Samstag, 9. Januar 2010

Winterliche Mediengedanken

Es ist mittlerweile eine Binsenwahrheit: im handelsüblichen Journalismus, und zwar längst nicht mehr nur im Boulevardbereich, werden Skandale bagatellisiert und Bagatellen skandalisiert.
Aktuelles Beispiel: die "DSDS-Schummelei" schafft es in die Schlagzeilen, die ARD bringt eine Sondersendung darüber, dass tatsächlich im Januar Winter ist, hingegen wüsste ich z. B. über die Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland oder die Abschiebepraxis ohne "das Internet" wahrscheinlich herzlich wenig.

Nun mag man sich darüber aufregen, dass der Katastrophenschutz Panik schürt, anstatt ruhig und ohne Aufsehen dafür zu sorgen, dass aus etwas mehr Schnee als gewohnt eben keine Katastrophe wird, aber wenn er keine Panik schüren würde, würden die Öffentlichkeit vielleicht gar nicht mitbekommen, dass es den Katastrophenschutz gibt und dass Katastrophenschutz wichtig ist. Zwar stimmt es, dass "Klappern" (sprich: Public Relations) zum "Handwerk" gehört, aber mittlerweile haben sich Strukturen etabliert, in denen das "Klappern" alles und das "Handwerk" praktisch nichts ist. Denn wenn man von einem Amt, einem Institut oder einer Organisation trotz guter Arbeit nichts hört, dann käme womöglich jemand auf die Idee, dass diese gute Arbeit überflüssig sei - eben, weil sie geräuschlos abläuft. Und in Zeiten extremer Sparzwänge wird jemandem, der als überflüssig wahrgenommmen wird, ungeachtet der tatsächlichen Nützlichkeit, ganz schnell das Geld gestrichen. Also: lautes Klappern ist wirtschaftlich vernünftiger, als gut zu arbeiten. Im den von mir gewählten Beispielen "rechtextreme Gewalt" und "Abschiebungen" kommt noch hinzu, dass es einflussreiche Politiker, Unternehmer, Funktionäre, Berater, Lobbyisten und Öchsperten gibt, die auch ein dezentes Klappern über besagte Missstände für schlimmer halten, als die Missstände selbst. Alles in Ordnung, solange man den Dreck noch diskret unter den Teppich kehren kann. Dass es Nazischläger und menschenrechtsverletzende Behörden gibt, ist offensichtlich so lange in Ordnung, solange es niemand merkt.

Die Winterwetterlage ist auch ein schönes Beispiel für ein weit verbreitetes Phänomen: das der gefühlten Gefahr, wo gar bei Licht betrachtet keine Gefahr ist. Köln gehörte am Freitag zu den wenigen Regionen Deutschlands, die auf der Unwetterwarnkarte im grünen Bereich lagen - kein Schneesturm weit und breit. Aber wo war die mediale Panik über die "Schneehölle" besonders groß? Richtig, in Köln!

Dieses erstaunliche Phänomen kennt man auch z. B. aus dem Umweltschutz. Bei Umfragen, wie sie die Umweltsituation in ihrem unmittelbaren Umfeld einschätzen, dann finden die meisten Deutschen sie im großen und ganzen in Ordnung. Hingegen zeigen Umfragen nach der deutschen Umweltsituation, dass die meisten Befragten überzeugt sind, dass es ziemlich finster aussieht und immer schlimmer wird. Ich kenne zwar keine Umfragen, in denen nach der Umweltsituation z. B. in Ostgrönland gefragt wird, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass sie ziemlich finster bewertet würde - und zwar gerade weil kaum einer der Befragten wüsste, wie die Verhältnisse in Ostgrönland tatsächlich sind.
Das selbe Phänomen gibt es auch bei der Kriminalität: in der unmittelbaren Umgebung ist die Welt in Ordnung, aber im Großen und Ganzen wird es (egal, was die Kriminalstatistik über sinkende Fallzahlen ausweist) "immer schlimmer", die Verbrechen "immer brutaler" und die Polizei, trotz gestiegener Aufklärungsquoten "immer hilfsloser".
Diese bemerkenswerte Diskrepanz ist auf die Wirkung der Medien zurückzuführen. Während der persönliche Bereich durch Augenschein beurteilt wird, kommt das große Bild vom medialen Hören und Sagen. Wobei sich lautstarkes Klappern gegenüber einer sachliches Berichterstattung mühelos durchsetzt, weshalb die politische Arbeit mancher Politiker fast nur noch aus Klappern besteht. Wenn mit Public Relation nicht mehr Politik "verkauft", sondern die Politik durch PR bzw. Propaganda ersetzt wird.
Richtig unheimlich wird die Diskrepanz zwischen aus fehlender und tendenziöser massenmedialer Information gebildeter Weltsicht und persönlicher Erfahrung dann, wenn z. B. diejenigen, die am wenigsten von den geplanten Steuersenkungen profitieren werden, am meisten dafür sind.

So, nach so viel realem Medienhorror und virtuellem Horrorwinter zum echten Winter:
Hier ein Blick auf die (momentan, am 9. Januar 2010, zufrierende) Alster und hier das absolut ultimative Winterlied und dort Blicke auf die schönen Seiten des Winters.

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