Sonntag, 9. März 2008

Bin ich Naturalist?

Im Großen und Ganzen: Ja. Aber nur im Großen und Ganzen.
(Ich erlaube mir mal die Arroganz, all jene, die nicht wissen, was "Naturalismus (Philosophie)" bedeutet, auf die Wikipedia zu verweisen: Naturalismus (Philosophie).)
Eigentlich könnte ich die Frage guten Gewissens mit "Ja" beantworten, denn ich bin davon überzeugt, dass sich alles im Universum als naturhaftes Geschehen beschreiben lässt. Oder, in Schlagworten: "Alles ist Natur" und "Übernatürlich ist ein leeres Wort".
Das Problem ist allerdings, dass ich Phänomene für "völlig natürlich" halte, die in unserer Kultur gemeinhin der Sphäre des "Übernatürlichen" zugeordnet werden - oder, was auch vorkommt, schlicht geleugnet oder "wegerklärt" werden - oder, was aus meiner Sicht besonders problematisch ist, mit wolkigen, meist "esoterischen", Ideologien eher instrumentalisiert als akzeptiert werden. Ein konkretes Beispiel: Synchronizitäten im Sinne des Physikers Wolfgang Pauli und des Tiefenpsychologen C. G. Jung. Ich bin mir völlig darüber im klaren, dass der Begriff der "Synchronizität" eine "Lizenz für Magie" bedeutet, wie es eine mit mir befreundete Skeptikerin (im Sinne der Skeptiker-Bewegung) ausdrückte. Wobei ich unter "Magie" nicht ganz dasselbe verstehe wie das magisches Denken im Sinne der Psychologie - und mit dem meist eher beklagenswertem Phänomen der Magisierung hat sie recht wenig zu tun.

Aber lassen wir die Probleme, die sich aus meiner sehr speziellen Sichtweise ergeben, einmal beiseite. Zurück zur Frage, ob ich Naturalist bin oder nicht.
Es ist sinnvoll, zwischen dem methodischen Naturalismus der Forschung und einem weltanschaulichen (besser: ontologischen) Naturalismus zu unterschieden. Ohne methodischen Naturalismus lässt sich nicht "sauber" naturwissenschaftlich (bzw. abstrahiert: erfahrungswissenschaftlich) argumentieren. Ich darf z. B. als Meteorologe weder den Sturmgott Wodan noch den heiligen Petrus bemühen, auch die Einflüsse eventueller Regenzauber sollte bei Wettervorhersagen nicht in Betracht gezogen werden. Dass sagt aber gar nicht über die religiösen - oder magischen - Praktiken des jeweiligen Meteorologen aus.
Anders als anderen, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, fällt es mir leicht wissenschaftliche und sprituelle bzw. metaphysische Aussagen als zwei Seiten derselben Wirklichkeit aufzufassen. Allerdings befinde ich mich dabei in einer relativ bequemen Position, da ich etwas anhänge, was gern und nicht ganz richtig "Naturreligion" genannt wird. "Religiöse Wahrheiten" in Form einer allgemein verbindlichen Offenbarung - etwa in Form einer Schöpfungsgeschichte - und naturwissenschaftliche Aussagen, etwa über die Evolution, lassen sich für den Gläubigen nicht ganz so leicht als "perspektivisch" oder "komplementär" deuten, wie "normale" Mythen, die Wahrheit enthalten, ohne im Wortsinn "wahr" zu sein.
Umgekehrt fällt es vielen onthologisch naturalistisch orientierten Denkern schwer, über (aus meiner Sicht nur vermeintliche) Widersprüche zwischen Mythos und empirisch erhärtbarer Wissenschaft "hinwegzusehen". Den "schwachen" Naturalismus kann man als pragmatische Vorgabe sehen, die es erlaubt, ungestört Wissenschaft zu betreiben.
Damit lässt sich meine Frage zum Teil beantworten: Ich bin also - mindestens - methodischer Naturalist.

Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider, Dozent für Philosophie der Naturwissenschaften an der Uni Giessen, unterscheidet, David Armstrong folgend, zwischen einem "starken" und einem "schwachen" Naturalismus. (In seinem Aufsatz "Naturalismus, metaphysische Illusionen und der Ort der Seele", den ich im Brightsblog fand.) "Schwacher" Naturalismus bedeutet, dass das Universum in seinem empirisch, aber auch theoretisch fassbaren Bereich ohne "Rekurs auf autonome spirituelle Entitäten" (also: Götter, Geister und Dämonen) besondere Lebenskraft oder teleologische und transzendente Wirk-Faktoren erkannt werden kann. Dieser schwache Naturalismus schließt einen transzendenten Seinsbereich nicht aus - es könnte also Götter, Geister und Dämonen geben - sondern behauptet nur, dass für das Verständnis des Kosmos auch in den höheren Entwicklungsstufen (Leben, Bewusstsein, Erkennen) "übernatürliche" Faktoren nicht gebraucht werden - nach dem bewährten Grundsatz der ontologische Sparsamkeit.
Das unterscheidet sich insofern vom methodischen Naturalismus, da ein methodischer Naturalist ja durchaus von z. B. der Existenz einer "göttlichen Vorsehung" ausgehen kann, oder von einer transzendenten Begründung moralischer Regeln.
David Armstrong hat darüber hinaus auch einen "starken Naturalismus" verteidigt, wonach ein Transzendenzbereich ausgeschlossen wird und somit das prinzipiell mit den Methoden der empirischen Wissenschaften erforschbare Universum alles ist, was es gibt. Diese Unterscheidung in schwachen und starken Naturalismus halte ich für ziemlich willkürlich: je nachdem, wie weit man das ontologische Sparsamkeitsprinzip anwendet, könnte eine Annahme einmal "schwach" und einmal "stark" naturalistisch sein. Es ist also eine rein subjektive Unterscheidung. Außerdem könnte man der Ansicht sein, dass z. B. Dämonen durchaus natürliche Wesenheiten sind - die Gaia-Hypothese, die die irdische Biosphäre als "Gesamtorganismus" sieht, wäre dafür ein Beispiel. So gesehen kann man an Dämonen "glauben", ohne sich in den Bereich der Transzendenz zu begeben. Ein anderes Beispiel wäre die "Schwarmintelligenz". ("Dämon" jetzt verstanden im Sinne einer nicht an einen einzelnen Körper gebundenen, aber durchaus substanziellen Intelligenz - nicht im Sinne "böser Geist" oder "Diener des Teufels".)

Kanitscheider plädiert dafür, den Naturalismus als philosophische Hypothese über die Welt anzusehen: Sie ist nicht direkt falsifizierbar, ist aber indirekt fallibel, weil kritisierbar. Er greift dabei auf Popper zurück, nach dessen Wissenschaftstheorie die Kritisierbarkeit ausreicht, um eine Hypothese als wissenschaftlich zu qualifizieren. Eine Widerlegung des Naturalismus erfolgt damit nicht durch Beobachtung oder Experimente, sondern durch Bezug auf die heute bewährten Theorien der Wissenschaft - genau so, wie wissenschaftliche Theorien nur selten durch direkte Erfahrungen überprüft werden, sondern indem Vorhersagen, die aufgrund dieser Theorien gemacht werden, empirisch entweder erhärtet oder falsifiziert werden. (Etwas durch Beobachtung oder Experiment ein für alle mal zu "beweisen" ist hingegen nicht möglich.) Des weiteren plädiert er für eine naturalistische Ethik , die ich grundsätzlich für sympathisch halte:
Ziel einer naturalistischen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können.
- aber genau darin liegt ein Problem, dass ich mit einem mehr als nur methodischen Naturalismus habe.
Dieses Problem habe ich weniger mit "dem" Naturalismus als vielen naturalistischen Denkern, und es besteht natürlich im bekannten "naturalistischen Fehlschluss", wobei ich der gebotene Kürze und der Bequemlichkeit halber wieder mal auf die Wikipedia verweise. (In seiner primitivsten, aber auch populärsten Form ist es der Fehlschluss, dass etwas das "natürlich" sei, auch "gut" sein müsse. Besonders fatal wird das "natürlich" dann, wenn Dinge für "naturgegeben" gehalten werden, die reine Konstrukte sind, die nirgendwo existieren, als im der menschlichen Gedankenwelt. Z. B. gibt es "in der (nichtmenschlichen) Natur" weder Völker, noch Rassen - und auch Begriffe wie "gesund" sind tatsächlich kulturell konstruiert. Es ist z. B. mit naturwissenschaftlichen Methoden allein nicht möglich, zu erkennen, ob ein bestimmter Mensch "gesund" ist. Relativ einleuchtend ist das bei Geisteskrankheiten, aber sogar bei Lipid-Werten macht es einen Unterschied, ob man unter "Gesundheit" etwa das persönliche Wohlbefinden versteht - oder den Zustand mit der statistisch höchsten Lebenserwartung, den Zustand maximaler Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz - oder gar den Zustand, der die Krankenversicherung am wenigsten belastet oder vielleicht sogar die Einhaltung eines niedrig angesetzten Normwertes, der einen möglichst großen Absatz an cholesterinsenkenden Medikamenten und diätetischen Lebensmitteln bewirkt. Grade die Beispiele, in denen "Gesundheit" aufgrund von wirtschaftlichen, religiösen, ideologischen bzw. machtpolitischen Gründen "definiert" wird, sind gar nicht so selten.

Es ist grade die Einsicht, dass auch der Begriff "Natur" kulturell konstruiert ist, dass mich gegenüber dem (ontologischen) Naturalismus skeptisch macht.

Meine Frage kann ich so beantworten: Ob man mich als Naturalist bezeichnet, hängt davon ab, welche Form des "Naturalismus" gemeint ist, und vor allem davon, was der Fragesteller für "natürlich" hält.
Natürlich ist diese schwammige Antwort nicht befriedigend.

Freitag, 7. März 2008

Gut, dass es mal aus "berufenem Munde" gesagt wird:

Aber Gegner Hitlers – oft einfache Menschen – haben ihn doch als gottlos bezeichnet …
Bucher: Der Gott Hitlers hat mit dem Gott der Christen, dem gnädigen und verzeihenden Gott Jesu nichts zu tun, aber Hitler war kein Atheist. Und er war übrigens auch kein Anhänger einer neuheidnischen germanischen Religiosität, sondern er hatte sich selbst eine „Theologie“ gezimmert: Er glaubte an die Erschaffung der Welt in unterschiedlichen Stufen der Rassen. Und sein Glaubensbekenntnis gipfelte in der Überzeugung, dass er – so heißt es in „Mein Kampf“ – das Werk des Herrn vollbringt, wenn er sich der Juden erwehrt.
(Hervorhebung von mir.)
Aus der Kirchenzeitung - Dioezese Linz: Hitlers „schreckliche“ Theologie und ihre bleibende Versuchung - Interview mit dem Grazer Pastoraltheologen Rainer Bucher.
Via: hpd

Zum Tode Joseph Weizenbaums

"Die Erde ist ein Irrenhaus. Dabei könnte das bis heute erreichte Wissen der Menschheit aus ihr ein Paradies machen."
Joseph Weizenbaum, Computerpionier, Computerwissenschaftler und Computerkritiker 1923 - 2008

heise: Der letzte Service: zum Tode von Joseph Weizenbaum.

Mir wird Professor Weizenbaum vor allem wegen ELIZA im Gedächtnis bleiben, einem von ihm entwickeltem Computerprogramm, das die Möglichkeiten der Kommunikation zwischen einem Menschen und dem Computer über natürliche Sprache aufzeigen sollte.
Was ELIZA wirklich aufzeigte, war, wie viele Versuchspersonen davon überzeugt waren, dass der Computer tatsächlich ihre Probleme verstand. Selbst wenn man sie darüber aufklärte, wie simpel gestrickt das ELIZA-Programm war, auf wie wenigen einfachen Regeln es beruhte, weigerten sie sich oft dies zu akzeptieren und blieben bei ihrer Projektion: "Der Computer hat mich verstanden".

Klar, Menschen reden auch mit ihrem Auto oder behaupten, dass ihr Haustier "jedes Wort verstehen" würde. Aber jeder geistig gesunde Mensch wird von einem Auto oder einem Hund nichts prinzipiell Unmögliches verlangen, etwa (wie im Falle ELIZAs) ein therapeutisches Gespräch. Offensichtlich war (und ist) der Computer für viele Menschen ein "magisches Gerät" und ein Programm eine Art "Zauber", dem prinzipiell unmögliche Dinge ohne auch nur einen Hauch Kritik zugetraut werden.
Man denke nur an das Vertrauen mancher "Sicherheitsexperten", dass der "Bundestrojaner" auf offensichlich übernatürliche Weise automatisch die Intimsphäre des Beschnüffelten respektieren würde. Oder vielleicht das Vertrauen darauf, dass der "Normalbürger" den "Magiern" der Softwareentwicklung "Übernatürliches" naiv zutraut.
Übrigens halte ich einen "Bundestrojaner", in der Form, wie er von einigen ersehnt, von anderen befürchtet wird, an sich für ein Stück Spyware, das die Fähigkeiten wirklich existierender Spyware in einem Maße übersteigt, dass der ganze "Trojaner" für absehbare Zeit wenig mehr als ein Stück IT-sciencefiction bleiben dürfte. Gut, wenn zuverlässig funktionierende Quantencomputer auf den Markt kommen - um starke Verschlüsselung zu brechen - und es bei der starken künstlichen Intelligenz zu einem Durchbruch kommt (von dem Weizenbaum mit einigem Recht erwartete, dass er nie kommen wird) können wir noch mal drüber reden.

Zum selber Nachsehen und Ausprobieren: ein ELIZA-Programm in PHP: PHPLinza.

Mittwoch, 5. März 2008

Eine gute Ergänzung

zu meinem vorherigen Beitrag ist dieser Artikel in der (des Antikapitalismus unverdächtigen) Financial Times Deutschland: Reise in die Twilight Zone. (Gefunden bei Jens.)

Die wahre Parallelgesellschaft, das ist nicht die Welt, in der die Kinder schlecht intergrierter Einwanderer aufwachsen, sondern die Welt der elitären Bildungseinrichtungen, auf die wohlhabende Eltern ihre Kinder schicken.
Die Bosse von morgen verlassen ihre hermetische Welt kaum. Vom Kindergarten werden sie in die internationale Grundschule, von Schloss Salem an die EBS und weiter zu McKinsey und Siemens gereicht. Bald halten sie deren Moral und Maßstäbe - oder den Mangel an beidem - für normal. "Den obersten 3,5 Prozent wird vermittelt, dass sie Regeln geben und nicht empfangen", sagt Elitenforscher Hartmann. "Die Elite macht die Regeln, die Elite bricht die Regeln wie es ihr gerade passt."
Überträgt man den Mechanismus, mit dem die durch Macht und Geld definierte deutsche Oberschicht über ihre Kinder ihren Status halten oder ausbauen will, auf die Mittelschicht, dann ist es, denke nicht, nicht weiter erstaunlich, dass in keinem anderen europäischen Land die Bildungschancen der Kinder so sehr vom Status der Eltern abhängen wie in Deutschland.

Hierzu auch: Unsichtbare Sprachbarrieren und die Türsteher der Eliten

Montag, 3. März 2008

Ein im Prinzip guter SpOn-Artikel

Auf Udos Law Blog fand ich einen Hinweis auf den SpOn-Artikel Deutschlands Mitte schrumpft dramatisch - Top-Verdiener legen zu.
Udo Vetter fasste das deprimierende Fazit des Artikel in einem Satz zusammen: "Stabil ist die Lage nur ganz unten".
Wer einmal aus der Mittelschicht "abgestürzt" ist, der hat es schwer, wieder "nach oben" zu kommen. Und es wird immer schwieriger: 66 Prozent der Menschen aus der Unterschicht sind auch vier Jahre später noch "ganz unten". Vor einigen Jahren blieben "nur" 54 Prozent "unten hängen".

Der desillusionierende Artikel hat einen, in meinen Augen, entscheidenden Fehler - nämlich diesen Satz:
Unter dem Druck der Globalisierung hat sich die soziale Lage der Republik sehr viel unvorteilhafter entwickelt als bislang bekannt.
Was mich stört, ist, dass wieder einmal der "Druck der Globalisierung" wie etwas schicksalhaft-unabwendbares von außen kommt. Tatsächlich sind die deutschen Verhältnisse größtenteils "hausgemacht".
Nein, ich will nicht in die Litanei jener einstimmen, die für alles die "Neoliberalen" verantwortlich machen - auch wenn Albrecht Müllers Diagnosen in seinem Bestseller "Die Reformlüge" einiges für sich haben - die Diagnosen, denn seiner Therapie, einer Rückkehr zur keynesianischen Interventionspolitik, traue ich auch nicht über den Weg, weil sie genauso von den Interessen einer Elite gelenkt ist, wie die Rezepte z. B. der INSM.
Egal, ob "staatsgläubig" oder "marktgläubig" - der Weg in die Unfreiheit erscheint vorgezeichnet, aber anders, als ihn sich Hayek seinerzeit vorstellte (obwohl, bei anderer Konstellation, als wir sie z. Z. bei uns haben, seine Befürchtungen immer noch aktuell sind) - in die Unfreiheit eines Neofeudalismus, in dem eine kleine "Elite" und ihre Interessen identisch mit der "Staatsraison" sind.

Giordano-Bruno-Denkmal

Mit mehr Angst verkündet Ihr das Urteil, als ich es entgegennehme.
Giordano Bruno

Am Sonntag, dem 2. März 2008, wurde in Berlin, am Potsdamer Platz, ein Denkmal des am 17. Februar 1600 auf dem Campo de’ Fiori in Rom wegen "Ketzerei und Magie" bei lebendigem Leib verbrannten Philosophen und Dichters Giordano Bruno enthüllt. (Bericht des humanistischen Pressedienstes: Giordano-Bruno-Denkmal enthüllt.)
Die Skulptur des Berliner Bildhauers Alexander Polzin ist absichtlich nicht "schön", im Sinne einer gefälligen Ästhetik, sie soll verstören:
Die sechs Meter große, kopfunter hängende Menschenfigur wurde aus einem einzigen Fichtenstamm herausgeschnitten und dann in Bronze gegossen. Die angedeutete Schraubbewegung zielt auf das Inbild des nackten, geschundenen Menschen mit überstreckten Füßen, Armen und Händen.
Die sechs Finger an einer der beiden Hände bringt den visionären Abweichler, den Theoretiker des Übermenschlichen in’s Spiel. Der Brustansatz verweist auf die undogmatische, arkane, gleichsam feminine Seite Brunos Naturphilosophie.
Das Holz, das dem Entwurf zu Grunde liegt, ein Kohlenstoffmaterial, verwandelt sich mit all seiner Maserung in eine Kupfer-Zinn-Legierung. „Damit haben, was wir brauchen: eine Rhetorik des Feuers, die diesem Mann gerecht wird, eine Ahnung von der Sprache der Alchemie und der Metamorphosen, die ihn als Pantheisten beflügelte. Bruno war gewiß der furchloseste und aufrichtigste aller neuzeitlichen Kosmologen.“
Ein wichtiger Ansatz. Allzu leicht wird Bruno auf die Rolle des "Märtyrers der Wissenschaft", des überzeugten Kopernikaners, reduziert, der von der reaktionären "Heiligen Inqusition" zum Feuertod verurteilt wurde.
Allerdings wurde Bruno nicht deswegen verurteilt, weil er die kopernikanische Lehre vertrat. Laut "wikipedia" postulierte Bruno die Unendlichkeit des Weltraums und die ewige Dauer des Universums. Damit stellte er sich der herrschenden Meinung einer in Sphären untergliederten geozentrischen Welt entgegen. Viel schwerer wog damals, dass seine pantheistischen Thesen von einer unendlichen materiellen Welt keinen Raum für ein Jenseits ließen, die zeitliche Anfangslosigkeit des Universums eine Schöpfung und dessen ewiger Bestand ein Jüngstes Gericht ausschlossen. Entgegen der Darstellung der "Wikipedia" ist dieser Schluss aus einem pantheistischen Weltbild keineswegs zwingend, und mir ist nicht bekannt, dass Giordano so gedacht hätte. Wer aber so dachte - und oft bis heute so denkt - sind christliche Theologen. Bruno meinte zudem, dass Jesus nicht der Sohn Gottes sei. Das ist in der Tat ein Grund, Bruno als "Ketzer" zu sehen. Ob es - ohne weitere Vorwürfe - als Begründung des Todesurteils ausgereicht hätte, darf bezweifelt werden.

Ich begrüße es, dass die Skulptur auf einen gern übersehenen Aspekt der Persönlichkeit Brunos hinweißt: er war auch Alchimist und Magier. Magier nicht nur im Sinne seine abergläubischen Zeitgenossen, die etwa seine Gedächtniskunst für "Zauberei" hielten, sondern im Sinne der "natürlichen Magie" der frühen Neuzeit. Seine Hinrichtung muss vor dem Hintergrund der Hexenverfolgung der frühen Neuzeit gesehen werden, die Ende des 16. Jahrhunderts einen traurigen Höhepunkt erreichte. Wenn man so will, war Giordano Bruno eine "männliche Hexe" - jedenfalls für seine Richter.

Dass Giordano Bruno nicht nur ein "Vordenker der modernen Wissenschaft" war, der "leider noch nicht den Schritt zur mathematisierten Physik gemacht hatte", wird oft verdrängt. So, wie verdrängt wird, dass Galileo Galilei bei seinem mathematischen Ansatz an die Zahlenmystik der Pythagoräer anknüpfte, Johannis Kepler ebenfalls Zahlenmystiker" und (trotz Bedenken) erfolgreicher Astrologe war, oder Isaac Newton sich sein Leben lang intensiv mit Alchimie beschäftigte. Tatsächlich könnte es sein, dass Newton, hätte er nicht "magisch" sondern im Sinne Descartes "rational" gedacht, seine mit Fernwirkungen arbeitende Gravitationstheorie nie hätte entwickelt können.

Website zum Denkmal: Giordano-Bruno-Denkmal

Sonntag, 2. März 2008

Das hätte Zirke wohl gerne

Auf SpOn fordert BKA-Präsident Zirke:
Klar ist, dass die öffentliche Debatte über die Online-Durchsuchung und deren Technik jetzt ein Ende haben muss.
Im Gegenteil, jetzt, nach dem richtungweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts, muss sie erst richtig losgehen. Die interessanteste Stelle im ganzen Interview ist wohl, dass Zirke bestätigte:
Das Bundeskriminalamt hat bislang keine Online-Durchsuchung durchgeführt.
- Die beiden "bekannt gewordenen" Fälle von Online-Durchsuchungen, von denen der Interviewer wissen will, würde ich eher unter "Gerüchte" einstufen - wenn der Spiegel dazu neue, belastbare, Quellen hätte, hätte er nämlich garantiert einen Artikel für die Printausgabe gemacht. Immerhin - dass die beiden Fälle, sollten sie real sein, keiner direkten Gefährdung entsprachen, dürfte stimmen. Damit wären sie illegal.

Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) hat es auch noch nicht gemerkt. Bayern: Online-Durchsuchungen auch bei Kinderpornos nötig. Mag ja sein, dass Kinderpornografie eines der gemeinsten und widerwärtigsten Verbrechen ist, die es gibt. Aber in der Regel - glücklicherweise! - nicht mit Mord verbunden.
"Und nachdem diese Straftat gerade mit dem Internet meist notwendig verbunden ist, muss es möglich sein, hier auch die Online-Durchsuchung anwenden zu können"
meint die Ministerin. Nur: Kinderpornographie gab es auch schon vor dem Internet, und "im Internet" gibt es schon deshalb wenig KiPo, weil das Risiko erwischt zu werden größer ist als beim direkten Tausch der "Ware". Es stimmt, die Kontakte werden heute wohl "online" angebahnt. Allerdings kann dort auch nach bisheriger Gesetzeslage gefahndet werden - und das BVerG-Urteil bestätigt ausdrücklich diese Möglichkeit. Was die Ministerin wohl möchte, ist einen Blick auf die Festplatten der Untertanen Bürger werfen, ob da nicht irgendwo irgendwer KiPo drauf hat (und so dumm ist, den Schweinkram auf einen unverschlüsselten Laufwerk des Rechners zu haben, mit dem er online geht). Und das ist definitiv nicht erlaubt.
Die DVDs mit dem "harten Stoff" wird man, im Gegensatz zu einer herkömmlichen Hausdurchsuchung, mit der "Online-Durchsuchung" nicht zufassen bekommen. Dabei ist eine "Online-Durchsuchung", nach übereinstimmender Angabe aller Experten, extrem aufwändig und entsprechend teuer. (Abgesehen davon würde man mit ihr wieder mal "nur" die "Endverbraucher" erwischen - denn die Festplatten der Anbieter liegen wohlweislich in Staaten, in denen man es mit der KiPo-Bekämpfung nicht so genau nimmt.)
Sie wird deshalb "in kürzester Zeit" eine entsprechende Initiative in den Bundesrat einbringen. Viel Spaß beim Scheitern, Frau Ministerin!

Übrigens ist auch zweifelhaft, ob der Vorstoß von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die Strafprozessordnung zu ändern, um Online-Durchsuchungen bei der Strafverfolgung von organisiertem Terrorismus zu ermöglichen, verfassungsgemäß ist. Dass die Online-Durchsuchung in solchen Fällen überhaupt machbar und wenn machbar, dann effektiv, wäre, ist sehr zu bezweifeln. Der Verzicht auf die Möglichkeit der Online-Durchsuchung bringt also schwerlich Nachteile für die innere Sicherheit.

Mittwoch, 27. Februar 2008

Harter Tag für Schäuble - und ein neues Grundrecht für uns!

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Das nordrhein-westfälische Verfassungsschutzgesetz ist nichtig, Online-Durchsuchungen bleiben verboten! Netzeitung: Karlsruhe stoppt heimliche Online-Durchsuchung

Das Urteil war nicht unbedingt überraschend, da das nordrhein-westfälische Verfassungsschutzgesetz den Geist der Verfassung, die es eigentlich schützen sollte, deutlich nicht entsprach.
Eine angenehme Überraschung: Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier begann seine Begründung mit dem Satz, das Bundesverfassungsgericht konstituiere ein neues Grundrecht auf Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme.

Und wieder mal typisch: die staatstragenden Formulierungen bei tagesschau.de Online-Durchsuchungen nur unter strengen Auflagen zulässig. Die Online-Untersuchung, so wie sie sich Schäuble und Konsorten vorstellen, ist nicht zulässig. Es ist nicht zulässig die Bundesbürger präventiv "online zu überwachen".

Übersicht über die Entscheidung bei netzpolitik.org.

Ergänzung: Das BVerG erteilt indirekt auch der Vorratsdatenspeicherung eine Absage. Nicht schlecht.

Das Urteil zum Nachlesen.

Dienstag, 26. Februar 2008

Gute Nachrichten für LARPer, Reenacter und sonstige Freizeit-Wikinger

Wie die Universität Uppsala berichtete, war die Kleidung der Wikinger weitaus prächtiger, als bisherige Rekonstruktionen nahelegte.
Schlagzeilen machte bereits die "provokativen" Kleider nordeuropäischer Frauen zur "Wikingerzeit" (ca. 750 - ca. 1050). Die Männer waren, sofern einigermaßen wohlhabend, aber noch eitler und kombinierten orientalische Modeeinflüsse mit nordischem Stil. Zumindest die Festkleidung war bunt und sparte nicht mir kostbaren Materialien und glitzernden Accessoires. Nicht völlig überraschend ist, dass die "provokativen" körperbetonten Kleider mit der Christianisierung verschwanden.
Vikings did not dress the way we thought (mit Bildern).

Hierzu auch, auf Stern.online: Die heiße Mode der Wikinger

Persönliche Anmerkung: Dass sich "die Wikinger anders kleideten, als wir dachten" bezieht sich auf die traditionelle Darstellung der Wikinger etwa in schwedischen Sachbuch-Illustrationen, die gern den "bäuerlich-tugendhaften" Charakter der Kleidung der Nordgermanen des frühen Mittelalters betonten.

Weggelassen

Die Macht der Zeitungen besteht im Weglassen.
Arthur Schopenhauer

Recht hat er, der Schopenhauer, und zwar auch für Nachrichtenmedien, die er noch gar nicht kannte!

ZAF nahm sich des Themas der angeblichen Staatsferne der öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehanstalten an. Über den EU-Reformvertrag bzw. dem Vertrag von Lissabon erfährt man dort z. B. herzlich wenig und vor allem wenig Kritisches. Wobei, nebenbei bemerkt, auch die "Privaten" nicht weniger staatstragend sind, wenn es darum geht, dem Medienkonsumenten wichtige Informationen vorzuenthalten.

Ohne Internetzugang wüsste ich z. B. gar nicht, dass, damit der Vertrag von Lissabon von Deutschland ratifiziert werden kann, der Artikel 23 des Grundgesetzes geändert werden muss. Vielleicht wüsste ich nicht einmal, dass der Reformvertrag im Großen und Ganzen der in Frankreich und den Niederlanden im Volksentscheid gescheiterten Verfassung entspricht.

Näheres zu einigen vernachlässigten und relevanten Themen findet man auf der Website: Der blinde Fleck der "Initiative Nachrichtenaufklärung. Allerdings sollte man auch den Meldungen, die dort behandelt werden, gegenüber kritisch sein.

Der Vollständigkeit halber:
Auf Platz eins der vernachlässigten und relevanten Themen wählte die Jury der "Initiative Nachrichtenaufklärung" das Thema: Absprachen über Terminierungsentgelte im deutschen Handynetz. (Ein Problem, das von der intensiven Mediendebatten über zu hohe Roaminggebühren überdeckt wurde.)
2. - Politiker behindern Ombudsstellen
3. - Qualitätsverluste im Journalismus.
4. - Chemikalien gefährden die Fruchtbarkeit - eine "tickende Zeitbombe"?
5. - Städte kippen den Baumschutz
6. - Die Schweiz beschließt neue Atomkraftwerke
7. - Fragwürdige Geschäfte der WestLB
8. - Bundestag debattiert erstmals über Entschädigung für deutsche Kolonialverbrechen - und keiner berichtet
Wobei einiger dieser Themen inzwischen nicht mehr verschwiegen werden - z. B. die fragwürdigen Geschäfte der WestLB.

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