Bin ich Naturalist?

Im Großen und Ganzen: Ja. Aber nur im Großen und Ganzen.
(Ich erlaube mir mal die Arroganz, all jene, die nicht wissen, was "Naturalismus (Philosophie)" bedeutet, auf die Wikipedia zu verweisen: Naturalismus (Philosophie).)
Eigentlich könnte ich die Frage guten Gewissens mit "Ja" beantworten, denn ich bin davon überzeugt, dass sich alles im Universum als naturhaftes Geschehen beschreiben lässt. Oder, in Schlagworten: "Alles ist Natur" und "Übernatürlich ist ein leeres Wort".
Das Problem ist allerdings, dass ich Phänomene für "völlig natürlich" halte, die in unserer Kultur gemeinhin der Sphäre des "Übernatürlichen" zugeordnet werden - oder, was auch vorkommt, schlicht geleugnet oder "wegerklärt" werden - oder, was aus meiner Sicht besonders problematisch ist, mit wolkigen, meist "esoterischen", Ideologien eher instrumentalisiert als akzeptiert werden. Ein konkretes Beispiel: Synchronizitäten im Sinne des Physikers Wolfgang Pauli und des Tiefenpsychologen C. G. Jung. Ich bin mir völlig darüber im klaren, dass der Begriff der "Synchronizität" eine "Lizenz für Magie" bedeutet, wie es eine mit mir befreundete Skeptikerin (im Sinne der Skeptiker-Bewegung) ausdrückte. Wobei ich unter "Magie" nicht ganz dasselbe verstehe wie das magisches Denken im Sinne der Psychologie - und mit dem meist eher beklagenswertem Phänomen der Magisierung hat sie recht wenig zu tun.

Aber lassen wir die Probleme, die sich aus meiner sehr speziellen Sichtweise ergeben, einmal beiseite. Zurück zur Frage, ob ich Naturalist bin oder nicht.
Es ist sinnvoll, zwischen dem methodischen Naturalismus der Forschung und einem weltanschaulichen (besser: ontologischen) Naturalismus zu unterschieden. Ohne methodischen Naturalismus lässt sich nicht "sauber" naturwissenschaftlich (bzw. abstrahiert: erfahrungswissenschaftlich) argumentieren. Ich darf z. B. als Meteorologe weder den Sturmgott Wodan noch den heiligen Petrus bemühen, auch die Einflüsse eventueller Regenzauber sollte bei Wettervorhersagen nicht in Betracht gezogen werden. Dass sagt aber gar nicht über die religiösen - oder magischen - Praktiken des jeweiligen Meteorologen aus.
Anders als anderen, die sich mit dieser Frage beschäftigt haben, fällt es mir leicht wissenschaftliche und sprituelle bzw. metaphysische Aussagen als zwei Seiten derselben Wirklichkeit aufzufassen. Allerdings befinde ich mich dabei in einer relativ bequemen Position, da ich etwas anhänge, was gern und nicht ganz richtig "Naturreligion" genannt wird. "Religiöse Wahrheiten" in Form einer allgemein verbindlichen Offenbarung - etwa in Form einer Schöpfungsgeschichte - und naturwissenschaftliche Aussagen, etwa über die Evolution, lassen sich für den Gläubigen nicht ganz so leicht als "perspektivisch" oder "komplementär" deuten, wie "normale" Mythen, die Wahrheit enthalten, ohne im Wortsinn "wahr" zu sein.
Umgekehrt fällt es vielen onthologisch naturalistisch orientierten Denkern schwer, über (aus meiner Sicht nur vermeintliche) Widersprüche zwischen Mythos und empirisch erhärtbarer Wissenschaft "hinwegzusehen". Den "schwachen" Naturalismus kann man als pragmatische Vorgabe sehen, die es erlaubt, ungestört Wissenschaft zu betreiben.
Damit lässt sich meine Frage zum Teil beantworten: Ich bin also - mindestens - methodischer Naturalist.

Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider, Dozent für Philosophie der Naturwissenschaften an der Uni Giessen, unterscheidet, David Armstrong folgend, zwischen einem "starken" und einem "schwachen" Naturalismus. (In seinem Aufsatz "Naturalismus, metaphysische Illusionen und der Ort der Seele", den ich im Brightsblog fand.) "Schwacher" Naturalismus bedeutet, dass das Universum in seinem empirisch, aber auch theoretisch fassbaren Bereich ohne "Rekurs auf autonome spirituelle Entitäten" (also: Götter, Geister und Dämonen) besondere Lebenskraft oder teleologische und transzendente Wirk-Faktoren erkannt werden kann. Dieser schwache Naturalismus schließt einen transzendenten Seinsbereich nicht aus - es könnte also Götter, Geister und Dämonen geben - sondern behauptet nur, dass für das Verständnis des Kosmos auch in den höheren Entwicklungsstufen (Leben, Bewusstsein, Erkennen) "übernatürliche" Faktoren nicht gebraucht werden - nach dem bewährten Grundsatz der ontologische Sparsamkeit.
Das unterscheidet sich insofern vom methodischen Naturalismus, da ein methodischer Naturalist ja durchaus von z. B. der Existenz einer "göttlichen Vorsehung" ausgehen kann, oder von einer transzendenten Begründung moralischer Regeln.
David Armstrong hat darüber hinaus auch einen "starken Naturalismus" verteidigt, wonach ein Transzendenzbereich ausgeschlossen wird und somit das prinzipiell mit den Methoden der empirischen Wissenschaften erforschbare Universum alles ist, was es gibt. Diese Unterscheidung in schwachen und starken Naturalismus halte ich für ziemlich willkürlich: je nachdem, wie weit man das ontologische Sparsamkeitsprinzip anwendet, könnte eine Annahme einmal "schwach" und einmal "stark" naturalistisch sein. Es ist also eine rein subjektive Unterscheidung. Außerdem könnte man der Ansicht sein, dass z. B. Dämonen durchaus natürliche Wesenheiten sind - die Gaia-Hypothese, die die irdische Biosphäre als "Gesamtorganismus" sieht, wäre dafür ein Beispiel. So gesehen kann man an Dämonen "glauben", ohne sich in den Bereich der Transzendenz zu begeben. Ein anderes Beispiel wäre die "Schwarmintelligenz". ("Dämon" jetzt verstanden im Sinne einer nicht an einen einzelnen Körper gebundenen, aber durchaus substanziellen Intelligenz - nicht im Sinne "böser Geist" oder "Diener des Teufels".)

Kanitscheider plädiert dafür, den Naturalismus als philosophische Hypothese über die Welt anzusehen: Sie ist nicht direkt falsifizierbar, ist aber indirekt fallibel, weil kritisierbar. Er greift dabei auf Popper zurück, nach dessen Wissenschaftstheorie die Kritisierbarkeit ausreicht, um eine Hypothese als wissenschaftlich zu qualifizieren. Eine Widerlegung des Naturalismus erfolgt damit nicht durch Beobachtung oder Experimente, sondern durch Bezug auf die heute bewährten Theorien der Wissenschaft - genau so, wie wissenschaftliche Theorien nur selten durch direkte Erfahrungen überprüft werden, sondern indem Vorhersagen, die aufgrund dieser Theorien gemacht werden, empirisch entweder erhärtet oder falsifiziert werden. (Etwas durch Beobachtung oder Experiment ein für alle mal zu "beweisen" ist hingegen nicht möglich.) Des weiteren plädiert er für eine naturalistische Ethik , die ich grundsätzlich für sympathisch halte:
Ziel einer naturalistischen Ethik ist, dass Menschen nicht aus Selbstzweck irgendwelche Prinzipien erfüllen müssen, sondern dass alle ein aus ihrer eigenen Sicht gelungenes Leben führen können.
- aber genau darin liegt ein Problem, dass ich mit einem mehr als nur methodischen Naturalismus habe.
Dieses Problem habe ich weniger mit "dem" Naturalismus als vielen naturalistischen Denkern, und es besteht natürlich im bekannten "naturalistischen Fehlschluss", wobei ich der gebotene Kürze und der Bequemlichkeit halber wieder mal auf die Wikipedia verweise. (In seiner primitivsten, aber auch populärsten Form ist es der Fehlschluss, dass etwas das "natürlich" sei, auch "gut" sein müsse. Besonders fatal wird das "natürlich" dann, wenn Dinge für "naturgegeben" gehalten werden, die reine Konstrukte sind, die nirgendwo existieren, als im der menschlichen Gedankenwelt. Z. B. gibt es "in der (nichtmenschlichen) Natur" weder Völker, noch Rassen - und auch Begriffe wie "gesund" sind tatsächlich kulturell konstruiert. Es ist z. B. mit naturwissenschaftlichen Methoden allein nicht möglich, zu erkennen, ob ein bestimmter Mensch "gesund" ist. Relativ einleuchtend ist das bei Geisteskrankheiten, aber sogar bei Lipid-Werten macht es einen Unterschied, ob man unter "Gesundheit" etwa das persönliche Wohlbefinden versteht - oder den Zustand mit der statistisch höchsten Lebenserwartung, den Zustand maximaler Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz - oder gar den Zustand, der die Krankenversicherung am wenigsten belastet oder vielleicht sogar die Einhaltung eines niedrig angesetzten Normwertes, der einen möglichst großen Absatz an cholesterinsenkenden Medikamenten und diätetischen Lebensmitteln bewirkt. Grade die Beispiele, in denen "Gesundheit" aufgrund von wirtschaftlichen, religiösen, ideologischen bzw. machtpolitischen Gründen "definiert" wird, sind gar nicht so selten.

Es ist grade die Einsicht, dass auch der Begriff "Natur" kulturell konstruiert ist, dass mich gegenüber dem (ontologischen) Naturalismus skeptisch macht.

Meine Frage kann ich so beantworten: Ob man mich als Naturalist bezeichnet, hängt davon ab, welche Form des "Naturalismus" gemeint ist, und vor allem davon, was der Fragesteller für "natürlich" hält.
Natürlich ist diese schwammige Antwort nicht befriedigend.
leuchtspur (Gast) - 9. Mär, 21:25

Etwas zum Naturalismus

Hallo!
Zum methodischen Naturalismus ist im Prinzip alles klar.
Die anderen Formen von Naturalismus sollten doch genauer beleuchtet werden.Ich halte den Naturalsimus für einen wichtigen philosophischen Standpunkt, erhebt er doch den Anspruch die Welt monistisch und damit einfach zu erklären Sowohl bei dem schwachen als auch bei dem starken N. handelt es sich um einen metaphysischen N., da grundlegende Voraussetzungen nicht durch Erfahrung, also empirisch, belegt werden können. Es ist also eine mehr oder weniger gut begründete Metaphysik. Betrachtet man zuerst den N., der als Physikalismus charakterisiert werden kann. Diese Form von N. nimmt an, alle Phänomene auf Physik reduzieren zu können. Dieser Naturalismus hat Probleme damit, z.B. normative Fakten zu erklären. Wie soll aus bloßer Physik so etwas wie Ethik entstehen?
Wäre darüber hinaus der reduktive Physikalismus wahr, so wäre die Ökonomie auf Psychologie, die Psychologie auf Biologie, die Biologie auf Chemie und Physik reduzierbar, ein Versprechen, das noch nicht einmal ansatzweise gelöst ist. Die letzten Schritte vermeidet der Naturalismus durch Formulierung einer nichtreduktiven Variante. Danach werden Phänomene, wie z.B. Leben, systemtheoretisch erklärt, d.h. nach dem Satz: Das Ganze ist mehr als die Teile.
Das größte Problem eines Naturalismus dürfte aber seine Anspruch sein, die gesamte Wirklichkeit aus der 3.Person-Perspektive zu erklären. Dadurch fallen alle subjektive Aspekte weg. Dazu gehören so nichtphysikalische Dinge wie Freude, Schmerz, u.v.a., die nicht physikalisch, sondern geistig sind. Der amerikanische Philosoph Searle sagt es immer wieder: Unsere Welt ist nicht nur physikalisch. Zu dieser Welt gehört auch der Geist. Eine interessanter Naturalismus ist der Panpsychismus (s.Wikip.), der natürlich kein Physikalismus mehr ist. Natürlich wäre es dann eine interessante Frage, wie der Geist denn Teil der Welt sein kann.
Eine interessante Quelle ist ein mp3 Vortrag über die Herausforderung des Naturalismus im Forum Grenzfragen ://www.forum-grenzfragen.de/grenzfragen/open/webtodate/aktuelles/news/53204298720b78836.html

MMarheinecke - 9. Mär, 21:43

Danke für den Link

da er nicht funktioniert, ich den Vortrag aber für wichtig halte, setze ich ihn noch einmal:
//www.forum-grenzfragen.de/grenzfragen/open/webtodate/aktuelles/news/53204298720b78836.html
Der Naturalismus ist tatsächlich für das christliche Menschenbild weitaus problematischer als für meine "neopagane" und durchaus panpsychische (und in diesem Sinne wohl "irgendwie" doch naturalistische) Weltsicht. Mit meiner "religiösen" Anschauung ist der Naturalismus weitaus besser verträglich als das christliche Religionsverständnis - meine Götter sind Bestandteile des Kosmos.

Den Physikalismus ist meiner Ansicht nach ein ziemlich altmodischer Materialismus. Man konnte mich unter Umständen einem nicht-physikalistischen Naturalismus zuordnen.
leuchtspur (Gast) - 10. Mär, 16:08

Kosmos?

Und was ist für Neopagne der Kosmos?
MMarheinecke - 10. Mär, 18:22

Das Universum - durchaus im Sinne der Astrophysik. Wobei ich nur für mich und nicht für andere Neuheiden spreche.
Meine Überzeugung ist, dass Eingriffe eines Gottes von "Außerhalb" des Universums nicht erfolgen - wenn es "das Göttliche" gibt, ist es dem Universum immanent, im Sinne des Pantheismus. Außerdem hänge ich einem Panpsychismus an. Polytheist bin ich aus pragmatischen Gründen - das habe ich nicht gesucht, das ist mir zugestoßen. (Z. B. durch mystische Erfahrungen.) Wenn es "nach mir gegangen" wäre, wäre ich Agnostiker mit einem Hang zum Panpsychismus, aber so ist mein Leben nun mal nicht verlaufen.
Leuchtspur (Gast) - 10. Mär, 20:22

Und welche Rolle spielen Neuheiden in diesem pantheistisch gedachten Kosmos? Nimmt er sie wahr? Sind sie ihm gleichgültig?
MMarheinecke - 10. Mär, 22:12

Erst mal: ich spreche und schreibe hier nur für mich; schon der nächste "Neuheide" kann völlig andere Ansichten haben. (Auch wenn es natürlich innerhalb einer Gruppe oder Tradition einen gewissen Konsens gibt. Der in der nächsten Gruppe wieder anders sein kann.)
Zur Frage: Ich denke mir den Kosmos nicht pantheistisch, sondern ich habe den Verdacht, dass er pantheistisch sein könnte. Auf keinen Fall stelle ich ihn mir als "persönlichen Gott" vor.
leuchtspur (Gast) - 12. Mär, 09:08

Welche Bedeutung hat ....

ein pantheistisch und unpersönlich gedachtes Universum für Dich?
MMarheinecke - 12. Mär, 09:13

Ist mir im Grunde gleichgültig.
leuchtspur (Gast) - 13. Mär, 01:18

Sollte es Dich dann eigentlich nicht interessieren, oder-ist eine atheistische Position dann nicht konsequenter?
MMarheinecke - 13. Mär, 09:05

Zur Frage: Ja, ich weiß, es wäre konsequenter. Aber ich habe Gründe, nicht konsequent zu sein. (Siehe mein Beitrag.)

Danke für der Erkenntnisgewinn. Jetzt kenne ich den wahren Grund, weshalb Sokrates zum Leeren des Schierlingsbechers verurteilt wurde ....

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