Mittwoch, 16. April 2008

Stockfang

Ich habe nach langer Zeit mal wieder ein Stöckchen zugeworfen bekommen, und weil es so lange her ist ... - na, gut, ich mach mit!

1. Setze einen Link zu der Person, welche dir das Stöckchen zugeworfen hat.
Distel.

2. Erwähne die dazugehörigen Regeln in deinem Blog.
Fragen beantworten, Link setzen und Stöckchen weitergeben.

3. Erzähle von dir 6 unwichtige Dinge/Gewohnheiten/Macken.

3.1. Ich brauche niemanden, der mich besucht, zu erklären, dass ich Science Fiction- und Fantasy-Fan bin - dafür sprechen nicht nur zahlreiche Regalmeter voller entsprechender Literatur oder die Thematik der an den Wänden hängenden Bildern, sondern auch Raumschiffsmodelle, Drachenfiguren und allerlei "utopischer", "fantastischer" oder "exotischer" Nippes. Der Vorteil dabei: Kein Mensch wundert sich über mein Trinkhorn, Runen, Pentagramme, Thorshämmer oder schamanisches Zubehör. Es gibt allerdings Menschen, die das bei einen Mann "meines Alters" für "ein Zeichen der Unreife" halten. Ich frage mich, wie es um die geistige Reife von Menschen bestellt sein muss, die auf die Idee kommen, ihre Reife ausgerechnet durch Wohnungsdekoration demonstrieren zu wollen.

3.2. Ich habe zwar keine Telefonallergie, aber ich bin - relativ - "anruffaul".

3.3. "Koffeinsucht". Aber nicht um jeden Preis: "mein" Kaffee oder der Tee muss stark und aromatisch sein. (Nieder mit Plörrkaff und Tee-Erinnerungs-Wasser!)

3.4. Ich rede gern und viel und falle sicherlich auch dem Einen oder der Anderen ins Wort oder mische mich in Gespräche ein, die mich eigentlich nichts angehen.

3.5. Ich bin (oder halte mich für) kreativ, spontan, einigermaßen gebildet und neugierig auf alles, was ich noch nicht weiß. Und ich lasse das jede(n) wissen, egal, ob sie / er das wissen will oder nicht.

3.6. Ich neige - paradoxerweise - dennoch dazu, meine Werke zu unterschätzen.

4. Gib das Stöckchen am Ende deiner Antworten an 6 Leute durch Verlinkung weiter.

Na gut, hier meine Opfer (in der Hoffnung, dass ihnen nicht jemand anders schon dieses Stöckchen zugeworfen hat):

Karan
Cynx
Hellblazer
Volkmar
Hunty
Stefanolix

Montag, 14. April 2008

Löscht die olympische Flamme! (Und nicht nur wenn die Spiele in einer Diktatur stattfinden.)

Im Zusammenhang mit einem Aufstand in Tibet, über dessen Natur man hierzulande wenig weiß, aber viel vermutet, der Reaktion der chinesischen Regierung auf diesen Aufstand, der tendenziösen und manipulativen Berichterstattung westlichen Medien über den Aufstand und die chinesischen Reaktionen auf den Aufstand, und der hysterischen und albern-verschwörungstheoretischen Reaktion chinesischen Medien auf die tendenziöse und manipulative Berichterstattung westlichen Medien ist auch vom offensichtlich bedeutungsschwangeren "olympischen Feuer" und dessen Schutz die Rede.

Wenn man sich die Ursprünge des "olympischen Feuers" ansieht, dann steht es schwerlich für das, was heute zum "olympischen Gedanken" erklärt wird (als da wären: fairer Wettstreit, Völkerverständigung, Frieden, Freiheit, Gleichberechtigung, usw. usw. usw. - nicht zu vergessen die großen olympischen Geisterbeschwörungen: der Beschwörung des Geistes von Baron Pierre de Coubertin und die Beschwörung des Geistes der Antike).

Mit dem Baron de Coubertin hat die Flamme und der Fackellauf nichts zu tun, denn erst 1928 wurde erstmals eine "olympische Flamme" entzündet. Das heute übliche Feuerritual - mit feierlicher Entzündung im Hain von Olympia, Fakelläuferstaffette, feierlicher Entzündung des Feuers, Bewahrung der "Reinheit der Flamme" usw. - wurde zur Nazi-Olympiade von 1936 eingeführt - wobei es letzten Endes egal ist, ob die Idee aus dem Propagandaministerium kam oder doch vom nazi-hörigen Sportfunktionär Carl Diem, dem Organisator der olympischen Spiele.

Was die Antike angeht: man könnte, mit viel Mühe und einige Verdrehungen, im heilige Feuer der Hestia und in den Fackelumzügen im alten Athen, "historische Vorbilder" für den neuzeitlichen Feuerkult konstruieren. Denn etwas, was auch nur annähernd dem Nazi-Fackellaufspektakel entspräche, gab es im antiken Griechenland nicht.
Der olympische Fackellauf steht im Fokus antichinesischer Demonstranten. Aber schon seitdem die Nazis die Propaganda-Veranstaltung 1936 einführten, wird gegen das Ritual der "scheinheilgen Flamme" demonstriert.

Wikipedia: Olympische Flamme
Zeit-online: Fragen zum Fackellauf
einestages.spiegel.de: Wenn die Flamme nicht lang fackelt
heise-tp: "Löscht die Flamme".

Nun mag sich mancher meiner Leser die Frage stellen, wieso ich mich über so ein Symbol, mag es auch von den Nazis erfunden sein, aufregen würde. Ich würde ja schließlich auch nicht die Autobahnen boykottieren oder auf die Verlegung der gewerkschaftlichen 1.Mai-Kundgebungen auf einen anderen Termin bestehen (weil der 1. Mai unter den Nazis Feiertag wurde).

Der Grund liegt daran, dass die Symbolik seitens der Nazi-Propaganda sehr sorgfältig ausgewählt und ebenso sorgfältig inszeniert wurde. Ein "Symbol" ist immer mehr als ein simples Zeichen - es steht für etwas, es bewirkt etwas.
Für die Fachleute unter meinen Lesern: ich beziehe mich auf den Symbolbegriff von Ernst Cassierer (Der Mensch hat nur über Symbole einen Wirklichkeitsbezug), den von Goethe (Symbol auf als "aufschließende Kraft“, die im Besonderen das Allgemeine (und im Allgemeinen das Besondere) darzustellen vermag) und Joseph Campbell (Verweis des Symbols auf die Transzendenz.) Ich gebe zu, dass es schwierig ist, diese drei Auffassungen zusammenzudenken. Sie sind eher komplementär als kompatibel.
Der Mythos des Olympischen Feuers ist insofern echt, als das er wirkt, mag er ursprünglich ein eher banales, ahistorisches und "zusammengeklautes" Propagandakonstrukt sein.
Einen Eindruck von dem "Programm", das hinter der Fackellaufsymbolik steht, gibt die Anfangsszene eines (leider) hervorragend gemachten und (noch mehr leider) auch für mich ästhetisch reizvollen Films: Leni Riefenstahls Olympia-Film "Fest der Völker".
Die Kamera fährt durch eine in Dunst gehüllte Landschaft, in der die Überreste antiker Tempel, oft nur überwachsene Mauerreste und zertrümmerte Säulen, zu sehen sind. In einer für damalige Verhältnisse erstaunlich fließenden Fahrt nähert sich die Kamera einem besser erhaltenen Tempel inmitten der antiken Steine, umkreist ihn. Die Köpfe und Körper griechischer Statuen erscheinen in der Landschaft, von der Kamera Riefenstahls geradezu sinnlich umkurvt und umschmeichelt. Durch Überblendung "erwacht" ein nackter Diskuswerfer "zum Leben", auch andere marmorne Athletenstatuen werden "lebendig". Schließlich "erwacht" eine Statue eines Speerwerfers. Der Speer zielt auf eine Feuerschale. Ein (beinahe) nackter Athlet entzündet die olympische Fackel, hebt sie triumphierend empor.
(Der Wirkung tut es keinen Abbruch, wenn man weiß, dass (einige der) "antiken Ruinen" aus Pappmaché bestanden, weil die Aufnahmen aus dem antiken Olympia nicht für die Inszenierung zu gebrauchen waren, und dass die (fast) nackten Modellathleten nicht im heißen Sand von Olympia, sondern am zur Zeit der Aufnahme recht kühlen Strand der Ostsee agierten.)
Überblendung zum "realen Geschehen": der Fackellauf beginnt. Es wird gezeigt, wie die Flamme von einem Träger zum nächsten weitergegeben wird, bis zum im Film noch gewaltiger als in der Realität wirkenden Berliner Olympia-Stadion. Hier entzündet der letzte Läufer der Stafette die Olympische Flamme, einen einem antiken Altar nachempfundenen Gasbrenner. Die Kamera verharrt auf der Sonne, vibrierend in der heißen Luft über der Flamme. Die Menschenmassen jubeln, Hitler grüßt die Flamme.

Der erste Eindruck: "Ganz großes Kino", in doppelter Bedeutung. Dieser imposante Eindruck, sowohl des Fackellaufes wie seiner filmischen Inszenierung, wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass das IOC nach 1945 so unkritisch an der Nazi-Symbolik festhielt - sie ist einfach eine zu "gute" Show; so, wie bisher alle olympischen Spiele mehr oder weniger deutlich die Nazi-Olympiade von 1936 imitierten.
Was zeigt die Filmsequenz, symbolisch betrachtet? Sie zeigt, unter anderem, wie die Fackel vom antiken Griechenland an Nazi-Deutschland weitergegeben wird. Das "3. Reich" beansprucht das Erbe der Antike. Der Anspruch ist, wie viele Ansprüche der Nazis, so hohl und papiern wie die Säulen in Leni Riefenstahls Studiodekoration; er funktioniert nach dem Prinzip: "Frechheit siegt!" Wird er nur laut genug verkündet und oft genug wiederholt, wird "die breite Masse" diese Behauptung schlucken. So, wie sie geschluckt hat, dass die Nazis die "rechtmäßigen Erben" der alten Germanen seien, oder die, dass "Arier" grundsätzlich allen anderen "Rassen" überlegen seien - oder den, dass sich der Vernichtungsantisemitismus "wissenschaftlich begründen" ließe. Das Schlimme ist, dass die meisten dieser "geschluckten" Behauptungen den Untergang der Nazireiches überlebten - manche bis heute.

Natürlich stellt das heutige IOC die Fackellauf-Symbolik anders dar - die Flamme würde die positiven Werte, die die Menschheit schon immer mit dem Feuer verbunden hätte, symbolisieren, oder dass die Fackelstafetten eine Botschaft des Friedens und der Freundschaft unter den Völkern aussenden.
Das Dumme ist nur, dass die olympischen Rituale immer noch die selbstverliebte, selbstherrliche und herrische "braune Aura" des Nazimythos umwabert. Man denke nur an die umständlichen Vorkehrungen, mit der die "Reinheit der Flamme" gesichert wird - wird sie (wie dieses Jahr mehrmals geschehen) gelöscht, muss sie mit z. B. in einer Grubenlampe "bewahrtem" Originalfeuer neu entzündet werden. Erlöschen alle "Backup-Flammen", dann muss gemäß dem Reglement die Flamme im heiligen Bezirk von Olympia neu entfacht werden.
Mir fällt dazu nur ein: ein religiöser Ritus. Und zwar einer, der mit der heidnischen Antike nichts gemeinsam hat - aber alles mit dem Mystizismus der Nazis (und ihrer Pedanterie).

Ich habe eine lange und ernsthafte Diskussion über die Frage geführt, ob z. B. Runen in der Öffentlichkeit verwendet werden dürfen. (Nicht juristisch gesehen, sondern moralisch.) Auch wenn ich dabei Anregungen der Art, man möge, im Zuge der "Null-Toleranz" und einer Politik der Nadelstiche, einige von Nazis und Neonazis verwendete Runen "verbieten", für abwegig (und nebenbei sinnlos) halte, so kann ich das Unbehagen etwa des Journalisten Thoralf Staud angesichts eines rechtsextremen Dachdeckers, der mit der "Lebensrune" in einem Schaukasten direkt vor dem Anklamer Gymnasium wirbt, ohne dass es jemanden stört, gut nachvollziehen. (Zeit online: Glatzenbrot und Lebensrunen.) Das gilt unabhängig davon, dass die entsprechende Rune nicht von den Nazis erfunden, sondern "nur" missbraucht wurde, dass die Deutung dieser Rune (im älteren Futhark Algiz - Elch - genannt - sieht so aus wie das "Peace"-Zeichen, nur auf dem Kopf stehend und ohne Kreis) als Lebensrune (vorsichtig formuliert) umstritten ist, und dass nicht jeder, der diese oder andere Runen verwendet, rechtsextrem sein muss.
Das Fazit, das ich aus der Diskussion gezogen habe: die Runen können zwar nichts durch ihre Verwendung durch Nazis und es ist keine gute Idee, den inwändig Braunen diese Symbole einfach zu überlassen, aber es wäre eine noch schlechtere Idee, zu vergessen, dass Runen auch "beliebte" Nazi-Symbole sind. Die zur Zeit meist verwendete "echte" Rune ist übrigens eine "Binderune" aus Hagalas (in der Sternform des jüngeren Futhark, Lautwert "H") und "Berkano" (Lautwert) "B" - die Initialen Harald Blauzahns als Symbol für "Bluetooth". Eine locker-unbefangene Form der Runenverwendung, die dem düsteren Nazi-Mystizismus genau so entgegengesetzt ist, wie etwa die Ansuz-Berkano-Berkano-Ansuz Tätowierung, die ein Wikinger im Zeichentrickfilm "Asterix und die Wikinger" trägt.

Überträgt man diese Erfahrung auf den olympischen Fackellauf, der, anders als die Runen, wirklich eine Nazi-Erfindung ist, so verbietet sich die unkritische (!) Weiterverwendung dieser Symbolik eigentlich automatisch. Zumindest mit der "sakralen Aura" der Flamme, die wie gesagt eine "braune Aura" ist, müsste Schluss sein. Leider ist das IOC und sind die nationalen olympischen Komitees in dieser Hinsicht völlig unkritisch.
Eine ohne Brimborium mit dem Feuerzeug entzündete Flamme würde, wenn man schon ein feierliches Symbol für die Dauer der Spiele braucht, völlig ausreichen. Lockerheit ist ein gutes Gegenmittel gegen Nazi-Mystizismus. Ansätze zur heiteren Lässigkeit gab es schon bei einigen olympischen Spielen - leider immer nur Ansätze. Das starke Repräsentationsbedürfnis der Veranstalter lässt den Abschied von Inszenierungen frei nach "1936" offensichtlich nicht zu.

Soweit der allgemein-politische Teil meines Unbehagens gegenüber der olympischen Fackelstafette.
Es ist meine sprirituelle Ausrichtung, die dieses "politische" Unbehagen verstärkt. Es heißt, dass es den Urhebern eines Rituals "spirituelle Energie" zuführt, wenn dieses Ritual von anderen ausgeübt wird. Sicher, das klingt arg nach Esoterik-Messe. Wenn man aber "Energie" auch im übertragenen Wortsinn begreift, und überhaupt eine metaphysische Wirksamkeit von Ritualen - egal wie und auf welchem Wege - für möglich hält, dann wird schnell klar, weshalb es mir bei der "Wiederaufführung" eines Nazi-Rituals ziemlich flau im Magen wird.

Ein anderes "Ritual" - oder besser gesagt, die dem Nazi-Feuerzauber vorausgehende Inszenierung - verursacht bei mir kein flaues Gefühl im Magen, sondern einfach nur bitteres Lachen.

Auch die "Entzündungs-Zeremonie" der olympischen Flamme stammt offensichtlich aus dem Kino - allerdings nicht aus einem (leider) ästhetisch ansprechendem Propagandafilm, der durchaus zurecht zu den besten Sportfilmen aller Zeiten gerechnet wird, sondern aus einem billigen "Sandalenfilm" aus den 50er oder 60er Jahren, etwa vom Kaliber "Herkules und die Königin der Amazonen".
Kernelement sind Schauspielerinnen in weißen Gewändern, die edel-gemessen dahinschreitend eine Art Eurythmie-Vorführung im Freien aufführen, ganz so, wie sich der von jeder historischen Bildung unbeeinflusste "kleine Max" das klassische Griechenland vorstellt. ("Asterix bei den Olympischen Spielen" ist da erheblich authentischer.) Mit der Antike, dem spürbaren "Genius Loci" des alten heiligen Bezirkes, dem Geist und der Geschichte des antiken Olympias, hat diese alberne Zeremonie nichts zu tun. Mit dem (mutmaßlichen) Ablauf der einst in Olympia ausgeübten Rituale erst recht nichts.
Richtig "nett" wird es, wenn die "Priesterin" die alten Götter Griechenlands anruft: "Apollon, Gott der Sonne und des Lichtes, schicke deine Strahlen und entzünde die heilige Fackel für die gastfreundliche Stadt Peking. Und Du, oh Zeus, schenke Frieden allen Völkern der Erde und bekränze die Sieger des heiligen Wettkampfes." Irgendwie erinnert mich das an Ritualversuche pubertierender Mädchen, die ein ganz tolles Buch von, sagen wir mal, Hexe Sandra gelesen haben, und nun glauben, ganz doll magische Junghexen zu sein. Oder (Vorsicht Insiderwitz!) an Asatrú nach "Hägar dem Schrecklichen".
Zum Glück für die Veranstalter haben die alten Götter und die meisten ihren Anhänger Humor. Würde bei der "Flammenentzündung" z. B. eine katholische Messe in ähnlicher Weise verhackstückt, wäre das vermutlich das Ende des Fackelzaubers - wenn nicht der olympischen Spiele. Die Folgen eines entsprechenden pseudo-islamischen Ritual-Schmierentheaters für den Weltfrieden möchte ich mir gar nicht ausmalen ...

Sonntag, 13. April 2008

Odysseus - der erste "bürgerliche" Mensch?

Nachdem ich einen Bischof für die Art und Weise kritisierte, wie er Homers "Odyssee" als mythische Belegstelle für seine These heranzog (Marginalie: Warum lehnte Odysseus die Unsterblichkeit ab?) will ich über den wohl bekanntesten Fall, in dem die "Odyssee" als Steinbruch einer modernen philosophischen These verwendet wurde, nicht schweigen.

Ich meine natürlich Theodor W. Adorno und Max Horkheimer und ihre Deutung der homerischen Odyssee in ihrem berühmtesten Werk, der Aufsatzsammlung Dialektik der Aufklärung.
In der "Dialektik der Aufklärung" geht es zentral um die Fehlentwicklung der Zivilisation seit der Aufklärung, die im "Faschismus" kulminiert - wobei Horkheimer/Adorno vor allem an den deutschen "Nationalsozialismus" mit seinen Vernichtungskriegen und seinem millionenfachen, industriell organisierten Mord dachten.
Ihre zentrale These dabei ist, dass das Scheitern der Aufklärung, das zu einer Barbarei führte, das jeden noch so grausamen "Barbaren" der vorindustriellen Zeit vor Entsetzen hätte erbleichen lassen, bereits in der „instrumentellen Vernunft“ ihres Denkens angelegt ist.
Aus der "instrumentellen Vernunft" (die z. B. technischen Fortschritt als Machtinstrument gegenüber den einzelnen Menschen gebraucht) und ihrer Anwendung im Kapitalismus entsteht der Faschismus als logische Fortsetzung. Ich hoffe, dass philosophisch und soziologisch beschlagene Leser mich für diese etwas schräge Darstellung nicht schlagen werden.
Der "Odysseus-Exkurs" in dieser Sammlung wird Adorno zugeschrieben.
Adorno begreift (so verstehe ich ihn jedenfalls, ganz leicht verständlich ist der Text nämlich nicht) die Odyssee als Allegorie. Anhand der "Odyssee" veranschaulicht er die Entstehung des "bürgerlichen Individuums" bzw. "des autonomen Selbst". Odysseus kämpft gegen die Abhängigkeiten von der Natur und den die Natur interpretierenden Mythen. Die Natur erscheint in Gestalt der Götter, Nymphen und Ungeheuer gegen die er kämpft, die er überlistet und denen er widersteht. Er gewinnt diesen Kampf durch die Anwendung der List bzw. der instrumentellen Vernunft und durch Triebunterdrückung (er widersteht den Sirenen, der Kirke, der Kalypso usw.).
Die List (alias instrumentelle Vernunft) bildet den Kern des modernen Tauschprinzips, deren Äquivalent in der mythischen Zeit im Opfer bereits angelegt ist. (So wurde in der Regel nur ein Teil der Opfertiere wirklich dem menschlichen Gebrauch entzogen, also geopfert.) Das Moment des "Betruges im Opfer" setzt sich fort in der Listigkeit des Odysseus. Er setzt der Natur sein Bewusstsein entgegen. Indem er die Natur bekämpft, verleugnet er einen Teil seiner selbst, die Triebgesteuertheit. Diese Selbstverleugnung ist bereits eine Form der für die bürgerliche (= kapitalistische) "aufgeklärte" Gesellschaft typischen Entfremdung.
In Adornos/Horkheimers allegorischer Deutung stehen verschiedene Abenteuer des Odysseus für verschiedene geistige Zustände des Helden, die zugleich repräsentativ für die verschiedenen Stufen der "Zivilisationsgeschichte" ist - einer Entwicklung vom vorbewussten Denken über den Mythos, das Epos zur Ratio (und damit der Aufklärung).
Die Lotophagen stehen für einen vormythischen Geisteszustand (Zeitlosigkeit, scheinbares Glück durch Vergessen). Da sich aber Odysseus in der Zeit durch Vernunft und Fortschritt konstituiert, kann er ein Bleiben bei den glücklichen Lotosessern nicht dulden, da das einen Rückfall in die vormythische Zeit und damit den Zustand der Bewusstlosigkeit wäre.
Polyphem, der Zyklop, steht für einen Zustands der Barbarei, der Gesetzlosigkeit und des Mythos. Der Zustand der Gesetzlosigkeit, der Unordnung im Denken und Handeln, wurde von Odysseus überwunden. Um sich aus der Höhle des Polyphems retten zu können, muss Odysseus sich selbst verleugnen - er verleugnet seinen Namen - also einen Tausch eingehen. Indem er sich so verleugnet, entsagt er seinem Status als Subjekt. Um wieder Subjekt zu sein, gibt er auf der Flucht seinen Namen preis - obwohl er sich damit der Rache durch Polyphems Vater Poseidon aussetzt.
Die Zauberin Kirke repräsentiert die magische Stufe der Bewusstseinsentwicklung. Sie führt ihre Opfer in einen Zustand des Vergessens (vorbewusster, "animalischer" Zustand - bei Kirke wörtlich zu nehmen: sie verwandelt Männer in Schweine). Sie ist Prototyp der Hetäre (worunter Adorno offensichtlich eine "Femme Fatal" verstand und keine gebildete Prostituierte). Auch hier besteht wieder die Gefahr des Rückfalls in die vormythische Zeit des triebgesteuerten Handelns, des Verlustes von Selbstbewusstsein. Kirke sei das Urbild der Frau als "Naturwesen", die in der patriarchalen Gesellschaft in der Ehe nur als Machtempfangende bestehen kann.
Odysseus' Frau Penelope und die Heimkehr nach Ithaka steht für den zustand der Ratio, des verstandesmäßigen Denkens. Sie setzt die von Kirke eingesetzten Prinzipien fort (die Selbstentfremdung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft). Penelope hat die Werte dieser patriarchalischen Gesellschaft völlig verinnerlicht.
Der Hades, das Totenreich, steht für das Reich der Mythen und Bilder. Odysseus erkennt ihre "Unwahrheit" (sieht, das es nur leblose Schatten sind) und erhebt sich als Subjekt über sie. Erst wenn er die Irrationalität der Mythen erkannt hat, kann er wirklich heimkehren. Hierin liegt das bürgerliche Prinzip der Heimat begründet, dem alle Sehnsucht des Subjekts gilt, das aber zugleich die Entfremdung in sich trägt.

Odysseus, der Prototyp des aufgeklärten Bürgers, kann nur Subjekt sein, indem er immer wieder Triebverzicht übt, mit ordnender Vernunft die innere und äußere Natur beherrschbar macht. Als Subjekt sichert er sich ab in den bürgerlichen Werten von Heimat und Eigentum. Das Tauschprinzip beherrscht stets sein Handeln. Um Macht über die Natur auszuüben, muss er ständig Verzicht üben und einen Preis zahlen - den Preis der Entfremdung.

***

Bezeichnend finde ich, dass Ardorno / Horkheimer fast immer
von "der Aufklärung" oder "der Vernunft" schreiben - und nicht von der Anwendung instrumenteller Vernunft für gelegentlich auch "unvernünftige" Zwecke (im Sinne einer "lebenspraktischen Vernunft"). Um Odysseus' Taten beurteilen zu können, müsste man sich also seine Ethik ansehen.
Nach dem Verlassen des "dank" seiner "instrumentellen Vernunft" eroberten, geplünderten und niedergebrannten Trojas überfällt er mit seiner Gefolgschaft die mit den Trojanern verbündeten thrakischen Kikonen. Damit handelt er nicht gegen die zu seiner Zeit gültigen "moralischen Gesetze" (Odysseus würde sagen: "Wer meinen Feind unterstützt hat, verfällt ebenfalls der Rache!"). Er folgt dabei, wie schon vor Troja, einer brutalen "der Zweck heiligt die Mittel"-Ethik. Das ändert sich im Verlauf der Odyssee.
Oberflächlich gesehen folgt seine Rache an den "Freiern" seiner Frau, also seinen Rivalen um die Macht, einem ähnlichen Schema - will er zurück auf den Thron, müssen erst die Rebellen vernichtet werden. Allerdings hat Odysseus dabei etwas, was er vorher nicht hatte: ein schlechtes Gewissen. Er erkennt, dass er mit seinen (politischen) Gegnern auch die fähigsten Männer Ithakas getötet hat. Außerdem handelte er, anders als vor Troja und bei den Kikonen, nicht ausschließlich aus egoistischen Motiven. Modern gesprochen stellt er die "staatliche Handlungsfähigkeit" wieder her. (Die Moglichkeit einer "geregelten Machtübernahme" besteht nicht, solange Penelope nicht Odysseus für tot erklärt hat. Außerdem ist sie zweifelhaft, da die Rebellen untereinander zerstritten sind - jeder von ihnen wäre gerne König.) Wenn man so will, kann man hier Ansätze einer "Staatsraison" erkennen. Soweit ist Adornos/Horkheimers Ansatz zwar arg überspitzt, aber nicht abwegig.
Aber die "ethische Vernunft" ist auch Thema der Odyssee. Geradezu revolutionär im Vergleich zu anderen, auch wesentlich jüngeren, Epen und Sagen, ist das Ende: Die Göttin Athene (Göttin der Weisheit) schlichtet den Streit zwischen Odysseus und den Verwandten der erschlagenen Freier. Oder, allegorisch interpretiert: die Weisheit ("ethische Vernunft") überwindet die Blutrache, die die Folge der "instrumentellen Vernunft" des Odysseus, die zum Massakers an den "Freiern" führte, ist.

Aber zurück zur Adorno/Horkheimers Odyssee-Interpretation. Dass sie anachronistisch ist, in dem Sinne, dass Homer bestimmt nicht absichtlich das hineingeschrieben hat, was sie aus dem Epos herauslesen, wissen sie selber. Im Grunde benutzen sie den allgemein bekannten Stoff als "Steinbruch" für griffige Beispiele - in wenig griffiger Sprache.
Einschub: Der Kontrast zwischen dem verschrobelt-bildungsbürgerlichen Professoren-Deutsch "Horkdornos" und dem ebenfalls stark vom heutigen Sprachgebrauch abweichendem Deutsch der mir vorliegenden Odyssee-Übersetzung von Johann Heinrich Voß schmerzt beinahe körperlich. Die Sprache der voßschen Versübersetzung ist konstruiert, eben eine "Kunstsprache", die niemals Umgangsprache war oder hätte sein können. Damit endet aber auch schon die Gemeinsamkeit mit Adorno/Horkheimer. Voß' über 200 Jahre alte Odyssee-Übersetzung ist trotz der manchmal ungewöhlichen Wortwahl auch heute noch gut verständlich. Die Syntax ist klar, trotz der Fesseln des strengen Versmaßes. Ein "schönes" Deutsch - so wie Homer ein klassisches "schönes" Griechisch schrieb. Ich bin noch niemandem begegnet, der Adornos oder Horkheimers Deutsch "schön" fand. Entschuldigung, das musste sein!

Ich halte Odysseus keineswegs für einen Vorläufer / Prototypen des modernen, aufgeklärten, aber stark "verkopften", triebunterdrückenden bürgerlichen Individuums. Auch von dem Modell der stufenweisen geistigen Entwicklung halte ich wenig.

Odysseus liegt keineswegs außerhalb der Tradition der griechischen Heroen. Schon Theseus, Iason, Oidipous, Daidalos usw., sogar der übermenschlich starke Herakles, bestanden ihre Abenteuer nicht nur mit körperlicher Stärke und Mut, sondern immer auch mit einer "ordentlichen Portion Grips". Seine List, die er gegen die "Naturgewalten" einsetzt, ist also nichts Neues. Neu ist allerdings, wie sehr Odysseus als unverwechselbares menschliches Individuum - und nicht als Idealtypus - gezeichnet wird. Darüber hinaus ist Odysseus weniger ein strahlender Held, sondern er ist ein im Großen und Ganzen vorbildlicher Charakter - mit "kleinen" Fehlern und deutlichen Schwächen. Odysseus wagt - wenn auch mit dem Beistand einer Göttin - Widerstand gegen göttliche Gesetze. Obwohl er weiß, dass er seinem Schicksal nicht entrinnen kann, versucht er es so weit wie möglich in die eigenen Hände zu nehmen.
Triebverzicht ist nicht seine Sache: Er zeugt mit der Kirke den Telegonos und teilt mit Kalypso das Lager. Er ist habgierig und legt seiner Habgier nur da Zügel an, wo unmittelbare Gefahr droht. Selbstbeherrschung ist bei ihm nur Taktik.

Odysseus markiert in der Tat einen wichtigen Schritt in Richtung "Aufklärung" - im Sinne der Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Aber er markiert keine Etappe auf dem Weg zum gut funktionierenden bürgerlichen Individuum.
Er ist ein "Selberdenker", ein Querkopf, ein hinterlistiger Bursche. Ich kann ihn mir mühelos 1500 Jahre nach Homer als Kommandant eines Wikingerschiffes oder noch mal 750 Jahre später als Freibeuterkapitän vorstellen - aber auch als Befehlshaber auf einem Expeditionsschiff des 19. Jahrhunderts. Aber nicht als Kapitän eines Containerfrachters oder einer Lenkwaffenfregatte oder gar als "Wirtschaftskapitän". Er ist alles andere als ein in irgend einer Weise "bürgerlicher" Mensch. In der heutigen Zeit wäre ein Mensch mit seiner unangepassten, rebellischen und skrupellosen Natur ein gesellschaftlicher Aussenseiter.
Nachtrag: ich habe meinen Text der besseren Verständlichkeit zuliebe leicht überarbeitet. Irgendwie steckt die "Dialektik der Aufklärung" sprachlich an.;-)

Samstag, 12. April 2008

Liste der schlimmsten Religionsführer

Anlässlich des bevorstehenden Papst-Besuches in den USA, bei dem so sicher wie das Amen in der Kirche sehr viel von der friedenstiftenden Rolle der Religion die Rede sein wird, veröffentlichte das Internet-Portal Foreign Policy eine Liste mit den schlimmsten religiösen Führern der Welt:
The List: The World’s Worst Religious Leaders
  • Hassan Nasrallah - Religion: schiitischer Islam - Generalsekretär der Hisbollah - predigt Vernichtungs-Antisemitismus
  • Joseph Kony - Religion: Christentum / Personenkult - Oberbefehlshaber der "Lord’s Resistance Army (LRA)" - Massenmörder im Ugandischen Bürgerkrieg.
  • Yogi Adityanath - Religion: Hinduismus - Religiöser Führer und Mitglied des Parlaments von Uttar Pradesh, Indiens bevölkerungsreichster Provinz, militanter Hindu-Nationalist, hetzt zu anti-islamischen Revolten auf.
  • Athuraliye Rathana - Religion: Theravada-Buddhismus - Mönch und Parlamentsabgeordneter in Sri Lanka - hetzt gegen die tamilische Minderheit, ruft zur Vernichtung der "Tamil Tigers" auf.
  • Dov Lior - Religion: hasidisches Judentum - Führender Rabbi der Kiryat Arba Siedlung, Israel - Behauptet, es sei mit den jüdischen Gesetzen vereinbar, palästinensische Zivilisten zu ermorden, meint, dass das biblische Gebot “Du sollst nicht morden" nur unter Juden gelten würde.
Diese deprimierende Liste religiöser Hetzer könnte problemlos auf 50 Namen verlängert werden - wahrscheinlich sogar auf 500 predigende Anstifter zum Massenmord ähnlichen Kalibers. Rechnet man mordlüsterne religiöse Spinner hinzu, die den Göttern sei dank weniger Einfluss und Anhänger haben, dürfte die Liste einem Telefonbuch ähneln.
Offensichtlich hat sich "Foreign Policy" darauf beschränkt, für jede "Weltreligion" ein besonders abscheuliches Exemplar der Gattung "Hassprediger" herauszusuchen.

Als Polytheist möchte ich meine "Mit-Heiden" vor der Illusion warnen, dass nur monotheistische Religionen zu solch mörderischem Hass und Intoleranz fähig seien - die Hinduismus-Richtung, der Adityanath Yogi angehört, ist eindeutig polytheistisch. Nebenbei möchte ich gar nicht wissen, was geschehen würde, wenn einige Möchtegern-"Heidenfürsten" nicht nur ihre handvoll Sektierer, sondern eine wirklich schlagkräftige Anhängerschaft hinter sich hätten.
(via hpd-online)

Dienstag, 8. April 2008

Seid wann ist in Nordeuropa das Segel bekannt?

Ich stolperte gestern im an sich hervorragenden Wikipedia-Artikel über Jürgen Spanuth unter dem Punkt "Kritik" über folgende Aussage:
3.) In der nordischen Bronzezeit gab es noch keine Segelschiffe, sondern nur Ruderschiffe. Die Verwendung von Segeln ist für Mittel- und Nordeuropa erst ab 700 n. Chr. belegt (Beginn der Wikinger-Zeit) und begann frühestens um 200 v. Chr. Tacitus beschreibt in seiner "Germania" die Schiffe der Skandinavier sehr ausführlich und erwähnt unter anderem "... Auch benutzen sie keine Segel ...".
Eine Aussage, der ich nicht ganz zustimmen mag. (Allerdings ändert meine Skepsis gegenüber diesem Einzelpunkt nichts daran, dass zentrale Elemente von Spanuths Thesen im Licht des derzeitigen Forschungsstandes nicht aufrechtzuhalten sind. Wenn sie denn überhaupt jemals stichhaltig waren.)
Ein allgemeines Problem bei solchen Aussagen ist die räumliche und zeitliche Perspektive. Im "Wikipedia"-Artikel wird auch erwähnt, dass das Verfahren, aus Bernstein unter Zugaben von Leinöl Bernsteinlack herzustellen erst seit dem Mittelalter bekannt sei. Dass heißt aber nicht, dass Bernsteinlack nicht doch vorher hergestellt werden könnte (Wissen und Fertigkeiten können verloren gehen) oder vielleicht in außereuropäischen Kulturen, z. B. in China, bekannt gewesen sein könnte.
So pauschal wie behauptet ist die Aussage "die Verwendung von Segeln ist für Mittel- und Nordeuropa erst ab 700 n. Chr. belegt" falsch.
Zu "Mitteleuropa" gehören auch die bis ca. 450 u. Z. römische Gebiete an Rhein und Donau - und die Römer verwendeten das Segel, und zwar nachweislich auch auf Rhein und Donau. Es wäre sehr überraschend, wenn dieses Wissen mit dem Untergang des weströmischen Reiches einfach verschwunden wäre.
Dann ist es unstrittig, dass die Friesen, in deren Hand der Seehandel im Nordseegebiet zwischen ca. 450 und der "Wikingerzeit" lag, das Segel verwendeten. Wenn man den mönchischen Chronisten der frühen Karolingerzeit glauben mag, gab es zwischen dem friesischen Dorestadt und Südengland einen gut organisierten Schiffsverkehr, und zwar mit Segelschiffen.
Aber die Frage nach der mittelalterlichen Seefahrt "vor den Wikingern" ist gar nicht relevant. Die für Spanuths "Atlantistheorie" relevante Frage lautet: Gab es in der Bronzezeit im Nordseeraum Segelschiffe?
Die herkömmliche Antwort lautet: "Nein. Wahrscheinlich gab es vor 200 v. u. Z keine Segelschiffe in Nordeuropa, in Skandinavien gab es noch 400 Jahre später nur Ruderschiffe."

Allerdings gibt es bronzezeitliche Bootsfunde in England, von Booten, deren Form nahelegt, dass sie besegelt sein könnten.
Das 2,40 m breite und mindestens 18 m lange "Boot von Dover" The Dover Bronze Age Boat könnte ein Segel getragen haben. Eine Rekonstruktion des kleineren Bootes von North Ferriby erwies sich tatsächlich als guter Segler: Bronze Age. Allerdings ist das noch kein absolut "wasserdichter" Beweis für bronzezeitliche Segelboote im Nordseeraum; dazu müsste ein Mastfuß, eine "Mastfischung", oder irgendetwas vergleichbares, was einem Mast Halt gegeben hat, nachgewiesen werden.
Außerdem würde das nur beweisen, dass es ca. 1500 v. u. Z. im Nordseeraum besegelte Wasserfahrzeuge gegeben hat - auf der anderen Seite der Nordsee mag es anders gewesen sein. (Obwohl vieles auf bronzezeitlichen Handel zwischen Jütland und Ost-England hindeutet.)

Dass es in der Bronzezeit im südlichen Skandinavien Schiffbau gegeben hat, ist angesichts der vielen Schiffsdarstellungen unstrittig. Auf den hunderten jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen "Hällristningar-Schiffen", in Felsen geritzte Zeichnungen von Booten und Schiffen, z. B. in Brandskogen (Schweden) Fossum (Schweden), Hegra (Norwegen) und vielen Orten mehr, ist aber nirgendwo eine Besegelung zu erkennen. Ein eindeutiger Hinweis darauf, dass in Nordeuropa das Segel nicht bekannt war? Nicht ganz, denn auf den hochbronzezeitlichen Felszeichnungen von Järrestad (Südschweden) ist ein Schiff zu erkennen, dass eindeutig eine Takelage hat. Damit ist die Frage wieder offen. (Und es stellt sich die Frage, wieso denn sonst nur Boote und Schiffe ohne Mast und Segel abgebildet wurden.)
Interessant für die Frage, ob im bronzezeitlichen Nordeuropa Segelschiffe gab, sind auch die im Skandinavien und Dänemark nicht seltenen Schiffssetzungen. Das sind Steinsetzungen bzw. "Steinkreise" mit schiffsförmigen Umrissen. Die berühmteste Schiffssetzung ist die frühmittelalterliche Anlage von Kåseberga (in Südschweden bei Ystad und in jedem zweiten "Komissar Wallander"-Fernsehkrimi zu bewundern), deren größtes "Steinschiff" immerhin 67 m lang ist, bei für Wikingerschiffe realistischen Proportionen - vielleicht ein Hinweis auf wirkliche Schiffe dieser Größe. Interessanter für unsere Frage sind aber die aus kleineren Steinen bestehenden Schiffssetzungen aus der Bronzezeit. Sie sind meistens relativ klein, mit Längen zwischen 8 und 16 Metern, aber es gibt auch viel größere, wie das Steinschiff von Gannarve mit 29 m Länge oder die beiden Schiffe von Gnisvärd (auf Gotland), von denen das kleinere immerhin 37 m, das größere sogar 45 m lang ist. Interessant ist, dass die Stevensteine an Bug und Heck wie auf einem echten Schiff höher sind, und das die Höhe der übrigen Steine den Sprung des Dollbordes korrekt nachbildet, d. h. sie sind mittschiffs am niedrigsten und werden zum Bug und Heck in einer ansteigenden Kurve höher. Interessant ist das Verhältnis von Länge und Breite - es beträgt bei den großen Schiffen 1 : 6, bei den kleineren dagegen nur 1 : 4 oder nur 1 : 3. Das gibt die Proportionen wirklicher Schiffen wieder, die relativ gesehen bei großen Schiffen stets schlanker sind als bei kleinen.
Das deutet darauf hin, dass reale Schiffe als Vorbilder dienten.
Was auch noch auffällt: es sind für Segelschiffe typische Breite-Längeverhältnisse. Nordeuropäische Ruderschiffe, wie das berühmte Nydam-Boot oder das Schiff von Kvalsund, sind erheblich schlanker, ihre Breite - Längeverhältnis liegt zwischen 1 : 6 und 1 : 8.
All das deutet darauf hin, dass es wahrscheinlich schon lange vor der "Wikingerzeit" Segelschiffe in Nordeuropa gab. Allein - der wirklich hieb- und stichfeste Beweis dafür steht noch aus.
"Atlantis"-Lokalisierungstheorien, die das Reich aus Platons Lehr-Mythos in den Norden verlegen, stehen auf einem ganz anderen Blatt. Einem, das man meines Erachtens unter "pseudowissenschaftliche Spekulationen" abheften kann.

Samstag, 5. April 2008

Marginalie: Warum lehnte Odysseus die Unsterblichkeit ab?

Aus dem Statement von Bischof Huber auf der Pressekonferenz "Woche für das Leben" "Gesundheit – höchstes Gut?", Berlin:
Besonders anrührend wird das in einem alten Epos erzählt, das dem Menschheitstraum von Unsterblichkeit und Selbstentfaltung etwas anderes entgegensetzt: Der Dichter Homer erzählt in der Ilias, dass Odysseus die Unsterblichkeit, die ihm von der Nymphe Kalypso angeboten wurde, ablehnte. Er zog es vor, an der Seite seiner Frau Penelope alt zu werden. Liebe und Solidarität sind stark wie der Tod. Sie helfen, Leiden standzuhalten und den Grenzen menschlichen Lebens ins Gesicht zu sehen. Solidarität und Gerechtigkeit sind darum für das Gesundheitssystem so wichtig wie der Wunsch der einzelnen nach Gesundheit und das Recht auf eine Heilbehandlung.
Bemerkenswert finde ich zunächst, dass ein Bischof auf einen heidnischen Mythos zurückgreift, um eine christliche Position zu untermauern. Der Grund dürfte darin zu suchen sein, dass ein geeignetes Beispiel im biblischen Kanon fehlt.
Allerdings stimmt die Darstellung des Bischofes nicht. Im ersten Gesang der Odyssee ist ausdrücklich davon die Rede, dass der Rat der Götter beschließt, Odysseus die Heimkehr zu ermöglichen. (In seinem Zorn bat der von Odysseus geblendete Zyklop Polyphem seinen Vater Poseidon, Odysseus auf dem Meer umkommen zu lassen oder seine Heimkehr zu verhindern. Wobei Odysseus' Tat angesichts der Absicht des Zyklopen, ihn und seine Gefährten zu fressen, Notwehr war.) Der Götterbote Hermes fordert die Nymphe Kalypso auf, Odysseus, den sie sieben Jahre lang auf ihrer Insel zurückgehalten hat, ziehen zu lassen. Obwohl Kalypso ihm Unsterblichkeit verspricht, wenn er bei ihr bleibt, wünscht Odysseus sie zu verlassen, um zu Penelope zurückzukehren.
Odysseus ist also Gefangener bzw. Sklave der Kalypso, und ihr Versprechen ist ein Versuch, ihn "freiwillig" im goldenen Käfig auf der verborgenen Insel Ogygia zu halten. Es ist gerade der Drang zur Selbstentfaltung - neben der Loyalität zu seiner Königin / Frau und seinem Pflichtbewusstsein als König Ithakas - der Odysseus auf Unsterblichkeit in Unfreiheit verzichten lässt.
Dieser Abschnitt der Odyssee taugt also nicht als Beispiel für die Aussage: "Liebe und Solidarität sind stark wie der Tod".

Außerdem drängt sich mir, als praktizierendem Heiden (wenngleich vorzugsweise mit Bezug auf ein anderes Pantheon) eine Frage auf: Wer ist Kalypso, wenn sie die Macht über Leben und Tod hat?
Die Antwort ist - für mich - offensichtlich: eine Totengöttin. Dafür spricht ihr Name ("die Verbergende"), dafür spricht, dass ihre Insel mit Schwarzpappeln, Zypressen, Eppich/Efeu und Veilchen bewachsen ist, bei den alten Griechen - und bis heute - typischen Friedhofsbäumen und -Blumen. Sie lässt Odysseus auf Hermes' Geheiß frei - Hermes ist nicht nur Götterbote, sondern auch Psychopompos, Seelenführer, er geleitet die Seelen der Toten in die Unterwelt. Dafür spricht auch, dass Odysseus siebzehn Tage, Tag und Nacht, so segelt, dass die große Bärin stets zur Linken steht. Siebzehn Tage und Nächte Kurs Nordost, bei gutem Wind, das sind sogar mit einem einfachen Segelfloß mindestens 2500 Kilometer. Das große Mittelmeer ist zu klein dafür. Ogygia ist nicht der "Nabel des Mittelmeers", sondern eine Insel im bodenlosen Meer, am Rand der Zeit.
Odysseus verlässt Ogygia - und kehrt ins Leben zurück.

Wie hältst Du es mit den Stammzellen?

Heute startete eine gemeinsame Kampagne der katholischen und evangelischen Kirche unter dem Titel "Gesundheit - höchstes Gut?"
Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sorgen sich nun etwa nicht um unsere Gesundheit, sondern darum, dass das Nachdenken über äußerliches Wohlbefinden und körperliche Fitness inzwischen einen derart breiten Raum einnähme, dass man bereits von einer "Gesundheitsreligion" sprechen könne, wie es führende Kirchenvertreter in Würzburg ausdrückten.
SpOn: Kirchen verdammen Fitnesskult.
Kritik an Übertreibungen beim Streben nach Fitness und Gesundheit sind das eine. Eine Kampagne unter dem Titel "Gesundheit - höchstes Gut?" das andere. Schon die Frage konstruiert einen Gegensatz zwischen "Streben nach Gesundheit" und "Streben nach dem Seelenheil", wobei letzterem der Vorrang eingeräumt wird:
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, kritisierte den "Gesundheitswahn unserer Tage". Gesundheit sei wichtig, aber es sei nicht richtig, sie zum Idol zu machen, mahnte Huber beim ökumenischen Gottesdienst im Kiliansdom der Stadt. "Wo es früher noch um das Heil der Seele ging, geht es heute nur noch um den heilen Körper", beklagte der Bischof.
Ich sehe keinen Gegensatz zwischen dem Streben nach körperlichem und psychischem Wohlbefinden und dem Streben nach dem Heil der Seele - für mich geht beides Hand in Hand, das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben. Übrigens kann man sich trotz schwerer Krankheit "wohl befinden", während andererseits sogar leichte "Störungen", die die (berufliche) Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigen, einem "das Leben zur Hölle" machen können - nach meinem Empfinden lebt man dann nicht im Heil.
Wenn man allerdings "Gesundheit" nicht als "Wohlbefinden", sondern etwa als "maximale Leistungsfähigkeit" definiert, und mit "Heil der Seele" die "Erlösung" im christlichen Sinne meint, dann, ja dann gibt es durchaus einen "Zielkonflikt".

Von berechtigten, aber banalen Mahnungen wie der, dass Krankheit, Leiden und Tod zum Leben gehören, oder dass es "keine Garantie für ewige Jugend" gäbe (seltsam, ich dachte immer, kein Mensch bliebe ewig jung) oder der, dass kein Mensch "immerwährend gesund" sei, abgesehen: Worauf zielt die Kampagne ab?

Während der "Woche für das Leben" soll kritisch hinterfragt werden, wer Definitionen von Gesundheit vorgibt und warum. Das ist eine in der Tat eine wichtige Frage, denn das Gesundheit instrumentell gesehen wird ist ein drängendes Problem: etwa, das "gesund" gleich "arbeitsfähig" gesetzt wird, egal, wie es dem Einzelnen dabei geht, oder politischer Druck zur "gesunden Lebensführung", mit dem immer im Hintergrund stehenden Vorwurf, jemand sei an seinem Herzinfarkt (Lungenkrebs, Hautkrebs, Bluthochdruck usw. ) doch "selber Schuld", oder - besonders widerlich - die Ausgrenzung Kranker, Gebrechlicher und Behinderter, weil sie der "Leistungsnorm" nicht entsprächen. Aus humanistischer Sicht ist das sehr zu begrüßen!

Aber ich ahne bei diesen Worten, dass da noch ein ganz anderes Thema auf der Tagesordnung steht:
Mit der Woche für das Leben setzten sich die Kirchen gemeinsam ein "für die Würde und den Schutz des menschlichen Lebens in all seinen Phasen und für alle Menschen – gleich welchen Alters und welcher physischer und psychischer Verfassung."
Die allererste "Woche für das Leben" war eine Woche für den "Schutz des ungeborenen Kindes" und seitdem sind die Fragen "Abtreibung" und "Sterbehilfe" ständig auf der Agenda dieser Veranstaltung präsent.
Der vermutlich heikelste Streitpunkt zwischen "christlicher Moral" (nach Maßgabe der römisch-katholischen und - teilweise - der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung) und dem "Streben nach Gesundheit" ist die Frage nach den embryonalen Stammzellen.

Auch wenn manche Hoffnungen, die auf die Heilungschancen durch den Einsatz embryonaler Stammzellen gesetzt werden, wahrscheinlich übertrieben sind: die Stammzellforschung ist eines der wichtigsten Forschungsgebiete der modernen Medizin. Und ein wichtiger Teil dieser Forschung ist ohne menschliche embryonale Stammzellen nicht zu machen.
Das Problem (aus christlicher Sicht): der Beginn des menschlichen Lebens wird bei der Befruchtung der Eizelle gesehen. Also muss man (potenzielle) Menschen ermorden, um an embryonale Stammzellen zu kommen. Weshalb sich die Debatte in christlich geprägten Ländern an der moralischen Frage: "Darf man Leben vernichten, um Leben zu retten?" festfährt.

Es fällt auf, dass das vergleichsweise winzige Israel in der Erforschung und Nutzung menschlicher Embryonalzellen weltweit eine führende Position innehat. Einer der wichtigsten Gründe dafür liegt in der jüdischen Religion.
Ein Menschenleben zu retten ist eines der wichtigsten Gebote des Judentums (wie auch des Christentums, des Islams und aller anderen mir bekannten Religionen, mit der mögliches Ausnahme des Satanismus). Dieses Gebot steht im Judentum über fast allen anderen Glaubensgesetzen - durchaus im Gegensatz zu einigen nicht unwichtiger Richtungen des Christentums und des Islams, für die das "irdische Leben" eine untergeordnete Bedeutung hat.
Eine der Grundbedingungen zur Menschwerdung ist laut rabbinischer Auslegung die Einnistung des Embryos im Mutterleib. Föten aus künstlicher Befruchtung genießen deswegen, solange sie nicht erfolgreich eingesetzt wurden, keinen rechtlichen Schutz. Hinzu kommt, dass die jüdische Religion selbst einen Fötus im Mutterleib erst ab dem vierzigsten Tag als ein vollwertiges menschliches Wesen betrachtet - eine pragmatische Annahme, die der Tatsache Rechnung trägt, dass die Mehrzahl der Embryonen in der Frühschwangerschaft spontan "abgeht".
Deswegen gibt es in Israel fast keine gesetzlichen Einschränkungen in der Stammzellforschung. Dennoch kann die Forschungsethik in Israel gegenüber vielen "christlich" geprägten Staaten als vorbildlich angesehen werden: es ist keineswegs so, dass Embryonen einfach als "Verbrauchsgut" gesehen werden - wenn bei einer künstlichen Befruchtung mehr befruchtete Eizellen entstehen, als benötigt werden, dürfen sie auf keinen Fall einfach weggeworfen werden.
Aber ein Gebrauch für medizinische Forschungszwecke geht in Ordnung - das moralische Gebot "Menschenleben retten" steht über der Heiligkeit der befruchteten Eizellen. Jeder andere Zweck außer der Bekämpfung lebensbedrohlicher Krankheiten (etwa der Gebrauch embryonaler Stammzellen für kosmetische Zwecke) ist verboten.
Das Klonen von Menschen ist in Israel ausdrücklich verboten und jedes Experiment mit embryonalen Stammzellen muss von einem Komitee genehmigt werden. Die Kommerzialisierung menschlicher Embryos, dass heißt Handel oder ihr Ankauf, ist ebenfalls untersagt.

Aus humanistischer wie aus "neopaganer" Sicht (der Sicht einer "Religion", für die das Jenseits Hypothese und das Diesseits Realität ist ) finde ich die israelische Sichtweise äußerst begrüßenswert. So begrüßenswert, dass ich sie mir ohne weiteres zu eigen mache.

Freitag, 4. April 2008

Das christliche Abendland in den Köpfen (alias "Eurozentrismus")

Grundsätzliche Überlegung
Dass das uns Europäern durch die Schule und die meisten Medien vermittelte Geschichtsbild eurozentrisch ist, dürfte sich unter kritischen Geistern herumgesprochen haben.
"Eurozentrisches Geschichtsbild" meint etwas anderes, als das für Europäer nun einmal die Geschichte Europas im Vordergrund steht. Tatsächlich steht im "eurozentrischen Geschichtsbild" nicht "Europa" als geographischer Raum oder als Kulturraum im Mittelpunkt, sondern ein Konstrukt, das sich am besten mit dem altmodischen Ausdruck "christliches Abendland" umreißen lässt. Es umfasst außer Europa und dem russischen Teil Asiens noch das "weiße" Amerika, also jene amerikanischen Kulturen, die auf der Kultur europäischer Kolonisatoren fußen, einschließt. Das "christliche Abendland" ist übrigens nicht identisch mit dem "Westen", nicht nur, weil "Lateinamerika" und "Russland" von manchen Theoretikern der "Kampfes der Kulturen" nicht zum "Westen" gezählt werden. Eher, weil viele "westliche Werte", wie Aufklärung, Demokratie, Gewaltenteilung, Menschen- und Bürgerrechte oft gegen das organisierte Christentum und gegen überkommenen kulturelle Traditionen erkämpft wurden - und immer neu erkämpft werden müssen.

"Eurozentrisch" in diesem Sinne meint, dass es "christliche Abendländer" (vorzugsweise weiß und christlich) sind, die allem einen Namen geben und die Welt einordnen dürfen.
Wenn nicht sie, sondern jemand anders etwas entdeckt oder benannt hat, zählt es für sie erst einmal nicht - selbst wenn die (vorwiegend "abendländische") wissenschaftliche Forschung den "eurozentrische Tunnelblick" längst ad absurdam geführt hat. Während - anders noch als vor gut 50 Jahren - heute akzeptiert wird, dass das Schießpulver in China erfunden wurde und Columbus nicht "Amerika entdeckt" hat, tuen sich selbst gebildete Abendländer schwer, die Kulturen des vorkolonialen Afrikas überhaupt wahrzunehmen. Auch die relative zivilisatorische Rückständigkeit des mittelalterlichen "christlichen Abendlandes" gegenüber der "islamischen Welt" wird von überzeugten "Abendländern" eher widerwillig zur Kenntnis genommen.

Der "Eurozentrismus" hat Folgen, die bis zum Alltagsrassismus reichen. Wenn die "abendländische Zivilisation" ganz selbstverständlich als Mittelpunkt des Universums angesehen wird, hat das zur Folge, dass abendländische ("europäische", "weiße") Ansichten, historischen Figuren und Traditionen hierzulande als die einzig gültigen beziehungsweise einzig wichtigen angesehen werden.
Außereuropäische Kulturen sind zwar für viele Abendländer "interessant", werden aber immer noch mit dem Schleier des Exotischen versehen. Damit sind diese "exotischen Kulturen" für uns als wenig relevant eingestuft, obwohl wir ihnen vielleicht wichtige Kulturpflanzen oder wichtige Erfindungen verdanken. Davon abgesehen ist Exotismus immer auch tendenziell rassistisch.

Weil dieses "eurozentrische" Weltbild so selten infrage gestellt wird, denken viele Menschen bei uns tatsächlich, für den gefühlten Vorrang des "christlichen Abendlandes" gäbe es einen guten Grund – einen anderen als Größenwahn, Desinteresse oder opportunistische politische Erwägungen. Der gefühlte Vorrang des "christlichen Abendlandes" hat Folgen, die von Huntingtons gefährlichen Thesen vom "Clash of Civilisations" bis zur "gefühlten Überfremdung" in einer thüringischen Kleinstadt reichen.

Übrigens: Der "Islamozentrismus" den es auch gibt, ist moralisch kein Stück besser. Die Tatsachen, dass die islamische Welt mal der abendländischen weit voraus wahr, und das viele islamische Länder Opfer des europäischen Kolonialismus waren, berechtigt in keiner Weise dazu, sich für die Vertreter der einzig relevanten Kultur des Universums zu halten. Ja, und auch der Sinozentrimus, den die chinesische Staatsführung nach Mao wiederentdeckt hat, ist, uralte Zivilisation hin, jahrhundertelange Demütigungen durch Mongolen, Japaner und vor allem Europäer her, auch keineswegs moralisch besser als der Eurozentrismus. Auch wenn ich es arroganten "Abendländern" von Herzen gönne, mal an einen ebenso arroganten Chinesen zu geraten, der den Ausdruck "Reich der Mitte" in jeder Beziehung beim Wort nimmt.

Der "heimliche Lehrplan" im Geschichtsunterricht
Letztes Wochenende, auf einem Ostara-Treffen, unterhielt ich mich mit einigen Freunden darüber, wie unser Geschichtsunterricht damals in der Schule ausgesehen hat.
Auch wenn wir in unterschiedlichen Bundesländern zu unterschiedlichen Zeiten und sogar in unterschiedlichen politischen Systemen zur Schule gegangen waren, lief der "rote Faden" im Geschichtsunterricht etwa so:
Zuerst kommen, ganz kurz, die alten Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens. Dann, ziemlich ausführlich, das alte Griechenland, mit deutlichem Schwerpunkt auf Athen. Kurz nach den Eroberungen Alexanders "des Großen" schwenkt der Fokus auf Rom, wo er so lange bleibt, bis das Weströmische Reich unter dem Ansturm der germanischen Völker zerbrach. (Dass es die Germanen überhaupt gab, erfuhr man, weil Varus im Jahre 9 eine Schlacht gegen aufständische Germanen verlor. Die Kelten gab es offensichtlich nur im Umfeld von Caesars "Gallischem Krieg".) Der Strom der Erzählung streifte kurz die merowingischen Franken, dann lang und breit die Taten Karls des "Großen", anschließend dann ein Zeitsprung ins hohe Mittelalter. In der Renaissance werden auch mal Norditalien, Spanien, Portugal erwähnt, aber ab der frühen Neuzeit überwiegt eine Darstellung, bei der - nein, nicht Deutschland, sondern Preußen und eventuell das Habsburgerreich im Mittelpunkt stehen. Kurzer Schwenk nach Frankreich (Revolution!), dann Napoleons Kriege. Schließlich Übergang zur Zeitgeschichte (wo dann die deutschen Wege im Geschichtsunterricht deutlich auseinander gehen).

Als "Nationalgeschichte" ist dieser Geschichtsgang eigentlich recht wenig plausibel. In der Antike herrschte offensichtlich das Prinzip "der Geschichtsschreiber steht auf der Seite der Sieger" vor, im Mittelalter dann eine Weltsicht, in der die (katholische) Christenheit Mittelpunkt der Welt ist - sogar das oströmische Reich wird nur gestreift - in der Neuzeit besteht Deutschland aus "Preußen, seinen Vorgängern und dem kläglichen Rest". Man könnte mit den die Gegenwart prägenden Einflüssen argumentieren - nur: Wäre unter diesem Gesichtspunkt z. B. das Kalifat von Cordoba nicht "wichtiger" als das Reich Karls "des Großen"? Klar, ohne den Burschen und seinen ebenso zähen wie brutalen "Sachsenkrieg" hätte es Deutschland nie gegeben. Aber: Ist Deutschland etwa ein zivilisatorischer Wert an sich? Bis weit in die Neuzeit hinnein könnte
man "Deutschland" ohne Probleme durch "mitteleuropäischer Raum" ersetzen, so gering war die Rolle "des deutschen Volkes" geschweige denn der einer "deutschen Nation" - einschließlich "Kulturnation".

Ich vermute, dass der prägende deutsche Geschichtskanon sich im Deutschen Kaiserreich nach 1871 herausbildete. Das von "Bismark geeinte Reich" als Erfüllung der deutschen Geschichte. Selbst in der DDR scheint dieser Kanon nicht grundlegend infrage gestellt worden sein, schließlich sah sich auch die DDR als historischer Endpunkt. Und auch westdeutsche Geschichtsbücher ließen selten Zweifel daran, dass die BRD der beste Staat war, den es je auf deutschen Boden gab - was etwa dazu führte, dass die "Weimarer Republik" als "gescheitert" wahrgenommen wurde. (Hierzu: Die "Weimarer Republik" war besser als ihr Ruf.)

(Weitere Überlegungen zum Thema - "Das christliche Abendland in den Köpfen (alias "Eurozentrismus")" werden in lockere Folge folgen.)

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