Freitag, 20. Juni 2008

Damit es nicht völlig untergeht: Sexualstrafrecht verschäft

Heute beschloss der Deutsche Bundestag, weitgehend abseits der medialen Aufmerksamkeit, die Konsolidierte Neufassung §§ 176,182,184b bis 184g des Strafgesetzbuches.
Auch wenn das Gesetz "gut gemeint" wirkt Bundestag verschärft Sexualstrafrecht - geht es nach dem Wortlaut des Gesetzes, könnten auch Sexualkundebücher nun durchaus als "Kinderpornographie" eingestuft werden. Auch der neu geschaffene Begriff der "Jugendpornographie" sieht mir sehr nach einem "Gummiparagraphen" aus.

Ob das Gesetz gegen sexuelle Kindesmisshandlungen - ich halte nichts vom Begriff "sexuellen Missbrauch von Kindern", da er für mich immer so klingt, als gäbe es einen korrekten "Gebrauch" von Kindern - wirkt, darf bezweifelt werden. Was auf alle Fälle geschehen wird: die Anzahl der Sexualstraftaten wird steigen - auf dem Papier.
Hierzu auch Gedanken zu einer verspäteten Empörung

Lobotomie: von der OP aus Verzweiflung zur systematischen Menschenrechtsverletzung

Mir war diese Operation zuerst nur als Redensart bekannt - als Redensart von Menschen, die im weitesten Sinne mit Psychologie, Psychiatrie und Neurologie zu tun haben (selten allerdings aus dem Munde von Psychologen, Psychiatern oder Neurologen): die Lobotomie. "Als ob er lobotomiert wäre ... " oder "wie lobotomiert". Ich kannte sie auch aus dem psychiatriekritischen Spielfim "Einer flog übers Kuckucksnest", in dem der Protagonist McMurphy am Ende einer Lobotomie unterzogen wird - eine Operation, die seine Persönlichkeit zerstört und ihn in ein antriebsloses, unselbständiges Wrack eines Menschen verwandelt.

Ich fragte mich, wieso eine offensichtlich so schreckliche Operation überhaupt erfunden wurde - und mehr noch, wieso sie in den 1940er bis in die 1960er Jahren millionenfach ausgeführt wurde. Erstaunt war ich, als ich las, dass einer der Erfinder der Lobotomie, Egas Moniz zusammen mit dem Schweizer Neurologen Walter Rudolf Hess 1949 den Nobelpreis für Medizin erhielt - "für die Entdeckung des therapeutischen Wertes der präfrontalen Leukotomie bei gewissen Psychosen" (Die präfrontale Leukotomie nach Moniz ist jene Operation, die meistens Lobotomie genannt wird.)
Egas Moniz, der auch Diplomat und Politiker war, galt keineswegs als skrupelloser Chirurg, sondern als ausgesprochener Philanthrop. Es war vermutlich reine Verzweiflung, die ihn dazu brachte, 1935 an einem Patienten mit unheilbarem Hirnschaden die erste Lobotomie durchzuführen. Sie wurde ursprünglich zur Schmerzausschaltung in extrem schweren Fällen angewendet, dann bei agitierten psychischen Erkrankungen wie Psychosen und Depressionen. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass es in den 1930er Jahren kaum wirksame Psychopharmaka gab, und in schweren Fällen den Psychiatern keine andere Wahl blieb, als schwer aggressive oder autoaggressive psychotische Patienten dauerhaft zu fixieren, also buchstäblich ans Bett zu fesseln, damit sie sich oder andere nicht verletzen. Jede Therapie, die Abhilfe versprach, wurde deshalb enthusiastisch aufgenommen. Da die Lobotomie anscheinend gut wirkte, wurde sie immer häufiger angewendet, und zwar auch bei Patienten, die keineswegs dauerhaft gefesselt werden mussten oder an extremen Schmerzen litten.
Bei einer Lobotomie werden die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Stirnhirn sowie Teile der grauen Substanz durchtrennt. Die von Moniz entwickelte Methode wurde auch Präzisionsmethode genannt, obwohl sie verglichen mit modernen sterotaktischen Hirnoperationen grobschlächtig wirkt. Sie war relativ aufwendig und erforderte mindesten zwei Ärzte, einen Neurologen und einen Neuro-Chirurgen. Dabei wurden Teile des Gehirns einfach "zerschnitten", wobei wenigstens darauf geachtet wurde, das Gehirn so wenig wie möglich zu verletzen.
Dabei wurden durchaus Erfolge berichtet. Viele Patienten konnten aus den Anstalten entlassen werden, manche sollen nach Jahren der Krankheit wieder berufstätig geworden sein. Es gibt allerdings kaum empirische Belege für die Wirksamkeit der Methode - und keine systematischen, neutral kontrollierten Studien.
Auch bei geglückten Operationen traten oft unübersehbare Nebenwirkungen auf, meistens Persönlichkeitsstörungen. Die Opfer - anders kann man es nicht nennen - von missglückten Lobotomien wurden oft nach der OP völlig apathisch und willenlos und waren nicht selten auf lebenslange Pflege angewiesen.
Die anfangs gefeierte Methode hat etwa ab 1955 stark an Bedeutung verloren und wird seit ca. 1970 nicht mehr angewendet, Psychopharmaka und verfeinerte stereotaktische Hirnoperationen wie die Thalomatomie haben sie völlig abgelöst. Heute wird sie als "Irrtum der Medizin" gesehen.

Ihren schrecklichen Ruf verdankt die Lobotomie allerdings ihrem massenhaften Missbrauch, und zwar fast weltweit.
Der "Lobotomie-Boom", der von den USA ausging, ist untrennbar mit dem Namen Walter Freeman verbunden. Auch Freeman war kein vorsätzlicher böser, ignoranter oder gar sadistischer Arzt. Die Sorge um psychiatrische Patienten trieb ihn um, sein Mitgefühl mit den Kranken soll ehrlich gewesen sein. Trotzdem brachte er unendliches Leid über zahllose Patienten und deren Angehörige.
Freemann entwickelte die "transorbitale Operationsmethode", weniger vornehm "Eispickelmethode" genannt. Auf den ersten Blick eine geniale Neuerung: die OP konnte unter örtlicher Betäubung vorgenommen werden und der Schädel des Patienten musste auch nicht mehr aufgebohrt werden. Das tatsächlich einem Eispickel ähnelnde Instrument wurde durch die Orbita (Augenhöhle) nach Durchbruch des dünnen Knochens am Orbitadach in das Schädelinnere getrieben und durch rotierende Bewegungen die Nervenbahnen zwischen Thalamus und Stirnhirn durchtrennt - wobei unweigerlich Teile des Gehirns zerstört wurden. Beim Patienten blieben keine äußeren Narben zurück, nur ein vorübergehend zugeschwollenes "blaues Auge" zeugte von der brutalen OP.
Die Operationsmethode war so einfach, dass sie von einem einzigen Chirurgen durchgeführt werden konnte, der nicht einmal neurochirurgische Qualifikation haben musste.
Da der Patient (wie bei modernen Hirnoperationen) bei Bewußtsein bliebt, konnte die Wirkung der Operation sofort abgeschätzt werden. Allerdings dachte Freeman dabei nicht an ein die Hirnfunktionen möglichst schonendes Vorgehen - im Gegenteil: er hielt nur dann das Ausmaß der Substanzzerstörung im Gehirn für ausreichend, wenn seine Patienten ernsthafte kognitive Probleme, z. B. bei Rechenaufgaben, zeigten. Er glaubte beobachtet zu haben, dass nur bei Patienten, welche zumindest vorübergehend derlei Beeinträchtigungen aufwiesen, auch wirklich die Symptome ihrer psychischen Beschwerden gelindert wurden.
Mit der der zeit- und kostengünstigen "Eispickel"-Methode setzte Anfang der 1940er-Jahre der "Boom" der anfangs sogar von vielen Fachärzten als "Wundermittel" gepriesenen Lobotomie ein.
(Lobotomie: Tiefe Schnitte ins Gehirn GEO-Artikel über die drastische Operationsmethode Freemans.)

Freeman war der Hoffnungsträger für unzählige Familien mit psychisch kranken Angehörigen und Liebling der Presse. Seine Propaganda fiel wahrscheinlich deshalb auf so fruchtbaren Boden, weil sie versprach, soziale Probleme preisgünstig und schnell "aus der Welt zu schaffen". Sein Werbeslogan war: "Lobotomie bringt sie nach Hause."
Die Lobotomie: Wie ein Relikt aus finsterer Zeit (Deutsches Ärzteblatt).

Nach Angaben von P. R. Breggin (Elektroschock ist keine Therapie, 1989, Urban & Schwarzenberg) beschönigte Freeman die Auswirkungen seiner Therapie nicht: "Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft."
Auch wenn dieser Zynismus im krassen Kontrast zum bezeugten Mitgefühl Freemans mit seinen Patienten steht, kann ich mir leicht vorstellen, dass das "Therapieziel" "roboterähnliches, kontrollierbares Individuum" vor allem in Hinsicht auf die "forensische Psychiatrie" ausgesprochen verlockend klang: Wozu einen straffällig gewordenen "Geisteskranken" vielleicht lebenslang wegsperren und auf Staatskosten versorgen, wenn er, mit einer schnellen, preiswerten Hirnoperation "harmlos" gemacht, auch zuhause leben und womöglich einer nutzbringenden Erwerbsarbeit nachgehen kann?
Hat man sich erst einmal an diesen Gedanken gewöhnt, dann liegt der nächste Schritt verlockend nahe: Wieso sollte man nur schwerwiegende "Geisteskrankheiten" mit einer Lobotomie behandeln, wieso nicht auch z. B. hyperaktive, sexuell auffällige, notorisch kriminelle oder einfach nur renitente Menschen mit einem kleinen Schnitt ins Gehirn "resozialisieren"? In den 1950er Jahren wurde sogar versucht, Homosexualität oder eine kommunistische Einstellung mittel Lobotomie zu "kurieren". Solche menschenverachtenden "Therapien" waren nicht nur in den USA populär. In der UdSSR wurde z. B. die Psychiatrie systematisch politisch missbraucht, vor allem indem Systemkritiker für "geisteskrank" erklärt wurden und in geschlossenen Anstalten "verschwanden" - es sind aber auch "politisch motivierte" Lobotomien bekannt geworden. Es entbehrt nicht einer bitteren Ironie, dass sowohl Kommunismus wie Anti-Kommunismus mit Lobotomie "behandelt" wurden. (In der Sowjetunion wurde der Eingriff allerdings schon 1951 offiziell verboten.)
Weltweit werden die durchgeführten Operationen auf etwa eine Million geschätzt.

Infolge einer weiteren bitteren Ironie der Geschichte bleib Deutschland vom "Siegeszug der Lobotomie" weitgehend verschont - nach den grausamen Menschenversuchen durch Nazi-Ärzte und dem offenen Missbrauch der Psychiatrie in Nazideutschland schreckten die meisten Neurochirurgen im Nachkriegsdeutschland vor drastischen psychochirurgischen Eingriffen, die auch noch damit begründet wurden "gefährliche Irre" chirurgisch in "nützliche Mitglieder der Gesellschaft" zu verwandeln, glücklicherweise zurück - und sei es nur aus "Imagegründen".

In Deutschland war das Verfahren also nie wirklich etabliert, sehr im Gegensatz zu den etablierten Demokratien des europäischen Nordens wie Schweden, Finnland oder Norwegen.

Die "Hochburg" der Lobotomie war, jedenfalls gemessen an der Bevölkerungszahl, Schweden. Laut einem Bericht des staatlichen schwedischen Fernsehsenders SVT vom April 1998 wurden bis 1963 etwa 4500 Menschen lobotomiert, viele davon gegen ihren Willen. Mindestens 500 von ihnen waren nach heutiger Lesart keine psychiatrisch Erkrankten, sondern u.a. hyperaktive oder zurückgebliebene Kinder. Ein großer Teil der Lobotomierten stammte aus "unerwünschten Randgruppen" (namentlich Alkoholiker und Homosexuelle).

Der Sozialwissenschaftler Kenneth Ögren stellt in seiner Dissertation fest, dass in Schweden die Lobotomie in den 1940er und 1950er stärker akzeptiert wurde als in den USA. Ögren sieht eine mögliche Erklärung darin liegen, dass die medizinische Kultur Schwedens paternalistischer ist als die der USA - dass also Ärzte und andere Experten für die Patienten entscheiden, anstatt sie selbst entscheiden zu lassen.
Ögrens untersuchte die Diskussion um die damalige Psychochirurgie in Schweden, indem er den Diskurs innerhalb des Faches, die Darstellung dieser Methode in den Medien, und die Rolle der Regierung und der nationalen Gesundheitsbehörde untersuchte.
In der schwedischen Psychiatrie wurde die Diskussion über die Wirksamkeit und die Risiken der Lobotomie lange Zeit unterdrückt, bis als eine Reihe von Todesfällen an die Öffentlichkeit kam. In der Presse wurde die Lobotomie meistens positiv oder neutral dargestellt, obwohl die drastische Gehirnoperation fraglos vielen Journalisten und Lesern befremdlich erschien. Die US-Medien berichteten zu dieser Zeit generell kritischer über die Lobotomie.
Sowohl die Gesundheitsbehörden wie die Medien stellten die vielversprechenden Aussichten der Methode in den Vordergrund, und zwar ohne kritische Nachfragen oder eigenen Erkundigungen.
Möglicherweise drückte sich in der unkritischen Presse die paternalistische Haltung im schwedischen Gesundheitssystem aus: wenn ein Facharzt sagte, eine drastische Therapie sei das Beste für den Patienten, dann wurde das einfach nicht hinterfragt. Wenn ein Chefarzt sich für die Lobotomie aussprach, dann lobte auch die Lokalzeitung die Lobotomie.

Allgemein lässt sich sagen, dass sich die Medizin nicht in einem luftleeren Raum bewegt. Eine riskante (und wenig hilfreiche) Methode wie die Lobotomie kann durch unkritische Medien und durch die Methode verteidigende Aufsichtsbehörden legitim erscheinen.

Swedish Big Brother behind lobotomies in the 1940s and 1950s

Ögren, Kenneth - Psychosurgery in Sweden 1944 - 1958: the practice, the professional and media discourse

Meines Erachtens verstärkte die schwedische Autoritätsgläubigkeit nur die schon in den USA sichtbaren Tendenz, Lobotomie als Mittel zur Zwangsanpassung "störender" Menschen zu missbrauchen.
Dass es in Deutschland (West wie Ost) anders war, lag meines Erachtens einzig und allein an den Erfahrungen der Nazizeit, denn die Autoritätsgläubigkeit dürfte bei den Deutschen ähnlich ausgeprägt gewesen sein wie bei den Schweden. Man darf auch nicht vergessen, dass dem schwedischen Modell des "Volksheimes" damals noch eine sozialdemokratische, abgeschwächte Variante einer Volksgemeinschaftsideologie zugrunde lag, die zugunsten der Volksgesundheit und zwecks Entlastung des Wohlfahrtsstaates sogar Zwangssterilisierungen gerechtfertigt erschienen ließ. Erst ab den 1960er Jahren gab es, begleitet und gefördert von Jugendprotesten, eine Wende zu mehr Bürgerrechten und mehr innerer Demokratie (eine genaue Parallele zur BRD).
Es wäre aber interessant, einmal zu untersuchen, wie es sich mit dem "sozialtechnischen" Gebrauch weniger drastischer Methoden der Psychiatrie verhält. Z. B. habe ich den Eindruck, dass Psychopharmaka sehr oft nicht nur an wirklich an der Psyche erkrankte Menschen verabreicht werden, sondern auch an Menschen, die nur "nicht richtig funktionieren".

Nachtrag: Artikel aus der "Jungle World" über die Lobotomie in Norwegen: "Wir meinen es doch gut". In Norwegen wurde die Lobotomie bis 1974 (!) angewendet, die meisten Opfer waren Frauen.

Mittwoch, 18. Juni 2008

Unbequeme Wahrheiten: Studie zur Ursachen rechtsextremer Einstellungen

Die Uni Leipzig veröffentlichte eine neue Studie über die Ursachen rechtsextremer Einstellungen in Deutschland.
Wenn auch die Ergebnisse alles andere als unerwartet sind, sind die möglichen Konsequenzen erschreckend.
Es zeigte sich, dass es mehr Fremdenfeinde als bislang angenommen gibt. Selbst Befragte, die in der ersten Studie nicht durch rechtsextreme Einstellungen aufgefallen waren, äußerten der Gruppendiskussion mit großer Selbstverständlichkeit ausländerfeindliche Ressentiments.

Die Teilnehmer der Diskussionen empfinden offenbar einen hohen gesellschaftlichen Anpassungsdruck. Gleichzeitig werden aber Sanktionen gegenüber abweichendem Verhalten akzeptiert, die diesen Druck noch verstärken. Diese scheinbar paradoxe Haltung kann man im Alltag oft beobachten: Zum Beispiel den Arbeitslosen, der über die "unverschämte Neugier" der Arbeitsagentur stöhnt - aber es gleichzeitig völlig in Ordnung findet, dass ALG II - Empfängern, die nicht "sputen", die Bezüge gekürzt werden. Oder den Steuerzahler, der über das "kleinliche" Finanzamt meckert, aber dafür ist, dass "Steuertrickser" mit aller Härte des Gesetzes bestraft gehören. Ein für autoritäre Persönlichkeiten typisches Verhaltensschema.

Hinzu kommt ein offenbar großes Unwissen und Unverständnis über die Möglichkeiten der Mitwirkung in einer Demokratie, verbunden mit einer Geringschätzung des demokratischen Systems an sich. Es sieht so aus, als ob es nur insofern akzeptiert wird, wie es individuellen Wohlstand garantiert. Eine keineswegs neue Erkenntnis - für die Alt-BRD war das schon in den 1960er bekannt, unter dem Schlagwort "Schönwetterdemokratie".
Erschreckend war für uns, wie gern die Befragten auch die bescheidenste Demokratie gegen autoritäre Strukturen eintauschen würden, in denen vermeintlich Ordnung, Ruhe und Chancengleichheit herrscht",
sagt Dr. Oliver Decker, einer der Autoren der Studie.
Viele der jungen Leute hofften auf "irgend einen Führer", weil es so nicht mehr weitergehen könne, die Teilnehmer mittleren Alters resignierten und meinten sarkastisch, Politik sei ohnehin nur Lug und Trug, während die Älteren die klaren Regeln ihrer Jugend - im Osten die Umstände in der DDR und im Westen zuweilen sogar die Nazizeit - als Vorbild heranzögen und glorifizierten.
Eine keineswegs überraschende Erkenntnis.

Die Studie zeigt aber auch, dass sich etwas gegen den "Rechtsextremismus" in der Mitte der Gesellschaft tuen lässt:
Autoritäre Denkstrukturen und Gewalterfahrungen haben eine große Bedeutung, wenn sich rechtsextremer Einstellungen herausbilden.
Die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineindenken und hineinfühlen zu können, zur Empathie, und die Erfahrung, anerkannt zu werden, schützen vor rechtsextremen Ressentiments.

Ein weiterer zentraler Punkt ist der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands: Weigern "man" (Politik, Medien, Schule, Elternhaus usw.) sich, mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen, fördert das rechtsextreme Einstellungen.
Rechtsextreme Einstellungen werden durch inhaltliche und emotionale Auseinandersetzung mit dem Thema gebremst.
Eigentlich sollte das eine Binsenwahrheit sein!

Dass rechtextremes Gedankengut selbst nach über einem halben Jahrhundert noch weit verbreitet sei, erklären Decker und Brähler, die Autoren der Studie, mit der "narzisstischen Plombe": Der mit dem so genannten Wirtschaftswunder in Westdeutschland relativ schnell einsetzende Wohlstand habe weder für Nachdenklichkeit noch für Scham Raum und Zeit gelassen. Was m. E. die Erkenntnisse des Ehepaars Mitscherlich aus den 1960er Jahren ("Die Unfähigkeit zu trauern") auch für die heutige Zeit bestätigt.
Eine ähnliche Entwicklung - ein "Wirtschaftswunder" (und wahrscheinlich auch einen "Schlussstrich" unter die unerfreulichen Seiten der DDR) - erhofften Ostdeutsche nach der Wende und antworteten, als diese Erwartung enttäuscht wurde, mit Politik- und Demokratieverdrossenheit.
"Immer dann, wenn der Wohlstand als Plombe bröckelt, steigen aus dem Hohlraum wieder antidemokratische Traditionen auf",
sagt Decker.

Studie der Untersuchung zum Download (pfd)

Einige Bemerkungen:
Die Studie zeigt wieder einmal, dass der geläufige und auch von mir verwendete Ausdruck "rechtsextrem" im Grunde falsch ist - der "klassische" Nationalsozialismus ist, wie seine modernisierten Varianten (z. B. die Ideologie der "Neuen Rechten") ein Extremismus der Mitte. Die Weltsicht, die dem "Rechtextremismus" zugrunde liegt, ist in der "Mitte der Gesellschaft", bis weit in "konservative" aber auch "traditionslinke" Kreise hinnein, weit verbreitet. Was z. B. Neonazis von den Antidemokraten am Stammtisch und am Küchentisch unterscheidet, ist, dass sie Worten auch Taten folgen lassen.

Andererseits: Auch wenn es erschreckend viele "Rechtsextremisten" und noch mehr stille Beifallklatscher gibt - sie sind eine Minderheit! Unser Problem ist, dass Minderheiten, die die "kulturelle Hegemonie" im Sinne Gramscis erobern, auch bestimmen können, wo es "politisch längsgeht" - ein Beispiel war die de facto Abschaffung des Asylrechtes 1993 - ein fremdenfeindliches Ressentiment hatte nicht nur die "Lufthoheit über den Biertischen" erobert, sondern auch "bürgerliche" Medien. Angesichts der Eskalationen stimmten FDP und SPD nach höchst kontroversen innenpolitischen Diskussionen einer von der CDU-Regierung Kohl vorgeschlagenen Einschränkung des Grundrechts auf Asyl zu - mir dem Ziel, den "sozialen Frieden" zu bewahren.

Und noch etwas: "Moraltheologie", immer gleiche Textbausteine der "Empörung", Lichterkettenwerfen, symbolische Symbolverbote und eine Strategie, die auf Verbote, Überwachung und Sanktionen setzt, bringen gegen einen "Extremismus der Mitte" wenig. Hysterie und unüberlegter Aktionismus spielen unseren "braunen Kameraden" eher in die Hände - und Verbote schaden der Demokratie mehr, als sie sie schützen.

(K)Eine gute und eine schlechte Nachricht aus unseren Nachbarländern

Zuerst die Gute:
Schwedens Regierung zieht Abhörgesetz zurück.
Die konservative schwedische Regierung unter Statsminister (etwa: Premierminister oder Ministerpräsident) Fredrik Reinfeldt wollte dem militärischen Abhördienst FRA umfassende und verdachtsunabhängige Kontrollmöglichkeiten für den kompletten Mail- und sonstigen Internet-Verkehr ins Ausland sowie alle grenzüberschreitenden Telefonate geben, um "Gefahren von außen" schneller erkennen zu können.
Dazu sollten alle von Schweden ins Ausland führenden Datenkabel mit Filtern versehen werden, die auf vorher definierte Begriffe, Zahlenkombinationen oder andere Codes reagieren. Eine ähnlich umfassende Kontrolle gibt es nach Auskunft von Experten ausschließlich über das umstrittene britisch-amerikanische Spionagesystem "Echelon". Die liberale schwedische Zeitung "Dagens Nyheter" verglich Schweden deshalb mit Nordkorea oder der früheren DDR. Der Gesetzentwurf wird an die Ausschüsse zurücküberwiesen.
Zu denken gibt mir, dass der Gesetzentwurf wegen Widerstands aus den eigenen Fraktionen der vier Koalitionsparteien zurückgezogen wurde - das Regierungsbündnis verfügt nur über eine knappe Mehrheit von vier Mandaten. Gäbe es in Schweden eine große Koalition mit satter Mehrheit, wäre das Schnüffelgesetz jetzt durch.

Nachtrag: Es sieht so aus, als ob mit ein kleine Korrekturen das in schwedischen Medien "Lex Orwell" genannte Gesetz doch noch durchkäme: Schweden legt Lausch-Gesetz mit Abstrichen vor
Stimmt "Nein" - Schweden protestiert gegen Abhörpläne der Regierung.
... Fy fan *)
Schwedens Parlament stimmt umfassendem Lausch-Gesetz zu - mit einigen kosmetischen Abstrichen und einigen kleinen Beruhigungspillen.
*) Pfui Teufel! - Mir fällt gerade kein saftigeres schwedisches Schimpfwort ein ...

Nachtrag: sehr guter Beitrag auf Rabenhorst: "STOPPA Lex Orwell" in Schweden

... und nun die Schlechte:
Weißrusslands Parlament billigt repressives Mediengesetz .
Ein Mediengesetz, mit dem sich meines Erachtens Lukaschenkos Regime als "lupenreine Diktatur" (und nicht "nur" als "autoritärer Staat", wie Weißrussland bei uns meistens genannt wird) zu erkennen gegeben hat. Bisher war das Internet in Weißrussland praktisch die einzige noch unabhängige Informationsquelle. Das neue Gesetz macht damit Schluss: Alle Medien müssen sich bei der Regierung registrieren lassen, auch Internet-Zeitungen. Websites können nur ohne Vorwarnung geschlossen oder der Zugang blockiert werden. Journalisten können für die Weiterverbreitung ausländischer Nachrichten inhaftiert werden. Weiterhin dürfen nur noch registrierte Journalisten im Internet Texte und Bilder publizieren. (Praktisch ein Blog-Verbot.) Das Gesetz muss noch eine zweite Lesung im Herbst passieren, was wohl reine Formsache ist.

Wahlslogan

Zugegeben, bisher war Oskar Lafontaine ("Fremdarbeiter") für mich eher ein Grund, nicht die "Linken" zu wählen.
linke
"Für ein Deutschland ohne Dieter Bohlen!" Mit der Parole schafft "Die Linke" aus dem Stand 45 % - mindestens!

Bildmontage und Bearbeitung: zenzizenzizenic aus dem ZAF-Beitrag:
Der Tagesspiegel als Satirezeitung

Dienstag, 17. Juni 2008

Klare Absage an Dualismen

Ich habe schon einige Male in diesem Blog erwähnt, dass viele unserer Probleme auf das Denken in einfachen Alternativen (alias duale entweder-oder Logik, aka Schwarz-Weiß-Denke) zurückgeführt werden können.

Antje Schrupp schreibt von "falschen Dualismen" im Feld "Arbeit und Wirtschaft": Entweder es geht unserer Wirtschaft gut oder den Menschen; Entweder wir produzieren genug oder wir schützen die Umwelt; Entweder wir profitieren oder die dritte Welt; Entweder ich ruiniere meine Gesundheit oder das Unternehmen geht pleite. Sie schlägt u. A. vor, Arbeit und Einkommen getrennt denken - eine Trennung, die es in der Realität ja längst gibt. Was ist Arbeit? - nicht in falsche Dualismen geraten. Ihre Überlegung ist das Fazit aus einem Vortrag, den sie bei einer Tagung des Bayerischen Historikerinnen-Netzwerkes im April hielt - hier der vollständige Text: Was ist Arbeit?

Samstag, 14. Juni 2008

Nicht die Neinsager stürzen die EU in eine "Krise"

Das "Nein" der Iren zum Lissabon-Vertrag macht lediglich eine Krise deutlich, in der die EU schon längst steckt: eine Legitimationskrise.
Gregor Keuschnig bringt es auf den Punkt
Tatsache ist, dass es in Deutschland weder in den Medien noch in der politischen Klasse bisher eine irgendwie geartete relevante Diskussion über den Vertrag von Lissabon gegeben hat.
Soweit ich es beurteilen kann, ist das auch in anderen "großen" EU-Ländern nicht wirklich anders.
Seinen ganzen Kommentar zum "Nein" der Iren, dem ich von ganzem Herzen zustimme: "Voted No. Not enough information." - Irlands Absage an den Lissabon-Vertrag

Freitag, 13. Juni 2008

Homöopathie und Immunisierung (gegen Kritik)

Mein Verhältnis zur Homöopathie ist, vorsichtig gesagt, zwiespältig.
Modernen Anforderungen genügende Studien zeigen recht eindeutig, dass homöopathische Behandlungen nicht signifikant wirksamer sind, als die zur Kontrolle eingesetzten Placebos.

Dass heißt nun nicht, dass Homöophatie therapeutisch sinnlos wäre - denn der "Placebo-Effekt" besteht ja nicht darin, dass der Patient sich nur einbildet, dass es ihm besser ginge. Wie komplex das Thema ist, erkennt man z. B. daran, dass Homöopathie auch bei Tieren und kleinen Kindern wirkt. Auch gibt es einige homöopathische Präparate, die mehr sein dürften als reine Placebos.

Was ich allerdings für ausgemachte Pseudowissenschaft halte, ist die hahnemannsche Lehre. Hahnemann gründete vor gut 200 Jahren seine Homöopathie auf zwei Grundsätzen. Zum einen sollen Krankheiten durch Medikamente behandelt werden, welche ähnliche Symptome hervorrufen wie die Krankheit selbst: "Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt" (similia similibus curentur). Es gibt tatsächlich Therapien, wie etwa Impfungen oder Desensibilisierungen gegen Allergene, die diesem Prinzip zu entsprechen scheinen - aber Hahnemanns Idee, dass ein Heilmittel an Gesunden ähnliche Symptome hervorrufen soll, wie die, an denen der Kranke leidet, ist in verallgemeinerter Form nicht haltbar.
Das andere Problem ist die sprichwörtliche homöopathische Verdünnung - ab etwa D 12 sind kaum noch Wirkstoffmoleküle im Präparat zu finden. Dementsprechend begründete Hahnemann die Wirksamkeit der "Hochpotenzen" in seinem Standardwerk "Organon der Heilkunst" nicht mit der Wirkung der körperlichen Substanz oder physischen Wirkung eines Arzneistoffes, sondern er schreibt sie einer immateriellen, beim Verschütteln oder Verreiben aus den Wirkstoffen freigewordenen, "spezifischen Arzneikraft" zu. Mit anderen Worten: Homöopathie beruht auf Magie.

Das entscheidende Kriterium, die hahnemannsche Lehre als Pseudowissenschaft zu bezeichnen, ist allerdings die Art und Weise, mir der Hahnemann seine Hypothese gegen ihre Widerlegung immunisierte: Wirkt ein hömöopathisches Medikament nicht oder nicht wie gewünscht, dann gibt es eine lange Reihe Einflüsse, die Hahnemann für die Nichtwirkung der Homöopathie verantwortlich machte. Ich zitiere aus der Fußnote zu § 260 des "Organon", was alles laut Hahnemann die Wirkung einer homöopathischen Arznei stören kann:
Kaffee, feiner chinesischer und anderer Kräuterthee; Biere mit arzneilichen, für den Zustand des Kranken unangemessenen Gewächssubstanzen angemacht, sogenannte feine, mit arzneilichen Gewürzen bereitete Liqueure, alle Arten Punsch, gewürzte Schokolade, Riechwasser und Parfümerieen mancher Art, stark duftende Blumen im Zimmer, aus Arzneien zusammengesetzte Zahnpulver und Zahnspiritus. Riechkißchen, hochgewürzte Speisen und Saucen, gewürztes Backwerk und Gefrornes mit arzneilichen Stoffen, z. B. Kaffee, Vanille u.s.w. bereitet, rohe, arzneiliche Kräuter auf Suppen, Gemüße von Kräutern, Wurzeln und Keim-Stengeln (wie Spargel mit langen, grünen Spitzen), Hopfenkeime und alle Vegetabilien, welche Arzneikraft besitzen, Selerie, Petersilie, Sauerampfer, Dragun, alle Zwiebel-Arten, u.s.w.; alter Käse und Thierspeisen, welche faulicht sind (gemeint sind fermentierte Fleischprodukte wie z.B. Salami M. M.), (Fleisch und Fett von Schweinen, Enten und Gänsen, oder allzu junges Kalbfleisch und saure Speisen; Salate aller Art), welche arzneiliche Nebenwirkungen haben, sind eben so sehr von Kranken dieser Art zu entfernen als jedes Uebermaß, selbst das des Zuckers und Kochsalzes, so wie geistige, nicht mit viel Wasser verdünnte Getränke; Stubenhitze, schafwollene Haut-Bekleidung, sitzende Lebensart in eingesperrter Stuben-Luft, oder öftere, bloß negative Bewegung (durch Reiten, Fahren, Schaukeln), übermäßiges Kind-Säugen, langer Mittagsschlaf im Liegen (in Betten), Lesen in wagerechter Lage, Nachtleben, Unreinlichkeit, unnatürliche Wohllust, Entnervung durch Lesen schlüpfriger Schriften, Onanism oder, sei es aus Aberglauben, sei es um Kinder-Erzeugung in der Ehe zu verhüten, unvollkommner, oder ganz unterdrückter Beischlaf; Gegenstände des Zornes, des Grames, des Aergernisses, leidenschaftliches Spiel, übertriebene Anstrengung des Geistes und Körpers, vorzüglich gleich nach der Mahlzeit; sumpfige Wohngegend und dumpfige Zimmer; karges Darben’ u.s.w. Alle diese Dinge müssen möglichst vermieden oder entfernt werden, wenn die Heilung nicht gehindert oder gar unmöglich gemacht werden soll. Einige meiner Nachahmer scheinen durch Verbieten noch weit mehrer, ziemlich gleichgültiger Dinge die Diät des Kranken unnöthig zu erschweren, was nicht zu billigen ist.
Da ich mich ein wenig mit zeremonieller Magie befasst habe, fällt mir die Parallele zu einer bestimmten Sorte magischer Rituale ein, deren Urheber gleich einen langen Katalog von Begründungen, oder besser Entschuldigungen, angeben, wieso dieses mächtige Ritual normalerweise überhaupt nichts bewirkt - der Magier kann schrecklich viel falsch machen, und wenn er das Ritual doch richtig durchgeführt hat, gibt es viele böse, böse störende äußere Einflüsse.

Allerdings: Homöopathie hilft oft, vielleicht sogar über den Placeboeffekt hinaus. Meiner Ansicht nach ist die pseudowissenschaftliche Lehre hinter der Homöopathie kein Grund, homöopathische Präparate, die sich in der Praxis bewährt haben, aus der Medizin zu verbannen.

Ein Beispiel für eine in vielen Fällen wirksame Therapie, deren "theoretische Grundlage" wissenschaftlichen Ansprüchen in keiner Weise gerecht wird, ist die Akupunktur. Die von der traditionellen chinesischen Medizin angenommenen Wirkmechanismen konnten nicht nachgewiesen werden, sie widersprechen sogar wissenschaftlichen Erkenntnissen über Funktion und Aufbau des menschlichen Körpers. Es ließ sich bisher auch kein anderer Wirkmechanismus stichhaltig nachweisen (außer dem bei jeder Therapie wirksamen Placeboeffekt). Trotzdem ist die Akupunktur erstaunlich wirksam.

"Ich habe doch nichts zu verbergen, also auch nichts zu befürchten"

Wer so etwas oder Ähnliches glaubt (sehr verbreitet sind die Varianten "Wer so was macht, darf sich nicht wundern, wenn ..." oder "Irgend was wird schon gewesen sein, wenn ..." oder auch "Ich mache doch nur ..."), oder wer darauf vertraut, dass unsere Polizisten (Staatsanwälte, Richter, Politiker ... ) schon sorgfältig, sachkundig und gewissenhaft vorgehen würden, der sollte sich diese Liste von Fällen von Datenmissbrauch und Irrtümern gründlich durchlesen!

Mittwoch, 11. Juni 2008

Bevölkerung des eisenzeitlichen Dänemark war ähnlich gemischt wie heutzutage

Noch immer geistern sie durch "völkische" Bücher, "Heimseiten", Internetforen, vielleicht sogar Gehirne: die "reinrassigen" Germanen.

Da gerade die "Germanen" historisch gesehen eine ausgesprochen mobile Bevölkerung waren, wäre ich sehr überrascht gewesen, wenn sich bei den DNS-Untersuchungen, die dänische Archäologen an Gräbern aus der Zeit um 200 u. Z. vornahmen, keine Hinweise auf eine "gemischte" Bevölkerung ergeben hätten.
Dass unter den Toten auch ein "Araber" war (genauer gesagt: ein Mann, dessen mitochrondriale DNS derjenige der heute in Arabien lebenden Menschen entsprach), mag als "Einzelfall" spektakulär sein, wichtiger erscheint mir, dass die Bevölkerung der dänischen Hauptinsel Seeland durch regen Austausch mit umgebenden Ländern schon damals ähnlich durchmischt war wie heutzutage.
wissenschaft.de: Ein Araber in Dänemark

Vorratsdatenspeicherung auf der Kippe

Das virtuelle Datenschutzbüro
EuGH: Verhandlung über Klage gegen VDS am 1. Juli
Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat die mündliche Verhandlung über die Beschwerde Irlands und der Slowakei gegen die Richtlinie zur Vorratsdatenspeicherung (VDS) für den 1. Juli angesetzt.
Zur Erinnerung: die Vorratsdatenspeicherung wurde als Umsetzung von EU-Recht als "Umsetzungsgesetz zur Vorratsdatenspeicherung" von der Bundesregierung beschlossen und vom Bundestag verabschiedet. Dieses Umsetzungsgesetz enthielt allerdings Bestimmungen, die über die EU-Richtlinie hinausgingen, zum Beispiel sollten die Geheimdienste auf die gespeicherten Daten zugreifen können.
Sollte die Richtlinie fallen, wovon viele Beobachter ausgehen, wäre der Weg frei für das Bundesverfassungsgericht (BVerfG), das deutsche Umsetzungsgesetz zu kippen.
Das BVerfG geht gemäß seinem ‘Solange-II‘-Beschluss davon aus, dass europäische Rechtsakte im Allgemeinen einen mit den hiesigen Standards vergleichbaren Grundrechtsschutz gewährleisten und verzichtet daher auf die Kontrolle europäischer Richtlinien, die dann Sache des Europäischen Gerichtshofs ist.
Das BVerfG hat bereits die über die Richtlinie herausgehenden deutschen Regelungen Mitte März gekippt, im Hauptsacheverfahren könnte die Vorratsdatenspeicherung insgesamt für verfassungswidrig erklärt werden.

Dienstag, 10. Juni 2008

Entlarvend: Bischof verbietet einem Querschnittgelähmten die kirchliche Trauung

Skandale wirken manchmal entlarvend. Zum Beispiel der, dass ein italienischer Bischof einem Querschnittgelähmten die kirchliche Trauung verbietet.
Es war schon alles vorbereitet für die Hochzeit von Renzo und Lucia, beide 25, da hatte Renzo einen schweren Autounfall. Zwei Monate ist das her, der Mann aus Viterbo bei Rom ist querschnittgelähmt und impotent, nun will der Bischof von Viterbo, Lorenzo Chiarinelli, dem Paar die kirchliche Trauung untersagen. Seine Begründung: Die katholische Ehe sei auf Nachkommenschaft ausgerichtet, und dazu sei der Mann nun einmal nicht mehr in der Lage.
Weiterlesen auf Tagesspiegel.de : Romeo und Julia von Viterbo.

Die harte Haltung Bischof Chiarinellis mag ein Einzelfall sein und selbst unter katholischen Kirchenrechtlern umstritten - sie gründet sich aber auf geltendes Kirchenrecht, und zwar nicht das aus finsterer ferner Vergangenheit, sondern auf das kirchliche Gesetzbuch, den "Codex Juris Canonici" von 1983. Im Kanon 1084 des Gesetzbuches steht, dass "der Ehebund von Mann und Frau hingeordnet ist auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft" und dass die Verbindung ansonsten "aus ihrem Wesen heraus ungültig" ist. Damit das Sakrament der Ehe gestiftet werden kann, manövrieren sich einsichtigere katholische Geistliche in solchen Fällen um das Kirchenrecht herum. Chiarnelli lehnt diese kleinen Tricksereien offensichtlich ab - und entlarvt so das offizielle katholische Ehe- und Familenbild als menschenfeindlich.

Für ebenfalls menschenfeindlich halte ich den Kern einer Rede, die Bischof Fürst am 4. Juni beim Mediziner-Forum "Der Gläserne Mensch" in Ravensburg zum Thema "Designerbaby - Entwicklung in unserer Gesellschaft und die Würde des Menschen" hielt:
Designerbaby: Bischof Fürst warnt vor Machbarkeitswahn mit Folgen Auf den ersten Blick möchte ich als Humanist dem Bischof zustimmen, denn es verletzt die Würde des Menschen, wenn Menschen instrumentalisiert, verdinglicht, zum "Humanfaktor" oder "Menschenmaterial" reduziert werden. Aber Fürst wählt ausgerechnet den Fall "Molly Nash" als Beispiel: Ein sechsjähriges Mädchen aus dem US-Bundesstaat Colorado litt an angeborener Blutarmut und benötigte eine Knochenmarkspende um zu überleben. Da weder die Eltern noch Verwandte als Spender infrage kamen, ließen die Eltern ein Dutzend Eizellen künstlich befruchten und die Embryos untersuchen - einer erwies sich tatsächlich als geeigneter Knochmarksspender. Molly wurde durch die Spende ihres so gezeugten kleinen Bruders Adam wieder gesund.

Aus meiner Sicht ist das im Prinzip zwar eine "Verdinglichung" eines Menschen als Mittel zum Zweck, aber nach Lage der Dinge handelten die verzweifelten Eltern nicht gegen die Menschenwürde des kleinen Adam.
Es stimmt, er hat seinen "Zweck" erfüllt: Molly ist geheilt. Sie hat nicht nur überlebt, sie ist gesund. Und ihr Bruder ist nicht umgekommen, wurde nicht als "unerwünscht" ausgestoßen und ist auch nicht in die Besenkammer verbannt worden. Er ist ein vollwertiges Mitglied der Familie, geliebt und beschützt durch seine Eltern und durch seine große Schwester, die ihm ihr junges Leben verdankt.
Bischof Fürst sieht das anders, grundsätzlicher, lebensfremder:
Aber ist der Preis nicht zu hoch, wenn Kinder wie Adam Nash zum Gebrauchsgegenstand gemacht werden, zum ‘Medikamentenschrank auf zwei Beinen’? Denn, erinnern wir uns: Adam verdankt seine Existenz nur seinen Blutwerten. Für sich selbst scheint er keine Lebensberechtigung zu haben. (...) Denn dieser Adam ist nicht um seiner selbst willen wichtig, Menschenwürde wird vertauscht durch Materialwert.
Wenn ich der Vater von Adam wäre, dann würde ich mir diese Frechheit nicht gefallen lassen!

Wohlgemerkt: ich bestreite gar nicht, dass die Prä-Implantations-Diagnostik (PID) ethisch problematisch sein kann (mit den "überzähligen" Embryonen, die bei einen In-Vitro Befruchtung entstehen, habe ich, im Gegensatz zur katholischen Kirche und zum deutschen Gesetzgeber, keine Probleme, schon weil die meisten natürlich gezeugten Embryonen sich erst gar nicht in der Gebärmutterschleimhaut einnisten - siehe hierzu mein Beitrag: Wie hältst Du es mit den Stammzellen?). Ich bin auch völlig einer Meinung mit Fürst, wenn er feststellt, dass die Ökonomie nicht die moralische Grundrichtung bestimmen dürfe - und ich bin sogar bei ihm, wenn er Erich Fromm zitiert: "Wenn der Mensch sich in ein Ding verwandelt, wird er krank, ob er es weiß oder nicht."

Wenn er aber sagt:
Eine letzte Verfügung über uns selbst haben wir weder am Anfang noch am Ende unseres Lebens. Dies zu respektieren bedeutet überhaupt keinen Verzicht auf medizinisch-therapeutisches Handeln, sondern lässt dies erst wirklich menschlich und hilfreich sein.
- dann stellt er meines Erachtens eine theologisch begründete moralische Forderung - nämlich die, dass sich der Mensch gefälligst aus der Zeugung herauszuhalten hätte (was bekanntlich bis zur Ablehnung von Kondomen geht) wie aus dem Tod (womit Suizid und Töten auf Verlangen dem Mord moralisch gleichgestellt werden) - über die Möglichkeit, Leiden zu vermindern. Damit diese wenig menschenfreundliche Moraltheologie als "Verteidigung der Menschenwürde" erscheint, werden gern die Schreckensbilder "Euthanasie"-Morde der Nazis und "Züchtung des perfekten Menschen" an die Wand gemalt - so als ob die Möglichkeit des Missbrauchs die des Gebrauchs ausschlösse.

Um den Kreis zum Eheverbot zu schließen: Es geht um eine beileibe nicht auf die katholische Kirche beschränkte Moral, in der Sex nur dann keine "Sünde" ist, wenn dabei (zumindest im Prinzip) Kinder gezeugt werden können. Wenn ich bösartig wäre, würde ich auch das "Verdinglichung von Menschen" nennen.

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