Freitag, 30. Mai 2008

Geahnt hatte ich das schon immer

Gute Schreiber schreiben ‘ich’ - und lange Sätze …
Das fand Klaus Jarchow heraus, als er sich Texte wirklich guter journalistischer Schreiber ansah - und mit dem verglich, was in Deutschland üblicherweise als "guter journalistischer Stil" gilt:
Journalismus in der ersten Person: Ich? Ich!

Überwachungsstaat und Überwachungsgesellschaft

Morgen, am 31. Mai, ist bundesweiter Aktionstag "Freiheit statt Angst" - In vielen Städten gibt es Demonstrationszüge und Infoveranstaltungen zum Thema Überwachungsgesellschaft und Datenschutz. Ich schreibe bewusst "Überwachungsgesellschaft", weil uns nicht "nur" der "Überwachungsstaat", sondern eine "Überwachungsgesellschaft" ins Haus steht. "Big Brother" kann heutzutage auch Privatunternehmer sein, und auch in der "freien Wirtschaft" gibt es genügend "Entscheider", die Privatsphäre für ein Effizientshindernis oder gar für ein Sicherheitsrisiko halten.

Karsten nimmt sich anlässlich des aktuellen "Telekom-Schnüffelskandals" auf B.L.O.G. des Problems an:
Vor 20, 30 Jahren war es noch so, dass nur staatliche Organe die Möglichkeiten und Ressourcen hatten, um eine totale, bedrohliche Überwachung gegen Einzelpersonen in Stellung zu bringen. Aus dieser Zeit (und der davor) stammt die liberale Überzeugung, dass man staatliche Sicherheitsmaßnahmen genau unter die Lupe nehmen muss, um zu verhindern, dass wir in einen Polizei- und Überwachungsstaat abrutschen.

Doch diese Perspektive ist längst zu kurz gegriffen, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Vermachtung der Gesellschaft nicht mehr ausschließlich auf den Staat beschränkt ist. Je stärker die wirtschaftliche Machtkonzentration wächst, um so stärker wächst auch die Bedrohung durch Überwachung von Privaten.
Weiterlesen: Datenschutz - eine neue Perspektive.

Dazu auch der passende Werbespot: “Wovon Schäuble noch träumt, ist bei uns schon Wirklichkeit! - Deutsche Telekom" (vom NDR - Extra3).

Montag, 26. Mai 2008

Hexenjagd

Der Bericht auf der Website des "humanistischen Pressedienstes" über eine traurige Realität Hexen- und Zaubererjagd im 21. Jahrhundert beginnt mit bezeichnenden Worten:
Manchmal müssen Journalisten über Ereignisse berichten, die dermaßen unbegreiflich sind, dass sie befürchten, die LeserInnen, ZuhörerInnen oder ZuschauerInnen am Wahrheitsgehalt zweifeln werden.
Ich muss gestehen: mich wundert, angesichts dessen, was ich über die große europäische Hexenverfolgung (nicht etwa im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit) weiß, und was mir über heutige Hexenverfolgungen, vor allem in Indien und in Ost- und Südafrika, bekannt ist, nur eines: Dass es nicht viel häufiger Meldungen dieser Art gibt.

Im Westen Kenias wurden fünfzehn Menschen, Männer und Frauen, ermordet und verbrannt, weil ein "Lynchmob" von ca. 300 Anhängern sie der Hexerei beschuldigte. Ihr "Beweis" für magische Kräfte war eigentlich "nur" eine groteske Vermutung, die allerdings vielen "Beweisen" für Hexerei in der von Wolfgang Behringer herausgegebenen kommentierten Textsammlung "Hexen und Hexenprozesse in Deutschland" zum Verwechseln ähnelt: Die "klugen Kinder" würden durch diese "Hexen" Leute „dumm". Das reichte für das Massaker.
Solche Massaker kommen leider immer wieder vor - mit hoher Dunkelziffer. Wenn sie doch einmal die internationalen Medien erreichen, dann gehen sie erfahrungsgemäß schnell unter.
Es ist allzu billig, hier von "afrikanischem Aberglauben" oder "Hexenwahn" zu sprechen. Der Schritt von einem magischen Weltbild, in dem Schadenzauber für möglich gehalten wird (aber es auch für jeden Schadenzauber einen Gegenzauber gibt), zur Hexenverfolgung ist meines Erachtens weit. (Hierzu verweise ich auf einen Text zum Thema "Hexenverfolgung", die ich für einigen Jahre schrieb: Die Erfindung des Hexereideliktes.)

Ziemlich kurz scheint hingegen der Schritt von der "Hexenverfolgung von unten" zur "Hexenverfolgung von Staats wegen" zu sein. Eine im Volk weit verbreitete Angst vor "Hexerei", der einfache Menschen sich "wehrlos" ausgeliefert fühlen, ein defektes Justizsystem und religiöser Fanatismus der Mächtigen reichen aus.

Dieser Fall aus Saudi-Arabien könnte aus der frühen Neuzeit und aus Behringers Textsammlung stammen:
Im Februar diesen Jahres verbreitete die BBC die Hintergründe eines schier unfassbaren Gerichtsurteils in Saudi-Arabien. Fawza Fahil, eine geschiedene 35-jährige Frau hatte in ihrem Haus einen Bindfaden mit sieben Knoten, ein geschlachtetes Huhn und einen impotenten Nachbarn. Der potenzgestörte Mann rief daraufhin die Religionspolizei weil er behauptete, die Frau habe ihn durch „Magie" seiner Manneskraft beraubt. Frau Fahil wurde daraufhin zum Tode durch Enthaupten verurteilt. Das Gerichtsurteil ist durch alle Instanzen bestätigt worden. Letzter Hoffnungsschimmer ist eine Begnadigung durch König Abdullah.
Zur Erinnerung, weil es von unseren Politikern und unseren Medien ungern ausgesprochen wird: Saudi Arabien ist eine absolute Monarchie, in der König Abdullah eine Machtfülle genießt, von der "Sonnenkönig" Louis XIV. nur träumen konnte. Entsprechend finster sieht es mit den Menschenrechten aus. Aber Saudi Arabien hat, im Gegensatz zu anderen notorischen Unrechtsstaaten, wie Nordkorea und Myanmar, gewaltige Erdölvorkommen.
Nicht "typisch frühneuzeitlich", sondern typisch frühes 21. Jahrhundert ist, wie der "Fall" im "aufgeklärten Westen" behandelt wird:
Kritiker sprechen von einem „akribisch geplanten Justizmord". Der Menschenrechtsbeauftragte der Partei DIE LINKEN im Bundestag, Michael Leutert, hat sich der Sache angenommen - viel Hoffnung hat er jedoch auch nicht. Besonders traurig ist: nicht ein einziges Land der EU, die fortwährend über Menschenrechte und deren Einhaltung spricht, hat Frau Fahil Asyl angeboten. Genutzt hätte es wahrscheinlich ohnehin nicht viel. Dem Nachrichtensender n-tv gegenüber sagte ein Sprecher der saudischen Botschaft in Berlin, man lehne eine solche „Einmischung in innere Angelegenheiten" kategorisch ab.
Abgesehen vom Opportunismus gilt in solchen Fällen das Prinzip "was nicht sein darf, kann nicht wahr sein".

Nur am Rande: Ein Prinzip, aus dem auch z. B. ein offen verfassungswidriger Vorschlag eines CDU-Vorstandsmitgliedes medial zu einer Art "Dummenjungenstreich" wird Die CDU, ein dummer Bengel und das Klassenwahlrecht - wohl, weil ernst gemeinte und ernst zu nehmenden offen verfassungswidriger Vorschläge gefälligst nur von der NPD gemacht zu werden haben. Oder äußerstenfalls noch, wenn es nach einige Rechts"liberalen" und Rechts"konservativen" geht, von den LINKEN.

Sonntag, 25. Mai 2008

Heute habe ich ein Handtuch dabei

Warum?
Nun:
"Ein Handtuch ist so ungefähr das Nützlichste, was der interstellare Anhalter besitzen kann. Einmal ist es von großem praktischem Wert – man kann sich zum Wärmen darin einwickeln, wenn man über die kalten Monde von Jaglan Beta hüpft; man kann an den leuchtenden Marmorsandstränden von Santraginus V darauf liegen, wenn man die berauschenden Dämpfe des Meeres einatmet; man kann unter den so rot glühenden Sternen in den Wüsten von Kakrafoon darunter schlafen; man kann es als Segel an einem Minifloß verwenden, wenn man den trägen, bedächtig strömenden Moth-Fluss hinuntersegelt, und nass ist es eine ausgezeichnete Nahkampfwaffe; man kann es sich vors Gesicht binden, um sich gegen schädliche Gase zu schützen oder dem Blick des Gefräßigen Plapperkäfers von Traal zu entgehen (ein zum Verrücktwerden dämliches Vieh, es nimmt an, wenn du es nicht siehst, kann es dich auch nicht sehen – bescheuert wie eine Bürste, aber sehr, sehr gefräßig); bei Gefahr kann man sein Handtuch als Notsignal schwenken und sich natürlich damit abtrocknen, wenn es dann noch sauber genug ist.

Was jedoch noch wichtiger ist: ein Handtuch hat einen immensen psychologischen Wert. Wenn zum Beispiel ein Strag dahinter kommt, dass ein Anhalter sein Handtuch bei sich hat, wird er automatisch annehmen, er besäße auch Zahnbürste, Waschlappen, Seife, Keksdose, Trinkflasche, Kompass, Landkarte, Bindfadenrolle, Insektenspray, Regenausrüstung, Raumanzug usw, usw.. Und der Strag wird dann dem Anhalter diese oder ein Dutzend andere Dinge bereitwilligst leihen, die der Anhalter zufällig gerade "verloren" hat. Der Strag denkt natürlich, dass ein Mann, der kreuz und quer durch die Galaxis trampt, ein hartes Leben führt, in die dreckigsten Winkel kommt, gegen schreckliche Übermächte kämpft, sich schließlich an sein Ziel durchschlägt und trotzdem noch weiß, wo sein Handtuch ist, eben ein Mann sein muss, auf den man sich verlassen kann."

Mit anderen Worten: heute ist Towel Day!

Mittwoch, 21. Mai 2008

Antifaschistische Gedanken, angeregt von einem Wikingerschiff

Vor gut fünf Monaten schrieb ich am Ende meines Blog-Beitrags: Ich bin nun stolzer Besitzer eines Wikingerschiffs:
Mehr zu meinem Wikingerschiff, wenn das Modell fertiggestellt ist. Womit ich es nicht eilig habe, denn als "Malvorlage" taugt es schon im halbfertigen Zustand.
wikingerschiff-02

Ich löse dieses Versprechen hiermit ein. Allerdings soll hier nicht vom Bau meines Modells die Rede sein - wen das interessiert, den Verweise ich auf meinen ipernity-Account Wikingerschiff, wo auch einige Fotos mit Erläuterungen zu finden sind.

An und für sich sollten die Wikinger und das, was mit ihnen zusammenhängt, unproblematisch sein. Es gibt zahlreiche Wikingermärkte. Fernseh-Dokumentationen und neuere populäre Sachbücher stellen sowohl das Klischee vom plündernden Barbaren wie das Klischee von den freudig in den Tod gehenden stahlharten "Edelkriegern" richtig. "Wikingerschiffe" von Playmobil oder Lego finden sich in zahllosen Kinderzimmern. "Hägar der Schreckliche" und der gar nicht schreckliche schlaue Wikingerjunge "Wickie" und der klassische, kein Klischee auslassende, Monumentalfilm "Die Wikinger" (mit dem herrlich pathetischen Kirk Douglas in der Hauptrolle) bestimmen das popkulturelle Image der Wikinger weitaus mehr als der düstere Wikingerkult der Nazis.

Sollte man meinen. Allerdings hindert das die modernen Nacheiferer der alten Nazis nicht daran, sich gern und im großen Umfang der Wikingersymbolik zu bedienen: Wikinger sind so schön "nordisch", "reinrassige Nordgermanen", herrlich barbarisch, verkörpern "Opferbereitschaft" und "Faustrecht" und waren angeblich so, wie Nazischläger gerne wären. Tatsächlich beziehen sich manche Neonazis positiv auf das (negativ gemeinte) Klischee von den saufenden und raufenden barbarischen Plünderern und kombinieren es mit dem hochglanzpoliertem "Edelkriegerklischee" und den "Wagneropergermanen" der alten Nazis. Gern wird in diesen Kreisen die Heldenfigur "Wikinger" mit einer rassistischen Komponente angereichert, die den historischen Wikingern völlig fremd gewesen sein dürfte. Dass das hinten und vorne nicht zusammenpasst und mit der historischen Realität etwa so viel zu tun hat wie "Conan der Barbar" scheint den Neonazi der Normalausführung nicht zu stören. (Es gibt allerdings auch Neonazis und vor allem "Neurechte", deren Wikingerbild nicht so grob zusammengezimmert ist - ihre genaue Kenntnis der historischen Gegebenheiten hindert sie nicht daran, einer braunen Weltanschauung anzuhängen.)
Aber auch für den kühl kalkulierenden rechtsextremen Polit-Strategen ist die Wikingersymbolik für Propagandazwecke schlechthin ideal. Sie erlaubt es einerseits an die populäre internationale Ästhetik von Fantasy- und Abenteuer-Comics, -Filmen, -Computerspielen und -Buchcovern anzuknüpfen, dabei aber zugleich auch "traditionsbewußt", "germanisch", "ahnenstolz" und "völkisch" zu sein. Man kann mit Wikingersymbolik bequem im kulturellen Mainstream mitschwimmen und trotzdem "bei Bedarf" sehr provokativ wirken. Der Slogan "Odin statt Jesus" ist rechtsaußen nicht etwa so beliebt, weil es dort so schrecklich viele Neuheiden gäbe, sondern weil er zuverlässig provoziert, zudem gut in ein Weltbild passt, in dem alles Üble "irgendwie" jüdisch und alles "Jüdische" (einschließlich Christentum) irgendwie übel ist - und der dennoch nicht verboten werden kann.

Einer der Gründe, weshalb es den Braunhäutige hassenden inwändig Braunen so leicht fällt, die Wikingersymbolik für sich "kulturell zu besetzen" ist meines Erachtens in der Art der "Auseinandersetzung mit Neonazis" zu suchen, wie sie die meisten Massenmedien hierzulande praktizieren. (Siehe: "Noch ein" Internetprojekt "gegen Nazis".)
Die (fast immer falsche) Grundannahme ist, dass Nazis "vom Rand der Gesellschaft" stammen, Aussenseiter seien und folglich erfolgreich ausgegrenzt werden könnten. Die Misserfolge der Anti-Nazi-Programme sind nicht zuletzt auf diese falsche Prämisse zurückzuführen. Hier sei nur kurz erwähnt, dass der Radikalismus alten wie der neuen Nazis ein "Radikalismus der Mitte" ist, der populäre Vorurteile, Klischees, Ideologiebruchstücke, Ängste, Sündenböcke und "Patentlösungen" konsequent bis zum Äußersten treibt. Aber diese Möglichkeiten - "Nazis kommen aus der Mitte der Gesellschaft" bzw. "Nazidenke beruht auf Mainstream-Denke" - sind unangenehm - und ziehen unangenehme Fragen wie z. B. die nach der deutschen Einwanderungspolitik, der "Festung Europa" und der Asylpraxis nach sich - in weiterer Konsequenz auch Fragen nach bürgerrechtsfeindlicher Gesetzgebung und Abbau demokratischer Rechte und nach autoritären Strukturen.
Wenn man aber "die Nazis" fälschlicherweise bizarren Subkulturen zuordnet, sich andererseits vor Nazis ängstigt, dann rücken die Merkmale, an der man die Angehörigen dieser Subkulturen identifizieren kann, stärker in den Vordergrund, als es von der Sache her angebracht wäre. Aus diesem Denken erklärt sich z. B. die lange Zeit vorherrschende Tendenz, Skinheads pauschal "ins rechte Eck" zu stellen.
Zuverlässig erkennt man einen Nazi dann, wen er den Mund aufmacht und über Politik spricht. Wenn ich besorgten Eltern, die fürchten, ihre Kinder würden "im braunen Sumpf" stecken, einen Tipp geben kann, denn den, sich mal mit ihren Sprösslingen ganz locker und ohne schnelle Vorwürfe und bohrende Fragen über Politik, Zeitgeschichte und Demokratieverständnis zu unterhalten. Das klappt allerdings nur dann, wenn die Eltern nicht, wie so oft, viele der tendenziell rassistischen, nationalistischen, völkischen, autoritären usw. Ansichten teilen - und überhaupt die Bereitschaft vorhanden ist, sich ganz ruhig mit den eigenen Teenager-Kindern über heikle Themen zu unterhalten.

Da ist es doch einfacher und bequemer, nach T-Shirts mit Runen und Wikingermotiven Ausschau zu halten. Das selbe Prinzip, nach dem Eltern "prüfen" können, ob ihre Kinder etwa in die Fänge einer Sekte geraten sind oder Drogen nehmen würden - Prinzip "heimliche Überwachung". Aber da selbst Bundesminister so denken, oder auch Arbeitgeber, ist es nicht erstaunlich, dass die Suche nach "verdächtigen Gegenständen" und "auffälligen Verhaltensweisen" auch bei Eltern und Erziehern populär ist.

Bemerkung zum Schiffsmodell: Als ich diesen Bausatz kaufte, da machte der Verkäufer mir gegenüber den schlechten Scherz: "Aber nur gegen Ariernachweis". Inzwischen bin ich mir sicher, dass es wirklich nur ein gar nicht witziger Witz war.
Was mir aber auffiel, war, dass Kunden, die sich z. B. für Bausätze für Modelle von deutschen Panzern aus dem 2. Weltkrieg interessierten, nicht mit ähnlichen Witzeleien bedacht wurden.

Dienstag, 20. Mai 2008

"Noch ein" Internetprojekt "gegen Nazis"

Die meisten werden es schon mitbekommen haben: es gibt (wieder mal) ein neues Internetprojekt gegen unsere inwändig braunen "Freunde", dieses Mal von der "Zeit": netz-gegen-nazis.com

Burkhard Schröder (ja, schon wieder der) stellt dazu in der "Jungle World" einiges klar und einige notwendige Fragen:
Wer über und »gegen Rechts« etwas publiziert, kann nicht einfach alle vorhandenen Meinungen unkommentiert aneinanderreihen und wie einen Gemischtwarenladen aufbereiten. Das genau macht netz-gegen-nazis.com. Fragen, die den politischen Mainstream irritieren könnten, werden weggelassen: Sind die deutsche Einwanderungspolitik, die Abschottung der »Festung Europa« und das über Jahrzehnte völkische Staats­bürgerschaftsrecht die Basis für rassistische Vorurteile und den unsäglichen Diskurs über »Ausländer« und »Ausländerfeindlichkeit«? Ist die Praxis der Asylgesetzgebung menschenverachtend, und hat sie ähnlich viele Menschenleben gekostet wie rassistische Angriffe von Neonazis? Wie viele anerkannte nationale Minderheiten gibt es in Deutschland – und was ist eine Nation? Warum haben die bisherigen Internet-Projekte »gegen Rechts« keinen messbaren politischen Erfolg, sind sie gar gescheitert?
Den ganzen Text gibt es hier: Nutzlos gegen Rechts - lesenswert!

Ich habe auch so meinen Erfahrungen mit Websites "Gegen Rechts" und diversen Aufklärungsbroschüren. Nicht alle sind erfreulich. Ein beinahe durchgängiges Merkmal ist, dass sie der Symbolik viel Raum geben. Damit meine ich nicht die tabellarischen Übersichten über von Rechtsextremisten verwendete Symbole und Codes - auch wenn auch hier manches fragwürdig ist. Sondern den Hang zu symbolischen Handlungen, zum "Zeichen setzen", zu Lichterketten und zu sicher ehrlichen, aber im Grunde nichtssagenden persönlichen Bekenntnissen - und allzu oft zu politisch sinnlosen Verbotsforderungen.

Manchmal gehen Symbole und symbolische Handlungen Hand in Hand -und an der Realität am "rechten Rand" meilenweit vorbei.
Zur Erläuterung mal ein Ausschnitt aus einem Interview, dass Annika Eckel von der "Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus" Welt Online gab: Wie Nazis sich schick machen. (Der Fairness halber sei gesagt: Vieles, was Frau Eckel in diesem Interview anspricht, ist im Sinne der Aufklärung über "pseudo-linke" Neo-Nazi-Dresscodes nützlich und richtig.)
Im zitierte Absatz geht es übrigens um die Modemarke "Thor Steinar":
Eckel: Auf Pullis sind etwa Runen oder Wikingerschiffe abgebildet. Die Marke spielt aber auch direkt auf nationalsozialistische Symbolwelten an. Es wird etwa eine Kollektion namens Nordmark verkauft. Das war der Name eines SS-Arbeitserziehungslagers in der Nähe von Kiel. Es gibt T-Shirts mit dem Aufdruck "Heia Safari", dem Marschlied des deutschen Afrikacorps während des Zweiten Weltkriegs. Thor Steinar produziert auch Mützen und T-Shirts, auf denen "Ultima Thule" steht. Das ist der Name einer rechtsextremen Band, spielt aber auch auf den Untergang eines nordischen Reiches an. Dem Mythos zufolge sind die Überlebenden die Gründer der germanischen Rasse.
Ungeachtet dessen, dass ich wegen der zynischen Geschäftsidee und den mutmaßlichen Verbindungen zwischen "Thor Steinar" / Mediatex und der rechtsextremen Szene vom Kauf dieser nicht ganz billigen Klamotten abrate: Frau Eckel geht (tatsächlicher oder vermuteter) BÖSER Symbolik auf TS-Textilien nach; wobei ihre Interpretationen wie selbstverständlich davon ausgehen, dass diese Symbole nur den "Eingeweihten" verständliche "Nazi-Codes" seien.
Mal im Detail: Trotz des Faibles mancher Nazis für alles "Nordische" sind Runen an sich keine Nazissymbole, Wikingerschiffe erst recht nicht. Dass "Nordmark" auch der Name eines Arbeitserziehungslagers bei Kiel war, dürfte den meisten heutigen Nazis unbekannt sein, für den Symbolwert ist es außerdem unerheblich. Wenn ein moderner Nazi darauf anspringt, dann, weil der Begriff "Nordmark" zwar keine Nazi-Wortschöpfung ist, aber dem "typischen" Nazi-Jargon entspricht. "Heia Safari" wurde bestimmt auch im Afrika-Corps gesungen, stammt aber aus der deutschen Kolonialzeit. Der Begriff selbst wird noch heute gern in der Afrika-Touristik verwendet. (Als erheblich zynischer empfinde ich übrigens ein "TS"-Shirt mit der Aufschrift "Südseekreuzfahrt" und einer Graphik mit einen Schiff hinter Palmen. Beim näheren Hinsehen entpuppt sich das Schiff als waffenstarrender Kreuzer der Kaiserlich Deutschen Marine.) "Ultima Thule" ist u. A. der Name einer schwedischen Vikingrock-Band, die zwar wegen ihrer (ehemaligen) Geschäftsbeziehungen zu Bert Karlsson, einem rechtsgerichteten Politiker und Eigentümer eines Musiklabels vielen schwedischen Antifaschisten suspekt ist, aber von den Texten und der Symbolik her nicht als "Neonazi-Band" bezeichnet werden kann. "Ultima Thule" , das "äußerste Thule", ist eine Allegorie für den "hohen Norden", ein Bezug zur rechtsextremen "Thule-Gesellschaft" oder dem "neurechten" "Thule-Seminar" ist keineswegs zwingend. Auf den "Untergang eines nordischen Reiches" spielt es es nicht an.

Alles in allem taugen Runen, Wikingerschiff, "Heia Safari" oder "Ultima-Thule" noch nicht einmal als Indizien für eine "rechtsextreme Gesinnung". ("Nordmark" eventuell schon, aber aus anderem Grunde als dem, den Frau Eckel nennt.)

Ach, noch etwas:
WELT ONLINE: Auf einer Protestversammlung gegen den Thor-Steinar-Laden in Mitte kam der Vorschlag auf, es den Rechten nachzumachen. Normale Leute sollten einfach Nazi-Kleider kaufen, dann machten die Symbole keinen Sinn mehr. Was halten Sie davon?

Eckel: Das hilft leider nicht. Man muss unbedingt verhindern, dass so ein Laden wie Tønsberg Teil des Mainstreams wird. Also die Anwohner haben Recht mit ihrem Aufruf: "Keine Geschäfte mit Nazis".
Die Nazi-Kultur ist "Teil des Mainstreams" und zwar von Anfang an, oder wir Burks es ausdrückt: Neonazis sind ein Symptom für den Zustand der gesellschaftlichen Mitte, mehr nicht. Trotzdem ist die Aktion der Anwohner sehr zu begrüßen, weil sie sich "realweltlich" und nicht nur "symbolisch" gegen Nazis richtet.
Von der Idee, Klamotten eines "Nazilabels" zu kaufen, halte ich wenig, sehr viel aber davon, Symbole nicht einfach "den Nazis" zu überlassen.

Nachtrag: Auf diesen "Tipp gegen Tricks" vom mdr hat mich ein Freund aufmerksam gemacht (danke Klaus!):
Wikinger und Runen
Im Gegensatz dazu dürften T-Shirts mit Wikingern oder Runen ein relativ sicheres Zeichen für Sympathien mit rechtem Gedankengut darstellen. Diese T-Shirts sind nicht einfach im Laden erhältlich. Man muss sie bei Versandfirmen bestellen, die nicht im Telefonbuch stehen, sondern ihre Werbung in Zeitschriften der rechten Szene schalten, ihre Produkte einzig im Internet anbieten oder die Kleidung auf Konzerten verkaufen.
Mein Kind im braunen Sumpf…was tun???

Sonntag, 18. Mai 2008

Armut 2.0

Ich habe mich neulich in theoretisch mit dem Problem beschäftigt. Die Praxis sieht dann wieder ganz anders aus ...

Gefunden bei sven scholz und hier der Einfachheit mal als "Großzitat":
Statistik ist eines. Anders ist, es direkt zu erleben, ob als Betroffener oder als Zeuge.

Ingo ist Zeuge. Und tut was.

Und komm mir niemand mit “Und die anderen?” - jeder Einzelne zählt. Und es zählt, Einzelne nicht allein zu lassen. Wenn das nämlich viele auch in ihrer Umgebung tun gibt es auch nicht mehr so viele “andere”.

Niemand verlangt von Einzelnen, die ganze Welt zu retten oder allen gleichzeitig zu helfen, die Hilfe brauchen. Aber wenn jeder Einzelne dort, wo er ist, tut, was er kann, dann ist allen geholfen. Und wer weiß, ob man nicht selbst auch mal Hilfe braucht und froh ist, wenn es Menschen gibt, die sie einem tatsächlich - einfach so - geben, in dem Rahmen, wie es ihnen dann möglich ist.

P.S.: es hat auch niemand was dagegen, wenn die Geschichte auch auf anderen Blogs oder Foren weitererzählt wird und auch die ein oder andere Spende getätigt würde, egal ob Geld oder Ding.

Samstag, 17. Mai 2008

Was ist Ehre? Ist das Ehre?

Die Ehre ist, objektiv, die Meinung anderer von unserem Wert und subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung.
Arthur Schopenhauer

Es gibt Bluttaten, bei denen ich mich innerlich weigere, zur "Tagesordnung" überzugehen. (Bei anderen Verbrechen widert es mich eher an, dass sie bis zum letzten Detail ausgewalzt und bis ins Intimste ausdiskutiert werden.)

Das Opfer, das ich hier wie die Presse Morsal O. nenne, obwohl ich ihren Familiennamen kenne, war eine 16-jährige Hamburger Schülerin, eine Deutsche afghanischer Herkunft. Sie war in Hamburg beinahe so etwas wie eine "kleine Berühmtheit", jedenfalls bei Menschen, die sich für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen interessieren. Vor eineinhalb Jahren erhielt Morsal O. einen Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für ein Projekt, das respektvolles und freundliches Miteinander an ihrer Schule fördern sollte.

Der Tatort war ein Parkplatz am Lübeckertordamm im Stadtteil St. Georg, gleich beim Campus der Hochschule für angewandte Wissenschaften und ganz in der Nähe vom Allgemeinen Krankenhaus St. Georg, an einer viel befahrenen Straße und bei einer U-Bahn Station. Ich erwähne das auch, damit nicht wieder die Klischees vom "Ghetto" und vom "verschwiegenen Hinterhof" zuschlagen. Aber in erster Linie deshalb, weil der Täter offensichtlich zu seiner Tat stand - alle sollten es sehen.

Die Täter war ihr eigener Bruder. Ahmad O. (23) rief am Donnerstagabend seine Schwester an und bestellte sie zum Parkplatz. Der 23-Jährige kam in Begleitung eines Freundes. Als Morsal O. auf dem Parkplatz erschien, zog er sofort sein Messer.
Die Ärzte zählten später mindestens 20 Wunden.

Anwohner und Passanten hörten die verzweifelten Schreie des Mädchens und riefen die Polizei. Als der Notarzt den Tatort erreichte (es kann sich nur um wenige Minuten gehandelt haben, sowohl ein großes Krankenhaus wie die Hauptfeuerwache befinden nur wenige hundert Meter entfernt) waren Ahmad O. und sein Freund bereits geflüchtet. Gut eine Stunde versuchten die Helfer, die 16-Jährige zu reanimieren - vergeblich. Kurz nach dem Mord stellte sich der Begleiter des Täters auf einer Polizeiwache. Er war offenbar nicht in das Vorhaben seines Freundes eingeweiht. Schockiert erzählte er den Beamten, wer der Täter war. Als Ahmad O. festgenommen wurde, leistete er keinen Widerstand und gestand die Tat. Aus dem Motiv machte er keinen Hehl, er gestand seine Schwester getötet zu haben, weil sie sich "von der Familie abgewandt" habe.
Hamburger Abendblatt: Sie wollte Freiheit - und musste dafür sterben

Das Motiv: "Ehrenmord". Was bei "Islamophoben" und selbsternannten Hütern des christlichen Abendlandes erwartungsgemäß die entsprechenden "Beissreflexe" auslöst. Andere verweisen auf die "archaischen Stammesgesetze" des wilden Afghanistans.
Sie vergessen: Verbrechen im Namen der "Ehre" geschehen in nahezu allen Teilen der Welt und in allen soziokulturellen Milieus. Sie sind laut der Menschenrechtsorganisation "Amnesty International" kein religiöses Phänomen, obwohl sie häufig in islamischen Ländern begangen werden. Auch in vielen anderen Ländern kommen solche Verbrechen vor, etwa in Brasilien, Ecuador oder sogar in Italien. Auf den Koran können sich "Ehrenmörder" nicht berufen, ebenso wenig wie auf die Bibel.
Entgegen einem anderen Klischee hat Ahmad O. wahrscheinlich nicht mit Wissen der Familie gehandelt, sozusagen als "Vollstrecker des Familienwillens".

Der Bluttat ging ein langer Streit mit der Familie voraus. Morsal O. hatte sie auf eigenen Wunsch verlassen. Sie fühlte sich als Deutsche - die sie seit fünf Jahren je auch war.
Sie kam auf die strengen, patriarchalischen Sitten ihrer Familie nicht mehr klar - und ihr großer Bruder kam, so sieht es aus, auf die Emanzipation seiner Schwester von dieser Familientradition nicht klar.
Das Mädchen suchte Hilfe bei mehreren Sozialeinrichtungen. Doch die völlige Abkehr von der Familie, die vor 13 Jahren aus Afghanistan nach Deutschland kam, gelang ihr nicht. Zuletzt lebte sie im offenen Jugendhaus Feuerbergstraße.

Offenbar sah ihr Bruder Ahmad O. deshalb die Ehre der Familie verletzt. Noch vor Kurzem hatte das Mädchen ihn angezeigt, weil er es zusammengeschlagen hatte. Bei der Verhandlung verweigerte sie allerdings die Aussage. Der gewalttätige Bruder konnte deshalb nicht zu einer Haftstrafe verurteilt werden.
Es war nicht das erste Mal, dass gegen ihn ermittelt wurde. Ahmad O. ist als "Intensivtäter" polizeibekannt, mehrmals ermittelte die Kripo wegen Körperverletzung gegen ihn, auch Urteile gab es.

Was ist Ehre? Einfach gesagt: die Konsequenz aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl. ("Alle für einen, einer für alle!")
Wird seine Gemeinschaft (Familie, Fanclub, militärische Einheit, Heimatdorf, Religionsgemeinschaft usw. usw.) missachtet, wird der Einzelne getroffen, durch Missachtung des Einzelnen wird seine Gemeinschaft getroffen. (Wenn ich hier die männliche Sprachform benutze, dann heißt das für mich nicht, dass "Ehre" ein in erster Linie "männliches Prinzip" oder gar ein "patriarchalisches Konstrukt" sei.)
Die "persönliche Ehre" beruht, da stimme ich Schopenhauer zu, auf dem Ansehen des Einzelnen in den Gemeinschaften, denen er angehört, und der Gesellschaft, in der er sich bewegt. Sie überschneidet sich mit dem "guten Ruf".

Der "Verlust der Ehre", der "Gesichtsverlust", ist der Verlust von Ansehen innerhalb der Gemeinschaft oder der Gesellschaft.

Es heißt manchmal, dass "verletzte Ehre" in Kulturkreisen, in denen das Ansehen eines familiären, ethnischen oder religiösen Kollektivs über den Wert des Einzelnen gestellt würde, unter offener Missachtung rechtsstaatlicher Prinzipien auf gewaltsame Weise "wiederhergestellt" würde - als Rache, Selbstjustiz oder Ehrenmord. Der Begriff etwa der "Familenehre" stünde dem staatlichen Gewaltmonopol entgegen. Daraus könnte man schließen, dass ein ausgeprägter "Ehrenbegriff" unweigerlich zu zahlreichen, rasch eskalierenden Konflikten führt.

Schon ein Blick in unsere eigene ("abendländische") Kultur zeigt, dass das nicht der Fall ist. Ein intakter "Ehrbegriff" - in Verbindung mit einem Gefühl für persönliche "Würde" - kann sogar Konflikte verhindern. Kommt noch ein intaktes Selbstbewusstsein hinzu, verhindert das Bewusstsein für Ehre und Würde das Gefühl "dauernden Beleidigtseins", das so anfällig für Provokationen macht. Angriffe aus Zorn, Neid oder Unwissenheit werden ignoriert, "tuen wir so, als hätte wir es nicht bemerkt" - oder: "was kümmert es die Eiche, wenn eine Sau sich an ihr kratzt" und bestimmte Menschen ("niederer Gesellschaftsschicht" oder Fremde) gelten den Ehrenregeln ohnehin nicht unterworfen, als "nicht satisfaktionsfähig", wie es früher im Adel hieß. Ist aber das Selbstbewusstsein schwach und der "Ehrbegriff" unklar, dann ist die "Ehre" oft nur noch Vorwand, jede Verletzung, Beleidigung oder Missachtung maximal zu "vergelten".

Die Ehre kann auch dazu beitragen, Konflikte zwischen Personen, Gemeinschaften oder Institutionen ohne Gewaltanwendung auszutragen. Gerade in den Stammeskulturen, auf die viele "Abendländer" so hochnäsig herabblicken, wird bei Streitfällen sorgfältig darauf geachtet, offenen Streit möglichst zu vermeiden oder zu verschleiern, da ein offener Streit einen Ehrverlust des Gegners zur Folge haben könnte.
In Stammeskulturen ist man sich des Eskalationspotenzials von "Ehrenhändel" durchaus bewusst. Ein buchstäblich lebensgefährliche Potenzial birgt die Blutrache, weshalb zu den frühesten und heiligsten Gesetze (geschrieben und ungeschrieben) Vorschriften gehören, die verhindern, dass gegenseitige Rache eskaliert. Das oft missverstandene biblische "Auge um Auge, Zahn um Zahn" ist eine Vorschrift gegen die Eskalation - Entschädigung oder Rache müssen dem Anlass angemessen sein, dass heißt, es darf ein ausgeschlagener Zahn nur mit dem Gegenwert eines Zahnes vergolten werden, nicht etwa mit dem Leben.
Noch älter und in vielen Stammeskulturen noch heute zu finden ist das "Wergeld" (von althochdeutsch "wer" = "Mann"). Es ist eine Entschädigung, die an jene ausgezahlt wird, die sonst die Blutrache an einem Totschläger hätten ausüben müssen, in der Regel an nächsten Verwandten. Diese Regelung auf Schadenersatz kann auch auf andere Vergehen angewandt werden. Besonders das germanische Volksrecht unterschied dabei sorgfältig zwischen "Totschlägern" (ohne Heimtücke - also auch Tötung im Kampf oder im Duell) und "heimtückischen Mördern", die als "feig", also ehrlos, galten.

Weil man sich in Stammeskulturen darüber im Klaren ist, wie leicht Streit in Ehrensachen eskalieren kann, wird darauf geachtet, dass der Konflikt so ausgetragen wird, dass beide Seiten "das Gesicht wahren" können. Eine dieser Möglichkeiten ist das Duell, dass man nicht in jedem Fall als "Überbleibsel aus Zeiten vor dem staatlichen Gewaltmonopol" abtun sollte. Die Sitte, dass bei einem Streit um die Ehre in der Öffentlichkeit die Kontrahenten "vor die Tür" gehen, und die Sache "unter sich" austragen, verdeutlicht das: der Konflikt bleibt auf die Kontrahenten begrenzt, ihre jeweilige Gemeinschaft und deren Ehre ist nicht betroffen, und die Kontrahenten unterwerfen sich Regeln, die eine Eskalation, etwa zum bewaffneten Kampf oder zur Massenschlägerei, ausschließen.

Zurück zum Fall des "Ehrenmordes". Meiner Ansicht nach ging es bei dieser Bluttat weniger um die "Familienehre", als um verletzten Stolz und das Gefühl des "großen Bruders", ihm würden "traditionelle Vorrechte" verweigert werden. Außerdem scheint er zu jenen Menschen zu gehören, die Konflikte gerne mit offener Gewalt austragen - aus Gründen, die wahrscheinlich nicht in der traditionellen afghanischen Familie begründet liegen. Wie ich weiter oben schrieb, ist bei schwachem Selbstbewusstsein und unklarem Ehrbegriff die "Ehre" oft nur noch Vorwand, jede Verletzung, Beleidigung oder Missachtung zu "rächen".
(Wobei ich hier nicht aus "Multikulti"-Romantik der aus Afghanistan stammende Familie einen "Opferstatus" oder gar aus ihre Situation bedingte "Sonderrechte" zubilligen will. Sie muss akzeptieren, dass Selbstjustiz hierzulande nicht als ehrenwert gilt, und dass es zur persönlichen Ehre einer Frau gehört, sich für ihre Rechte einzusetzen.)
Wer die Familienehre dagegen hoch hielt, dass ist das Opfer, Morsal O. . Sie blieb ihrer Familie gegenüber loyal, als sie die Möglichkeit hatte, durch ihre Aussage ihren Bruder hinter Gitter zu bringen. Sie versuchte offensichtlich, einen klaren Schnitt zwischen sich und ihrer Familien und ihren streng patriarchalische "Gesetzen" zu machen - und damit, beabsichtigt oder nicht, ihrer Familie die "Schande" einer rebellischen Tochter zu ersparen.

Update, 19. 05:
Einen Einblick in den Hintergrund des "Ehrenmordes" gibt dieser Artikel, der heute im "Hamburger Abendblatt" erschien: Er nahm sich alle Freiheiten - Sie musste für ihre sterben.
Es sieht so als, als ob die Haltung der Familie entgegen meiner Annahme für die Bluttat entscheidend war - zwar nicht im Sinne einer Mittäterschaft, aber doch in dem Sinne, dass Ahmad O. das Gefühl haben konnte, völlig im Sinne der Familie zu handeln.
Nebenbei sieht es so aus, als ob religöse Motive oder ein "stammesgesellschaftlicher" Begriff von Familienehre keine Rolle spielten, extrem patriarchalisches Denken, sprich massiver Männlichkeitswahn, eine große:
Die Nachbarn von Ahmad O. an der Hammerbrookstraße haben von dessen Leben mehr mitbekommen. Denn er genoss in vollen Zügen die Freiheiten, die er seiner Schwester verbieten wollte. Er trieb sich in Bordellen herum, feierte wild, trank exzessiv. "Seine Fahne konnte ich riechen", sagt eine Nachbarin. Sie wollte sich bei Ahmad O. wegen des ständigen Lärms beschweren. Seine Reaktion: "Halt die Klappe. Mit Frauen rede ich nicht."
Nicht gerade der Lebenswandel eines frommen Moslems ... und auch nicht gerade typisch für einen "Mann von Ehre".

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