frühmittelalterliche Nordleute geben, ist nicht neu. Dennoch sind die Forschungsergebnisse, die Niel Price, Professor für Archäologie an der Universität von Aberdeen, vorstellte, überraschend. Er ließ für eine Studie tausende von Wikingergräbern untersuchen - mit dem Ergebnis, dass keines der Gräber einem anderen glich. In Verbindung mit schriftlichen Quellen lassen die Grabfunde den Schluss zu, dass es komplexe rituelle Inszenierungen gab, die bei der Beerdigung buchstäblich aufgeführt wurden.
Mehr hierzu: Bestattungstheater auf wikingerzeitlichen Beerdigungen.

Excavated burials reveal the Viking world-view

Samstag, 25. Oktober 2008

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme, heute: Steampunk, familien-kompatibel: Der goldene Kompass

"Der goldene Kompass" ist eigentlich kein "gut-doofer" Film - jedenfalls in dem Sinne, in dem z. B. "Barbarella" "gut-doof" wäre.

Ich habe den Film seinerzeit im Kino gesehen, nun habe ich ihn mir noch einmal auf DVD angetan. Und ich finde den "Den goldenen Kompass" immer noch richtig gut. Aber zugleich noch ein Stück "doofer" als damals im Kino. (Die große Leinwand hat eben ihre eigene Magie - allerdings macht der von Kate Bush interpretierte Titel "Lyra", der den Abspann unterlegt, und der im Kino in Füssegetrappel und Aufsteh-Unterhaltung unterging, Einiges wett ... )

Die literarische Vorlage, der erste Teil der Trilogie His Dark Materials von Philip Pullman, gehört meiner Ansicht nach zu den originellsten Werken der neueren Fantasy bzw. Science Fiction - die Grenzen der Genres gehen in dieser Trilogie fließend ineinander über. Wobei ich persönlich der Ansicht bin, dass "His Dark Materials" Science Fiction ist - und zwar, was manche überraschen wird, zumeist recht realitätsnahe!
Genau so fließend ist der Übergang zwischen "Jugendbuch" und "Erwachsenenbuch". Ähnlich wie bei "Harry Potter" wird der Text mit zunehmender Reife der Hauptperson, Lyra, "erwachsener" - wobei auch der dritte Band für einen aufgeweckten jungen Leser verständlich sein dürfte. (Nicht so aufgeweckte junge Leser kapitulieren möglicherweise schon am Anfang. Im Gegensatz zu "Harry Potter" ist "His Dark Materials" wahrscheinlich nicht der Stoff, mit dem man junge Lesemuffel zum Bücherlesen bringt. Sehr wohl aber ein Stoff, der junge Leser jeden Alters fesseln kann.)

Für "Jugendbücher" typisch ist, dass es um aufregende Abenteuer eines jungen Protagonisten - in diesem Fall dem Mädchen Lyra - geht. Lyra lebt in einer Parallelwelt, die sich von unserer dadurch unterscheidet, dass jeder Mensch einen sichtbaren Dæmonen, einen ständigen Begleiter in Tiergestalt hat, der Teil der Seele seines Menschen ist und sich nie von ihm entfernt. In Lyras Welt ist Brittanien eine strenge Klassengesellschaft mit z. T. feudalen Zügen, die von einer sehr strengen Kirche und einer Behörde namens Magisterium beherrscht wird, die wie eine Mischung aus frühneuzeitlicher Inquisition, dem "Wächterrat" der islamische Republik Iran, dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR und einer von Kafka beschriebenen Bürokratie anmutet. Lyras Welt steht in etwa auf dem selben wissenschaftlichem und technischen Erkenntnisstand wie unsere, allerdings unterscheidet sich die Anwendung der Technik in mancher Hinsicht: Autos sind z. B. selten, da sie der Oberschicht vorbehalten sind, Zeppeline haben sich als das bevorzugte Lufttransportmittel erhalten. Der zweite Protagonist, der im ersten Band "Der goldene Kompass" noch nicht auftaucht, ist der Junge Will, der in "unserer" Welt geboren wurde.

Pullman vermischt humanwissenschaftliche Einsichten und naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit philosophischen Spekulationen und vor allem mit seinen Ansichten über Religion und Spritualität, wobei der Schamanismus eine wichtige Rolle spielt - das Konzept des Seelenbegleiters in Tiergestalt ist z. B. schamanisch. Dass die Romane als Jugendbücher, mit Protogonisten im Pubertätsalter, konzipiert sind, tut ihnen gut, da damit ein leicht nachvollziehbarer "roter Faden" - die Entwicklung Lyras und Wills, ihr Erwachsenwerden - die Romane zusammenhält. Außerdem müssen Jugendbuchautoren in klarer, einfacher Sprache schreiben - pseudointellektuellem "Schwurbeln" und dem bei SF-Schreibern so beliebten "Technobabble" wie dem für viele Fantasy-Schreiber obligatorischem "Esoterik-Schwampf" ist damit ein wirksamer Riegel vorgeschoben.
Das Werk hat eine deutlich antiklerikale Haltung und ist vom Autor bewusst als Gegensatz zur deutlich christlichen, genauer gesagt, katholisch-mythologischen Reihe "Die Chroniken von Narnia" von C. S. Lewis, konzipiert. (Interview mit Pullman im "Spiegel": "Tolkien ist trivial".)

Der Film "Der goldene Kompass" hätte das Zeug dazu gehabt, ebenbürtig neben Peter Jacksons "Herr der Ringe" zu stehen. Leider ist dabei ein ansehbarer, aber enttäuschender Fantasy-Film herausgekommen. Ein guter Film, der viele - manchmal schön anzusehende - "Doofheiten" enthält.

Optisch beeindruckend ist Lyrias Welt umgesetzt - als victorianisch anmutende Steampunk-Welt. Atemberaubenden neogotischen Bauten, Zeppeline und pferdelose Kutschen, die von geheimnisvoll blau leuchtenden "alchimistischen Motoren" angetrieben werden, Schaufelrad-Dampfschiffe und lenkbare Ballons. Allerdings stellt schon das eine gewisse Verfälschung der Vorlage dar, da es in Lyras Welt auch Atomkraftwerke, Atombomben, Computer ("Ordinatoren"), Teilchenbeschleuniger, U-Bahnen und Hubschrauber gibt. Statt pferdeloser Kutschen gibt es (für die Oberklasse) einige luxuriöse Autos, die Zeppeline werden von gewöhnlichen Gasmotoren angetrieben, und ein besegeltes Dampfschiff mit Schaufelrädern wäre im Roman schlicht anachronistisch.
Der optische Eindruck des "Steampunk" ist wie gesagt gut - aber, dass damit der Vorlage Einiges an zum Nachdenken anregendem Potenzial genommen wird, auch irgendwie doof. Gut, wie Pullman selbst sagt, ist der Film eben ein eigenständiges Werk, in dem er nicht Regie führt.
Auch nicht wirklich schlimm ist, dass dem Film einige der düsteren Seiten der Vorlage genommen wurden. Nicht wirklich schlimm, es soll ja ein Familien-Film sein.
Wirklich problematisch ist aber, dass der Film Pullmans religiöse und spirituelle Weltsicht auf "Disney-Stärke" verwässert. Klar, dass die Kirche bei Pullmann eine verbrecherische Organisation und Gott ein hilfloser alter Mann ist, brachte kirchenchristliche Kritiker zum Schäumen. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass solche Aussagen abgeschwächt wurden. Ärgerlich ist jedoch, dass offensichtlich bei der fertigen Fassung die Selbstzensur kräftig zubiss - so wurden Hinweise darauf, dass das Magisterium eine kirchliche Behörde ist, getilgt. Im Film erscheint das Magisterium als Gruppe sinistrer Munkelmänner, die eine nicht näher bestimmte Herrschaft über Lyras Welt ausübt.
Tatsächlich sind in der Kinoversion von "Der goldene Kompass" alle provokanten Elemente bis zur Unkenntlichkeit weichgespült worden.

Was übrig blieb, ist ein guter, stellenweise sogar sehr guter, Fantasy-Film. Aber leider nur auf dem Niveau "Familien-kompatibler" Steampunk.
Man kann es auch so formulieren, wie der Kritiker der FAZ:
Nur dass sich leicht ein großer Film denken lässt, der mit demselben Aufwand, derselben Vorlage, denselben Schauspielern, aber erheblich mehr Mut entstanden wäre.
Da selbst die entschäfte Filmfassung von christlichen Verbänden - und zwar nicht nur den "üblichen Verdächtigen" aus der fundamentalistischen Ecke, die sogar Harry Potter für eine "Anleitung zum Okkultismus" halten - heftig kritisiert wurde, und die Catholic League der Vereinigten Staaten einem Boykott des Films aufrief, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die beiden folgenden Teile der Trilogie je ins Kino kommen werden. Oder allenfalls in einer bis zur Unkenntlichkeit umgeschriebenen Fassung.
Was Pullman Tolkien (mit einigem Recht) vorwirft, trifft auf die Ver-Filmung seines Buches voll und ganz zu: "Der goldene Kompass" ist eine ganz traditionelle, ziemlich triviale Geschichte vom Kampf zwischen "Gut" und "Böse".

Warum der Film, trotz massiver Selbstzensur und viel cineastischem Weichspüler in konservativ-christlichen Kreisen ebenso schlecht wegkommt wie die Romane, wird vielleicht aus diesem Artikel aus der "Tagespost" beim katholischen Pressedienst "Zenit" deutlich: Parallelwelten: Wer sie für mehr als nur Fiktion hält, nähert sich dem Atheismus.
Einen einheitlichen Maßstab für Wahrheit gibt es dann nicht mehr, weil die Welten und damit ihre "Logiken" verschieden sind. Lewis fordert, den Preis zu zahlen, der unserem gesunden Menschenverstand widerspricht. Aber wie leicht sich diese Anschauung, auch die in dem oben erwähnten Roman "Der goldene Kompass", mit Atheismus vermischen lässt, ist leicht durchschaubar. Diesen Preis darf man nicht zahlen, man sollte lieber daran festhalten, dass Parallelwelten Fiktionen sind.
Es ist auch leicht durchschaubar, wieso das Parallelweltenkonzept einem konservativen Katholiken nicht behagt: gibt es Parallelwelten, ist das Prinzip des christlichen Dualismus nicht mehr zu halten. Es ist auch dieser augustinische Dualismus, der "mit der katholischen Dogmatik unvereinbar" zu "atheistisch" werden lässt - denn Pullmanns "His Dark Materials" ist nicht atheistisch, noch nicht einmal religionsfeindlich:
Ich habe nur nichts übrig für Theokratie. Immer wenn in Gottes Namen Politik gemacht wird, geht das schief: Wenn Kirchen Armeen aussenden und den Gläubigen exakte Vorschriften für ihr Leben diktieren, ist das falsch.
Pullman gegenüber dem "Spiegel".

Nachtrag: Wie ich zum Parallelweltkonzept stehe habe ich hier schon einmal gebloggt: Der Pfeil der Zeit - oder: John Constantine lebt!

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