Sonntag, 3. Februar 2008

Manipulative Kinderbücher?

Über das "Ferkelbuch" habe ich ja schon einige Worte verloren "Bangemachen gilt nicht!" - oder: Kinderbibel für Skeptiker , aber es gibt einen interessanten Nebenaspekt, der z. B. in der SZ angesprochen wird. Alex Rühle beginnt seinen Artikel nämlich so:
Es gibt viele schlechte Kinderbücher; am schlechtesten aber sind die indoktrinierenden. In ihrem Bemühen, den Kindern nur ja die richtige Botschaft einzuhämmern, verzichten die Autoren auf alle Originalität, auf jedes erzählerische Detail, das einfach nur da sein darf, absichtslos, interessant und schön. Die Illustratoren malen dazu keine eigenständigen Bilder, sondern pinseln farbige Thesen.
(aus: Indizierungsverfahren gegen Kinderbuch - Der hässliche Rabbi.)

Ähnlich argumentiert auch Alan Posener:
Ein Fall für den Index? Kinderbücher, die zu unterhalten vorgeben, in Wirklichkeit aber erziehen wollen, sind ohnehin eine Pest. Eigentlich gehörten sie alle verboten. Aber Kinder sind weniger doof, als die meisten Eltern und Zensoren glauben. Wenn sie die Gelegenheit haben, greifen sie instinktsicher zu moralfreien Geschichten wie „Pu der Bär“. Der wird ein Klassiker bleiben, wenn dieses traurige Dokument der Borniertheit längst vergessen ist. Es zu verbieten wäre zu viel der Ehre.
Wie antisemitisch kann ein Kinderbuch sein?

Nicht ganz nebensächlich ist in diesem konkreten Fall, dass der Vorwurf der "Öde", den Alex Rühle macht, meines Erachtens nicht zutrifft. "Wo bitte geht es zu Gott?" ist ein freches Kinderbuch, das den (pädagogischen) Holzhammer in der Werkzeugkiste lässt.
Was aber stimmt: es hat eine Agenda. Da diese Botschaft sich gegen Autoritäten wendet, dürfte sie bei den Kindern ankommen. Mit den "bösen Buben" Max und Moritz identifizierten sich in jeder Generation auf Neue deutlich mehr junge Leser, als mit ihren Opfern. Auch in der Bildschirmwelt der Cartoons und Animes haben freche Figuren mehr Fans als "brave".
Eher nebensächlich ist, dass "Pu der Bär" alles andere als "moralfrei" ist. Jedenfalls ist er nicht annähernd so frei von "mahnenden Lektionen" wie die allseits beliebte Junganarchistin "Pippi Langstrumpf". Pu gerät z. B. durch seine Verfressenheit so oft in die Klemme, dass die erzieherische Botschaft "nasche nicht so viel" unübersehbar ist.

Zum Vergleich mit dem umstrittenen Buch habe ich mir einige Kinderbibeln angesehen. Da gibt es solche und solche. Solche, die sich optisch und textlich nicht sonderlich von Märchenbüchern oder Sagen-Nacherzählungen unterscheiden. (Mal ehrlich: was sind nacherzählte biblische Mythen den anderes als Märchen und Sagen?) Also harmlos. Und solche, die bewusst "mehr" sein sollen, als "nur" eine Art Märchenbuch. In denen infolgedessen die christliche Moral (oder das, was die Verfasser dafür halten) daumendick aufgespachtelt wird. Angstmache, anti-wissenschaftlicher Schöpfungsglaube und ab und an eine Prise Antisemitismus inklusive. Komisch nur, dass sich kein Leitartikler in der "Welt" oder der "Süddeutschen" über solche Kinderbibeln aufregt.

Aber so ganz unrecht haben Posener und Rühle nicht. Kinder- und Jugendbücher mit manipulativer Botschaft sind tatsächlich eine Plage.
Michael Ende schrieb in "Die unendliche Geschichte" über den Lesegeschmack seines "Helden" Bastian:
Er mochte keine Bücher, in denen ihm auf eine schlechtgelaunte und miesepetrige Art die ganz alltäglichen Begebenheiten aus dem ganz alltäglichen Leben irgendwelcher ganz alltäglicher Leute erzählt wurden. Davon hatte er ja schon in Wirklichkeit genug, wozu sollte er auch noch davon lesen? Außerdem hasste er es, wenn er merkte, daß man ihn zu etwas kriegen wollte. Und in dieser Art von Büchern sollte man, mehr oder weniger deutlich, zu was gekriegt werden.
Das heißt nicht, dass Endes Bücher keine Botschaft hätten, oder keine Moral vermitteln würden. Im Gegenteil: es gibt kaum "erzieherischere" Kinderbücher als "Jim Knopf", "Momo" oder "Die unendliche Geschichte". Der Unterschied zwischen Endes Büchern und den gut gemeinten "pädagogisch wertvollen" Langweilern liegt in zwei Punkten: Sie sind nicht langweilig, sondern spannend, exotisch, abenteuerlich, und ihre erzieherische Botschaft befreit die Leser von Zwängen, regt sie zum selber Denken an, anstatt Zwänge zu verstärken oder Tabus zu errichten.
Schmidt-Salomon hat nicht annähernd das Talent eines Michael Endes oder z. B. eines Max Kruses (oder einer Joanne K. Rowling). Sein Buch ist vergleichsweise plump. Aber langweilig oder unoriginell ist es wirklich nicht.

In all der Aufregung um Ursula von der Leyens Indizierungsantrag gegen "Wo bitte geht es zu Gott?" wird allzu leicht übersehen, dass die hinter dem Versuch der Ministerin stehende Geisteshaltung seit einiger Zeit Aufwind hat. Man denke nur an den "Fall" des kirchenkritischen Karikaturisten und Bilderbuchzeichners Janosch. In dankenswerter Deutlichkeit sprach der damalige bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber im Juni letzten Jahres aus, worum es dabei geht: Stoiber bezeichnete Janosch als "falschen Propheten". Man dürfe nicht zulassen, dass Janosch mit seinen antireligiösen Zeichnungen und Kommentaren "Zugang zu unseren Kinderzimmern erlange". Stattdessen müssten Kirche, Gesellschaft und Politik "an einem Strang ziehen" und den Kindern "Orientierung, Werte und Religion" vermitteln. Stoiber attackiert Janosch. (Die Pointe dabei ist, dass Janosch' Kinderbücher gar nicht religionskritisch sind.)

Wir wundern uns, wenn christliche Fundamentalisten in den USA Harry Potter-Bücher und -Filme verboten sehen wollen - oder sogar öffentlich verbrennen. Ihr Motiv ist Angst - vorgeblich Angst davor, dass ihre Kinder "okkulte" Praktiken lernen könnten, tatsächlich aber die Angst, dass die jungen Menschen ihre starren moralischen Maßstäbe in Frage stellen könnten.
Die Ängste von Politikern wie Stoiber und von der Leyen gehen offensichtlich in eine ähnliche Richtung.

Samstag, 2. Februar 2008

Warum gibt es heute weniger Morde als in früheren Zeiten?

Wir leben - trotz "asymetrischer" Kriege, deren Tote durchweg Nichtkombattanten sind, trotz Terror, Bürgerkriegen und Gewalt, trotz der Massenmorde, Genozide, Ethnozide, Vernichtungskriege - in einer historischen Epoche, in der das Risiko, von Menschenhand zu sterben, geringer ist, als je zuvor.

Der Wissenschaftsjournalist Jürgen Langenbach schrieb vor wenigen Tagen zu diesem Thema in "Die Presse":Anthropologie: Das Verschwinden der Gewalt

Nach Erhebungen des Kriminologen Manuel Eisner (Cambridge) starben In Europa im 15.Jahrhundert 41 von 100.000 Menschen pro Jahr einen Tod durch Menschenhand, dann sank die Rate von Jahrhundert zu Jahrhundert (19, 11, 3,2, 2,6), im 20. Jahrhundert lag sie bei 1,4. (Br. J. Criminol., 41, S.618)..

Warum ist das so? Langenbach verweist in seinem Artikel auf die Evolutionsbiologie - eine Forschungsrichtung, die überhaupt erst durch den Versuch entstanden ist, destruktives menschliches Verhalten (wie Mord) mit den Grundannahmen der Soziobiologie in Einklang zu bringen. In soziobiologischer Sicht werden Gene begünstig, die ihre Träger mit Verhaltensweisen ausstatten, mit denen sie die ihnen zur Verfügung stehende Zeit und Energie erfolgreicher im Kampf um knappe Ressourcen einsetzen können als konkurrierende Individuen oder Artgenossen. Kriege und Morde "aus niederen Motiven" wären kontraproduktiv, da ressourcenverschwendend. Außerdem ist Gewalt ist auch für Ausübende riskant. Wer also davon ausgeht, dass das menschliche Gewaltpotenzial genetisch bedingt ist, steht vor dem Problem, wieso sich Träger von Genen durchsetzen, die die "intraspezifische Aggression" begünstigten?

1988 schlugen Martin Daly und Margot Wilson im Buch „Homizid“ eine Erklärung vor, und zwar die, dass unser Gehirn generell gewaltbereit sei, aber diese genetisch bedingte Gewaltbereitschaft nur ein "Nebenprodukt" der Selektion wäre. In der Hauptsache gehe es um Status und Reproduktion, und dabei komme es schon einmal vor, dass Nebenbuhler handgreiflich werden. Das war sozusagen die Geburtsstunde der Evolutionspsychologie. (Es gibt auch noch weitaus radikalere Evolutionpsychologen, die etwa direkte Vorteile kriegerischen Verhaltens annehmen - oder Vergewaltigungen als wirksame Vermehrungsstrategie männlicher Genträger beschreiben.)

Das tatsächlich abnehmende Risiko, Opfer von Mordes, Totesstrafe, Krieg oder Totschlag zu werden, bringt die stramm biologistische Weltsicht der Evolutionspsychologie in Erklärungsnöte.

Um die Frage beantworten können, ob das Risiko, durch die Hand seiner Mitmenschen zu sterben, tatsächlich im Laufe der Menschheitsgeschichte abnahm, oder sich etwa daraus erklärt, dass die als Ausgangswert genommene frühe Neuzeit ein besonders "mörderisches" Zeitalter war, muss man das Gewaltpotenzial frühgeschichtlicher Gesellschaften untersuchen. Leider sind die archäologischen Funde zu spärlich, um statistisch haltbare Aussagen darüber zu erlauben, wie "mordlüstern" etwa die Menschen der Altsteinzeit waren.

Man greift deshalb auf eine Analogie aus der Etnologie ("Völkerkunde") zurück: Wie groß ist das Gewaltpotenzial in wildbeuterischen Stammesgesellschaften, die immerhin dem Typ Zivilisation, in dem die Menschheit fast die ganze Zeit ihrer Existenz gelebt hat, und der selbst heute nicht völlig verschwunden ist?

Langenbach folgt jenen, die von einem hohen Aggressionpotenzial ausgingen:
Auch die Gewalt zwischen Gruppen ging dramatisch zurück: Wenn Stämme von Naturvölkern aneinandergerieten, kämpfte ein höherer Anteil an Mitgliedern, ein höherer Anteil starb, und von der unterlegenen Gruppe blieb keiner am Leben.
Das Problem dabei ist, dass auch die Datenlage zu Kriegen zwischen "Naturvölkern" äußerst spärlich und bei älteren Berichten durch die sehr spezifischen Blickwinkel der Kolonisatoren und Missionare verzerrt sind. Was allerdings auffällt, sind die enormen Unterschiede zwischen friedliebenden und kriegerischen Kulturen. Wobei das Risiko, in einer friedliebenden Kultur hingerichtet oder ermordet zu werden, durchaus größer sein kann, als in einer kriegerischen.

Ich selber neige zu der Annahme, dass die geschilderten Zustände eher Ausnahmen waren. Normalerweise gehen sich Stammesgesellschaften aus dem Wege oder versuchen, einen erträgliches "Modus Vivendi" zu finden. Stammeskriege sind in "Normalzeiten" wohl eher "Grenzscharmützel" oder "Raubzüge", an denen sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung beteiligt.
Nur in Zeiten massiver Wanderungsbewegungen, sogenannter Völkerwanderungen, sah das anders aus - so, wie Langenbach es beschreibt.

Es führt meiner Ansicht in die Irre, wenn man diese Frage mit im weitesten Sinne biologischen oder auch individualpsychologischen Ansätzen zu erklären versucht. Weiter führt meiner Ansicht ein Blick auf die polit-ökonomischen Verhältnisse und auf die Gesellschaftsstruktur. Zentral ist die Frage: "Was ist ein Menschenleben wert?" - Wobei diese Frage sowohl "materiell" wie "ideell" zu beantworten wäre.

Folgendes Zitat stammt aus einer bekanntermaßen aggressiven Kultur, der der Nordgermanen (Stichwort: "Wikinger") :
Besser ist's lebend, als leblos zu sein:
wer lebt, kriegt die Kuh,
Feuer sah ich rauchen auf des Reichen Herd,
doch er lag tot vor der Tür.

Der Handlose hütet, der Hinkende reitet,
tapfer der Taube kämpft;
blind ist besser als verbrannt zu sein;
nichts taugt mehr, wer tot.
(Aus dem Alten Sittengedicht der Hávamál, in der Übersetzung von Felix Genzmer.)
Auch wenn die Dichtung des Hávamál schon hochmittelalterlich ist, also keinen unverfälscht heidnisch-germanischen Charakter hat,
dürfte die "dem Hohen" (Odin) in den Mund gelegten ethischen Anweisungen schon in der "Wikingerzeit" und wahrscheinlich sogar schon in der blutigen "Völkerwanderungszeit" gegolten haben. (Aussagen über das Gastrecht der Germanen oder ihr Verhalten im Kriege von antiken und frühmittalterlichen Autoren stimmen mit dem "Alten Sittengedicht" gut überein.)
Das bedeutet für den Wert eines Menschenlebens, in der "ökonomischen" Bedeutung: jeder Erwachsene, der noch irgend eine Aufgabe übernehmen konnte, war für die (Stammes-)Gemeinschaft nützlich und damit wertvoll. In der "ideellen" Bewertung bedeuten diese Verse, dass auch ein Leben als "Krüppel" noch lebenswert ist. Auch wenn Verallgemeinerungen immer riskant sind: selbst in einer kriegerischen Stammesgesellschaft scheint ein Menschenleben nicht "wertlos" gewesen zu sein.
Das "Alte Sittengedicht", nämlich der Missbrauch seiner letzten Strophe, zeigt, in welcher Art Gesellschaft ein Menschenleben wirklich wenig wert ist.
Besitz stirb, Sippen sterben,
du selbst stirbst wie sie;
eins weiß ich, das ewig lebt:
der Toten Tatenruhm.
(in der Übersetzung von Felix Genzmer)
Dieser Spruch war und ist bei den Nazis und ihren Vorläufern, Mitläufern und Nachfolgern äußerst beliebt, und erschien im 12-jährigen Reich auf zahlreichen Kalendern, wurde in zahlreichen "Heldengedenkreden" zitiert und stand auf nicht wenigen Gedenksteinen für im Krieg getötete deutsche Soldaten. Selbstverständlich ohne den Kontext dieser Strophe zu berücksichtigen.

Als Faustregel lässt sich sagen, dass das Risiko des Einzelnen von Menschenhand zu sterben, in dem Maße abnimmt, in dem der Einzelnen für gesellschaftlich wertvoll erachtet wird. Oder: je offener eine Gesellschaft ist, je demokratischer seine politische Kultur, desto sicherer sind ihre Bürger vor dem Tod durch ihre Mitmenschen.
Eine vielleicht überraschende Tatsache: es gab noch niemals einen Krieg, bei dem beide Parteien halbwegs intakte demokratische Rechtsstaaten gewesen wären.
Damit lässt sich die abnehmende Gewaltkurve seit dem ausgehenden Mittelalter zwanglos erklären: sie korreliert mit der Entwicklung der Menschen- und Bürgerrechte.
Gesellschaften, in denen "das Ganze" über "den Einzelnen" gestellt wird, in denen das Prinzip "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" gilt, laufen immer Gefahr, dass der Einzelmensch zum bloßen "Menschenmaterial" herabgewürdigt wird - unabhängig übrigens vom ökonomischen System - auch Marktwirtschaften sind dagegen nicht gefreit. Wenn erst einmal der Schritt zum "Menschenmaterial" gemacht ist, ist es erfahrungsgemäß nicht mehr weit bis zum "Verheizen" von "wenig wertvollem Menschenmaterial" im Kriege und in der Zwangsarbeit, bis hin zum Mord an "unnützen Essern" und zum "präventiven" Mord an potenziellen Gegnern des Regimes. Unüberbotener Höhepunkt dieser Entwicklung war der bisher einzige Staat, dessen oberstes Staatsziel die Ermordung Abermillionen von Menschen einschloss: Deutschland, 1933 - 1945.

Wie sah es aber im Altertum aus? Die meisten frühen städtischen Hochkulturen waren stramm hierarchisch organisiert, ihre noch heute bewunderten architektonischen Leistung beruhten auf Zwangsarbeit (und nicht auf Sklavenarbeit: ein Sklave hat immerhin einen individuellen Wert für seinen Halter, der sein Eigentum nicht mutwillig zerstören wird, während Zwangsarbeit nur eine "Ressource" ist - gibt es genügende Zwangsarbeiter, kommt es auf deren Leben nicht mehr an. Unser Bild vom "Altertum" wird vor allen von solchen hierarchischen Staatsgebilden bestimmt - und von Zeiten der Völkerwanderungen.

Ich nehme deshalb an, dass es von der Gesellschaftsordnung abhängt, wie groß das Risiko des Einzelnen ist, ermordet zu werden.
Psychologische oder gar biologische Faktoren, deren Existenz ich keineswegs bestreite, treten dem gegenüber weit in den Hintergrund.

Donnerstag, 31. Januar 2008

"Bangemachen gilt nicht!" - oder: Kinderbibel für Skeptiker

Die neueste Sau, die durch mediale Dorf getrieben wird, ist ein Ferkel.
Und ich sehe nicht ein, wieso ich da nicht quertreiben sollte.

Der Reihe nach: die Bundesfamilienministerin Ursula von Leyen stellte einen einen Indizierungsantrag gegen das religionskritische Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" - unter anderem mit dem (meiner Meinung nach absurden) Vorwurf des Antisemitismus begründet.

(Hierzu,vom humanistischen pressedienst : Großer Ärger um ein kleines Ferkel und Rettet das kleine Ferkel.)

Meiner erste Reaktion war es, das Buch, das glücklicherweise in der nächstgelegenen öffentlichen Bücherei vorhanden war, erst einmal zu lesen.
Das Bilderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" stammt aus dem religionskritischen Alibri-Verlag und ist für konfessionslose Eltern gedacht, die ihren Kindern eine religionskritische Sicht vermitteln wollen.
Ferkel und Igel entdecken ein Plakat, auf dem steht: "Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!" Sie fühlten sich bisher ganz wohl und wussten nicht, dass ihnen etwas fehlt. Also machten sie sich auf den Weg, um Gott zu suchen, und lassen sich von einem Rabbiner, einem Bischof und einem Mufti erzählen, was es mit Gott auf sich hat. Rabbi, Bischof und Mufti erscheinen, obgleich sie sich in den Haaren liegen, als gleichermaßen verrückt, als von Angst bestimmte Wahnsysteme.
"Ich glaub’ ja, dass es den Herrn Gott überhaupt nicht gibt! Und wenn doch, dann wohnt der bestimmt nicht in diesen Gespensterburgen!" sagt der Igel am Ende der Geschichte. (Womit er die Moschee, den Dom und die Synagoge meint.)"
Wer Gott nicht kennt, dem fehlt eigentlich nur die Angst.

Das Buch zielt, so sehe ich es, vor allem darauf ab, der religiösen Angstmache, die Drohung vorm "Lieben Gott", der alles sieht, und vor dem fundamentalistischen Wörtlichnehmen alter Mythen, etwas entgegen zu setzen. Es wendet sich an Kinder in einem Alter, in den sie nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben und wissen, dass Märchen Wahrheiten enthalten, aber nicht wortwörtlich "wahr" sind. Und an deren Eltern, Verwandte, Bekannte, an Erzieher und Lehrer.

Ach, übrigens, der Antisemitismus-Vorwurf bezieht sich auf eine Illustration, in der sich die drei Geistlichen in bester "Asterix"-Manie raufen - und der Rabbiner dem Bischof mittels einer ausgerollten Tora-Schriftrolle den Kopf nach hinten zieht. Unsere Familienursel sieht darin die Darstellung eines Versuches, den Bischof mit einer Schriftrolle zu ersticken, womit den Rabbi als "jüdischer Mordbube" in schlimmster antisemitischer Tradition darstellt würde.
(Mir fällt zu diesem Bild, dass auch auf der Website zum Ferkelbuch abgebildet ist, eher ein Kalauer ein: "Bischof in einer Opferrolle".)
Es ist offensichtlich: Um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, mit ihrem Antrag durchzukommen, musste die Ministerin zur Antisemitismus-Keule greifen. Der Alibri-Verlag bedankt sich derweil für die kostenlose Werbung. (Das Ferkelbuch verkaufte sich aber ohnehin glänzend, sogar im Vorweihnachtsgeschäft.)

Man kann zur diesem Buch auch anderer Ansicht sein. Alan Posener meint in seinem Beitrag: Wie antisemitisch kann ein Kinderbuch sein?
Denn genauso wenig, wie es jüdische, christliche oder muslimische Kinder geben dürfte, sollte es atheistische Kinder geben. Kinder sind Kinder. Die Frage, ob es einen Gott (oder hundert Götter) gibt, sollten Menschen möglichst ohne frühkindliche Indoktrination in einem Alter entscheiden, in dem sie nicht an den Weihnachtsmann und den Klapperstorch glauben – oder daran, dass ihre Eltern immer die Wahrheit sprechen.
Grundsätzlich hat Posener recht. Aber: von der Sprache her wendet sich das Buch nicht an Kleinkinder, sondern an Kinder im Grundschulalter, in dem sie normalerweise nicht mehr an den Weihnachtsmann glauben. Selbst wenn das Buch ein Versuch der atheistischen Indoktrination wäre, wäre es eine "Anti-Kinderbibel" gegen tausende Kinderbibeln. Kinderbibel, in denen z. B. die Geschichte von der Sintflut, in der der liebe, unfehlbare und allmächtige Gott fast alle Menschen und Tiere ersäuft, weil es bedauert, dass er überhaupt den Menschen erschaffen hat. (Intelligente Kinder machen sich da entschieden eigene Gedanken. Etwa in dem Sinne, dass Gott wohl manchmal nicht wisse, was er wolle. Ich wüsste gerne, was Frau von der Leyen auf entsprechende Fragen ihrer Kinder antwortet bzw. antwortete.)

Sogar die fatale (unhistorische und auch nicht direkt aus den Evangelien ableitbare) Behauptung, dass die Juden die Hauptschuldigen an der Hinrichtung Jesus gewesen seien, findet sich noch heute in einigen Kinderbibeln. Die nicht wegen "Antisemitismus" auf dem Index stehen!

Sympatisch und berechtigt finde ich Chajms Ansicht:
In erster Linie scheint das Buch Kinder Respektlosigkeit vor den Überzeugungen anderer Menschen zu lehren und leistet damit einen perfekten Beitrag zur weiteren Verschlechterung des gesellschaftlichen Klimas in diesem Land. Das sollte man dem Autoren und dem Zeichner vorwerfen und nicht die plumpe und vorurteilsbehaftete Sicht auf das Judentum, denn das ist nur eine Facette an dem Buch.
Antisemitisch oder nur völlig daneben?

Damit könnte Chajm Recht haben, und das gesellschaftliche Thema in Deutschland ist tatsächlich stark von Vorurteilen, Klischees und Ängsten geprägt. Aber vielleicht ist es gerade das, was den Buch seine Berechtigung gibt: es macht diejenigen Religionsvertreter lächerlich, die zwecks Verbreitung ihres Glaubens nahezu beliebig mit dem ultimativen Mittel der Angstmache arbeiten, mit der Drohung vor der "ewigen Verdammnis" im Höllenfeuer. Die "Gottesfurcht" im wörtlichen Sinne verbreiten.

Es gibt aber genügend Sektenwerber, Televangelisten, Hassprediger, die den Karrikaturen im Buch allzu ähnlich sind. Und die auch vor der Missionierung von Kindern nicht zurückschrecken. Gegen solche Kinderseelenfänger ist ein Kinderbuch wie "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" ein, denke ich, probates und wirksames Gegengift.

Montag, 28. Januar 2008

Botschaft aus einem Paralleluniversum?

Auf welt.de: Merkel sieht Regierungsauftrag bei Koch

Samstag, 26. Januar 2008

Die "Weimarer Republik" war besser als ihr Ruf

Dieser Artikel des "Kölner Stadt-Anzeigers" passt thematisch gut zu meinem vorherigen Blog-Beitrag:
Gerechtigkeit für Weimar.
Die Verunglimpfung, unter der die erste deutsche Demokratie vom ersten Tag an litt, hält auch nach ihrem Tod an - so als wäre diese schwächliche Republik nicht ein Opfer deutscher Raserei gewesen, sondern schuld am deutschen Unglück.
"Weimarer Verhältnisse" - das steht im politischen Sprachgebrauch für Chaos und Instabilität, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Scheitern. Selbst im Geschichtsbuch, das ich damals in der Schule hatte, wurde die Erste Republik weitgehend von ihrem Scheitern aus dargestellt - zum Glück war unser Lehrer ein liberaler "Querdenker", die die allzu glatten und bundesrepublikanisch-selbstgefälligen Erklärungsmodelle "wie Hitler an die Macht kam" gegen den Strich bürstete. Denn auch im Buch war von einer "Republik ohne Republikaner" die Rede - aber es stimmt einfach nicht! Die meisten Deutschen waren nicht demokratiefeindlich (und selbst die meisten noch zu Kaisers Zeiten eingesetzten Beamten waren, wenn auch oft sicher zähneknirschend, der Republik gegenüber loyal).
1920 rettete ein Generalstreik der Arbeiter und Beamten nach dem Kapp-Putsch die junge Republik. Bei den meisten Reichstagswahlen hatten die bürgerlichen Parteien eine relative Mehrheit; bis 1932 waren die Sozialdemokraten stets stärkste Partei.
"Weimar" - das war auch eine Epoche kultureller Blüte und Vielfalt, eine Zeit rapiden gesellschaftlichen Fortschritts in Richtung einer offenen, humanen Gesellschaft. Das Scheitern der Ersten Republik wäre selbst im Januar 1933 noch ohne Mühe abzuwenden gewesen.
Weimar war größer als das meiste, das man auf deutschem Boden jemals für groß hielt.
Dem stimme ich uneingeschränkt zu!

Nachtrag: auch die übrigen Artikel des "Kölner Stadtanzeigers" zum Thema "Das Jahr 1933"sind unbedingt lesenswert.

Geschichtswissen ist wichtig für die Demokratie

Wozu soll es wichtig sein, über die ollen Germanen Bescheid zu wissen? Pures Luxuswissen! Oder etwa nicht?
(...) Nicht unterschätzt werden darf nämlich die Attraktivität des Verbotenen, die durch die faktisch existierende Tabuisierung einer Beschäftigung mit germanischer Mythologie in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg entstand. Nur aus diesen Gründen war es der so genannten "rechten Szene" möglich, germanische Mythologie und die Geschichte der Germanen für sich zu vereinnahmen und entsprechend auszudeuten. Auf Grund des in der Allgemeinheit heute nur noch geringen Wissens über germanische Mythologie, das eine deutliche Folge der Tabuisierung der Thematik ist, gelingt es der rechtsextremen Szene, Mythen und Symbole auch zur geheimen Identifikation zu verwenden. (...)
Aus: Vereinnahmung germanischer Mythologie im rezenten Rechtsextremismus – Sprache und Symbolik von Prof. Dr.Dr. Georg Schuppener

Ich bin der Ansicht, dass historisches Unwissen Gefahr für die Demokratie ist. Wobei die Aufklärung genau da einsetzen muss, wo andere Legenden stricken. Es wäre schön, wenn wir einer Gesellschaft leben würden, in der das Wissen darüber, wer "die Germanen" (die es als Stamm, Volk oder gar "Rasse" niemals gab) wirklich waren und was diese Kultur - und andere gern politisch instrumentalisierte "alte Kulturen" - wirklich ausmachte, reines Hobbywissen sein könnte.

Aber dieses Problem, so wichtig es sein mag, ist längst nicht das schlimmste Defizit. Pressemeldung der FU Berlin: Bayerische Schüler wissen mehr über die Geschichte der DDR als Schüler aus Brandenburg. Wobei der Wissenstand der bayrischen Schüler keineswegs "gut" zu nennen ist. Ungeachtet der auch in Bayern bei vielen Schülern vorhandenen Wissenslücken sind diese besser in der Lage, zwischen Demokratie und Unfreiheit zu unterscheiden und die DDR als Diktatur einzustufen.
Es ist signifikant: je weniger Schüler über die DDR wissen, desto milder ist ihr Blick auf den SED-Staat.

Abgesehen davon, dass die Defizite "im Osten" teilweise durch die Scheu der Lehrer erklärt werden kann, dieses für sie "heikle" Thema anzuschneiden - ich habe den Verdacht, dass mangelhaftes historisches Wissen gar nicht so wenige politische Entscheidern gelegen kommt. Denn wer am Beispiel der DDR gelernt hat, woran der Unterschied zwischen Demokratie und Unfreiheit besteht, und zwar gerade anhand des eines Systems, das nicht wie das "Dritte Reich" ein offenkundiger, aggressiver Unrechtsstaat war, der akzeptiert vielleicht die heutige Bundesrepublik Deutschland mehr, als jemand, der das nicht gelernt hat. Aber ganz sicher ist sein kritisches Bewusstsein geschärft. Wer weiß, dass die Stasi kein "ganz normaler Geheimdienst" war, "wie ihn jeder Staat hat", der hinterfragt auch die alarmierenden Tendenzen in Richtung Überwachungsgesellschaft. Wer die Verlogenheit der DDR-Propaganda durchschaut, der durchschaut auch die Meinungsmache in heutigen Medien.

Donnerstag, 24. Januar 2008

Ich bin nun stolzer Besitzer eines Wikingerschiffs

Leider keines echten, sondern eines Modellbausatzes, den ich heute gekauft habe.

Unmittelbarer Kaufanlass waren Studien für ein Gemälde, das ich demnächst malen möchte. Die perspektivische Darstellung von Wikingerschiffen erwies sich wegen der vielen geschwungenen Linien wieder einmal als sehr schwierig - da kam ich auf die Idee, dass ein plastisches Anschauungsobjekt nicht schlecht wäre. (Genau so, wie anatomisch korrekte Puppen beim Zeichnen von Menschen hilfreich sind.)
Hier zur Verdeutlichung eine meiner älteren Zeichnungen eines Wikingerschiffs - für das ich ein Foto als Vorbild nahm, was allerdings die freie Gestaltungsmöglichkeit einschränkt:
schiff01
Der andere Grund: Ich habe vor, irgendwann mal ein schönes, großes Segelschiffsmodell zu bauen. Da ich seit über 15 Jahre kein Segelschiffsmodell mehr gebaut habe, und auch meine damaligen Versuche nicht unbedingt überzeugend waren, dachte ich mir, es könnte hilfreich sein, erst mal ein Modell mit einfacher Takelage zum Üben zu bauen, dann ein mittelschweres, und dann erst mein "Traumschiff". Außerdem habe ich es sowieso mit den Wikingern.

Zum Kauf musste ich erst einen gewissen inneren Widerstand überwinden, denn die Illustration auf dem Karton ist einfach grauenhaft, ebenso die Kurzbeschreibung. Da aber alle anderen Wikingerschiffs-Modellbausätze entweder für meine Zwecke zu teuer sind oder erhebliche historische Fehler aufwiesen, griff ich, nach einem kurzen Blick in den Karton, zum Revell-Bausatz. Dieser Blick zeigte mir nämlich, dass das Modell weitaus vorbildgetreuer ist, als die Verpackung befürchten ließ. Für die 13 Euronen, die ich hinblättern musste, ein halbwegs faires Preis-Leistungsverhältnis. (Anderswo kostet der Bausatz 15 Euro, Preise vergleichen lohnt sich also bei längerer Anfahrt nicht unbedingt.)
Modellbausatz Wikingerschiff

Zuhause, bei näheren Betrachten des Bausatzes, erlebte ich eine angenehme Überraschung: Da Revell das Modell einfach als "Wikingerschiff" bezeichnet, habe ich kaum zu hoffen gewagt, dass das Modell wirklich vorbildgetreu sein könnte.

Ich sah mir die Bauteile gründlich an - und erkannte: es ist ein Modell des Gokstad-Schiffes! Da ich das originale, 1880 auf dem Gokstadhof bei Oslo in einem Grabhügel gefundene, Schiff im Osloer Museum selbst gesehen habe, und ich den Bausatz mit Abbildungen in Büchern vergleichen kann, schätze ich die Vorbildtreue als "gut" ein. Zur Note "sehr gut" fehlen einige kleine Details, dazu später mehr.

Anhand der bekannten Abmessungen des Gokstadschiffs 23,24 m lang, 5,20 m breit und eine Höhe mittschiffs von 2,02 m - und denen des ziemlich genau 38,7 cm langen Modells stellte ich erst einmal fest, dass das Modell entgegen der Packungsangabe nicht den Maßstab 1: 50, sondern 1 : 60 hat. Dann stellte ich fest, dass auch die Breite und Höhe und die Größe der Schilde und des Ankers exakt maßstabsgetreu sind. Ich wunderte mich - nicht zum letzten Mal - über die Diskrepanz zwischen der Qualität des Modells und der des "Drumherums".

Mit seinen 16 Riemenpaaren ("rúm" oder "sesser") ist das Gokstadschiff ein Karfi oder eine Snjekka - für beide Schiffstypen sind Schiffe mit 16 "sesser" überliefert. Damit galt es bereits als "langskip" (Langschiff, ab 14 "sesser"), aber noch nicht als "storskip" (Großschiff, ab 20 "sesser"). Ein Dreki (Drachen) hatte 30 - 60 Riemenpaare, die größten Drekis müssen an die 70 m lang gewesen sein - was an die Grenzen des technisch Machbaren ging. Deshalb wurden wahrscheinlich nur wenige Drekis auf Kiel gelegt, auch die kleineren Skeiths werden wohl nicht allzu häufig gebaut worden sein. Die Masse der Wikinger-Kriegsschiffe waren Snjekkas (was nicht etwa "Schnecken", sondern "Schlangen" bedeutet haben soll) oder Karfis - die noch kleineren Skutas (erhalten z. B. im deutschen Wort "Schute") dienten als Zubringer- und Landungsboote. Von den bekannten Schiffsfunden ist Skudelev 5 eine Skuta, das Oseberg-Schiff eine Karfi, das Schiff von Haithabu wohl eine Karfi, die Schiffe von Gokstad und Ladby waren entweder große Karfis oder kleine Sjekkas, Skudelev 2 ist eine Snjekka - Skudelev 6 ist ein Fähr- oder Fischerboot, Skudelev 3 ein kleines Handelsschiff, Skudelev 1 eine Knorr - einer jener stabile Handelssegler, mit denen die Fahrten nach Island, Grönland und Vinland unternommen wurden.

Obwohl das Gokstad-Schiff nicht allzu groß war und verglichen mit der reich verzierten "Luxusjacht" von Oseberg schmucklos war (aber selbst für Wikinger-Standards sorgfältig gebaut), war es das Schiff eines Königs, denn für die Bestattung einer weniger wichtigen Persönlichkeit hätte man kein gutes seetüchtiges Kriegsschiff geopfert.

Zurück zum Bausatz: die Darstellung der geklinkerten Planken ist gut, wenn auch etwas vereinfacht. Mich überrascht, dass eine schöne Holzgravur angebracht wurde, jedoch die Klinknägel bzw. Nieten fehlen - es wäre durchaus machbar gewesen, wie andere Details des Bausatzes zeigen.
Die Befestigung der Schilde - wie beim Original 64 Stück - ist nicht vorbildgetreu, aber eine vorbildgetreue Anbringung wäre in diesem Maßstab wohl wenig haltbar ausgefallen. Wenn die Schilde montiert sind, sind die nicht vorbildgetreuen Befestigungspunkte aber nicht mehr zu sehen.
Die Schilde sind vorbildgetreu. Das gilt auch für die Decksplanken, den Mastfisch und andere Details binnenbords. Erfreulich: auch die Breitassen, Spieren, mit deren Hilfe die Wikingerschiffe trotz Rahtakelung hoch an den Wind gehen konnten (für Landratten: sie konnten bei Wind schräg von vorne segeln), sind vorhanden. Sogar bei einigen originalgroßen Wikingerschiffs-Nachbauten fehlen sie.

Beim originalen Gokstad-Schiff sind die Stevenfiguren nicht mehr erhalten. Als Kriegsschiff und wahrscheinlich Königsschiff wird es sicherlich eine Tierfigur als Bugzier getragen haben. Wie sie ausgesehen haben könnte ist reine Spekulation.
Für das Modell ist ein stilisierter Schlangenkopf als Bugzier und ein zur Spirale aufgewickelter Schlangenschwanz als Heckzier vorgesehen. Sie passen stilistisch und größenmäßig besser zum Schiff, als es die Karton-Illustration vermuten ließe. (Gerade bei den Bug- und Heckverzierungen sind manche Wikinger-Schiffsmodelle völlig unhistorisch.)
Einige Kleinteile, z. B. die Riemen, haben Grate, die erst mühsam weggeschliffen werden müssen, aber das ist man nicht nur von Revell leider gewöhnt ...

Zum Bausatz gehört außerdem ein tiefgezogenes Segel aus dünnem Plastik, ein Bogen mit Decals (Schiebeaufklebern) für die Schilde und das Segel, sowie Takelgarn und eine Schnur für die Ankertrosse.

Die Decals hinterlassen bei mir gemischte Gefühle. Diejenigen für die Schilde sind zwar meines Erachtens für die dargestellte Epoche etwas zu "bunt" geraten - es gab nur verhältnismäßig wenige gute Farbstoffe - aber immerhin plausibel. Sogar die bei einigen Schild-Decals verwendeten Runen passen von der Form her in die Zeit um 900 (jüngeres Futhark).
Im scharfen Kontrast dazu: Das Segel-Decal entspricht leider ziemlich genau dem auf dem Karton und ist einfach grausam. (Noch mal zum Mitschreiben: die Helme der Wikinger hatten keine Hörner!)

Die Bauanleitung enthält auf Seite 1 allgemeine Informationen zum Vorbild (auf Deutsch und Englisch), die wenig vorbildlich sind. Offensichtlich wussten die Autoren nicht einmal, dass das Modell im Gokstad-Schiff ein reales Vorbild hat.
Die restliche Bauanleitung ist gut - mit genauen und instruktiven Zeichnungen zu jedem Schritt. (IKEA könnte sich da noch eine Scheibe abschneiden.) Auch die Farbangaben erscheinen brauchbar.
Geteilter Meinung kann man zu der vorgeschlagenen Takelage sein. Einerseits berücksichtigt sie die Breitassen - wie beim Vorbild ist bei Kursen mit achterlichem Wind nur ein Breitass gesetzt - andererseits erstaunt es mich, dass gar keine Wanten vorgesehen sind. Ich vermute, dass da eine etwas exzentrische Rekonstruktion verwendet wurde, die davon ausging, dass das Segel beim Segeln am Wind längsschiffs gestanden haben muss, und dass Wanten (Taue, die dem Mast seitlichen Halt verleihen) das nicht zugelassen hätten. Allerdings wäre der Mast, der umlegbar war und deshalb nur mit einem Keil gesichert im Mastschuh (oder Mastfisch) stand, dabei wahrscheinlich außenbords gegangen - wäre er fest verankert gewesen, wäre er bei dieser Kraftverteilung gebrochen. Ich halte mich lieber an einen "konventionelleren" und experimentell erprobten Takelplan.

Ich habe den Eindruck, dass die Gussformen schon älter sind oder vielleicht sogar aus den Beständen eines anderen Herstellers stammen. Bei Revell kannte man nicht einmal mehr den richtigen Maßstab des Modells ...

Schade finde ich auch, dass es außer den Riemen und den Breitassen keine weiteren "losen" Zubehörteile gibt - etwa Schiffskisten (auf denen die Ruderer saßen), Modelle der hervorragend erhaltenen Beiboote, oder ein Zelt, wie es auf Deck aufstellt werden konnte. Damit ließen sich auch verschiedene Versionen des Schiffes - unter Segeln, unter Riemen oder im Hafen - darstellen. Und irgendwie habe ich die Idee, dass Wikinger-Figuren im passenden Maßstab eine gute Ergänzung wären.

Mehr zu meinem Wikingerschiff, wenn das Modell fertiggestellt ist. Womit ich es nicht eilig habe, denn als "Malvorlage" taugt es schon im halbfertigen Zustand.

(Übrigen: einige meiner Zeichnungen und Gemälde habe ich in meinen Ipernity-Account gestellt.)

Mittwoch, 23. Januar 2008

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: Constantine

There's many another world. I don't know how well they briefed you on the other side, but alternate universes ain't a myth. There's a kaleidoscope variation on this full-tilt mess always goin' on. Blue Sheikh told me there's another John Constantine in an alternate universe, has black hair and lives most of his life in Los Angeles. Gets the bloody lung cancer and gets out of it, too, just like me. Black coat instead of a trench coat: he's me but not me. I sure as bleedin' hell don't want to be him — point is, with lots of everyone around in some universe somewhere, who needs this world?
John Constantine über den "Film-Constantine".

Heute ist der 20. Jahrestag des Erscheinen des 1. Bandes der phantastisch-realistischen Comicserie Hellblazer
(Wer Hellblazer noch nicht kennen sollte: Man kann sich Band 1 kostenlos als pdf-Datei von der offiziellen DC-Website 'runterladen:
Original Sins ) Ein willkommener Anlass für einen Artikel. Obwohl John Constantine schon 1985 als regelmäßiger Charakter im Horror-Comic "Swamp Thing" auftauchte, und ich vor Kurzem schon einmal über John Constantine - den Constantine der Comics schrieb: Der Pfeil der Zeit - oder: John Constantine lebt!.

Um es vorweg zu nehmen: der Film ist nicht schlecht. Genauer gesagt: er ist brauchbares Unterhaltungskino. Leider verschenkt er viel vom Potenzial der Vorlage.
Und leider gibt es dafür, dass "Constantine" nur brauchbares Unterhaltungskino ist, klar erkennbare Ursachen. Nein, nicht die Eigenwilligkeit, John Constantine von London nach Los Angeles verlegt zu haben. Oder die nicht unbedingt naheliegende Besetzung der Hauptrolle mit Keanu Reeves.
Nein, es ist wohl das Starren der Produzenten auf ein Phantom namens "Zielgruppe". Und ein starres, mutloses Festhalten an "bewährten Rezepten".

Spätestens seit "Der Exorzist" gilt die Faustregel: Horrorfilme über Besessenheit mit römisch-katholischem Hintergrund "funktionieren". Folglich wurde das mythologische Konzept der Vorlage auf den Kopf gestellt: In John Constantines Welt existieren die Götter und Geister sämtlicher Kulturen nebeneinander und nähren sich von der Verehrung der Sterblichen. Constantine hat es also nicht nur mit der christlichen Hölle mitsamt Teufeln und Dämonen zu tun.

Der Film, der lose auf dem Hellblazer-Comic "Dangerous Habits" beruht, hält sich im groben Umrissen an volkstümliche katholische Jenseitsvorstellungen.

Ein paar Worte zum Inhalt des Filmes: John Constantine ist ein Exorzist, der "das Böse" hauptsächlich im eigenen Interesse bekämpft, denn der Kettenraucher hat Lungenkrebs und kein Interesse daran, nach seinem drohendem Tod in der Hölle zu landen. Nach einem Selbstmordversuch erlebte er für einige Minuten die Hölle und versucht sich als Dämonenjäger von der Todsünde des Selbstmordes reinzuwaschen.

Die Polizistin Angela Dodson untersucht den Tod ihrer als psychisch krank geltenden Zwillingsschwester Isabel - sie mag nicht an den Selbstmord der gläubigen Katholikin glauben. Sie trifft John Constantine. Wie in solchen Filmen nicht anders zu erwarten, erkennt der erfahrene Exorzist, dass die Dämonen verstärkt gegen das alte Abkommen zwischen Gott mit dem Teufel, dem zufolge es Himmel und Hölle nicht gestattet ist, direkten Einfluss auf die Menschen zu nehmen, verstoßen. Ebenfalls klar: sowohl Angela wie ihre Schwester sind medial begabt, Angela verdrängte das erfolgreich, Isabel wird ob ihrer Begabung für wahnsinnig gehalten.

Im Weiteren geht es um Mammon (nein, damit ist nicht die Gewinnerwartung von Warner Bros. gemeint, sondern der Sohn des Teufels), seinen buchstäblich diabolischen Plan zur Unterjochung der Erde und den"Speers des Schicksals" (jener Lanze, die der Legionär Longinus einst mit dem Blut Christi tränkte), der in die Hände Mammons geraten ist. Zusammengehalten wird die Handlung von Action, Spezialeffekten - vor allem Computeranimationen - Pseudo-Philosophie - und erfreulich guten Schauspielern (Klasse: Peter Stormare als Teufel), die vergeblich gegen ein schwaches Drehbuch kämpfen.
Am Ende ist Constantine seinen Lungenkrebs und seine Verdammnis los, Isabellas Seele ist errettet, die Welt gerettet - und Constantine hat sich das Rauchen abgewöhnt.

Der Film kopiert allzu offensichtlich den Stil der "Matrix"-Trilogie und den Plot des Mysterythrillers "God's Army". Leider wurden die Spannung und die Logik nur unzureichend kopiert.

Abgesehen von den durch die Verlagerung nach L.A. und durch die Besetzung mit Reeves erforderlichen Änderungen fallen folgende Unterschiede zum Comic-Constantine auf:

Schon mal erwähnt: die abweichende Aussprache des Namens im Film "Tine. Constantine." Außerdem schafft er es "in Wirklichkeit" nicht, von den Kippen zu lassen. Immerhin qualmt er mittlerweile Silk Cut (sehr leichte britische Zigarettenmarke).

Im Film kämpf Constantine regelmäßig gegen Dämonen, was zu der Verhaltensweise des Hellblazer-Constantine, sich solcher ungleicher Kämpfe nach Möglichkeit zu entziehen, nicht passt. Wobei es ihm keineswegs an persönlichem Mut mangelt. Wenn es nicht anders geht und es um etwas wirklich wichtiges geht, z. B. darum, einen seiner zahllosen verstorbenen Freunde vor der Hölle zu retten, kämpft auch John Constatine. Er hat ein fatales Talent dafür, sich in Situationen zu manövrieren, die anderen - bevorzugt seinen Freunden, Bekannten und Familienangehörigen - das Leben kosten. Das ist auch der Hauptgrund dafür, weshalb er so zerknirscht und manchmal zynisch drauf ist.
Er verabscheut Gewalt und vor allem Schusswaffen. Hingegen scheint der Film-Constantine geradezu ein Waffennarr - darunter durchaus Schusswaffen - zu sein.

In "Hellblazer" ist Constantine zur Hölle verdammt, weil er Magie missbraucht und versuchte, seinen Vater zu ermorden. Im Film ist er wegen Selbstmord verdammt. (Soviel ich weiß, glauben die Katholiken, dass nur vollendeter Selbstmord die Verdammnis nach sich zieht. Bei versuchtem Selbstmord ist Reue und Buße möglich. Constantine sah im Film aber durchaus lebendig aus. Das ist auch der springende Punkt, wenn Constantine für ein paar Minuten in der Hölle war, also tot war, aber anschließend wieder lebt, kann er immer noch im irdischen Leben tätige Reue leisten.)

Gabriel ist im Film neben Mammon der wichtigste Antagonist, er verflucht die Menschen, weil ihnen seiner Ansicht nach zuviel Gnade gewährt wird. Im Grunde lehnt er sich damit gegen Gott auf, auch wenn es ihm darum geht, dass nur die wenigen Gnade erhalten sollten, die wirklich Gott ergeben sind. Das ist zwar ein netter Seitenhieb gegen "gnadenlose" religiöse Fanatiker, die alle, die nicht buchstabengetreu der jeweiligen absolut wahren Schriftauslegung folgen (also praktisch alle Menschen) zur Hölle verdammen, aber so ein Verhalten widerspricht sowohl der Bibel wie auch den ansonsten sehr unterschiedlichen traditionellen jüdischen, christlichen und islamischen Anschauungen und Gabriel-Legenden.
Im Comic ist Gabriel neutral, glaubt an die göttliche Vorsehung (wenn nicht er, wer dann?) und hat deshalb (verständlicherweise) ein skeptisches Bild von den Menschen. Die Idee, Gabriel (eine mögliche Bedeutung: "Mann Gottes") von einer Frau (Tilda Swinton) darstellen zu lassen, gefällt mir dagegen ganz gut - Engel sind ja angeblich geschlechtslos.

Ja, und ganz so selbstlos wie im Film wird John Constantine in "Dangerous Habits" seinen Krebs nicht los: er verspricht drei verschieden Teufeln seine Seele, für den Fall, dass sie seinen Krebs heilen. Was auch klappt - auch Teufel gehen unnötigem Ärger aus dem Weg und retten lieber Constantine das Leben, anstatt sich endlos um eine lausige Seele zu kloppen.

Noch eines: John Constantine verdient seinen Lebensunterhalt nicht mit Exorzismen. (Wie sollte er auch?) Ob er insgeheim nach Vergebung sucht, behält er ganz tief drin für sich. Er sieht auch keine (Halb-)Dämonen oder (Halb-)Engel.

Vielleicht muss ich meine Ansicht von eingangs dieser Postings ergänzen: außer dem Starren der Produzenten auf die "Zielgruppe" und mutlosem Festhalten an "bewährten Rezepten" ist es vielleicht die Anpassung an "sozial erwünschtes" Verhalten, eine Form vermeintlicher "Political Correctness", die einen großen Teil des Potenzials des Film "Constantine" versickern läßt. Der Held darf eine raue Schale haben, aber er muss - im konventionellen Sinne - "gut" sein. Der "Hellblazer"-Constantine ist kein "guter" Mensch, aber ein halbwegs anständiger Charakter, zu dessen moralisch besten Zügen seine Abscheu vor unnötiger Gewalt gehört. Der Film-Constantine ist moralisch "gut" - aber ein keinen Kampf scheuender Waffennarr.
Auch wenn ich den "echten" John Constantine nicht zum Freund haben möchte - weil schon viele seiner Freunde durch seine Fehler oder einfach durch das magisch von ihm angezogene Pech umkamen - ist er mir aber grundsympatisch.
Der "Film-Constantine" ist ein netter Kerl mit sarkastischen Sprüchen. Und der Film hat gute Ansätze.
Mehr nicht.

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