Freitag, 15. Januar 2010

Katharina Rutschky ("Schwarze Pädagogik") ist tot

Es entbehrt nicht einer gewissen bitteren Ironie (oder einer Synchronizität), dass am Donnerstag, einen Tag, nachdem ich meinen Artikel über "schwarze und braune Pädagogik" schrieb, Katharina Rutschky, die Frau, den den Begriff "Schwarze Pädagogik" prägte, nach langer Krankheit starb.

Guter Nachruf auf Katharina Rutschky auf BerlinOnline.
Ergänzung: Nachrufe in der digi-taz.


Katharina Rutschky schrieb zwei im besten Sinne aufklärerische Bücher, die vielleicht nicht mein Leben, aber sehr wohl die Art und Weise, wie ich mein Leben sehe, änderten.

Das erste ist natürlich Schwarze Pädagogik. Weil mir klar wurde, dass der "autoritäre Erziehungsstil" und Kinderdressur nicht etwa auf irgend einer dummen Tradition beruhte, sondern gemacht war - und zwar nicht "nur" von machtgeilen Menschenfeinden, sondern leider auch von es durchaus gut meinenden, "aufgeklärten" Männern(!). Ja, es war für mich auch eine Erkenntnis, dass Patriarchat und schwarze Pädagogik zusammen gehörten. Ungeachtet der Tatsache, dass es viele, zu viele weibliche Fans und Propagandistinnen der Erziehung mit Gewalt und Einschüchterung gibt, ist "schwarze Pädagogik" eindeutig frauenfeindlich. Zwei weitere Erkenntnisse, die ich aus diesem Buch zog: Die Katastrophen der jüngeren deutschen Geschichte hätte es ohne das in Deutschland besonders wirksame "Untertanenmachen" nicht geben können. Ohne die "Pioniere" der "schwarzen Pädagogik" wäre das "Untertanenmachen" nicht so leicht möglich gewesen. (Übrigens nicht nur in Deutschland: eine weitere "Hochburg" der "schwarzen Pädagogik" war das Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Es fällt mir nicht schwer, diese üble Tradition in der aktuellen britischen Politik wirken zu sehen.)
Die zweite war die (nicht leichte) Erkenntnis, dass hinter dem "Handausrutschen" meiner Mutter, dem "Kasernenhof-Erziehungstil" meines Großvaters, den unsäglichen kinderfeindlichen "Ratschlägen" und "Praktiken" vieler professioneller Erzieher und Lehrer kein übler Zufall steckte, und auch keine persönliche Bosheit - sondern System. Nicht "böse Einzelfälle", sondern Strukturen. Womit die Einsicht verbunden war, wie sehr mein Denken und Fühlen "schwarzpädagoisch" gefärbt ist - obwohl ich (abgesehen von meinem Großvater und einem sadistischen Lehrer) ja nicht absichtlich im Sinne der schwarzen Pädagogik erzogen wurde. Woraus folgt: es reicht nicht aus, die "schwarze Pädogogik" abzulehnen (wie es ja meine Mutter tat). Notwendig ist aktives Gegensteuern. Ohne bessere Erziehungsalternativen und ohne eine offene, demokratische Gesellschaft als Umgebung kann die "schwarze Pädogogik" nicht überwunden werden.

Das zweite Buch ist Erregte Aufklärung – Kindesmissbrauch: Fakten und Fiktionen

Bevor ich auf dieses Buch stieß, gehörte ich zu jenen, denen zum Thema "Kindesmissbrauch" nichts Besseres als panische Angst angesichts "erschreckender Zahlen" und die Forderung nach unnachsichtiger Strafverfolgung einfiel. Nicht zuletzt dank dieser Streitschrift über den "Missbrauch mit dem Missbrauch" finde ich zwar sexuellen Kindesmissbrauch nach wie vor widerlich, entsetzlich und skandalös - aber hinterfrage seitdem den öffentlichen Umgang mit Inzest, Kindesmisshandlung, sexueller Ausbeutung von Kindern. Ohne diesen Denkanstoß würde ich, allgemein gesprochen, vielleicht "mediale Beißreflexe", und den Ruf nach immer härteren Strafen, und die Mechanismen der Panikmache einfach achselzuckend hinnehmen - wahrscheinlich mit dem Spruch "Ist zwar übel, aber der Zweck heiligt die Mittel". Ich verdanke es unter anderem Rutschky, dass mir klar ist, dass es die Mittel sind, die den Zweck verraten (neben Alice Miller, Michel Foucault und einigen echten Freunden).
Seltsamerweise war es dieses Buch, das Rutschky den Vorwurf des "Antifeminismus" eintrug. Seltsamerweise, denn sie kritisierte ja nicht "den Feminismus", sondern z. B. Feministinnen mit arg ideologisch verkürzter Wahrnehmung, die glatt mit ausgewiesenen Frauenfeinden (ultra-konservativen Christen, oft fundamentalistischer Bauart, fast immer mit Familienbild von vorgestern) Zweckbündnisse eingehen.

Gute Reise, Katharina - und danke!

Mittwoch, 13. Januar 2010

Tradierte schwarze (und braune) Pädagogik

Schwarze Pädagogik - also Gewalt und Einschüchterung als Erziehungsmethoden, Abrichten des Kindes auf gesellschaftlich definierte Funktionen als Erziehungsziel - gilt als mehr oder weniger als Relikt aus einer finsteren Vergangenheit.

Allerdings ist diese Vergangenheit, selbst wenn hier und heute die "Schwarze Pädägogik" überwunden sein sollte (was sie tatsächlich nicht ist), weiterhin präsent, einfach dadurch, dass sehr viele Menschen in ihrer Kindheit "schwarzer" oder wenigstens "grauer" Pädagogik ausgesetzt waren - und, auch wenn sie es nicht bewusst wollen, auch ihre Kinder wieder mit Gewalt und Einschüchterung erziehen. Eltern, die als Kind geschlagen wurden, schlagen ihre Kinder. Das kann ich für mich selbst mit Sicherheit sagen: meine Mutter wurde als Kind sehr "autoritär" und sehr brutal erzogen - buchstäblich mit dem Lederriemen. Sie fand das schlimm, und versuchte, ihre Kinder anders zu erziehen. Aber obwohl sie es eigentlich nicht wollte, erzog sie mich und meiner Bruder mit einer Brutalität, die auch damals, als es noch hieß, ein "Klapps" hätte noch niemandem geschadet, schon das "übliche Maß" weit überschritten - einfach, weil sie es nicht anders kannte, und in Stresssituationen (und Kindererziehung ist Stress!) hilflos auf die gewaltsamen und einschüchternden Methoden zurückgriff, die sie verinnerlicht hatte. Natürlich hat sie uns, anders als ihr Vater es ihr antat, nicht systematisch gequält, aber ihr "rutschte" auffällig oft "die Hand aus" . (Nebenbei habe ich auch den Kasernenhof-Schleifer-Erziehungsstil meines Großvaters kennenlernen "dürfen" - so viel er sich auch darum bemühte, ein "lieber Opi" zu sein. Allerdings war ich auch ein Junge, was in seiner Macho-Weltsicht enorm wichtig war: Jungen mussten zwar "hart" und diszipliniert sein, aber durften sich ruhig mal dreckig machen und man durfte sie auch mal verwöhnen, solange sie brav waren. Prügeleien unter Jungs wurden von "Opi", der sonst der Inbegriff der Intoleranz war, bei mir und meinem Bruder nicht nur geduldet, sondern wir wurden ausdrücklich dazu ermutigt - einschließlich unfairer Mittel. ("... und dann nimmst du dir einen großen Knüppel ..." - solche "Ratschläge" bekam wir regelmäßig, wenn kein anderer, vor allem nicht mein Vater, der seinen Schwiegervater schon mal einen "autoritären Sack" und "alten Nazi" nannte, zuhörte. Hätten ich oder mein Bruder als "Halbstarke" (so nannte er gewaltgeneigte Teenager) zur Baseballkeule gegriffen und "Kanaker" "geklatscht", Opi hätte wahrscheinlich "viel Verständnis" für unsere Untaten gehabt.) Mädchen hatten hingegen zu kuschen und keine Ansprüche zu stellen - und dürften sich auch nicht wehren, selbst wenn sie sich wirklich verteidigten. Er behandelte noch seine Enkel und Enkelinnen sehr unterschiedlich. Wie schlimm das bei seinen Kindern gewesen sein muss, wage ich mir kaum vorzustellen.)

Es gab und gibt aber auch eine andere Schiene, auf der "Schwarze Pädagogik" tradiert wurde - und zwar über Bücher zur Kindererziehung. Oft in bester Absicht, und oft durch Experten, denen man es nicht zutrauen würde. Der Kinderarzt Dr. Benjamin Spock war Humanist und Pazifist, liberal und tolerant, und strebte als einer der ersten danach, Erkenntnisse der Psychoanalyse in die Kindererziehung einfließen zu lassen. Dennoch finden sich zumindest in den älteren Auflagen seines auch in Deutschland weit verbreiteten Bestsellers "The Common Sense Book of Baby and Child Care " (deutsch schlicht "Säuglings- und Kinderpflege") Ratschläge, die mich an eine Art Raubtierdressur erinnern. Dr. Spock vertrat z. B. die konventionelle Ansicht, dass Kinder auf keinen Fall in das Bett ihrer Eltern gehören. Schon ab drei Monaten müsse man die Kinder zum einsamen Schlafen in einen eigenen Raum erziehen - was nicht auf Gegenliebe der Kinder stößt. Um die konsequente Schlafplatztrennung auch bei schon lauffähigen Kindern zu erreichen, schlug der gute Doktor allen Ernstes vor, in hartnäckigen Fällen unter munteren Sprüchen ein Netz über das Kinderbett zu spannen, um den kleine Insassen am Entweichen zu hindern. In neueren Auflagen ist das nicht mehr zu finden, aber Ratschläge wie die Kinderzimmertür zuzubinden und vor allem, das Kind konsequent, kommentarlos und sofort jedesmal zurrückzubringen, wenn es im elterlichen Schlafzimmer ankäme, findet man auch in aktuelleren Ausgaben - und nicht nur bei Dr. Spock.
Dabei war Dr. Bejamin Spock alles andere als ein Vertreter der "Schwarzen Pädagogik" - er ermutigte Eltern, bei der Kindererziehung ihrem gesunden Menschenverstand zu vertrauen: Schreiende Kinder haben Hunger, weinende sollten hochgenommen und geherzt werden - was 1946, als die erste Auflage des Buches erschien, noch längst keine Selbstverständlichkeit war. Ich weiß z. B., dass eine Erziehungsberaterin meiner Mutter riet, meinen (damals) kleinen Bruder, wenn er schrie (er schrie oft und laut) ruhig schreien zu lassen, bis er aufgäbe, und gegebenfalls einfach das Kinderbett in die Küche zu schieben und die Tür zuzumachen. Schreien kräftige außerdem die Lungen. Was solche Ratschläge bei einer verunsicherten Mutter, die aus ihrer tiefen Verunsicherung heraus sowieso dazu neigte, zu brutalen Erziehungsmethoden zu greifen, bewirkten, bezeichnet sogar meine Mutter heute als Kindesmisshandlung.

Da mir die Probleme, die von Erziehungsratgebern - auch gut gemeinten - ausgehen können, also sehr bewusst sind, versetzte mich dieser Artikel, den ich auf "haGalil" fand, in blankes Entsetzen: Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr Kind. Es ist die Rezension des Buches Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind: Über zwei NS-Erziehungsbücher von der Sozialpädagogin und Supervisorin Sigried Chamberlain.
Sie untersucht in diesem Buch die Säuglingspflegebücher "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" - welches nach dem 2. Weltkrieg unter dem leicht geänderten Titel "Die Mutter und ihr erstes Kind" bis 1987 (!) wieder erschien - und "Unsere kleinen Kinder" von Dr. med. Johanna Haarer.
Johanna Haarer wurde in Nazi-Deutschland auf dem Gebiet der Säuglingspflege und Kleinkindererziehung zur maßgebenden Autorität. Ein guter Ruf, der nach 1945 beinahe ungebrochen nachwirkte.
Haarer vermittelte den jungen Müttern in ihren Erziehungsbüchern, Kinder seien u.a. gierig, faul, gefräßig, zerstörerisch, unsauber, sie wollen die Erwachsenen tyrannisieren, ihre Aufmerksamkeit erzwingen - anders gesagt: wer Kinder gegenüber nachgibt, hätte schon verloren, und der Wille der Kinder müsse gebrochen werden. "Schwarze Pädagogik" pur - allerdings sprachlich geschickt verpackt, scheinbar ganz um das Wohl der Mutter und das Gedeihen des Kindes besorgt. Dr. Spocks "Käfig"-Methoden wirken gegen solche Ratschläge tatsächlich human (es geht hier um 6. Monate alte Babys):
"Vermeiden wir auch in diesem Alter das lästige und mühsame Herumtragen und Herumschleppen des Kindes. Es ist in dieser Altersstufe (…) ebenso wie in den früheren aus verschiedenen Gründen unzweckmäßig. Das Kind gewöhnt sich an die ständige Nähe und Fürsorge eines Erwachsenen und gibt bald keine Ruhe mehr, wenn es nicht Gesellschaft hat und beachtet wird. Es sitzt zuviel auf dem Arm der Mutter und kriecht und krabbelt zu wenig."(5. 32).
Eine ähnliche Auffassung mag hinter dem Rat der "Erziehungsfachfrau" gestanden haben, die meiner Mutter riet: "Einfach schreien lassen, bis er aufgibt".
Alle relevanten Gebiete von Haarers Anweisungsbuch, von der Ernährung und Pflege des Babys über den körperlich und sprachlich getragenen Kontakt bis hin zur Sauberkeitserziehung, durchzöge das Bestreben, alles unnachgiebig zu bekämpfen, was nach Trotz und Eigenwillen aussehe.

Aber Dr. Haarer Erziehung geht über die leider damals weit verbreitete "schwarze Pädagogik" hinaus:
Es gab kein Spielen und "Bummeln" beim Baden, Wickeln, Füttern, kein "Trödeln" an der Brust. Das Kind wurde in einem ständigen Spannungszustand gehalten. Es fehlten ihm Muße und Experimentiermöglichkeiten. Das sich-beschäftigen mit dem Baby oder Kleinkind wurde als "Tändeln" abgewertet. Ein zwangloses sich-beschäftigen mit dem Baby ist jedoch für den Aufbau einer gesunden Beziehung notwendig.

Die Regeln, die Haarer für das Stillen und Füttern aufstellte, sind bestens dazu geeignet, die bereits durch die 24-stündige Trennung von Mutter und Baby vor der ersten Mahlzeit bestehenden Probleme zu vermehren: Es wurden strenge Zeiten für das Stillen bzw. die Flaschenfütterung vorgegeben. Eine Brustmahlzeit dürfe nicht länger als 20 Minuten dauern, eine Flaschenmahlzeit 10 Minuten. Ab einem halben Jahr wird jede Fütterung sofort abgebrochen, wenn das Kind Schwierigkeiten irgendeiner Art macht. Hunger sei der beste Koch.
Nach Haarer sei das Kind bei "Maulen" mit einem "augenblicklichen Klaps" zu bestrafen. Sie spricht von Befehl und Gehorsam.
Alles in allem: Ein Programm zum Heranzüchten eines autoritären, pedantischen, unsicheren und sich selbst verleugnenden Charakters. Mehr noch: schon in den 1920-er Jahren war bekannt, dass solche strengen Pflegeregeln einer harmonischen Mutter-Kind-Beziehung abträglich waren.
Für eine Ideologie wie die des NS, in dem "Schwächlinge" keine Daseinsberechtigung hatten, der einzelne "nichts" und das Volk "alles" sei, unbedingter Gehorsam bis in den Tod als "Ehre" und selbstständiges Denken als "Zersetzend" galten, war so ein Programm tatsächlich maßgeschneidert. Haarers Pädagogik ist sowohl "schwarze" wie "braune" Pädagogik. Chamberlain arbeitet in ihrem Buch heraus, wie sehr trotz mancher Überschneidungen die nationalsozialistische Erziehung von sonstiger autoritärer Erziehung verschieden war. Damit von jener gesprochen werden kann, muss
(...) noch ein Aspekt hinzukommen: Es ist der, dass eine nationalsozialistische Erziehung immer auch eine Erziehung durch Bindungslosigkeit zu Bindungsunfähigkeit ist. Dieses halte ich für entscheidend, und es ist bisher weitgehend unbeachtet geblieben (S. 11).
Die erste positive Gemeinschaftserfahrung, die erste Erfahrung von Anerkennung, machte ein streng nach Haarer erzogenes Kind nicht in der Familie, wahrscheinlich auch nicht (wenn vorhanden) im nach ihren oder ähnlichen Grundsätzen geführten Kindergarten, sondern bei der Hitlerjugend. Die dann - programmgemäß - für viele damalige Kinder zur Ersatzfamilie, der sie jederzeit loyal waren, wurde. Aber persönliche Bindungen, echte Freundschaften oder gar Einfühlungsvermögen in Andere und Verständnis für Fremde waren ausdrücklich unerwünscht. Die Liebe hat allein dem "Führerwillen" und der "Volksgemeinschaft" zu gelten.
Es ist auch kein Zufall, dass Dr. Haarers Bücher Bestseller wurden. Der Initiator der genannten Bücher war der deutschvölkische, später nationalsozialistische, Verleger Julius F. Lehmann, ein Propagandist eines sozialdarwinistischen Weltbildes, der "geeignete" Autoren in seinem Sinne förderte und sie für seine politischen Ziele einspannte. In der Tat lieferten er und Frau Dr. Haarer die frühpädägogische praktische Anleitung zu Adolf Hitlers Vorstellungen von Kinderzurichtung. Ein Beitrag zur "Erziehung zum Tod" - zur erotisch besetzten Lust am Töten und zum buchstäblichen Lebensziel, für das "Vaterland" ehrenhaft getötet zu werden.

Welche Schäden diese braune Pädagogik bei den damaligen Kindern und bei deren Kindern anrichteten - und indirekt noch immer anrichten - dürfte kaum zu ermessen sein.
Wieso die schwarz-braunen Kinderdressuranleitungen Haarers auch nach 1945 wieder aufgelegt wurden, ist leicht zu erraten. Einerseits liegt das an der oberflächlichen Auseinandersetzung mit der Naziideologie in der jungen Bundesrepublik - wo nicht gerade offen vom Führer geschwärmt und gegen Juden gehetzt wurde, das wurde gerne verharmlost. Ein anderer Grund liegt darin, dass "schwarze Pädagogik" noch weitgehend anerkannt war - und damit auch Haarers NS-Pädägogik als bloßer "konservativer Erziehungsstil" durchging. Ein dritter Grund mag gewesen sein, dass sogar manche der Ratschläge des als liberal und fortschrittlich bekannten Dr. Spock (und seine zahlreichen Nachahmer und Nachfolger) denen der Nazipädogogin und wahrscheinlichen Kinderhasserin Dr. med. Johanna Haarer oberflächlich gesehen ziemlich ähnelten. So, wie das pädagogische Prinzip "Grenzen setzen" dem "schwarzpädagogischen" Prinzip "Kinder mit ´nem Willen kriegen was hinter die Brillen" oberflächlich gesehen ähnelt.

Das Schlimmste an der viel geschmähten "antiautoritären Erziehung" der nicht nur von Konservativen gern gebashten "'68er" war, bei allen Fehler, die sie zweifellos hatte, der, dass sie so wenig Anhänger fand - und allzu schnell als "gescheitert" zugungsten von Auslese, Disziplin und einer "Schluss mit Lustig" - Leistungsideologie schon im Kindergartenalter verbannt wurde. Während Haarers Bücher weiterhin, bis 1987 aufgelegt, Gift in die Seelen kleiner Kinder träufelten.

Montag, 11. Januar 2010

Winter, heut hab ich dich tanzen geseh'n

ans Fensterglas locken mich tanzende Flocken,
wirbeln so schwungvoll und tanzen so schön,
Deine Flocken als würden sie niemals vergeh'n.
Aus einem halb vergessenen Lied von Knut Kiesewetter, an das heute ständig denken musste.

Abgesehen von Ostholstein und Teilen Mecklenburg-Vorpommerns (beides nicht allzu weit von mir entfernt) konnte in der letzten Tagen von wirklich harten Winterbedingungen, gar nicht zu reden von einer "Schneekatastrophe", wahrlich nicht die Rede sein. Dennoch scheint (jedenfalls außerhalb der Wintersportgebiete) Schnee das ultimative Horror-Wetter zu sein.

Ich vermute das ist so, weil "schlechtes Wetter" eine unversell verwendbare Ausrede für die fehlende Fehlertoleranz überoptimierter und über-rationalisierter Verkehrs- und Energieversorgungssysteme ist.

Samstag, 9. Januar 2010

Winterliche Mediengedanken

Es ist mittlerweile eine Binsenwahrheit: im handelsüblichen Journalismus, und zwar längst nicht mehr nur im Boulevardbereich, werden Skandale bagatellisiert und Bagatellen skandalisiert.
Aktuelles Beispiel: die "DSDS-Schummelei" schafft es in die Schlagzeilen, die ARD bringt eine Sondersendung darüber, dass tatsächlich im Januar Winter ist, hingegen wüsste ich z. B. über die Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland oder die Abschiebepraxis ohne "das Internet" wahrscheinlich herzlich wenig.

Nun mag man sich darüber aufregen, dass der Katastrophenschutz Panik schürt, anstatt ruhig und ohne Aufsehen dafür zu sorgen, dass aus etwas mehr Schnee als gewohnt eben keine Katastrophe wird, aber wenn er keine Panik schüren würde, würden die Öffentlichkeit vielleicht gar nicht mitbekommen, dass es den Katastrophenschutz gibt und dass Katastrophenschutz wichtig ist. Zwar stimmt es, dass "Klappern" (sprich: Public Relations) zum "Handwerk" gehört, aber mittlerweile haben sich Strukturen etabliert, in denen das "Klappern" alles und das "Handwerk" praktisch nichts ist. Denn wenn man von einem Amt, einem Institut oder einer Organisation trotz guter Arbeit nichts hört, dann käme womöglich jemand auf die Idee, dass diese gute Arbeit überflüssig sei - eben, weil sie geräuschlos abläuft. Und in Zeiten extremer Sparzwänge wird jemandem, der als überflüssig wahrgenommmen wird, ungeachtet der tatsächlichen Nützlichkeit, ganz schnell das Geld gestrichen. Also: lautes Klappern ist wirtschaftlich vernünftiger, als gut zu arbeiten. Im den von mir gewählten Beispielen "rechtextreme Gewalt" und "Abschiebungen" kommt noch hinzu, dass es einflussreiche Politiker, Unternehmer, Funktionäre, Berater, Lobbyisten und Öchsperten gibt, die auch ein dezentes Klappern über besagte Missstände für schlimmer halten, als die Missstände selbst. Alles in Ordnung, solange man den Dreck noch diskret unter den Teppich kehren kann. Dass es Nazischläger und menschenrechtsverletzende Behörden gibt, ist offensichtlich so lange in Ordnung, solange es niemand merkt.

Die Winterwetterlage ist auch ein schönes Beispiel für ein weit verbreitetes Phänomen: das der gefühlten Gefahr, wo gar bei Licht betrachtet keine Gefahr ist. Köln gehörte am Freitag zu den wenigen Regionen Deutschlands, die auf der Unwetterwarnkarte im grünen Bereich lagen - kein Schneesturm weit und breit. Aber wo war die mediale Panik über die "Schneehölle" besonders groß? Richtig, in Köln!

Dieses erstaunliche Phänomen kennt man auch z. B. aus dem Umweltschutz. Bei Umfragen, wie sie die Umweltsituation in ihrem unmittelbaren Umfeld einschätzen, dann finden die meisten Deutschen sie im großen und ganzen in Ordnung. Hingegen zeigen Umfragen nach der deutschen Umweltsituation, dass die meisten Befragten überzeugt sind, dass es ziemlich finster aussieht und immer schlimmer wird. Ich kenne zwar keine Umfragen, in denen nach der Umweltsituation z. B. in Ostgrönland gefragt wird, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sie ziemlich finster bewertet würde - und zwar gerade weil kaum einer der Befragten wüsste, wie die Verhältnisse in Ostgrönland tatsächlich sind.
Das selbe Phänomen gibt es auch bei der Kriminalität: in der unmittelbaren Umgebung ist die Welt in Ordnung, aber im Großen und Ganzen wird es (egal, was die Kriminalstatistik über sinkende Fallzahlen ausweist) "immer schlimmer", die Verbrechen "immer brutaler" und die Polizei, trotz gestiegener Aufklärungsquoten "immer hilfsloser".
Diese bemerkenswerte Diskrepanz ist auf die Wirkung der Medien zurückzuführen. Während der persönliche Bereich durch Augenschein beurteilt wird, kommt das große Bild vom medialen Hören und Sagen. Wobei sich lautstarkes Klappern gegenüber einer sachliches Berichterstattung mühelos durchsetzt, weshalb die politische Arbeit mancher Politiker fast nur noch aus Klappern besteht. Wenn mit Public Relation nicht mehr Politik "verkauft", sondern die Politik durch PR bzw. Propaganda ersetzt wird.
Richtig unheimlich wird die Diskrepanz zwischen aus fehlender und tendenziöser massenmedialer Information gebildeter Weltsicht und persönlicher Erfahrung dann, wenn z. B. diejenigen, die am wenigsten von den geplanten Steuersenkungen profitieren werden, am meisten dafür sind.

So, nach so viel realem Medienhorror und virtuellem Horrorwinter zum echten Winter:
Hier ein Blick auf die (momentan, am 9. Januar 2010, zufrierende) Alster und hier das absolut ultimative Winterlied und dort Blicke auf die schönen Seiten des Winters.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Wann ist ein Boot ein Schiff?

Im Sprachgebrauch des 17. und 18. Jahrhunderts wurden oft nur jene seetüchtigen Wasserfahrzeuge mit mindestens drei Masten, die an allen Masten Rahsegel trugen, "Schiffe" genannt, im Sinne des ab dem 19. Jahrhundert üblichen Begriffes
"Vollschiff"
.
Im 18. Jahrhundert war es darüber hinaus zum Beispiel in der britischen Marine üblich, nur solche rahgetakelte Dreimaster "Ship" zu nennen, die mindestens 20 Kanonen trugen und von einem vollwertigen Captain (Kapitän zur See) kommandiert wurden – leichter bewaffnete Schiffe nannte man "sloop", nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls "sloop" genannten großen Boot ("Schaluppe") oder der einmastigen Takelung sloop.

Auch heute ist es in der Kriegsmarine üblich, Kampfschiffe, die nicht von einem Kapitän zur See befehligt werden, "Boote" zu nennen, trotz zum Teil beachtlicher Größe: U-Boote, Torpedoboote, Flugkörperboote usw. .
In verschiedenen Lexika, einschließlich der Wikipedia, gibt es zahlreiche, nicht übereinstimmende Definitionen von "Boot" oder "Schiff".

Einlaufparade09-22Zwei Boote, zwei Schiffe oder ein Boot und ein Schiff?

Also suche ich meine (möglichst plausible, möglich fundierte) Kriterien dafür, wann ich von einem "Boot" und wann von einem "Schiff" spreche.
Ein offensichtliches Kriterium ist die Größe. Etwa ab 15 Meter Rumpflänge (oder 50 Fuß, für die Tradionalisten) kann man meiner Ansicht nach von einem "Schiff" sprechen.
Ich halte auch die Definition für sinnvoll, dass ein Schiff ein durchgehendes (Ober-) Deck hat. Das heißt: eine offene Tjalk ist ein Boot, eine Tjalk mit Kajüte und offener Plicht ebenso (es sei denn, sie ist über 15 Meter lang), eine Tjalk mit durchgehendem Deck ist ein Schiff (auch wenn sie vielleicht nur 12 Meter lang ist).
Das dritte Kriterium ist, dass ein Schiff einen eigenen Antrieb (Motor oder Segel) hat. Ein Ponton, ein Schleppkahn oder eine Schute ist niemals ein Schiff.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Zum guten Schluß: Brachten Elefanten die Grönländer in Bedrängnis?

Nein, ich habe weder zu viel Grog gesüffelt, noch handelt es sich um eine besonders verschrobene Verschwörungstheorie.

Auf Mediavalnews fand ich diesen netten Artikel: Did Elephants doom the Norse in Greenland?.

Der Artikel setzt sich mit der Hypothese auseinander, dass die normannische Siedlungen im mittelalterlichen Grönland durch den Zusammenbruch des Handels mit Walross-Stoßzähnen wirtschaftlich ruiniert geworden wären. Elfenbein aus Elefanten-Stoßzähnen wäre in späten Mittelalter für die Kunsthandwerker Europas einfacher zu bekommen und damit preiswerter als das im Hochmittelalter vorwiegend verwendete Walross-Elfenbein gewesen.

In ihren Artikel "Desirable teeth: the medieval trade in Arctic and African ivory" kritisiert Kirsten Seaver diese Idee, und stellt ihre eigene Hypothese für das rätselhaften Verschwinden der skandinavischen Siedlungen Grönlands während des 15. Jahrhunderts vor.

Göttliches Geflügel zum Jahresausklang

Während der Raunächte vermeide ich unnötigen Stress. Deshalb erspare ich mir auch (weitgehend) das Festtagsprogramm im Fernsehen - womit ich mir nicht nur zahllose langweilige Rückblicks- und Ausblickssendungen, Wiederholungen abgenudelter "Festtagsklassiker", sentimental-schnulziger "Volks"- "Musik"- Sendungen, in denen unschuldige Weihnachtslieder vor laufender Kamera brutal misshandelt und vergewaltigt werden, und heuchlerische Weihnachts- und Neujahrsansprachen erspare, sondern auch seichte Silvester-Shows und die sich Jahr um Jahr gleichenden obligatorischen Jahreswechselthemen.

David Harnasch vom "Cicero" hat sich, im Gegensatz zu mir, mutig dem medialen Festtagsmüll Weihnachtsprogramm gestellt. (Ja, der Job als Fernsehkritiker ist manchmal nicht einfach.) Dabei stieß er auf eine "Wissenschafts"-"journalistische" Sendung im ZDF, die es - unglaublich, aber wahr - tatsächlich schafft, "Gallileo-Mystery" auf Pro 7 im Niveau zu unterbieten. Gott weiß, ich will kein Engel sein.

Dass auch das ZDF auf der Esoterikwelle mitschwimmt, ist ebensowenig verwunderlich, wie dass es als (kirchennaher) Sender dabei die christlich-verbrämte "Engel"-Variante bevorzugt. Erstaunlich ist allenfalls, dass das im Rahmen einer "Wissenschafts"-Doku zu Engeln geschieht, die offensichtlich weitgehend auf "trockene" Wissenschaftlichkeit (Religionswissenschaft, Kulturgeschichte usw.) verzichtet und statt dessen einer geschäftstüchtigen Eso-Autorin, die mit ihren "Engelkarten" auch eine christentums-kompatible Tarot-Imitation schuf, als "Expertin" reichlich Raum zur Selbstdarstellung gibt.

Nehmen wir einmal an, ich würde als "Experte" in so einer Sendung auftauchen. Das ist so unrealistisch nicht - zum Beispiel erhielt ich im Sommer von der "Gallileo"-Redaktion eine Anfrage, ob ich als Experte für eine Sendung über Fakire zur Verfügung stünde. Ich lehnte mit dem Hinweis ab, dass ich zwar vor Jahren einmal einen Artikel über dieses Thema verfasst hätte, aber mein damals durch Literaturrecherche erworbenes Wissen nicht wesentlich über den Inhalt des Artikels hinausginge. Anders gesagt: Es wäre pure Hochstapelei, wenn ich mich als Experte für Fakire ausgeben würde. Meine einzige "Expertise" besteht darin, zu wissen, wo man was nachschlagen kann - also eine journalistische Grundfähigkeit.

Da ich bekanntlich böser Heide bin, und es nicht so mit den Engeln habe, hätte ich mich natürlich eher zum Thema "Fylgien" geäußert. Ich fürchte aber, dass ich, wenn ich tatsächlich sinngemäß die selben Formulierungen wie Alexa Kriele gebraucht hätte, als Beispiel dafür herhalten würde, was für ein bekloppter Schwachsinn von neugermanischen Spinnern geglaubt würde.
(Abgesehen davon wäre meine Fylgia ganz schön sauer auf mich gewesen breites Grinsen.)

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Klimakonferenz: Heißen "Dank" an China!

In meinem Beitrag zum Winteranfang stellte ich die scherzhafte Verschwörungstheorie auf, dass die Kopenhagener Klimakonferenz von China durch den heftigen Wintereinbruch sabotiert worden wäre (weil ja, wie jeder weiß, die Chinesen ganz groß in der Wetterbeeinflussung sind). Immerhin fiel auf, dass die chinesische Regierung sehr gelassen bis zufrieden auf das maue Ergebnis der Konferenz regierte: China lässt das Kopenhagen-Fiasko kalt (spon).
Es sieht ganz so aus, als ob die chinesische Delegation tatsächlich sehr viel zum Nicht-Wirklich-Ergebnis der Konferenz beitrug - wenn auch ohne heimliche Wettermacher - und es dabei schaffte, den "schwarzen Peter" für das Scheitern US-Präsident Obama bzw. der US-Delegation zuzuschieben.
Das berichtet jedenfalls Mark Lynas vom "Guardian" - und er war dabei: How do I know China wrecked the Copenhagen deal? I was in the room.
Folgt man Lynas, dann war Chinas Strategie einfach: die offenen Verhandlung für zwei Wochen blockieren, und dann dafür sorgen, dass die Verhandlungen hinter verschlossene Türen so aussehen, als hätte der Westen wieder einmal gegenüber den armen Ländern versagt. (Was angesichts der Erfahrungen mit den Verhaltensmustern der westlichen Industrienationen im Allgemeinen und der US-Regierung im Besonderen nicht einmal unglaubwürdig wirkt - während China vor allem als Anwalt der benachteiligten "Schwellenländer" einigermaßen glaubwürdig erscheint.)

Lynas sah nach eigenen Angaben wie Obama verzweifelt darum kämpfte, das Abkommen doch noch zu retten, und wie die chinesische Delegation immer und immer wieder "nein" sagte.

Laut Lynas bestand der chinesische Delegierte darauf, dass die Ziele der Industrieländer, die sich im Vorfeld auf 80% CO2-Reduzierung bis 2050 verständigt hatten, aus den Verhandlungen herausgenommen wurden.
Der brasilianische Delegierte hätte darauf aufmerksam gemacht, wie unlogisch Chinas Position sei: Wieso sollten die reichen Ländern nicht einmal diese einseitige Beschränkung ankündigen dürfen? Der chinesische Delegierte hätte auf seinem Nein beharrt.

China, hin und wieder durch Indien unterstützt, hätte alle Zahlen herausgenommen, auf die es ankommt. Das Jahr 2020 als Termin, ab dem die Emissionen weltweit zurückgehen müssen, wurden durch die wolkige Formulierung, dass sie so "früh wie möglich" zurückgehen müssten, ersetzt. Auch das Langzeitziel von 50% weniger Emissionen weltweit bis 2050 wurde gestrichen. Niemand sonst, mit den möglichen Ausnahmen Indiens und Saudi-Arabiens, wollte das.
Lynas ist sich sicher, dass, wenn die Chinesen nicht im Raum gewesen wären, Kopenhagen mit einem Abkommen beendet worden wäre, bei dem die Umweltschützer überall in der Welt die Sektkorken hätten knallen lassen.

Das bedeutet nicht, dass es China nicht ernst mit dem Klimaschutz wäre: sonst wäre die Windkraft- und Solar-Industrie dort nicht so stark. Aber Chinas rasantes Wachstum und seine wachsende politische und ökonomische Macht beruhen überwiegend auf billiger Kohle. Dementsprechend setzt Chinas Regierung die Prioritäten: die Umwelt soll warten, bis Chinas Machtstellung unangreifbar ist.

Ergänzung:Die von Obama angebotenen Zugeständnisse: 100 Milliarden Dollar für die Entwicklungsländer, unter dem 2005-CO2-Emissionslevel für 2020. China sieht internationale Kontrolle seiner Klimaschutzanstrengungen als unzumutbare Einschränkung seiner Souveränität ein.

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