Donnerstag, 10. Dezember 2009

War is over (if you want it)

Was eindeutig stimmt! Schöne Aktion von Yoko Ono : WAR IS OVER!
(Nach einem Tipp von Volkmar nicht im Original von John Lennon, sondern in einer IMO durchaus hörenswerten Version von Tarja Turunen:)

Dienstag, 8. Dezember 2009

Klimaklller Biodiesel

Langsam dürfte sich herumgesprochen haben, dass Palmöl schlecht für den Regenwald ist. Seitdem Palmöl nicht nur für Lebensmittel und Kosmetika, sondern auch als "Biodiesel" nachgefragt wird, wird nirgendwo auf der Welt so schnell zugunsten neuer Ölpalmenplantagen gerodet wie in den Wäldern der Rhinozerosse auf Borneo und Sumatra. Auch für Orang-Utans und Sumatra-Tiger schrumpft der Lebensraum.
Spart der Ölpalmenanbau für Treibstoffgewinnung dann wenigstens CO2 ein? Schließlich ist die Palme mit bis zu vier Tonnen Ertrag pro Hektar ihren Konkurrenten Soja, Raps oder Sonnenblume haushoch überlegen. Malaysia und Indonesien planen deshalb eine jährliche Ausdehnung der Plantagen von bis zu zwölf Prozent.
Wie absurd die vermeintliche Klimarettung durch Biotreibstoffe ist, zeigt die Klimabilanz des Ölpalmenanbaus. Um weitere Plantagenflächen zu gewinnen, werden die letzten Torfmoorwälder gerodet. Dabei entweichen gigantische Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Circa vier Prozent der globalen Treibhausgase stammen aus der Vernichtung indonesischer Torfwälder. Indonesien ist dadurch hinter den USA und China der drittgrößte Treibhausgas-Verursacher der Welt. Absurderweise wird der Strom für die Fabriken, die aus den Ölfrüchten Biodiesel herstellen, mit Diesel aus Erdöl erzeugt.
Auf die Palme (welt.de).

Der Artikel gibt auch eine ziemlich desillusionierende Erklärung, wieso das Palmöl-Problem so wenig mediale Beachtung findet:
Ihr lieblich-exotischer Anblick macht Ölpalmen so ungeeignet für ökologische Warnplakate. Sie sehen einfach zu grün aus. Und deshalb hat das Ölpalmenproblem zwar unter Ökologen und Naturschutzexperten höchste Priorität. Das breite Publikum ließ sich bisher nicht bewegen. Weder der World Wide Fund For Nature (WWF) noch Greenpeace brachte bisher eine wirklich populäre Kampagne zustande
Das Hauptproblem ist, dass der Palmöl-Anbau für die Länder Südostasiens eine so große ökonomische Bedeutung hat, dass sie schwerlich darauf verzichten können.
Außerdem würde ein Palmöl-Bann - bei unverändert großer oder noch wachsender Nachfrage nach Pflanzenölen - eine Verlagerung zu anderen Pflanzenölen bewirken, die noch mehr Land fressen. Zur Erzeugung einer Tonne Palmöl reicht ein Viertel Hektar. Ein Sojabohnen-Farmer benötigt 2,2 Hektar Land dafür, und auch Sonnenblumen und Raps haben eine schlechtere Flächenbilanz. Immerhin braucht man für diese Pflanzen keinen artenreichen Regenwald abzuholzen, aber eine ökologisch sinnvolle Form der Treibstoffgewinnung ist das nicht.

Ich bin der Ansicht, dass Speiseöl zum Essen da sein sollte - und nicht zum Verfeuern oder Verfahren. Biokraftstoffe aus "primären Rohstoffpflanzen" sind, anders als Kraftstoffe, die aus vorhandene Pflanzenabfällen gewonnen werden, unter Umweltschutzgesichtspunkten Unfug.

Was also tun? Die größte Stellschraube, um weg von den "Fossilien" zu kommen, ist der Einsatz der erneuerbarer Energieträger - Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme - und ganz am Rande wohl auch Kraftstoffen aus Pflanzenabfällen.

Ergänzung: Sozial-ökologische Bewertung der stationären energetischen Nutzung von importierten Biokraftstoffen am Beispiel von Palmöl (Studie des IFEU für das deutsche Bundesministerium für Umwelt, 2008)

Nachtrag, 17. 12.: Auch der "Preis" der "wütenden Meerjungfrau" für irreführendes Lobbying in Sachen Klimaschutz, organisiert von Attac Danmark, Corporate Europe Observatory, Focus on the Global South, Friends of the Earth International, Oil Change International und Spinwatch, wurde im Bereich "Agrartreibstoff" vergeben: Monsanto gewinnt den Preis der wütenden Meerjungfrau (Lobby Control).
In Lateinamerika trägt die Verbreitung von genmanipuliertem Soja der Monsanto-Marke „RoundupReady“ zur Vernichtung des Regenwalds bei und damit zur Steigerung von Treibhausgas-Emissionen. Dennoch arbeitet ein „Runder Tisch für verantwortungsbewusstes Soja“ (Round Table on Responsible Soy, RTRS) unter Beteiligung von Monsanto daran, gentechnisch verändertes Soja als „verantwortungsbewusst“ zu kennzeichnen. Dies würde bedeuten, dass von RTRS zertifiziertes GM-Soja in naher Zukunft als „umweltfreundliche“ Quelle von Agrosprit betrachtet werden darf; oder dass es geeignet ist für CO2-Zertifikate im Rahmen der CDM-Projekte.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Piraten-Fundsache

Das könnte fast ein Werbespot für meinen Roman sein. Ist es leider nicht:

(Kugscheißerei: der Union Jack sah 1665 noch anders aus - noch kein St.Patricks-Kreuz (rot, diagonal) unter dem St.Andrews-Kreuz (weiß auf blau, diagonal). Außerdem sind die gezeigte Schiffe um ca. 100 Jahre zu modern.)

Und der hier auch nicht:

(Klugscheißerei: die gezeigte Galeone ist für 1665 reichlich veraltet - Bauweise der elisabethanischen Zeit - und der Dreispitz war noch nicht Hutmode.)

Samstag, 5. Dezember 2009

NaNoWriMo - Nachlese

Zum (vorerst) letzten Mal über den November-Wahn.

Port Royal, Jamaika, im Jahr 1672. Vor einigen Jahre bot Port Royal Freibeutern, die die Schifffahrtslinien nach und von Spanien und Panama abgrasten, noch einen sicheren Hafen. Aber die Zeiten änderten sich, als 1670 der Vertrag von Madrid geschlossen wurde: Spanien erkannte den englischen Kolonialbesitz in der Karibik an, und die Kaperfahrt gegen Spanier verlor ihren Zweck. Eine schwere Zeit für die Bukaniere der Karibischen See, und wegen des dritten Englisch-Holländischen Kriegs noch schwerer für die gemischt englisch-niederländische Mannschaft des Kaperschiffes "Aphrodite".
Die Bukaniere der "Aphrodite" erhalten schließlich einen Kaperbrief, gewährt vom französischen Gouverneur Tortugas, D'Oregon. Aber die Sache hat einen Haken: D'Oregon will die niederländische Kolonie Curacao überfallen ...

NaNoWriMo Winner

Inzwischen habe ich mir mein Romanfragment noch mal vorgenommen. Tatsächlich scheint es mir keine schlechte Idee zu sein, aus dem locker-flockigen Piratenschmöcker doch so etwas wie einen historischen Roman zu machen - so authentisch wie möglich, auch in den weniger bekannten Sachverhalten.
Abenteuerkommödien sind ein gefährliches Gebiet, vor allem, wenn bei einem Gefecht das Blut nur so zu den Speigatten 'rausläuft. Bei einem marinehistorischen Roman kann der Schreiber immer anführen, dass das eben damals so war - jedenfalls innerhalb eines gewissen Rahmens.
Ich verwende das "Hochgeschwindigkeitsgeschreibsel" also als "Rohstoff" für einen marinehistorischen Roman. Die leichte Distanz ermöglicht es mir hoffentlich, die Themen Sex und Gewalt so aufzubreiten, dass es weder frauenfeindlich noch gewaltverherrlichend wird. Bei einer Abenteuerkomödie stoßen solche Themen dann doch manchmal sehr sauer auf. Wenn da Blut fließt, muss es erkennbar Theaterblut sein.
"Historischer Roman" bedeutet ja nicht "langweilig", "bildungshuberisch", "abgehoben" "daten- und faktenüberfrachtet" oder "humorlos".
"Zufällig" ist die historisch-realistische Linie ja auch die von Sabatini, von Foster, Kent und, bei den Klassikern, Defoe, Melville, London oder, meistens, Conrad. Oder auch Leip. Wahrscheinlich auch die von Crichton. Also denen, die die wirklich lesenswerten Seeabenteuerromane schrieben. Anders wäre es bei einer Parodie oder einer Satire, aber ich wollte ja keine Schreiben.
Der Roman ist, vom geplanten Umfang und der Handlung her, nur etwa zur Hälfte fertig geworden. Was das Umschreiben übrigens sehr erleichtert - gute Szenen, die leider aus Gründen der Handlungslogik ´rausfliegen müssen, können unter Umständen weiter hinter in die noch nicht fertige Handlung eingebaut werden.

Gesagt, getan - die ersten vier Kapitel (nach ursprünglichem Entwurf) sind überarbeitet / umgeschrieben! Nur dass es jetzt, in der neuen Gliederung, acht Kapitel geworden sind. Die Kapitel wurden im NaNo-Schreibprozess alle etwa doppelt so lang wie ursprünglich geplant, weshalb es nur logisch ist, sie wieder in handliche Happen zu teilen. Also dürften aus dem NaNo-Skript 14 Kapitel (und ein Prolog) werden, der fertige Roman mit Prolog 28 Kapitel haben. Noch ein ordentlich langer Törn.

Das Überarbeiten geht flott von der Hand und ist weniger öde, als ich dachte. Selbst wenn ich manchmal ganze Absätze mit einem Strich beseitigen muss. Ja, wo gehobelt wird ....

Nebenbei: Beim sorgsamen Lesen wurde mir klar, dass ich, ohne es zu wollen, doch Motive und Handlungselemente längst fertiger Texte "recycelte" - nicht etwa durch direktes Abschreiben oder gar "copy-paste", sondern aus dem Gedächtnis. Der Zeitdruck und die nano-typische Enthemmung führt dazu, dass ich viele Situationen so ähnlich schilderte, wie ich sie schon mal geschildert hatte. Im Gehirn abgelegte Textbausteine, wenn man so will, oder selbst gemachte Handlungsklischees. Etwas heikler sind "innere Textbausteine", die aus dem Textgedächtnis, Abteilung: "tolle Romane so intensiv gelesen, dass ich sie inhaltlich auswendig kann" stammen. Einiges bei mir erinnert stark an Szenen aus Romanen und Geschichten von Foster, London, Melville, Defoe, Kent usw. usw. . Was, solange die sinngemäßen Zitate unter der Plagiatsschwelle bleiben, nicht weiter schlimm ist.

Übrigens ist "Löschen" keine Option mehr. Es wollen einfach zu viele mein Machwerk lesen. Aber ich bitte ich um etwas Geduld, wenigsten so lange, bis ich den schon fertigen Text halbwegs auf Vordermann gebracht habe.

Normalerweise befördert das mit Schreiben verbundene Grübeln und Sinnieren bei mir depressive Tendenzen - weshalb denn auch das Thema "Studenten-WG aus der 80er Jahren" wahrscheinlich Gift für meine Stimmung gewesen wäre - selbst oder gerade dann, wenn ich einen "heiteren" Roman über das Thema geschrieben hätte. Gute Komik ist Schwerarbeit. (Deshalb sind die meisten "Commedians" im Fernsehen ja auch so schlecht.)
Der November verging "wie im Flug", und fast ohne "Novemberblues". Dank NaNoWriMo!

Sonntag, 29. November 2009

"Religiöse Rechte" im toten Winkel

Im politischen Leben der USA gibt es schon lange den Begriff der "Religious Right" oder genauer Christian Right. Er beschreibt als Sammelbegriff Menschen, die aus religiöser Überzeugung (oder auch mit nachgeschobener religiösen Begründung) politisch sehr konservative bis reaktionäre Positionen vertreten.
Der Einfluss der konservativen evangelikalen Christen auf die politische Landschaft der USA verursacht bei allen ein flaues Gefühl, die selbst keine konservative evangelikale Christen sind.

Wir im gesellschaftlich weitgehend säkularen Deutschland neigen gerne dazu, die "Religiöse Rechten" für ein Phänomen des "Bibelgürtels" der USA zu halten. Weit gefehlt!

Tatsächlich haben die "großen Kirchen" in Deutschland eine politische und gesellschaftliche Machtstellung inne, die demokratisch nicht legitimiert ist. Ein Beispiel: In Deutschland müssen die Kirchen keine Spenden oder Mitgliedsbeiträge für sich sammeln, weil der Staat sie als Steuern für sie eintreibt. Deshalb sind sie auch nicht darauf angewiesen, so lautstark für sich Reklame zu machen, wie die Kirchen in der USA - dem ersten Land der Erde, in dem die Trennung von Staat und Kirche in die Verfassung aufgenommen wurde. Tatsächlich ist die Kirchensteuer nur die Spitze des Eisbergs im "Kirchenstaat Deutschland" Wer finanziert die Jesus GmbH? (jungle world)
Es gibt keinen vernünftigen Grund für die weitreichenden Privilegien der Kirchen.

Eine Hochburg der deutschen "Religiösen Rechte" ist interessanterweise Hessen. Nicht, weil es in Hessen besonders viele besonders fromme konservative Christen gäbe. Auch nicht, weil die hessische CDU, ähnlich der bayrischen Schwesterpartei CSU das "C" im Parteinamen besonders herausstellen würde.
Nein, der Einfluss konservativer Christen funktioniert nach dem auch von anderen Gruppierungen bekannten Prinzip des Klüngeln, Filzens und Einblasens. Er funktioniert vor allem aufgrund schon lange "eingeschliffener" Strukturen. Er funktioniert übrigens über Konfessiongrenzen hinweg - was konservative Christen eint, ist ihre Abneigung gegen alle, die der Idee einer "chrlstlichen Leitkultur" oder einer "christlichen Wertegemeinschaft" nichts abgewinnen können.
Es war wohl alles andere als ein Zufall, dass gerade in Hessen 2007 die damalige Kultusministerin Karin Wolff auf die eines amerikanischen "Christian Right" aus dem tiefen Süden "würdige" absurde Idee kam, man möge im Biologie-Unterricht auch die biblische "Schöpfungslehre" behandeln. Kreationismus im Biologie-Unterricht (hpd).
Das wäre in etwa so, als sollte in Erdkunde oder Astronomie auch das geozentrische Weltbild behandelt werden, weil es nun einmal besser mit den Aussagen der Bibel übereinstimmt, als das nach der Kopernikanischen Wende in der glaubensfernen Naturwissenschaft üblich gewordene. Ich stelle mir vor, was geschähe, wenn ich als Politiker fordern würde, dass in Biologie unterrichtet werden möge, wie Odin, Hœnir und Loðurr die ersten Menschen Askr und Embla aus am Strand angetriebenen Baumstämmen, einer Eibe und einer Ulme, schufen. Ich gehe jede Wette ein, dass ich nicht nur Minuten später alle Ämter los wäre und das Parteiausschlussverfahren eingeleitet würde, sondern unter Umständen müsste ich sogar mit einer Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik rechnen. Und das, obwohl ich "nur", genau wie Frau Wolff, wissenschaftliche Theorien und Mythologie durcheinander geworfen hätte.

Eine Struktur, die zwar nicht "religiös rechts" ist, aber sehr zum gedeihen religiös-konservativer Seilschaften beiträgt, ist die veröffentlichte Meinung.
Ich halte es auch nicht für einen Zufall, dass im hessischen Landtagswahlkampf im Januar 2009 der Linke-Kandidat Günter Biernoth in der Presse in die "Spinner-Ecke" gestellt wurde:
Auch ein Hexenmagier kandidiert (FR)
Üble Nachreden und Hexenkult: Linke in Hessen zerlegt sich (Bild.de)
Austritte erschüttern Hessens Linke (SpOn) unter: "Kuriose Leute arbeiten für die Fraktion"
Verraten und verkauft - Streit und Austritte bei der Linksparte (sueddeutsche.de)
Heidnischer 'Priester' will für 'Linke' in den hessischen Landtag (kath.net)

Nachtrag: Besonders hämisch äußerte sich eine Anti-"Linke" "Initiative" im hessischen Wahlkampf: DIE LINKE - Mit "schwarzer Magie" in den Landtag?

Günter Biernoth ist schon seit Jahrzehnten politisch engagiert, bei der SPD, den "Grünen" und schließlich bei der "Linken", und war lange Zeit aktiver Gewerkschaftler. Er ist allerdings auch Wicca und betreibt einen kleinen Hexenladen - vom Sortiment her in etwa mit einem Esoterik-Laden der soliden Sorte vergleichbar. Der Antwort der Parteichefin Ulrike Eifle ist eigentlich nichts hinzuzufügen: "Wenn es nicht offen sexistisch, rassistisch oder neoliberal ist, dann ist es seine Privatsache."
Eigentlich, denn hier greift eine weitere Struktur, die sich vor allem in der Kohl-Ära herausgebildet hatte, und die sicher auch vom (schlechten) Vorbild der US-Wahlkämpfe beeinflusst wurde: Politik als "Personality Show", in der das Privatleben der Politiker wichtiger ist als etwa ihre politischen Positionen, ihre Sachkenntnisse oder ihre Leistungen (und Fehlleistungen). Damit rückt etwa die Frage, ob jemand Katholik, Atheist oder Wicca ist, für die Medien in den Mittelpunkt des Interesses. Das starke Medieninteresse an solche Fragen verstärkt wiederum die Tendenz, Kandidaten nach nicht-politischen, nicht-fachlichen Kriterien wie z. B. der "richtigen Religionszugehörigkeit" auszuwählen. (Zur Abwechslung könnte man ja mal andere Dinge aus den USA übernehmen, z. B. eine Trennung zwischen Staat und Kirchen, die diesen Namen auch verdient. Oder eine Offenlegungspflicht der Einkommen der Abgeordneten, die diesen Namen verdient.)
Zum Vergleich stelle man sich einmal vor, eine Zeitung hätte thematisiert, dass ein CDU-Kandidat und engagierter Christ eine christliche Buchhandlung oder einen Devotionalienhandel betreiben würde. Auch bei einem "Grünen"-Kandidaten mit "New-Age"-Esoterikladen hätte sich die Skandalsierung sicher in Grenzen gehalten. Die Kombination "böse Linkspartei" und "komische Religion, vielleicht Satanist oder, weil Heide, Nazi-Mystiker" war ein gefundenes Fressen.
Tendenzen zu einem religiös begründeten Konservativismus gibt es auch im benachbarten Thüringen, wo mit Dieter Althaus ein aktiver Förderer des Kreationismus Ministerpräsident war, und die derzeitige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht Mitglied in der evangelikalen missionarisch tätigen Organisation Pro Christ ist.

Ich halte es daher auch nicht für einen Zufall, dass mit Kristina Köhler ein Mitglied der sehr konservativen Selbständigen Evangelisch-Lutherische Kirche neue Bundesfamilienministerin wurde. Einerseits gilt Frau Köhler in Familienangelegenheiten als relativ liberal - jedenfalls im Vergleich zum in den Unionsparteien nach wie vor sehr stark präsenten konservativ-patriarchalischen Familienbild.
Anderseits ist ihre Position gegenüber dem Islam - nicht nur dem politisch radikalen Islamismus - die ihr sogar den (hoffentlich unerwünschten) Beifall der Anti-Islamisten des Blogs "Politically Incorrect" eintrugen - ohne ihren ausgeprägt christlich-konservativen Standpunkt kaum zu verstehen. Ich vermute, dass der christlich-konservative "Stallgeruch" ein entscheidender Faktor bei ihrer steilen Karriere ist.

Einen interessanten Aspekt der deutschen Neigung, christlich-konservative Einflüsse einfach auszublenden, zeigt ein kleines Gedankenexperiment des "Science Bloggers" und Astronomen Florian Freistetter: Kommunistische Kinderbücher?.
Während politische indoktrinierende Bücher für Vorschulkinder zurecht allgemein abgelehnt werden, sehen die meisten Menschen religiöse Bücher, wie etwa die beliebten Kinderbibeln, für Kindergartenkinder offensichtlich nicht als Problem. Genausowenig wie ein Fünfjähriger eine vernünftige und objektive Vorstellung vom Kommunismus erhalten kann, kann er religiöse Vorstellungen objektiv einschätzen.
Please don't label me
Ein häufiger Einwand ist, dass die biblischen Geschichten von den Kindern lediglich als Geschichten, etwa wie Märchen, wahrgenommen würden. Es wäre schön, wenn das immer so wäre.
Ich bin der Ansicht, dass für Kinder mythologische Texte, und das sind viele Märchen nun einmal ("gesunkene Mythen" im Sinne Jakob Grimms), Fabeln und Parabeln wichtig sind - auch und gerade für die Vermittlung von Werten. Dennoch stelle ich Kinderbibeln und Märchenbücher nicht auf die gleiche Stufe.
Bei Märchen besteht nämlich ein gesellschaftlicher Konsens, dass es sich dabei nicht um wörtlich zu nehmende Beschreibungen historischer oder naturwissenschaftlicher Tatsachen handelt.
Ein Kind bekommt in unserer Gesellschaft zwangsläufig mit, dass Märchen eben "nur" Geschichten sind, die vielleicht "irgendwo" wichtige Dinge und Wahrheiten enthalten, aber dass es die böse Hexe aus Hänsel und Gretel oder den König Drosselbart "in echt" gar nicht gibt.
Bei der Bibel ist das anders. Dieser mythologische Text ist für viele Menschen weit über die Kreise der Fundamentalisten im engeren Sinne historische oder - siehe Kreationismus - sogar naturwissenschaftliche Realität. Wenn das Kind Pech hat, hört es erst sehr spät in seinem Leben von anderen Ansichten zum Realitätsgehalt der Bibel.
So gesehen ist ein Buch, das Kinder "den christlichen Glauben vermitteln" will, immer auch ein Mittel der Indoktrination.

Samstag, 28. November 2009

NaNoWriMo - einige Gedanken übers Schreiben

Chandler schrob sinngemäß, dass ein Schriftsteller, der über das Schreiben schreibt, sonst nichts mehr zu schreiben hätte.
Ich bin der Meinung, dass ein Blogger, der vor allem über sich selbst schreibt, das Bloggen besser zugunsten des guten, alten Tagebuchschreibens aufgeben sollten.

Daher verstößt dieser Beitrag gleich gegen zwei meiner Prinzipien. Vielleicht, weil ich weder Schriftsteller noch "A-" (oder auch nur "B-", "C-" oder "D-") -Blogger bin? (Zur Erinnerung: Schriftsteller ist nicht jemand, der schreibt, sondern jemand, dessen Beruf es ist, zu schreiben.)

Für mich ist der NaNoWriMo eine (weitere) Lektion in der "Schule des Lebens", im Fach "Kreativität". Weil ich merke, wie sehr meine "Filter", der "innere Zensor", die "Schere im Kopf", meine schöpferische Fähigkeiten normalerweise behindern. Ich merke aber auch, dass einige - nicht alle - dieser Filter nötig sind, aus ethischen Gründen, und aus Gründen der Selbstachtung. So nötig, dass ich mein hektisches Geschreibsel selbst Freunden nicht zum Lesen geben werde, bis ich ein wenig "Selbstzensur" an dem Skript verübt habe. Ich gehöre nicht zu den Typen, die sich in Nachmittagsshows oder in Castingsendungen öffentlich bloßstellen.
Der Gedanke, dass die Leser meines "Senfblogs" oder eines von mir unüberlegt dahingeschriebenen Romanversuches wie bei einer "Docu Soap" in voyeuristischen Freuden schwelgen könnten, mag mir, bei allem Selbstdarstellungsdrang, gar nicht behagen. Warum sollte ich der Welt Dinge anvertrauen, die ich allenfalls einem Psychotherapeuten anvertrauen würde - und auch das nur, weil ich mir davon Heilung verspreche und weil ich auf die Schweigepflicht vertraue?

Zu den "nicht notwendigen" Filtern. Wie kommen die in meinen Kopf - und in den Kopf vielen anderer?
Eine Antwort: Sie sind erlernt - und manchmal so tief verinnerlicht, dass ich vergesse, dass sie mir beigebracht wurden. Ich vermute, dass das anderen genau so geht.

Kreatives Schreiben ist eine "Handfertigkeit", und es kann und muss, wie jede Handfertigkeit, erlernt werden. Die Grundlagen - nicht die Handfertigkeit selbst, denn die kommt durchs Ausprobieren, Üben, Scheitern, trotzdem weitermachen - die lassen sich zum Beispiel in speziellen Seminaren lernen. Es soll sogar Schulen geben, in denen das "kreative Schreiben" gelehrt wird. Die Schulen, auf denen ich war, gehörten eindeutig nicht dazu. Was vielleicht gar nicht so schlecht war, wenn ich daran denke, was ich so alles nach der Schulzeit verlernen musste.

"Kreatives Schreiben" ist, davon bin ich nicht erst seit den "NaNo" überzeugt, "intuitives" Schreiben.
Im "nichtkreativen Schreiben", wozu ich ausdrücklich auch den Journalismus zähle, hat Intuition einer eher untergeordnete Funktion. Die "journalistische Spürnase" ist wichtig, wenn ein Journalist recherchiert (also das tut, wozu Journalisten im Arbeitsalltag kaum noch kommen). Beim Schreiben des Artikels zählen nur, wie in der gerade vom "Focus" so selten beherzigten alten "Focus"-Werbung, Fakten, Fakten, Fakten.

In den Schulen wird das "intuitive" Schreiben nicht gelehrt. Ganz im Gegenteil. Ich hatte noch das Glück, "altmodische" Hausaufsätze schreiben zu dürfen - zurecht "dürfen", denn damit habe ich mir einige Male die gute Deutschnote gerettet. (Ich hatte und habe einen starken Hang zur eigenwilligen Rechtschreibung und Grammatik, und war daher in Deutsch nie "sehr gut". Bis auf die Abi-Note. Wie ich das damals schaffte, ist mir bis heute ein Rätsel.)
Aber schon zu meiner, nun einige Jahrzehnte zurückliegenden Schulzeit, stand der "freie Aufsatz" tief im Schatten des angeblich "objektiven" Schreibens. (Obwohl es ausgerechnet eine Deutschlehrerin, die auch Philosophie unterrichtete, war, die uns eindringlich vor der Illusion warnte, dass etwa eine der schon damals so beliebten "Erörterungen" auch nur annähernd "objektiv" sein könnte. Sie gab auch zu, dass es zum Teil sicher von ihrem literarischen Geschmack abhänge, ob eine Textinterpretion als "gut" oder "sehr gut" bewertet würde - sie könne kann nur versuchen, dabei fair und gerecht zu sein, und zur Fairness gehöre es nun mal, den Schülern nichts vorzumachen. Sie gab sogar zu, dass die von der Kultusministerkonferenz geforderte "objektive" Notengebung geradezu zwangsläufig unfair sei. Nun ja, sie stand kurz vor der Pensionierung und hatte nichts mehr zu verlieren ... )

In der Schule lernt man, wenn man, wie ich, Glück hatte, in etwa so beim Schreiben vorzugehen: Zuerst ein Überblick über den Stoff geben, dann Fragestellungen entwickeln, Argumente sammeln, das Ganze ordentlich gliedern, möglichst viele Sichtweisen diskutieren, um ganz am Ende - wenn gefordert - noch zwei, drei Sätze "eigene Meinung" darunter zu setzen. Dass die "eigenen Meinung" nur selten gefordert wird, gehört meines Erachtens zum "heimlichen Lehrplan". Wobei meiner Ansicht nach sehr, sehr viele Deutsche allein die Lektion aus dem "heimlichen Lehrplan", dass die eigenen Meinung unwichtig sei, und man auf die Frage "Was meinst du dazu?" im eigenen Interesse möglichst nie offen und ehrlich, sondern dem mutmaßlichen Wunsch des Frager gemäß antworten sollte, aus der Schule mit ins Leben nehmen.

Verkehrt ist es nicht, so zu schreiben. Es ist nur unkreativ. Zwar bleibt im Berufsleben für solch eine Sorgfalt meistens weder Zeit noch Energie, aber Konzepte, Berichte oder wissenschaftliche Arbeiten sollten tatsächlich die eine oder andere Lektion über das "richtige Schreiben" aus Schul- Studiums- und Ausbildungstagen berücksichtigen.
Schon beim journalistischen Schreiben ist das etwas anders. In der Nachricht, der Reportage, dem Bericht usw. sollten nun einmal die Fakten zählen, nicht Meinungen, Gefühle und schon gar nicht Gesinnungen. Aber gerade ein Journalist sollte sich vor der Illusion hüten, er oder sie würde objektiv berichten. Hinzu kommt, dass
ein Journalist ohne (fundierte) Meinung und den Mut, sie auch an passender Stelle zu äußern, meiner Ansicht nach den Beruf verfehlt.

Sogar beim Bloggen - und erst recht beim "richtigen" journalistischen Schreiben - gibt es eine lange Liste "unbeschreibbarer" Themen. Die gibt es natürlich auch beim Roman, jedenfalls dann, wer er veröffentlicht werden soll. Ich vermute, dass einer der wichtigsten Gründe dafür, dass das Sortiment in Buchhandlungen von einer unübersehbaren Öde geprägt wird (siehe Schreiben nach Schema F?) die in den letzten Jahren deutlich länger gewordene "das-geht-nicht"-Liste bei Großverlagen ist.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich ausgerechnet beim Schreiben eines Romans, der diese Öde kein Stück beleben würde, wenn er dann erscheinen würde, merkte, wie tief sich diese lange Liste der "das-geht-nicht"-Themen und -Ansichten in mein eigenes Unterbewusstsein eingefräßt hat.
(Piratenromane und schlechte marinehistorische Romane gibt es schon viel zu viele. Selbst wenn man Geschreibsel gut sein sollte, was es IMO gar nicht ist und nicht sein kann, wäre es immer noch ein Buch, das die Welt nicht braucht.)

Mittwoch, 25. November 2009

Nach Mitternacht ... NaNoWriMo

Ich war schon ins Bett gegangen, aber es ließ mir keine Ruhe, es fehlten mir nur noch 637 Wörter. Im Bett kamen mir ein paar tolle Dialogideen. Ich stand einfach wieder auf und schrieb drauf los.
Als ich dann doch so gegen Eins aufhörte, zählte "OpenOffice" 50061 Wörter!
(Nach dem Verifikationsprogramm von NaNoWriMo sind es sogar 51003, aber da sind Prolog, Inhaltsverzeichnis, Anmerkungen, Notizen usw. mit drin, weil ich einfach mit "Strg A" alles markierte - die "reine Story" ist wirklich "nur" 50061 Wörter lang.)
Ich hatte es geschafft und war total geschafft.
NaNoWriMo 09 Winner
Der Roman "Brüder der Küste" ist noch lange nicht fertig. Es fehlen sogar noch einige Kapitel, es gibt Lücken in der Handlung, und vor allem fehlt ein Schluss. Und es ist alles "Quick & Dirty"! Aber trotzdem ....
ich weiß jetzt: ich kann's!

Übrigens stehe ich bei so einem "ausgeluschten" Thema wie "Piraten in der Karibik" vor einem bekannten Problem: Es gibt eigentlich nichts Neues mehr. Alles ist nur Variation des Alten. Weshalb auch eine enge inhaltliche Verwandschaft zu Sabatinis "Captain Blood" und zu Crichtons "Pirate Latitudes" unübersehbar sein dürfte. Die ganze Spannung und Originalität liegt also am "wie", nicht am "was". Ich weiß nicht, ob ich auch nur den Hauch einer Chance habe, anders, aber eben so gut wie Sabatini oder Crichton zu schreiben, aber es gibt nur eine Methode, das herauszufinden: Ausprobieren.

Einiges zur rohen Vorfassung eines Romanfragments (mehr ist es zur Zeit noch nicht) "Brüder der Küste" auf hrafnsgaldr - NaNoWriMo unter "Novel Info".

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