Samstag, 19. Januar 2008

"Operation Himmel" - oder: ein schwerer Schlag ins Wasser

Vor gut einem Monat machte sie Schlagzeilen - die "Operation Himmel" . Stellvertretend für andere Medienberichte hier ein Artikel von SpOn:
Das Netz der Kinderporno-Mafia.
Darin heißt es:
(...) Am Wochenende wurde enthüllt, welche Dimensionen ihr Geschäft in Deutschland angenommen hat: 12.000 Verdächtige hat die Polizei in umfangreichen Ermittlungen in den vergangenen Monaten ausgemacht. Sie sollen sich Bilder und Filme von Sex mit Minderjährigen heruntergeladen haben - Codename der Ermittlungen: Operation "Himmel". (...)
Das wichtigste Wort in dem zitierten Absatz ist Verdächtige. 12.000 Menschen sind durch die Aktion in Verdacht geraten, sich Kinderpornographie heruntergeladen zu haben. Einziges Verdachtsmoment: ihre IP-Adressen waren im Fahndungsnetz hängen geblieben. Schon bald wurde bekannt, dass Viele der gemeldeten Nutzer nur für Sekunden und demzufolge "möglicherweise aus Versehen" auf einschlägige Kinderpornografie-Seiten geraten seien. Wobei es gar in Wirklichkeit gar nicht einmal um "einschlägige Seiten" ging, sondern um eine Falle: law blog: Sandra-model2.mpeg.
Schon wenige Tage später wurde die "Operation Himmel" auf TP als das bezeichnet, was sie wahrscheinlich tatsächlich ist: Operation Heiße Luft.

Dass die mit vielen Vorschusslorbeeren versehene Aktion tatsächlich nichts als "heiße Luft" ist, zeigt dieser Artikel auf koeln.de. Allein in Köln gab es etwa 500 Verdächtige. Bei wie vielen war der Verdacht begründet? Bei keinem Einzigen! Kinderporno-Verdacht: Verfahren gegen 500 Kölner eingestellt.
(...) Seit September 2007 hatte die Kölner Staatsanwaltschaft an diesem Aufsehen erregenden Fall gearbeitet und diesen nun abgeschlossen. Oberstaatsanwalt Rainer Wolf sagte der "Kölnischen Rundschau": "Wir haben alle Verfahren eingestellt." Nach Beendigung der Ermittlungen konnte den "Usern" keine strafrechtlichen Handlungen nachgeweisen werden. "Es waren zum größten Teil Fotos von nackten Kindern am Strand oder an anderen Orten zu sehen", so Wolf. Anstößige Handlungen waren nicht erkennbar.

Ob die Verdächtigen die Bilder mit Absicht runtergelanden haben oder zufällig im Internet die Seite angeklickt hatten, sei unklar. Der Ankläger sprach von einer "allenfalls moralischen Schuld".(...)
Ich erwarte, dass das Ergebnis auch in anderen Städten ähnlich aussieht.
Wie nicht anders zu erwarten, macht das groteske Missverhältnis zwischen (bürgerrechtsfeindlichem!) Aufwand und Ergebnis der "Operation Himmel" keine Schlagzeilen.
Auch ein vermeintlicher Erfolg, der spektakuläre Fall eines Sozialsgerichtspräsidenten in Hamburg (abendblatt.de: Gerichtspräsident des Amtes enthoben) zeigt beim näheren Hinsehen, wie problematisch "Himmel" ist - denn außer den 41 verdächtigen Dateien auf dem sichergestellten PC der Lebensgefährtin gibt es keine Verdachtsmomente - wobei der Öffentlichkeit nach wie vor unbekannt ist, was in diesen Dateien wirklich steckt (siehe die 500 eingestellten Verfahren in Köln). So absurd (und vorverurteilend!), wie es das "Abendblatt" nahelegt, ist die von Herrn R. erhobene Verleumdungsklage nicht:
(...) Doch: Da die Dateien offenbar nach einem Hinweis eines großen Internet-Providers entdeckt wurden, erscheint diese Version eher als unglaubwürdig. (...)
Zur Erinnerung: "Himmel" beruht nicht etwa darauf, dass der Provider die Verdächtigen "auf frischer Tat ertappt" hätte, sondern auf einer (fragwürdigen) Falle.

Selbst wenn "Himmel" einige echte Fahndungserfolge gebracht haben sollte - wohlgemerkt: gegen Konsumenten, nicht gegen Produzenten von Kinderpornos - ist das Verhältnis zwischen dem Aufwand an staatlicher Schnüffelei und dem "Kollateralschaden" an Ruf und Ehre der Verdächtigten noch schlechter als bei der automatischen Erfassung von KFZ-Kennzeichen.

Statt dessen raisoniert die Presse, wie z. B. die "Welt", darüber Warum viele Täter unbehelligt bleiben (und betreibt dabei, vielleicht unbeabsichtigt, Schleichwerbung für die Vorratsdatenspeicherung). Bemerkenswert erscheint mir, wie die Fakten durcheinandergeworfen werden:
(...)An Bilder von Kindern, deren Geschlechtsteile zu sehen sind, sei im Internet sehr leicht heranzukommen.
Das können -siehe Köln - durchaus harmlose Strandfotos sein. Oder Illustrationen einer Sexualkundeseite. Wenn nur eines von tausend dieser Bilder KiPo wäre, wäre das meines Erachtens extrem viel. Aber weiter:
Verdeckter werde gearbeitet, wenn es sich um den Missbrauch von Kindern handele, sagt Maeser.
Und erst dann geht es tatsächlich um "kinderpornographische Schriften". Wobei "Missbrauch" von den Gerichten regelmäßig enger gefasst wird, als das in den Umgangssprache üblich ist ("Missbrauch" fängt nicht etwa erst bei Kindesmisshandlung oder gar "Kinderstechen" an).
Bei den Darstellungen gebe es kaum noch Tabus. Die missbrauchten Kinder seien immer jünger, sogar Fotos von geschändeten Babys kursierten im Internet. Auch die Brutalität beim Missbrauch nehme zu.(...)
All das sind unbewiesene - und leider unhinterfragte - Behauptungen. Vielleicht ist es auch nur die selektive Wahrnehmung eines Kriminalpolizisten: was nicht "Fall" ist, nimmt der Internet-Fahnder erst gar nicht wahr - z. B. die Strandfotos. Bei den wirklichen "Funden" bleiben dann vor allem die ganz harten im Gedächtnis - und es gibt wirklich Fotos, bei deren Anblick sich selbst ganz hartgesottenen Kriminalern der Magen umdreht. Die einen noch monatelang in den Alpträumen vorfolgen. Und die manchen Übereifer auf Seiten der Polizei und Staatsanwaltschaft erklären.

Aber den Übereifer der Presse und des Gesetzgebers entschuldigen diese schlimmen Einzelfälle nicht.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Zitat des Tages

Ich mag auch keine Romane, in denen der Held ein Journalist und Chefredakteur ist. Journalisten eignen sich nicht für literarische Plots.
(Aus Burks' Blog - Tomás Eloy Martínez: Der Flug der Königin.)

Da ist etwas dran, sogar wenn es um Literatur ohne hohen "literarischen Anspruch" geht. Ich habe vor kurzem ein angefangenes Romanskript - das irgendwann einmal ein Kriminalroman werden sollte - in die berühmte Tonne getreten. Meine Zentralfigur sollte, anstelle des obligatorischen Kripo-Beamten oder Detektivs, ein investigativ arbeitender Journalist sein. Es haut einfach nicht hin, jedenfalls nicht dann, wenn ich die Arbeit des Journalisten einigermaßen realistisch beschreibe. (Wenn der Journalist nicht Ermittler, sondern Opfer oder Täter wäre, ginge es schon. Aber in diesem Fall würde der Journalist nicht den Plot tragen, sein Beruf wäre nur eine Facette im Opfer- bzw. Täterprofil.)

Um es kurz zu machen: die Ergebnisse einer investigativen Recherchen können spannend sein, die Recherche selbst ist es eher weniger.

Auch neu von Burks, auch sehr zu empfehlen: Drill für Dumpfbacken. (Interessant, was sogar bei der "jungle world" gestrichen wird.)

Mittwoch, 16. Januar 2008

Orwell wußte schon, wovon er schrieb

Bettina Winsemann merkt in einem "telelepolis"-Artikel an, dass bemerkenswert viele Pläne der britischen Regierung an Dystopien wie "Demolition Man", "V for Vendetta" und "Die Klapperschlange" erinnnern. Subkutane RFID-Chips für Straftäter wären hierfür nur ein Beispiel. Von Filmen lernen, heißt überwachen lernen.

Ich vermute nicht, dass die britische Regierung oder ihre Berater ihre Ideen aus dem Kino beziehen. Vermutlich gibt es für die verblüffende Übereinstimmung einen anderen Grund, und dieser liegt in der Tradion der britischen literarischen Dystopien.
Aldous Huxley , George Orwell, aber auch Alan Moore und David Lloyd, die Schöpfer des Comics "V", ferner dystopische Science Fiction Autoren wie John Brunner - und nicht zu vergessen Science Fiction und Fantasy schreibende Moralisten wie C. S. Lewis - sie alle waren Kenner der Abgründe der britischen Gesellschaft. Zu diesen Abgründen gehört neben einer nie richtig überwundene Klassengesellschaft eine Art übergroßes puritanisches Ich-Ideal. Zur Erläuterung: das reale Victorianische Zeitalter war z. B. längst nicht so "sittenstreng", wie wir uns das heute vorstellen: in dieser Zeit des rapiden technischen und gesellschaflichen Wandels blühten die Pornographie, der Drogengebrauch, eine vorher und später beispiellose Sucht nach dem Abenteuer, aber es entstanden auch die Grundlagen der Frauenemanzipation und Ansätze zur sexuellen Befreiung. Die "Victorianische Prüderie" war nur eine konservative Gegenströmung gegen den vorherrschenden Zeitgeist dieser Epoche. Da diese Gegenströmung aber sehr stark verklärt wurde, vor allem in der Literatur, und sie dem "offiziellen" (nach außen hin vertretenen) puritanischen und auf selbstverleugnende Pflichterfüllung gerichteten Idealen der "Upper Class" entsprach, prägte sie das Bild späterer Generationen über das sittenstrenge Victorianische Zeitalter.
(Auf diese Idee bringt mich ein Buch, dass ich gerade lese: "Inventing the Victorians" by Matthew Sweet. Wenn ich es ausgelesen habe, mehr dazu.)
Dem "Ich-Ideal" der "Sittenstrenge" entspricht der - von den oben genannten Dystopisten ausnahmslos beobachtete - britische Hang, moralische Vorschriften durch die "Staatsmacht" durchzusetzen. Im Extrem führt das zur "Diktatur des Anständigen".

Folglich liegt vielen Dystopien der "britischen Schule" (auch einige Autoren in anderen englischsprachigen Ländern folgen ihr, und Epigonen gibt es sogar in Deutschland) die selbe ethische Grundstruktur zugrunde, die auch britische Regierungen und britische Politik-Experten, Juristen, Journalisten antreibt.

In us-amerikanischen Dystopien, z. B. denen Phillip K. Dicks (der die Vorlagen mehrerer dystopischer SF-Filme schrieb: "Blade Runner", "Total Recall", "Minority Report") tritt ein Aspekt ins Zentrum, der bei britischen Dystopien meistens "nur" Teil des staatlichen Unterdrückungs- und Überwachungsapparates ist: die Manipulation des Bewusstsein des Einzelnen. Und auch hier lassen sich Parallelen zur politisch-gesellschaftlichen Realität finden: Manipulation als wichtigste Machttechnik.

Es sind aber eher marginiale Unterschiede in der Gewichtung, denn auch in den US gibt es eine überhöhte puritanische Anstandsregeln-Moral (wenn auch mit anderen Schwerpunkten als die Großbritanniens).

Wie sieht es aber in Deutschland aus? Leider gibt es hierzulande nur wenige einigermaßen erfolgreiche dystophische Autoren, und diese sind meistens britischen und amerikanischen Vorbildern verpflichtet. (Was nicht ausschließt, dass es den britischen ähnliche Strukturen auch hierzulande gibt.)
Einige Unterschiede sowohl zur britischen wie auch zur amerikanischen "Anstandsstruktur" sind auffällig: in Deutschland ist die öffentliche Sexualangst (alias Prüderie) weniger ausgeprägt und im Vergleich sind auch die liberalen Traditionen (sowohl die Wirtschaftsliberalen wie die Bürgerrechtsliberalen) hierzulande weniger ausgeprägt - Deutschland ist vom Denken her staatbezogener, "etaistischer". Damit ist die Akzeptanz für eine "gerechte" Diktatur größer als in den "angelsächsischen" Ländern.
Obwohl es in Deutschland ein sehr ausgeprägtes soziales Gefälle gibt, sehen die Klassenstruktur wie aus die Mechanismen, mit denen sie auffrecht erhalten wird, anders aus.

Einen gemeinsamen Nenner der deutschsprachigen dystopischen Autoren (z. B. Herbert W. Franke, Arno Schmidt, Carl Amery oder der DDR-Autor Rainer Fuhrmann) , der in englischen und amerikanischen Dystopien weniger hervortritt und sozusagen chrarakteristisch ist, ist das "ethik-blinde Expertentum": Experten, die die Dinge zum funktionieren bringen, egal, was da funktioniert. Der Typ des technokratischen Schreibtischtäters. (Er fand auch Eingang in die Dystopien der Biten und Nordamerikaner: als "Mad Scientist", der im Klischee einen schnarrenden deutschen Akzent hat - und weniger klischeehaft als treffend als "Dr. Strangelove" karikiert wurde. (Das deutet an, dass der "deutsche Geist" des a-moralischen Technokraten auch in den USA anzutreffen ist - mit Nazi-Experten fand auch Nazi-Geist Einzug; vor allem in den Geheimdiensten und im militärisch-industriellen Komplex.)

Da die westliche Welt nun einmal sehr eng vernetzt ist, fürchte ich, dass sich ein gemeinsames "Modell" der Überwachungsgesellschaft herausbilden wird: so auf das Durchsetzen und die Kontrolle "moralischer Normen" versessen, wie das britische, so manipulativ wie die amerikanische und so menschenfeindlich-perfektionistisch wie das Deutsche.
(Die schrecklichste aller Dystopien wäre übrigens ein Nazi-Deutschland, dass seine erklärten Ziele verwirklich hätte: Ausrottung der Juden und der "Geistesjuden" auf der gesamten Welt, Mord an mindestens 14 Millionen Osteuropäern (nicht primär aus "Rassenwahn" - nach der Rassenlehre wäre die meisten der gemäß "Generalplan Ost" zu Ermordenden "Arier" gewesen - sondern als Landraub ("Lebensraum im Osten") Erziehung der Deutschen zum "Hammer", der unerbittlich und willig auf den "Amboss" der unterdrückten Völker einschlägt.)

Sonntag, 13. Januar 2008

Das Zeitalter der Effizienz - oder: was fehlt, ist Neugier

Wir leben in einer Zeit, in der die Quantität des "Wissens der Menschheit" geradezu unvorstellbare Ausmaße angenommen hat - und dieses Wissen im Großen und Ganzen dank moderner Kommunikationsmittel - unter denen das Internet das spektakulärste und leistungsfähigste ist - in einem früher unvorstellbaren Maße allgemein verfügbar ist.

Trotzdem scheint es an großen, zündenden Ideen zu mangeln. Sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Kunst und erst recht in der Politik.

Mangelt es unserer Zeit an großen Geistern?
Die beste Antwort darauf, die ich kenne, gab ein Philosoph, der keiner sein wollte vor gut 30 Jahren in einem anonymen Interview für "Le Monde":
Ich träume von einem neuen Zeitalter der Wißbegierde. Man hat die technischen Mittel dazu; das Begehren ist da; die zu wissenden Dinge sind unendlich; es gibt die Leute, die sich mit dieser Arbeit beschäftigen möchten. Woran leidet man? Am "Zuwenig“: ungenügende, quasi-monopolisierte, kurze, enge Kanäle. Es geht nicht darum, eine protektionistische Haltung anzunehmen, um zu verhindern, dass die "schlechte" Information durchkommt und die "gute“ erstickt. Man müßte eher die Hin- und Her-Wege und -Möglichkeiten vermehren . Kein Merkantilismus à la Colbert auf diesem Gebiet. Was nicht heißen soll, wie man es oft befürchtet, Uniformisierung und Nivellierung von unten aus. Sondern im Gegenteil, Differenzierung und Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Netze.
Michel Foucault: "Der maskierte Philosoph - Gespräch mit Christian Delacampagne"; S. 18; in: "Von der Freundschaft - Michel Foucault im Gespräch"; Merve Verlag, Berlin

Ich würde es so formulieren: Das "Zeitalter der Wissbegierde" scheiterte bisher daran, dass der "Merkantilismus à la Colbert" so etwas wie eine heimliche Leitideologie der heutigen "westlichen Kultur" ist - mehr noch als die Marktgläubigkeit des fälschlicherweise "Neoliberalismus" genannten dogmatischen Kapitalismus, der seit etwa 1980 eine der wichtigsten Ideologien des "Westens" ist. Ironischerweise wandten sich jene, die sich in den 1930er Jahren "Neoliberale" nannten, genau gegen jene strenggenommen "neoklassische" Wirtschaftsideologie, die heute mit dem Begriff "neoliberal" verbunden wird.

Der Leitgedanke des Merkantilismus ist die Effizienz. Das mag angesichts der zur gleichen Zeit grassierenden Verschwendungssucht am Hofe Louis XIV. merkwürdig anmuten, aber Sinn und Zweck der merkantilen Wirtschaftsordnung war es, die nötigen Mittel vor allem für die fortgesetzten "Kabinettskriege" des damaligen Frankreich zu beschaffen. Colbert erreichte das, indem er die Finanz- und Wirtschaftspolitik Frankreichs nach kaufmännischen (merkantilen) Prinzipien ausrichtete, so handelte, als wäre Frankreich ein großes Unternehmen. (Heute würde man von einer Wirtschaftspolitik nach BWL-Prinzipien sprechen.)

Es entbehrt nicht einer gewissen historischen Ironie, dass der "Vater" der klassischen marktwirtschaftlichen Lehre, Adam Smith, ein entschiedener Gegner des Merkantilismus war - und das nicht wenige jener "Neoliberaler" (in der Lesart ihrer Kritiker - sie selbst nennen sich lieber "Marktwirtschaftler") de facto eine Wirtschaftspolitik nach merkantilistischen Prinzipien fordern. Ich nenne die Wirtschaftsordnung, die z. B. von der Initivative "Neue Soziale Marktwirtschaft" propagiert wird, deshalb merkantilistisch, weil sich in ihr die Interessen "der Wirtschaft" (gemeint: Großunternehmen) mit der "Staatsraison" eng verquicken. Merkantilistisch ist auch, dass der Bürger nicht als Souverän, sondern als "Werkzeug" gesehen wird. (Ich habe die INSM als Beispiel gewählt, obwohl ich diese Lobbybude der Metallindustrie für längst nicht so wichtig oder gefährlich halte, wie manche ihre Gegner glauben. Anderseits ist sie leider auch keine Institution, die sachlich und ehrlich über die Vorteile der Marktwirtschaft aufklären würde.)

Zurück zu Adam Smith. Er entwickelte sein System der liberalen Marktwirtschaft als Gegenentwurf zum absolutistischen Staatsverständnis eines Thomas Hobbes ("Leviathan") und den aus diesem Staatsverständnis heraus abgeleiteten merkantilistischen Wirtschaftssystem. (Das sich, vor allem wegen der protestantischen Arbeitsethik, in Vielem vom colbertschen System unterschied, aber das Prinzip ist ähnlich.) Hobbes sah den Egoismus als einzig bestimmende menschliche Triebkraft. Der Staat ist eine Einrichtung, um per Vertrag die auf egoistische Selbsterhaltung bedachten Einzelnen voreinander zu schützen. Das Staatsziel und die auf dieses Ziel gerichtete "Staatsraison" wird nicht von den Einzelinteressen der Untertanen her gesehen (dazu sind sie ja viel zu egoistisch), sondern wird in einem Akt des Gottesgnadentums dem Monarchen zuteil. Dass sich Kaufleute und Fabrikanten bereichern, gilt in diesem System als ihr gutes (göttliches) Recht - allerdings sind sie von der politischen Macht weiterhin ausgeschlossen. (In Frankreich war die Kluft zwischen wirtschaftlicher Bedeutung und politische Bedeutungslosigkeit des (Besitz-)Bürgertums eine der Ursachen der Revolution.) In England gelang es dem Bürgertum hingegen an der politischen Macht teilzuhaben - dennoch blieb die Wirtschaftspolitik merkantilistisch, von "freiem Handel" konnte im Großbritannien des 18. Jahrhunderts noch keine Rede sein. Es gab hohe Schutzzölle, Einfuhr- und Exportverbote, Restriktionen für den Kolonialhandel, und vor allem die aus der Zeit der Cromwell-Diktatur stammende "Navigation Acts", der es ausländischen Schiffen verbot, britische Waren zu transportieren. Noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts war das britische Wirtschaftssystem darauf gerichtet, dass der "Wohlstand" (der staatstragenden Klassen, die sich mit "dem Staat" identisch sahen) eher durch den reglementierten Handel mit den Kolonien als durch Freihandel mit aller Welt gefördert wurde. Die Handelsstrategie war darauf gerichtet, die Kosten für Nahrungsmittel durch billige Importe, vor allem aus den Kolonien und aus dem politisch abhängigen Irland, niedrig zu halten - und damit auch die Kosten für Arbeitskraft in britischen Manufakturen und Fabriken gering zu halten. In den Anfängen der industriellen Revolution war das ein kaum zu überbietender "günstiger Standortfaktor" - jedenfalls solange es aufnahmefähige ausländische Märkte für britische Produkte gab. Auf die Dauer grub sich dieses merkantilistisch-kapitalistische System selbst das Wasser ab, was Smith schon früh erkannte. (In mancher Hinsicht hat der viel bewunderte "chinesische Weg" eines staatlich regulierten Kapitalismus Ähnlichkeit mit dem klassischen Merkantilismus. Ich erwarte, dass die "China-Blase" irgendwann ganz gewaltig platzt - es sei denn, dass Chinas Wirtschaft noch rechtzeitig einen ähnlichen Weg nimmt, wie die Südkoreas: Teilhabe der Massen am wirtschaftlichen Erfolg - und an der Macht.)
Adam Smith setzte dem merkantilistischen System nicht nur die liberale Marktwirtschaft entgegen (die berühmte "unsichtbare Hand"). Er glaubte nicht daran, dass der freie Wettbewerb selbstsüchtiger Interessen die Gesellschaft spalten würde - denn er sah die soziale Rücksichtnahme, die er "Benevolence" nannte, als eine natürliche balancierende Gegenkraft an. Er ging z. B. davon aus, dass Fairness nicht nur auf die Dauer für alle am Markt Beteiligten vorteilhaft ist, sondern dass es außerdem einen zutiefst menschlichen Drang zur "Fairness" gäbe. (Übrigens sprechen experimentalpsychologische Erkenntnisse für so einen "angeborenen Hang zur Fairness".) "Benevolence" geht sogar noch weiter: Smith glaubte, dass gewisse Prinzipien seiner Natur den Menschen dazu bestimmen, an den dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen. Dieser Drang, das Glück auch des anderen zum eigenen Bedürfnis zu machen, ist zum Teil angeboren (gottgegeben, wie Smith es ausgedrückt hätte), zum Teil aber auch Sache der Erziehung und der öffentlichen Ethik und Moral.
Im späteren Kapitalismus war von der smithschen "Benevolence" wenig zu spüren - tatsächlich setzte sich Ideologien durch, die den ungehemmten Egoismus rechtfertigten. Schon zu Smith's Zeiten kamen Rechtfertigungen für Rücksichtslosigkeit aus der religiösen Sphäre (Prädestinationslehre, Gnade Gottes ist am Erfolg im Leben abzulesen, jeder ist an dem ihm gemäßen Platz gestellt usw.), gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen sozialdarwinistische Vorstellungen hinzu.

Unnötig eigentlich zu erwähnen, dass die "Benevolence" bei den den ökonomischen Neoklassikern, "Turbokapitalisten" und Marktideologen bestenfalls auf die Rolle des Almosengebens reduziert ist - und das nur, wenn es der Wettbewerbsfähigkeit nicht schadet. Eher findet man sie schon bei den ursprünglichen Neoliberalen, den Ordoliberalen ("soziale Marktwirtschaft") wieder - und natürlich bei Sozialisten (die es in der Regel aber nicht mit der Marktwirtschaft haben).

Ihrer besseren ökonomischen Effizienz verdankten die Staaten des kapitalistischen "Westens" (unter anderem) den Erfolg über die notorisch ineffizenten "realsozialistischen" Staaten.

Inzwischen ist die größtmögliche Effizenz aber zum "Wert an Sich" verkommen, was konkurrenzfähig ist, ist auch gut (im ethischen Sinne). (Ein weiterer zum ideologischen "Wert an Sich" verkommener Begriff ist die "Sicherheit". Das Kompositum aus beidem, die "effizente Sicherheit" ist nicht nur in Deutschland etwas das politische Entscheider gern den bürgerlichen Freiheitsrechten entgegen stellen.)

Damit sind wir wieder beim Foucault-Zitat. Effizienzdenken (und aus Angst gespeistes Sicherheitsdenken, dass ist hier aber nicht Thema) ist offensichtlich Gift für viele kulturelle Bestrebungen.
Wenn z. B. der Wert eines Kunstwerkes nur in seinem Marktwert gesehen wird, führt das auf die Dauer dazu, dass bestimmte Formen der Kunst nicht mehr "produziert" werden - eine Verarmung der kulturellen Landschaft droht.
Dem gegenüber steht ein Denken, dass den Künstler als jemanden sieht, der sich freiwillig aus dem produktiven Leben verabschiedet hat, um schöne Dinge zu produzieren. Folgt man dieser Annahme, dann ist es nur logisch, dass der Künstler mit dem zufrieden zu sein hat, dass er gerade zum Überleben braucht - Kunst als Selbstzweck. Diese Ideologie des sich freiwillig aufopfernden Künstlers ist nur die Kehrseite des Effizienzdenkens, rechtfertigt Ausbeutung - und sie lässt sich auch z. B. auf Menschen, die freiwillig im sozialen Bereich helfen, übertragen.
In einer extremen "Effizenzgesellschaft" würde man wohl die Kunst (abgesehen von reiner Gebrauchskunst) völlig über Bord werfen - was womöglich als Preis, der für die Stabilität der Gesellschaft bezahlt werden müsse, gerechtfertigt würde. Denn kreatives Denken, dass nicht "produktiv eingebunden" ist, ist potenziell destruktiv, Sand im Getriebe.
Auf den Fortschritt der Wissenschaft würde man auch verzichten müssen - soweit es nicht um effizenzsteigernde Innovationen geht. Denn Grundlagenforschung ist ökonomisch ineffizient. Wenn überhaupt geforscht wird, dann gezielt auf ein vermarktbares Produkt hin. Neben der Grundlagenforschung sind vor allem die Sozialwissenschaften - soweit sie nicht als Lieferanten von Sozialtechniken brauchbar sind - gefährdet. Denn zuviel Wissen über den Menschen und seine Bedürfnisse abseits des Ökonomischen ist gefährlich.

Es gäbe, neben der vernachlässigten und geradezu verfehmten ("Kuschelpädagogik", "Sozialromantik") Fähigkeit zur Empathie, zum Einfühlen und Eindenken in die Bedürfnisse Anderer, noch eine Gegenkraft zur lähmenden Ideologie der Effizenz: die Neugier. Womit nicht die aus Angst geborenen Datensammelwut funktionell verfolgungswahnsinniger Geheimdienste und Kriminalbeamter (denn es gehört zu ihrer Professionalität, auch dort Verdachtsmomente zu sehen, wo sie als Normalbürger unbesorgt wären) und vielleicht nicht nur funktionell verfolgungswahnsinniger, machtbeflissener Politiker gemeint ist. Auch nicht gemeint ist die Neugier auf Klatsch und "pikante Details" aus dem Privatleben anderer Leute.
Ich meine die Neugier, die aus einem Kind spricht, dass die Erwachsenen mit Fragen löchert - bis ihm dann womöglich in der Schule die selbstbestimmte Neugier zugunsten des Lernstoffes ausgetrieben wird. Es ist erstaunlich, wie oft "Bildung" mit "abfragbares Wissen aneignen" verwechselt wird. (Wie von jenem Physiklehrer, der seinen Schülern erst mal klar macht, dass der Physikunterricht nichts mit Weltraum und so zu tun hätte. Hier wird Stoff fürs Berufsleben gebüffelt, alles andere ist Luxus, Zeitverschwendung, Spassvergnügen - kurz: ineffizient.)

Künstler - abgesehen von bestimmten Bereichen der Gebrauchskunst - sind auf diese Weise neugierig. Wissenschaftler meistens auch. Aber diese - scheinbar zweckfreie - Neugier ist schwer zu vermitteln. Viel zu vielen Menschen wurde sie längst abtrainiert. Wie auch Empathie und Sympathie - "Mitleid" im ursprünglichen Wortsinn, "mit Leiden" nicht als aus schlechtem Gewissen oder Selbstüberhöhung geborenes herablassendes Verteilen von milden Gaben oder auch nur warmer Worte. Oder Solidarität - auch in der ursprünglichen Bedeutung, und nicht im Sinne von "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" oder "Opfer bringen für die Solidargemeinschaft".

Donnerstag, 10. Januar 2008

"Willst du wer sein und weißt nicht wie? Probier's doch einfach mit Magie!"

Bei einer bestimmten, bisher von mir erfolgreich ignorierten Fernsehshow namens “The next Uri Geller - Unglaubliche Phänomene live” fallen mir die beiden obenstehenden Zeilen aus dem Song Aus dem prallen Heidenleben ein. Allerdings geht es bei der ProSieben-Show nicht um ichschwache oder gößenwahnsinnige (oder aus Ichschwäche größenwahnsinnige) Neuheiden, oder sich erfolgreich am Leben vorbeimeditierende esobärmliche Esoteriker, sondern um Uri Geller und Menschen, die es ihm gleichtun wollen.

Uri Geller ist für mich eine eher erbärmliche Figur. Jemand, der Gabeln biegt und dabei lügt, dass sich die Balken biegen.
Wie seine Tricks funktionieren, kann man bei der GWUP nachlesen:
Uri Geller: Showman oder PSI-Wunder? Zwar ist meiner Ansicht nach bei manchen skeptischen Ansichten, die bei der GWUP vertreten werden, etwas Skepsis angebracht, aber Gellers Magie ist längst als fauler Zauber entlarvt: Er wurde mehrfach beim Tricksen ertappt.
Die meisten der aufgeführten Tricks lassen sich mit etwas Übung gut nachahmen. Das soll aber keine Ermutigung sein bei leichtgläubigen Zeitgenossen als "Wundertäter" zu posieren, besser eignen sich Zauberkunststückchen dieser Art für Parties, Betriebsfeiern, Kindergeburtstage. Wo niemand auf die Idee käme, man hätte auf einmal wirklich "paranormale" Fähigkeiten.

Wäre Geller nun einfach nur "Showman", ein etwas unkonventioneller Bühnenmagier - es wäre nicht weiter der Rede wert. Wäre er aber jemand, der wirklich glauben würde, er hätte an sich paranormale oder magische Fähigkeiten entdeckt, hätte er seine Show nicht unverändert über 30 Jahre durchgezogen.
Was Gellers zum Ärgernis macht, ist, dass er behauptet, "gottgegebene Fähigkeiten" paranormaler Art zu haben.

Nun wil Uri Geller also den verbogenen Löffel abgeben. Gut, soll er machen. Es ist sogar wahrscheinlich, dass er während der zehnteiligen Show einen Nachfolger findet, der sowohl ein besserer Trickkünstler als auch ein besserer Showman ist, denn auf beiden Gebieten ist er nicht gerade Weltklasse. Seinen Erfolg verdankt er seiner Dreistigkeit - und dem faulen Zauber eines Medienbetriebs, in dem kritische Fragen offensichtlich dann tabu sind, wenn sie eine quotenträchtige "Sensation" stören könnten. Das ist kein neues Phänomen und auch keins, das auf das Privatfernsehen beschränkt ist - Geller hatte den ersten seiner stets von kritischen Fragen unbehelligten deutschen Fernsehauftritte vor 30 Jahren im ZDF.

ProSieben legt noch etwas angewandte Scharlatanerie drauf. In der auf dem selben Sender laufenden "Galileo Mistery" Sendung über "Geister und Gespenster - Was steckt hinter dem Spuk?" (Erstsendung am 4. Januar) werden zunächst einige Spuk-Geschichten entlarvt bzw. wissenschaftlich erklärt. So weit, so gut. Dann, kurz vor dem Ende, wird für fliegende Gegenstände einfach die "Erklärung" Psychokinese bzw. Telekinese und Uri Geller als "Experte" herangezogen. Da der eigentliche Experte der Sendung, der Parapsychologe Walter von Lucadou, die Möglichkeit der Telekinese "nicht ausschließen" will, und der sonstige Eindruck der Sendung sehr rational ist, entsteht beim Zuschauer der Eindruck, an Gellers Kunststücken sei doch "was dran". Wobei in diesem Zusammenhang "ich kann Psychokinese nicht ausschließen" in etwa bedeuten dürfte: "ich habe auch keine Ahnung, was da passiert".

Bei mir entsteht eher Übelkeit, denn bei dieser Form der "Cross-Promotion" bleibt die journalistische Sorgfalt völlig auf der Strecke. (Und ein schaler Nachgeschmack, denn bisher hätte ich nicht gedacht, dass sich "Geisterjäger" von Lucadou für solche "Spielchen" hergibt.) Klar ist: Geller hat offensichtlich eine tiefliegende Abneigung gegen aufmerksame Beobachter und kritische Fragen, also sorgt man, wie einst beim "Großen Preis" und später bei Jauch, für ein unkritisch-staunendes Umfeld.
Mag sein, dass es immer Leichtgläubige gibt, die sich von Typen wie Geller gern hinters Licht führen lassen. Das ist nicht das Problem. Das Problem sind Gellers Helfer, die bei der Zuschauerverdummung mitmachen.

Wer mich näher kennt, der weiß vielleicht, dass ich es auch mit der "Magie" habe, womit ich keine Zauberkunststücke meine. Wie geht das damit zusammen, dass ich nichts von Ritualmagiern mit Fantasietiteln, Liebeszauber-Verkäuferinnen, Kommerz-Hexen, Plastikschamanen und Psi-Kräfte-Vortäuschern halte? Dass mir Magie-Paranoiker, die sich ständig magisch angegriffen fühlen, nur leid tun - es sei denn, sie gehen mir zu sehr mit ihren Geistern auf den Geist?

Ich kann an dieser Stelle versichern, dass es gut geht. Mehr später, in diesem Blog.

Nachtrag: Richtig gruselig wirds bei der Onlineausgabe des Nachrichtencomicsmagazins "Focus": Uri Geller - Der Löffelsammler.
"FOCUS Online: Und später beschlossen Sie, aus Ihren transformierenden Kräften eine Karriere zu machen?"
Ja, ja, so geht "kritischer Qualitätsjournalismus"!

Dienstag, 8. Januar 2008

Sei wachsam II.

Email-Überwachung umgangen

Sei wachsam!

In den Kommentaren von Udos law blog fand ich ein kulturelles Kleinod aus dem Jahre 1997, das tatsächlich so aktuell wie nie ist:
Reinhard Mey: Sei wachsam (live).

Um Reinhard Mey, der in den 70er, 80er und frühen 90ern als deutschsprachiger Chansonnier (das trifft es besser als "Liedermacher" oder "Schlagersänger") sehr beliebt war, ist es leider anscheinend etwas still geworden. Obwohl nur wenige seiner Titel so "politisch" wie "Sei wachsam" sind, sind seine durchweg intelligenten Texte selten wirklich "unpolitisch". Das ist noch nicht einmal sein bekanntestes Lied "Über den Wolken", das ursprünglich die B-Seite einer Single war, auf deren A-Seite der satirische und deutlich zeitkritische "Mann aus Alemania" zu hören ist. (Es war eine meiner ersten Platten. Kopfhörer)

(Und wehe es mosert hier einer: "Mey ist doch spießige Mainstream-Kacke für Ommas!") warrior

Montag, 7. Januar 2008

Eine - für viele - unbequeme Wahrheit

»Der Westen ist für zwei fundamentale Fehler verantwortlich. Der eine ist Monotheismus – es gibt nur einen Gott –, und der andere ist das aristotelische Prinzip des Widerspruchs – etwas ist entweder A oder Nicht-A. Jeder intelligente Mensch in Asien weiß, dass es viele Götter gibt und dass Dinge sowohl A als auch Nicht-A sein können.«
Nakamura, japanischer Philosoph

Gefunden im sehr lesenswerten "Zeit"-Artikel Gott ist gefährlich - So human Religion auch scheinen mag: Sie birgt stets einen totalitären Kern. Fünf Thesen des Soziologen und Buchautors Ulrich Beck.

Ich bin der Ansicht, dass Beck mit allen fünf Thesen richtig liegt. Applaudieren könnte ich zu dieser Formulierung:
Zweite These: Allein die Frage: »Was ist Religion?« weist eine eurozentristische Schlagseite auf. Denn Religion wird als Substantiv gefasst, wodurch ein klar abgrenzbarer sozialer Satz von Symbolen und Praktiken unterstellt wird, die ein Entweder-oder konstituieren, man kann sie nur entweder glauben oder nicht glauben, und man kann, wenn man Mitglied einer Glaubensgemeinschaft ist, nicht zugleich einer anderen zugehören.
(Siehe auch, vor einigen Tagen: Die "alten Germanen" hatten keine Religion.)

Klasse auch das:
Gegen die »Diktatur des Relativismus« kämpfend, verteidigt Papst Benedikt XVI. die katholische Hierarchie der Wahrheit, die einer Skatlogik folgt: Glaube sticht Verstand. Christlicher Glaube sticht alle anderen Glaubensarten (insbesondere den Islam). Römisch-katholischer Glaube ist der Kreuzbube, der alle anderen christlichen Skatbrüder des Glaubens sticht. Und der Papst ist der allerhöchste Trumpf im Wahrheitsskatblatt der katholischen Rechtgläubigkeit.
Der besseren Verständlichkeit halber ergänze ich meinen Beitrag:
Ulrich Beck zieht gegen das "Entweder-Oder" zu Felde, die binäre Logik (die zwar auf Aristoteles zurückging, der aber außer dieser "klassischen" Logik eine mehrwertige Logik kannte), die Tatsache also, dass die monotheistischen Religionen die Menschheit in Gläubige und Ungläubige aufspalten und damit ein fatales Freund-Feind-Schema etablieren. Also in etwas das, was der Ägyptologen Jan Assman die "mosaische Unterscheidung" nennt. (Wobei Assman nicht einfach toleranten Polytheismus gegen intoleranten Monotheismus setzt, was leider viele Neuheiden tuen.)
Letzten Endes geht diese Religionskritik auf Nietzsches zurück, auch wenn er dazu neigte, die christlich-jüdische Moral (die meiner Ansicht nach durchaus ihre Verdienste hat - wenn sie nicht absolut gesetzt wird) für so ziemlich jede zivilsatorische Fehlentwicklung verantwortlich zu machen.

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