Donnerstag, 2. Oktober 2008

Gedanken über Magie (2)

"Wir sagen und Ich meinen ist eine von den ausgesuchtesten Kränkungen" (Theodor W. Adorno, Minima Moralia)
Es mag merkwürdig anmuten, einen Beitrag über Magie mit dem Zitat eines Mannes einzuleiten, der ein ausgewiesener Gegner des magischen Denkens und des Okkultismus - heute würden wir wohl sagen: der Esoterik - war.
Weitaus gewöhnlicher, auf alle Fälle klischeegerechter, wäre es sicherlich gewesen, wenn ich ein Zitat Aleister Crowleys gewählt hätte. Über Crowley erschien ja vor kurzem ein guter und vor allem sachlicher und fairer zweiteiliger Artikel von Hans Schmid auf "telepolis": Der böseste Mann von der Welt: Aleister Crowley und die Schrecken der Magie. Schmid entlarvt viele Klischees über den Magier, Literaten und Exentriker, aber vernachlässigt meines Erachtens einen wichtigen Punkt: Crowley war ein begnadeter Hochstapler. Dass er sich falsche Titel zulegte und unhaltbare Behauptungen über sich in die Welt setzte, geht zwar aus dem Artikel hervor, nicht aber, wie Crowley sich selbst inszenierte und wie er Anhänger und Gegner aufs Glatteis führte.

Bei allen Hochstapeleien, Betrügereien und Lügen Crowleys fällt allerdings auf, dass er vor einer Form der Wahrheitsverdrehung zurückschreckte: Vor der "ausgesuchten Kränkung", "wir" zu sagen und "ich" zu meinen, die Adorno erwähnt. Auf seine Art und Weise war Crowley, so manipulativ er auch war, "anständig".

Wobei es einen erheblichen Unterschied macht, welches "wir" sich jemand, der dabei "ich" denkt, gerade gemeint ist: Maßt sich derjenige an, für eine Gruppe zu sprechen, oder, was schlimmer ist, schafft er künstlich einen "Wir"-Begriff, in den er sein Publikum einbezieht? Für letzteres, eine klassischer demogogischer Kniff, sind viele Schlagzeilen der "Bild" (und vergleichbarer Medien) ein gutes Beispiel, man kann "wir", "ganz Deutschland", "alle", "der Bürger" usw. mühelos durch "die Bild-Redaktion" ersetzen. Misstrauen ist dringend geboten, wenn ein Politiker von "wir" spricht und dabei sein Publikum einbezieht.

Zurück zu Crowley: Crowley war ein "Poser", jemand, der "dick auftrug", auf "dicke Hose machte", sich übertrieben selbst in Szene setzte, provozierte: Schein und Sein stimmen nicht überein.
Aber: Hinter seiner "großen Klappe" war etwas, und zwar nicht wenig: umfangreiches Wissen, schriftstellerisches Talent und vor allem der Spaß daran, Dinge einfach auszuprobieren. War er ein Magier? Ja. Allerdings darf man nicht fälschlicherweise "magisch" mit "übernatürlich" gleichsetzen.

Darüber, was ich unter "Magie" verstehe, habe ich in Gedanken über Magie (1) etwas geschrieben.
Eine gute Definition, was Magie wirklich ist, stammt von Dion Fortune:
Magie ist die Wissenschaft und Kunst, das Bewusstsein willkürlich zu Verändern.
Magie ist mehr als die Anwendung einiger "Psycho-Techniken" - und schon gar nicht besteht sie darin, psychologische Tricks mit imponierendem esoterischem Jargon aufzubrezeln. Magie - oder "Magick", wie Crowley schrieb, um sie von den Tricks von "Zauberkünstlern" auf Partys oder Bühnenmagiern abzugrenzen - ist im wesentlichen eine Sichtweise, eine bestimmte Perspektive. Ein anderer Blick auf die Welt, ein Blick, um die Dinge nicht nur anzuschauen, sondern zu durchschauen. Wie Hermann Ritter schrieb:
Wenn Magie etwas erreichen soll, dann darf ich mir nicht überlegen, was ich beherrschen, kontrollieren, verändern, beeinflussen oder manipulieren will. Es geht im ersten Schritt nur darum, etwas anders zu sehen, etwas wirklich zu sehen, etwas ganz zu sehen.
(Hermann Ritter "Naturspiritualität heute". Lüchow-Verlag, 2006)

Diese "andere Sichtweise" ist nicht mit dem magischen Denken im psychologischen Sinne zu verwechseln. Ein klassisches Beispiel für "magisches Denken" in diesem Sinne äußert sich in dem Kind, das sich dadurch zu verstecken glaubt, dass es die Hände vor die Augen hält. Diese Art magisches Denken findet sich erstaunlich oft in der Politik und besonders ausgeprägt bei den größten Feinden der Magie, den Fundamentalisten.
Das entscheidende Merkmal des Fundamentalismus, mit dem sich dieser von anderen Formen des Fanatismus und des ideologischen Denkens abgrenzen lässt, ist der feste Glaube an die buchstäbliche Unfehlbarkeit der jeweilige "heiligen Schrift" und die unbeirrbare Gewissheit, dass die "heilige Schrift" keinen Irrtum enthalten könne. Dabei kann die "heilige Schrift" durchaus eine "weltlichen" Schrift oder Überlieferung sein - es gibt durchaus marxistische Fundamentalisten. Was es hingegen nicht gibt, sind Aufklärungsfundamentalisten - auch der Begriff eines "fundamentalistischen Darwinisten" ist falsch, ein streitbarer Darwin-Anhänger kann allenfalls dogmatisch sein (das ist so, weil Darwin ausdrücklich eine Theorie gemäß dem seinerzeitigem Wissensstand beschrieb - und keine "endgültige Wahrheit"). Fundamentalisten kennen genau zwei Arten, die Welt zu sehen, eine "richtige" (die ihre) und eine "falsche" (aller, die die Dinge anders sehen als sie). Dieses streng dualistisches Konzept, in dem die wenigen "Guten" im Kampf gegen die Schlechten, das "Böse" (Andersgläubige, Andersdenkende) stehen, ist nicht nur hochgradig anfällig für bizarre Weltverschwörungstheorien, mit denen "erklärt" wird, warum "die Bösen", die schließlich Gott (oder die Gesetze der Geschichte usw.) gegen sich hätten, immer noch so "mächtig" sind, sondern auch für "magische" Erklärungsmuster, etwa in dem Sinne, dass "sündiger Lebenswandel" oder schon "falsche Gedanken", allein durch ihre Existenz "das Böse" - das religöse Fundamentalisten oft als "der Teufel" personalisieren - stärken. Fundamentalistisches Denken steht sowohl der historisch-kritischen, wie der mythischen wie auch der allegorischen Auffassung "heiliger Schriften" entgegen.

Mythen sind aber der "Schlüssel zur Magie". Ein Magier versteht es, willentlich mythisch oder kritisch-rational denken, fühlen, wahrnehmen zu können. Für einen Magier gibt es unzählige Möglichkeiten, die Dinge zu sehen. Ein modernes Beispiel dafür, die Welt quasi magisch zu sehen, ist die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik - wobei vermutlich zahlreiche Physiker empört bestreiten werden, "Magier" zu sein. Es ist auch kein Zufall, dass Bruchstücke der Quantenphysik in den "esoterischen Jargon" Eingang gefunden haben - leider meistens ohne deren Bedeutung wirklich zu verstehen, und oft genug ins "magische Denken" (im Sinne des kindlichen Wunschdenkens) abgleitend. Allzu viele Esoteriker meditieren sich ganz entspannt am Leben vorbei, Ziel eines Magiers sollte sein, gut geerdet im Leben zu stehen.

Ein schönes Beispiel für die "magische Sicht" der Welt gibt Andreas Stadelmann mit seiner Visionsuche.

Dienstag, 30. September 2008

Naja, habe mich halt verwählt ...

Welt.de: Grüne Senatorin genehmigt Kraftwerk Moorburg.
Monatelang wurde geprüft und diskutiert. Jetzt hat Umweltsenatorin Anja Hajduk (GAL) das Kohlekraftwerk in Moorburg genehmigt – entgegen der Ankündigungen im Wahlkampf.

Wahrscheinlich habe ich mich aus nostalgischen Gründen (ich war mal bei der GAL) dazu hinreißen lassen, Wahlkampfaussagen nicht von vornherein als taktische Lügen zu betrachten ...

Hexenjagd

"Twister" (Bettina Winsemann) weist auf "telepolis" auf einen beunruhigenden politisch-psychologischen Mechanismus hin: Paranoia, Folter und die Unmöglichkeit der Unschuld.

Ein Gedanke "Twisters" zur paranoiden Reaktion auf die "terroristische Bedrohung" kommt mir, als "Amateur-Hexenforscher", unangenehm bekannt vor:
(...) Bedenkt man nämlich, dass Folter letzten Endes nur die erwünschten Ergebnisse bringen kann (zynisch betrachtet: sind sie zu stark, sind wir zu schwach), so gäbe es bei demjenigen, der den Spuckbeutel hinterließ, bei dem Pärchen, das auf dem Parkplatz weiße Pfeile anbrachte usw. nur zwei Möglichkeiten:
  • entweder sie brechen unter der Folter zusammen und bekennen sich schuldig
  • oder sie sind zu stark, so dass die Methoden der "Verhöre" intensiviert werden müssen.
Denn wie sollte jemand seine Unschuld beweisen können? Das ist auch das Wesen der paranoiden Überlegungen und der Folterdebatte: Es gibt keine Unschuld, man muss nur lang genug nach der Schuld fischen, um sie zu fangen. Notfalls erfindet der Delinquent sie, um einfach seinem Martyrium ein Ende zu machen.(...)
(Hervorhebung von mir, MM.)

Auf genau diese Art und Weise wurden im 16. und 17. Jahrhundert tausende "Hexen" des "Teufelspaktes" "überführt". Man solle sich hüten, die Hexenverfolgung für die Reaktion einer noch "primitiven" Gesellschaft zu halten. Es wurden damals differenzierte Methoden entwickelt, um Hexerei nachzuweisen und spezielle juristische Leitfäden für die "ordnungsgemäße Durchführung" von Hexenprozessen ausgearbeitet, nicht etwa nur die berüchtigte "Inquisition", sondern auch die theologischen und juristischen Fakultäten der meisten Universitäten, egal ob katholisch oder protestantisch, waren aktiv mit der "Bekämpfung des Hexenwesens" befasst. Es gab nicht nur einschlägige Gesetze und Verordnungen, und zahlreiche Experten aus Kirche, Wissenschaft und Politik, die fest davon überzeugt waren, dass die Hexerei eine konkrete Gefahr für die Gesellschaft bedeutete, es gab vor allem eine durch zahlreiche Krisen - Klimaverschlechterung und damit verbundene Ernteausfälle, die zu Hungersnöten führten, politische Instabilität, Kriege, Wirtschaftskrisen - verunsicherte Bevölkerung, die "dankbar" die "offizielle Erlaubnis" zum Hass auf vermeintlich "Schuldige" an ihrer Misere annahm. Der psychologische Mechanismus war dem der Judenverfolgung nicht unähnlich, allerdings wohl erheblich angstbesetzter - man hatte es schließlich mit einem "Superverbrechen", dem Teufelspakt, zu tun! Jedes, aber auch jedes Mittel zur Bekämpfung dieses unendlich bösen Superverbrechens war legitim, der Zweck heiligte jedes Mittel.

Was es in dieser Zeit allerdings nicht gab, das waren Hexen! (Hexen im "Sinne der Anklage" natürlich - ich bezeichne mich manchmal selbst, sogar im Fernsehen, als "Hexe, männlich", und zwar nicht nur zum Spaß.) Mehr zur "historischen Hexenverfolgung" und ihren Hintergründen hier -> Die Erfindung des Hexereidelikts

Terroristen gibt es wirklich, allerdings habe ich nicht selten den Eindruck, dass die meisten "Terrornetzwerke" und "abstrakten Gefährdungen" etwa den Realitätsgehalt eines Teufelspaktes samt Besenflug zum Hexensabbat auf dem Blocksberg haben.

Meines Erachtens weist der "Hexenwahn" mit der "terroristischen Bedrohung" eine weitere Parallelen auf:
Es gibt keine "Zentralsteuerung", etwa im Sinne einer "Weltverschwörung" - die Hexenverfolgung war keine Machenschaft der "Inquisition" (tatsächlich wirkte ausgerechnet die spanische Inquisition einer Hexenverfolgung entgegen), genauso wenig wie der Terrorismus vom CIA, NSA oder Mossad "ferngesteuert" wird. Allerdings war die Inquisition durchaus in die Hexenverfolgung verwickelt, so wie die Geheimdienste durchaus Teil des Problems "Terrorismus" sind.

Es zeigt sich auch heute, dass Hexenverfolgung und Krise Hand in Hand gehen - siehe die heutigen Hexenverfolgungen, z. B. in Afrika.

Ich rechne damit, dass im Fall einer - leider nicht unwahrscheinlichen - Weltwirtschaftskrise die hysterische "Sündenbocksuche" genau so um sich greifen wird, wie eine blühende "Sicherheitsindustrie" - beides zu Lasten der bürgerlichen Freiheiten. Hinzu kommt, dass die Neigung der Politiker und wirtschaftlich Mächtigen, ihre Macht durch das publikumswirksame an die Wand malen von Bedrohungen und durch das Ausbauen des Sicherheitsapparates (mit der Begründung, damit "Superverbrechen" abzuwehren) zu stabilisieren, ebenfalls Gift für die offene Gesellschaft und in der Folge für jede mehr als formale Demokratie sind.

Samstag, 27. September 2008

Ein Gedankenexperiment (2)

Unsere europäische Kultur ist in Jahrhunderten gewachsen und lebt von tragenden Werten. Im Bild gesprochen sind es vier Hügel, in denen unsere europäische Identität wurzelt: Der Areopag in Athen mit den griechischen Idealen von Freiheit und Demokratie; das Kapitol in Rom mit dem klassischen Ideal von Recht und Gerechtigkeit; der Sinai mit dem Dekalog und der Bundesweisung Gottes; und schließlich der Berg Kalvaria in Jerusalem, auf dem Jesus Christus für uns in den Tod ging und bis heute zeigt, dass Liebe und Solidarität größer sind als alles, was wir uns ausdenken und erfinden können.

Unsere abendländisch christliche Kultur hat die tragenden Ideen und Werte der Antike aufgenommen und integriert. Durch Jesus Christus und sein Evangelium erhielten sie ein neues Vorzeichen. Solidarität und Nächstenliebe machen Freiheit, Recht und Gerechtigkeit zu wahrhaft menschlichen Werten.
(Aus dem Vortrag des Erzbischofs Zollitsch, dem ich auch die Anregung zu meinem Gedankenexperiment verdanke.)

Dabei mag dahingestellt sein, ob die Hinrichtung Jesus am Berg Kalvaria wirklich zeigte, dass "Liebe und Solidarität größer sind als alles, was wir uns ausdenken und erfinden können", ganz zu schweigen davon, dass es fraglich ist, dass das Christentum die Ideale der Antike zu "wahrhaft menschlichen Werten" transformiert hat.
Fraglich auch, ob die großen Errungenschaften jüdischen Denkens für die moderne Demokratie, nämlich die Gleichheit vor dem Gesetz und der Universalismus der Werte, schon zur Zeit der Niederschrift der Thora formuliert waren. Allerdings sieht Zollitsch nicht diese Werte, sondern die "10 Gebote" als konstituierend an - wobei einzig das Bekenntnis zum Monotheismus und das Bildverbot diese Gesetze von anderen antiken Gesetzessammlungen abhob (und mit beidem hat es gerade die katholische Kirche nie sonderlich genau genommen).

Als "Wurzeln" der westlichen Staatsordnung sehe ich die Gleichheit vor dem Gesetz (altes Israel), die Demokratie (Athen) und den Rechtsstaat (Rom). Hinzu kämen Parlamentarismus / repräsentative Demokratie (Island), die föderative Staatsordnung (Perserreich) - und eine ganze Reihe "neuer Werte", die erst während der Aufklärung, den Revolutionen der Neuzeit und später formuliert wurden, man denke an die Pressefreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wichtig ist auch, dass viele dieser Werte gegen den Widerstand der Kirchen erkämpft worden, so auch die Religionsfreiheit. (Die negative Religionsfreiheit schützt den Einzelnen vor den Ansprüchen der vorherrschenden Religion bzw. ist das Recht des Einzelnen, von der Religion in Ruhe gelassen zu werden, die positive Religionsfreiheit schützt religiöse bzw. weltanschauliche Minderheiten.)

Wie sähe die Welt heute aus, wenn es kein Christentum gäbe?

Religion ist immer ein unvorhersehbarer Faktor, und auch in der Geschichte ist der Einfluss der Religion weitaus schwerer abzuschätzen als etwa ökonomische Faktoren, Umweltbedingungen oder kulturelle Einflüsse, denn Religion ist ihrem Wesen nach irrational. Es ist schwierig, in der Religionsgeschichte "harte Fakten" zu finden. Man kann ziemlich sicher sein, dass Amerika auch ohne Columbus früher oder später europäisch Kolonisiert worden wäre, aber es ist einfach nicht möglich, zu entscheiden, ob es so etwa wie das Christentum gegeben hätte, wenn Pilatus auch nur die geltenden römischen Gesetze etwas gewissenhafter ausgelegt hätte, oder vielleicht etwas mehr politisches Augenmaß oder gar mehr Gerechtigkeitssinn gehabt hätte. (Denn dann hätte die Kreuzigung nicht stattgefunden. Es ist auch sehr fraglich, ob im Falle einer Hinrichtung Jesus durch jüdische Autoritäten, also durch Steinigung, es heute einen "Steinhaufenstreit" anstelle des "Kruzifixstreits" geben würde.)

Die Folgen für das römische Reich, hätte es das Christentum nicht gegeben, wären eher marginal geblieben, nach Konstantin I. wäre wahrscheinlich der Kult des "Sol Invictus", eine "romanisierte" Variante des Mithraismus, Staatsreligion geworden bzw. geblieben. (Das wir heute nicht am Samstag - Sabbat - den Ruhetag haben, ist ebenso ein Erbe der mithraistischem Phase Roms, wie das große Jahresfest des "Sol Invictus" am 25. Dezember. Die frühen Christen maßen dem Geburtsfest Jesu keine große Bedeutung bei, erst im 3. Jahrhundert wurde es überhaupt begangen, und zwar am 6. Januar.)
Die Unterschiede zwischen dem stark synkretistischen Mithraismus, der andere Götter durchaus zuließ, wären zunächst nicht zutage getreten, das weströmische Reich wäre wohl ebenso untergegangen. Anderseits ist es unwahrscheinlich, dass ohne das Christentum der Islam hätte entstehen können - und noch unwahrscheinlicher, dass er sich in einem rein "heidnischen" Nordafrika und Kleinasien so leicht hätte ausbreiten können.

Bestimmt hätten in einer Welt ohne Christentum heute andere Religionen den Platz des Christentums (und des Islams) eingenommen. Vielleicht wären das der
Mithraismus
, der Odinismus und der Soterismus gewesen, wie Lyon Sprague de Camp in seiner Alternativweltgeschichte "Aristotele and the gun" vorschlug. (Der Soterismus wäre eine ägyptisch-hellenistische Synthese gewesen, gegründet von einem glühenden ägyptischen Propheten, dessen Anhänger ihn mit dem griechischer Wort für "Erlöser" bezeichneten.)
Oder der Buddhismus hätte sich "im Westen" durchgesetzt, wie Arnold J. Toynbee spekulierte.

Die Annahme, Europa wäre ohne Christentum "geistig primitiv" geblieben, ist schlicht falsch ist. Ein Blick nach Fernost, z. B. nach Japan, widerlegt diese europazentrierte Annahme sofort.

Die Annahme, Europa wäre ein sich in blutigen Stammeskriegen verzehrende Region geworden, entbehrt jeder Grundlage. Vielleicht wäre Europa tatsächlich heute noch stärker durch Stammesdenken geprägt, und mit Stämmen lässt sich in der Tat "kein Staat" machen (was z. B. das "Nation Building" in Afghanistan so schwer macht). Aber "blutige Stammesfehden" sind ein Klischee - und die europäische Geschichte wurde erst mit der Bildung der Nationalstaaten so richtig blutig. Auf die "Völkerwanderung" hatte das Christentum noch wenig Einfluss, ich nehme daher an, dass es, schon durch die Übernahme römischen politischen Denkens, zur "germanischen Staatenbildung" auf zuvor weströmischem Gebiet gekommen wäre, und später die Staatenbildung in Nord- und Osteuropa gefolgt wäre.

Es kann durchaus sein, dass der Einfluss des Judentums in einem "heidnischen" Europa größer gewesen wäre, als in einem christlichen Europa, dass seine "jüdischen Wurzeln" eher verdrängte und den Juden in der Regel eher feindselig begegnete. Daher könnten jüdische Ideen, wie die der Nächstenliebe oder die der Gleichheit vor dem Gesetz, in einem "Europa ohne Christentum" weitaus weiter verbreitetet sein, als in unserer Welt. Wobei die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz nicht zwangsläufig auf die Idee der Gleicheit aller Menschen vor dem einzigen Gott zurückgeführt werden muss.
Es ist aber meiner Ansicht nach unwahrscheinlich, dass das Judentum die dominante Religion Europas geworden wäre.

Es ist außerdem sehr wahrscheinlich, dass es in einem heidnisch-polytheistischem oder in einem buddhistischen Europa weniger Religionskriege gegeben hätte - wenn überhaupt. (Religionskriege wären aber dann möglich gewesen, wenn z. B. der Polytheismus sich nach dem Muster des Hinduismus entwickelt hätte - in einem mithraistischem Europa eine meiner Ansicht nach eine recht wahrscheinliche Entwicklung. Anderseits wäre die Entwicklung des Hinduismus ohne die Konfrontation mit dem Islam und später dem nominell christlichen britischen Imperialismus anders verlaufen.)

Ansonsten ist ein "Europa ohne Christentum" ein reizvoller Stoff für Alternativweltgeschichten.

Rechnungshof kritisiert Schäubles Abbhörpläne

Vorabmeldung des "Spiegels".
Die von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) geplante gemeinsame Abhörzentrale wichtiger deutscher Sicherheitsbehörden steht grundsätzlich in Frage. (...) Die Rechnungsprüfer monieren in ihrem Bericht vom 18. September, das BVA habe "im Auftrage des Bundesinnenministeriums" bei der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung die Parameter "so lange geändert, bis sich das gewünschte Ergebnis zugunsten des Bündelungsmodells errechnen ließ". Die Prüfer kommen für den Zeitraum bis 2015 auf Ausgaben von insgesamt 132,4 Millionen Euro gegenüber 126,2 Millionen bei der bisherigen, dezentralen Organisation der Abhörtechnik.
Siehe auch Heise: Schönrechnung bei Schäubles Abhörzentrum beklagt.

Warum hält das Bundesinnenministerium so hartnäckig und mit so fragwürdigen Methoden an der Bündelung der TK-Überwachung fest? Eine nahe liegende Antwort wäre sicherlich: Die Staatsmacht wird ins Bundesinnenministerium verlagert bzw. Kompetenzen sollen auf das Bundesverwaltungsamt (BVA) übertragen werden, wo eine Art "übergeordnete Denkfabrik" für das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), die Bundespolizei und das Bundeskriminalamt (BKA) etabliert werden soll.

Noch vor einigen Monaten erschien mir der Ausdruck "Stasi 2.0" unangemessen, weil er die Praktiken des "Ministeriums für Staatssicherheit" der DDR verharmlost. Allerdings ist die Zentralisierung der Telekommunikations-Überwachung (unter dem Vorwand der "Effitivitätssteigerung" - der nun wohl tatsächlich als Vorwand entlarvt ist) tatsächlich ein deutlicher Schritt zu MfS-ähnlichen Strukturen.

Derweil drischt Schäuble leere Sprüche: Schäuble will Nutzung des Internets durch Islamisten erschweren - leer, weil der der Minister völlig offen lies, wie er sich das vorstellt.
Ich erwarte von einem Minister nicht, dass er Fachmann für Internetfragen ist - aber wenigstens, dass er einfach mal den Mund hält, wenn er keine Ahnung hat. Ebensogut hätte er fordern könne, die Nutzung der Briefpost für Islamisten zu erschweren - oder die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel.

Schäuble ist meiner Ansicht nach kein machthungriger "kalter Putschist" - er ist ein angstgetriebener Minister mit z. T. irrealen Vorstellungen über eine ihm unheimliche Technik, die er nicht versteht.
Ein weiteres Beispiel für die Gefährdung der Demokratie durch Inkompetenz.

Donnerstag, 25. September 2008

IAB: Kosten der Arbeitslosigkeit seit 2004 um 27 Prozent gesunken

Eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) klingt auf den ersten Blick durchaus erfreulich:
Im Jahr 2004 betrugen die gesamtfiskalischen Kosten der Arbeitslosigkeit noch 92 Milliarden Euro. In den Jahren 2005 bis 2007 reduzierten sie sich um rund 25 Milliarden auf 68 Milliarden Euro.

Das liegt einmal daran, dass die Zahl der Arbeitslosen um rund 21 Prozent zurückging. Fast ausschließlich aus konjunkturellen Gründen - das heißt: nach Lage der Dinge vorübergehend. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die "atypischen" Beschäftigungsverhältnisse z. B. Teilzeit, Zeitarbeit und befristete Stellen, stark zugenommen haben: Der feste Vollzeitjob ist längst nicht mehr die Regel ("Die Welt"-online)

Die Kosten je Arbeitslosen sanken um rund 7 Prozent - unter anderem durch die Hartz-IV-Reform. (Was ja auch ein - eingestandener - Grund für diese Reform war!)

Das IAB ist übrigens kein unabhängiges Institut, sondern gehört zur Bundesanstalt für Arbeit. Von daher ist es auch nicht überraschend, dass das Institut vor einer Beitragssenkung zur Arbeitslosenversicherung warnt.

Die Pressemeldung: Kosten der Arbeitslosigkeit seit 2004 um 27 Prozent gesunken.
Kurzbericht über die Studie des IAB: Kosten der Arbeitslosigkeit sind gesunken (pdf)

Mittwoch, 24. September 2008

Wahlkampf auf bayerisch - Halloween-Parties nur bis Mitternacht

Als "Nordlicht" kann ich mich über die Eigenarten des CSU-Wahlkampfes nur wundern. Ministerpräsident Beckstein scheint z. B. tatsächlich gelaubt zu haben, mit seiner launigen Äußerung, ein "bayrisches Mannsbild" sei nach 2 Maß Bier noch fahrtüchtig, Punkte (aber keine in "Flensburg") bei der Stammwählerschaft (genauer wohl: Stammtischwählerschaft) sammeln zu können.

Vermutlich zielt auch dieser auffällige Anfall bayrischer Härte auf die (angeblich) fromme CSU-Wählerschaft ab:
Um Mitternacht ist auf bayrischen Halloween-Parties Schluss!

Der Grund: Der 1. November, Allerheiligen, ist ein so genannter "stiller Feiertag". Öffentliche Unterhaltungs-Veranstaltungen mit Musik und Tanz sind ebenso wie private Parties über eine gewisse Lautstärke an diesem Tag streng verboten. Das bedeutet, dass sämtliche Halloween-Veranstaltungen um Punkt Mitternacht beendet werden müssen.
Das Gesetz trat zwar bereits am 1. Januar 2005 in Bayern in Kraft, wurde aber bislang nahezu überall relativ freizügig ausgelegt, die Sperrzeit wurde mit behördlichem Segen bis maximal 5 Uhr morgens gedehnt, öffentliche Halloween-Parties wurden meistens genehmigt.

Aber dieses Jahr ist "Schluss mit Lustig". Das bayrische Innenministerium verfügte: Partyverbot an Halloween nach 0 Uhr, keine Ausnahmegenehmigungen mehr!
Am 15. September wies die Bezirksregierung Oberbayern im Auftrag des Innenministeriums den zuständigen und bisher recht großzügigen Münchner Referenten Wilfried Blume-Beyerle an, das Feier-Verbot strikt durchzusetzen und bereits erteilte Genehmigungen wieder aufzuheben: "Der Schutz des Feiertages muss garantiert werden". Halloween-Verbot: Bayern dreht durch.

Ich bin mal gespannt, wie die bayrischen Jung- und Erstwähler auf diesen Anfall verschärfter Nulltoleranz reagieren ...

Sonntag, 21. September 2008

Wir sind to(l)lerant geworden

Unsere Welt ist bunt. Vielfältig.
Die Art, wie wir uns kleiden und schmücken ist genau so vielfältig geworden. Die Zeiten, als jemand mit Tätowierungen automatisch als "Knacki" eingestuft wurde (es sei denn, er war Seemann), oder der "falsche" Haarschnitt einem den Job kosten konnte, sind vorbei.
Auch die, in der jeder bunt gekleidete Mann damit rechnen muss, als "Schwul" und jeder Frau mit Kurzhaarschnitt als "Lesbe" verdächtigt zu werden.
Genau sind jene Zeiten passé, in denen Nadelstreif-Anzugträger "automatisch" als Spießer, CDU-Wähler, Managertypen, Schwarze-Lederjackenträger als Rocker, Rebellen, Machos, Minirock-Trägerinnen als leichtlebig und Nickelbrillen-Träger als streberhaft galten.

Wir sind tolerant geworden. Toll tol(l)erant. Vor allem in Äußerlichkeiten. Hin und wieder leider auch gegenüber Leuten, denen gegenüber man besser nicht tolerant sein sollte, wenn man die Freiheit liebt.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir Vielfalt und Buntheit nicht vor allem im Outfit, im Musikgeschmack oder beim Essen, sondern vor allem im Denken suchen würden.
Wir haben die Freiheit, zu sagen was man denkt. Aber das besagt nur dann etwas, wenn wir auch selber denken.
Besonders schlimm ist es, wenn man nicht denkt, was man nicht sagen darf, oder glaubt, nicht sagen zu dürfen. "Schere im Kopf", der Zensor ist eingebaut. Der innere Zensor ist wichtig, auch und gerade weil es eine äußere, staatliche Zensur nicht gibt.
Eingebaut wird der innere Zensor durch Erziehung, durch Druck, aber immer wieder und immer auch durch Angst.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig mediale Notiz genommen wird, wenn wichtige politische Entscheidungen getroffen werden. Zum Beispiel soll die Künstlersozialkasse abgeschafft werden. Und wenn das nicht reicht, wenn etwa gleichgültige Politikerdarsteller sich im hohen Bogen über alle Bedenken hinwegsetzen, dann wird auch schon mal ein klares "Nein" der Fachleute zu einem Okay umgelogen. Gutes Verhältnis "zur Politik" ist eben wichtig. Wie auch der gute Draht "zur Wirtschaft". Erstaunlich, wie viele Seiten und Sendeminuten auf "Unpolitik", Machtkämpfe und Parteien-PR, verwendet werden. Inhalte? Welche Inhalte? Es geht bei Unpolitik nicht um die Inhalte, sondern schlicht um Gruppendynamik. Leser? Komisch, die werden immer weniger.
Schön, dass "der Leser" nicht jeden Gammel- und Gefälligkeitsjournalismus toleriert.

Es ist kein Zufall, dass reaktionäres Stammtischgequatsche in pseudo-intellektueller Verpackung fast überall auf Zustimmung stößt - in den Medien wie in der Politik. Weil die Rezepte von gestern bei der Bewältigung der Probleme von heute versagt haben, sind eben die Rezepte von vorgestern gefragt.

Warum? Weil die deutsche Gesellschaft - nicht nur die deutsche, aber die ganz besonders - von Abstiegsängsten geplagt wird und Neues fast nur noch als Bedrohung wahrnimmt, nicht als Chance.

Die schlimmste Angst plagt übrigens unsere politischen Entscheider. Eine Tatsache, die mir Angst macht.

Wir brauchen, anders als es uns Eva "heim an der Herd" Herman, Herwig "demographische Zeitbombe" Birg, Peter "Schluß mit Lustig" Hahne und wie sie alle heißen, vom FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher bis zum medial omnipräsenten Medienwissenschaftler Norbert Bolz erzählen, als es uns angstbeißende Politiker und Polizeifunktionäre weis machen wollen, nicht weniger sondern viel mehr Toleranz, Liberalität und Individualismus.

Ich übergebe das Wort an einen richtigen Schweinepriester.
Stasi 2.0

An einem dieser kalten Tage
Da längst kein Storch mehr fliegt
Besorg ich mir ein Grundgesetz
Solang es noch eins gibt
Das zeig ich meinen Kindern dereinst
Heimlich, bei Kerzenlicht
Und schwör ihnen: Das alles galt
Für jung und alt, für dich und mich!
Und fleh sie an: Verratet
Euren Papa bitte nicht…

Halunken als Parteisoldaten
In Terrors Namen: Vorratsdaten
Es sind die Mittel, die den Zweck verraten…
Und das, was wir da vor uns haben
Das ist die Stasi 2.0

Einst waren die Gedanken frei
Heut spielen sie Freiwild:
Gehegt als freie Meinungen
Im unfreien Weltbild
Das Volk ist frei - nein: freigestellt
Besoffen von der Bilderflut
Und wer noch furzen kann, der findet
Für ein Freibier alles gut
Ja, für ein Freibier findet,
Wer noch furzt, hier alles gut

Halunken…

Was Wirtschaftsaufschwung heißen kann
Das weiß der Aktiengott
Was ich mir dafür leisten kann
Ist Elektronikschrott
Die Ampel steht auf rot, du bremst
Und auch dein Nummernschild
Wird, wohin du auch fährst, gespeichert
In das Bewegungsbild
Das lückenlos beweisen wird
Mit wem du alles so verkehrst
Wenn man so will

Halunken…

Schlangestehen und nichts dafür kriegen!
Auch noch bezahlen für die Lügen!
Ja, ist das die Rache der DDR…?
Nein, mein Herr…!
Das ist die Stasi 2.0
musik & text: duke meyer © 2008

Nachtrag - Webfunde, passend zum Thema:

tp: Das nachträgliche Feigenblatt Nulltolerenz ++ gegenüber ALG II-Antragsteller: Bis zum Beweis des Gegenteils stehen sie unter dem Verdacht des Sozialbetrugs - schon die Tatsache, die Zeit zwischen Antragstellung und Entscheid (das können locker 3 Monate sein) überstanden zu haben, macht verdächtig, denn ohne zusätzliche Einnahmen kann man diese Zeit schwerlich überbrücken.

"Uns fehlen die Parolen" "Zeit"-Campus-Interview mit der Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh. Sie erklärt, warum sie der Wahrheit misstraut und unsere Gesellschaft für hysterisch hält, Verfassungsklage gegen den biometrischen Pass erhoben hat und was sie vom Datenschutz im Allgemeinen hält. (Via: netzpolitik)
Ein Staat, der endgültige Wahrheiten formuliert, ist totalitär, Demokratien haben keinen Wahrheitsanspruch.
Juli Zeh

Direkt auf "netzpolitik": Telekom-Paket: Unsere Wahlempfehlungen. Im Telekom-Paket ein Zeit Paket auf vier verschiedenen Richtlinien und einer Empfehlung an die EU-Kommission, das zur Zeit in der EU diskutiert wird - und in der es viele problematische Stellen gibt, die zusammen genommen einen massiven Eingriff in die Netzfreiheit darstellen. Im Artikel geht es darum, wie man seinen EU-Abgeordneten für die im Paket verteilten Trojaner-Regelungen sensibilisieren und dagegen aktivieren kann.

Und dass im in aller Eile und Heimlichkeit verhandelten Abkommen gegen "Produkt-Piraterie" (Anti-Counterfeiting Trade Agreement (ACTA)) ernsthafte Einschränkungen der Bürgerrechte und Eingriffe in die Privatsphäre vorgesehen sind, erfährt man bei der Electronic Frontier Fundation: U.S. Trade Office Withholds Documents on Secret IP Enforcement Treaty - (via cynx)

Samstag, 20. September 2008

Leif Eriksons Vinlandfahrt - ein einmaliges Unternehmen?

Was lange währt (bzw. herumliegt): Das Rätsel der Grönlandwikinger: 2. Teil: Leif Eriksons Vinlandfahrt - ein einmaliges Unternehmen?

Keine bekannte und anerkannte schriftliche Quelle - weder die Grönlandsaga ("Grænlendinga saga"), noch die jüngere Saga von Erik dem Roten ("Eiríks saga rauða"), noch die älteste bekannte Quelle für die Entdeckung Vinlands, Adam von Bremens "Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum" (verfasst 1076) deuten darauf hin, dass die kleine Kolonie der "Grönlandwikinger" regelmäßige Reisen zum nordamerikanischen Kontinent unternahmen, geschweige denn, dort siedelten.
Die kurzlebige kleine Siedlung Leifsbuðir wäre demnach der einzige Versuch der Nordeuropäer gewesen, in Nordeuropa Fuß zu fassen.

Leifsbudir wird allgemein mit L'Anse aux Meadows auf Neufundland identifiziert. Dort fand 1961 der norwegische Archäologe Helge Ingstad eine eindeutig nordeuropäische Siedlung, die mehrere Häuser und eine Schmiede umfasste.

Es spricht also einiges dafür, dass die "Vinlandfahrten" auf den engen Zeitraum zwischen 1001 und 1010 beschränkt waren, und dass es nur eine gezielte Entdeckungsfahrt nach Vinland gab, die Reise Leif Eriksons war - die vorangegangene Fahrt Bjarni Herjolfsson war eine unfreiwillige Irrfahrt, außerdem soll Bjarni nicht an Land gegangen sein.

Andererseits: Obwohl die von Thorfinn Karlsefni eingeleitete Besiedlung Vinlands eine kurze Episode blieb, setzten die Grönland-Wikinger ihre Amerika-Fahrten offenbar mindestens bis ins 14. Jahrhundert fort. Darauf deuten Funde von Münzen, Metallteilen, stählernen Pfeilspitzen und charakteristischen Holzschnitzereien der Normannen im nördlichen Kanada ebenso hin, wie ein erst 1993 in der Nähe von Cape Cod in Massachusetts gefundener Runenstein, an dessen Echtheit es im Gegensatz zum umstrittenen „Kensington-Stone" kaum Zweifel gibt („Die Wikinger in Massachusetts", GEO, Heft 1/1994, „Geoskop", S. 166)

Schon länger bekannt sind die "nordeuropäisch" anmutenden Langhausfundamente an der Ungava-Bai in Labrador, Nordost-Kanada. Mangels kohlenstoffhaltiger Überbleibsel konnte die Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung nicht eingesetzt werden, auch andere bewährte Datierungsmethoden versagten - man kann allenfalls sagen, dass die Häuser vor der "Kolonialzeit" (in Kanada ab dem 17. Jahrhundert) errichtet wurden, nicht aber, wann oder durch wen. Beispielsweise könnte die Häuser durchaus die Hinterlassenschaften von überwinternden frühneuzeitlichen Fischern oder Walfängern aus der Bretagne oder von den Shetland-Inseln gewesen sein.

Vor kurzem wurden auf Baffin-Island in der kanadischen Arktis beim Ort Kimmirut Artefakte eindeutig nordeuropäsischer Herkunft gefunden, darunter gesponenes Garn und hölzerne Rechenstäbe. Schon zuvor waren Spuren europäisch anmutender Bauten entdeckt worden. Nach Angaben der Archäologin Patricia Sutherland von Canadian Museum of Civilisation (CMC) können das Garn und die Rechenstäbe nicht von den damals dort lebenden Inuit der Dorset-Kultur stammes, beides wäre in dieser Kultur unbekannt gewesen. (Näheres hier: Spuren frühmittelalterlicher Europäer in der kanadischen Arktis entdeckt).)
Für Frau Sutherland sprechen diese Fundstücke für einen längeren Kontakt zwischen Inuit (Eskimos) und Wikinger oder anderen europäischen Seefahrern, in der Zeit zwischen 1000 und 1450, vielleicht sogar früher, denn einige der Fundstücke sind deutlich älter und stammen wahrscheinlich aus den Jahrhunderten vor 1000.

Das könnte darauf schließen lassen, dass entweder die "Entdeckung" Nordamerikas durch die Wikinger schon vor Leif Erikson stattfand, oder dass es andere (nord-)Europäer gab, die im frühen Mittelalter zur Überquerung des Nordatlantiks und zur Fahr in arktischen Gewässern in der Lage waren.

Wie auch immer: Es gab mit einiger Wahrscheinlichkeit noch mehrere Kolonisationsversuche, die nicht in den Sagas erwähnt sind. Außerdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Bewohner Grönlands Bauholz aus Nordamerika holten, da sie auf Grönland lediglich Treibholz zur Verfügung hatten und sogar Island von der Ostküste weiter entfernt war als "Markland". Die nächsten für Dachsparren und Schiffsplanken geeigneten Bäume auf der europäischer Seite des Atlantiks wuchsen sogar erst in Irland, Schottland oder Norwegen. Allerdings lässt sich bei den Holzresten amerikanischer Herkunft, die in Grönland gefunden wurden, nur schwer sagen, ob sie von Treibholzstämmen oder von an Ort und Stelle geschlagenen Bäumen stammen.
Es deutet also Vieles auf wiederholte Reisen der normannischen Grönländer zum nordamerikanischen Kontinent hin.

Bliebe ein Rätsel: Wenn die Wikinger sogar in der kanadischen Arktis, wo die Bedingungen härter sind, als in Westgrönland, zumindest Vorposten errichteten - wieso bestand dann die Niederlassung auf Neufundland nur wenige Jahre?

Eine mögliche Antwort könnte sein: Weil andere Siedlungen noch nicht gefunden wurden. Neufundland, Neuschottland und Labrador sind längst nicht so umfassend archäologisch erkundet, wie z. B. Deutschland - und auch hierzulande gibt es immer wieder überraschende Funde.
Man muss sich vor Augen halten, dass es nur etwa 5.000 bis 6.000 Grönländer nordeuropäischer Herkunft gab. Selbst wenn alle "Grönlandwikinger" geschlossen nach Amerika ausgewandert wären, hätten sie - anders als im dünn besiedelten Norden - in den klimatisch günstigeren, aber auch dichter bewohnten Gebieten Nordamerikas kaum nennenswerten Spuren hinterlassen. Mit einer möglichen Ausnahme: sie hätte dann vermutlich das Pferd in Nordamerika eingeführt - Pferde tauchten dort aber erst "nach Columbus" auf.

Leifsbuðir wurde nach Streitigkeiten mit den Einheimischen aufgegeben. Die Streitmacht der Grönländer war klein und ihr waffentechnischer Vorsprung gegenüber den Indianern zwar groß, aber nicht überwältigend. Die europäischen Siedler des 16. und 17. Jahrhunderts waren Anfangs zwar auch nur wenige, aber sie hatten Feuerwaffen - und konnten deshalb "erfolgreicher" gegen sich wehrende Indianer vorgehen. Die einzige Chance des kleine Häufchens Normannen war es, zu versuchen, möglichst gut mit den Einheimischen auszukommen. Das schließt einzelne Siedlungen nicht aus, Handel ohnehin nicht, aber sehr wohl "Eroberungszüge".

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Geheimauftrag MARIA STUART...
Krisenfall Meuterei Der dritte Roman der Reihe "Geheimauftrag...
MMarheinecke - 9. Apr, 19:42
Urlaubs-... Bräune
Das "Coppertone Girl", Symbol der Sonnenkosmetik-Marke...
MMarheinecke - 1. Aug, 08:34
Geheimauftrag MARIA STUART...
Ahoi, gerade frisch mit dem Postschiff eingetoffen. Der...
MMarheinecke - 26. Mär, 06:48
Kleine Korrektur. Man...
Kleine Korrektur. Man kann/sollte versuchen die Brille...
creezy - 11. Nov, 11:29
strukturell antisemitisch
Inhaltlich stimme ich Deinem Text zwar zu, aber den...
dummerle - 5. Jun, 11:12

Suche

 

Status

Online seit 7354 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 02:08

Credits


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte
Geschichte der Technik
Hartz IV
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wirtschaft
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren