Kulturelles

Dienstag, 20. Oktober 2009

Bedenkliche Klischees in Schulbüchern

Am Sonntag schrieb ich noch vom "Mut zum Klischee" im Abenteuerroman - dieses Mal schreibe ich über Geschlechtsrollenklischees, die die Welt nicht braucht - schon gar nicht in Schulbüchern!
Jungs sind anders - Mädchen auch. Gerade in der Vorpubertät unterscheiden sich die Neigungen und Vorlieben männlicher und weiblicher Schüler, jedenfalls aus Sicht der Lehrer und Eltern, deutlich. Dennoch dürfte wenig Zweifel daran bestehen, dass getrennten Jungen- und Mädchenschulen, wie sie noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet waren, veraltet sind. Die Koedukation hat sich bewährt.
Das Klischee, dass Mädchen sich nicht für Technik und Naturwissenschaften interessieren würden und "von Natur aus" schlechter in Mathe wären als Jungs, die dafür "natürliche" Schwächen in den sprachlichen und musischen Fächern hätten, wird wohl kein Pädagoge mehr ernsthaft vertreten.

Es sei denn, er oder sie arbeitet bei "PONS".
Der Verlag brachte folgende "Neuheiten" heraus: Diktate für Mädchen, Diktate für Jungs und sogar Mathe-Textaufgaben für Mädchen und Mathe-Textaufgaben für Jungs.
"Wir wollen nicht altbekannte Klischees zementieren, sondern die Kinder da abholen, wo sie stehen", sagt Sebastian Weber, Verlagsleiter PONS Selbstlernen in der Pressemeldung zu dem, äh, geschlechtsspezifischen Lehrmaterial.
Tja, dumm nur, dass PONS die Jungs und Mädchen da abholen will, wo altbekannte Klischees sie hinstellen: "Wilde Jungs, die erst aktiv an ein Lernthema herangeführt werden, lösen anschließend bereitwilliger die nächsten Aufgaben konzentriert am Tisch. Gleiches gilt für Mädchen, deren Aufmerksamkeit vor allem über ihre Lieblingsthemen wie Pferde, Prinzessinnen und Mädchenfreundschaften gefesselt wird."
Das hat meines Erachtens herzlich wenig mit dem unterschiedlichen Entwicklungsstand von Jungs und Mädchen zu tun, oder mit tatsächlichen Vorlieben.
Mehr dazu auf Ludmila Carones Blog: Hinterm Mond gleich links an Pons: Welches Jahr haben wir noch mal?
"Okaaaaay, also die Mädchen sollen Nägel lackieren und Schmuck basteln? So, so. Auf das die Mädchen schon früh auf kleine konsumgeile Modepüppchen getrimmt werden, bei denen vor allem das Äußerliche zählt.
Da hat sie recht. Und Jungs haben gefälligst "wild" und "aktiv" zu sein, sonst sind sie
keine richtigen Jungs ...

Noch eine nette Fundsache aus den Kommentaren:
Gender Mainstreaming 'ungeheuer gefährlich' (auf kath.net).
(...) Die Kritiker sehen dadurch Gottes Schöpfungsordnung bedroht. Vom Gender Mainstreaming gehe eine „ungeheure Gefährlichkeit“ aus, sagte der Präsident des Kongressveranstalters, der Internationalen Konferenz Bekennender Gemeinschaften, der Missionswissenschaftler Prof. Peter Beyerhaus (Gomaringen bei Tübingen), am 10. Oktober. Es handele sich um den systematischen Versuch, die schöpfungsgemäßen Unterschiede der Geschlechter zu beseitigen. Besonders problematisch sei, dass schon Kinder mit dieser Ideologie indoktriniert würden.(...)
Nachtrag: Aus der praktischen Sicht des Mathe-Unterrichts:
pons! que tu eusses pensé? (Wirrlicht)

Sonntag, 27. September 2009

Düsenjäger

Vor gut zwei Jahren ging eine Meldung durch die Medien, die einige meiner "dummen Vorurteile" über den Kunstmarkt auf's Schönste bestätigte. ("Dumme Vorurteile" nannte eine Hamburger Galeristin, mit der ich mich vor einigen Jahren mal auf einer Vernissage darüber unterhielt, meine Ansichten. Immerhin: das kalte Buffet war gut, meiner Ansicht nach weitaus besser als die ausgestellten einfallslosen Schinken eines der zahlreichen Möchtegern-Neo-Rauchs. Danke nochmal für die Einladung damals!)
Gerhard Richters Frühwerk "Düsenjäger" wurde am 13. November 2007 in einer Auktion bei Christie's für 11,2 Millionen US-Dollar versteigert. "Düsenjäger" war damit das teuerste Bild eines noch lebenden deutschen Malers. Hysterische Herbstauktion: "Düsenjäger" in der Preisspirale (SpOn)

Ich schätze Gerhard Richter und sein Werk sehr, halte allerdings "Düsenjäger" für eine seiner schwächeren Arbeiten.
richter duesenjaeger
Der "Düsenjäger" von Gerhard Richter aus dem Jahr 1963 ist im Original 1,3 mal 2 Meter groß - ein großes, aber nicht ungewöhnlich großes Format also, jedenfalls gemessen an den wohnraumsprengenden Formaten, die etwa von vielen Neo-Expressionisten bevorzugt werden. Das Gemälde gehört zu den ersten, für die Richter ein Foto als Vorlage benutzte. "Foto" ist fast ein wenig übertrieben, denn es war ein simpler Illustriertenausschnitt den er abmalend vergrößerte (nach anderen Quellen: ein Foto aus einem Buch). Ohne Richters künstlerischen Rang schmähen zu wollen, gehört "Düsenjäger" nicht unbedingt zu seinen originellsten Werken. Tatsächlich erinnert es mich an eine typische Aufgabe aus dem Kunstunterricht der gymnasialen Oberstufe: Wie stelle ich Geschwindigkeit optisch dar? Dazu verwendet Richter genau das selbe Mittel, das wohl auch die meisten Schüler verwendet hätten: simulierte Bewegungsunschärfe durch Verwischen. Außerdem ist die Nase des Flugzeuges etwas "abgeschnitten", was aufgrund der Seherfahrung der meisten Betrachter den Effekt hat, dass das gemalte Flugzeug "aus dem Bild herauszufliegen" scheint.

Kein ganz großer Wurf also. Es ist allerdings ein "schönes", sprich dekoratives Bild, ich würde mir "Düsenjäger" durchaus ins Wohnzimmer hängen - womit ich beim ersten meiner "Vorurteile" über den Kunstmark wäre: Kunstwerke, die "leicht verständlich" sind, aber dennoch schön viel Spielraum für alle möglichen tiefsinnigen und unsinnigen Interpretationen lassen, verkaufen sich am Besten.

Wichtiger ist allerdings mein zweites bestätigtes "Vorurteil". Es liegt für mich auf der Hand, dass es bei den damals, im Jahr 1 vor der Finanzkrise, immer wieder erzielten Wahnsinnspreisen für Kunst gar nicht um das Kunstwerk ging, sondern um Kunst als Kapitalanlage. Eine "Aktie in Öl", gekauft als Spekulationsobjekt in Erwartung weiterer Preissteigerungen. (Wobei sich wenig später - wieder einmal - die extrem hohen Preise für moderne Kunst als Spekulationsblase erwiesen.) Das ist meine Erachtens auch eine Missachtung des Künstlers, der allenfalls indirekt von den hohen Preisen, die seine Werke auf dem Kunstmarkt erzielen, profitiert. Gerhard Richter verkaufte dieses Gemälde seinerzeit für einige tausend Mark an einen Privatsammler, vom Weiterverkauf seines Bildes hat er nichts. Er hatte allerdings noch das Glück, dass der "Marktwert" auch seiner aktuellen Kunst durch solche Wahnsinnspreise indirekt besser wurde. In der Regel ist ein Künstler schon tot, wenn seine Werke richtig teuer werden.

Das dritte "Vorurteil" ist das, dass solche Preise nur dank ebenso intensiver wie verlogener Werbung zustande kommen. Im Falle des "Düsenjäger" beschreibt Christie's im Auktionskatalog das Bild als einen künstlerischen Kommentar auf die Zeit des Kalten Krieges. Es mache "existenzielle Angst" spürbar und "sein Stachel" sei fast 50 Jahre nach seiner Entstehung und gerade in Zeiten globalen Terrors "so scharf wie nie zuvor".
Wer unbedingt will, kann das natürlich in das Gemälde hineininterpretieren, aber mindestens ebenso plausibel wäre die Behauptung, der Künstler wäre von der ästhetisch ansprechenden Form und der Geschwindigkeit eines Kampfflugzeuges fasziniert gewesen. Eine Einschätzung, die wahrscheinlich dazu geführt hätte, dass Richters Gemälde als "Militärkitsch" abqualifiziert und für den Kunstmarkt "unmöglich" gemacht worden wäre. (Vergleichbare Gemälde des "Gebauchskünstlers" Johnny Bruck etwa gelten bei ernsthaften Kunstkennern immer noch als Kitsch.)
Dietmar Elger, der führende Experte für die Kunst Richters, wies jedenfalls darauf hin, dass das Thema Militärflugzeuge 1963 und 1964 in mehreren Werken auftauchte. Wahrscheinlich ginge das auf Richters Erfahrungen als Jugendlicher gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zurück. Mit der aktuellen politischen Situation um 1963 hätte das Werk eigentlich weniger zu tun.
Aber auch ein aufgearbeitetes Kriegstrauma verkauft sich offensichtlich schlechter als gemalte Zeitkritik. Jedenfalls eignet es sich weniger für blumige Interpretations-Prosa.

"Düsenjäger" ist meines Erachtens ein gelungenes Werk, und war seinen ursprünglichen Verkaufswert ohne Weiteres Wert, aber ist bei weitem nicht so künstlerisch herausragend, dass es Millionensummen wert wäre. Im Gesamtwerk Richters ist es eher Mittelmaß, ein gekonntes Routinegemälde. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich will nicht verschweigen, dass ich durch Recherche-Nebenergebnisse für Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme: Düsenjäger (Jet Pilot) darauf kam, etwas über Richters "Düsenjäger" zu schreiben. Ein weiteres "Nebenprodukt" ist die Erkenntnis, dass das Gemälde im streng militärisch-technischen Sinne den falschen Titel trägt. Das dargestellte Flugzeug ist eine Fiat G 91, bei der Bundesluftwaffe meistens "Gina" genannt. Die "Gina" ist ein leichtes, einsitziges Erdkampfflugzeug, es gibt auch eine zweisitzige Trainer-Variante. Sie wurde zwar auch als "leichter Jagdbomber" bezeichnet, aber Jagdaufgaben, also die Bekämpfung feindlicher Flugzeuge, spielten im Einsatzspektrum der G 91 kaum eine Rolle. Zur der Zeit, als Richter sein Bild malte, war der aktuelle "Düsenjäger" der bundesdeutschen Luftwaffe der Lockheed F 104 Starfighter. Man könnte natürlich tiefsinnige Vermutungen anstellen, wieso Richter die vergleichsweise "lahme" (1075 km/h Höchstgeschwindigkeit, 850 km/h Reisegeschwindigkeit - nicht schneller als ein gewöhnliches Verkehrsflugzeug) und kleine "Gina" und nicht den extrem schnellen und extrem umstrittenen "Starfighter" malte, was, wäre es ihm wirklich um politische Kritik gegangen, nur logisch gewesen wäre. Die wahrscheinlichste Erklärung ist banal: Richter fiel das Illustriertenfoto wohl eher zufällig ins Auge.

Sonntag, 16. August 2009

Die Gänge der Lübecker Altstadt und das Weltkulturerbe

Ich, als Hamburger, beneide die Bewohner unserer "Schwesterstadt", der "Königin der Hanse" um ihre Altstadt. Während man in der Hamburger Innenstadt nach Geschäftsschluss ohne weiteres die meisten Bürgersteige hochklappen könnte, hat Lübeck eine lebendige, attraktive, sehr kompakte Altstadt, die auch abseits der erhaltenen historischen Bauten sehens- und erlebenswert ist.
Aber natürlich sind es die historischen Bauten, darunter natürlich die berühmten Gänge, denen die Lübecker Altstadt ihren Platz auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste verdankt:
Wie in anderen Großstädten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, gab es auch in Lübeck eine große Anzahl von Tagelöhnern und Trägern. Meist wohnten sie in kleinen, "Buden" genannten Häusern, die dicht aneinander gedrängt auf Eckgrundstücken, an den Rückseiten der Bürgerhäuser oder im inneren Bereich der Wohnblöcke standen. Die versteckt gelegenen Wohnbereiche wurden Gänge oder Gangviertel genannt.
Mittelalterliche Buden sind kaum noch erhalten, da man erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts begann, auch steinerne Buden zu errichten. Ab dieser Zeit zog auch wohlhabendere Bürger in die Gänge, denn Lübecks Altstadt liegt auf einer Insel, und das lübische Bürgerrecht war lange Zeit an einen Wohnsitz in der "ummauerten Stadt" gebunden. Heute gibt es in Lübeck noch etwa 90 Gänge. - In Hamburg gewannen hingegen die "Anforderungen an eine moderne Metropole" über den Denkmalschutz der noch noch erhaltenen Gängeviertel, soweit sie nicht schon dem Großen Brand von 1842, der "Kahlschlagsanierung" des frühen 20. Jahrhunderts und den Kriegszerstörungen des 2. Weltkriegs zum Opfer gefallen waren. (Hierzu schrob Magerfettstufe einiges: Hamburgs Gängeviertel verkommt.)
Ich beneide deshalb eine gute Freundin um um ihr kleines, wenn auch verhältnismäßig "neues" Ganghaus in der Lübecker Altstadt.
Allerdings hat das Leben als Ganghausbewohner auch weniger idyllische Seiten:
"Ich habe vor gut einem Jahr zwei Türen in meinen Gang eingebaut", sagt Thomas Haake, Besitzer eines Hauses in der Straße "Engelswisch". Durch sein Haus läuft der "Hellgrüne Gang". Der Lübecker Architekt fühlt sich durch Touristenmassen gestört, die an seinem Kaffeetisch vorbeiziehen. Zu Tausenden fielen sie ein, machten Lärm und ließen Abfall liegen.
"Als ich vor 25 Jahren einzog, gingen hier drei Touristen täglich durch - wir waren ja noch nicht Weltkulturerbe", so Haake.
Lübecker Nachrichten: Lübecker Altstadtbewohner sperren Touristen aus.

Eine durchaus verständliche Reaktion - die aber Folgen haben könnte: Die Gänge, so eng sie sind, sind öffentliche Wege die man als Anwohner nicht so ohne weiteres absperren darf. Außerdem könnte eine Sperrung der Gänge Lübecks Status als Weltkulturerbe gefährden.
Das Problem des "Lebens wie im Museum" kennen auch die Bewohner anderer historischer Altstädte - vor kurzem erst unterhielt ich mich mit einer entnervt aus der historischen Innenstadt von Rothenburg ob der Tauber weggezogenen Frau. Allerdings ist das Problem in der engen Gängen Lübecks buchstäblich drängend.

Nachtrag: Hamburg: Künstler besetzen Gängeviertel (indymedia).

Dienstag, 9. Juni 2009

Wie die jetzige GEMA-Regelung das Musikmachen erschwert ...

Im Prinzip ist die GEMA ja eine gute Einrichtung für Komponisten und Texter. Leider, vor allem nach der letzten Statuten-Änderung, nur noch im Prinzip - finanziell gesehen lohnt sich die GEMA-Mitgliedschaft erst auf einem Erfolgsniveau, das für die meisten Musikschaffenden praktisch unerreichbar ist.

Um zu illustrieren, wie hoch dieses Niveau ist: man sollte meinen, dass eine Band mit regelmäßigen Tourneen, großem Repertoire an eigenen Kompositionen und zwei bei einem "großen Label" erschienenen CDs, die auch gut laufen, reichlich Tantiemen über die GEMA kassiert. Von wegen! Sie hat gerade angefangen, nicht mehr draufzuzahlen! (Vor allem, weil auch für eigene Lieder GEMA-Abgaben gezahlt werden müssen, was die Promotion über Hörproben auf der Website zu einem teuren Vergnügen macht, und die Selbstkosten für Konzerte kräftig erhöht.)

"Die GEMA ist für Marius Müller-Westernhagen", heißt es schon lange unter deutschen Rockmusikern - und zwar nicht, weil man auf MMW sauer wäre, sondern auf die GEMA. Dass weniger als ein Zehntel der GEMA-Mitglieder mehr als 70 % der ausschüttungsfähigen Summe erhalten, liegt nicht allein daran, dass das Repertoire dieses Personenkreises auch den größten Teil der Aufführungen ausmacht. Dass über 90 % der Mitglieder sich die verbleibenden 30 % teilen, hängt auch damit zusammen, dass nur die ordentlichen Mitglieder der GEMA die Auszahlungsmodalitäten bestimmen. "Ordentliches Mitglied" mit Stimmrecht bei der Mitgliederversammlung zu werden, ist nicht ganz einfach: Voraussetzung ist eine 5-jährige außerordentliche Mitgliedschaft, und ein Mindesttantiemenaufkommen von über 30.000 Euro über die letzten 5 Jahre.

Wie bei Karan zu erfahren ist, wird auf Existenzgründungsseminaren für Musiker mittlerweile explizit abgeraten, der GEMA beizutreten.
Veranstalter stöhnen ebenfalls schon lange über die GEMA.
Die Abgaben für Kleinveranstalter wird von der GEMA nach Raumgröße und Höhe des Eintrittsgeldes berechnet und muss vorab entrichtet werden. GEMA-Pflicht für die gesamte Veranstaltung gilt ab einem GEMA-pflichtigen Musikstück. Die hohen Abgaben zwingen Kleinveranstalter die Anzahl der Konzerte zu reduzieren.

Monika Bestle von der Kulturwerkstatt Sonthofen, hat es nicht beim Stöhnen belassen, und eine Petition beim deutschen Bundestag initiert - mit dem Ziel einer längst fällige Reform zugunsten auch der Kleinverdiener unter den Künstlern und der "kleinen" Veranstalter. Sie kann hier online unterzeichnet werden.

Montag, 20. April 2009

Steampunk - ein Lebensgefühl

Piratin - das ist ein stimmungsvoller Chanson, von Karan geschrieben und getextet während eines schier unglaublichen Songschreibemarathons, dem FAWM.
Ich habe versucht, zum Lied und seiner Stimmung passende Fotos zu machen, das hier ist eines meiner Versuchsergebnisse:
piratin04

Karan ordnet Piratin bei FAWM unter anderem unter "Steampunk" ein. Was mich auf den ersten Blick irritierte, denn mit der gemeinhin Steampunk genannten literarische Gattung, eines Subgenres der Alternativweltgeschichten, hat das Lied vom Text her nichts gemeinsam. (Musikalisch gesehen hat es nicht die geringste Ähnlichkeit mit Punk-Rock - und ist nur begrenzt mit dem vergleichbar, was Bands wie Abney Park machen.)

Wie so oft ist es hilfreich, (geistig) einen Schritt zurück zutreten. "Steampunk" und "Cyberpunk" sind sozusagen komplementäre, sich ergänzende und befruchtende, Sub-Genres der Science Fiction. "Punk" bedeutet im Zusammenhang mit diesen literarischen Gattungen nicht Unsinn, Abschaum, Dreck, was der Wortsinn nahe liegen könnte; und steht auch nur indirekt mit der Subkultur der Punks in Verbindung. "Punk" steht etwa seit den 1970er Jahren für provozierendes Aussehen, eine rebellische Haltung und nonkonformistisches Verhalten. "Punk" ist, in Bezug auf gesellschaftliche Utopien, die Hoffnung auf "Systeme", den Staat, "die Gesellschaft" illusionslos, manchmal zynisch, meistens anarchistisch. "Punk" steht für "wir müssen uns selber helfen, sonst hilft uns keiner".
"Steampunk" - das ist "Rebellion mit Stil", Unangepasstsein, Mut zum Anachronismus, die Frage nach dem "Was wäre, wenn?" und die Antwort "Warum denn nicht?"
"Steampunk" - das ist Technik im edlen Design vergangener Zeiten, poliertes Holz, Messing, brünierter Stahl.
"Steampunk" ist aber auch die Sehnsucht nach einer Zeit, die es nie gab, in der die Ideen Jules Vernes, die Fortschrittsträume des victorianischen Zeitalters, aber auch die romantischen Phantasien des Bayernkönigs Ludwig II. Realität wurden.

Und wenn ich es mir so überlege, dann passt die Piratin sehr, sehr gut zu diesem Lebensgefühl - "Steampunk".

Donnerstag, 12. März 2009

Worpswede verliert Künstlerförderung

Bisher genossen die Stipendiatenstätten der Künstlerhäuser Worpswede nicht nur einen guten Ruf, sondern auch öffentliche Förderung durch das Land Niedersachsen.

Damit ist jetzt Schluss: Das Land Niedersachsen stellt die Künstlerförderung für die beiden Stipendiatenstätten in Worpswede ein.
Nach Angaben des Weser-Kurier, will das Ministerium für Wissenschaft und Kunst seine Künstlerförderung in Lüneburg an der dortigen Universität konzentrieren.
Neben Worpswede wird zum Jahresende 2009 auch die Unterstützung für die Stipendiatenstätte im Schloss Bleckede beendet.
Für die zehn Worpsweder Stipendiatenplätze auf dem Barkenhoff und in den Atelierhäusern Vor den Pferdeweiden kommt das Aus völlig überraschend. Die als Künstlerhäuser Worpswede firmierende Einrichtung besteht seit 1971 und gehört zu den größten deutschen Stipendiatenstätten. Zuletzt hatten sich über 1000 Bewerber der Sparten Bildende Kunst und Musik aus 81 Nationen für einen sechsmonatigen Aufenthalt in Worpswede beworben.

Pressemeldung: Weser-Kurier: Worpswede verliert Künstlerförderung.

Überrascht bin ich über diese bedauerliche Entscheidung nicht: sie passt allzu gut in die politische Landschaft. Dass es Sparzwänge gibt, ist nichts Neues. Dass aber die Künstlerförderung an einem Ort konzentriert werden soll (und sei es auch eine Stadt mit malerischer Altstadt), passt allzu gut in ein quasi-industrielles Verständnis von Kunst.

Samstag, 28. Februar 2009

Schreiben nach Schema F?

Vor einigen Wochen meinte momorulez, angesichts einer gewissen Öde in einer hamburgischen Großbuchhandlung:
Lebenweisheit - Kanon - Best of, eigentlich zieht sich das durch alle Regalbretter da in der Thalia-Buchhandlung, und das Schlimme ist ja, daß es darum auch in den “Sternstunden der Bedeutungslosigkeit” geht, nur gegativ, wobei zum Glück bisher keine Songs auftauchen. Soweit es nicht den Wildwuchs von Krimi, Thriller, Fantasy betrifft, wo auch alle Klappentexte sich gleich lesen - hätte es wirklich so viele dubiose Geheimbünde gegeben, wäre die Realhistorie bestimmt lustiger gewesen.Und vor lauter Serienkillern gäbe es die Menschheit gar nicht mehr.
Kunst kommt nicht von Können

Was das Buchsortiment als solches und im großen und ganzen angeht, kann ich momorulez Beobachtung nur bestätigen. Tendenziell sah es bei "Thalia" zwar nie anders aus, allerdings ist das Angebot, nicht nur hier, tatsächlich im Laufe der Jahre risikoscheuer geworden. Wie überall gilt: hohe Gewinne lassen abseits des Massengeschmacks nicht realisieren.

Als eifriger Science Fiction-, Fantasy und Krimi-Leser (und gelegentlicher -Schreiber) mag ich aber den Vorwurf, der auch an die Adresse der Schreiber geht, nicht auf den Science Fiction, Fantasy- und Krimi-Schreibern sitzenlassen.

Klappentexte bzw. Rückseitentexte haben in diesen Genres - überhaupt im Massen-Buchmarkt - erfahrungsgemäß nicht viel mit dem Inhalt zu tun. Oft sind sie sogar regelrecht falsch - als ob die Autoren der Klappentexte niemals das dazugehörige Buch gelesen hätten. In meinem Blog verlinkte ich einen Klappentextgenerator für Mystery-Thriller á la Dan Brown: Auch mal Bestseller-Autor sein? - die generierten Texte wirken sehr echt, weil auch bei realen Texten dieser Art immer wieder mit den selben “bewährten” Textbausteinen gearbeitet wird. Wie fast überall, wo es um Werbung und PR geht.

In Verteidigung der Schreiber meine ich ferner: Das Problem in diesen Genres liegt weniger bei den Autoren, denen nichts originelles mehr einfallen würde, als bei den großen Verlage - wobei die paradoxe Faustregel gilt: je größer, desto risikoscheuer. (Mutmaßliche Gründe: hohe Gewinnerwartung, Planbarkeit von Umsätzen, Angst der Medienkonzerne, bei Anteilseigner oder politischen Unterstützern ins Fettnäpfchen zu treten.) Das sitzen genau die Sorte Leute, die Frau Joanne K. Rowling erzählten, Kinderbücher über Magier und Internate würden sich heutzutage nicht mehr verkaufen, da hätte man Erfahrung, so was lesen die Kids heute nicht mehr.

Hinzu kommt meiner Ansicht nach, dass bestimmte Themen “den Nerv der Zeit treffen”, wenn auch manchmal leider so, wie ein ungeschickter Zahnarzt beim Bohren den Nerv trifft. "Verschwörungen” und “Serienkiller” umreißen ziemlich genau zwei zentrale, aber irrationale, Ängste unserer Zeit - die Verbindung aus beidem wäre das politische Angstthema Nr. 1, Terrorismus.

Da widersprach mir momorulez. Er wäre nur richtig wütend, irgendwann beim Stöbern, bei so vielen Büchern immer auf die gleiche Skizze zu treffen. Und die Serienkiller seien ja nur deshalb so beliebt, weil sich da der Plot am besten drumrum basteln ließe nach Lehrbuch - passieren halt immer wieder neue Morde, die neue Hinweise bedeuten, man kann Opfer in irgendwelche Keller sperren und dann die nächsten 50 Seiten verschweigen, was mit denen da passiert usw. . Er glaube gar nicht, dass das der Terrorismus ist, der dahinter steckt, “Schweigen der Lämmer” als Film, das wäre ja schon 1990 gewesen. (Da denkt momorulez vielleicht zu kurz: denn die aus dem Gefühl des Kontrollverlustes, des Gefühls, Spielball unkontrollierbarer Ängste zu sein, geborene Verschwörungsangst ist viel älter als 1990. Und Terrorismusangst ist zumindest in Westdeutschland schon seit ca. 1970 kultureller Faktor.)

Bei Science Fiction und Fantasy kenne ich er sich viel weniger aus, aber er wettete mit mir, dass auch da 98% nach den immergleichen Mustern geschrieben sind. Ich ließ mich auf die Wette nicht ein, denn wenn auch nicht 98% der erschienenen Titel nach "Schema-F" geschrieben sind, so hege ich den begründeten Verdacht, dass 98% der "abverkauften Auflage" oft gut gemachte Konfektionsware sind.

Das lässt sich mit "Sturgeons Gesetz" allein nicht begründen. Nach diesem Gesetz ist nur eines von 10 Büchern wirklich lesenswert, und von den 10 lesenswerten Büchern hat nur eines literarischen Bestand. Verallgemeinert: "99 % of everything is scrap" - was nicht ganz dem Sinn des ursprünglichen Gesetzes entspricht.
Dieses Gesetz stammt vom SF-Schreiber Theodore Sturgeon, einem hervorragender Schriftsteller, der es aber nie zum Bestseller-Autoren gebracht hatte - auch, weil er ungern nach "bewährten Rezepten" schrieb. (Allerdings taten auch die "ganz großen" SF-Schreiber seiner Generation - etwa der mit ihm befreundete Robert A. Heinlein - das nicht.)
Zurück in die Gegenwart: Zum Beispiel neigt der finanziell erfolgreichste deutschsprachige Fantasy-Autor, Wolfgang Hohlbein, sehr dazu, formelhaft zu schreiben. Es gibt zwar auch originellere Kollegen, die ebenfalls sehr gut verkaufen, z. B. Andreas Eschbach - aber auch bei Eschbach fällt auf, dass er einige seiner größten kommerziellen Erfolge im Weltverschwörungs-Bereich erzielte. ("Das Jesus-Video" ist zwar ungleich origineller und besser recherchiert als die meisten Verschwörungsthriller - und einige Zehnerpotenzen besser als die unsägliche Ver-Filmung - aber eine Zeitparadoxa-Geschichte ohne verschwörerische Elemente wäre wohl nur etwas für SF-"Stammleser" gewesen - und das sind zu wenige für einer echten Bestseller.)

Woran liegt's? Auch am Lesepublikum. Sicher vor allem an den Verlagen. Aber leider auch an den Schreibern.
Zugleich handwerklich gute und originelle Schreiber kommen nicht aus dem Nichts.

Lange Zeit waren in Deutschland die Heftromane zugleich “Versuchslabor” und “Talentschmiede” der Genreliteratur. Seit etwa den 1980er Jahren ist dieser Markt fast vollständig zusammengebrochen - wie zuvor in den USA der Markt der Story-Magazine. Beides wirkt sich meines Erachtens deutlich auf die durchschnittliche Qualität der Genreliteratur aus.
Auf dem Feld der Musik wäre der entsprechende Faktor das “Clubsterben”.

Was dabei wesentlich ist: ein Heftroman-Schreiber verdient mit seinem Schreiben Geld. Anders die heutigem "Fanautoren", für die die Schreiberei ein reines Hobby ist.
Habe ich als Hobbyschreiber Ambitionen, mit meinem Schreiben Geld zu verdienen, muss ich eine relativ hohe Schwelle überwinden: Mein Buch muss den Lektor und - noch wichtiger - den Marketing-Leiter des Verlags überzeugen. Das geht nicht mit rasant und ideenreich hingerotzten Texten. Also werde ich, als angehender Autor zum “Wie schreibe ich einen Roman”-Ratgeber greife oder Schreibkurse besuchen. (Es gibt auch gute Schreibkurse, die dem angehenden Autoren wirklich erlauben, sich weiterzuentwickeln, aber die meisten gehen doch in die Richtung, "bewährte Rezepte" zu vermitteln. Was man bitte nicht mit der alten Erfahrung "nur, wer die Regeln kennt, kann sie aufbrechen" verwechseln sollte.)

Das Ergebnis sind dann Schreiber, deren Debutromane sich formal und stilistisch kaum hinter denen "alter Hasen" verstecken müssen - bei denen ich als Leser aber oft das Gefühl habe, das Buch schon längst zu kennen.
Das andere Extrem sind Hobbyautoren, die nie ernsthaft mit Kritik konfrontiert wurden - und die sich oft in maßloser Selbstüberschätzung für verkannte Genies halten. Die dann allzu leicht an unseriöse Druckkostenzuschussverlage oder gar an betrügerische Pseudoverlage gelangen.
(Damit einem das nicht passiert, sollte man als angehender Schriftsteller sollte man deshalb unbedingt mal hier vorbeisehen: Aktionsbündnis für faire Verlage.)

Mittwoch, 25. Februar 2009

14 Songs in 25 Tagen - "Mission Impossible?" - "Mission Accomplished!"

Karan ist eine jener verrückten Liederschreiber, die sich bei FAWM.org für einen wahnsinnigen Liederschreib-Marathon anmeldeten, in dem es darum geht, 14 Songs in 28 Tagen zu schreiben.

Sie hat es tatsächlich geschafft - und zwar, wie man hier sich selbst überzeugen kann, in beeindruckenden Qualität (einfach das Banner anklicken):
fawmbanner 425

(Tatsächlich sind es sogar 14 1/2 Lieder, da sie zusätzlich einen Song zusammen mit einer anderen "Verrückten" schrieb.)

Dienstag, 10. Februar 2009

Klischees

Eine beinahe selbst zum Klischee gewordener Aussage in vielen Buch- oder Film-Renzensionen ist die, dass der renzensierte Text oder Film zu viele Klischees enthalten würde.

Das wirkt manchmal so, als ob Klischees etwas ganz schlimmes sein müssten. Und in der Tat gibt es Texte und Filme, deren Autoren so eifrig, ja krampfhaft, Klischees vermeiden, dass ihre Werke - nun, sehr verkrampft wirken. Klischees gelten nun einmal als Merkmal der Trivialliteratur - obwohl auch die Werke z. B. Thomas Manns oder Heinrich Bölls Klischees enthalten, und die "Klischees bei Günter Grass'" schon zu meiner Schulzeit, in der Grass so klischeereiche Bücher wie "Ein weites Feld" und im "Im Krebsgang" noch gar nicht geschrieben hatte, ein beliebtes Thema für Deutsch-Klassenarbeiten waren.
Sich von der pöbelhaften Trivialliteratur abzugrenzen, ist vor allem im deutschen Sprachraum immer noch eine relativ einfache Methoden, vornehm ausgedrückt, Distinktionsgewinne zu erzielen. Weniger vornehm: die Nase hoch zu tragen.

Klischees sind an sich nichts Schlimmes. Man mag sich an den "abgedroschenen Klischees" über z. B. Journalisten, Computerfreaks, Professoren oder Polizisten etwa in Krimis stören oder nicht: in den meisten Fällen sind sie immerhin recht treffende Karikaturen eines Journalisten, Computerfreaks, Professors oder Polizisten. Problematisch ist es nur, wenn sich die Charakterisierung etwa eines Journalisten auf diese Klischees beschränkt. Wenn eine Figur oder Situation mehr enthält als nur das Klischee, halte ich es für akzeptabel, manchmal sogar angebracht, auf ein Klischee zurückzugreifen.
Wirklich schlimm sind Klischees dann, wenn sie unzutreffend und diskriminierend sind - und dann, wenn nicht mehr Differenziert wird.
Ein schon morgens seinen Whisky trinkende Journalist ist ein Klischee, das insofern zutrifft, da Journalisten tatsächlich überdurchschnittlich oft Alkoholprobleme haben. Die Aussage "alle Journalisten sind Säufer" oder "die meisten Journalisten schreiben im Suff" trifft nicht zu und setzt einen ganzen Berufstand herab.

Trotzdem gibt es Klischees, die einfach nur auf die Nerven gehen. Abgegriffene Klischee-Handlungen zum Beispiel. Die Stellen, bei denen ich weiß: "Ach, nun kommt das schon wieder!" und je nach dem ein paar Seiten umblättere, vorspule, ein Bier aus dem Kühlschrank hole oder mal kurz aufs Klo gehe.
Um in diesem Sinne abgegriffen zu sein, muss ein Klischee gar nicht mal alt sein. Anje Schrupp nimmt in Hollywood im Vaterkompex ein relativ neues, aber trotzdem schon abgegriffenes Klischee aufs Korn: den "Vaterschwulst-Dialog", der seit einige Jahren sogar in Filmen auftritt, in denen es sonst gar nicht um Vaterkonflikte geht.
Womit ein anderer Grund, weshalb ein Klischee auf den Geist gehen kann, schon angeschnitten wäre: mangelnde Plausibilität.

Smog gehört - zumindest in Deutschland - zu den weitgehend gelösten Umweltproblemen. Trotzdem gehört er nach wie vor zum Inventar vieler Romane mit Umweltproblematik, und das nicht nur, weil diese buchstäblich atemraubende Mischung aus Abgasen und Nebel z. B. in China leider noch Alltag ist. Er taucht sogar da auf, wo er von der inneren Logik des Szenarios her längst verschwunden sein sollte.
Zum Beispiel im klischeereichen, aber trotzdem (manchmal beunruhigend) realistisch wirkenden Shadowrun-Universum.
Über den Ballungsgebieten (Metroplexen oder Sprawls) liegt in der Shadowrun-Zukunft typischerweise eine dichte Dunstglocke, die sich ohne Atemmaske kaum ertragen lässt. Anderseits erfährt man aus dem Hintergrundmaterial zum Rollenspielsystem, dass fast die gesamte elektrische Energie aus Fusionsreaktoren oder Solarkraftanlagen stammt. Autos fahren, zumindest in der "Allianz Deutscher Länder", mit Elektromotoren. Koksbetriebene Hochöfen gehören ebenfalls der Vergangenheit an. Das Zeitalter der fossilen Energieträger ist, da es kaum noch kostengünstig erschließbare Erdöl-, Erdgas- oder Steinkohlevorkommen gibt, und Kosteneffizienz im erzkapitalistischen und durch den buchstäblich mörderischen Konkurrenzkampf der Konzerne gekennzeichneten Shadowrun-Universum das oberste Gesetz ist, längst Geschichte.

Das heißt, für eine richtig "dicke Luft", egal, ob als klassischer rauchiger Wintersmog oder Sommersmog mit reichlich Ozon, fehlen die "Rohstoffe". Das Klischee stimmt nicht, obwohl es um den Umweltschutz, eben wegen des manischen Kosteneffizienzdenkens, eher schlecht bestellt ist, z. B. was die Sondermüllentsorgung angeht (die erfolgt nach dem Motto "Deckel drauf und vergessen", mit entsprechenden Folgen).

Warum also dieses "abgegriffene Smog-Klischee"? Es wird, nicht nur im "trivalen" Shadowrun, deshalb verwendet, weil es sich längst verselbständigt hat. Smog ist in unserer Kultur eine allgemein verständliche Metapher für Umweltzerstörung geworden - deshalb gibt es auch Wortprägungen wie "Elektro-Smog".

Umweltzerstörung ist eine Grundeigenschaft der kaputten Shadowrun-Welt - in Form von lecken Giftmülldeponien, katastrophalen Klimaveränderungen, zerstörten Kernkraftwerken usw.. Hinzu kommt, als charakteristische Besonderheit Shadowruns, die "magische Umweltverschmutzung".
Smog - mit Kratzen im Hals, schlechter Sicht, Hustenanfällen, brennenden Augen und Atemnot - ist eben eine "sinnliche" Form des Umweltdrecks, während man erhöhte Radioaktivität oder Dioxine im Salat nicht spürt - jedenfalls nicht sofort. Daher ist das Smog-Klischee eine einfache Methode, um beim Spieler oder Leser das Gefühl einer bedrohlich dreckigen Umwelt zu erzeugen.

Wieder verallgemeinert: dem Leser, Zuschauer oder Spielers geläufige Klischee erleichtern das Einfinden in die Situation. Was dann auch der Grund dafür ist, Klischees absichtlich und wohlbedacht zu verwenden.

Samstag, 7. Februar 2009

Der heimliche Welthit

Er gehörte sozusagen zum Soundtrack meiner Kindheit und meiner Jugend. Lange wusste ich nicht, wie er heißt. Das erste Mal hörte ich ihn bewusst in einem Film über Überschall-Flugzeuge, weshalb ich ihn bei mir den "Überschallflugzeug-Titel" nannte. Dass es gerade Überschallflugzeuge waren, war purer Zufall, denn der Titel wurde zwischen den späten 60ern und frühen 80ern sehr oft, jedenfalls sehr viel öfter als andere Instrumental-Stücke zum Unterlegen oder Drübersprechen verwendet. Egal, ob unter wichtigen Ansagen in der Disco ("Der Fahrer des Wagens mit dem Kennzeichen ... "), ob als Kaufhaus-Musik, als Hintergrundsoundteppich auf Steh- und Quassel-Parties, ob in Werbespots, Spielfilmen, Dokumentationen - er war beinahe allgegenwärtig.
Die Rede ist von "Early Bird", aufgenommen 1965, interpretiert vom belgischen Organisten André Brasseur an der Hammond-Orgel und seiner Combo:


Was ich lange Zeit nicht wusste: Brasseurs Interpretation von "Early Bird" (zur Unterscheidung von anderen Stücken mit gleichem Titel auch "Satellite Early Bird" genannt) war ein Cover. Das Original, ebenfalls von 1965, stammte von den Tornados und wurde von dem ebenso exzentrischen wie genialen britischen Produzenten, Songwriter und Soundbastler Joe Meek geschrieben. Der größte kommerzielle Erfolg, den Joe Meek und die Tornados hatten, war Telstar aus dem Jahr 1962, eines der erfolgreichsten Instrumentalstücke aller Zeiten. Telstar war eine Hymne auf den in diesem Jahr gestarteten ersten aktiven Kommunikationsatelliten Telstar 1, über den die erste Live-Fernsehsendung zwischen Europa und den USA erfolgte. Es lag vielleicht an der Euphorie über angebrochene Zeitalter der Satelliten-Kommunikation, dass es den Tornados mit diesem für damalige Pop-Verhältnisse sehr "experimentellen" Song als erster britischen Band gelang, einen Nummer-Eins-Hit in den USA zu landen.

"Early Bird" war der Spitzname des ersten kommerziellen Kommunikationsatelliten Intelsat I. Wie zuvor Telstar inspirierte er Meek zu einem Instrumentalstück, das allerdings den Erfolg von "Telstar" nicht wiederholen konnte. Zum "heimlichen Welthit" wurde der Titel erst in der Version von André Brasseur.
KSC-65PC-0020
Start des Satelliten Intelsat I auf einer Trägerrakete vom Typ Delta-D am 6. April 1965.

Was war der "Treibstoff", der "Early Bird" zum vielseitig verwendeten musikalischen Dauerbrenner machte?
Der erste Grund ist sicher die zugleich eingängige wie interessante Melodie Joe Meeks. Seine eigenwilligen Arrangements lagen aber oft etwas "quer im Gehörgang", strengten an. Brasseurs Party-Orgel-Stil ist hingegen typischer "Easy Listening", unaufdringlich und sanft - der ideale Klangteppich. Wie wenige andere Stücke eignet sich "Early Bird" dazu, als "Endlosschleife" gespielt zu werden - was ihn für das Unterlegen von gesprochenem Text besonders geeignet macht. "Early Bird" ist außerdem ein zugleich entspannendes und anregendes Stück Musik - etwa das akustische Gegenstück zu einer Tasse Kaffee oder Tee.
Nicht zuletzt ist es die "Neutralität" des Stückes, die seinen Erfolg ausmachte. Es stößt weder Jazzenthusiasten, noch Schlagerfreunde, noch Rockfans vor den Kopf. Dass es in "Early Bird" um einen Satelliten geht, wird, anders als bei "Telstar", einem betont "explosiven", treibenden Stück, nicht deutlich - er klingt zwar "flott" und im damaligen Verständnis modern, was aber ebensogut auf Autos, Flugzeuge oder Schnellzüge passt - aber auch zu Modeschauen.

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