Samstag, 29. November 2008

Drei ...

3 Jahre MMsSenf. Drei Jahre sind die übliche Dauer einer Ausbildungszeit für einen kaufmännischen oder handwerklichen Beruf. Alle drei Jahre werden der Ernst-Bloch-Preis, der Karl-Jaspers-Preis und der Bertholt-Brecht-Preis verliehen. Seit neuestem kann man sich für die Verbreitung von "Jugendpornographie" drei Jahre Gefängnis einhandeln. Die reguläre Verjährungsfrist im deutschen Zivilrecht beträgt drei Jahre. Nach drei Jahren sind Straftaten, die mit weniger als einem Jahr Freiheitsstrafe geahndet werden, verjährt. Drei Jahre muss ein echter Sbrinz (Hartkäse) reifen. Alle drei Jahre tagt die Hauptversammlung der Internationalen Union für reine und angewandte Physik. Drei Jahre Zeit sollte man ansetzen, wenn man mit einer kleinen Yacht die Erde umsegeln möchte.

Drei Jahre, in denen sich in meinem Leben für meinen Geschmack zu wenig geändert hat (immerhin ist es nicht schlechter geworden) und in Deutschland zuviel zum Schlechteren.
Seit genau drei Jahren gibt es MMsSenf. Übrigens war es als Provisorium gedacht - nichts hält so lange wie ein gutes Provisorium.

Drei Jahre, in dem ich in diesem Blog vieles schrieb, was ich heute nicht mehr schreiben würde. Und ein paar Beiträge, für die ich mich schäme. Aber auch drei Jahre, in denen ich eine handvoll Artikel schrieb, auf die ich wirklich stolz bin.

Auf die nächsten drei Jahre!

Freitag, 28. November 2008

Claude Lévy-Strauss wird heute 100

Claude Lévi-Strauss ist schon lange der "große alte Mann" der Ethnologie bzw. Kulturantropologie,und wurde berühmt als einer der Begründer des Strukturalismus (obwohl er sich dagegen verwehrt, zu dieser philosophischen Richtung gezählt zu werden) und als Vorkämpfer der Kolonialismus- und Zivilisationskritik.

Die "Bricolage" (Bastelei), ist ein zentraler Begriff in Lévi-Strauss' Werk. Mit dem Bild des Bastlers, erklärt er die Entstehung und Weitergabe von Mythen. Ein Bastler erfindet nicht etwas völlig Neues, sondern improvisiert, er kombiniert das, was er gerade zur Hand hat. Statt radikal anzufangen, transformiert der Bastler das Bestehende, indem er es auf originelle Art und Weise zusammensetzt. Ein, wie ich finde, großartiges Bild.

Lévi-Strauss nennt die Psychoanalyse die moderne Form der schamanischen Technik. Dafür könnte ich ihn umarmen.

Es heißt, er hätte von Grund auf unser Bild vom Menschen verändert. Mag sein. Er hätte das "primitive" Denken rehabilitiert und dazu beigetragen, den Eurozentrismus zu überwinden. Wenn damit gemeint ist, dass Lévy-Strauss gegen ein zu einseitiges Verständnis der menschlichen Rationalität hinwies, und die fruchtbaren Funktionen von Mythen, Bräuchen und Traditionen ins Bewusstsein rückte, stimmt das. Aber der Eurozentrismus, die kulturelle Arroganz gegenüber den "Primitiven" ist leider noch nicht überwunden.
Lévy-Strauss tritt dafür ein, gegenüber allen Bräuchen und Sitten eine neutrale Haltung einzunehmen. Für die Kulturwissenschaften ist das richtig und wichtig, aber es stellt sich meiner Ansicht nach die Frage, ob sein extremer Kulturrelativismus, in Verbindung mit seinem Universalismus der Strukturen, nicht auch die politischen, ökonomischen und kulturellen "Eliten" dazu verführen könnte, sich vor moralischer Verantwortung zu drücken.
Auch seinen Kulturpessimusmus halte ich für nachvollziehbar, aber nicht immer für angebracht. Aber dafür, dass "Antiwestler" bis ins neurechte Lager seine Ansätze instrumentalisieren, kann er meiner Ansicht nichts.

Seine Werke werden, denke ich, nicht nur deshalb bestand haben, weil er ein hervorragender Schriftsteller ist. Mir wurde, wie vielen anderen auch, Lévy-Strauss durch seinen Bestseller "Traurige Tropen" bekannt. Es ist schon über ein halbes Jahrhundert her, dass sein sehr persönlich gefärbter Reisebericht erschien. Er berichtet darin von seinen in den 1930er-Jahren unternommenen Expeditionen zu den Indio-Stämmen der Boróro, Nambikwara, Mundé und Tupí-Kawahib in Brasilien.

nzz: Der Blick der Katze

taz: Mythen, Musik, Bastelei

Die Presse: Claude Lévi-Strauss: Auf der Spur des nackten Menschen

Dienstag, 25. November 2008

In der Kürze ...

"Es ist nicht schwer, zu komponieren, aber es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen."
Johannes Brahms spricht mir aus der Seele. Als Schreiber kommt mir der Vorgang sehr bekannt vor: ich verbringe regelmäßig mehr Zeit damit, meine Texte zu kürzen, als darauf, sie zu schreiben.

So schwierig das Kürzen auch ist - es ist relativ einfach, unnötig lange Worte zu vermeiden. Überflüssige Silben machen Texte schwerfällig und halten den Lesefluss auf. Das gilt vor allem für das umständliche Bürokratendeutsch, das leider sogar auf journalistische Texte abfärbt.
Warum oft z. B. vom "Gefahrenpotenzial" statt von "Gefahr" die Rede ist, kann ich noch nachvollziehen: Es klingt einfach "gehobener". Schwulst, Angebersprache, wenn man so will.
Aber warum "eine Überweisung tätigen", wo man einfach "überweisen" kann? Warum "Stillschweigen bewahren" - wo man einfach schweigen kann? "Ich bejahe diese Fragen ganz entschieden mit Ja".

Nicht nur überflüssig, sondern falsch sind "Rückantwort" statt "Antwort" oder "Unkosten" statt "Kosten". Von der üblichen Bedeutung der Vorsilbe "un-" her müssten "Unkosten" das Gegenteil von "Kosten" sein.

Aber vielleicht würde bei einer klaren, knappen und einfachen Sprache auffallen, wie wenig viele Journalisten, "Experten" und vor allem Politiker wirklich zu sagen haben.

Samstag, 22. November 2008

Kinderpornoterroristen

Moderne Legenden ("urban legends")haben oft etwas Lächerliches. Eine der lächerlichsten "urban legends" der letzten Monate waren die Kinderpornoterroristen - die Behauptung, dass islamistische Terroristen geheime Botschaften in Bildern durch Steganografie verschlüsseln und zwar ausgerechnet in Kinderpornos. (Hintergrund dieser hirnverbrannten Idee bei "telepolis": Die Terroristen und die Kinderpornografie.)
Offensichtlich wurde diese Legende von Geheimdienstlern lanciert. Es ist sicherlich nicht allzu "verschwörungstheoretisch" gedacht, wenn ich annehme, dass diese Geheimdienstler ihre "Pappenheimer" kannten.

Gesetzt den Fall, jemand beabsichtigt, massiv in der Privatsphäre von möglichst vielen Bürgern herumzuschnüffeln, ist das "Argument" Kinderpornographie taktisch gesehen dem "Argument" Terrorismus überlegen. Nicht nur, dass die Wahrscheinlich, bei einer spontanen Hausdurchsuchung auf Kinderpornographie (und erst recht auf Jugendpornographie) oder zumindest etwas, was als KiPo bzw. JuPo ausgelegt werden könnte, zu stoßen, weitaus größer ist, als die, etwas zu finden, was auch nur entfernt an Terrorpläne erinnert - die Kinderpornographie ist auch psychologisch zur Panikerzeugung besser geeignet als die "abstrakte Bedrohungslage durch Terroristen".

Wie psychologisch wirksam das Stichwort Kinderpornografie ist, erkennt man daran, das es das rationale Denken in den Redaktionsräumen komplett auszuschalten vermag. Von seriöser Recherche kann bei diesem Thema selbst bei "Qualitätsmedien" nur selten die Rede sein. Fakten sind bei diesem Thema nicht gefragt - es geht um Emotionen, um berechtigte, aber auch um oft irrationale Ängste, die wiederum durch die Medien verstärkt werden.

Dabei ist es erstaunlich, was alles behauptet und offensichtlich geglaubt wird - z. B. dass kinderpornographische Bilder und Videos massenhaft im World Wide Web vertrieben würden, was offensichtlich auch unsere Frau Ministerin von der Leyen meint. Es wäre auch sehr unwahrscheinlich, weil es für die Täter extrem riskant wäre. Was das BKA schon 1998 ganz richtig sagte, stimmt immer noch: Das WWW stellt nicht das Hauptpotential für Straftaten dar. Was allerdings stimmt: das Internet (von dem das WWW nur ein Teilbereich ist) spielt beim nicht-kommerziellen Tausch von Kinderpornographie eine wichtige Rolle, wobei File Sharing, IRC und in gewissen Umfang auch noch Usenet-Gruppen benutzt werden. Ein kommerzieller Anbieter gefährdet zwangsläufig seine Anonymität durch Bezahlung. Deshalb sind die viel zitierten "Kinderporno-Ringe" fast immer reine "Amateurveranstaltungen", in denen ohne Gewinnabsicht Kinderpornos getauscht werden. Die Behauptungen, Kinderpornographie sei ein Multi-Millionen-Geschäft, sind m. E. aus der Luft gegriffen.

Um eines Klarzustellen: Es geht mir, wenn ich mich mit medialen Legenden über "Kinderpornographie im Internet" auseinandersetze, nicht um den "Missbrauch" von Kindern (in Anführung, weil der Begriff "Missbrauch" suggeriert, es gäbe einen korrekten "Gebrauch" von Kindern) bzw. wie ich es lieber formuliere, um sexualisierte Kindesmisshandlung. Und Kinderpornographie ist nichts anderes als die bildliche Darstellung sexualisierter Kindesmisshandlung. Dass ich so etwas zutiefst verabscheue, müsste ich nicht eigens betonen, wenn ich nicht Kommentare auf frühere Artikel bekommen hätte, ich würde mit der "Kinderporno-Mafia" sympatisieren.

Es geht darum, dass Abbildungen von sexualisierten Kindesmisshandlungen im "Internet" (gemeint ist meistens nur das WWW) zu finden wären. In dieser Hinsicht kann ich beruhigen: im "Internet" gibt es nicht so große Gefahren für Kinder und Jugendliche, wie gemeinhin vermutet wird. Die Chance, beim Surfen "per Zufall" auf (harte) Kinderpornographie zu stoßen, ist gleich Null.
Es gibt allerdings noch sog. "Posing"-Fotos, d. h. sexualisierte Darstellungen von Kindern "im Internet", weil die Rechtslage auf diesem Gebiet national sehr unterschiedlich ist. Da diese Bilder aber in der Regel nicht infolge sexualisierter Gewalt gegen Kinder zustande kommen, bezeichne ich sie als "weiche Kinderpornographie" - vulgo: Wichsvorlagen für Pädophile. Und dann gibt es zahllose nicht-sexualisierte Fotos nackter Kinder "im Internet" - die zwar auch unter Umstände Wichsvorlagen für Pädophile abgeben, aber das sollte kein Kriterium für die Strafbarkeit sein. Es gibt Pädophile, die sich an den Kinderwäscheseiten im Otto-Katalog und ähnlicher Werbung aufgeilen.

Das bedeutet nicht, dass die Kinderporno-Hysterie nun bei langer Zeit als völlig harmlos angesehener Werbung nicht zubeißen würde. Zumindest in den USA ist es längst so weit:
coppertone-heute
Was auffällt: das kleine Coppertone-Mädchen hat keine Gesäßfalte / "Poritze".
Zum Vergleich das gleiche Motiv vor 50 Jahren - wohlgemerkt: aus den "prüden 50ern", als es in den USA verboten war, im Fernsehen zwei Menschen in einem Bett zu zeigen, auch wenn sie angekleidet waren:
coppertone-damals
Dass das damalige Coppertone-Mädchen sehr braungebrannt ist, was dem herunter gezogenen Höschen erst seinen werblichen Wert gab ("extrem braun ohne Sonnenbrand dank Coppertone"), während das heutige eher blass wirkt, ist ein anderes Thema.

Es ist in der Soziologie schon lange bekannt, welchen Sinn Gebote und Tabus gesellschaftlich machen: Gesellschaftliche Regeln und Tabus grenzen ein, was gesagt und gedacht werden kann. Sie stärken damit Identität und Zusammenhang einer Gruppe und ritualisieren den öffentlichen Diskurs. Wer sich außerhalb des Konsens stellt, wird schnell moralisch ausgegrenzt - und eignet sich daher ideal zur Konstruktion eines Feindbildes.

Wie dieses Konsens aussieht, und was jeweils für "moralisch zutiefst verwerflich" gehalten wird, unterliegt Schwankungen. (Das "Coppertone-Mädchen" ist dafür ein gutes Beispiel.)

Im "Internet" gibt es z. B. Informationen darüber, welche Cannabis-Sorten in Holland gerade besonders günstig zu erwerben ist. In den 1970er Jahren hätte das, hätte es das "Internet für Jedermann" schon gegeben, sicherlich zu einem medialen Aufschrei geführt. Heute gibt es zwar immer noch gesellschaftliche Probleme wegen des Missbrauchs illegaler Drogen, aber die Hysterie darüber ist abgeklungen, womit z. B. eine Entdämonisierung des Hasch-Rauchens, nach 70er-Jahre-Konsens noch "der gefährlichsten Einstiegsdroge", einherging.
Die Verbindung zwischen Drogenhandel und Terrorismus wäre leicht herzustellen (in einigen Fällen ist sie sogar nachgewiesen). Dennoch spielt das Thema "Drogen im Internet" bei Initiativen für mehr Kontrolle kaum eine Rolle, weder in den Medien, noch seitens der Politik oder der Interessenverbände. Einfach, weil der Hype schon lange "durch" ist.

Die Hysterie beim Thema "Kinderpornografie im Internet" konnte nur deshalb zum "moralischen Mainstream" eskalieren, weil die Selbstkontrolle der Medien versagte: die Behauptungen wurden praktisch nie nachgeprüft. Ein rein ökonomischer Vorgang: Die quotenträchtige, weil angstbesetzte Schlagzeilen wie "immer mehr Kinder-Pornografie im Netz" versprechen Nachfrage (verkaufte Auflage, Einschaltquote), Recherchen, die diese Behauptung schnell ad absurdum geführt hätte, unterblieben deshalb.

Freitag, 21. November 2008

Das dürfte Einiges erklären ....

Wieso kommen Politiker auf die Idee nach über 20 Jahren E-Mail plötzlich ein digitales Porto einführen zu wollen?

Wieso glaubt eine Ministerin, dass Internet-Sperren wirklich gegen Kinderpornographie helfen würden?

Warum glauben europäischen Kultusminister DRM würde dem Verbraucherschutz dienen?

Wieso bestimmt hinsichtlich des Internet Angst die Agenda der meisten politischen Entscheider?
Machen wir uns nichts vor: In den vergangenen Jahren ist, nicht nur in Deutschland, eine gefährliche Parallelgesellschaft entstanden. Eine Gegen­gesellschaft von alten Männern, die sich kurz nach Erfindung des Kugelschreibers vom technischen Fortschritt abgekoppelt haben. Reaktionär, dogmatisch, unbelehrbar – und auch noch mächtig stolz darauf.
(Gefischt aus dem "Jungle World"-Archiv.)

Donnerstag, 20. November 2008

... und noch ein Politiker, der dankeswerterweise Klartext redet

"Uns trennt das Menschenbild. Wir Nationalen lehnen den Gleichheitsgedanken ab."
Birger Lüssow, Landtagsabgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern, NPD, vor dem Landtag.

Die NPD bekennt sich, laut Lüssow, zur Ungleichheit der Menschen, ein Volk brauche Hand- und Kopfwerker. Lüssow mokiert sich noch über die fehlende Qualität bei vielen Abiturienten und tritt für die Förderung von Eliten ein.
NPD-blog

Das klingt doch irgendwo anders als im Wahlkampf, als die NPD gezielt die "kleinen Leute" ansprach, die "Verlierer".
Und noch etwas, bevor hier jemand Mitleid mit Wählern, die sich täuschen ließen, bekommt:
Wer die Nazis wählt, ist ein Nazi - und kein armes Opfer! (Und sei es aus Dummheit.)

Nachtrag: Und sie hören nicht auf, sich selbst zu entlarven: Antisemitische und rassistische Hetze: NPD erreicht mal wieder einen Eklat.

Ich schätze Politiker, die Klartext reden

... die unmissverständlich sagen, was sie denken und was sie von Demokratie und Bürgerrechten wirklich halten.

Zum Beispiel Hans-Peter Uhl (CSU). Der sagt, was Sache ist und was er von Demokratie und Bürgerrechten wirklich hält:
"Mit diesem linken Gerülpse aus Sachsen lässt sich doch nichts anfangen."
Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Hans- Peter Uhl (CSU), in der "taz" zur Ablehnung des BKA-Gesetzes durch die sächsische SPD
tagesschau.de

Nachtrag: Ähnlich deftig-deutlich ist sein Parteifreund, der bayerische Innenminister Joachim Herrmann:
Es wäre eine Katastrophe für die Innere Sicherheit in Deutschland, wenn das BKA-Gesetz scheitern würde", sagte Herrmann der PNP. Alle, die das Gesetz jetzt blockierten, "müssen sich bewusst sein, dass sie im Fall eines Terroranschlages möglicherweise ein Stück Mitschuld auf sich laden."
pnp.de

Das aktuelle Gegenbeispiel ist Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Die behauptet gegenüber dem Hamburger Abendblatt:
Es gibt eine riesige Dunkelziffer. Es wird immer mehr über kommerzielle Websites verbreitet. Da werden Millionenbeträge verdient. Pornografische Videos, auf denen Kinder gequält und gefoltert werden, werden allein in Deutschland bis zu 50000-mal im Monat heruntergeladen.
Das wird schon seit Jahren behauptet. Aber es wird durch die Wiederholung nicht richtiger. Von hinten angefangen: die Zahl der Downloads von kinderpornographischen ist reine Mutmaßung, denn woher sollten die Ermittler das wissen? Die (kläglichen) Ergebnisse z. B. Operation Himmel - tausende Verdächtige, hunderte beschlagnahmte PC, praktisch keine Verdächtigen, bei denen es auch nur zur Anklage gereicht hätte, und es keine Verurteilungen - deuten in eine andere Richtung (hierzu bei Udos Lawblog: Aktion Himmel: Keine Verurteilungen, aber ein Erfolg).
Ebenso die erfreuliche Tatsache, dass Sexualdelikte gegenüber Kindern seit Jahren rückläufig sind und die Aufklärungsquote im Vergleich zu ähnlichen Straftaten sehr hoch ist (nachzulesen u. A. bei der Polizei NRW). "Kommerzielle Websites"? Kinderpornographie ist überall verboten. Daher kann ein Anbieter, der so dumm wäre, Kinderpornos auf einer Website anzubieten (was etwa mit einem Bankräuber vergleichbar wäre, der am Tatort seinen Personalausweis liegen ließe, denn eine Website kann nicht anonym sein), ohne weiteres belangt werden. Deshalb gibt es gar keine Kinderporno-Websites. Es geht bei "Kinderpornographie im Internet" um IRC oder um Filesharing.
Wir schließen die Datenautobahn der Kinderpornografie. Das BKA erstellt Listen der kinderpornografischen Websites.
Wenn es die gäbe, könnte jeder normale Besitzer eines Computers, der online gehen kann, zumindest den technisch Verantwortlichen binnen weniger Minuten ohne zusätzliche Software ausfindig machen. Womit man sich das Listen-Erstellen sparen und gleich den Staatsanwalt einschalten könnte. Aber weiter:
Jetzt sollen die Zugangsanbieter gesetzlich verpflichtet werden, die Listen zu beachten und solche Websites unverzüglich zu schließen. Der Kunde klickt an und läuft ins Leere – kein Anschluss unter dieser Nummer. Das ist technisch möglich, und es ist rechtlich möglich.
Im Klartext fordert sie also eine Art Zensur wie sie schon in Nordrhein-Westfalen in Hinblick auf Neonazi-Websites praktiziert wird: Die Regierung gibt den Providern vor, welche IP-Adressen zu sperren sind. Das Dumme ist nur, dass solche Sperren leicht zu umgehen sind. Die einzige Methode, die wirklich funktionieren würde, wäre eine Sperre mittels eines Zwangsproxys. Damit hätte wir aber ein "gleichgeschaltetes" Internet mit nahezu unbegrenzten Zensurmöglichkeiten.
Ich weiß nicht, ob die Ministerin sich dessen bewusst ist oder ob sie selbst manipuliert wird. Aus Bürgersicht ist das egal: gequälte Kinder werden instrumentalisiert, um Zensurmaßnahmen durchzudrücken.

In das selbe Horn stieß Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU): Glos will Gesetze gegen Internet-Kriminalität verschärfen. Er äußerte das auf dem "3. nationalen IT-Gipfel" in Darmstadt.

Aber auch dort gibt es Menschen, die Klartext reden. Wie der Präsident des Branchenverbandes BITKOM, August-Wilhelm Scheer:
Um die Branche zusätzlich zu beleben, forderte Scheer die beschleunigte Einführung eines elektronischen Personalausweises und einer elektronischen Gesundheitskarte. Dies biete der IT-Branche nicht nur ein Investitionsvolumen von rund acht Milliarden Euro, sondern sei bürgerfreundlicher und spare auch der öffentlichen Hand Kosten.

Nachtrag: Netzpolitik-Interview: Alvar Freude über Netzsperrungen.

Kindesmissbrauch: Zweifel an Leyens Internet-Sperren (Zeit-online)

Mittwoch, 19. November 2008

Zeitgeist

Die Zugriffsstatistik zeigt es: auf keinen Beitrag meines Senfblogs wurde so oft zugegriffen, wie auf Zeitgeist Weltverschwörung. Wobei das mehr dem Thema "Weltverschwörung" als dem von mir besprochene Film den Titel gebenden "Zeitgeist" geschuldet ist.

Wenn ich einen ähnlichen Film machen wollte - bei welchen Erscheinungen des "Zeitgeistes" wäre ich geneigt, nach irgendwelchen "Leuten hinter dem Vorhang" zu suchen? Wo juckt es mich, selbst Verschwörungstheorien zu spinnen?

Ein "verlockendes" aktuelles Beispiel ist das BKA-Gesetz. Rein theoretisch ist es schon im Bundesrat gescheitert, Breite SPD-Front gegen BKA-Gesetz oder etwas genauer bei netzpolitik unter dem leicht irreführenden Titel: Union im Bundesrat fast isoliert beim BKA-Gesetz. Besonders interessant sind die Bedenken der sächsischen SPD - sie lehnt wesentliche Teile des BKA-Gesetzes ab. Ein bisschen Umschreiben und Abschwächen nach Maßgabe des Vermittlungsausschusses des Bundestags würde da nichts nützen.
Wenn die SPD beinahe bundesweit dagegen ist, wieso halten die Innenexperten der SPD-Fraktion im Bundestag, von Dieter Wiefelspütz bis Sebastian Edathy, und natürlich auch Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier, so eisern am bürgerrechtsfeindlichen "Kompromiss" fest - so eisern, dass sich niemand sicher sein kann, dass die SPD in den Ländern nicht doch einknickt?

Als echter "V-Theoretiker" würde ich die Frage stellen: "Wem nützt es?" - Die Frage ist eindeutig zu beantworten: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Nicht nur trägt das Gesetz deutlich seine Handschrift, es räumt ihm eine außerordentliche Machtstellung ein: Das BKA-Gesetz führt nämlich dazu, dass in Terrorsachen das Bundeskriminalamt, also die Polizei, das Sagen hat - und damit die diesem vorgesetzte Behörde, das Bundesministerium des Inneren. Nicht mehr der Generalbundesanwalt, sondern Minister Schäuble führt künftig das entscheidende Wort. Und da nirgendwo genau definiert ist, was "Terrorismus" genau ist, wäre Schäuble de facto der mächtigste Mann Deutschlands. Als Verschwörungsfan würde ich irgend etwas finsteres in den Hinterzimmern des Bundestages vermuten - etwa, dass Schäuble und sämtliche gleichgesinnte Sicherheitspolitiker von einer Gefahr wissen, die unbedingt geheim gehalten werden muss, aber ungeheure Ausmaße hat - von Umfang der Angst, die Schäuble erkennen lässt, müsste es eine Bedrohung in der Größenordnung eines Asteroideneinschlag sein ...

Und noch etwas: Ist es denn noch niemandem aufgefallen, dass im den Asteroiden-Einschlags-Filmen "Deep Impact" und "Armageddon" der Präsident der USA ein Schwarzer ist? Worauf will man uns schonend vorbereiten?!? - Ich sehe zwar den Zusammenhang nicht ganz, und verstehe auch nicht, was Total-Überwachung und Bundeswehreinsatz im Inneren gegen den Asteroiden helfen sollen, aber Schäuble wird schon wissen, was er tut.
Man muss unseren Sicherheitsexperten einfach vertrauen. (Sonst stellen sie einen sofort unter Terrorverdacht.)

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