Mittwoch, 9. November 2011

Ein wahrer Held - Georg Elser

„Wäre die Kundgebung wie alle Jahre vorher programmgemäß durchgeführt worden, dann lebten wir alle nicht mehr.“
Joseph Goebbels, am 9. November 1939 notierte Joseph Goebbels.

Georg Elser und das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler (Publikative.org)

Bittere Ironie der Geschichte: Hitler und seine "Paladine" hatten verdammt viel Glück. Zum Unglück von Millionen.
Ich vermute - das ist ausdrücklich eine dieser irrationalen Spekulationen des MartinM - dass das "Glück" Hitlers, viele Attentate überlebt zu haben,
  • strukturelle Ursachen hatte. Was sowohl die Struktur der Persönlichkeit Hitlers (der Mann war enorm sprunghaft, und hielt das für "genial" und "spontan"), der "polykratischen", buchstäblich unberechbaren Struktur der Nazi-Herrschaft ohne klare Zuständigkeiten, mit in sich widersprüchlicher Weltanschauung, und permanenten Machtkämpfen - vor allem aber der Denkstruktur der meisten Nazigegnern lag - der Glaube z. B. des kommunistischen Widerstandes an "Stärke durch Organisation" war seine fatalste Schwäche, so wie der Nationalismus des bürgerlichen Widerstandes, sein Glaube an ein anderes, besseres, "heiliges" Deutschland, seine unverzeihliche Schwäche war,
  • und Ursachen in so etwas wie Sychronizität hatte - die ja nicht automatisch "den Guten" zu gute kommt. Hitler hatte mit seinem Glauben an die ""Vorsehung" in gewisser Hinsicht leider recht, der Umstand, dass er von Millionen Deutschen geradezu angebetet wurde, kam ihm nicht nur auf der politischen und soziologischen Ebene zugute
Eine genügend große Anzahl entschlossener Einzeltäter hätte es irgendwann trotz alledem geschafft, Hitler und seine wichtigsten Gefolgsleute und potenziellen Nachfolger zu töten. Hitler soll 42 Attentate überlebt haben. 420 hätte er wohl nicht überlebt, 4200 auf keinen Fall.
Vor allem: es stimmt, ohne willige Deutsche keinen "Holocaust". Aber ohne Hitler auch nicht. Er hätte keinen "gleichwertigen" Nachfolger gehabt. Jedenfalls nicht 1939.
(Hierzu auch mein alter Beitrag von 2007: Georg Elser - ein einsamer Held.)

Elser erteilt eine deutliche Lektion für die, die meinen, man könne "als Einzelner" nichts machen. Es gibt IMMER Alternativen!
Allerdings erfordern diese Alternativen Mut, vor allem den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Die Verbündeten jedes Unterdrückers heißen "Feigheit", "Opportunismus" und "Angst".

Helden sind Menschen, die sich gegen mächtige soziale Kräfte wehren können. Ein Held handelt, wenn andere tatenlos zusehen oder sogar absichtlich wegsehen.
Elser ist das klassische Beispiel eines - leider tragischen - Helden.

Samstag, 5. November 2011

H. G. Francis (1936 - 2011) - der "Schriftsteller von nebenan" ist tot

Als ich gestern Abend erfuhr, dass am 3. November der Schriftsteller Hans Gerhard Franciskowsky, besser bekannt als H.G. Francis, gestorben ist, da konnte ich es kaum fassen, obwohl ich wusste, dass er seit Jahren an einer schweren Krankheit litt. Hans Gerhard Franciskowsky war einer der produktivsten deutschen Autoren, nicht nur in der phantastischen Genreliteratur (Science Fiction, Horror, Fantasy), sondern als als Jugend- und Sachbuchautor. Er gehörte u.a. von 1971-2004 zum Autorenstamm der Perry Rhodan Reihe. Sein bekanntestes Sachbuch ist wahrscheinlich ein legendäres "Do-it-yourself"-Buch über Wartung und Reparatur von Mofas. Aber auch Bücher über China, Afrika oder Pandabären stehen auf seiner Literaturliste.

Wer Hans war und was er gemacht hatte?
In dürren Worte erfährt man das in der "Wikipedia": H. G. Francis
Wie umfangreich und vielseitig sein Werk war, zeigt die die Bibliographie in der "Perrypedia": H. G. Francis"

Unerwartet fair und informativ - der Nachruf bei "Spiegel online:"
Autor H.G. Francis gestorben - Perry Rhodans Master of the Universe

Persönliches von Klaus. N. Frick, Perry-Rhodan-Chefredakteur: Ich fand ihn klasse

Ich hatte das Glück, Hans persönlich kenne zu dürfen. Man kann nicht sagen, dass wir enge Freunde gewesen wären, aber er war auch keiner jener Schriftsteller, mit denen ich mich zwar irgendwann mal unterhalten hätte, mit denen mich aber privat nichts verbindet. Er wohnte quasi in meiner Nachbarschaft, nicht direkt nebenan, aber sein Haus - besonderes Merkmal: eine Windfahne, die einen über eine Schreibmaschine gebeugten Mann zeigt - war bequem mit dem Fahrrad oder notfalls auch zu Fuß zu erreichen.

Bis Mitte der 1980er-Jahre war er für mich einer von vielen SF-Autoren. Allerdings ein für mich wichtiger: ich kannte H. G. Francis dem Namen nach von unzähligen Hörspielkassetten (vor allem "Commander Perkins", eine Eigenschöpfung Francis', und "Die drei ???" und "TKKG", deren Hörspielfassungen er schrieb) und natürlich von Perry Rhodan.

Etwas näher kam ich ihm, als ich durch den "Perry Rhodan Werkstattband" erfuhr, wo er wohnte. Unbekannterweise schrieb ich ihm eine Geburtstagskarte. Unerwarteterweise lautete die Antwort sinngemäß: "Wenn du so nahe bei wohnst: komm doch einfach mal auf einen Kaffee vorbei."
Zwischen dem Hamburger Perry-Rhodan-Stammtisch, an dem ich bis ca. 2003 regelmäßig teilnahm, und dem "Lokalmatadoren" Francis bestand ein ziemlich enger Kontakt.
Besonders gern erinnere ich mir an ein Spanferkelessen in seinem Partykeller (faszinierende Dekoration: unzählige goldene und einige platine Schallplatten), ursprünglich als Grillparty geplant, die dann wegen Dauerregens tiefer gelegt wurde.
Seitdem glaube ich nicht mehr so richtig, dass Klaus N. Frick wirklich, wie er immer behauptet, Vegetarier ist. Dazu hat er beim Spanferkel doch zu herzhaft zugelangt ...

Auch in lebhafter Erinnerung ist ein Live-Hörspiel, das Roland Triankoski und Torben Knesch für den 4. Zellaktivator-Con schrieben. H. G. Francis sollte, als ausgewiesener Experte, die Regie übernehmen. Er war mehr als skeptisch, denn ihm zufolge hätte ein Laien-Live-Hörspiel mit Publikumsbeteiligung noch niemals richtig funktioniert. Mein Beitrag war, dass ich über meinen Bruder zwei wirklich gute Sound-Designer (und deren Equipment) für das Projekt gewinnen konnte.
Und der, dass ich mit Francis den Kontakt hielt. Über unser Drehbuch war er einigermaßen entgeistert - und er brachte mir im Schnellverfahren bei, wie man ein Hörspiel-Drehbuch verfasst, was da hinein gehört, wie man es aufbaut usw. . Das frisch Gelernte gab ich dann bei einem Vorbereitungstreffen an Torben und Roland weiter (ich hatte außerdem schon eigenmächtig nach H. G. Francis Expertenrat das Drehbuch abgeändert).
Kurz und gut: das Life-Hörspiel klappte, und es klappte gut!
(Leider schlief Loki nicht, und das Gerät, mit dem das Hörspiel mitgeschnitten werden sollte, schnitt nichts mit ... )

Der "Schriftsteller von nebenan" bezieht sich nicht nur auf die räumliche Nähe. Hans Gerhard Franciskowski war ein im guten Sinne Konservativer (das heißt: neophob war er nicht, und auch nicht politisch rechts), einer, der an bewährten Werten und Tugenden festhielt. Ein sehr bodenständiger und freundlicher Mensch, der sich z. B. sehr für Natur- und Umweltschutz engagierte. Regelmäßig nahm er an Lesungen und Diskussionen in Schulen teil. Er schrieb auch Kinder- und Jugendbücher, darunter die bei Mädchen so beliebten Pferdebücher. Aber in diesen Büchern war bei Francis das Leben kein Ponyhof. Genial finde ich immer noch, wie er die Mädels so eines Pferdehofes gegen eine geplante Straße, die mitten durch das Gelände führen sollte, protestieren ließ. Dabei schilderte Francis, wie man eine Bürgerinitative organisiert, eine Demonstration anmeldet, Pressearbeit macht, Flugblätter gestaltet und manches staatsbürgerlich Wertvolles mehr.

Hans, wo du auch immer bist: Ich vergesse dich nicht!

Sonntag, 30. Oktober 2011

Große Herrscher - ein Unglück für die Beherrschten

Es war mein Freund Duke, der jenen Frankenkönig Karl, bekannt als "Karl der Große" kurzerhand "Karl den Groben" nannte.
Durchaus zu recht, wie ich finde: Die Sachsenkriege.

König Karl scheint kein Einzelfall zu sein. Sehr viele der Herrscher, die den Beinamen "der Große" tragen, sind nach heutigem Maßstab, wie auch Karl, Kriegsverbrecher. Angriffskriege führten sie fast alle, die bekannten "großen" Herrscher. Andere "große" Herrscher profilierten sich als brutale Diktatoren.

Gibt es überhaupt Herrscher, die das Prädikat "der Große" oder "die Große" tragen, die wirklich Schaden von dem von ihnen regierten / beherrschten Volk abgewendet und seinen Nutzen gemehrt hätten?
Auch bei längerem Nachdenken fallen mir allenfalls ambivalente "Große" wie Friedrich II. "der Große" von Preußen ein. Oder der ebenfalls, aber auf andere Weise, ambivalente Alexander "der Große". Kriegsverbrecher waren sie übrigens beide.

Viele moralisch denkende und fühlende Menschen meinten und meinen, ein Herrscher sollte statt des Prädikats "groß" lieber das "weise", "gerechte" oder "unbestechliche " anstreben.
Ich bin nicht dieser Ansicht. Ein "guter" Regierungschef ("gute" Regierungsschefin) sollte das beherzigen, was Friedrich II. von sich behauptete (zum Leidwesen vieler seiner Untertanen behauptete er es nur): "Ich bin der erste Diener meines Staates".

Herrschaft an und für sich ist etwas mir sehr Unsympathisches. Eine Regierung ist ein notwendiges Übel - was für jede Regierung, auch die demokratischte, gilt. Der Souverän in einem demokratischen Staat, das ist das Volk. Und Politiker haben diesem Volk zu dienen. Ist hingegen, frei nach Carl Schmitt, auch nur manchmal derjenige Souverän, der über den Ausnahmezustand entscheidet, dann ist ein Staat meiner Ansicht nach keine vollwertige Demokratie. Zwar kann man, etwa im Falle einer Naturkatastrophe, nicht erst eine Volksabstimmung abhalten, um zu entscheiden, ob ein Ausnahmezustand sinnvoll ist und ausgerufen werden soll. Aber man kann den Ausnahmezustand an klare, gesetzliche Bedingungen knüpfen. (Und so gewährleisten, dass niemand willkürlich über den Ausnahmezustand entscheiden kann, um damit Souverän im Sinne Schmitts zu sein.)
Wer dagegen verstößt - wie es die NATO, oder genauer, die Regierungen der NATO-Staaten taten, als sie nach den terroristischen Angriffe auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington den "Bündnisfall" (also de facto den Kriegszustand) erklärte, obwohl es ein krimineller, aber kein militärischer Angriff war - gehört vor Gericht. Die entsprechenden Gesetze müssen empfindlich strafbewehrt sein.

Noch was zum "Unbestechlichen". Bestechliche Politiker sind eine Landplage. Aber "Unbestechlichkeit" ist allenfalls eine Tugend, genauer gesagt, eine Sekundärtugend, die immer im Zusammenhang mit dem Ziel, von dem sie abhängt, gesehen werden muss, so wie "Fleiß", "Disziplin" oder "Pflichtgefühl".
Ein Politiker, der zurecht "der Unbestechliche" genannt wurde, war der französische Revolutionsführer Maximilien de Robespierre. Tatsächlich trotzte er allen Versuchen politischer Korrumpierung, die es in der französischen Revolutionszeit reichlich gab, und man kann nicht behaupten, dass Robespierre auf seinen persönliche Vorteil bedacht handelte. Er glaubte, wie Mirabeau erkannte, tatsächlich das, war er sagte. Nicht bestritten werden kann, dass Robespierres Absichten gut waren.
Trotzdem: sein blutig durchgesetzter Tugendterror ist die dunkle Seite der eines der am hellsten strahlenden Ereignisse der Menschheitsgeschichte, der Französischen Revolution.
Robespierre war äußerst tugendhaft. Er meinte es gut. Er meinte vor allem, dass der Zweck die Mittel heiligen würde.
Seine Mittel - die "Kopf-ab-Politik" gegen alle "Feinde des Volkes" - vernichteten den von ihm beabsichtigten Zweck, eine Gemeinschaft, in der alle Bürger in freiwilliger Übereinkunft einen Gemeinwillen formulieren, der sich stets am Gemeinwohl orientiert.
Es sind die Mittel, die den Zweck verraten - und manchmal vernichten.

Robespierre war ein großer Revolutionär. Wie alle mir bekannten "großen" Herrscher war er ein Unglück für die Beherrschten.

Samstag, 29. Oktober 2011

Burn Out Syndrom - eine Modediagnose?

Das "Burn-Out Syndrom" ist - scheinbar - in aller Munde. Glaubt man den Medien, betrifft "Burnout" Politiker, (Leistungs-)Sportler, Menschen in helfenden Berufen.

Die Behauptung, das "Burn-Out-Syndrom" sei eine "Modediagnose" stützt sich darauf, dass sich laut BKK-Report 2010 die Anzahl der durch Burnout verursachten Krankheitstage innerhalb von fünf Jahren verzehnfacht haben. So sehr auch die psychischen Krankheiten in den letzten 20 Jahren nachweislich zugenommen haben, mutet eine "Burn-Out-Epidemie" doch merkwürdig an.

Tatsächlich ist "Burn-Out" keine Krankheit, sondern ein Problem der Lebensbewältigung, das, was man gemeinhin "eine Lebenskrise" nennt. Es ist einfach körperliche, emotionale bzw. geistige Erschöpfung. Wenn jemand durch "Burn-Out" "ausfällt", wie es auf Sportreporterdeutsch so unschön heißt, dann hat der Erschöpfungszustand schon gesundheitliche Folgen gehabt - meistens Depression.
Es ist für viele Menschen einfacher, "Ausgebrannt" zu sein, denn wer ausgebrannt ist, muss einmal gebrannt haben. Da "Burn-Out" oft durch berufliche Überlastung verursacht wird, ist es sozusagen eine "ehrenwerte Diagnose". Man hat hart gearbeitet und ist sozusagen fix und alle.
Hingegen hat die Depression, auch wenn sich da einiges in den letzte Jahren geändert hat, wie alle psychischen Krankheiten die Konnotation "Verrückt sein", "geistesgestört sein" und - vielleicht am wichtigsten - "schwach sein." Wer die "Depris" hat, der ist schwach, ist ein Weichei, ein Versager. Jemand, der sich nicht zusammenreißen kann, jemand, der nicht "positiv denkt". Oft genug wird die "Schuld" an dieser Krankheit den Kranken und ihrem angeblichen "Fehlverhalten" zugeschrieben. (Was daran liegen mag, dass jeder mal ein "Tief" hat - und die Depression irrtümlich als besonders tiefes Stimmungstief verstanden wird. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Depression ist etwas anderes als eine besonders trübe Stimmung.)
Oder - so das durch den Boulevardjournalismus gezeichnete Bild (vor allem in der BILD) - ist ein Depressiver ein "Selbstmordkandidat". Jemand, der total am Ende ist.
Beide Klischees sind nicht eben einfach zu ertragen, wenn man an Depressionen leidet.

Es hat sich im Laufe der letzten Jahre auch etwas an der sozialen Umwelt massiv verschlimmert. Zeiten der wirtschaftlichen Depression sind auch Zeiten, in denen besonders viele Menschen depressiv werden. Auch wenn die Arbeitslosigkeit angeblich zurückgegangen ist: sehr viele Langzeit-Arbeitslose empfinden ihre Situation als unlösbar. Hinzu kommt, dass "Hartz-Vierer" oft stigmatisiert werden. Die offizielle Arbeitsmarktpolitik fördert die Angst vor Arbeitslosigkeit und erhöht - durchaus gewollt - den Druck auf die Arbeitenden. Menschen bleiben aus Angst eher an Stellen mit schlechten Arbeitsbedingungen. Das macht unzufrieden und macht anfällig für das „Ausbrennen“. Manchmal gibt es eine regelrechte "Flucht in die Krankheit", nicht zu verwechseln mit "Blaumachen auf gelben Schein" - denn der Krankenstand ist nach wie vor sehr viel geringer, als z. B. vor 30 Jahren.

In vielen Berufen hat sich auch die "Arbeitsdichte" stark erhöht. Es wird Leistung gefordert, und auch erbracht. Ein Problem ist aber, dass das Berufsleben meistens "problemorientiert" funktioniert. Leistung befriedigt, aber die meisten Menschen brauchen eine positive Rückmeldung. Meistens sind die Rückmeldung aber negativ - denn wenn alles in Ordnung ist, bracht "man" sich als Vorgesetzter oder Kollege auch nicht darum zu kümmern. Aufmerksamkeit gibt es erst, wenn Fehler gemacht wurden.
Wenn aber eine positive Rückmeldung ausbleibt, bleiben auf die Dauer die Selbstzweifel nicht aus.
Je nach Persönlichkeit und Temperament führen diese Selbstzweifel dazu, dass der Betroffene ständig gereizt ist ("mit den Nerven runter ist"), seinen "Frust" an anderen auslässt und unausstehlich wird oder sich distanziert zeigt, sich immer mehr in sich selbst zurückzieht. In allen Fällen leiden die Sozialkontakte. Die "sich Zurückzieher" sind dabei stark depressionsgefährdet - und sind zugleich diejenigen, die am längsten "funktionieren" und am wenigsten auffallen.

Noch ein Medien-Klischee: es sind nicht nur die Perfektionisten, die Über-Ehrgeizigen und die Menschen mit anspruchsvollen Berufen (z. B. Manager) oder "typischen Stress-Jobs" (z. B. Telefonist, Disponent) burn-out-gefährdet.
Besonders gefährdet sind auch pflegende Angehörige, Ehrenamtler z. B. in Vereinen und brerufstätige Mütter. Pflegende Angehörige können sich, anders als beruflich gestresste, nicht mit Kollegen austauschen, und sie erfahren so gut wie keine Anerkennung. Ehrenamtler neigen zur Selbstausbeutung bzw. dazu, sich ausnutzen zu lassen. Und berufstätige Mütter leiden an einem übergroßen "Mutterlichkeitsideal", dem Anspruch, eine "perfekte Mutti" zu sein, und zugleich im Beruf perfekt "funktionieren" zu müssen.

Sicher haben viele persönliche Einflussfaktoren wie z.B. Perfektionismus, unrealistisches Selbstbild, das soziales Umfeld und vor allem die Arbeitsbedingungen einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung eines Burn-Outs.
Es sind jedoch vor allem schwer zu bewältigende, aber auch sinnlose Aufgaben, die Menschen "ausbrennen" lassen, vor allem bei geringer Wertschätzung. Außerdem begünstigen Eingriffe in den Handlungsspielraum, die grassierende "Kontrollities" und technische Überwachungsmaßnahmen, das latente Misstrauen und die stets drohenden Verdächtigungen nicht nur im Betrieb, sondern auch in der Gesamtgesellschaft das Ausbrennen.

Man brennt nicht so einfach aus. Es ist eine langsame, schleichende Entwicklung, die durchaus rechtzeitig gestoppt werden kann - oder könnte.

"Burn Out" ist also keine Modediagnose und keine "neu erfundene Krankheit" (es ist, siehe oben, gar keine Krankheit, sondern eine Lebenssituation, die krank machen kann). So etwas gab es auch früher, nur nannte man das chronischer Erschöpfung oder Antriebslosigkeit.
Es gibt einen scheinbaren Anstieg, weil sich die Diagnostik verbessert hat und psychische Störungen mehr beachtet werden - also, weil Dunkelziffer der unbemerkten psychischen Störungen früher höher war, und sicher auch, weil "Burn Out" eine griffiger, nicht stigmatisierender und außerdem ziemlich umfassende Bezeichnung ist, die sich außerdem als Euphemismus für Depression etabliert hat.
Aber der alarmierende Anstieg ist in der Tat real, und er hat im wesentlichen gesellschaftliche Ursachen.

Interessanter Link: Psychenet - Hamburger Netz psychischer Gesundheit.

Samstag, 22. Oktober 2011

Novemberschreibwahnsinn - ich bin dabei

Vor zwei Jahren schrieb ich im Rahmen des NaNoWriMo einen "Piratenroman": Mut zum Klischee. Mit Erfolg, denn ich hatte es geschafft. Ohne Erfolg, denn ich brachte es nicht fertig, meinen Roman in eine veröffentlichungsreife Form zu bringen - geschweige denn, zu veröffentlichen.

Dieses Mal ist es fast genau so: ich schreibe einen "marinehistorischer Roman" (die Suche nach einem Pi... pardon, Korsaren des Königs - steht zwar im Mittelpunkt, aber die Protagonisten sind nicht auf Kaperfahrt). Er spielt sogar in der gleichen Epoche. Marinehistorischer Roman? Ja, denn ich beachte gewissenhaft den historischen Hintergrund. Nein, denn ich setzte mich, mit Gründen, über einiges, was damals wirklich geschah, hinweg. Ich schreibe über Dinge, die es damals hätte geben können. Zum Beispiel Erfindungen, die schon damals, 1676, erdacht waren - die aber erst Jahrzehnte oder Jahrhunderte später realisiert wurden. Oder niemals. Vieles ist "Science Fiction in der Vergangenheit", ein Zeitalter des "Sonnenkönigs" Louis XIV., das an einigen Stellen anders ist, als es tatsächlich war - aber nichts kommt vor, was es nicht hätte geben können.
Analog zum "Steampunk" könnte man vielleicht von "Sailpunk" reden ...

Mal sehen, ob ich den Kahn flott kriege. Mal sehen, ob ich ihn, durch alle Stürme und an allen Klippen vorbei in den sicheren Hafen bringe. Denn noch etwas ist anders: ich habe - mit etwas Glück - eine realistische Möglichkeit, den fertigen Roman auch zu veröffentlichen. Das wird auch der Grund sein, weshalb ich viel weniger über den neuen Text aus dem Nähkästchen plaudern werde.

Freitag, 21. Oktober 2011

Zu den Sternen?

Technisch ist der Start der ersten beiden Satelliten des "Gallieo"-Navigationssystems ein voller Erfolg. Respekt vor den Techniker, dem Herstellern, den Entwicklern, den Organisatoren!

Weniger Respekt jedoch vor den europäischen Raumfahrt- und Industriepolitikern. Warum "Gallieo" alles andere als ein Ruhmesblatt ist, legt Eugen Reichl im Astra's Spacelog dar:
Galileo: Und es bewegt sich doch….

Wie kommt es zu solchen Blamagen? Nicht aus technischen Gründen hat sich "Gallieo" so verzögert. Wahrscheinlich, weil "Raumfahrt" in Europa unter "Industrieförderung" läuft und es daher kein Wunder ist, dass eben diese Industrie solche Projekte als Selbstbedienungsladen benutzt. Und dass es zu jahrelangen Streitereien um die nationalen Anteile am "Kuchen" kam.
Bei vernünftigen politischen Vorgaben und ohne das meiner Ansicht nach ideologisch motivierte Experiment, ein Raumfahrtprojekt in "Public Privacy Partnership" stemmen zu wollen, wäre das sicher nicht passiert.

Die tiefere Ursache für das "Trauerspiel Gallieo" dürfte aber tief in der Mentalität der politischen Entscheider, gerade in Deutschland, liegen: Politsprech im Orbit - die "Raumfahrtstrategie" der deutschen Bundesregierung. Kurz zusammengefasst: Raumfahrtpolitik - oder allgemeiner gesprochen: Forschungspolitik und Innovationsförderung - wird von betriebswirtschaftlich denkenden Kämerseelen und deutlich neophoben Bürokraten bestimmt.

Aber "Per aspera ad astra" ("auf rauen Wegen zu den Sternen") sei nun einmal schwierig zu vermitteln. Glauben zumindest unsere "Entscheider". Was ein europäisches Satellitennavigationssystem soll, erfordert ebenfalls zumindest eine Idee europäischer Interessen, die über reine Standortpolitik zugunsten der bestehenden Industrie hinaus geht. Denn "Gallieo" ist ein Infrastrukturprojekt, so, wie es ein europäisches "intelligentes" Höchstspannungsnetz ist, oder ein wirklich europäisches Netz für Hochgeschwindigkeitszüge.
Da ist es im Wahlkampf doch einfacher, auf sowieso viele (deutsche, französische, italienische ... - oder vielleicht auch bayrische, provencialische, lombardische ... ) Arbeitsplätze im Werk XY hinzuweisen. Und die alte, aber im Zeitalter der Globalisierung und der transnationalen Konzerne reichlich anachronistische Nummer von den "nationalen Interessen" abzunudeln.

Es gibt einen alten Witz, dass der Ausspruch "ad Astra" sich in Wirklichkeit auf eine Hamburger Biermarke und nicht auf die Sterne am Himmel beziehen würde.
Astra for Windows
(Der in der Werbung abgebildete Mensch ist übrigens in erster Linie Musiker. Und so prollig läuft er normalerweise auch nicht ´rum.) (Noch was: er ist Apple-User.)
Aber es macht nichts aus, wenn ein Bier "altmodisch" und analog bleibt. Hingegen macht es schon etwas aus, wenn Technologiepolitik tief im 20. Jahrhundert stecken bleibt.

Samstag, 15. Oktober 2011

Was die "Piraten" von den "frühen Grünen" unterscheidet

Ich gebe es ja zu: ich bin einer jener heute "alten Säcke", die gern von ihrer politisch wilden Jugend erzählen. Wobei ich zugeben muss, dass ich alles andere als "wild" war. Und entgegen einiger Legenden waren auch die GRÜNEN damals, in den 1980ern, halb so wild. Unter den eher zahmen Grünlingen war ich wohl einer der zahmsten ...

Es gibt viele Parallelen zwischen den 80er-Grünen und den heutigen "Piraten". Spätestens nach dem für viele überraschenden Erfolg der Piratenpartei bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen merken das sogar die sonst in dieser Hinsicht eher verschnarchten etablierten Medien.

Bei allen Gemeinsamkeiten - Basisdemokratie, Herkunft aus einer Protestbewegung, angebliche "ein-Punkte-Partei", die schnell ein Vollparteiprogramm entwickelt, die zeitweilige Gefahr, von "Rechtsaußen" unterwandert zu werden, usw. - und selbstverständlich sind auch die "Piraten" gegen AKWs, für regenerative Energiequellen, für mehr Umweltschutz usw. - fällt mir ein gravierender Unterschied auf.

Nein, ich meine nicht den noch ziemlich geringen Frauenanteil bei den "Piraten". Das ändert sich ja bereits. Ich meine einen grundlegenden strukturellen Unterschied.

Die "Piraten" sind fast durchweg neophil.

Die GRÜNEN waren größtenteils neophob (und sind sich, so viel sich bei den GRÜNEN geändert hat, in dieser Hinsicht treu geblieben).

"Neophil" bedeutet: das "Neue liebend". Das heißt nicht, das Menschen mit neophilen Neigungen immer allem hinterherlaufen, was gerade "neu", "in" oder nur "modisch" sind. Man kann Neophile auch nicht einfach als "fortschrittsgläubig" bezeichnen, und auch "progressiv" trifft es nicht ganz.
Nein, Neophile mögen den Wandel. Sie sind experimentierfreudig, begrüßen im Großen und Ganzen technischen und sozialen Fortschritt - wenn es in ihren Augen wirklich Fortschritt ist. Und sie schwärmen meistens für moderne Technik. Nachtrag: Neophile sind neugierig. Tatsächlich ist Neugier das typische Merkmal der Neophilen.
Natürlich sehen auch die mögliche Gefahren, auch solche, die mit moderner Technik verbunden sind, aber sie sehen sie eher in einem Missbrauch technischer oder organisatorischer Möglichkeiten, als in der Technik selbst.
Es kann aber sein, dass extreme Neophilie in Unrast, und in Lust auf Veränderung der Veränderung willen umkippt. Die Dosis macht das Gift.

"Neophob" bedeutet: das "Neue fürchtend". Das ist nicht unbedingt das selbe wie konservativ. Um den Unterschied zu verdeutlichen: Konservativ wäre eine Aussage wie:
"Die Familie hat sich als Institution und Keimzelle der Gesellschaft bewährt, deshalb wäre es falsch, sie infrage zu stellen, und deshalb sollten Familien unterstützt werden".
Neophob wäre die Aussage:
"Es gibt keine brauchbare Alternative zur Familie, wie sie nun einmal ist. Alle Versuche, die hergebrachte Kernfamilie mit Vater, Mutter und Kindern durch andere Modelle, von der Patchwork-Familie über die Homo-Ehe mit Adaptionsrecht bis zu 'Kommunen' zu ersetzen, sind gefährlich und daher entschieden abzulehnen. "
Neophobie kann anderseits eine Überlebenstatik sein - es gibt Situtationen, in denen Neugier tödlich sein kann und Angst vor Veränderung Schutz. Auch hier gilt: es ist eine Frage der Dosis. die war und ist bei den GRÜNEN und ihrem Umfeld allerdings schon verdammt hoch.
Ich wähle bewusst das Thema "Familie und Lebenspartnerschaft" als Beispiel, weil die GRÜNEN auf diesem Gebiet gerade nicht neophob sind oder waren.
Extrem neophob waren viele, sehr viele "Altgrüne" auf dem Gebiet der Technik. Geradezu legendär und aus heutiger Sicht lächerlich sind die Ängste, die sich für viele Grüne mit Computern verbanden - nicht nur wegen des möglichem Missbrauchs, nicht nur wegen der Auswirkungen der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV), wie man es damals allgemein nannte, auf den Arbeitsmarkt, sondern an und für sich. Zwar waren auch damals unter den Grünen jene "Extrem-Ökos", die auf mein Eingeständnis, ich hätte mir einen PC gekauft, etwa so reagierten, als hätte ich einen kleinen Kernreaktor im Keller, eher die Ausnahme, aber die Beschlüsse der GAL (Grün-Alternative-Liste in Hamburg), für die Bürgerschaftsfraktion keine Computer nutzen zu wollen, kamen nicht von ungefähr.
Ein Überrest diese Haltung zeigte der Berliner GRÜNEN-Bundestagsabgeordnete Ströbele vor einigen Jahren, als er von Schüler-Reportern gefragt wurde, ob er einen Computer hätte, und er antworte: "Leider ja".
Selbst beim keineswegs technikfeindlichen und im Prinzip sogar computerfreundlichen "ökolinken" Flügel gab es Aussage wie, dass drei Technologien an sich menschenfeindlich und daher kompromisslos abzulehnen seien: Atomtechnologie, Gentechnologie und Raumfahrt.
Besonders bizarr wurde es manchmal, wenn die Rede auf regenerative, oder, wie es damals genannt wurde, alternative Energiequellen kam. Ich erinnere mich lebhaft an eine Diskussion über Photovoltaik, in der mein Gesprächspartner mir "bewies", dass immer mehr Energie für die Produktion der Solarzellen aufgewendet werden müsse, als diese Zellen jemals in ihrer Lebenszeit erzeugen könnten - und zwar "grundsätzlich". Grundlegende Verbesserungen in Wirkungsgrad und Lebensdauer schloss er aus.
Solche "Argumente" gegen Photovoltaik kannte ich sonst nur von glühenden Atomstromfans.
Noch bizarrer, wenn auch nicht in der GRÜNEN-Partei selbst angesiedelt, war eine kleine Broschüre über den Selbstbau von kleinen Windkraftwerken. Seltsam war nur, dass die AutorInnen der Broschüre behaupteten, auf Dinge wie Wirkungsgrad käme es nicht an, das sei das beschränkte Denken von Fachidioten, die nicht in alten Ölfässern (einem der Materialien, aus dem die Eigenbau-Windrotoren bestanden) denken würden. Anders gesagt: es herrschte eine starke Vorliebe für "mittlere Technologie", als Gegensatz zur "undurchschaubaren" Hochtechnologie und "das menschliche Maß übersteigenden" Großtechnik. Manchmal kam es mir so vor, als ob für manche "High-Tech" schon bei einer Fahrrad-Gangschaltung anfing.
Typisch war damals eine Wahlkampf-Aussage wie: "Wir müssen zurück zu einer ökologisch orientierten Wirtschaftsordnung", worauf sich sofort die Frage gestellt hätte, wann und wo es schon mal eine "ökologisch orientierte Wirtschaftsordnung" gegeben hätte, etwa in der Altsteinzeit? Eine ökologische Wirtschaftsordnung auf mehr als Wildbeuterniveau ist etwas noch nie Dagewesenes in der Menschheitsgeschichte. Aber vor so viel Neuem scheinen viele Menschen, vor allem in Deutschland, Angst zu haben.
Aber auch ich stellte die Frage nicht, denn ich wollte zwar nicht zurück zu vormodernen Produktionsweisen, stellte aber die implizite Behauptung, früher, in vorindustriellen Zeiten hätte es nicht nur keine nennenswerte Umweltverschmutzung gegeben, sondern wäre auch das ökologische Bewusstsein ausgeprägter gewesen, nicht in Frage.

Genug der Anekdoten aus der Zeit, als die GRÜNEN noch "grün" waren, und ich zur Minderheit der technikaffinien "Grünlinge" gehörte. Die Neophobie beschränkte sich nämlich nicht nur auf Technik, nur fiel sie da besonders auf. Ich behaupte, auch wenn ich bei den GRÜNEN nur dabei, aber nicht mittendrin war, dass die GRÜNEN damals mehrheitlich in Veränderungen, dem Unbekannten, Gefahren sahen. Politisch äußerte sich das z. B. in der damals weit verbreiteten Ansicht, im Interesse des Friedens müsse der "Ostblock" - die von der UdSSR beherrschten "real-sozialistischen" Teile der Welt - unbedingt erhalten werden, jeder Wandel würde zu Instabilität führen und damit den Krieg unausweichlich machen. Nicht, dass die GRÜNEN damals z. B. die DDR, so wie sie war, für ideal gehalten hätte - sie sollte natürlich unweltfreundlicher und vielleicht sogar demokratischer werden - aber das politische und wirtschaftliche System an sich sollte, des lieben Friedens wegen, nicht angetastet werden.
Diese Haltung war übrigens ein wesentlicher Grund dafür, wieso die GRÜNEN nach der deutschen Vereinigung im "Osten" so schwer Fuß fassen konnten, selbst nach der Fusion mit der Ex-DDR Bürgerrechtsbewegung "Bündnis 90". Die GRÜNEN galten als "Wessipartei", die sie voll und ganz auf "Westinteressen" eingestellt hätte und denen die Probleme "der im Osten" völlig egal wären.

Ich will nicht behaupten, dass die GRÜNEN nicht viel zum Besseren bewegt hätten. Sie war eine Partei, deren Zeit gekommen war, die es einfach geben musste. Sie war mir auch lange Zeit - sogar bis zur zweiten Legislaturperiode der rot-grünen Koalition, also über Joschka Fischers Zustimmung zur deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg und am Afghanistan-Krieg hinweg - die mit Abstand sympathischste Partei, auch wenn ich kein Mitglied mehr war.

Aber ihre tief sitzenden Neophobie in wichtigen Feldern der Politik machte sie auf die Dauer zur in mancher Hinsicht konservativsten Partei in der deutschen Parteilandschaft. Nicht nur im Sinne von "wertekonservativ" wohlgemerkt, sondern im Sinne von "bürgerlich-konservativ". Oder, wie es Jutta Ditfurth schon vor über 20 Jahren auf ihrer drastische Art ausdrückte: Ökospiesser.

Ich hoffe, dass bei den "Piraten" ihre Neophilie nicht eines Tages ebenso verhängnisvoll werden wird, wie die Neophobie der GRÜNEN.

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