Mittwoch, 14. Januar 2009

Rauschmittel Kaffee?

Jedenfalls könnte man das angesichts der Überschrift dieser Meldung auf dem Wissenschaftsportal spektrum.de vermuten: Halluzinogener Kaffee.

Wie bei solchen Meldung nicht unüblich, entpuppt sich die vermeintlich heiße Neuigkeit beim näheren Hinsehen als ziemlich kalter Kaffee: Simon Jones von der Durham University und seine Kollegen befragten 200 Studenten zu ihrem täglichen Konsum von Kaffee, Tee, Schokolade oder Koffeintabletten. Anschließend sollten die Probanden Angaben über halluzinatorische Erlebnisse machen. Dabei zeigte sich eine klare Korrelation: Wer viel Koffein zu sich nahm, halluzinierte öfter.

Damit gibt es strenggenommen nicht den geringsten Hinweis darauf, dass das Koffein selbst halluzinogen wirken würde. Jones selbst vermutet einen indirekten Effekt, der durch die stimulierende Wirkung des Koffeins hervorgerufen wird, sein Kollege Charles Fernyhough ist hingegen der Ansicht, dass Studenten mit Neigung zur Halluzinationen einfach mehr Kaffee trinken würden.

Pseudo-Halluzinationen (d. h. Sinnestäuchungen, bei denen sich der Betroffen klar darüber ist, dass es Sinnestäuschungen sind) sind sehr viel weiter verbreitet, als allgemein angenommen wird. Sie könnten für kreatives Denken wichtig sein - viele bekannte Künstler, Philosophen, Wissenschaftler und Schriftsteller neigen zu Pseudo-Halluzinationen, oder anders ausgedrückt, Visionen.

Dennoch darf man gespannt sein, in welcher Form die "Sensation" durch die Medien laufen wird. Denn bei "Halluzinogen" denken die meisten Menschen sofort an so potente Drogen wie LSD, und bei LSD an ein ganz, ganz übles Rauschgift. Was man bekanntlich auch ganz
anders sehen kann.

Nachtrag: Man kann sich auch online an der Untersuchung beteiligen: caffeine questionnaire. Ich habe das getan, und doch erhebliche Lücken im Fragenkatalog festgestellt, z. B. gibt es keine Fragen nach sonstigem Drogengebrauch. Bei einigen Fragen habe ich den Eindruck, dass jemand, der oder die nur eine lebhafte Phantasie hat und gut visualisieren kann, als "tendenziell halluzinierend" eingeordnet wird. Andererseits sind die Fragen, mit denen offensichtlich eine paranoide Haltung aufgespürt werden soll, so offensichtlich, dass sie kein halbwegs intelligenter Paranoiker wahrheitsgemäß beantworten dürfte ;-)
Für eine Studie, die im Rahmen der psychologischen Fakultät einer renommierten Universität läuft, ist der Fragenkatalog meines Erachtens erschreckend schlecht durchdacht - selbst wenn es ein Studentenprojekt sein sollte (worauf es keine Hinweise gibt).

Eine Vermutung über die Lektüre Adolf H.s bestätigt

Schon lange ist bekannt, dass Hitler eine besessenen "Leseratte" war, dass der Völkermörder die Abenteuerschmöcker des Antirassisten Karl May verschlang und Shakespeare schätzte, die Schriften des Antisemiten Paul de Lagarde gewissenhaft durcharbeitete und von Lexikonwissen fasziniert war. Bekannt ist auch, dass er sehr selektiv las - genauer gesagt, las er das aus den Texten heraus, was seiner ziemlich vernagelten Weltanschauung entsprach, was sich sogar auf seine Karl-May-Lektüre erstreckte - und dass er seine Umgebung mit frisch angelesenen "Erkenntnissen" nervte.

Jetzt hat der Historiker Timothy W. Ryback die Bücher des Diktators untersucht - Artikel von Hannes Stein auf "Welt online": Die Bücher, in denen Adolf Hitler gerne schmökerte.

Eine Vermutung, die ich schon lange hegte, wurde durch Rybacks Untersuchung bestätigt: Dass Adolf H. nicht nur als junger Mann okkulte bzw. esoterische Schriften, vor allem ariosophischer Richtung, regelrecht verschlang, sondern dass Hitlers Lektüre auch in seiner Zeit als Diktator zum großen Teil aus okkulten Schmöckern bestand.
(...) Nicht Nietzsche, nicht Schopenhauer, nicht Fichte – letztlich ist es für Timothy Ryback ein esoterischer Schriftsteller namens Max Schertel, der Hitler erklärt. In einem Buch über das "Gesetz der Welt" beklagt jener Schertel, die meisten Europäer seien so materialistisch und zweckrational, dass sie sich an etwas so Äußerlichem wie Fakten orientierten. Das wahre Genie sei dagegen "ektropisch" – es könne sich eine Welt vorstellen und durch bloße dämonische Willenskraft wirklich werden lassen.

Hitler kritzelte begeistert dicke zustimmende Bleistiftstriche an den Rand. Ektropisch! Ganz klar, damit war pfeilgerade er gemeint, der "Führer" höchstselbst!
Das bestätigt auch meinen Eindruck, dass Hitler, der sich im vertrautem Kreise gern spöttisch über völkische Esoteriker äußerte und als "Mann der Wissenschaft" stilisierte, in der Tat "esoterisch" dachte. Als junger Mann geprägt durch die gläubige Lektüre von rassistischen Esoterikern wie Adolf Lanz "von Liebenfels", später berauscht an Schertels Machtphantasien. Dass aber ausgerechnet ein drittrangiger esobärmlicher Schreiber Hitlers Leib- und Magenweltdeuter war, überraschte mich doch - etwas mehr Niveau hätte ich dem Völkermörder schon zugetraut. Aleister Crowley etwa. Oder wenigstens Helena Blavatsky (wobei ich annehme, dass deren Werke auch in Adolf H.s Bibliothek zu finden waren).

Hitler ist jedenfalls ein Musterbeispiel dafür, dass zur Belesenheit auch die Fähigkeit zur Reflexion und zur Selbstkritik hinzukommen muss, damit aus der Anhäufung von Bücherwissen so etwas wie Bildung wird.
Er war eine Null, die gern las.
Da hat Hannes Stein recht.

Nachtrag: Rezension und Auszug aus Hitlers private library (Timothy Ryback) auf der Website der New York Times.

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