Manipulative Kinderbücher?

Über das "Ferkelbuch" habe ich ja schon einige Worte verloren "Bangemachen gilt nicht!" - oder: Kinderbibel für Skeptiker , aber es gibt einen interessanten Nebenaspekt, der z. B. in der SZ angesprochen wird. Alex Rühle beginnt seinen Artikel nämlich so:
Es gibt viele schlechte Kinderbücher; am schlechtesten aber sind die indoktrinierenden. In ihrem Bemühen, den Kindern nur ja die richtige Botschaft einzuhämmern, verzichten die Autoren auf alle Originalität, auf jedes erzählerische Detail, das einfach nur da sein darf, absichtslos, interessant und schön. Die Illustratoren malen dazu keine eigenständigen Bilder, sondern pinseln farbige Thesen.
(aus: Indizierungsverfahren gegen Kinderbuch - Der hässliche Rabbi.)

Ähnlich argumentiert auch Alan Posener:
Ein Fall für den Index? Kinderbücher, die zu unterhalten vorgeben, in Wirklichkeit aber erziehen wollen, sind ohnehin eine Pest. Eigentlich gehörten sie alle verboten. Aber Kinder sind weniger doof, als die meisten Eltern und Zensoren glauben. Wenn sie die Gelegenheit haben, greifen sie instinktsicher zu moralfreien Geschichten wie „Pu der Bär“. Der wird ein Klassiker bleiben, wenn dieses traurige Dokument der Borniertheit längst vergessen ist. Es zu verbieten wäre zu viel der Ehre.
Wie antisemitisch kann ein Kinderbuch sein?

Nicht ganz nebensächlich ist in diesem konkreten Fall, dass der Vorwurf der "Öde", den Alex Rühle macht, meines Erachtens nicht zutrifft. "Wo bitte geht es zu Gott?" ist ein freches Kinderbuch, das den (pädagogischen) Holzhammer in der Werkzeugkiste lässt.
Was aber stimmt: es hat eine Agenda. Da diese Botschaft sich gegen Autoritäten wendet, dürfte sie bei den Kindern ankommen. Mit den "bösen Buben" Max und Moritz identifizierten sich in jeder Generation auf Neue deutlich mehr junge Leser, als mit ihren Opfern. Auch in der Bildschirmwelt der Cartoons und Animes haben freche Figuren mehr Fans als "brave".
Eher nebensächlich ist, dass "Pu der Bär" alles andere als "moralfrei" ist. Jedenfalls ist er nicht annähernd so frei von "mahnenden Lektionen" wie die allseits beliebte Junganarchistin "Pippi Langstrumpf". Pu gerät z. B. durch seine Verfressenheit so oft in die Klemme, dass die erzieherische Botschaft "nasche nicht so viel" unübersehbar ist.

Zum Vergleich mit dem umstrittenen Buch habe ich mir einige Kinderbibeln angesehen. Da gibt es solche und solche. Solche, die sich optisch und textlich nicht sonderlich von Märchenbüchern oder Sagen-Nacherzählungen unterscheiden. (Mal ehrlich: was sind nacherzählte biblische Mythen den anderes als Märchen und Sagen?) Also harmlos. Und solche, die bewusst "mehr" sein sollen, als "nur" eine Art Märchenbuch. In denen infolgedessen die christliche Moral (oder das, was die Verfasser dafür halten) daumendick aufgespachtelt wird. Angstmache, anti-wissenschaftlicher Schöpfungsglaube und ab und an eine Prise Antisemitismus inklusive. Komisch nur, dass sich kein Leitartikler in der "Welt" oder der "Süddeutschen" über solche Kinderbibeln aufregt.

Aber so ganz unrecht haben Posener und Rühle nicht. Kinder- und Jugendbücher mit manipulativer Botschaft sind tatsächlich eine Plage.
Michael Ende schrieb in "Die unendliche Geschichte" über den Lesegeschmack seines "Helden" Bastian:
Er mochte keine Bücher, in denen ihm auf eine schlechtgelaunte und miesepetrige Art die ganz alltäglichen Begebenheiten aus dem ganz alltäglichen Leben irgendwelcher ganz alltäglicher Leute erzählt wurden. Davon hatte er ja schon in Wirklichkeit genug, wozu sollte er auch noch davon lesen? Außerdem hasste er es, wenn er merkte, daß man ihn zu etwas kriegen wollte. Und in dieser Art von Büchern sollte man, mehr oder weniger deutlich, zu was gekriegt werden.
Das heißt nicht, dass Endes Bücher keine Botschaft hätten, oder keine Moral vermitteln würden. Im Gegenteil: es gibt kaum "erzieherischere" Kinderbücher als "Jim Knopf", "Momo" oder "Die unendliche Geschichte". Der Unterschied zwischen Endes Büchern und den gut gemeinten "pädagogisch wertvollen" Langweilern liegt in zwei Punkten: Sie sind nicht langweilig, sondern spannend, exotisch, abenteuerlich, und ihre erzieherische Botschaft befreit die Leser von Zwängen, regt sie zum selber Denken an, anstatt Zwänge zu verstärken oder Tabus zu errichten.
Schmidt-Salomon hat nicht annähernd das Talent eines Michael Endes oder z. B. eines Max Kruses (oder einer Joanne K. Rowling). Sein Buch ist vergleichsweise plump. Aber langweilig oder unoriginell ist es wirklich nicht.

In all der Aufregung um Ursula von der Leyens Indizierungsantrag gegen "Wo bitte geht es zu Gott?" wird allzu leicht übersehen, dass die hinter dem Versuch der Ministerin stehende Geisteshaltung seit einiger Zeit Aufwind hat. Man denke nur an den "Fall" des kirchenkritischen Karikaturisten und Bilderbuchzeichners Janosch. In dankenswerter Deutlichkeit sprach der damalige bayrische Ministerpräsident Edmund Stoiber im Juni letzten Jahres aus, worum es dabei geht: Stoiber bezeichnete Janosch als "falschen Propheten". Man dürfe nicht zulassen, dass Janosch mit seinen antireligiösen Zeichnungen und Kommentaren "Zugang zu unseren Kinderzimmern erlange". Stattdessen müssten Kirche, Gesellschaft und Politik "an einem Strang ziehen" und den Kindern "Orientierung, Werte und Religion" vermitteln. Stoiber attackiert Janosch. (Die Pointe dabei ist, dass Janosch' Kinderbücher gar nicht religionskritisch sind.)

Wir wundern uns, wenn christliche Fundamentalisten in den USA Harry Potter-Bücher und -Filme verboten sehen wollen - oder sogar öffentlich verbrennen. Ihr Motiv ist Angst - vorgeblich Angst davor, dass ihre Kinder "okkulte" Praktiken lernen könnten, tatsächlich aber die Angst, dass die jungen Menschen ihre starren moralischen Maßstäbe in Frage stellen könnten.
Die Ängste von Politikern wie Stoiber und von der Leyen gehen offensichtlich in eine ähnliche Richtung.

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