Freitag, 16. Mai 2008

Bekämpfung der Arbeitslosen

Wirtschaftsminister Glos (CSU) begeistert sich für eine Idee, die schon andere vor ihm hatten: um das Ziel der Vollbeschäftigung zu erreichen, sollen Hartz-IV-Empfänger zur Arbeit für das Gemeinwohl verpflichtet werden. (Früher nannte man so was "Reichsarbeitsdienst".) Bestärkt sieht er sich dabei durch ein Gutachten des (selbstverständlich völlig neutralen) Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). (Hierzu auf "telepolis": Das goldene Kalb Vollbeschäftigung.)

Einen sehr treffenden und optisch reizvollen Kommentar zu dieser Maßnahme, die auf der Annahme beruht, dass wir Vollbeschäftigung hätten, wenn sich alle Arbeitslosen endlich Arbeit suchen würden *), gab der Große Vorsitzende des gerantiert völlig unabhängigen Instituts ZAF hier ab:
Bürgerarbeit ist the new Sklavenarbeit.

*) Keine wilde Behauptung:
Ökonom Hilmar Schneider, der das IZA-Gutachten erstellt hat, sagte, die Bürgerarbeit motiviere Arbeitslose zum Handeln: "Wenn sie sowieso arbeiten müssen für die Grundsicherung, lohnt sich der Aufwand, einen Job zu suchen."
(zitiert nach SpOn: Glos will Hartz IV nur noch bei Gegenleistung zahlen).

Dienstag, 13. Mai 2008

Na also ....

Europäer planen Einstieg in bemannte Raumfahrt (SpOn).
Wobei das "große Geheimnis", das SpOn da, enthüllt gar nicht so schrecklich groß war. ("Die Nachricht wurde in kleiner Runde lanciert. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Raumfahrtkonzern EADS Astrium hatten eine Handvoll Journalisten nach Bremen eingeladen. Vorab gab es kaum Informationen, nur nebulöse Andeutungen.") Jedenfalls nicht für den, der sich näher mit dem unbemannten Raumtransporter ATV befasst. Da verweise ich noch mal auf meinen Artikel Prestigeobjekt "bemannte Raumfahrt"? - In Europa eher nicht!, in dem ich darlegte, dass sich relativ "einfach" ein leistungsfähiges bemanntes Raumschiff aus dem ATV entwickeln ließe. Ein Raumschiff, dass durchaus leistungsfähiger sein könnte, als das in der Entwicklung befindliche "Orion"-Raumschiff der USA (geplanter Erstflug: 2014).

Da der "Prestige"-Effekt in der europäischen Raumfahrt eine eher geringe Rolle spielt, wird das Programm wahrscheinlich etappenweise angegangen werden, und zwar so, dass jede Etappe für sich ein voll nutzbares System ist. Die erste Etappe zum bemannten Raumschiff ist mit der erfolgreichen Flug des ATV 1 "Jule Verne" zur ISS schon zurückgelegt. Daraus aufbauend präsentierten EADS/DLR ihre Pläne für ein europäisches bemanntes Raumschiff. Dafür soll das ATV zunächst mit einer unbemannten Kapsel, mit der Nutzlasten von der ISS zur Erde zurückgeführt werden können, ausgerüstet werden. Der erst Start könnte 2013 erfolgen. Vier Jahre später, also 2017 könnte das System dann so modifiziert worden sein, dass ein erster bemannter Start erfolgen kann. Theoretisch ginge das auch schneller, wäre aber teurer - und das ist der kritische Punkt bei diesem Projekt.
Dieses Konzept wird in den nächsten Wochen/Monaten noch weiter durchgerechnet, dann könnte es im Herbst auf der Ministerratstagung beschlossen werden.

Mit einer fachkundigen Diskussion zu diesem Thema auf dem Raumcon-Forum ist zu rechnen ...

Hier eine Studie der EADS für ein bemanntes Raumschiff auf ATV-Basis (einschließlich Kostenvoranschlag): ATV Evolution - Executive Summary.

Nachtrag: Entwurf eines ATVs mit Rückkehrkapsel - als Zwischenschritt zum bemannten CTV:
ATV-Version mit Rückkehrkapsel
ATV mit Rückkehrkapsel - Bild: ESA

Für einige Verwirrung sorgt die Nachricht, dass auch die Entwicklung eines bemannten Raumschiffs in Zusammenarbeit mit Russland geplant ist:
NZZ: Raumgleiter mit Russland geplant.
ESA und ROSKOSMOS / ENERGIJA unterzeichneten eine Vereinbarung für gemeinsames bemanntes System.
Es handelt sich um eine Kapsel (keinen Raumgleiter!) mit bis zu 6 Sitzplätzen. Die Russische Seite soll die Kapsel liefern, die ESA das Service-Modul (mit dem Antrieb). Als Träger fungiert die neue ANGARA - Startplatz soll WOSTOTZNY sein. Im Laufe des nächsten halben Jahres sollen die konstruktiven Vorarbeiten abgeschlossen sein. Beteiligt sind auf Seiten der ESA EADS Astrium und Tahles Alenia Space, auf russischer ENERGIJA. Flugtests ab 2015, erster bemannte Start 2018.

Dabei handelt es sich um ein eigenständiges Projekt für einen Sojus-Nachfolger, bei der die ESA eher "Zulieferer" wäre. Die Verhandlungen für dieses Projekt kamen lange Zeit nicht von der Stelle, so dass man darüber spekulieren könnte, ob der Durchbruch nicht mit den EADS-Plänen für ein eigenes bemanntes Raumschiff zusammenhängt. Die "Angara"-Trägerrakete ist noch nicht geflogen, deshalb der verhältnismäßig späte Zeitraum des Testflugs.

Hierzu auch im englischsprachigen "Russian Space Net": The Russian-European space cooperation to face moment of truth

Montag, 12. Mai 2008

Warum gab es in der Weimarer Zeit so viele jüdische Intellektuelle?

Vor Kurzem las ich einen interessanten Artikel auf "hagalil":
Das Jahr 1933: Vertreibung und Emigration in der Physik.
Dabei wurde mir wieder einmal bewusst, wie viele der hervorragenden Physiker in Deutschland um 1933 Juden oder jüdischer Abstammung waren. Albert Einstein, James Franck, Hans Bethe, Otto Stern, Lise Meitner, Max Born, Peter Paul Ewald, um nur ein paar "große" Namen zu nennen.

Die Physik ist, denke ich, ein hervorragendes Beispiel dafür, dass "jüdische Intellektuelle" außerhalb der traditionell als "typisch jüdisch" wahrgenommenen Gebiete brillierten. Bei berühmten Ärzten z. B. könnte ich die jüdischen Arztfamilien, also eine Tradition, heranziehen. Bei berühmten Journalisten und Schriftstellern liegt hingegen das "Außenseiterphänomen" nahe - der Blick eines ewig Ausgegrenzten und Diskriminierten auf Gesellschaft und Politik wird wahrscheinlich schärfer und treffsicherer sein, als der eines Menschen, der Vorurteile und unsichtbare Barrieren nicht aus eigener Erfahrung kennt.

Eine neuerdings wieder populär gewordene Hypothese geht davon aus, dass die Beschäftigung mit der hebräischen Sprache das abstrakte Denkvermögen fördert. Hinzu käme noch die intensive Auseinandersetzung mit einer "Gesetzesreligion" mit "hochabstraktem Gottesbegriff". Mag sein - aber von den oben genannten Physikern, wie auch von zahlreichen von den Nazis als "jüdisch" verfolgten Wissenschaftlern anderer Gebiete kam meines Wissen kaum einer aus einer "frommen" jüdischen Familie. Die "Glaubensjuden" unter ihnen waren gut assimiliert, sehr viele waren nur dann "Juden" oder "jüdischer Abstammung", wenn man die Maßstäbe der Nazis anlegt.
Der Kreis der "Nichtarier" umfasste nämlich auch Personen, die weder von ihrer Konfession noch von ihrem Selbstverständnis her eine Verbindung zum Judentum hatten, und deshalb auch von ihrer Umwelt bis dahin gar nicht mit "Judentum" in Verbindung gebracht wurden.

Liegt die Erklärung möglicherweise doch im "Erbgut"?
Es gibt da eine ziemlich windigen “Studie” aus den USA, aus der laut ihrer Autoren hervorginge, dass amerikanische Juden im Schnitt einen um 20 % höheren IQ als der Durchschnitt der US-Bürger hätten.
Von welchem Kaliber diese "Studie" allerdings ist, wird spätestens dann klar, wenn dort behauptet wird, die Schwarzen lägen im Schnitt 20 % unter dem US-Intelligenzdurchschnitt.
Diese “Studie” stammt aus dem “neurechten” Dunstkreis, und wurde erst neulich, am Rande der Nazikundgebung am 1. Mai in Hamburg Barmbek, vom Neonazi, selbsternannten Eugeniker und Hamburger NPD-Chef Jürgen Rieger zustimmend zitiert: Der Jürgen von der NPD (Die Zeit online).

Ich sehe die Ursache dafür, dass es augenscheinlich so viele brillante jüdische Intellektuelle in Deutschland gab, weniger bei den Juden als in der deutschen Gesellschaft, vor allem der deutschen Gesellschaft im Kaiserreich.

Im Großen und Ganzen galten die "aufgeklärten" Juden Deutschland als "Intellektuellenfreundlich" - Kinder dieser jüdischen Familien, die viel lernten, viel wussten und gern mit dem Kopf arbeiteten, konnte mit den Wohlwollen der Eltern rechnen. Das war in manchen deutschen Milieus anders. (Ich schreibe hier ausdrücklich nicht über Proletarier, die kaum einen Zugang zur höheren Bildung hatten, sondern über mindestens kleinbürgerliche Kreise.) Eine milde Form der "deutschen Intellektuellenfeindlichkeit" war (und ist) der Spruch: "Lerne lieber einen anständigen Beruf" - womit offensichtlich Berufe wie Journalist, Schriftsteller, bildender Künstler, Musiker, aber auch die "abstrakten" Wissenschaften und sogar der Bankiersberuf als "unanständige" Berufe zu gelten hätten. Ungeschriebenes Motto: "Handwerk hat goldenen Boden - und wer handwerklich ungeschickt ist, wird im Idealfall Beamter". Wenn schon ein akademischer Beruf, dann "etwas solides": Arzt, Ingenieur, Pfarrer.

Nun war es so, dass ausgerechnet eine soziale Klasse, die zu "Kaisers Zeiten" zur Herrschaftselite gehörte, in einem kaum glaublichen Maßen anti-intellektuell war: der "Millitär-Adel", die "Offiziersfamilien". Der Wissenschaftsjournalist Hoimar von Ditfurth schrieb in seinem autobiographischen Buch "Innenansichten eines Artgenossen":
(...) Mein Vater war, mit anderen Worten, Sproß einer "Offiziersfamilie" worauf man sich selbst noch in der Weimarer Zeit nicht wenig zugute hielt und wie es für die meisten Adelsfamilien (zumindest in Norddeutschland) galt. Eine andere Berufswahl kam vor dem Hintergrund einer solchen Tradition gar nicht in Betracht. Genauer: Eine Wahl gab es in Wirklichkeit gar nicht. (...)
Wer aus einer "Offiziersfamilie" stammte, der hatte keine Chance, seine Talente und geistigen Anlagen zu entwickeln, weil er von frühester Jugend an einem Umfeld ausgesetzt war, das intellektuellen Neigungen keine Spielräume ließ.
Damit herrschten bei einer der "staatstragenden Eliten" des Kaisereichs ähnliche Zustände wie im "bildungsfernen" Proletariat - Begabungen unterhalb der Genialitätsschwelle hatten keine Chance. Keine Erfindung böswilliger Satiriker war die geradezu groteske Intellektuellenfeindlichkeit in diesen Kreisen:
Wer von seinen Offizierkameraden beim Kauf oder gar der Lektüre anspruchsvoller Literatur oder bei anderen Regungen geistiger Interessen ertappt wurde, setzte sich unweigerlich dem allgemeinen Spott aus. Die Reaktion erfolgte so unfehlbar, daß der Verdacht naheliegt, hier habe man durch ironische Abwehr instinktiv der Wahrnehmung eines Verzichts vorbeugen wollen, die eine schmerzliche Stelle getroffen hätte. Böse gesagt und in aller Deutlichkeit: Bordellbesuche oder Spielschulden, selbst Alkoholismus (in der kaiserlichen Armee wenig verbreitet) oder notorische "Weibergeschichten" (einzige Einschränkung: "Bitte nicht mit den Damen von eigenen Regiment!") wurden in diesem Milieu eher toleriert als Ansätze zu geistigen Interessen. Mein Vater hat mir später, sehr viel später, aus eigener Erfahrung bestätigt, daß dieses Bild nicht überzeichnet ist.(...)"
Besonders verheerend wirkte die geistige Armut des preussisch-deutschen Militäradels, weil nicht nur die hohen Offiziere des im Kaiserreich so "wichtigen" Militärs, sondern praktisch das gesamte diplomatische Corps und viele hochrangige Beamte aus diesem sehr "vonnigen" Milieu stammten. Wer als Adeliger z. B. für das auswärtige Amt arbeitete hatte sicher den "aktiven" Berufsoffizieren seines Standes Fremdsprachenkenntnisse und wahrscheinlich auch Gewandheit im gesellschaftlichem Auftritt voraus - war, wie eine Reihe abenteuerlich anmutender diplomatischer Pannen und aus purer Ignoranz geborener "Zwischenfälle" aus der Kaiserzeit belegen, nicht unbedingt gebildeter oder besser darin geschult, den eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen. Das Klischee vom ebenso arroganten wie engstirnigen "Kraut", "Boche" oder "Moff" wurde schon zu dieser Zeit, und nicht etwa erst durch die Kriegspropaganda des 1. Weltkriegs, geprägt.

Zurück zum Thema: Ein großer Teil der "gesellschaftlichen Elite" Deutschland im 1. Drittel des 20. Jahrhunderts - und noch mehr, die sich an dieser "Elite" orientierten - schied damit "freiwillig" aus dem Wettbewerb um "intellektuelle Brillanz" aus. Eine mindestens ebenso wichtige - und zunehmend wichtiger werdende "Elite" war das Besitzbürgertum. Nur bestand dieses Besitzbürgertum im kaiserlichen Deutschland zum überwiegenden Teil aus "Neureichen", bei denen "brotlose Kunst" als Beruf nachweislich auch nicht sonderlich angesehen war. Das Bildungsbürgertum Deutschlands war hingegen ungewöhnlich konservativ - nicht nur hinsichtlich der politischen Ausrichtung, sondern auch hinsichtlich der akzeptierten Lehrmeinungen - man orientierte sich als "deutscher Gelehrter" lieber nach "anerkannten Autoritäten", als zu neuen Ufern aufzubrechen - jedenfalls dann, wenn man Wert auf eine akademische Karriere legte. Mit den revolutionären Neuerungen - egal, ob in der Quantenphysik, in der modernen Kunst, in der Psychoanalyse - gaben sich vorwiegend "Aussenseiter" und "Quereinsteiger" ab. Nach Lage der Dinge waren darunter überdurchschnittlich viele Juden oder Menschen jüdischer Abstammung.

Überspitzt kann man sagen: es gab in der Weimarer Republik deshalb so viele jüdische Intellektuelle, weil es so wenige "arische" Intellektuelle gab. Was im Endeffekt bedeutete, dass, nachdem die deutschen Juden vertrieben oder ermordet waren, Deutschland unter akutem Mangel an "beweglichem Geist" litt. (Abgesehen davon, dass im "Dritten Reich" sozusagen auf selbständiges Denken die Todesstrafe stand. Ein Klima, unter dem intellektueller Nachwuchs, auch der mit "Ariernachweis", einfach nicht gedeiht.) Das "dumpfe" gesellschaftliche Klima, das Nachkriegsdeutschland bis in die 60er Jahre prägte (und zwar in beiden Teilen Deutschlands), hängt meines Erachtens auch mit diesem akuten Mangel an brillanten Intellektuellen zusammen.

Macht's gut - und Danke für den Fisch!

Ich mache endlich Nägel mit Köpfen und mache nicht länger beim "B.L.O.G." mit. Nachdem in schon seit Dezember keinen Beitrag mehr dort veröffentlicht habe, war dieser Schritt, denke ich, überfällig.

Einer der Gründe dafür, dass ich dort auch vorher nur selten schrieb, ist der, dass mir, unter den Beiträgen, die mir “bloggenswert” erscheinen, ziemlich wenige sind, die auch für B.L.O.G. und - vielleicht noch wichtiger - zum B.L.O.G. passen. Das B.L.O.G. hat zwar keine "Parteilinie", aber sehr wohl ein Profil und wird auf eine bestimmte Art und Weise von außen wahrgenommen. Es ist diese "Außensicht", die mir das Gefühl gibt, beim B.L.O.G. fehl am Platze zu sein.

Das B.L.O.G. besteht ja nicht nur aus den Autoren, die mir persönlich nach wie vor sympathisch sind, sondern auch aus dem dort mitlesenden Publikum. Einer der Gründe, weshalb ich mich seinerzeit entschied, bei den B.L.O.G. mitzumachen, war die geringe Resonanz , die ich auf meine Beiträge hier auf meinem kleine Senfblog bekommen. Nun ja - es gibt Formen der Resonanz, die mir den Kaffee hochkommen lassen.
Ich wähle mal ein Beispiel, dass nicht das B.L.O.G. direkt, aber sehr wohl die Mechanismen in der "liberalen Bloggosphäre" betrifft:
Statler schrieb beim "Antibürokratieteam" einen sehr lesenswerten Beitrag über rechtsextreme Gewalt in Deutschland: Die Befindlichkeit des Landes. Statler diskutiert die 136 von gewaltätigen Rechtsextremisten getöteten Menschen - und in den Kommentaren wurde mal wieder eine eine Diskussion über "Migranten-Gewalt" und die Gewalt "von Links" daraus. Und das ist leider kein Einzelfall; ich habe ähnliches auch schon bei Beiträgen auf dem "B.L.O.G", auch bei meinen Beiträgen, erlebt.

Es ist offensichtlich gar nicht mehr möglich, in “liberalen” Blogs den politischen Dumpfbacken zu entgehen und den Blick dahin zu lenken, wo die wirklichen Probleme, aus der Sicht eines "Bürgerrechts"-orientierten Menschen, sind. Egal, wie differenziert man in so einem Blog schreibt - angesichts der Kommentare wird einem klar, dass die “Leserschaft” offensichtlich ihre liebgewonnenen Klischees bedient haben will: Kapitalismus wird - zu Unrecht! - mit Marktwirtschaft gleichgesetzt, und Marktwirtschaft - in verkürzter Weise - mit Demokratie und persönlicher Freiheit. Was bleibt, ist ein dumpfer "Pro-Kapitalismus", der mich beinahe so annervt, wie der dumpfe Antikapitalismus von "linker" wie von "völkischer" Seite.
Der Impuls, keine Perlen vor die Säue zu werfen, mag arrogant sein; aber die Säue mit ihren immer gleichen Klischees können einem schon den Spaß am Bloggen nehmen.

Das ist zwar nicht der einzige Grund, aber einer der Gründe, weshalb ich nicht mehr beim B.L.O.G. schreibe. Ein anderer Grund ist der, dass ich nicht wüsste, wie ich mich im B.L.O.G. von Beiträgen wie dem zu den “bulgarischen Arbeitern” distanzieren könnte, auch wenn boche, wie ich ihn einschätze, da absichtlich dick aufgetragen hatte - und ich, weil ich mich nicht wirksam distanzieren kann, von der werten Leserschaft in eine Schublade gepresst werde, in die ich beim besten Willen nicht passe.

Es gibt noch einige weitere Gründe, die vermutlich niemanden interessieren. Und ein paar, die sicherlich den einen oder anderen interessieren würden, über die ich es aber vorziehe, zu schweigen.

Wie auch immer: Macht's gut - und Danke für den Fisch!

Samstag, 10. Mai 2008

Raumfahrtpolitik in Deutschland - ein Stück Mentalitätsgeschichte

Auch wenn es "nur" um eine unbemannte Mission geht, und die erste bemannte Mondlandung schon fast 40 Jahren her ist - diese Meldung wäre wahrscheinlich noch vor wenigen Jahren als politischer Witz aufgefasst worden: Bundesregierung erwägt Mondlandung (netzeitung)
Eine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag brachte es ans Licht: Die Bundesregierung beschäftigt sich derzeit mit der Frage, ob die Deutschen zukünftig zum Mond fliegen werden oder nicht.

Aus der Antwort auf die Anfrage geht hervor, dass die Bundesregierung einen Vorschlag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) für eine deutsche Raumfahrtmission zum Mond prüft. Das Projekt soll dem DLR-Vorschlag zufolge Deutschland als künftige europäische Führungsnation und international als gefragten Partner ausweisen.
In Deutschland scheint eine technik-skeptische oder sogar technik-feindliche Mentalität weiter verbreitet zu sein, als in anderen hochentwickelten Industriestaaten. Es würde zu weit führen, auch nur die möglichen Gründe für diese Mentalität aufzulisten - ich halte nur fest, dass diese Mentalität hat anscheinend nur am Rande mit den von Technik ausgehenden Risiken zu tun hat. Zum Beispiel ist die Begeisterung für starke, schnelle Autos in Deutschland ziemlich ausgeprägt, ungeachtet der Umweltbelastung und der Energieverbrauchs. Interessant ist auch, dass es unter engagierten Gegnern der Kernenergie gleichermaßen Technikfreunde wie Technikskeptiker gibt - allerdings gibt es nur wenige engagierte "Atomkraftgegner", die sich überhaupt nicht für Technik und Naturwissenschaft interessieren. Ähnliches gilt z. B. für die Gentechnik

Ich denke, dass im Falle der Raumfahrt es gerade die technisch und naturwissenschaftlich Uninteressierten sind, die das skeptische Meinungsklima prägen. Echte Raumfahrtgegner gibt und gab es nur wenige - etwa jene "ökologischen Linken", die Raumfahrt in einem Atemzug mit Atomenergie, Genmanipulation und Chlorchemie als "Hochrisikotechnologie" sehen, die unbedingt abgeschafft gehört.

Wie dem auch sei - das Desinteresse in Politik und politischen Medien an der Raumfahrt erreichte in den 1970er Jahren einen Höhepunkt.
Die europäische Raumfahrtagentur ESA kann - trotz einiger politischen und organisatorischen Hakeleien als gelungenes Beispiel für internationale industrielle Zusammenarbeit gelten. ESA-Webportal.

Fast wäre die Esa-Gründung im Frühjahr 1975 an deutschem Widerstand gescheitert. Den französischen "Weltraumbahnhof" in Kourou wollte Forschungsminister Matthöfer (SPD) nicht mitfinanzieren. Letztlich gab Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) 50 Millionen Mark frei. Schmidt hielt, als Ökonom und Pragmatiker, einen von den USA unabhängigen "Zugang zum All" für wichtig, bei Matthöfer und anderen Gegnern der "Ariane"-Entwicklung überwog die Angst, dass sich nach dem "Schnellen Brüter" ein weiteres "Milliardengrab" ohne absehbaren Nutzen auftuen könnte.

Einen Grund für die Skepsis Matthöfers, vieler andere Politiker und weiten Teilen der veröffentlichten Meinung war eine 1975 vorgelegte kritische Bestandsaufnahme zur bundesdeutschen Luft- und Raumfahrtpolitik, in Auftrag gegeben von der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel. Der Politik wurde Konzeptlosigkeit vorgehalten, da beispielsweise im Falle des
Spacelab "aus rein politischen Gründen" ein Projekt forciert wurde, "dessen Nutzen unklar ist und für das man im Augenblick nach Anwendung sucht".
Damit war das MKF 6, mit der die DDR tatsächlich weltweit führend war. Möglicherweise hängt der Rückzug der DDR von den bemannten Raumfahrt auch damit zusammenhing, dass die UdSSR dem Hersteller Karl-Zeiss-Jena kurzerhand den Export der MKF 6 verbat (angeblich, weil die MKF 6 auch zu Spionagezwecken eingesetzt werden konnte, in Wirklichkeit wohl als "Retourkutsche" zum Mikrochip-Lieferboykott der USA).
Im westlichen Medien wurde der Rummel um den ersten Deutschen im All mit Häme bedacht, besonders von den Springer-Blättern "Welt" und "Bild".
Das Klischee, Raumfahrt sei eine reine Prestigeangelegenheit, wurde jedenfalls deutlich bestärkt.

Anfang der 80er Jahre "entdeckte" auch die westdeutsche Politik und die Raumfahrt. "Vorzeigbare" Erfolge der europäischen (und damit immer auch: westdeutschen) Raumfahrt, wie das Spacelab, Nachrichten- und Wettersatelliten, Raumsonden und die erfolgreiche Trägerrakete Ariane sorgten dafür, dass die Raumfahrtlobby offene Gehörgänge fand. Allerdings fanden auch die Skeptiker neue Argumente - genannt sei die Millitarisierung des Weltalls und die "Challenger"-Katastrophe.

Als Ende der 1980er Jahre wichtige Entscheidungen zur Zukunft der westeuropäischen und damit auch der bundesdeutschen Raumfahrt anstanden, etwa über den "eigenen bemannten Zugang zum All", war eine raumfahrtpolitische Szenerie entstanden, die fast so polarisiert war wie die Kontroverse um die Atomkraft. Dabei setzte die Raumfahrtlobby vor allem auf emotionale Motive ("Aufbruch ins Weltall"), leider aber auch auf leicht widerlegbare Argumente ("die industrielle Produktion im Weltall steht unmittelbar bevor). Allerdings waren die Argumente der Gegner, etwa das, dass jede Form der Raumfahrt im Endeffekt Kriegsvorbereitung sei, oft auch nicht viel besser. Das Forschungsministerium geriet unter Rechtfertigungsdruck, weil die Medien Meldungen über Fehlplanungen und Kostenexplosionen immer wieder thematisierten.
Außerdem war nicht mehr zu übersehen, dass breite Kreise Wirtschaft und Wissenschaft der Bonner Raumfahrtpolitik skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, teils wegen der sich abzeichnenden Verteilungsprobleme, teils aber auch aus grundsätzlichen Erwägungen heraus. Zum Beispiel entschied sich die Deutsche Physikalische Gesellschaft 1990 gegen die bemannte Raumfahrt - mit dem klassischen Argument der Raumfahrtspektiker, sei sei zu teuer und würde kaum relevante Forschungsergebnisse liefern.

Nach 1990 versachlichte sich die Stimmung. Teils war das auf eine Reihe von Studien zurückzuführen, die unabhängig von ihrer teils
kritischen, teils verhalten positiven Einschätzung der anstehenden Raumfahrtprojekte eine seriöse Diskussiongrundlage lieferten. Ein andere Grund war der, dass mit dem postsowjetischen Russland ein weiterer Partner ins Spiel kam - die USA verloren damit an "Verhandlungsmacht". Der entscheidende Faktor war aber, dass auch der "Normalbürger" immer mehr von Raumfahrtanwendungen profitierte, und dass die Raumfahrt immer selbstverständlicher erschien
Hatte der Unfall des Space Shuttles "Challenger" 1976 noch Diskussionen über den Sinn der Raumfahrt ausgelöst, die weit über die eigentlich betroffene bemannte Raumfahrt hinausging, gab es keine vergleichbare Diskussionen nach dem Unfall der "Columbia" 2003. Ein "Ausstieg" auch aus der unbemannten Raumfahrt steht überhaupt nicht mehr zur Debatte und auch die Diskussion um die bemannte Raumfahrt ist sachlicher geworden.

Dadurch, dass auch China und Indien sich als "Raumfahrtmächte" präsentieren, und dadurch, dass neben die staatlichen Raumfahrtinstutionen auch private Raumfahrtunternehmen getreten sind, gewinnt die Raumfahrtpolitik auch bei uns an Bedeutung.
(Siehe auch mein Artikel: Prestigeobjekt "bemannte Raumfahrt"? - In Europa eher nicht!)

Donnerstag, 8. Mai 2008

Albanische Horrorshow

Zugegeben, die - zeitweilig von deutschen Politikern als "Befreiungsbewegung" hofierte - UÇK war mir nie sonderlich sympathisch. Allzu sehr verschwimmt bei ihr die Grenze zwischen politischer und krimineller Sphäre - dass die Hälfte der UÇK-Gelder aus Drogenhandel stammen könnte, halte ich für zumindest nicht ausgeschlossen.

Da passt dieser Artikel auf "telepolis" gut ins unvorteilhafte Image: Es steht ein Haus in Albanien.
Human Rights Watch fordert die Untersuchung von Entführungsfällen. Die Menschenrechtsorganisation sieht den Verdacht erhärtet, dass die UCK Handel mit Organen von Verschleppten betrieb.
Die Geschichte, dass nach dem Einmarsch der NATO 100 bis 300 Menschen aus dem Kosovo nach Albanien verschleppt wurden, halte ich für einigermaßen plausibel. Ihren besonderen "Thrill" bekommt die Story allerdings durch die Behauptung:
Die jüngeren und gesünderen Opfer seien aussortiert und in die Nähe der albanischen Kleinstadt Burrel gebracht worden. Dort seien ihnen Organe entnommen worden, die anschließend ins Ausland geflogen wurden. Laut Del Ponte wurden die Ermittler in einem "gelben Haus" fündig: Mittels eines chemischen Sprays konnten an den Wänden und am Boden gewaltige Blutflecke als Beweismittel sichergestellt werden. Zusätzlich habe man in der Nähe des Hauses Gerätschaften und Utensilien gefunden, die für Operationen gebraucht werden, u.a. Spritzen, Verbandsmull, Infusionsbeutel und Ampullen für Muskelentspannungsmittel.
Ein ungeheuerlicher Verdacht. Allerdings macht mich die Aussage, mittels eines "chemischen Sprays" konnten "gewaltige Blutflecken" als Beweismittel gesichert werden, stutzig.
Sicherlich gibt es einen Schwarzmarkt für Transplantationsorgane. Die meisten in Indien verpflanzten Nieren stammen von Lebenden, die nicht selten aus Armut zu "Spendern" wurden. Da liegt der gedankliche Sprung von "ethisch fragwürdigen" zu "verbrecherischen" Methoden nahe - wenn nur die Profite hoch genug sind.
Allerdings ist die fachgerechte Extraktion eines inneren Organs eine komplizierte Sache, auch wenn der "Spender" nicht überleben braucht. Das Organ muss fachgerecht entnommen werden, sonst ist es für Transplantationszwecke unbrauchbar. Zum Beispiel muss unter völlig sterilen Bedingungen gearbeitet werden.
Da passen "größere Blutflecke" ("gewaltig" steht nicht im Bericht auf der HPW-Website) einfach nicht ins Bild. Es passt auch nicht ins Bild, wenn ein einfacher Schnelltest mit einem "chemischen Spray" (Luminol) als "Beweis" herhalten soll. Dass die Dinge bei Blutflecken nicht so einfach sind, dürfte dank Krimiserien wie C.S.I. selbst blutigen Laien klar sein. So ist es ohne serologische Untersuchung praktisch unmöglich, zwischen menschlichem Blut und dem z. B. eines schwarz geschlachteten Schweines zu unterscheiden. Selbst wenn das Blut von Menschen stammen sollte, ist ein "simpler" Mord weitaus wahrscheinlicher als eine noch so hastig ausgeführte operative Organentnahme.
Was die "Operationsutensilien" angeht - Spritzen, Verbandsmull, Infusionsbeutel und Ampullen für Muskelentspannungsmittel finden sich in jedem Rettungswagen, in jeder Apotheke und in den meisten Arztpraxen. Da die UÇK-Kämpfer damals noch jederzeit mit bewaffneten Auseinandersetzungen rechnen mussten, ist es mehr als nur plausibel, wenn sie ordentliches Sanitätsmaterial in Bereitschaft hatten. Nebenbei würden große Blutflecken an den Wänden und am Boden, wenn man schon einmal davon ausgeht, dass das Material auch benutzt wurde, besser zur Notversorgung schwer verletzter Kämpfer als zu einer Organentnahme passen. Außerdem mag die Frage erlaubt sein, wozu ein "ausgeschlachteter" Leichnam noch Verbandsmull braucht.

Ich traue der UÇK Einiges zu, und zwar wenig Gutes. Allerdings halte ich die "Organräuber-Story", wenn nicht erheblich bessere Indizien auftauchen, bis auf Weiteres für eine Horrorgeschichte aus den Balkankriegen.

Sonntag, 4. Mai 2008

"Runen sind BÖSE!" - Sind Runen böse?

Bekanntlich haben Nazis (Original- und Neo-) und "Deutsch-Völkische" ein Faible für Runen.
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"Tiwaz"-Rune an einem Wohnhaus aus den 1930er Jahren.

Daraus ergeben sich für alle, die Runen (z. B. künstlerisch) öffentlich verwenden, (zumindest in Deutschland) einige Probleme. Damit meine ich jetzt nicht Runen und runenähnliche Symbole, die wegen ihrer Verwendung als Symbole verbotener Organisationen ebenfalls verboten sind (z. B. die "SS-Runen").
Der Legende nach wurde alles was König Midas berührte zu Gold. Leider keine Legende ist der Fluch des "Braunen König Midas". Was die Nazis und ihre allzu zahlreichen (un)geistigen Erben anrührten, wurde zu ekelhafter brauner Scheiße, die kein aufrechter Demokrat aufgreifen - und schon gar nicht in den Mund nehmen! - wird. Allerdings ist unter den Gegner der Nazis und ihrer gefährlichen Erben höchst umstritten, was denn nun von Anfang an braune Scheiße war, was durch die Berührung der Nazis unrettbar zu brauner Scheiße geworden ist, und was vielleicht nur beschmutzt wurde, aber durch Reinigung wieder gut, harmlos und nützlich werden kann. In den Augen vieler gutmeinender, von brauner Scheiße zurecht angeekelter, Deutscher ist alles, was mit den Germanen und vieles, was mit den Kelten zu tun hat, unrettbar verseucht. Runen zum Beispiel. Allenfalls Fachwissenschaftler dürfen sich, sozusagen im Hochsicherheits-Labor, damit beschäftigen. Es sind bei weitem nicht nur betriebsblinde Antifas, die so denken. Verbotene und suspekte heidnische Symbole.

Natürlich sind Runen keine Erfindung der Nazis - was sie wirklich sind, steht u. A. beim Runenprojekt der Uni Kiel - etwas auch in der Wikipedia.
Tatsächlich bedeutet das, dass man bei jeder Verwendung von Runen differenzieren muss, wer diese Schriftzeichen warum in welchem Kontextverwendet. Ich schrieb neulich, dass ich ich Anregungen der Art, man möge, im Zuge der "Null-Toleranz" und einer Politik der Nadelstiche, einige von Nazis und Neonazis verwendete Runen "verbieten" (auf welcher Grundlage?) für abwegig und sinnlos halte - aber anderseits das Unbehagen gegenüber vorgeblich "naiver" Verwendung von Runen, bei der ein NS-nostalgischer oder "völkischer" Hintergrund zumindest nahe liegt, teile.

Nun schriebt Burkhard Schröder für die "taz" einen Kommentar zur Modemarke "Thor Steinar", der am 3. Mai 2008 unter der Überschrift “Blümchenshorts des Bösen” erschien. Da das ursprüngliche Manuskript verschlimmbessert und ein wenig “entschärft” wurde, verlinke ich das Original: "Kauft nicht bei Kopelke!".
Zugegeben: Diejenigen, die sich an den Kampagnen gegen Thor Steinar beteiligen, meinen es gut. Das ist aber keine Ausrede: Die Zeugen Jehovas meinen es auch gut. In Wahrheit schlummert hinter der Attitude, eine clevere und politisch zynische Geschäftsidee mit Mitteln des Strafrechts oder gar mit Gewalt bekämpfen zu wollen, der typisch deutsche Obrigkeitsstaat, den auch die Linken und Lichterkettenträger allzugern immer wieder herbeiwünschen: Der Staat muss doch gegen das Böse, hier: Thor Steinar, hart durchgreifen?! Melde gehorsamst: Nazi-Kleidung und gefährliche ultrabraune Symbole entdeckt! Bitte Verbot durchführen!
Da kann ich Burks nur beipflichten. Auch wenn ich Einiges ein klein wenig anders sehe als er - z. B. hat meines Wissens "Mediatex" Verbindungen zur "braunen Szene", so dass jeder, der die (nicht ganz billigen) Thor Steinar-Klamotten kauft, gewollt oder ungewollt rechtsextreme Strukturen mitfinanziert. (Die Wirkung von Symbolen wäre ein Thema für sich.)

Nun ist es leider so: wenn Runen und andere von unseren "braunen Freunden" geschätzte, aber nicht erfundene Dinge, vom Thorshammer bis zur Wagner-Oper, um ein "Zeichen zu setzen", "Nadelstiche anzubringen", "im Zuge der Null-Toleranz" oder "um Missverständnisse durch Ausländer auszuschließen" geächtet werden, dann überlässt man diese Dingen genau jenen, die sie missbrauchen.
Bei Dingen, die direkt der Nazi-Ideologie oder ihren Vorläufern entsprangen liegt der Fall allerdings anders. Das gilt sogar für ein "Runenalphabet", das "Armanen-Furthark".

Der Ausweg liegt darin, erst einmal die deutsche Neigung zu symbolischen Ersatzhandlungen zu vergessen - und bestimmte oberflächliche Formen der "Political Correctness" gleich dazu. Also z. B. Runen in einem Kontext zu verwenden, wo klar ist: hier hinterlassen keine Neonazis oder "Völkische" ihre Duftmarken.

Die zur Zeit meist verwendete "echte" Rune ist übrigens eine "Binderune" aus Hagalas (in der Sternform des jüngeren Futhark, Lautwert "H") und "Berkano" (Lautwert) "B" - die Initialen Harald Blåtands als Symbol für "Bluetooth". Niemand (außer vielleicht einigen Verschwörungstheoretikern der besonders abgedrehten Sorte) vermutet deshalb, dass Sony-Ericson ein rechtsextrem unterwandertes Unternehmen wäre.
Es ist auch nicht so, dass jeder Laden für z. B. Mode, der Runen verwendet, von "irgendwie rechten" Leuten betrieben würde - hier ein Beispiel für einen garantiert nicht "braunstichigen" Online-Shop dieser Art: Trollmode.

Man kann den Spieß spaßeshalber auch umdrehen:
Runenpulli
(Die Runen auf dem Pulli bedeuten: ""NAZIS VERPISST EUCH", wobei ich als kleinen orthographischen Kompromiss statt des im älteren Futhark nicht vorhandenen "Vs" ein "Fehu" verwendet habe.)

Aber bitte nicht vergessen: Die Runen können zwar nichts durch ihre Verwendung durch Nazis, aber es wäre fatal, zu vergessen, dass Runen auch "beliebte" Nazi-Symbole sind!

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"Ariosophische Bauten" ...
Löscht die olympische Flamme

Freitag, 2. Mai 2008

"Die Aggression und nackte Gewalt ging von rechter Seite aus" - Nachlese zur Demo

"Die Aggression und nackte Gewalt ging von rechter Seite aus",
sagte Polizei-Einsatzleiter Peter Born am Freitag vor Journalisten.
Hamburg: Schuldsuche Schuldsuche nach den Mai-Krawallen - Viele Verletzte, viele Festnahmen und viele Fragen Wobei: die Suche nach "Schuldigen" - abgesehen von den Neonazis, ohne die der Krawall nie stattgefunden hätte - ist keine gute Idee, jedenfalls nicht, solange es dringendere Probleme gibt.

Interessanter ist schon die Suche nach den Ursachen. Und die liegen m. E. ziemlich deutlich zu Tage:
Dass die Nazis brutal und auf Krawall aus sind, war bekannt. Neu waren der sogenannte autonomen nationalistischen Block - man kann auch sagen: organisierte Schlägertrupps, die hauptsächlich in den neuen Bundesländern regelrecht rekrutiert wurden. Sie machte zwar "nur" 200 der rund 1.500 in Hamburg versammelten Rechtsextremisten aus, rissen aber sicherlich viele "Nazi-Deppen" durch ihr Beispiel mit.
Zur Eskalation beigetragen haben leider auch "Randalekids", nach eigenem Verständnis auf Seiten der Gegendemonstranten, und jene "Testosteronbolzen" (distelfliege) die "revolutionäre" Gewalt romantisieren bzw. Selbstbestätigung im Kampf suchen. Diese dürfen auf keine Fall mit den (überwiegend schon ein paar Jahre älteren) "klassischen Autonomen" verwechselt werden, die zwar vor der gewaltsamen Auseinandersetzung nicht zurückschrecken, aber erst denken und dann zuschlagen. Im Grund spielten die Randalekids den Nazi-Schlägern in die Hände bzw. Fäuste. Allerdings: ohne die Nazidemo wäre auch die Randale der Randale-Kids nicht eskaliert. Die Blockade der Bahnstrecke kann z. B. auch als verzweifelte Abwehrmaßnahme gesehen werden.

Die Planung der Gegendemonstration war gut, und gegen einen "herkömmlichen" Naziaufmarsch wäre die Taktik, öffentliche Räume buchstäblich zu "besetzen" auch aufgegangen. Die Kritik an der OLG-Entscheidung ist m. E. überzogen - und nach der ursprünglichen Planung hätten Schlägertrupps unter Umständen in Barmbek-Nord (einem dicht bewohnten Stadtteil mit hohem Einwanderanteil, der allerdings kein "verarmtes Ghetto" ist) freie Bahn gehabt.

Bemerkenswert erscheint mir, dass in der Nähe vom Barmbeker Bahnhof (einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt) schon lange vor der Nazi-Demo und der Gegenveranstaltung mehr als 100 Nazis sich mit eine etwa gleich großen Gruppe teils linker Autonomer, teils wohl auch kampfgeiler Randalekids heftig prügelten. "Wenn sich die Polizei nicht dazwischengeworfen hätte, dann hätte es Tote gegeben", sagte Einsatzleiter Born, und damit hat er wohl leider recht. (Auch wenn die Polizeitaktik nach Angaben von Leuten, die näher dran waren als ich, nicht ganz "ohne" war. Die typischen Gummiknüppel-Kopfplatzwunden haben sich verletzte Demonstranten kaum selbst zugefügt.) Subjektiv mag es ja ehrenwert sein, den Nazis eine Tracht Prügel verpassen zu wollen, aber: klug handeln geht anders. Und ich fürchte, die Toten hätte es nicht auf Seiten der Nazis gegeben.
Eigentlich hätte schon dann die Nazi-Kundgebung mit dem Hinweis auf die nicht zu gewährleistende öffentliche Sicherheit abgesagt werden müssen.

Obwohl ich schon ein paar "heftige" Demos mitgemacht habe, habe ich so etwas noch nicht erlebt - brennende Autos schon, aber regelrechte brennende Barrikaden noch nicht. Sinnlose Aktionen, wie das Anzünden des Reifenlagers (damit im Hintergrund auch was brennt, wie man es aus Action-Filmen kennt?) oder das Anzünden von Autos "aus Verdacht" (wenn das einzige Indiz, es mit einem Nazi-Auto zu tun zu haben, eine Autonummer mit "1488" ist, dann sind "Fehlgriffe" unvermeidlich) zeugen eher von Hysterie und purer Lust auf Gewalt, als von politischem Bewusstsein.

Auch, dass große Helikopter zusätzliche Polizeihundertschaften z. B. aus Berlin einflogen und dass die Feuerwehr, um nicht selbst in Gefahr zu geraten, nicht zum Löschen durchkam (und sogar von Nazis direkt angegriffen wurde!) habe ich noch nicht erlebt.

Was mich selbst angeht: ich war nicht "mittendrin", sondern "nur dabei" und wollte eigentlich nur an einer friedlichen Gegendemo teilnehmen. In unmittelbarer Gefahr befand ich mich nicht. Trotzdem war ich froh, als ich weg war.

Zur Berichterstattung in den Medien: mir ist aufgefallen, dass bei im großen und ganzen friedlichen Demos gern von "Randale" berichtet wird, sprich dramatisiert wird. (Den einsamen Spitzenplatz erreichte in dieser Beziehung das "Bocholt-Borkener Volksblatt", das nach einer völlig friedlichen Anti-Nazi-Demo titelte: "Nach der Demo die Randale" - wobei grade mal ein Ei geflogen war.)

Dieser Dramatisierung steht im Falle der Straßenschlachten am 1. Mai eine gewisse Zurückhaltung bzw. ein in vielen Medien sichtbares Bestreben, die Sache niedrig zu hängen, gegenüber.

Sehr gut, wie immer, wenn es um Nazideppen geht - Pantoffelpunk: Randalekiddies.
Besonders schön - Peltos Kommentar:
Ach, hin oder her, das war schon ein schöner Tag. Die ganzen Poster in den Barmbeker Fenstern! Die sich über die Nazispacken empörenden Kleingärtner! 10.000 gegen 700, na, wenn die Blizbirnen immer noch glauben, das Volk zu sein: Nazis - mehr Haare als Verstand.
Ich fand zwar, der Tag hätte schön sein können - aber Pelto hat recht: die Unterstützung der Barmbeker gegen den Nazi-Aufmarsch war schon erfrischend. (Mehr als 700 Nazideppen waren es dann leider doch.)

Nachtrag: Darauf, dass die Krawalle wenig mit den Autonomen, aber sehr viel mit Randalekids und Krawallniks mit Testosteronüberschuss zu tun hat, deutet auch dieser Bericht in der taz hin: 1. Mai-Krawalle in Hamburg
Auch die nächtliche Randale im Szenestadtteil Schanzenviertel im Verlauf eines Antifa-Konzerts im autonomen Stadtteilzentrum Rote Flora unter dem Motto "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen" hatte nichts mit autonomer Politik zu tun. Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei flogen Steine auf die Einsatzkräfte, und bei einem anschließenden Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei gingen 20 Müllcontainer und zwei Autos in Flammen auf. "Die Leute von der Roten Flora haben noch versucht, beruhigend einzuwirken", so Einsatzleiter Born. "Das Konzert war auch völlig friedlich." Ein Rotflorist bestätigt: "Wir hatten auf den Scheiß keinen Bock."
Noch ein Nachtrag: Burkhard Schröder Betrachtungen (wie immer lesenswert) auf telepolis: Die Lehre aus den Krawallen in Hamburg.
Ein Absatz gibt mir zu Denken:
Der voyeuristische Unterhaltungswert aber für Leute, die Gewalt und Straßenkampf nur aus Filmen kennen, ist hoch, weil die Authentizität mehr interessiert als die Medienberichte, deren Bilder und Filmsequenzen nur das wiederholen, was ohnehin schon oft und genau so vorgekommen ist. "Die schlimmsten Krawalle seit 30 Jahren": Wer dabei war, kann und will etwas davon erzählen.
Was die Teilnehmer der Gegendemo angeht, hatte ich nicht den Eindruck, dass unter uns viele darauf scharf waren, Straßenschlachten und brennende Autos "live" zu sehen. Was die "Randalekids" angeht, hat Burks wohl Recht. Endlich mit den alten Knackern, die so von Brokdorf ´77 oder Hafenstraße ´82 so erzählen, wie Opa von der Ardennen-Offensive, gleichziehen! Und was werden die Kumpels in Buxtehude, Wismar oder Gütersloh staunen!
Straßenkampf als Adoleszenzritual und Abenteuerurlaub. Distel, Du hast ja so recht!
Und Burks hat wohl auch recht, wenn er meint: Die Krawalle sind jedoch langfristig politisch bedeutungslos.

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