Sonntag, 26. Juli 2009

"Die geheimen Beweise für die globale Erwärmung, die Bush verbergen wollte"

So lautet übersetzt die Schlagzeile eines Artikels der britischen Sonntagszeitung "Observer" Revealed: the secret evidence of global warming Bush tried to hide - siehe auch der Artikel auf "telepolis": Das Ende der Welt vor Barrow mit dem Untertitel: "Was Bush vor der Welt versteckte: Satellitenaufnahmen zeigen den Schwund des Eises in der Arktis".

Nun ist bekannt, dass George W. Bush während seiner Präsidentschaft nicht gerade als Umweltschützer hervortrat. Es ist außerdem bekannt, dass er "Global Warming" für irrelevant und folglich auch nichts von Einschränkungen des CO2-Ausstoßes hielt.
Hielt Bush die "unbequeme Wahrheit" absichtlich von der Öffentlichkeit verborgen? Eine "Klimaleugner-Konspiration"?

Eher nicht!

Es geht nämlich um Aufnahmen von Spionage-Satelliten, die eine Bildauflösung von unter einem Meter haben. Also Detailfotos. Die können, wie im Fall der Eisbedeckung vor Point Barrow, sehr dramatisch aussehen. Allerdings ist ihr Aussagewert beschränkt:
Um den Zustand des Meereises insgesamt beurteilen zu können, sind weiträumigere Übersichten, wie sie z. B. von den Satelliten der NOAA gemacht werden, relevanter. (Aktuelles / Eisbedeckung auf Wetterklima.de).
Tatsächlich hatte das US-Innenministerium mit der Veröffentlichung unerwartet schnell auf die Anfrage der National Academy of Sciences reagiert, die in den Bildern wertvolles Material für die Erforschung des schnellen Schwundes des arktischen Eises vermutet. Es geht dabei um Details des Eisschwundes, z. B. die Häufigkeit und Größe von Schmelzwassertümpeln auf der Eisoberfläche, nicht um die Tatsache an sich, oder das Ausmaß generell.

Hätte die Regierung Bush den Rückgang der Eisbedeckung des Nordpolarmeeres wirklich verschleiern wollen, hätte sie die Fotos nicht nur sämtlicher US-amerikanischer, sondern auch europäischer, russischer, chinesischer, indischer und japanischer Wetter- und Erdbeobachtungssatelliten zensieren müssen. Außerdem müsste er sich noch um die us-amerikanischen kanadischen, russischen, dänischen und norwegischen "Eisflieger" kümmern, also meteorologische Beobachtungsflugzeuge, die für die Schifffahrt die Eisberghäufigkeit und den Zustand des Meereises entlang der Seefahrtsrouten erkunden.

Normalerweise werden Bilder, die von Spionagesatelliten gemacht wurden, wenn überhaupt erst Jahre später "deklassifiziert" - meistens dann, wenn die Informationen, die sich daraus ergeben, ohnehin veraltet sind. Das Besondere ist also, dass die Bilder unter Obama so rasch und entgegenkommend freigegeben wurden - das Vorgehen unter Bush entsprach hingegen dem Regelfall.

Ergänzung: Der wirkliche Skandal ist ein anderer: Die Leiterin der us-amerikanischen "National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA)", Professor Jane Lubchenco, warnte davor, dass die Datenerhebung mit Satelliten, die für die Vorhersage der Klimaentwicklung unentbehrlich ist, durch die absehbare Überalterung der NOAA-Satellitenflotte gefährdet ist.

Schon früher warnten Wissenschaftler vor den Folgen der unter der Bush-Regierung vorgenommenen Bugetkürzungen für die von der NOAA und der NASA betriebenen Umweltsatelliten. Die US-Wissenschaft droht in der Klimaforschung den Anschluss zu verlieren, und die Lücken, die ein teilweiser Ausfall des NOAA-Netzes hinterließe, könnten von anderen Ländern beim besten Willen nicht geschlossen werden.

Es ist übrigens bezeichnend, dass unter Bush zwar (m. E. ziemlich großkotzig) ein "Aufbruch zum Mond und zum Mars" - und zwar als US-Alleingang - beschlossen wurde, dabei aber die Mittel der NASA nicht entsprechend erhöht wurden (während der Rüstungsetat geradezu explodierte). Die Stilllegung der Space Shuttles und der de facto "Ausstieg" aus der ISS sind nur die deutlichsten "Spitzen des Eisberges" der Bugetverlagerung und des Ausstiegs aus der internationalen Zusammenarbeit in der Raumfahrt. "Im Verborgenen" litt die unbemannte Raumforschung einschließlich der Umweltsatelliten.

Freitag, 24. Juli 2009

Die echte "Mondlandungslüge": Warum sie geglaubt wurde

(Teil 1: Das Wettrennen zum Mond)
Das langsame Ende des sowjetischen Mondflugprogramms
Die UdSSR hatte 1969 den "Wettlauf zum Mond" verloren. Das hieß aber noch lange nicht, dass sie ihre Mondprogramme aufgegeben hätte. Zwar konzentrierte sie sich nun verstärkt auf den Bereich der Langzeitflüge und der bemannten Raumstationen, aber vorerst wurde die für das bemannte Mondlandeprojekt N1-L3 vorgesehene Rakete N1 weiterentwickelt. Am 26. Juni 1971 startete die dritte N1. Sie geriet in unkontrollierbares Rollen und wurde nach 51 s gesprengt. Der vierte Start einer verbesserten N1-7L am 23. November 1972 lief bis zum Brennschluss der sechs zentralen Erststufentriebwerke problemlos ab. Dann explodierte ein Triebwerk, die Rakete stürzte ab.
Fehlstarts sind bei neuentwickelten Raketen das "täglich Brot" der Raufahrtingenieure, zumal bei so komplizierten Geräten wie der N1 mit ihren 30 Triebwerken. (Die "Saturn"-Familie, in deren Geschichte es keinen einzigen Totalausfall gab, ist die große, glänzende Ausnahme.) Die Pläne für eine bemannte sowjetische Mondlandung wurden mit jeden Fehlstart (und mutmaßlich wachsenden Finanzierungsschwierigkeiten) Schritt um Schritt weiter verschoben und erst 1974 - zwei Jahre nach Ende des "Apollo"-Programms - endgültig abgesagt.
Selbst das Mondumkreisungsprogramm wurde eine Weile fortgesetzt: Sond 7, gestartet am 7. August 1969, umrundete erfolgreich unbemannt den Mond - Kosmonauten hätten den Flug überlebt. Aber nachdem man "abgehängt" war, wurden keine so großen Risiken mehr eingegangen. Sond 8, am 20. Oktober 1970 gestartet, war ein Erprobungsflug im Rahmen des N1-L3-Mondlandeprogramms.
Das erwähnte Langzeitflug- und Raumstationsprogramm diente Anfangs erkennbar auch dem Ziel, Erfahrungen des US-Raumfahrtsprogramms nachzuholen - auch wenn es nach außen nicht offensichtlich war, war die UdSSR gerade weil sie ihr Raumfahrtprogramm unter Chruschtschow stark auf sensationelle Erstleistungen ausgelegt hatte, nach dem spektakulären ersten Raumflug eines Menschen 1961 zuerst langsam, ab dem "Gemini"-Programm der USA 1965 spürbar technisch ins Hintertreffen geraten. Paradoxerweise tat es der sowjetischen Raumfahrt gut, dass der "Generalsekretär der Stagnation" Breschnew, anders als sein Vorgänger, kein "Raumfahrt-Fan" war: Es konnte nun, ohne ständige Einmischungen von "oben", sorgfältiger geplant und konstruiert werden.

Bei der Verbundmission von Sojus 6, Sojus 7 und Sojus 8 im Oktober 1969 wurde die Mondlandeausrüstung getestet. Offensichtlich nicht zur vollen Zufriedenheit: die Rendezvoussysteme aller drei Raumschiffe hatten Probleme. Zwar hieß es später in den offiziellen Verlautbarungen, dass gar keine Kopplung geplant gewesen wäre, doch das ist höchst unwahrscheinlich, da alle Raumschiffe mit Kopplungsadaptern ausgerüstet waren. Sojus 9, gestartet am 1. Juni 1970, war fast 17 Tagen im Orbit und nahm den USA den Langzeitrekord für bemannte Raumflüge wieder ab - allerdings war dieser Flug, anders als manche Flüge der Chruschtschow-Ära, kein Rekord des Rekordes willen, sondern diente der Vorbereitung auf eine bemannte Raumstation. Die Station Saljut 1 wurde im April 1971 von einer "Proton"-Rakete in die Umlaufbahn gebracht. (Eigentlich war es die zivile Version der militärischen Raumstation Almaz, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einsatzbereit war, weshalb eine vereinfachte Version mit der Bezeichnung DOS gebaut wurde. Aus Tarnungsgründen erhielten sowohl die zivilen DOS- wie die militärischen Almaz-Stationen den Namen Saljut.)
Die Besatzung von Sojus 11 verbrachte die neue Rekordzeit von über 23 Tagen im All, davon 22 Tage an Bord der ersten Raumstation - und endete tragisch mit dem Tod der drei Kosmonauten Georgi Timofejewitsch Dobrowolski, Viktor Iwanowitsch Pazajew und Wladislaw Nikolajewitsch Wolkow. (Encyclopedia Astronautica: Sojuz 11 ) Durch eine technische Fehlfunktion während der Landephase, ein undichtes Ventil, entwich die Kabinenluft, die Raumfahrer, die keine Raumanzüge trugen, starben an Sauerstoffmangel.

Nach dem aufsehenerregende Unglück von Sojus 11 forderte Breschnew, dass keine bemannte Mission unternommen werden sollten, solange die gleiche Mission nicht erfolgreich von einem vollständig automatischen Raumfahrzeug durchgeführt worden war. Die bemannte sowjetische Raumfahrt kam deshalb für zwei Jahre zu einem kompletten Stillstand. Dies war wahrscheinlich der Todesstoß für den sowjetischen Plan einer bemannten Mondlandung: Während die Sojus-Raumschiffe in der Erdumlaufbahn für Testflüge ferngesteuert werden konnten, hätte die Mondlandeeinheit für einen unbemannten Flug vollständig automatisiert werden müssen.
In dieser Zeit teilten die Sowjets erstmals offiziell mit, sie hätten kein Programm, einen Menschen auf dem Mond zu landen.

Immerhin erzielte die Sowjetunion mit unbemannten Probenrückholsonden und den ferngesteuerten Mondrovern vom Typ Lunochod beachtliche Erfolge, die aber im Schatten der amerikanischen bemannten Mondlandungen standen.
N1 und Saturn V
Montage der startenden N1 "Herkules" (links) und Saturn V (rechts)

Die Lüge wird geschluckt
Ab 1973 verständigten sich die UdSSR und die USA auf das Apollo-Sojus-Test-Projekt. Sein Ziel erreichte es, als am 17. Juli 1975 ein Apollo- und ein Sojus-Raumschiff in der Erdumlaufbahn aneinander ankoppelten, so dass die Raumfahrer von einem Raumschiff ins andere umsteigen konnten. Für dieses Projekt erhielten auch NASA-Mitarbeiter Zugang zu den bisher streng geheim gehaltenen sowjetischen Raumfahrteinrichtungen. Im Zuge dieser Zusammenarbeit kam zu einem Art stillschweigenden Schweigeabkommen: obwohl man bei der NASA wusste, dass die UdSSR ein bemannten Mondprogramm hatte, und man auf sowjetischer Seite wusste, dass die USA es wussten, wurde über die bemannten Mondprogramme der UdSSR einfach nicht mehr öffentlich gesprochen. (Allerdings war der Kommandant der Sojus, Alexej Leonow, am Mondprogramm beteiligt gewesen- und wegen seiner unbedachten Äußerungen gegenüber der internationalen Presse, aus denen ziemlich klar hervorging, dass die UdSSR zum Mond wollte, zeitweilig in Ungnade gefallen.)
Auch die Seite der USA hatte einen Grund, über das sowjetische Mondprogramm zu schweigen: ihr Ruf war nach dem "schmutzigen Krieg" in Vietnam und Kambodscha und der Watergate-Affäre, die 1973 zum Sturz des Präsidenten Richard Nixon führte, lädiert. Es wäre für die brüchigen Beziehungen schädlich gewesen, die Misserfolge der UdSSR sozusagen öffentlich bloßzustellen. Außerdem war es der CIA peinlich, dass ihr der britische Geheimdienst SIS bzw. MI6 beim Ausspionieren der sowjetischen Raumfahrt weit voraus war.
Hinzu kam. das die CIA "dank" ihrer mit Drogenschmuggel finanzierten Geheimoperationen in Südostasien, der vom Journalisten Seymour Hersh aufgedeckten "Operation CHAOS", der Bespitzelung von rund 7.000 Personen und 1.000 Organisationen in den USA, die in Opposition zum Vietnamkrieg standen oder der Bürgerrechtsbewegung angehörten, und nicht zuletzt wegen der Unterminierung der demokratisch gewählten linksgerichteten Allende-Regierung in Chile und der Unterstützung des Militärputsches von General Pinochet einen katastrophalen Ruf hatte. Selbst konservative Medien trautem der CIA damals buchstäblich alles zu - außer wahrheitsgemäßen Berichten.

Da der "Wettlauf zum Mond" 1969 entschieden war, ließ das Interesse der US-amerikanischen Öffentlichkeit an den Apollo-Missionen rasch nach. Zur Enttäuschung der NASA sahen viele US-Bürger, darunter der schon erwähnte Fernsehjournalist Walter
Cronkite, den Sinn des Apollo-Programms ausschließlich darin, "die Russen zu schlagen". Wenn nun "die Russen" gar nicht im Rennen waren, dann war in dieser schlichten "Kalte-Kriegs-Logik" das Geld für das "Apollo-Programm" verschwendet gewesen.
Dass die eigentlichen Protagonisten, die Wissenschaftler, Ingenieure und vor allem die Astronauten / Kosmonauten das besser wussten und anders, entspannter, man kann auch sagen: sportlich, sahen, ist vielfach bezeugt. Auf dieser Ebene war der "Wettlauf ins All" niemals ein "verbissener Kampf der Systeme“ oder ein "Krieg mit anderen Mitteln".
Armstrong und Aldrin pflanzten nicht nur das Sternenbanner auf dem Mond auf, sie hinterlegten dort auch drei Orden, die einst Juri Gagarins Brust schmückten. Und als Dobrowolski, Wolkow und Pazajew am 3. Juli 1971 mit einem Staatsbegräbnis geehrt wurden, da war einer der Sargträger der amerikanische Astronaut Tom Stafford.

Es scheint fast so zu sein, als ob die öffentliche Meinung "im Westen" deshalb die Propaganda-Lüge aus Moskau so bereitwillig schluckte, weil sie genau das war, was viele Menschen in dieser Zeit zwischen moralischer Zerknirschung in den USA, latentem Anti-Amerikanismus in den anderen westlichen Demokratien und den ersten Früchten der Entspannungspolitik hören wollten.

Nun war die Existenz der "Herkules" getauften N1 und ihr mutmaßlicher Zweck nicht nur innerhalb der NASA ein offenes Geheimnis. Es gab einige Technikjournalisten, erwähnt sei
Charles Vick, die aus den Bruchstücken der Informationen, die durch die sowjetische Zensur sickerten - auch dank des losen Mundwerks einiger Kosmonauten wie Leonow - und Daten und Fakten der offiziellen Informationen, die teilweise nicht so recht zu den Pressemeldungen passten, ein Puzzlespiel zusammensetzten: Es gab ein sowjetisches Mondlandeprogramm. Womit sich bestätigte, dass sich ab einer bestimmten Größe ein Projekt nicht mehr geheim halten lässt.

Ich war als Schüler ein ausgesprochener "Weltraum-Freak" und ich hatte den Eindruck, dass es damals unter westdeutschen Raumfahrt-Enthusiasten (und jenen ostdeutschen Raumfahrt-Enthusiasten, zu denen wir Kontakt hatten) völlig außer Frage stand, dass die UdSSR ein bemanntes Mondprogramm hatte. Die Geschichte der 1969 auf Satellitenfotos erkennbaren Riesenrakete und der ebenso gut erkannbaren Verwüstung nach ihrem Fehlstart war "unter uns" allgemein bekannt. 1981 erschien in der P.M. eine, wie sich später zeigtem sollte, erstaunlich genaue Rekonstruktion der N1. Sogar einige der fraglichen Satellitenfotos waren "im Umlauf" - wenn auch immer ohne offizielle Bestätigung.
Dennoch wurde die Mondfluglüge geglaubt.
Wenn ich mich richtig erinnere, gab es drei Sorten "Skeptiker", die uns die "Geschichte" von der sowjetischen Mondrakete nicht "abkaufen" wollten.
Die eine waren die eingefleischten Antikommunisten, die kein gutes Haar an der UdSSR allgemein und an deren Raumfahrtprogramm im besonderen ließen. Für die war die technische Rückständigkeit der "Russen" (außer bei bestimmten Waffen) ebenso ausgemachte Sache wie deren "Verlogenheit" - wobei sie seltsamerweise ja eine Lüge schluckten. Ein extremes Beispiel für dieses Denken war, allerdings schon um 1960, der berühmte exilrussische Schriftsteller Vladimir Nabokov. Peter Ustinov berichtete in seinem Buch "Achtung Vorurteile!", dass Nabokov den weltweit bezeugten Raumflug Gagarins für ein potemkinsches Dorf hielt, für ein besonders abgefeimtes Theater der verhassten Sowjets. Ustinov gibt seine Unterhaltung mit Nabokov so wieder:
"Aber ich hab's im Fernsehen verfolgt", beteuerte ich, "da war wirklich ein Mann drin." - "Ach, sie haben einen künstlichen Mann genommen, eine Puppe." - "Nein, ich schwöre, ich habe sogar die Stimme dieses Gagarin gehört." - "Ja, Stimme vom Tonband." - "Du irrst, Vladimir. Die Stimme hat mit einem Observatorium Kontakt aufgenommen. Sie haben ihm Fragen gestellt, und er hat sie beantwortet. Wie soll ein Tonband das können?" - "Mit welchem Observatorium will er gesprochen haben?" - "Mit einem in Lissabon!" - "Ach, Portugal, hör doch auf!"
Nabovkov hatte offensichtlich eine ähnliche Mentalität wie die Vertreter der "Mondlandung-im-Studio"-Verschwörungstheorie. Ganz so extreme Vertreter wie Nabovkov lernte ich zwar nicht kennen, aber doch genügend "Russenfresser", die schon die offiziell anerkannten Raumfahrterfolge in Zweifel zogen - von einem Mondprogramm oder den damals in Entwicklung befindlichen Raumfähren vom Typ "Buran" (über die wir auch erstaunlich viel wussten) gar nicht zu reden.
Die zweite, häufigere Sorte waren jene, die den Sowjets mehr trauten als den "Amis". Das waren nicht etwa alles stramme Kommunisten, ganz und gar nicht. Nur hielten sie, vor allen, nachdem Ronald Reagan Präsident geworden war, "die USA" für verlogen, machtgierig, kriegerisch und - siehe NATO-Doppelbeschluss und Stationierung von nuklear bestückten "Tomahawk"-Marschflugkörpern und ebenfalls atomar bewaffneten "Pershing II"-Mittelstreckenraketen - gefährlich. Den wenigsten war die UdSSR wirklich sympatisch - aber sie war die schwächere Seite. Das "Eingeständnis der Schwäche" der UdSSR war aus ihrer Sicht unbedingt glaubwürdig. Ich bekam sogar zu hören, dass die "Geheimdienst-Legenden" über eine Sowjet-Mondrakete extra erfunden worden seien, um dem amerikanischen Volk einen erbitterten Wettlauf zum Mond vorzugaukeln, um ihr Mondprojekt zu finanzieren. Es gab am Rande der Friedensbewegung der 80er Jahre einige komische Vögel, die jede Form der Raumfahrt für Massenvernichtungswaffen-Entwicklung hielten. Ich habe da irgend wo noch eine Broschüre herumliegen, in der auch die Saturn V als Raketenwaffe bezeichnet wurde. Hauptzweck ihrer Entwicklung: mit einem in die Umlaufbahn gebrachten Raumspiegel "die Nacht in Vietnam abschaffen". Die zivile Raumfahrt sei nur ein Mittel, um Geld in die schwarzen Kassen der Geheimwaffenentwicklung zu spülen. (Ein Gedanke, der später von Gerhard Wisnewski wieder aufgegriffen wurde.) Den absoluten Hammer erlebte ich an einem Infostand, kurz nach dem Challenger-Unglück im Frühjahr 1986, als die Infostandbesatzung fröhlich verkündende, dass sie froh über den Unfall der Challenger wäre - eine kleine Pause in den verbrecherischen Star-Wars-Plänen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich darauf antwortete, es war nicht freundlich. Das ist zwar ein extremes Beispiel, aber das Misstrauen gegen die Raumfahrt war groß.
Die dritte Gruppe war bei weitem die Größte - natürlich neben jenen, die "das ganze Weltraum-Zeugs" sowieso nicht interessierte.
Das waren jene, die ganz einfach die "offizielle Version" glaubten. Wenn es so in der Zeitung steht, dann wird es wohl so sein. Und wer anderer Ansicht ist, ist ein Spinner. Ist auch bequemer so. Was soll man sich auch nur über solche Sachen den Kopf zerbrechen.

Wenn ich es recht bedenke, dann bereiten mir diese Menschen, die aus Denkfaulheit oder Desinteresse einfach glauben, ohne zu zweifeln, mehr Kopfzerbrechen, als die "Weltverschwörungstheoretiker". Die sind nämlich nur wenige.

The Real Moon Landing Hoax (Encyplopedia Astronautica)

Donnerstag, 23. Juli 2009

Nur gut, dass das hier keine Studi-VZ-Gruppe ist ...

... sonst wäre dieser Beitrag hier samt umfangreicher Diskussion wohl gelöscht.

Nicht, dass ich das Zeitgeistmovie für unproblematisch hinsichtlich Verschwörungsdenken und strukturellem Antisemitismus halten würde. Aber mit so etwas muss man sich auseinandersetzen - und nicht einfach den (vielleicht berechtigten) Vorwurf des latenten Antisemitismus ("Zeitgeist" ist an keiner Stelle offen antisemitisch) als "Antisemitismuskeule" zwecks Einschränkung der Meinungsfreiheit einsetzen.
Übrigens muss man kein Verschwörungstheoretiker sein, um bei solchen Aktionen nicht den üblen Verdacht zu haben, dass der Antisemitismusvorwurf vielleicht doch nur ein Vorwand war, unbequeme Diskussionen zu unterbinden.

Politisches Weltbild "Grundschule"

Manchmal ist es rätselhaft, welches Weltmodell und welches Bild vom Mitmenschen hinter politischen Entscheidungen steht. Vor allem die Motive von Entscheidungen, die empfindlich in Bürgerrechte eingreifen, bleiben oft im Dunklen.

Für das Weltbild der deutschen Familienministerin Ursula von der Leyen scheint das nicht zu gelten: Sie offenbarte schon bisher in Interviews und Reden ein sozusagen pädagogisches Weltbild. Wobei sie, verglichen mit anderen "Volkserzieher", von einer vergleichsweise schlicht gestrickten Pädagogik ausgeht.

Dieser Eindruck wird durch Interview in der "Rheinischen Post" bestätigt, das auch dieser Meldung von heise online zugrunde liegt: Ursula von der Leyen fordert Verhaltenskodex fürs Internet.
Sehen Sie weitere Felder, wo Kinder und Jugendliche im Netz besser geschützt werden müssen?
von der Leyen: Ja, bei den sozialen Netzwerken im Internet, die Jugendliche gerne nutzen. Ich möchte gemeinsam mit den Verantwortlichen solcher Kommunikationsforen, aber auch mit der Kompetenz der Jugendlichen einen Verhaltenskodex entwickeln. Es geht um achtsamen und wachen Umgang miteinander. Minderjährige müssen beispielsweise wissen, dass sich Erwachsene mit üblen Absichten in ihre Chats einschleichen können. Sie können soziale Kompetenzen im virtuellen Miteinander ebenso erwerben wie im realen Leben. Mobbing im Netz kann nicht toleriert werden. Respektvoller Umgang muss in Chats, Blogs oder Foren so selbstverständlich sein, wie wir das auch im Schulalltag mit Streitschlichtern oder Vertrauenslehrern einfordern.
Wenn ich - und die Heise Redaktion - sie richtig verstehen, läuft das auf verbindliche Benimm-Regeln für das Internet heraus. Unklar ist, wie solche Regeln eingeführt, kontrolliert und durchgesetzt werden sollen. Denn freiwillige Regeln gibt es, z. B. in der Form der Netiquette schon längst.
Kleinere Unstimmigkeiten erledigt man erfahrungsgemäß am besten "unter sich". Für ernstere Probleme, wie Mobbing, oder gar Straftaten, gibt es bereits gesetzliche Regelungen, die selbstverständlich auch für das Internet gelten.
Für ungemein charakteristisch halte ich, dass ihr für Chats, Blogs (!) und Foren das sehr formalisierte Modell des Schulalltags vorschwebt.
Ein weiteres Problem ist, dass die meisten Chats, Blogs, Foren sich eben nicht speziell an Jugendliche wenden und schwerlich gewillt oder auch nur in der Lage sein werden, sich an auf Jugendliche zugeschnittene "Schulregeln" zu halten.
Soll es eine verbindliche Altersfreigabe für Webinhalte geben, in dem Sinne, dass Minderjährige nur auf speziell freigegebenen und den Regeln entsprechende Angebote Zugriff haben?
Das ist, denkt man den Ansatz zu Ende, die einzig logische Konsequenz!
Nebenbei: "Nettiquette" ist ja etwas, das von "unten" kommt, Basisdemokratie, etwas, wo staatliche Stellen gar nicht mitgeredet haben. Das Misstrauen gegenüber selbstorganisierte, nicht-autoritäre Regelungen ist nicht nur in der Politik, sondern auch in Verwaltungen und leider auch in den Medien sehr weit verbreitet: "Wo kommen wir denn dahin, wenn das jeder machen würde?"
Dass die Internet-Kompentenz eines durchschnittlichen Teenagers anscheinend größer ist, als die eines durchschnittlichen Bundesministers, verleiht solchen "top-down"-Regelungen, ungeachtet, dass eventuell "Verantwortliche" mit ins Boot genommen werden, eine besonders pikante Note.

Auch ihre zum x-ten Mal wiederholte Aussage:
Ich bleibe aber bei meiner Position, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist und die Freiheit der Massenkommunikation Grenzen hat, wo die Würde anderer Menschen verletzt wird. Bilder vergewaltigter Kinder im Internet können nicht toleriert werden.
macht meines Erachtens nur in einem pädagogischen Weltbild Sinn. Auch die Gegner der Netzsperren wollen ja keine Bilder vergewaltigter Kinder im Internet tolerieren und treten nicht von ungefähr für "Löschen statt sperren" ein. In einer pädagogischen Sicht, wie ich sie Frau von der Leyen und auch anderen Politikern unterstellen, ist das vorrangige Ziel, dass auf verbotene und gefährliche Inhalte nicht zugegriffen werden darf. Erst nach der Sperre und der Ermahnung "Kinderpornos sind ganz doll böse" kann man sich dann um Löschen und Strafverfolgung der Täter kümmern.
In der Grundschul-Pädagogik ist der Ansatz, gefährliche Dinge erst einmal wegzusperren, und den Kindern unmissverständlich klar zu machen, dass schon der Versuch, trotzdem an diese gefährlichen Sachen zu kommen, böse ist, ja durchaus sinnvoll.

Aus ihrer Forderung spricht die Vorstellung, das ganze Internetzdingens wäre eine Horde von ungezogenen Kindern - die durch die sich ebenfalls unbehelligt im "rechtsfreien Raum" tummelden Kriminellen gefährdet sind. Da muss doch die Lehrerin Politik energisch einschreiten! Und was offensichtlich ist: sie erwartet, mit dieser Ansicht den Nerv vieler von den Boulevardmedien in Angst und Schrecken versetzter potenzieller Wähler treffen zu können. Womit sie leider recht haben könnte.

Interessant finde ich auch, dass nicht nur Frau von der Leyen offensichtlich von einem erzieherischen Modell der Entstehung von Pädophilie ausgeht: sich von Kindern sexuell erregt fühlen, ist danach ein erlerntes Fehlverhalten. Anders sind die Befürchtungen nicht zu erklären, jemand ohne pädophile Neigungen, der zufällig auf Kinderpornographie stößt, würde sich nicht vor Ekel schütteln, sondern sozusagen "angefixt" werden. Es sei denn, man geht davon aus, dass ein großer Teil der Bevölkerung latent pädophil sei, und dass alle Pädophilen unweigerlich tickende Zeitbomben seien - jeder von ihnen ein Gefährder unschuldiger Kindern. Ein sehr pessimistisches, angstbestimmtes Menschenbild, dass eher zu Frau von der Leyens Ministerkollegen Dr. Wolfgang Schäuble passen würde.

Nichtkontextuelle Quantenmodelle experimentell widerlegt

Entgegen der klassischen Physik geht die Quantenphysik davon aus, dass die Eigenschaften eines quantenmechanischen Systems vom Messkontext abhängig sind, davon also, ob andere Messungen an dem System durchgeführt werden.
(Um einem nahe liegenden Missverständnis zu begegnen: damit ist nicht etwa gemeint, dass ein Messinstrument, z. B. ein Tachometer, den Messvorgang - hier die Geschwindigkeitsmessung - beeinflusst, und solche Vorgänge im Nano-Maßstab eben stärker zutage treten, als etwa im Auto. Auch eine passive Messung aus der Ferne, etwa per Kamera, beeinflusst die Eigenschaften eines quantenmechanischen Systems - wenn man so will: es macht einen Unterschied, ob jemand hinsieht oder nicht.
Der "gesunde Menschenverstand" versagt im Maßstab der "Elementarteilchen" (die auch als Wellenfunktionen gesehen werden können.)

Die Quantenmechanik beschreibt die physikalischen Verhältnisse von Licht und Materie und formuliert dabei einige Vorstellungen, die unserem klassischen Bild der Natur völlig widersprechen. Immer wieder haben Physiker deshalb versucht, die Phänomene der Quantenmechanik mit Hilfe von verborgenen Variablen zu erklären und damit den in der Quantentheorie allgegenwärtigen Zufall auszuschließen.

Innsbrucker Physiker haben nun erstmals experimentell umfassend bewiesen, dass so genannte nichtkontextuelle Erklärungsversuche von Quantenphänomenen nicht möglich sind. Sie berichten darüber in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Nature.

Eine theoretische Überlegung von Simon Kochen und Ernst Specker aus dem Jahr 1967 zeigt jedoch, dass bei solchen Erklärungsversuchen mit verborgenen Variablen die Messungen kontextuell sein müssen. Das heißt, dass das Ergebnis einer Messung von anderen gleichzeitig durchgeführten Messungen abhängig ist. Interessanterweise sind die Messungen hierbei miteinander verträglich und stören sich nicht gegenseitig.

Nun konnten die Forscher um Christian Roos und Rainer Blatt vom Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Innsbruck diese Überlegungen bestätigen und erstmals im Experiment nichtkontextuelle Erklärungsversuche der Quantentheorie ausschließen.

Weiter: Quantenmessungen: Gesunder Menschenverstand reicht nicht aus (scinexx)

Für das Weltbild der Physik ist diese experimentelle Widerlegung der "verborgenen Variablen" eher zweitrangig: solche Hypothesen spielen schon seit Jahrzehnten kaum noch eine Rolle.
Für die Erkenntnistheorie bedeutet das aber, dass der "klassische Realismus" bzw. "naive Realismus" damit sozusagen seinen letzten Schlupfwinkel verloren hat.

Mittwoch, 22. Juli 2009

Die echte "Mondlandungslüge": "Einen Wettlauf zum Mond gab es nie"

Vor 40 Jahren, zur Zeit der ersten bemannten Mondlandung, "wußte jeder", dass es einen erbitterter Wettlauf zum Mond zwischen der damaligen UdSSR und den USA gab.

Einige Jahre später, etwa ab 1972, meldeten die Sowjets offiziell, sie wären niemals am Wettlauf zum Mond beteiligt gewesen, und hätten nie ein Programm, einen Menschen auf dem Mond zu landen, gehabt. Sie würden niemals das Leben von Sowjetbürgern bei so einem gefährlichen Unternehmen riskieren, wo doch die unbemannten Mondlandungen des Luna-Programms bewiesen hätten, dass Roboter dasselbe leisten könnten.
Heute verwundert es ein wenig, wie leicht die westlichen Medien diese faustdicke Lüge schluckten. Der legendäre CBS-Anchorman Walter Cronkite wandte sich seinerzeit mit dem nachdenklichen Kommentar an seinen amerikanischen Landsleute, dass das Geld für das "Apollo-Programm" verschwendet gewesen sei, weil "die Russen niemals im Rennen gewesen waren."

Seit Ende der 1980er-Jahre wissen wir auch offiziell, dass es den "Wettlauf" wirklich gab - hier eine hervorragende Chronologie des Wettlaufs zum Mond.
Zumindest was das Ziel der ersten bemannten Mondumkreisung angeht, war es ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen. Das sowjetische bemannte Mondprogramm umfasste neben dem Programm für eine bemannte Mondlandung, das die gewaltige N1-Rakete (die "russische Saturn)" verwenden sollte, ein eigenständiges Programm für eine bemannte Mondumrundung, das auf einem "abgespeckten" Sojus-Raumschiff, der Sojus 7K-L1, meist nur "L1" genannt, auf einer Proton-Trägerrakete beruhte. Die unbemannten Testflüge wurden als "Sond"-Raumsonden getarnt. Auf längere Sicht sollte diese Zersplitterung der Kräfte dem sowjetischen Mondprogramm schaden - bis auf das Sojus-Raumschiff waren die beiden Programme nämlich völlig eigenständig. Auf kürzere Sicht hätte die UdSSR eine sehr gute Chance gehabt, die USA beim bemannten Flug um den Mond zu schlagen - ursprünglich war dieser Flug sogar schon für den Herbst 1967, zu Ehren des 50. Jahrestages der Oktoberrevolution, geplant.

Im März 1968 hatte die UdSSR "Sond 4" - in Wirklichkeit ein unbemanntes L-1 - in eine hohe Erdumlaufbahn gestartet, die Rückführung der Kapsel scheiterte, da sie außer Kontrolle geriet.
In den USA war, trotz der Verschleierung, der wahre Charakter des "Sond 4"-Fluges durchschaut worden.
Die für Dezember 1968 geplante Apollo 8-Mission sollte ursprünglich die Mondlandefähre testen ("Mission D") - allerdings war im Juni 1968 klar, dass der Hersteller Grumman den Termin nicht würde halten können. George Low, Manager des Apollo Spacecraft Program Office, schlug daher Anfang August vor, die Mission von Apollo 8 neu zu strukturieren und die Astronauten mit der Saturn V zum Mond zu schicken. "Mission D" wurde verschoben, eine Erprobung in einer hohen Umlaufbahn ("Mission E") gestrichen und die Besatzung der "Mission E" sollte den Mondflug übernehmen. Anfangs traf das auf massive Sicherheitsbedenken seitens des NASA-Direktors James Webb, der den Vorschlag mit den Worten "Are you out of your mind?" zurückwies. Tatsächlich war die Saturn V erst zweimal geflogen, wobei beim zweiten Testflug Probleme aufgetreten waren. Wernher von Braun, als Chefkonstrukteur der Rakete, war allerdings der Ansicht, dass wenn man sich schon entschließen würde, die Saturn V bemannt zu starten, es egal sei, wohin sie flöge. Webb ließ sich jedoch überzeugen, weil auf Satellitenfotos die gewaltigen Montagehallen und Startanlagen der sowjetischen N-1-Raketen deutlich zu erkennen waren.
Die NASA begann am 19. August mit der Planung für die jetzt C’ genannte Apollo-8-Mission. Entgegen der sonstigen Praxis der NASA entschied Webb, die Öffentlichkeit über das genaue Ziel des Fluges erst nach dem Abschluss der vorherigen Apollo-7-Mission zu informieren, bis dahin wurden die genauen Flugpläne nicht veröffentlicht.

Ein Problem des sowjetischen Programms war die Unzuverlässigkeit der "Proton"-Rakete. (Raketen der "Proton"-Familie sind bis heute weitaus weniger zuverlässig als die Trägerraketen der "Sojus"-Familie.) Um diese Problem zu umgehen, und um Gewicht zu sparen, schlug der sowjetische Chefkonstrukteur Sergei Koroljow 1965 das Posadka-Verfahren vor: Die Proton mit der L-1 und der für den Mondflug nötigen Zusatzstufe wird unbemannt in eine Erdumlaufbahn gestartet. Dann startet eine normalen Sojus mit drei Kosmonauten an Bord. Zwei von ihnen steigen in das Mondschiff um, der dritte kehrt mit der Sojus zur Erde zurück. Abgesehen davon, dass die beiden Kosmonauten nicht dem Risiko ausgesetzt sind, mit der damals oft versagenden "Proton" zu starten, erspart "Posadka" der ohnehin bis an die Grenzen ihres Leistungsvermögens ausgelasteten "Proton" die ca. 200 kg der Kosmonauten, ihrer Raumanzüge und ihrer Verpflegung. Die Zusatzstufe zündet und bringt die L-1 auf Mondkurs, die den Mond einmal umfliegt - ein Einschwenken in die Mondumlaufbahn war nicht möglich - und zur Erde zurückgekehrt.
Koroljow wird dabei auch "seine" unerprobte N-1 im Hinterkopf gehabt haben - auch bei ihr wäre das "Posadka"-Verfahren vielleicht von Nutzen gewesen. Das "L1"-Raumschiff konnte aber so weit "abgespeckt" werden, dass auf "Posadka" zugunsten eines früheren Flugtermins zunächst verzichtet wurde. Die Sicherheit der Kosmonauten bei einem Fehlstart sollte das Rettungssystem der L1 gewährleisten.

Am 22. April 1968 wurde ein "Sond"-Raumschiff beim Fehlstart der "Proton" zerstört.
Am 15. September vollführte "Sond 5" erstmals einen Mondumflug mit Rückkehr zur Erde und wasserte im Indischen Ozean.
Am 10. Oktober brachte eine Saturn I B Apollo 7 zum ersten bemannten Apollo-Flug in eine Erdumlaufbahn.
Am 25. Oktober startete die unbemannten Sojus 2, gefolgt vom der bemannten Sojus 3. Mehrmalige Versuche einer Kopplung bleiben erfolglos. Dennoch kann Sojus 3 als der erster erfolgreiche bemannte Sojus-Flug gelten. (Sojus 1 stürzte am 24. April 1967 wegen Versagens des Fallschirmsystems bei der Landung ab, wobei der Kosmonaut Wladimir Komarow getötet wurde.)
Am 10. November startete "Sond 6" zum Mond.
Ebenfalls am 10. November trafen alle Verantwortlichen der NASA gemeinsam den endgültigen Entschluss, dass Apollo 8 im Dezember den Mond umfliegen soll. Am 12. November wurde dieser Entschluss der verblüfften Öffentlichkeit bekannt gegeben - allerdings ohne zu erwähnen, dass die NASA mit einem sowjetischen bemannten Mondflug ebenfalls im Dezember rechnete.
Am 16. November schlug "Sond 6" nach erfolgreicher Mondumrundung hart in der kasachischen Steppe auf und wurde dabei so schwer beschädigt, dass die Kosmonauten nicht überlebt hätten.
Dennoch wurde der eigentlich für den Februar 1969 angesetzte erste sowjetische bemannte Start zum Mond auf den 8. bis 12. Dezember vorverlegt - um Apollo 8 noch zu schlagen.
Am 1. Dezember verschob die UdSSR den geplanten ersten bemannten Mondumflug mit einem L-1 Raumschiff wegen technischer Probleme um vier Wochen.
Am 21. Dezember 1968 startete Apollo 8 auf einer Saturn V zum ersten bemannten Mond-Orbitalflug. An Bord waren die Astronauten William Anders, James Lovell und Frank Borman.
Am 24. Dezember 1968 schwenkte Apollo 8 in eine Umlaufbahn um den Mond ein. Während der dritten Mondumkreisung nahm Anders ein Foto auf, dass bald zur "Ikone des Raumzeitalters" wurde:
NASA-Apollo8-Dec24-Earthrise
Die Erde über der Mondoberfläche, aufgenommen am 24. Dezember 1968.
Nach 10 Mondumkreisungen zündete am 25. Dezember um Mitternacht EST auf der erdabgewandten Seite des Mondes das Triebwerk der Apollo 8 und brachte das Raumschiff auf Erdkurs.
Am 27. Dezember wasserte die Apollo-8-Kommandokapsel im Pazifik

Da die UdSSR nun den Wettlauf zur Mondumlaufbahn verloren hatte, wurde auf den riskanten Start einer bemannten L1 verzichtet.
Am 5. Januar 1969 startet das L1 Raumschiff, das eigentlich bemannt zum Mond fliegen sollte, nun als unbemanntes "Sond"-Raumschiff. Die 2. Stufe der Proton explodierte. Eventuell rettete der Flug von Apollo 8 indirekt das Leben zweier Kosmonauten.
Da ab dem 24. Dezember 1968 die Besatzungen von Sojus 4 und 5 in Startbereitschaft waren, kann es durchaus sein, dass eine erfolgreich gestartete L1 im Posadkta-Verfahren in der Erdumlaufbahn bemannt worden wäre. Leider geben die Tagebüchern Kamanins, des Leiters des sowjetischen Kosmonauten-Korps, die sonst eine ausgezeichnete Quelle sind, darüber keine Angaben. Die russische Raumfahrtbehörde Roskomos gibt ebenfalls lt. Mark Wade / Encyclopedia Astronautica keine Auskunft.

Wahrscheinlich gingen beide Seiten niemals in der Geschichte der Raumfahrt derartige Risiken ein, wie während des Jahres 1968!

Der "Wettlauf zum Mond" war aber noch nicht zuende:
14. Januar: Start von Sojus 4, gefolgt von Sojus 5, Kopplung und Außenbord-Umstieg zweier Kosmonauten. Dabei wurden auch die Mondanzüge getestet.
19. Januar: der erste Start einer automatischen Luna-Probenrückholsonde scheiterte an Raketenproblemen. Wäre er geglückt, hätte die UdSSR wenigstens vor den USA Material vom Mond zur Erde gebracht.
21. Februar: der erste Start einer N 1-Rakete scheiterte nach 70 Sekunden durch Explosion der 1. Stufe.
3. März: Apollo 9 startete zum ersten bemannter Test einer Mondfähre in der Erdumlaufbahn.
18. Mai: Apollo 10 startete zum Mond, die Mondfähre wurde im Mondorbit getestet.
14. Juni: zweiter Fehlstart eine Luna-Probenrückholsonde.
4. Juli: eine N1-Rakete explodierte beim Start. Die Startanlage wurden teilweise zerstört. Damit hatte die UdSSR auch bei einem Scheitern von Apollo 11 keine Chance mehr, den ersten Menschen auf den Mond zu bringen.
13. Juli: Erfolgreicher Start der Probenrückholsonde Luna 15.
16. Juli: Start einer Saturn V mit Apollo 11. An Bord waren die Astronauten Michael Collins, Buzz Aldrin und Niel Armstrong.
20. Juli: Apollo 11-Landefähre "Eagle" landete auf dem Mond.
21. Juli (nach Weltzeit): Niel Armstrong betrat als erster Mensch den Mond.
21. Juli: Luna 15 stürzte beim Versuch der weichen Mondlandung ab.

Teil 2: Die echte "Mondlandungslüge" - das Ende des Mondlandeprogramms der UdSSR und warum im Westen geglaubt wurde, dass die Sowjets nie einen Mann zum Mond schicken wollten.

Multiple Sklerose: Zwei Faktoren gemeinsam machen krank

Die Auslöser und Ursachen für entzündliche Krankheiten des Nervensystems wie beispielsweise der Multiplen Sklerose (MS) sind noch immer nicht zweifelsfrei identifiziert. Unter den Verdächtigen ragen zwei Faktoren besonders hervor: Eine erhöhte Anfälligkeit des zentralen Nervensystems gegenüber Angriffen von außen und ein fehlerhaft arbeitendes Immunsystem.

Inwieweit sich diese beiden Faktoren gegenseitig beeinflussen, war bislang nicht geklärt. Forschern der Universität Würzburg ist es jetzt gelungen, ein wenig Licht ins Dunkel zu tragen. In Versuchen an Mäusen fand das Forschungsteam um den Mediziner Heinz Wiendl und den Neurobiologe Rudolf Martini, heraus:
Treffen beide Faktoren - Myelinschaden und fehlerhaftes Immunsystem - aufeinander, verstärkt sich die Entzündungsreaktion im Bereich des zentralen Nervensystems; die Gewebeschäden nehmen zu. Fehlerhaft arbeitende Immunzellen allein verursachen hingegen keine Schäden.

Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Montag, 20. Juli 2009

Heute vor 40 Jahren "The Eagle has landed"

Um 20:17 UTC (21:17 MEZ, 22:17 mitteleuropäische Sommerzeit) am 20. Juli 1969, mit Treibstoff für noch gerade einmal 25 Sekunden, berührte ein an den Landestützen des Mondlandemoduls, des LM, angebrachten Kontaktfühler den Mondboden.
Aldrin Tranquility
Die ersten Worte vom Mond waren deshalb auch ganz prosaisch:
"Contact light."
(Gesprochen von Buzz Aldrin). Erst nachdem die beiden Astronauten ihr Raumfahrzeug für einen eventuellen Not-Aufstieg klar gemacht hatten, sprach Kommandant Niel Armstrong den berühmten Satz:
"Houston, Tranquility Base here. The Eagle has landed."
Houston, Stützpunkt Tranquility hier. Der Adler ist gelandet.
Armstrong abrupter Wechsel des Rufzeichens von "Eagle" auf "Tranquility Base" führte für einen Moment zur Verwirrung im Kontrollzentrum:
Charles Duke (CAPCOM): "Roger, Twank...Tranquility, we copy you on the ground. You got a bunch of guys about to turn blue here. We're breathing again. Thanks a lot!" Roger, Twank... Tranquility, wir bestätigen, ihr seid auf dem Boden. Ihr habt eine Menge Leute hier ringsum blau werden lassen. Wir atmen wieder. Vielen Dank!"
Apollo11: Lunar Landing July 20, 1969 (Ausschnitt aus dem offiziellen NASA-Dokumentarfilm.)
Der CAPCOM, capsule communicator, hält die Sprechfunkverbindung zu den Astronauten. Er ist immer selbst ein erfahrener Astronaut und außer (in Notfällen) dem diensthabenden Arzt der Einzige, der direkt mit den Astronauten sprechen darf. Der medizinische Notfall hätte bei der Mondlandung von Apollo 11 eher im Kontrollzentrum in Houston gedroht, so dramatisch verlief der Abstieg: Der Bordcomputer des LM verwirrte die Crew mit etlichen ungewöhnlichen "1201" und "1202" Program-Alarmen. Der Computeringenieur Jack Garman teilte mit, dass der Abstieg sicher fortgesetzt werden könne, was auch den Astronauten mitgeteilt wurde. Tatsächlich waren die "1201" und "1202" nicht, wie man oft hört, Computerfehler, sondern Overflow-Meldungen - 1201 bedeutet "Executive overflow - no vacant areas" und 1202 "Executive overflow - no core sets". Sowohl das Rendezvous-Radar, das den Abstand zum Mutterschiff maß und vorschriftsgemäß für den Fall eines Landungsabbruch angeschaltet blieb, wie das Abstiegs-Radar, das den Flughöhe über der Mondoberfläche maß, lieferten Daten an den Computer. Anders als bei Simulationen am Boden überforderten sie die (nach heutigen Maßstäben lächerlichen) Ressourcen des Rechners, der dennoch multitaskingfähig für 8 Jobs war - sein Betriebssystem EXEX war eine Meisterleistung der Programmierkunst. Es enthielt glücklicherweise eine Notfallroutine, die weniger wichtige Prozesse zurückstellte, so das weder der Computer, noch das LM abstürzten.
Es gab noch mehr Computerärger - Armstrong sah aus dem Fenster und bemerkte, dass der Rechner das LM geradewegs in ein Geröllfeld nördlich und östlich eines 400 m durchmessenden Kraters steuerte. Das LM wäre hier nach dem Aufsetzen umgekippt. Armstrong schaltete auf halbautomatischen Betrieb um - einen echten Handbetrieb gab es beim LM nicht - es hatte schon ein digitales "Fly by wire"-System, wie es erst ab 1972 in Kampfflugzeugen und ab 1987 in Passagierflugzeugen (Airbus A 320) eingesetzt wird. Aldrin las die Höhen und Geschwindigkeitssdaten ab, und Armstrong landete den "Adler" "nach Sicht" auf einer ebenen und stabil aussehenden Fläche im "Mare Tranquilitatum" ("Meer der Ruhe").
Übrigens war der Treibstoff knapp, aber es war nicht kritisch. Wenn der Treibstoff der Landestufe völlig aufgebraucht worden wäre, hätte man die Landung abgebrochen, die Aufstiegsstufe gezündet und wäre zum Mutterschiff in der Mondumlaufbahn zurückgekehrt.

Das "Lunar Module" - LM, LEM oder auf deutsch meistens "Mondfähre". Die Dokumentation Moon Machines - Lunar Module des Discovery Channel macht vielleicht deutlich, was ich mit "an die Grenzen des Machbaren gehen und sie ein Stück weit herausschieben" meine. (Es soll auch eine deutsche Fassung der spannenden Doku geben, leider habe ich sie nicht gefunden.)
Was mich immer wieder fasziniert, ist die Geschichte des Physikers Dr. John Houbolt, einem in eher untergeordneter Position als "externer Mitarbeiter" für die NASA arbeitenden Wissenschaftlers. Die leitenden Konstrukteure des Apollo-Programms, allen voran Wernher von Braun, beabsichtigten ursprünglich, das Raumschiff direkt auf dem Mond landen zu lassen. Nach einige Plänen wäre dieses "einteilige"-Raumschiff ca. 20 Meter hoch gewesen. Für den Mondflug hätte man entweder eine extrem große Rakete ("NOVA") gebraucht - oder zwei Raketen des Typs "Saturn V", von der die eine das Raumschiff, die andere eine Antriebsstufe in die Erdumlaufbahn gebracht hätte, die dann zusammengekoppelt wären. (EOR - Earth Orbit Rendevous). Dr. Houbolt schlug das Lunar Orbit Rendezvous (LOR) vor - das Verfahren mit einem in der Mondumlaufbahn verbleibenden Mutterschiff und einer Mondlandefähre, das dann tatsächlich angewendet wurde. Es kommt mit nur einer Saturn-V-Rakete aus. Keiner wollte ihn anhören, deswegen schrieb er einen Brief direkt an den zweiten Mann bei der NASA, Dr. Seamans.
Ohne die Hartnäckigkeit Dr. Houbolts, der damals überhaupt nicht zum von-Braun-Team gehörte, hätte es die Mondlandung wahrscheinlich nicht gegeben - jedenfalls nicht zu dem von Kennedy gesetzten Termin.

War die Mondlandung nur ein gigantischer PR-Gag? In erster Linie ja - ohne die Rivalität mit der UdSSR, den "Wettlauf im Weltraum", währen die nötigen Mittel schwerlich locker zu machen gewesen. Der wissenschaftliche Nutzen war dabei zweitrangig. (Obwohl vielleicht größer, als manche erwartet hätten. Der bekannte Astronom und Sachbuchautor Dr. Carl Sagan war ursprünglich ein entschiedener Gegner der bemannten Mondlandung, gehörte aber später zu jenen Wissenschaftlern, die die Entscheidung, die Mondflüge Apollo 18, 19 und 20 abzusagen, scharf kritisierten.)
Die Mondlandung hat aber noch eine andere, eher metaphysische Bedeutung, die meiner Ansicht nach Leslie Fish am schönsten ausdrückte:

Hope Eyrie - Written by Leslie Fish, sung by Julia Ecklar
Erstaunlich an diesem teilweise (scheinbar) patriotischem Lied ist, dass Leslie Fish Anarchistin war und ist, eine profilierte Aktivistin gegen den Vietnamkrieg war, und sich als Mitglied der Industrial Workers of the World für industrielle Demokratie einsetzt.

Über all der All-Nostalgie sollte nicht vergessen werden, dass sich zur Zeit nicht weniger als 13 Astronauten auf der Internationalen Raumstation aufhalten und dort auch alle Hände voll zu tun haben - STS 127 Statusreport. Aus Anlass des 40. Jubiläums der Mondlandung macht die NASA den Astronauten den Vorschlag, den Space Shuttle Orbiter "Endevour" zusammen mit der ISS zum Mond zu schicken - allerdings ohne Garantie auf Rückkehr.
Das steht jedenfalls, einschließlich Flugbahndarstellung, im offiziellen Ablaufplan (Execute Package) für den 20. Juli 2009: STS-127 / 2JA - FD 06 Execute Package auf Seite 17 - 22.
Obwohl die NASA sicherheitshalber "Burn Humor" drüber geschrieben hat, halte ich es glatt für möglich, dass irgend ein Journalist die überraschende Sensation trotzdem für ernst nimmt. Es ist ja immerhin der offizielle Flugplan, und es ist darin genau berechnet, wie man die ISS auf den Mond bringen könnte (jedenfalls theoretisch).
Davon abgesehen ist absehbar, dass der NASA-Scherz ein neues Kapitel in der der (unendlichen) Geschichte der Mond-Verschwörungstheorien nach sich ziehen dürfte. Seit nunmehr 40 Jahren überbieten sich jene, die felsenfest überzeugt sind, dass die Mondlandung in Studio inszeniert war, und jene, die glauben, dass es beim Raumfahrtprogramm um etwas GANZ ANDERES als offiziell zugegeben ging, in bizarren Spekulationen. Theoretisch müsste jetzt zumindest die "die-Amis-waren-nie-auf-dem-Mond- Verschwörungstheoretiker" jetzt ganz still sein, was sie in der Praxis wohl nicht seien werden: LRO fotografiert die Apollo-Mondlandestellen.

Heissblut gibt eine (satirische) Antwort, worum es bei der Mondlandung wirklich ging:
Die Amis waren auf dem Mond. Was sie uns gezeigt haben kam von der Erde. WARUM?
Die Freimaurer wollten ungestört ihr Ritual auf dem Mond durchführen. Sie zogen ihre Freimaurerkluft an und zelebrierten ihr Ritual auf dem Mond. So ist es gelaufen. Ihr glaubt mir nicht?
Tatsächlich ist Heissblut damit näher an der Realität, als es z. B. der derzeit profilierteste deutsche Anhänger der "Mondflug-Lüge", Gerhard Wisnewski ist.
Es stimmt, Buzz Aldrin ist Freimaurer, und machte daraus auch nie ein Geheimnis. Am 20. Juli 1969 deponierte er als spezieller Stellvertreter im Auftrag des Großmeisters J. Guy Smith der Großloge von Texas der Alten Freien und Angenommenen Maurer eine Urkunde (Special Deputation) für eine erste freimaurerische Jurisdiktion auf dem Mond unter einem Steinhaufen. Freimaurerische Bekleidung hat er dabei allerdings nicht getragen.
Außerdem feierte Aldrin zusammen mit Armstrong in der Ruhepause unmittelbar nach der Landung auf dem Mond die heilige Kommunion. (An die mitlesenden Katholiken: ja, das konnte er. Aldrin ist Presbyterianer, also Calvinist. Bei den Calvinisten, wie übrigens auch bei den Lutheranern, kann jeder das "heilige Abendmal" spenden, der getauft und konfirmiert ist. Ganz hartnäckige Katholiken werden jetzt natürlich bestreiten, dass das, was Aldrin da machte, auch wirklich eine Kommunion war ... )
Aldrin schwieg über sein Vorhaben und weihte nicht einmal seine Frau ein. Aus gutem Grund: Apollo 8 erreichte als erstes bemanntes Raumschiff am 24. Dezember 1968 die Mondumlaufbahn. Während einer Fernsehübertragung aus dem Mondorbit lasen die drei Astronauten die ersten Zeilen der biblischen Schöpfungsgeschichte als Weihnachtsbotschaft vor. Das führte zu Protesten seitens Anhänger anderer Religionsgemeinschaften und Atheisten. Die Atheistin Madalyn Murray O’Hair reichte sogar Klage vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten ein, in der sie den Astronauten als Regierungsangestellten alle religösen Aktivitäten im All untersagen wollte. Die Klage wurde zwar abgewiesen, dennoch hielt die NASA ihre Astronauten bei der Ausübung von Religiosität im All von nun an zurück.

Um 02:56 UTC am 21. Juli (in Florida: 22:56 EDT am 20. Juli), stieg Armstrong zur Mondoberfläche herab und sagte, sich leicht verhaspelnd *) die berühmten Worte:
"That's one small step for (a) man, one giant leap for mankind"
*) (Natürlich nicht vor Aufregung - Armstrong war ein erfahrener Testpilot. Regel 1: Erfahrene Testpiloten lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. - Regel 2: Sollten sie doch einmal aufgeregt sein: siehe Regel 1.) (Frei nach "Der Stoff, aus dem die Helden sind".)

Remembering Apollo 11 - Sehr schöne Fotos in hoher Auflösung und mit guten Kommentaren auf Boston.com.

NASA High Definition Video: Apollo 11 Partial Restoration HD Videos

Hypnotische Trance und Psychotherapie - nur Psycho-Irrtümer?

Vor einigen Jahren sorgte der Medizinjournalist Rolf Degen mit seinem Lexikon der Psycho-Irrtümer mit zum Teil recht steilen Thesen für Aufsehen. Darin veriss er, in einem ziemlich polemischen Stil, psychotherapeutische Techniken, deren Wirksamkeit "nicht über jene von Aderlass, Geisterbeschwörung und Gesundbeten hinaus" reichen würde.
Ich muss zugeben, dass das Buch mich damals beeindruckte, obwohl ich erkannte, dass Degen zuwenig differenzierte und einen breiten Rundumschlag gegen die "Psycho-Szene" bis hin zu ihren esoterischen Rändern schrieb, bei dem auch mutmaßlich seriöse Ansätze der Polemik zum Opfer fielen.
Inzwischen sind einige Jahre vergangen, in denen es vor allem in der Neuropsychologie und Neurobiologie viele neue Erkenntnisse gab. Auch wenn nicht alle diese Erkenntnisse so spektakulär und allgemeingültig sein dürften, wie es in Pressemeldungen den Anschein hat, und die bildgebenden Verfahren der Hirnuntersuchung, vor allem der PET, wahrscheinlich überschätzt werden, lohnt es sich meiner Ansicht nach, einige der Thesen in Degens Buch noch einmal anzusehen.

Degen hinterfragte unter anderem die These, es gäbe veränderte Bewusstseinszustände, etwa während der Meditation und in hypnotischer Trance. Das gipfelte in der Aussage: "Es gibt, wissenschaftlich gesehen, keinen Unterschied zwischen Meditation und einem Mittagsschlaf."

Auch wenn ich es schon öfter erlebt habe, dass eine Meditation ungewollt und nahtlos in Schlaf überging, gibt es sehr wohl einen Unterschied zwischen Wachzustand, meditativer Versenkung und Schlaf. Schon damals fand ich Degens Aussage vor dem Hintergrund erstaunlich, dass ein Neurologe ohne weiteres am EEG erkennen kann, ob ein Patient gerade normal wach, konzentriert, tief entspannt oder eingeschlafen ist. Da die unterschiedlichen Formen der Meditation auf Konzentration oder auch auf tiefe Entspannung abzielen, nicht jedoch aufs Einschlafen, ist Degens Aussage, beim Wort genommen, unsinnig. Aus dem Kontext ergibt sich, dass Degen damit meinte, Meditation bewirke nichts anderes als Entspannung, was immerhin eine diskutable Ansicht ist.
Degen ging es im Meditations-Kapitel vor allem darum, vollmundige Versprechen aus der eher esoterischen Ecke, welche Wunderdinge dank Meditation möglich seinen, zu entlarven.

Zentraler Punkt seiner Argumentation gegen die Hypnose (genauer: die hypnotische Trance) als besonderer Bewußtseinszustand war, dass alle spektakulären Handlungen unter Hypnose ebenso im Wachzustand möglich seien. Dazu müssten drei Voraussetzungen erfüllt werden: 1. der Wunsch, dem Versuchsleiter/Hypnotiseur einen Gefallen zu tun, 2. die Überzeugung, dass die Handlung nicht gefährlich ist, und 3. die Überzeugung, dass die Verantwortung für die Konsequenzen beim Versuchsleiter/Hypnotiseur liegt. Ein besonderer Bewusstseinszustand sei nicht erforderlich. Die "Entrückten" seien in einem klaren Wachzustand und gäben lediglich eine theatralische Vorstellung, die ihren vorgefertigten Erwartungen an das Szenario entspräche.
Im Großen und Ganzen entspricht Degens Ausführung über Hypnose seinem Artikel Nur alltägliche Fähigkeiten hervorgelockt?, den er schon 1996 für die "Welt" schrieb.
Nun ist es so, dass die Anhänger der Hypnose versuchen, die wissenschaftliche Fundierung dieser Methode hervorzuheben, indem sie beispielsweise die therapeutische Hypnose oder die Hypnose asl Methode zur Schmerzbeeinflussung bewusst gegenüber der "Showhypnose" abgrenzen, die oft tatsächlich mit Täuschungseffekten arbeitet. Soweit ich Degen verstehe, hält er diese Rechtfertigung für nicht stichhaltig. Hypnotische Trance als besonderen Bewusstseinszustand gäbe es nicht, sie sei nur ein soziales Artefakt.
Degen konnte, als er sein Buch schrieb, natürlich noch nichts von den 2004 veröffentlichten Untersuchungen John Gruzeliers vom Imperial College in London wissen. Gruzellier zufolge hat Hypnose tatsächlich einen unmittelbaren und mittels Gehirnscan messbaren Effekt auf das Gehirn. Die Trance würde die Fähigkeit, künftige Aktionen zu planen, beeinflussen. Dies wirkte sich bei leicht hypnotisierbaren Menschen anders aus als bei Menschen, die resistenter gegen eine Hypnose seien. In Trance planlos - Wie Hypnose aufs Gehirn wirkt. 2005 kam ein amerikanisches Forschungsteam um Amir Reiz zu dem Ergebnis, dass Hypnose die Informationsverarbeitung im Gehirn so stark verändern könne, dass typische Wahrnehmungskonflikte nicht mehr aufträten. Der Effekt, der ausschließlich bei hypnoseempfindlichen Menschen auftrat, veränderte dabei deutlich die Gehirnaktivität, was mit der funktionellen Magnetresonanztomographie nachweisbar war. Wie Hypnose die Hirnfunktionen verändert. Seitdem 2007 israelische Forscher mit Hilfe von Hypnose jene Gehirnregionen identifizierten, die am Wiedererlangen der Erinnerung nach einem kurzzeitigen Verlust des Gedächtnisses beteiligt sind (Hypnotisierende Erkenntnisse), und 2008 eine britische Forschergruppe um Roi Cohen Kadosh nachwies, dass unter Hypnose eine Verknüpfung zwischen Zahlen und Farben suggeriert werden kann (eine Synästhesie), die auch noch nach der Hypnose anhalten kann, (Was Buchstaben farbig macht) sieht es ganz so aus, als ob die Hypothese, Hypnose sei nichts als ein soziales Artefakt, im Licht der Hirnforschung nicht mehr haltbar wäre.

Kommen wir zur Psychotherapie. Degen schien wenig von den "Redekuren" zu erwarten, und stellte ihnen die nachgewiesenen Effekte der Psychopharmazeutika gegenüber.
Wenn eine Psychotherapie wirkt, dann müsste sich diese Wirkung, genau so wie die von psychopharmazeutischen Medikamenten, im Hirnstoffwechsel niederschlagen.
In der Tat zeigte eine vom Psychiater Jakob Koch geleitete Studie an der Kieler Christian-Albrechts-Universität, dass eine erfolgreiche Psychotherapie die Konzentration eines Transkriptionsfaktors im Gehirn erhöhte. Protein zeigt Behandlungserfolg an. Insgesamt 30 Patienten, die unter Depressionen, absolvierten sechs Wochen lang eine Interpersonelle Psychotherapie mit insgesamt 12 Gesprächssitzungen. Bei rund der Hälfte der Teilnehmer zeigte diese Kurzzeitbehandlung Wirkung: Die Schwere ihrer Depression, per Fragebogen ermittelt, ging deutlich zurück. Bereits eine Woche nach Therapiebeginn konnten die Forscher bei diesen Patienten eine erhöhte Konzentration an pCREB, der aktiven Form des Proteins, messen. Bei jenen Teilnehmern, die nicht auf die Behandlung ansprachen, fand sich dagegen kein solcher Anstieg.
Was zuvor schon für Antidepressiva bekannt war, trifft somit auch für die Psychotherapie zu: Eine erfolgreiche Behandlung führt zu mehr aktiviertem CREB.

Eine verzerrte Körperwahrnehmung ist Risiko- und aufrechterhaltender Faktor von Essstörungen wie Magersucht (Anorexie) und Ess-Brech-Sucht (Bulimie). Dr. Silja Vocks von der Ruhr-Universität Bochum bestätigte nicht nur, dass sich diese Verzerrung sich in den Hirnfunktionen widerspiegelt, sie konnte sogar nachweisen, dass durch Körperbildtherapie diese Hirnfunktionen verändert werden können. Therapie verändert das Gehirn - Neuropsychologische Grundlagen des gestörten Körperbildes bei Essstörungen

Das sagt selbstverständlich nichts darüber aus, welche Formen der Psychotherapie sinnvoll sind. Sicher gibt es auf diesen Gebiet Einiges an Scharlatanerie. Da Degen kaum differenzierte, welche Arten "der Psychotherapie" er in seiner Polemik aufs Korn nahm, ist sein markiger Vergleich zwischen Psychotherapie und "Aderlass, Geisterbeschwörung und Gesundbeten" wohl widerlegt.

Sonntag, 19. Juli 2009

Anklage wegen Kinderpornographie für Still-Foto

Jacqueline Mercado, eine peruanische Einwanderin, die in Richardson im US-Bundesstaat Texas lebt, nahm einige Fotos ihrer kleinen Kinder auf. Eines dieser Fotos zeigt sie, wie sie ihrem Sohn die Brust gibt. Eine Woche nachdem sie die Filme bei einer örtlichen Drogerie zum Entwickeln gegeben hatte, durchsuchte die Polizei ihr Haus nach Kinderpornographie. Ihr droht eine Gefängnisstrafe. Außerdem erschien ein Mitarbeiter der staatlichen Kinderfürsorge, um ihre Kinder mitzunehmen.
Woman charged with possession of child pornography for Taking photos of herself breastfeeding!

Nun könnte man sich selbstgerecht zurücklehnen und sagen: "Klar, die prüden Amis mal wieder". Allerdings ist Prüderie bei diesem Fall wahrscheinlich das kleinste Problem:
In Texas gibt es ein Gesetz, dass allen Erwachsenen vorschreibt, dass sie jeden Verdacht des Kindesmissbrauchs melden müssen. Entsprechende gesetzliche Regelungen werden auch in Deutschland diskutiert.
Das Problem: Die Grenzen, wo Missbrauch anfängt, sind im texanischen Gesetz nicht klar umrissen. Und da hartes und konsequentes Vorgehen gegen Kinderpornographie nicht nur in Texas allgemeiner Konsens ist, reicht der bloße Verdacht eines Angestellten im Fotolabor aus, damit die ganze Härte des Gesetzes zuschlägt.
Der treibende Faktor dabei ist, vermute ich, nicht "Prüderie", sondern Angst. Der Drogerieangestellte hatte Angst, sich strafbar zu machen, wenn er etwas, dass vielleicht Kinderpornographie sein könnte, nicht meldet. Auch beim Handeln der Polizei und Jugendamt spielt die Angst, etwas Falsches zu tun, sicherlich eine große Rolle.
Das moralische Dilemma ist klar: rein intuitiv ist es besser, lieber 1000 vergebliche Hausdurchsuchungen, als das ein "Kinderporno"-Hersteller durch die Lappen geht. Lieber 1000 Eltern das Sorgerecht entziehen, als auch nur ein Kind in den Händen eines Kinderschänders zu lassen. Das Problem: wo fängt "Kinderpornographie" (besser: im Bild festgehaltene sexuelle Kindesmisshandlung) an?

Warum sind die Grenzen in Gesetz denn nicht scharf markiert? Dazu sehe man sich z. B. die Änderungen der deutsche Gesetzgebung zur Kinder- und Jugendpornographie an § 184 b StGB und § 184 c StGB, dann sind die Grenzen auch in Deutschland alles andere als deutlich gezogen. Hintergrund ist die Angst, einen überführten "Kinderpornographie"-Hersteller, -Verbreiter oder -Sammler aufgrund eines formalen Kriteriums laufen lassen zu müssen.

Bücherverbrennung 2.0 - wie DRM in der Praxis wirkt

Vorweg: ich bin kein Feind des technischen Fortschritts, und ich habe im Prinzip auch nichts gegen elektronische Bücher, eBooks.

Allerdings traute ich von Anfang an dem eBook-Lesegerät "Kindle" und dem Buchhändler Amazon nicht über den Weg. Weil beim Kindle "dank" DRM (Digital Rights Management) Privatkopien des eBooks nicht möglich ist. Ein Modell, das auch weiten Teilen der Musikindustrie vorschwebte, als Musikdatenträger mit DRM eingeführt wurden. Zum Glück hat das dort bisher nicht so recht funktioniert.
Der Kindle-Nutzer kann sich also bei Amazon Texte beschaffen - nicht etwa kaufen, so wie man ein herkömmliches Buch kauft, das man auch verschenken oder sogar gebraucht verkaufen kann. Im Geschäftsmodell von Amazon erwirbt man nur das Recht, einen Text zu lesen. Ein Recht, das einem jederzeit ohne Warnung wieder entzogen werden kann.

Genau das ist jetzt passiert: Aufgrund von Rechtsunsicherheiten hat Amazon Texte von George Orwell von den Kindles seiner Kunden entfernen lassen. Einfach so: "We recently discovered a problem with a Kindle book that you have purchased". Dass es sich dabei ausgerechnet um Orwells Dystopien "Animal Farm" und "1984" handelt, ist dabei weniger bittere Ironie als ein sinnvoller Zufall.

Man sollte auch nicht vergessen: die Amazon-Kindle-Löschaffäre ist nur die Spitze des DRM-Eisbergs. Zwar ist es um DRM als vermeintliche Wunderwaffe gegen "Raubkopierer" still geworden, aber das ist wahrscheinlich nur den technischen Unzulänglichkeiten des bisherigen Ansatzes geschuldet. Das Modell "Kindle" könnte auch bei Videos und im Audio-Bereich Schule machen: Spezialgeräte mit straffem DRM statt Universalgeräten. Und - natürlich möchte man sagen - dürften die Freunde der gut gemeinten Bevormundung über solche Möglichkeiten begeistert sein.

Amazon löscht gekaufte Kindle-eBooks

Some E-Books are more equal than others"

Geistreiche Überlegungen zum Fall bei den Stützen der Gesellschaft.

Freitag, 17. Juli 2009

"Freiheit statt Angst" - der Trailer

Freiheit statt Angst - der Trailer from Alexander Svensson on Vimeo.

Gefunden auf netzpolitik.org.

Auch vor 40 Jahren - die Bundesrepublik bestand den Freiheitstest

Es ist viel von der "´68ern" die Rede, sehr oft leider in einer Weise, die ich nicht mehr als "kritisch", sondern nur noch als "hämisch" bezeichnen kann: an allem Möglichen und Unmöglichen, vor allem am angeblichen Werteverfall, sollen die (realistisch gesehen) paar rebellischen Studenten und Jung-Akademiker schuld sein.
Die "´68er" waren aber nur ein winziger Teil einer umfassenden Änderung des gesellschaftlichen Klimas und der politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland. Ich halte dabei die Spiegel-Affäre 1962 und die Reaktionen der empörten Öffentlichkeit auf die Verhaftung regierungskritischer Journalisten für die entscheidende Wegmarke weg vom autoritären Gesellschaftsmodell, hin zum westlich-liberalen Gesellschaftsmodell.
Das ungeachtet der z. B. von Jaspers damals gesehenen - und heute wieder bestehenden - Entwicklung der Bundesrepublik zur Parteienoligarchie, die wiederum in Richtung Diktaturstaat treibt.

1969 war das Jahr, in dem die Bundesrepublik Deutschland sich politisch von vielen "alten Zöpfen" der autoritären Vergangenheit trennte. Ich erwähnte an anderer Stelle das 1. Strafrechtsänderungsgesetz, das am 1. September 1969 in Kraft tat, womit gleichgeschlechtlicher Sex erstmals seit Jahrhunderten keine Straftat mehr war. 1969 erfolgte auch die große Reform des § 166 StGB, der "Beschimpfung von Bekenntnissen". Die Beschimpfung von religiösen Bekenntnissen wird seitdem nur dann mit Geld- oder Freiheitsstrafe verfolgt, wenn der öffentliche Friede gestört werden kann. Verurteilungen aufgrund des "Gotteslästerungs-Paragrafen" 166 sind seitdem sehr selten geworden. Nicht zu vergessen: 1969 erlitt die NPD, die schon in den Landtagen von Hessen, Bayern, Bremen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Baden-Würtemberg saß, eine empfindliche Wahlschlappe und schaffte es bei der Bundestagswahl entgegen den Prognosen nicht über die 5 %-Hürde. Der Grund lag wahrscheinlich darin, dass die NPD nach innerparteilichen Auseinandersetzung ein Parteiprogramm verabschiedete, das nationalistisch und revisionistisch geprägt war, dass bekannt wurde, dass die NPD eine paramilitärische, SA-ähnliche Schlägertruppe mit Kampfausbildung und -ausrüstung unterhielt, und dass die NPD-nahe "Wiking-Jugend" eine beängstigende Ähnlichkeit zur Hitlerjugend hatte. Ein Partei mit erkennbaren Neonazi-Tendenzen und gewaltbereitem Anhang war offensichtlich für viele "Antilinke" und "Altrechte" nicht wählbar. In den kommenden dreieinhalb Jahrzehnten gelang es der NPD nicht mehr, oberhalb der kommunalen Ebene die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen.
Dass aus den Wahlen eine SPD-FDP-Koalittionsregierung unter Willy Brand ("Mehr Demokratie wagen") hervorging, beschleunigte die Entwicklung in Richtung "westliche liberale Demokratie" noch, war meiner Erachtens trotz des Reformwillens für diesen Prozess keine zwingende Voraussetzung. Wichtig war die sozialliberale Koalition, weil sich unter ihr die schon von der 1. Großen Koalition begonnene Entspannungspolitik gegenüber dem Ostblock beschleunigte. Damals waren viele Oppositionspolitiker der Ansicht, dass die Entspannung die deutsche Teilung zementieren würde, ab 1989 stellte sich heraus, dass sie das Zustandekommen der deutschen Einheit erleichtete. Man stelle sich zum Beispiel vor, es hätte keine de-facto Anerkennung der polnischen Westgrenze gegeben - wäre die "Wiedergewinnung der Ostgebiete" in den 70er und 80er Jahren noch offizielle Politik der BRD gewesen, wäre der 2 + 4-Vertrag schwerlich zustande gekommen. Auch hätte das Misstrauen gegenüber einer offen revanchistischen BRD alle Einheitsbestrebungen diskreditiert - übrigens auch im Westen.

In einem Interview mit Welt.de antwortete der deutsche Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk auf die Frage:
"Hat freiheitliches Denken in Deutschland überhaupt eine Chance?"
Immerhin haben wir vor 40 Jahren den entscheidenden Freiheitstest bestanden: Wie man weiß, hat man der BRD-Verfassung nach 1967 vorgeworfen, sie sei "eigentlich" nur eine faschistische Agentur unter liberaler Maske. Mir scheint die größte politisch-moralische Leistung der alten Bundesrepublik darin zu liegen, dass sie mit ihren jungen Hysterikern cum grano salis ohne größeren Schaden fertig geworden ist. Das politische System hat seine Reifeprüfung abgelegt, als es den Aufstand der Unreifen bewältigte. Es hat zahllosen Radikalen einen Rückweg in die Normalität angeboten, indem es ihnen zu verstehen gab: Sie hatten sich lächerlich, aber nicht strafbar gemacht. Mehr kann eine freiheitliche Verfassung ihren Verächtern nicht bieten.
Der Vorwurf, die BRD sei "eigentlich" nur eine faschistische Agentur mit liberaler Maske, den heute nicht einmal die meisten extremen Linken in dieser Form erheben würden, war damals weit bis ins linksliberale Lager verbreitet.
Wenn man sich z. B. den noch bestehenden Einfluss "alter Nazis" in Politik, Verwaltung, Bildungswesen und vor allem Justiz ansaht, an die Wahlerfolge der NPD dachte, die Debatte um die Notstandgesetze mitverfolgte, erlebte, mit welcher Brutalität Demonstrationen zusammengeknüppelt wurden, den aggressiven Antikommunismus vieler Medien (beileibe nicht nur denen des Axel-Springer-Verlages) berücksichtigte, die gefährlichen Lebenslügen der BRD erkannte (z. B. die, dass Westpolen und das ehemalige Ostpreussen nur "unter polnischer" bzw. "sowjetischer Verwaltung" stünden - kein bitterer Witz: damals zeigte die Wetterkarte der Tagesschau Deutschland in den Grenzen von 1937), und dann noch Jaspers kritische Analyse zur Parteioligarchie kannte, dann ist die extreme Skepsis gegenüber der BRD nur zu verständlich. Ab 1967 schlug diese Skepsis bei vor allem jungen Linken und Radikaldemokraten, wie Sloterdijk sagt, in Hysterie um. Durchaus verständlich, aber letzten Endes ein Bärendienst für die noch instabile liberale Demokratie.
Die Demokratie der BRD hat ihre Reifeprüfung bestanden, weil sie - trotz unübersehbaren Drucks, doch "hart durchzugreifen" und trotz der Terrorismus-Hysterie und des Radikalenerlasses der 70er Jahre, eben nicht die Mittel des autoritären Staates ausschöpfte - und "Jugendsünden" verzieh.

Leider ist die Gefahr groß, dass, sei es aus Dummheit, sei es aus Absicht, die autoritären Mittel heute nicht so sparsam angewendet werden wie ab 1969. Wobei die scheibchenweise Einführung eines Präventions-Straftrecht, das Unter-Strafe-stellen bloßer Absichten, die gefährlichsten Nebenwirkungen dieser Mittel für die Demokratie hat. Bezeichnenderweise war der größte Fehlgriff der 70er Jahre, der "Radikalenerlass", dem Präventionsgedanklen geschuldet - Prinzip: "Wer Mitglied in der DKP ist, betreibt auch Sabotage im Auftrag Ostberlins".

Damals bestand die BRD den Freiheitstest. Heute bin ich mir dessen leider nicht mehr so sicher.

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