Sonntag, 18. Januar 2009

Politikverständnis, deutsches

Nach Angaben des Deutschen Kinderschutzbundes werden rund 80 Prozent der Fälle von sexuellem Missbrauch *) an Kindern im familiären Umfeld begangen, dies gilt unter anderem für die Aufnahme kinderpornografischer Bilder.
(*) Besser wohl: sexualisierter Kindesmisshandlung, es gibt keinen "korrekten Gebrauch" von Kindern!)

Neue Bedenken gegen Web-Sperren im Kampf gegen Kinderpornographie

Auch wenn es unter den Politiker der im Bundestag vertretenen Parteien und unter den einschlägigen Verbandsfunktionären sicher zahlreiche Fälle von informationstechnischem Analphabetismus gibt, müssten zumindest diejenigen, die wissen, wo man den Rechner anschaltet und was denn ein Browser ist, wissen, dass die geforderten Zensur- und Blockademaßnahmen aus technischer Sicht schlicht Blödsinn sind.
Sagt irgend einer einfach: Ich mache diesen unnützen Scheiß nicht mit?
Nö. Denn wir sind in Deutschland. Und in der Deutschen Politik kommt es nicht darauf an, dass eine Maßnahme wirksam ist oder wenigstens nicht schadet, sondern, dass sie gut gemeint ist (die beiden Konjunkturprogramme sind z. B. voller rein symbolischen Maßnahmen) - die (vermeindlich) moralische Absicht rechtfertigt alles - einschließlich Grundrechtsverletzungen.
Die grüne Familienpolitikerin Ekin Deligöz warnte davor, sich von einer Sperrung von Kinderpornos im Internet "Wunder" zu erwarten. "Der Zugang zu Internetseiten kann blockiert werden, aber nicht der Zugang zu Pornographie", weiß die künftige Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestags.
So weit, so gut. Was nun kommt, ist für das deutsche Politikverständnis leider symptomatisch:
Der Konsum verschiebe sich auf ausländische Seiten oder auch auf den Postweg. Sie unterstütze eine Gesetzesänderung für das Vorhaben der Familienministerin dennoch, da es damit zumindest schwieriger werden könnte, an Kinderpornographie heranzukommen.
Also, im Klartext: es gibt durch die Filterung weder weniger Kinderpornographie noch weniger Konsum von Kinderpornos. Dass potenzielle Konsumenten es dann eventuell ein klein wenig schwierigen haben, an ihren "Stoff" zu kommen, rechtfertigt massive und aufwändige Zensur. (Der Internetexperte der Opferorganisation "Weißer Ring", Veit Schiemann, wies darauf hin, wie viel Personalaufwand mit einer ständig aktualisierten BKA-Liste verbunden wäre.) Wobei "Kinderpornographie im Internet" sowieso nicht über das WWW, also Websites, läuft, sondern über File Sharing, IRC und in gewissen Umfang auch noch Usenet-Gruppen. Selbst die "verschlüsselten Seiten", die Harald Summa, Geschäftsführer des Providerverbandes Eco erwähnt, dürften kaum eine Rolle spielen, da sie für die Betreiber zu riskant wären. Im Übrigen widerspricht auch Summa Erwartungen, durch die Filterung könne die Kinderpornografie an sich verhindert werden.
Gegen die größte reale Gefahr für surfende Kinder, nämlich die, dass ein Kind in einem Chatroom von einem Pädosexuellen angechattet wird, sind technische Filtermaßnahmen ohnehin unnütz.

Was soll das Ganze also? Eine mögliche Antwort gibt der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar im Tagesspiegel: Bis zur Sperre. (Übrigens ein Artikel, der voller unhinterfragter Behauptungen steckt.)
„Es muss vermieden werden, dass normales individuelles Surfverhalten nachverfolgt wird.“ Sonst könnte solch ein Filter etwa auch für die Kontrolle von Urheberrechten benutzt werden.
Ich bin kein Freund von Verschwörungstheorien, allerdings sieht es für mich durchaus so aus, als ob genau das mittelfristig der Sinn der Übung wäre: das politische Fernziel wäre die Möglichkeit, das Surfverhalten "endlich" wirksam kontrollieren zu können (und bei "auffälligem Verhalten" präventiv einzuschreiten). Ich habe den Eindruck, unsere politische Klasse hat (möglicherweise zurecht) Angst vor dem Internet und will es deshalb so weit wie irgend möglich kontrollieren.
Ein kurzfristiger ökonomischer Nutzen entsteht durch die Urheberrechtskontrolle.
Natürlich ist die Rechteverwertungsindustrie (denn um deren Interessen geht es bei der Urheberrechtskontrolle, nicht etwa um die der gern vorgeschobenen Kulturschaffenden) nicht allmächtig - tatsächlich beschränkt sich ihre Macht darauf, dass ihre Lobbyisten das Ohr der politischen Entscheider haben. Aktuelles Beispiel ist die von der EU geplante Verlängerung der Schutzfrist von Tonaufnahmen auf 95 Jahre: Open Rights Group zur geplanten Verlängerung der Schutzfrist des Copyrights für Tonaufnahmen

Nun ist die Musikindustrie eine eher unwichtige Brache. Deshalb fragt Thomas Knüwer zurecht:
Wenn selbst eine so unbedeutende Branche eine Internet-Sperrung erreichen kann - was passiert, wenn größere Industrien entsprechendes begehren?
Wie eng politische und kommerzielle Interessen bei der Bürgerüberwachung verzahnt sind, zeigt sich auch bei der Vorratsdatenspeicherung: Vorratsdaten - Überwachungstechnik als Wettbewerbsvorteil - Teil 2: Merkantiler Mehrwert und bereits anfallende Daten.

Freitag, 16. Januar 2009

Tierfreundliche Nazis?

Neulich hatte ich ein Deja-Vu-Erlebnis der besonderen Art. Ich hörte einen Spruch, denn ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hätte, und von dem ich dachte, dass ihn heutzutage außerhalb des politischen Kabaretts und politisch kackbrauner Kreise niemand in den Mund nehmen würde.

Als ich noch ein kleiner Junge war, das ist schon gut 40 Jahre her, da redete meine Oma - oder besser: sie verplauderte sich - über die Nazizeit. Anders als meine andere Großmutter, die sich über die Zeit "damals" keine Illusionen machte, und anders als meine beiden hinsichtlich ihreres Verhaltens in der Nazizeit sehr verschiedenen Großväter plauderte sie naiv den einen oder anderen Propagandaspruch von "damals" nach. Der Spruch von den Autobahnen, die Hitler "erfunden" hätte, wurde jedesmal besonders peinlich aufgenommen. Und regelmäßig kam der Spruch, dass die Nazis sich als erste so richtig um die Tiere gekümmert hätten und die besten Tierschutzgesetze der Welt erlassen hätten.

Zur Verteidigung meiner längst verstorbenen Großmutter muss ich erwähnen, dass ihre Äußerungen einer Mischung aus politischer Naivität und einer beginnender paranoiden Schizophrenie entsprangen, an der sie später auf tragische Weise erkrankte: Bruchstücke der Nazi-Ideologie passten zu ihrer immer stärker werdenden Angst vor gegen sie gerichteten Machenschaften.

Hingegen sind die Tierrechtler, mit denen ich mich unterhielt, wahrscheinlich nicht paranoid im klinischen Sinne, sie wirkten auch nicht naiv, und wie "klassische" Neonazis wirkten sie auch nicht - eher wie menschen- und tierfreundliche Spät-Hippies. Mit Hitler hatten sie allenfalls den Vegetarismus gemein.
Deshalb war ich über das große Lob für den "vorbildlichen Tierschutz der Nazis" doch leicht verwundert. Besonders erstaunlich aus dem Munde eines vegan lebenden Menschen fand ich das Lob für das Nazi-Verbot des "tierquälerischen" Schächtens (das andere Schlachtmethoden, auch brutale, ausdrücklich zuließ).

Das Schächten von Tieren - also das Schlachten mittels Durchtrennung der Halsschlagader, wie es Judentum und Islam vorschreiben - war schon im April 1933 verboten worden. Das Verfahren wirkt brutal, ist es aber nicht: korrekt ausgeführt, ist es ein da Leid des Tieres gering haltendes Verfahren. Der Schnitt muss durch Hin- und Herfahren ohne Druck und ohne die geringste Unterbrechung mit einem rasiermesserscharfen, glatten und schartenfreien Messer ausgeführt werden. Der Tod tritt innerhalb von 3-4 Sekunden ein. Das Tier muss, gemäß den religiösen Vorschriften, vollständig ausbluten.
Obwohl sachgemäßes Schächten also keineswegs grausamer ist als andere Schlachtmethoden, ist es immer noch unter Tierschützern umstritten, und in Deutschland nach wie vor nur mit Ausnahmegenehmigung möglich.
Unter Antisemiten und Moslemfressern ist das "grässliche Tieropfer" nach wie vor ein beliebtes "Argument".

Dass historische Sensibilität nicht gerade zu den Stärken radikaler Tierrechter zählt, ist spätestens seit der berüchtigten Werbekampagne der Tierrechtler von "PeTA" bekannt, die 2004 Massentierhaltung und Holocaust gleichsetzte ("KZ-Hühner").

Aber auch bei den weniger radikalen Tierfreunden gilt das Reichstierschutzgesetz von 1933 nach wie vor als Meilenstein des Tierschutzes. In der Bundesrepublik blieb es bis 1972 unverändert in Kraft - einschließlich seiner Präambel, in der es hieß:
Die überwältigende Mehrheit des Deutschen Volkes hat schon lange das Töten ohne Betäubung verurteilt, eine Praxis, die unter Juden allgemein verbreitet ist.
Darüber, dass Menschenfeindllichkeit und Tierliebe bei den Nazis so gut zusammengingen, haben sich sich seit 1933 zahlreiche humanistische Denker die Köpfe zermartert. Zum Beispiel die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, anfangs der 1940-er Jahre in ihrer berühmten "Dialektik der Aufklärung". Sie erkannten, dass die Nationalsozialisten ihren Hass gegen Menschen als Barmherzigkeit gegen die Tiere verkleideten.
Das bedeutet, dass die "Tierliebe", anders als mutmaßlich bei den meisten Tierschützer, bei den Nazis nur eine sekundäre Erscheinung war. Was übrigens nicht bedeutet, dass die Tier- und Naturfreundlichkeit der Nazis nur gespielt war, schließlich wurzelte die "Bewegung" auch im "völkischen" Zweig der Lebensreform.

Adorno und Horkheimer erkannten, dass hinter der betonten Kinder- und Tierfreundlichkeit der "Faschisten" (womit sie in erster Linie Nazis meinten) wohl mehr steckte als der alter Werberspruch "Kinder und Tiere gehen immer":
Das lässige Streicheln über Kinderhaar und Tierfell heißt: die Hand kann vernichten. Sie tätschelt zärtlich das eine Opfer, bevor sie das andere niederschlägt, und ihre Wahl hat mit der eigenen Schuld des Opfers nichts zu tun. Die Liebkosung illustriert, dass alle vor der Macht dasselbe sind, dass sie kein eigenes Wesen haben. Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material.
Auch das Engagement der Nazis gegen Tierversuche war tief vom Antisemitismus durchdrungen - Tierversuche als Ausdruck und Symbol "jüdischer" Wissenschaft:
Weißt Du, dass Dein Führer schärfster Gegner jedweder Tierquälerei, vor allem der Vivisektion, der wissenschaftlichen Tierfolter ist, dieser entsetzlichen Ausgeburt der jüdischen Schulmedizin?
(Aus der Propagandazeitschrift "Die Weiße Fahne", zitiert nach Tierliebe Menschenfeinde.) Tierquälern drohte Hermann Göring mit Konzentrationslager - und das war keine leere Drohung. "Selbstverständlich" galt das nicht für "kriegswichtige" Forschungsprojekte, die ohne weiteres auch mit einer großen Anzahl an Tierversuchen durchgeführt wurden.

Eine besondere Rolle im "Tierkult" der Nazis nahmen Hunde ein, "natürlich" besonders die "Gebrauchs-" und "Diensthund"-Rassen, allen voran der Deutsche Schäferhund. Nicht nur Hitler, Himmler und Göring liessen sich gern als Hundefreunde präsentieren (auch wenn viele der Filmaufnahmen, die Hitler mit seiner Schäferhündin Blondi zeigten, eher die Unbeholfenheit des Diktators dokumentierten). Heiko Gebhardt schrieb im damals Aufsehen erregendem Buch "Du armer Hund", in dem der engagierte Hundefreund 1978 die heile Welt der deutschen Hundehalter, -züchter und -vereine kritisch unter die Lupe nahm:
Noch heute schwärmt mancher alte Hundeverbandsfunktionär von der Hitlerzeit, nicht weil er ein unbelehrbarer Nazi wäre, sondern weil es den Hunden und den Verbänden, die dazu gehörten, damals so gut ging. Dem Hund erging es bald schlecht. Im Zweiten Weltkrieg schnallte man ihm Mienen auf den Rücken und hetzte ihn auf feindliche Panzer. Per Fernzündung jagte man ihn dann zusammen mit der Bombe in die Luft.
Dem blutigen Zweck der Herrschaft ist die Kreatur nur Material.

Donnerstag, 15. Januar 2009

Tröstliches für "Kaffee-Junkies"

Heute auf dem Wissenschaftsportal scinexx gefunden:
Wer drei bis fünf Tassen Kaffee am Tag trinkt, hat möglicherweise ein deutlich geringeres Risiko, an Alzheimer oder Demenz zu erkranken, als Menschen, die keinen oder sehr wenig Kaffee trinken. Das ergab eine schwedisch-finnische Langzeitstudie zu den Einflüssen von Koffein auf das zentrale Nervensystem.
Weiter: Kaffeetrinken senkt Demenzrisiko.
Wirkt übrigens ganz solide, im Gegensatz zu einer gewissen Studie zur halluzinogenen Wirkung von Koffein ...

Mittwoch, 14. Januar 2009

Rauschmittel Kaffee?

Jedenfalls könnte man das angesichts der Überschrift dieser Meldung auf dem Wissenschaftsportal spektrum.de vermuten: Halluzinogener Kaffee.

Wie bei solchen Meldung nicht unüblich, entpuppt sich die vermeintlich heiße Neuigkeit beim näheren Hinsehen als ziemlich kalter Kaffee: Simon Jones von der Durham University und seine Kollegen befragten 200 Studenten zu ihrem täglichen Konsum von Kaffee, Tee, Schokolade oder Koffeintabletten. Anschließend sollten die Probanden Angaben über halluzinatorische Erlebnisse machen. Dabei zeigte sich eine klare Korrelation: Wer viel Koffein zu sich nahm, halluzinierte öfter.

Damit gibt es strenggenommen nicht den geringsten Hinweis darauf, dass das Koffein selbst halluzinogen wirken würde. Jones selbst vermutet einen indirekten Effekt, der durch die stimulierende Wirkung des Koffeins hervorgerufen wird, sein Kollege Charles Fernyhough ist hingegen der Ansicht, dass Studenten mit Neigung zur Halluzinationen einfach mehr Kaffee trinken würden.

Pseudo-Halluzinationen (d. h. Sinnestäuchungen, bei denen sich der Betroffen klar darüber ist, dass es Sinnestäuschungen sind) sind sehr viel weiter verbreitet, als allgemein angenommen wird. Sie könnten für kreatives Denken wichtig sein - viele bekannte Künstler, Philosophen, Wissenschaftler und Schriftsteller neigen zu Pseudo-Halluzinationen, oder anders ausgedrückt, Visionen.

Dennoch darf man gespannt sein, in welcher Form die "Sensation" durch die Medien laufen wird. Denn bei "Halluzinogen" denken die meisten Menschen sofort an so potente Drogen wie LSD, und bei LSD an ein ganz, ganz übles Rauschgift. Was man bekanntlich auch ganz
anders sehen kann.

Nachtrag: Man kann sich auch online an der Untersuchung beteiligen: caffeine questionnaire. Ich habe das getan, und doch erhebliche Lücken im Fragenkatalog festgestellt, z. B. gibt es keine Fragen nach sonstigem Drogengebrauch. Bei einigen Fragen habe ich den Eindruck, dass jemand, der oder die nur eine lebhafte Phantasie hat und gut visualisieren kann, als "tendenziell halluzinierend" eingeordnet wird. Andererseits sind die Fragen, mit denen offensichtlich eine paranoide Haltung aufgespürt werden soll, so offensichtlich, dass sie kein halbwegs intelligenter Paranoiker wahrheitsgemäß beantworten dürfte ;-)
Für eine Studie, die im Rahmen der psychologischen Fakultät einer renommierten Universität läuft, ist der Fragenkatalog meines Erachtens erschreckend schlecht durchdacht - selbst wenn es ein Studentenprojekt sein sollte (worauf es keine Hinweise gibt).

Eine Vermutung über die Lektüre Adolf H.s bestätigt

Schon lange ist bekannt, dass Hitler eine besessenen "Leseratte" war, dass der Völkermörder die Abenteuerschmöcker des Antirassisten Karl May verschlang und Shakespeare schätzte, die Schriften des Antisemiten Paul de Lagarde gewissenhaft durcharbeitete und von Lexikonwissen fasziniert war. Bekannt ist auch, dass er sehr selektiv las - genauer gesagt, las er das aus den Texten heraus, was seiner ziemlich vernagelten Weltanschauung entsprach, was sich sogar auf seine Karl-May-Lektüre erstreckte - und dass er seine Umgebung mit frisch angelesenen "Erkenntnissen" nervte.

Jetzt hat der Historiker Timothy W. Ryback die Bücher des Diktators untersucht - Artikel von Hannes Stein auf "Welt online": Die Bücher, in denen Adolf Hitler gerne schmökerte.

Eine Vermutung, die ich schon lange hegte, wurde durch Rybacks Untersuchung bestätigt: Dass Adolf H. nicht nur als junger Mann okkulte bzw. esoterische Schriften, vor allem ariosophischer Richtung, regelrecht verschlang, sondern dass Hitlers Lektüre auch in seiner Zeit als Diktator zum großen Teil aus okkulten Schmöckern bestand.
(...) Nicht Nietzsche, nicht Schopenhauer, nicht Fichte – letztlich ist es für Timothy Ryback ein esoterischer Schriftsteller namens Max Schertel, der Hitler erklärt. In einem Buch über das "Gesetz der Welt" beklagt jener Schertel, die meisten Europäer seien so materialistisch und zweckrational, dass sie sich an etwas so Äußerlichem wie Fakten orientierten. Das wahre Genie sei dagegen "ektropisch" – es könne sich eine Welt vorstellen und durch bloße dämonische Willenskraft wirklich werden lassen.

Hitler kritzelte begeistert dicke zustimmende Bleistiftstriche an den Rand. Ektropisch! Ganz klar, damit war pfeilgerade er gemeint, der "Führer" höchstselbst!
Das bestätigt auch meinen Eindruck, dass Hitler, der sich im vertrautem Kreise gern spöttisch über völkische Esoteriker äußerte und als "Mann der Wissenschaft" stilisierte, in der Tat "esoterisch" dachte. Als junger Mann geprägt durch die gläubige Lektüre von rassistischen Esoterikern wie Adolf Lanz "von Liebenfels", später berauscht an Schertels Machtphantasien. Dass aber ausgerechnet ein drittrangiger esobärmlicher Schreiber Hitlers Leib- und Magenweltdeuter war, überraschte mich doch - etwas mehr Niveau hätte ich dem Völkermörder schon zugetraut. Aleister Crowley etwa. Oder wenigstens Helena Blavatsky (wobei ich annehme, dass deren Werke auch in Adolf H.s Bibliothek zu finden waren).

Hitler ist jedenfalls ein Musterbeispiel dafür, dass zur Belesenheit auch die Fähigkeit zur Reflexion und zur Selbstkritik hinzukommen muss, damit aus der Anhäufung von Bücherwissen so etwas wie Bildung wird.
Er war eine Null, die gern las.
Da hat Hannes Stein recht.

Nachtrag: Rezension und Auszug aus Hitlers private library (Timothy Ryback) auf der Website der New York Times.

Donnerstag, 8. Januar 2009

Fragebogen - mal nicht als Stöckchen, sondern aus einem Buch

Um die Zeit des Jahreswechsels kursieren verstärkt Fragebögen, unter Bloggern oft in Form sog. Stöckchen.

Einen interessanten Fragebogen fand ich in einem
bemerkenswertem Buch eines bemerkenswerten (und zu früh verstorbenen) Autoren, dem Zettelkasten von Michael Ende.

Vierundvierzig Fragen an den geneigten Leser

Wenn Sie ein Buch wie dieses hier zusammenstellen sollten, nach welchen Kriterien würden Sie Ihre Auswahl treffen?
Danach, ob die Texte für mich wichtig sind, dann, ob ich vermute, dass sie für den Leser wichtig sein könnten. Dann erst die literarische Qualität.

Gibt es Bücher oder Stellen aus Büchern, die Ihr Leben verändert haben?
Ja, sogar eine ganze Reihe Bücher. Ein Beispiel: Hoimar von Ditfurth - Der Geist fiel nicht vom Himmel - und damit zusammenhängend: Das Ich und sein Gehirn (Karl Popper gemeinsam mit John C. Eccles). Hätte ich diese Bücher nie gelesen, hätte ich eine schwere psychische Krise vielleicht nicht bewältigt.

Halten Sie es für Zufall, wenn Sie, von Lebensfragen bedrängt, genau im richtigen Augenblick genau das richtige Buch in die Hand bekommen, es genau an der richtigen Stelle aufschlagen und genau die richtige Antwort finden?
Da mir das schon einige Male passiert ist: Nicht mehr.

Gehört die Bibel, die von Engeln, Dämonen und Wundern berichtet, zur phantastischen Literatur?
Wenn, wie üblich, Mythen und Sagen zur "phantastischen Literatur" gezählt werden, dann ja. Die Tatsache, dass die Bibel für viele Gläubige "heilige Schrift" ist, hebt sie in keine andere Kategorie wie z. B. die Epen Homers.

Gibt es eine Stadt namens Moskau, so wie Tolstoi sie beschreibt, eine Stadt namens Berlin, von der Fontane erzählt, eine Stadt namens Paris, wie Maupassant sie schildert, wirklich, oder hat es sie jemals gegeben?
Tolstois Moskau, Fontanes Berlin oder Maupassants Paris sind Städte, die es, historisch-kritisch gesehen, nie so gegeben hat. Das heißt jedoch noch lange nicht, dass es diese Orte überhaupt nicht gibt.

Ist der Mond, den Goethe duzte ("Füllest wieder Busch und Tal ..."), und der Klumpen aus Schlacke und Staub, auf dem die beiden Astronauten herumtaumelten, ein und derselbe Himmelskörper?
In gewisser Hinsicht: Ja. Auch wenn es den Mond, so wie ihn Romantiker besangen, in der (astronomischen, physikalischen) "Wirklichkeit" nicht gibt. Nebenbei mag ich auch den per Raumflug erreichbaren Himmelskörper Mond nicht als "Klumpen aus Schlacke und Staub" abqualifizieren. In gewisser Hinsicht halte ich die Raumfahrt für ein sehr romantisches Unterfangen.

Kann die Schilderung von Kriegsgreueln einen Menschen belehren oder gar verändern, der diese Kriegsgreuel unbelehrt und unverändert erlebt hat?
Es kann. Zum Beispiel, weil sie Dinge aufdeckt, die die (anscheinend) unbelehrten und unveränderten Kriegsüberlebenden verdrängt hatten. Aber ich bin nicht so optimistisch, anzunehmen, dass diese Schilderungen bei vielen Kriegsüberlebenden so aufdeckend wirken.

Ist das Leiden von tausend Menschen mehr Leiden als das eines einzelnen?
Nein. Es ist nicht mehr Leiden - es leiden mehr Menschen.

Ist eine rote Fläche von einem Quadratkilometer röter als eine gleichfarbige Fläche von einem Quadratmeter?
Nein. Die große rote Fläche ist ein Million mal größer, aber genau so rot.

Wenn unsere Vorstellungen von der Welt sich ändern, ändert sich dann auch die Wirklichkeit?
Ja. Zumindest bei der sozialen Wirklichkeit bin ich mir dessen sicher.

Können Sie etwas denken, wofür es kein Wort gibt?
Ja.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass Sie ein Gedicht 'verstanden' haben?
Ein "Aha"-Erlebnis; das Gefühl, dass das Gedicht in mir eine "innere Resonanz" auslöst. Die Textinterpretation tritt dahinter zurück, die Schulfrage: "Was will uns der Dichter damit sagen?" ist irrelevant.

Halten Sie es für möglich, daß die Menschen in hundert oder zweihundert Jahren über unsere Vorstellungen von der Welt den Kopf schütteln werden?
Ich halte es nicht nur für möglich, ich bin mir dessen sicher.

Was treibt wohl einen Nihilisten dazu, andere Menschen von seiner Ansicht, daß alles sinnlos sei, überzeugen zu wollen?
Kein Mensch ist wirklich konsequent - am wenigsten die Anhänger einer so radikalen Weltsicht wie dem Nihilismus.

Erwartet man zu Recht von einem Maler, der ein gutes Christusbild malt, daß er selbst eine Art Christus sein sollte?
Zu Unrecht. Man erwartet von einem Maler, der ein gutes Pferdebild malt, auch nicht, dass er selbst eine Art Pferd sein sollte.

Was rechtfertigt die Darstellung eines entsetzlichen Foltertodes durch ein schönes Bild, durch schöne Musik oder in schönen Versen?
Wenn es nur darum geht, ein "schönes" Kunstwerk im Sinne vom "ästhetisch gefällig" zu schaffen: Nichts! In einem Kunstwerk, das die Menschen berührt, sie zum Nachdenken und Einfühlen bringt, kann auch die Darstellung eines entsetzliches Foltertodes angemessen sein.

Ist Schönheit eine objektive Tatsache oder ein subjektives Erlebnis, oder ist die Frage so überhaupt falsch gestellt?
Die Frage ist falsch gestellt - bzw. es fehlt die Definition, was unter "objektiv" und "subjektiv" zu verstehen sei. "Objektive Tatsache" ist ohnehin ein höchst fragwürdiger Begriff.

Wenn man die Hände zusammenschlägt - welchen Ton macht dann eine Hand?
Eine Frage, auf die ich keine eindeutige Antwort weiß, egal, wie lange ich über sie nachdenke. Deshalb ist sie ja auch ein klassischer Zen-Koan.

Liegt die Kraft, die eine Kompassnadel dazu veranlasst, immer nach Norden zu zeigen, in der Nadel oder im Erdball?
In beiden. Auch der Kompass wirkt sich ein klein wenig auf das Magnetfeld der Erde aus.

Wenn mehrere Menschen das gleiche Buch lesen, lesen sie dann wirklich dasselbe?
Nein.

Wo geschieht das, was zwischen einem Leser und seinem Buch vorgeht?
Im Verstand / Vorstellungsvermögen des Lesers (räumlich in dessen Gehirn).

Kann man ohne Geist den Geist leugnen?
Bestimmt. Ich kann mir problemlos ein K.I.-System auf einem Computer vorstellen, das anhand den dem System vorliegenden Daten zum Schluss kommt, dass es Geist nicht gäbe. Wobei die in Rede stehende künstliche Intelligenz (K.I.) weit davon entfernt ist, so etwas wie Bewusstsein oder Geist zu haben.

Warum schreiben Leute dicke Romane darüber, dass es nicht mehr möglich sei, Romane zu schreiben?
Neben der allgemein menschlichen Inkonsequenz ist es wohl Eitelkeit. Manche Menschen gefallen sich eben in der Rolle des Nörglers.

Wer denkt sich wohl die Geschichten derjenigen Autoren aus, die behaupten, keine 'allwissenden' Erzähler zu sein?
Die Autoren - wer sonst? Das gilt sogar für Geschichten nach Tatsachen.

Was ist der Unterschied zwischen einer dichterischen Fiktion und einer Lüge?
Bei einer dichterischen Fiktion lassen sich Schein und Wirklichkeit unterscheiden, sie will nicht täuschen. Eine Lüge ist Schein, der als Wirklichkeit ausgegeben wird.

Wenn die Kunst im Weglassen besteht, ist es dann nicht die höchste Kunst, gar nichts zu machen?
Nein. Denn es ist eine Faustregel, wobei "Weglassen" "Stilisierung", "Vereinfachung" meint - was keineswegs immer und auf jedes Kunstwerk anwendbar ist. Auch wenn es eine Kunst ist, Muße zu genießen, ist Muße an sich keine Kunst.

Sind eigentlich die Leser verpflichtet, einen Dichter zu verstehen, oder ist ein Dichter verpflichtet, sich den Lesern verständlich zu machen?
Der Leser ist zu gar nichts verpflichtet. Ein Dichter sollte zwar in der Regel verständlich schreiben, aber das hat Grenzen - und es gibt Ausnahmen.

Wenn ich das Wort 'Baum' in Morseschrift, in gotischen Lettern, in Blindenschift und im chinesischen Ideogramm vor mir sehe, aber dieser Schriften unkundig bin, muss ich da nicht annehmen, es handle sich um ganz verschiedene Dinge?
Möglicherweise. Ich kann ich mir dessen nicht sicher sein.

Wenn Kafka uns mit seinen Romanen das sagen wollte, was seine Interpreten interpretieren, warum hat er's dann nicht gesagt?
Interpretationen hängen grundsätzlich ebenso vom Interpreten wie vom Text ab - im besten Falle ist es ein "stummer Dialog". Da Kafka nicht wissen konnte, was seine Texte bei jedem Einzelnen Leser berühren könnten, konnte er es auch nicht sagen.

Was tun die Personen in einem Buch, wenn es gerade niemand liest?
Dann sind sie nichts als Buchstabengruppen. Erst die Phantasie des Lesers erwecken sie zum Leben.

Ist der Wunsch nach Schönheit der Wunsch nach Beschönigung?
Manchmal schon. Aber es gibt auch den Wunsch nach ehrlicher Schönheit, einer Schönheit ohne Täuschung und Selbsttäuschung.

Haben Sie schon jemals einen Durchschnittsmenschen kennengelernt?
Nein. Der "Durchschnittsmensch" ist ein statistisches Artefakt. Aber ich habe schon sehr viele "durchschnittliche" Menschen, Menschen, deren Verhalten dem "statistischen Mittelwert" nahe kommt, kennengelernt. Sie sind meistens ziemlich langweilig.

Ist es nicht höchst verwunderlich, dass die gesamte deutsche, englische, französische, spanische und italienische Literatur nur aus sechsundzwanzig Buchstaben besteht? Nein. Letzten Endes kann man sie sogar durch binäre Einsen und Nullen ausdrücken. (Wie dieser Blogtext hier auf Prozessorebene eine Folge aus Einsen und Nullen ist.) Das verwendete Alphabet ist für die Literatur wenig relevant.

Halten Sie es für möglich, daß Gott, wie die Kabbala lehrt, die Welt aus zweiundzwanzig Buchstaben und zehn Zahlen schuf?
Ja. Allerdings nicht wörtlich genommen. Es ist eine schöne Metapher.

Könnte es den Tanz, der die Schwerkraft überwindet, ohne die Schwerkraft geben?
Nein. Auch wenn dieser Tanz eine Metapher ist, gäbe es dieses sprachliche Bild ohne die Schwerkraft nicht.

Welcher elektrochemische Prozeß in unserem Hirn hat wohl den Gedanken hervorgebracht, dass Gedanken nichts anderes seien als elektrochemische Prozesse in unserem Hirn?
Leicht ironisch ausgedrückt: Vielleicht ein zu hoher Dopamin-Spiegel. Angeblich verleitet das zu voreiligen Schlüssen, wie dem erwähnten Reduktionismus.

Wenn Wirklichkeit etwas mit 'wirken' zu tun hat, welche Wirklichkeit hat dann ein Traum?
Ein Traum kann auf uns selbst, auf unser Denken und Fühlen, auswirken. Insofern ist er im Wortsinn "wirklich". Träume sind nur im Sprichwort Schäume - sie können z. B. ein Zugang zu unserem Unterbewusstsein sein.

Gibt es Bücher, die einen krank oder gesund machen?
Ja. Viele "Lebenshilfe"-Bücher machen krank - buchstäblich durch falschen oder irreführenden Rat. (Seelisch) krank machen können auch deprimierende, aber überzeugende Bücher - Sachbücher wie Romane -, die die Welt als grau und grausam erscheinen lassen. Gesund machen Bücher, die Hoffnung erwecken und das Selbstbewusstsein stärken, wohlgemerkt ohne krampfhaftes "positives Denken". Auch aufklärende Bücher können sehr heilsam sein.

Haben Sie auch beobachtet, dass jedem Menschen im Lauf seines Lebens von einer Fee drei Wünsche erfüllt werden?
Direkt nicht. Aber ich habe beobachtet, dass die meisten Wünsche erfüllt werden - wenn auch nicht immer so, wie es die Wünschenden erwarten.

Was ist Ihrer Ansicht nach schwerer zu machen - das Schwere oder das Leichte?
Wenn es um "leichte Unterhaltung" geht, ist diese oft eine schwere (schwierige) Kunst. Aber es kommt immer auf den einzelnen Fall an.

Werden Sie nachzählen, ob es auch wirklich vierundvierzig Fragen waren, oder glauben Sie mir aufs Wort?
Ich habe nachgezählt. Es sind nur 41.

Sonntag, 4. Januar 2009

2009 - Es ist noch was zu retten ...

Das Jahr 2009:
Jeden Tag gibt es in Europa rund 30.000 Tote durch Luftverschmutzung. Nahrungsmittel - die größtenteils synthetisch hergestellt werden - und Trinkwasser sind streng rationiert. Die Meere sind nach Unfällen mit Chemikalientankern praktisch tot. Es gibt keine Wälder mehr. Wegen der anhaltende Dürre in der versteppten Landschaft ist auch in Deutschland kaum noch Landwirtschaft möglich. Der allgemeine Rohstoffmangel ist akut.
Auch viele der Versuche, die katastrophale Lage "in den Griff" zu bekommen, wirken sich negativ aus: es gibt eine mächtige (und korrupte) Kontrollbürokratie, die Bürgerrechte sind ausgehebelt und fragwürdige Versuche, mit der lebensbedrohlichen Krise fertig zu werden, die bis zu Genmanipulationen an Menschen reichen.

Leider gibt nur wenige deutsche Science-Fiction-Serien. Unter diesen wenige Serien überzeugen die meisten weder durch Originalität noch Niveau.
Die 1974 vom WDR produzierte Fernsehserie: "2009 - Es ist noch was zu retten" (Alternativtitel: "Studio Telerop 2009") gehörte zu diesen seltenen Serien. Sie lief im Laufe der 1970er Jahre einige Male in den ARD-Regionalprogrammen und in einigen 3. Programmen. Seit Anfang der 1980er Jahre ist sie nicht mehr wiederholt worden.

Im Mittelpunkt der Serie steht ein Fernsehmagazin des "Studio Telerop", eine "wöchentliche Lebens- und Überlebenshilfe". Dabei gibt es drei Ebenen: die Ebene der (fiktiven) Sendung selbst, mit Expertenrunde und dem "Archiv", in dem die Moderatoren Bilder aus der "Gegenwart" mit denen der "Vergangenheit" der 1970er Jahre verglichen, wobei auch jedesmal die Frage gestellt wird, was damals hätte anders gemacht werden müssen. (In der Serie selbst wirkte das weniger "dikdaktisch", als es meine Beschreibung vielleicht nahe liegt.) Die zweite Ebene ist der Blick "hinter die Kulissen" der Produktion, die Recherchen der Journalisten, aber auch Versuche von "interessierter Seite" (Politiker, Lobbyisten, Beamte) auf sie Druck auszuüben. Die dritte Ebene zeigt thematisch passende Szenen aus dem schwierigen Alltag des Jahres 2009.

Soweit ich mich erinnern kann, war "Es ist noch was zu retten" wegen ihrer belehrenden Art, die manchmal an ältere "Greenpeace"-Spots erinnerte, unter Teenagern (wie ich es damals war) nicht unbedingt beliebt. Dennoch lieferten ihre erschreckenden Zukunftsszenarios reichlich Gesprächsstoff. Denn sie war zwar bedrückend und "uncool", aber irgendwie spannend und informativ, gerade weil sie auch 1974 noch scheinbar fern liegenden Gefahren (etwa durch Manipulation am menschlichen Erbgut) thematisierte.

Zwar waren Umweltverschmutzung und Umweltschutz 1974 schon breit diskutierte Themen, und es gab auch mehr oder weniger überzeugende (Horror-)Szenarien z. B. von Paul Ehrlich ("Die Bevölkerungsbombe") oder dem "Club of Rome" ("Das Ende des Wachstums"). Vor dem Hintergrund solcher Szenarien muss man "Es ist noch war zu retten" sehen - tatsächlich ähnelten mache Grundanahmen der Serie einem Szenario Ehrlichs aus dem Jahr 1972:
Zum Beispiel starben wie bei Ehrlich in der Serie alle wichtigen Meerestierarten und das gesamte Phytoplankron aus - wenn auch einige Jahre später als es Ehrlich befürchtete (Ehrlich 1979 - Studio Telerop "um die Jahrtausendwende").

Es wäre allerdings verfehlt, die Serie auf ihre Warn- und Informationsfunktion zu reduzieren, auch wenn die Autoren von "Es ist noch was zu retten" sicherlich diesen Aspekt im Auge behielten. (An den "Archiv"-Einblendungen wird dieser "präventive" Aspekt besonders deutlich.) 1974 gab es z. B. weder die "Grünen" noch bundesweite Umweltschutz-Bürgerinitiativen. Es wäre interessant herauszufinden, wie viele Menschen sie dazu bewegt hat, sich für Umweltschutz zu engagieren.
Was die Serie etwas von den Szenarien Ehrlichs oder den schon erwähnte frühen "Greenpeace"-Spots abhob, war eine tiefe Skepsis gegen technokratische und zentralistische Krisenbewältigungsprogramme. In einer Folge, "Fortschritt verboten", wird gezeigt, wie sich die strenge Rohstoffrationierung hemmend auf die technische Entwicklung auswirkt - auch auf Erfindungen, die echte Problemlösungen sind. Auch wird, etwa in der Folge "Megalopolis" gezeigt, dass es durchaus Profiteure des weltweiten Öko-Desasters gibt.
In mancher Hinsicht war "Es ist noch was zu retten" auch gegenwartsbezogene Gesellschaftskritik im Science-Fiction-Gewand. Ein immer wiederkehrendes Motiv könnte man mit "Misstraue den Experten, wenn sie einfache Lösungen versprechen" beschreiben.

Interessant, wenn auch für die Beurteilung der Serie nebensächlich, ist die Frage, inwieweit die Szenarien der Serie Wirklichkeit wurden.
Eine Kommentatorin auf fernsehserien.de meinte gar:
Leider ist all das eingetreten, was prophezeit wurde (Feinstaubbelastung, Überalterung und Hass auf alte Leute, verseuchte Lebensmittel, Züchtungen von Menschen)
Das ist, wenn ich die "Es ist noch was zu retten" richtig in Erinnerung habe, keineswegs der Fall: als "Prophezeihung" ist die Serie ein Flop. Tatsächlich ist z. B. die Feinstaubbelastung heute geringer als 1974 - allerdings hat sich damals kaum jemand - und schon gar kein Politiker - um Feinstaub gekümmert. Ähnlich ist sieht es mit "verseuchten Lebensmitteln" aus - auch wenn das Problem etwa der Pestizidrückstände immer noch ein Problem ist. Eine "Überalterung" gibt es in der Welt von "Es ist schon was zu retten" allein wegen der drastisch gesunkenen Lebenserwartung nicht.
Was man den Autoren der Serie (Jürgen Voigt und Karl Wittlinger) unbedingt zugestehen muss, ist ein Gespür für Trends. Und einige der Warnungen sind heute noch aktuell. Auch wenn vieles, was in der Serie gezeigt wurde, heute lächerlich wirken würde.
Telerop 2009 - Es ist noch was zu retten [TV-Serie] - auf Online-Filmdatenbank"

2009 - Es ist noch was zu retten - auf fernsehserien.de

Bliebe die Frage, wieso "Es ist noch was zu retten" seit etwa 1980 nicht mehr wiederholt wurde - und weshalb es vergleichbare Serien später nicht wieder gab.
Die zweite Frage ist leider einfacher zu beantworten: Es erfordert einigen Mut, eine innovative und gesellschaftskritische TV-Serie zu machen - und der fehlt in der heutigen deutschen Fernsehlandschaft, egal ob öffentlich-rechtlich oder privat. Man ist dort, aus Angst vor "Flops", aus ökonomischem und politischem Druck, stockkonservativ geworden. Schon eine weniger düstere und weniger kritische deutsche SF-Serie hätte derzeit kaum Chancen realisiert zu werden.
Für die erste Frage vermute ich eine Antwort zwischen: "Den alten Kram will doch niemand mehr sehen" und "So etwas düsteres kann man dem heutigen Fernsehzuschauern nicht mehr zumuten". Wobei düstere Prognosen, auch im Fernsehen, durchaus Konjunktur haben - je düsterer, desto besser. Vielleicht ist auch das ein Grund, "Es ist noch was zu retten" im Archiv zu lassen - die Serie würde allzu deutlich machen, dass Niels Bohr recht hatte:
"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen."
Das wäre, nehme ich an, einigen Angstmachern eben so wenig recht, wie den Anhängern von autoritären Lösungen - die in der Serie geradewegs zu einer regelrechten "Ökodiktatur", die aber gerade nicht mit der ökologischen Krise fertig wird, führen - das tiefe Misstrauen der Serie gegen eben solche Lösungen recht wäre.

Aber das ist, wie erwähnt, nur eine Vermutung.

Freitag, 2. Januar 2009

"Gewaltloser Widerstand ist Gewalt"

Aus gegebenem Anlass - ein Liedtext von H.-R. Kunze
Der Anlass:
Übersicht über grundrechtsbeschneidende Gesetze und Regelungen der Landes- und Bundesregierung aus jüngster Zeit
.

Der Hintergrund: Der damalige Bundesinnenminister Dr. Friedrich Zimmermann sagte gemäß der "Frankfurter Rundschau" 14. 7. 1983 vor dem Grenzschutzkommando Mitte über Demonstranten, die gewaltlos die Zufahrten zu Kasernen blockierten: "Gewaltloser Widerstand ist Gewalt". Er rechtfertigte damit Versammlungsauflösungen mittels brachialer Gewalt und die Strafverfolgung der Demonstranten als Landfriedensbrecher.

Vor kurzem wurde die Versammlungsfreiheit in Bayern und
Baden-Württemberg
eingeschränkt, vor allem durch neue "Gummiparagraphen", die für einen großen Interpretationsspielraum und beliebige Bewertungen der Behörden sorgen. (Das bestehende Uniformierungsverbot bei Demos wird um ein Militanzverbot erweitert, das auch "paramilitärisches Auftreten" verbietet, sofern dadurch ein Eindruck der Gewaltbereitschaft vermittelt wird. Gewerkschafter fürchten, dass auch mit Helmen und Streikwesten ausgestattete Streikposten unter die Regelung fallen können und damit das Streikrecht ausgehöhlt wird.) Auch in Niedersachsen ist eine entsprechende Verschärfung des Versammlungsrechts vorgesehen.
(Neu ist gegenüber Zimmermanns klassisch-kurzer Begründung nur das Argument, man wolle rechtsextremistische Kundgebungen eindämmen. In der Praxis werden aber spontane Gegendemonstrationen gegen "ordnungsgemäß angemeldete" Nazidemos erschwert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht ... )
"Variationen über einen Satz des Bundesinnenministers aus dem Juli des Jahres 1983"
"Gewaltloser Widerstand ist Gewalt"

Mutloses Abwinken
ist Mut.
Tatenloses Zusehen
ist Tat.
Rechtloser Zustand
ist Recht.
Hoffnungslose Anpassung
ist Hoffnung.
Rettungslose Verzweiflung
ist Rettung.
Skrupelloser Zynismus
ist Skrupel.
Schonungslose Ausrottung
ist Schonung.
Erbarmungsloses Dreinschlagen
ist Erbarmen.
Gnadenlose Zukunftsvernichtung
ist Gnade.

So hätten sie's gern:
Gewaltloser Widerstand
ist Gewalt.
Widerstandslose Gewalt aber
ist nur Widerstand
gegen die Gewalt der Gewaltlosen.

Und ein ärmelloses Hemd
ist ein Norwegerpullover.
Und George Orwell
ist Walt Disney.
Man mag zu Kunze stehen, wie man will: Er hatte Recht. Und hat leider heute genau so recht wie damals.

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