Freitag, 25. April 2008

Märchenhaft

Manchmal liegt das Märchenland gleich nebenan ...
fruehling-08-09
Arbeiterwohnungen in Hamburg-Lohbrügge, Reformarchitektur, frühes 20. Jahrhundert.
... wer genau hinsieht, kann sehen, wie zwischen den Häusern der Wald anfängt.
Es war einmal ...

Donnerstag, 24. April 2008

"No Food for Oil"

Wahrscheinlich käme kein Mensch auf die Idee, ein Auto mit Speiseöl, Maisfladen oder Zucker antreiben zu wollen. Genau das geschieht im Grunde aber, wenn Rapsöl oder Palmöl als "Biodiesel" oder Äthanol als Mais oder Zuckerrohr als "Biosprit" verwendet werden. (Dass die derzeit in aller Munde befindliche Nahrungskrise nur am Rande mit "Biosprit" zu tun hat, aber sehr viel mit ökonomischen Faktoren wie der mangelnder Kaufkraft der armen Bevölkerungsmassen nicht nur in der "dritten Welt", sei an dieser Stelle einmal angemerkt. Rein von der landwirtschaftlichen Produktion her gesehen müsste kein Mensch hungern!)

Die Alternative "entweder Nahrung - oder nachwachsende Brennstoffe" stellt sich glücklicherweise auf mittlere Sicht nicht. Verfahren, Brennstoffe aus anderweitig nicht nutzbaren Pflanzenabfällen herzustellen, gibt es längst. Sie haben allerdings den Nachteil, dass die Technik erst einmal im industriellen Maßstab erprobt werden muss - und dass für den dann erfolgenden großtechnischen Einsatz erhebliche Investitionen vonnöten sind. Da aber "Biosprit" möglichst schnell eingesetzt und möglichst (kurzfristig!) rentabel hergestellt werden sollte, war der Griff zur "erprobten Technologie" folgerichtig. (Die bekannt unheilvolle Kombination aus dem politischen Wunsch nach kurzfristig sichtbaren Erfolgen - wenn möglich, noch vor den nächsten Wahlen - und einer auf kurzfristige Gewinnerwartungen getrimmten Betriebswirtschaft.)

Da stimmen solche Meldungen hoffnungsvoll - auch wenn eine Schwalbe (ein Investor) noch keinen Sommer macht.

Aus einer Pressemeldung der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt (Main):
Biosprit aus Butanol ist für Benzinmotoren ohne weitere Aufrüstung verträglich. Ein an der Universität Frankfurt entwickeltes Verfahren, das den Treibstoff aus Pflanzenabfällen gewinnt und daher nicht in Konkurrenz mit der Nahrungsmittelproduktion steht, hat jetzt den ersten Investor gefunden.
Weiter: Biosprit ohne Nebenwirkung.

75 Jahre Bücherverbrennung -

Vor 75 Jahren brannten überall in Deutschland zuerst Bücher. Später wurden Menschen verbrannt - im Wesendlichen mit der gleichen "Begründung". Hierzu schrieb ich vor einem Jahr einen ausführlichen Beitrag: "Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen", dem ich später einen weiteren Beitrag zu diesem ebenso traurigen wie wichtigen Thema folgen ließ: Bandlöcher - Persönliche Nachträge zum Thema Bücherverbrennung.

Denn es geht nicht in erster Linie um Nazi-Deutschland. Das es der absolute Tiefpunkt der Zivilisation und ein Verbrecherstaat ohne Beispiel war brauche ich niemandem mehr zu erzählen. Es geht darum, dass die Bücherverbrennungen von 1933 in einer langen "Traditionslinie" stehen und Resultate eines Denkens sind, das auch heute noch wirkt.
Es ist daher weniger beschämend als bezeichnend, dass es nur in wenigen der vielen deutschen Städte, in denen Bücher verbrannt wurden, Erinnerungszeichen gibt.

In der "europäischen Kulturhauptstadt" 2010, in Essen, gibt es immerhin ein kleines Mahnmal. Es steht auf dem Gerlingplatz, ist allerdings hinter einem Jägerzaun versteckt und wirkt leider ziemlich schäbig. Es sieht ganz so aus, als ob es dabei bleiben würde. Mehr dazu auf hpd-online: Erinnerungszeichen zur Bücherverbrennung....

Bezeichnend finde ich den Verweis des Kulturreferenten Prof. Scheytt, der auf den befürchtenden "allgemeinen Vandalismus" und hohe Folgekosten hinweist. Ich fürchte, dass das mehr ist als eine der gängigen Ausreden, wenn man etwas ohnehin schon nicht will.

Es ist leider tatsächlich absehbar, dass es "Vandalismus" gegen ein aufälligeres Mahnmal geben wird - und zwar weniger "allgemeinen Vandalismus" als mutwillige Verwüstung durch Neonazis / Dummdeutsche. Damit sind nicht nur "Folgekosten" verbunden, sondern vor allem ein "Imageverlust" - die gern verdrängte, aber in allen deutschen Städten mehr oder weniger vorhandene "braune Szene" samt Mitläufern und Beifallklatschern würde sichtbar.

Ich bin für solche Mahnmale. Am Besten unübersehbar und absichtlich "störend" gestaltet - und aus solidem Edelstahl - denn es wäre naiv, den "Vandalismus" nicht gleich mit einzuplanen. Und nicht nur in Essen.

Dienstag, 22. April 2008

Ernst Vlcek ist gestorben

Soeben las ich auf Uschis Blog, dass der bekannte und beliebte deutsche Science Fiction-Autor Ernst Vlcek heute völlig überraschend und friedlich gestorben ist.

Ernst Vlcek ist vor allem als Autor und langjähriger "Expokrat" der SF-Romanserie "Perry Rhodan" bekannt. Wie viele Romane der Genres Science Fiction, Fantasy und Horror er im Laufe der Jahrzehnte schrieb, ist kaum zu überblicken.

Kaum zu fassen, dass der gar nicht ernste Ernst nicht mehr unter uns ist! Ein wirklich schwerer Verlust, nicht nur für die deutsche Science Fiction.

Mach gut, Ernst, egal, wo Du jetzt sein magst!

Sonntag, 20. April 2008

"Pack die Alge in den Tank"

"Biosprit" muss nicht zwangsläufig mit der Lebenmittelerzeugung konkurieren. Es ist z. B. möglich aus Pflanzenabfällen Treibstoff zu gewinnen. Eine andere Möglichkeit bieten Mikroalgen-Kulturen.

Mikroalgen sind, anders als z. B. Getreide oder Raps, hervorragend für die Energieerzeugung geeignet, weil ihre Photosynthese einen besonders hohen Wirkungsgrad hat. In einer Mikroalgen-Kultur betreiben alle Zellen in gleichem Maße Photosynthese. Bei höheren Pflanzen photosynthetisieren nur die grünen Blattzellen, nicht jedoch die Zellen, die Wurzeln oder Stämme bilden. Deshalb ist der Biomasseertrag von Algenkulturen zehnmal größer als der höherer Landpflanzen. Diese Biomasse kann zur Produktion von Biodiesel, Bioethanol oder Biowasserstoff genutzt werden.

Besonders gut gedeihen die in Tanks gehaltenen Algenkulturen, wenn sie zusätzlich mit CO2 aus den Abgasen aus Kraftwerken "begast" werden. Die Algen wandeln sozusagen das CO2 in nutzbaren Treibstoff um - alles, was sie dazu brauchen, ist Wasser und Sonnenlicht.
Im industriellen Maßstab werden bislang weltweit weniger als 10.000 Tonnen Mikroalgen pro Jahr erzeugt. Das könnten in naher Zukunft erheblich mehr werden, denn mit Hilfe der Mikrosystemtechnik und der Mikroverfahrenstechnik kann die Produktion der Algen deutlich effizienter als bisher gestaltet werden.
Um die Nutzung von Algenbiomasse in Deutschland zu beschleunigen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Bundes-Algen-Stammtisch initiiert. Hier sollen neue Kooperationen und Entwicklungsprojekte für CO2-Emittenten und für künftige Nutzer der Algenbiomasse angeregt werden.

Auf dem Stand des BMBF (Halle 2, Stand C24) ist während der Hannover-Messe ein Wertschöpfungsmodell für die Energieerzeugung aus Algen zu sehen.

Aus: Umweltjournal - Die Alge im Tank.

Mehr Infos: Algenbioverfahrenstechnik.

Samstag, 19. April 2008

"Es geht um Abschreckung"

Ein sehr kluger Kommentar von Kai Bierman auf "Zeit online":
Es geht bei der Onlinedurchsuchung nicht darum, ein wirksames Instrument für Strafermittler zu schaffen. Das ist nach der Einigung von Innenminister Wolfgang Schäuble und Justizministerin Brigitte Zypries nun offensichtlich. Es geht um Abschreckung. Und es geht auf der anderen Seite darum, dass die demokratische Gesellschaft sich ihre Freiheiten und Rechte im Zeitalter des Internets neu erkämpfen muss.
Weiterlesen: Freiheitskampf im Netz.

Da passt es ins Bild, dass der Entwurf des neuen BKA-Gesetzes, dass laut Innenminister Schäuble den verfassungsrechtlichen Anforderungen genüge, nicht veröffentlicht wurde. Udos law-blog: Der nicht nachlesbare Entwurf. Die Dreistigkeit, des Innen- und des Justizministerium ist schon bemerkenswert: Wie kann man uns verkünden, dass der Gesetzentwurf den Vorgaben aus Karlsruhe genügen würde, und uns die Informationen, die wir bräuchten, um uns eine eigene Meinung bilden zu können, dennoch vorenthalten?
Ich sehe das als Beleg dafür, dass unsere politischen Entscheider einfach Angst haben - vielleicht vor Terroristen, aber ganz bestimmt vor dem Volk. Weshalb sie dem "mündigen Bürger" grundsätzlich misstrauen.
Nachtrag: Björn macht sich auf B.L.O.G. Gedanken über die Rolle der sich nach eigenen Angaben für die Bürgerrechte stark machenden Sozialdemokraten im Trauerspiel "Demokratieabbau auf Raten": Wer hat uns verraten ....

Nachtrag 2: Als pdf zum herunterladen: Entwurf für das neue BKA-Gesetz Stand 16. April 2008, via Netzpolitik.

Freitag, 18. April 2008

Warum mir "Tierrechte" suspekt sind

Obwohl ich mich dem Motto: "Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen? sondern: können sie leiden?" des Vereins "Menschen für Tierrechte" anschließen kann, gilt das sicher nicht für das Konzept "Tierrechte".

Ich schrieb vor gut zwei Jahren über Tierschutz und Tierrechte und die Organisation PeTA:
Um mögliche Missverständnisse zu vermeiden: Engagement für mehr Tierschutz ist bitter notwendig. Nach wie vor bestehen (grade in der deutschen Landwirtschaft) Tierhaltungsmethoden, die jeder Moral und jedem Mitgefühl Hohn sprechen. Engagement für die Erhaltung wildlebender Tiere und ihrer Lebensräume ist auch kein sentimentales Hobby, sondern Kernbestandteil des Umweltschutzes.
PETA geht es nach eigenen Angaben nicht um Tierschutz, sondern um Tierrechte. Womit nicht etwa das "Recht" auf nicht-quälerische Haltung gemeint ist. ("Recht" in Anführung, da Tiere keine Rechtssubjekte sind. Auch wenn meine Katze gerne auf "ihre Rechte" pocht.) PETA-Sprecher verkünden eine fragwürdige Ideologie, die Menschen und Tieren gleiche Rechte zubilligt. "Es gibt keinen Grund zu glauben, dass ein menschliches Wesen besondere Rechte hat," erklärte PETA-Gründerin und Vorsitzende Ingrid Newkirk. Von ihr stammt die Aussage: "Die Menschheit ist wie ein Krebsgeschwür gewachsen. Wir sind der größte Pesthauch auf diesem Planeten." Meiner Ansicht nach zeugt das mehr von Menschenhass als von Tierliebe.
Dieser Einschätzung bin ich treu geblieben - auch wenn ich heute den Link auf die "Achse des Guten" nicht mehr so leichthin setzen würde und meine Katze nicht mehr lebt. (Ich habe sie töten lassen, als sie an einem offensichtlich schmerzhaften und auf Antibiotika nicht ansprechendem schweren Abszess litt. Wohl gemerkt, ich vermeide den Euphemismus "einschläfern lassen". Als mein Bruder und ich sie im Wald beerdigt hatten, meinte mein Bruder, dass wir aller Wahrscheinlichkeit nach kein so schönes und würdevolles Grab erhalten würden. Ein seltsamer und paradoxer Gedanke.)

Nun ist "Menschen für Tierrechte - Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V." nicht PeTA und von der Überspanntheit, dem Fanatismus und der Heuchelei, den diese Organisation meiner Ansicht nach auszeichnet, offensichtlich ein gutes Stück weit entfernt.
Dennoch ist mir nicht ganz wohl bei dem Gedanken, welche Konsequenzen die "Tierrechts"-Ideologie hätte, würde sie jemals in die Tat umgesetzt. Das hat zum Teil ganz lebenspraktische Gründe: ich weiß, dass wichtige Gebiete der medizinischen Forschung auf Tierversuche angewiesen sind. Und obwohl ich weiß, dass um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren, rechnerisch sieben Kilo Getreide benötigt werden, halte ich von einer veganen Lebensweise, die auch von "Menschen für Tierrechte" propagiert wird, nichts. Denn diese Betrachtung unterstellt, dass das Tierfutter alternativ für die menschliche Ernährung hätte genutzt werden können, was auf Getreide oder Soja zutrifft, nicht jedoch z. B. auf Gras.

Jeremy Bentham, von dem das Motto: "Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen? sondern: können sie leiden?" stammt, und der als einer der frühesten Tierrechtler gilt, ist meiner Ansicht nach ein Musterbeispiel dafür, wie "Aufklärung" tatsächlich dialektisch in "Barbarei" umkippen kann. (Frei nach "Horkdorno".) Jedenfalls denkt man bei seinem Namen heute weniger an Tierrechte, auch nicht an die Menschenrechte, deren unermüdlicher Anwalt er zeitlebens war, sondern an das Konzept des Panopticons. Dieses Gefängnis, in dem im Prinzip jeder Gefangene zu jeder Zeit unbemerkt beobachtet werden könnte, war von Bentham als Schritt zur Humanisierung des Strafvollzuges gedacht. Er hoffte, dass sich zu jeder Zeit alle Insassen regelkonform verhalten würden, da sie jederzeit davon ausgehen müssten, beobachtet zu werden. Das Verlockende am Panopticon ist, dass es zu einer massiven Kostensenkung im Gefängnis- und Fabrikwesen führt, denn das Verhältnis zwischen effektiv geleisteter Überwachungsarbeit und erzeugter Angst, beobachtet zu werden, ist sehr effizient. Auch für von Ängsten gebeutelte Sicherheitsexperten und Innenpolitiker stellt das Prinzip "tugendhaftes Verhalten und totale Sicherheit durch permanente Angst, bei Regelverstoß erwischt zu werden" eine "süße Droge" dar, die sie alle Menschen- und Bürgerrechte missachten lässt.

Dem klassischen Utililtarismus Benthams und seines wichtigsten Schülers, John Stuart Mill, liegt eine Ethik zugrunde, die allzu leicht ins "barbarische" umkippen kann: das "Prinzip des größten Glücks“ ("Maximum-Happiness-Principle"), vor allem in seine mathematisierten Form: Um zu beurteilen, ob eine Handlung Leid oder Glück nach sich zieht, wird sozusagen alles entstehende Einzelglück addiert, und davon das entstehende Einzelleid abgezogen, der Saldo ergibt den Gesamtnutzen der Handlung. Das Glück und Leid jedes Menschen besitzt gemäß dieser Ethik das gleiche Gewicht - was regelmäßig zu ethisch-logischen Kurzschlüssen wie: "das Leben eines Einzelnen hat gegenüber dem Leben der Vielen kein Gewicht" führt. Kein Wunder, dass massenmordende Diktatoren wie Mao oder Stalin gern utilitaristisch argumentierten - bzw. utilitaristische Motive für Massenmorde vorschoben.
Eine weitere Gefahren liegt darin, dass Glück (oder auch nur Zufriedenheit) und Leid sich nicht messen lassen - die Gefahr liegt u. A. in der Zwangsbeglückung. Bezieht man, wie es Bentham tat, auch nichtmenschliche Lebewesen in das "Prinzip des größten Glücks“ ein, dann sind die Konsequenzen nicht selten "unmenschlich" - die meisten Tiere wären über das Aussterben der Menschheit vermutlich glücklich. Meines Wissens gehen aber nur wenige Tierrechtler so weit, dass sie Menschenrechte auf Tiere - und zwar alle Tiere übertragen würden.
Aber selbst die moralische Forderung, dass das Leben aller Tiere zu respektieren sei, würde zum Tod unzähliger Menschen führen: Nagetiere, vor allem Ratten und Mäuse, sowie Heuschrecken und andere Insekten sind buchstäblich Nahrungskonkurrenten des Menschen, ohne jede "Schädlingsbekämpfung" würde ein großer Teil der Ernten ausfallen. Abgesehen davon halte ich ethische/moralische Debatten darum, ob man z. B. Katzen gezielt gegen Hausmäuse einsetzen dürfe, für einigermaßen hirnrissig.

Die Erfahrung lehrt, dass Menschen, die versuchen, neue moralische Maßstäbe zu setzen, dabei oft die alten vergessen und unversehens bei einer eiskalten Unmoral landen.
In den Normen eine tierrechtsorientierten Moral ist beispielsweise ein Wissenschaftler, der lebensrettende Medikamente an Tieren testet, ein Verbrecher. Ob diese Haltung, wie bei PeTA, in menschenfeindlichen Fanatismus umschlägt, hängt allein von der Integrität und dem Gewissen der einzelnen Tierrechtler ab.

Donnerstag, 17. April 2008

Nachtrag zu "Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch?"

In meinem Beitrag Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch? habe ich mich ein wenig mit der Interpretation der "Odyssee" durch Adorno / Horkheimer in "Die Dialektik der Aufklärung" beschäftigt.

Ich machte mir dabei natürlich auch Gedanken darüber, wie Adorno /Horkheimer zu ihrer bemerkenswerten (und meines Erachtens weder Homer, noch der Odyssee, noch der griechischen Antike gerecht werdenden) Interpretation kamen.

Je mehr ich mich in den Text vertiefte, desto stärker wurde mein Eindruck, dass Adorno / Horkheimer bei ihrer Interpretation nicht vom Urtext der "Odyssee", sondern von schon vorhandenen Interpretationen ausgingen.
Der "Odyssee"-Exkurs berührt so gesehen die Frage, ob Homers Odysseus wirklich auf dem Weg zum bürgerlichen Individuum war, überhaupt nicht. Allenfalls geht es darum, ob Odysseus gemäß einer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktuellen, von der Psychoanalyse, dem Marxismus (historischen Materialismus) und dem bürgerlichen Fortschrittsgedanken inspirierten Interpretation Vorläufer des "aufgeklärten" bürgerlichen Menschen war.

Der zweite Eindruck: es ging Adorno / Horkheimer entweder gar nicht um die Antike - oder sie hatten eine Vorstellung von der antiken Gesellschaft, die mit dem, was wir über die griechische Gesellschaft zu Homers Zeit (und noch lange nach ihm) wissen, nicht viel zu tun hat.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung:
Der Träger des Geistes, der Befehlende, als welcher der listige Odysseus fast stets vorgestellt wird, ist trotz aller Berichte über seine Heldentaten jedenfalls physisch schwächer als die Gewalten der Vorzeit, mit denen er ums Leben zu ringen hat. Die Gelegenheiten, bei denen die nackte Körperstärke des Abenteurers gefeiert wird, der von den Freiern protegierte Faustkampf mit dem Bettler Iros und das Spannen des Bogens, sind sportlicher Art. Selbsterhaltung und Körperstärke sind auseinandergetreten: die athletischen Fähigkeiten des Odysseus sind die des gentleman, der, praktischer Sorgen bar, herrschaftlich-beherrscht trainieren kann.
Genauer gesagt: A. / H. haben den Eindruck, es wären Kämpfe sportlicher Art. Ich sehe das anders: zur Zeiten Homers (und erst recht zur Handlungszeit der Odyssee, gut 400 Jahre vor Homer) und selbst in der "griechischen Klassik" waren diese athletischen Fähigkeiten zugleich die "selbsterhaltenden" bzw. überlebenswichtigen Fähigkeiten eines Kriegers. Beim waffenlosen Nahkampf und dem Spannen und Schießen mit einem schweren Kampfbogen war der unblutige, "sportliche", Wettstreit in erster Linie "Training" für den Ernstfall. Aus der Probe seiner Kraft und Geschicklichkeit, die Odysseus gibt, wird schnell blutiger Ernst - er erschießt die "Freier" / Thronrivalen.
Noch zur Zeit Platons, fast 400 Jahre nach Homer, war das harte athletische Körpertraining der Epheben (jedenfalls offiziell) dazu bestimmt, die jungen Männer zu ausdauernden und kräftigen Soldaten auszubilden. Platon schlug nicht ohne Grund vor, die Übungen wieder "kriegsnäher" zu gestalten, als es zu seiner Zeit üblich wurde. Den reinen "Gentlemen"-Sportler gab es im antiken Griechenland wahrscheinlich erst nachdem sich in hellenistischer Zeit Berufs- und Söldnerarmeen gegenüber den "Bürgermilizen" durchgesetzt hatten. Wobei die Athleten, die z. B. in Olympia antraten, schon lange vor Plato Zeit und wahrscheinlich nicht lange nach Homers Zeit im heutigen Sinne "Profis" waren. Aber weiter:
Die von der Selbsterhaltung distanzierte Kraft gerade kommt der Selbsterhaltung zugute: im Agon mit dem schwächlichen, verfressenen, undisziplinierten Bettler oder mit denen, die sorglos auf der faulen Haut liegen, tut Odysseus den Zurückgebliebenen symbolisch nochmals an, was die organisierte Grundherrschaft real ihnen längst zuvor antat, und legitimiert sich als Edelmann.
A. und H. schreiben hier offensichtlich nicht von der Zeit Homers: erst einmal war die Kraft des "Berufskriegers" Odysseus nicht von der Selbsterhaltung getrennt, dann dürfte zu bezweifeln sein, dass Odysseus der "Feudalherr" seiner Rivalen war - es waren eindeutig "Edle", keine "Knechte / Sklaven". Odysseus erschießt seine Rivalen keineswegs symbolisch - nur wenn man die Handlung unmittelbar nachdem Odysseus den Bogen gespannt und den Pfeil durch Öhre der zwölf Streitäxte geschossen hat, abbricht, könnte man von einem "sportlichem Sieg" sprechen. Es stellt sich außerdem die Frage, was denn den "Freiern" durch Odysseus Grundherrschaft "real angetan" wurde - und wieso sich Odysseus durch den Sieg im Faustkampf und im Bogenkampf als "Edelmann" legitimiert. Er zeigt nur, dass er stark und geschickt ist. A. und H. unterstellen offensichtlich, dass zu Homers Zeiten eine Gesellschaftsordnung geherrscht hätte, die es dem "einfachen Mann" unmöglich gemacht hätte, ein guter Faustkämpfer und Bogenschütze zu werden. Ich vermute eine falsche Analogie: im Mittelalter konnte sich ein Ritter durch seine Fähigkeiten im Kampf zu Pferde als "Ritter" legitimieren, weil ein einfacher Bauer weder die Mittel für Rüstung, Waffen und den Unterhalt eines Schlachtrosse, noch die Zeit für die nötigen Waffenübungen gehabt hatte. Aber sowohl im Faustkampf wie im Bogenschießen konnte ein Bauer durchaus einem Ritter überlegen sein!
Es könnte auch sein, dass A. / H. an die Verhältnisse im frühen Industriezeitalter dachten: ein Fabrik- oder Landarbeiter hatte nicht die Gelegenheit, sich sportlich so zu üben wie ein "Gentleman" aus den besitzenden Ständen. Allerdings reichte es im 19. Jahrhundert überhaupt nicht aus, ein guter Sportler zu sein, um als "Gentleman" anerkannt zu werden.
Wie auch immer: "Odysseus" als Beispiel für einen Vorläufer des bürgerlich-aufgeklärten Menschen - oder als frühes Beispiel eines Grundherren und "Gentlemans" - funktioniert einfach nicht - es sei denn, man übernimmt exakt die Vorstellungen und (Vor-)Urteile Horkdornos über Homer, Odysseus und ihr gesellschaftliches Umfeld.

Jedenfalls interpretieren Adorno und Horkheimer eher etwas in die Odyssee hinein, als heraus!

29. April: Gegendemo mit Live-Konzert!

Am 1. Mai planen Rechtsextreme in Hamburg-Barmbek einen Aufmarsch.
Es gibt selbstverständlich eine Gegenveranstaltung - und zwar eine, die sich lohnt: am 29. April ab 16 Uhr am Busbahnhof Barmbek. Mit Live-Konzert. Mit zum Teil sehr prominenten Musikern.
Mit dabei sind: Deichkind - Schneller Autos Organisation - Holger Burner & Phillie Brandt - Samy DeLuxe - Jan Delay - Miss Leema - Silly Walks Soundsystem - Turbostaat - Knarf Rellöm Trinity - Plemo.

Weitere Infos zum Konzert gibt's hier!

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