Sonntag, 9. Oktober 2011

Weshalb mich die vom CCC aufgedeckte Schnüffelsoftware eher beruhigt

Nein, es beruhigt mich gar nicht, dass sich unsere (deutschen) "Sicherheitsbehörden" einen feuchten Dreck um so lästige Dinge wie "Bürgerrechte", "Grundgesetz" oder "ordnungsgemäße Ermittlungen" kümmert. Dass Entscheidungen des Bundesverfassungsgericht einfach ignoriert werden, ist man ja als Staatsbürger ja schon gewohnt.
(heise: CCC knackt Staatstrojaner).
Allerdings: Ich hatte ernsthaft nichts anderes erwartet.
Ich erwarte auch nicht, dass das anderswo besser wäre.

Ich habe mir mal (schließlich ist heute Sonntag) die Zeit genommen, den Original-Bericht des CCC zu lesen: Staatstrojaner-Report 23 - Analyse einer Regierungs-Malware. Die Regierungs-Malware ist offensichtlich ein ziemlich schmutziges Stück Software. In jeder Beziehung. Nicht allein, weil sich beliebige Module auf den einmal infiltrierten Computer nachladen lassen - nicht nur Überwachungs-Module, bis hin zum Zugriff auf Webkamera und Mikrofone, was praktisch ein "Großer Lauschangriff" wäre (jedenfalls solange der Rechner an und online ist), sondern sich auch für schmutzige Tricks, wie z. B. das Aufspielen "belastender" Dateien (die dann "zufällig" gefunden werden können) nutzen lassen. Sondern auch deshalb, weil das Ding auch grobe Design- und Implementierungsfehler hat, was Sicherheitsslücken vom Ausmaß eines offenen Scheunentor verursachte, die auch Dritte (z. B. Kriminelle) ausnutzen können.

Dennoch ist es kein purer Sarkasmus, wenn ich schreibe, dass mich das eher beruhigt.
Erst einmal: mit dem Stück Dreckssoftware lässt sich zwar ein Rechner online durchsuchen, aber für die legendäre "Online-Durchsuchung" taugt es nicht. Mit dem Ding lassen sich keine Daten gewinnen, die von einem unabhängigen Gericht auch nur eine entfernte Chance hätten, als Beweismittel zugelassen zu werden.
Woraus folgt: das ist wohl auch nicht der Sinn dieser Spyware. Sie dient wohl eher der Geheimdienstarbeit. (Die nicht Sache der Polizei ist - aber: siehe oben!)
Jedenfalls ist sie für den Zweck der "Quellen TKÜ" (Abhören von Internet-Telefonaten, namentlich Skype, vor der Verschlüsselung, also direkt im Rechner) etwa so geeignet, wie ein Vorschlaghammer zum Erschlagen einer Fliege: das geht zwar, aber eigentlich ist ein Vorschlaghammer für etwas anderes gedacht, und er hinterlässt dabei erhebliche Schäden. Der CCC betont, dass die sogenannte "Quellen-TKÜ" ausschließlich für das Abhören von Internettelefonie verwendet werden darf. Aber was man darf kümmerte die Ermittler offensichtlich nicht die Bohne. Was ja leider nichts Neues ist.

Dann, weil die Malware ausgesprochen dilletantisch zusammengehauen wurde. Ich könnte natürlich, misstrauisch wie ich bin, annehmen, dass dieses "Dumm-Schnüffelprogramm" von dem wirklichen "Schlau-Schnüffelprogramm"ablenken soll. Aber ein wirklich raffiniertes Spionageprogramm dürfte sich schwerlich für den "Masseneinsatz" eignen.
Vielleicht ist die gefundene Malware auch ein Stück Scareware.

Der Eindruck, "sie" wären ohnehin schon "drin", der ja durch die (Sensations-)Berichterstattung der meisten Massenmedien noch bestärkt wird, ist jedenfalls genau das, was einer autoritären und auf Sicherheit fixierten "Obrigkeit" in den Kram passt. Der dumme Bürger wird eingeschüchtert, und schreckt aus Angst vor den allgegenwärtigen Überwachern davor zurück, das effizientestes Medium der Gegenöffentlichkeit, das Internet, zum Meinungs- und Informationsaustausch zu nutzen.
Ob das Absicht ist, wage ich nicht zu beurteilen. Dass es die Selbstzensur aus Angst vor Überwachung wirklich gibt, ist aber unbestritten.

Was der CCC über das Mistding herausbekommen hat, ist jedenfalls bemerkenswert:
Wir haben keine Erkenntnisse über das Verfahren, wie die Schadsoftware auf dem Zielrechner installiert wurde. Eine naheliegende Vermutung ist, daß die Angreifer dafür physischen Zugriff auf den Rechner hatten. Andere mögliche Verfahren wären ähnliche Angriffe, wie sie von anderer Malware benutzt werden, also E-Mail-Attachments oder Drive-By-Downloads von Webseiten. Es gibt auch kommerzielle Anbieter von sogenannten Infection Proxies, die genau diese Installation für Behörden vornehmen.

Sicher können wir sagen, daß bei der Infektion zwei Komponenten installiert wurden: eine Windows-DLL im Userland
c:\windows\system32\mfc42ul.dll
sowie ein Windows-Kernel-Modul namens winsys32.sys.
Das Laden und Ausführen des DLL-Codes wird über den Registry-Key SOFTWARE\Microsoft\Windows NT\CurrentVersion\Windows\AppInit_DLLs realisiert, das Kernel-Modul wird über einen Windows-Kernel-Modul-Service vom Betriebssystem geladen.
Das Kernel-Modul liegt in Form einer unsignierten 32-bit-Datei vor. Es kann daher in dieser Form nur auf einem 32-bit-Windows funktionieren. Uns liegen keine Erkenntnisse vor, ob es auch eine 64-bit-Version gibt. Dies wäre daher interessant, da 64-bit-Versionen zwangsläufig signiert sein müssen. Über die Signatur könnte man eventuell Rückschlüsse auf den Urheber der Software ziehen.
Mit anderen Worten: die Schnüffelsoftware hat sämtliche Merkmale von zu kriminellen Zwecken eingesetzter Spyware. Mit einer Ausnahme: Computerkriminelle haben im Allgemeinen keine Möglichkeit, sich "physischen Zugang" zu verschaffen - staatliche Organe können das - z. B. bei Grenzkontrollen, z. B. unter dem Vorwand einer Sprengstoffkontrolle eines Laptops. Was tatsächlich schon gemacht wurde. Denkbar ist ein Zugriff auch im Zuge einer Hausdurchsuchung. Bei einem eher geheimdienstlichen Einsatz ist auch ein Einbruch denkbar.
Was machen die Ermittler aber, wenn der "Zielrechner" z. B. unter Linux läuft? (Was wiederum darauf hinweist, dass es gar nicht darum geht, mit dem dreckigen Stück Malware der organisierten Kriminalität oder dem Terrorismus beizukommen.)

Dem sarkastische Fazit des CCC kann ich mich nur anschließen:
Wir sind hocherfreut, daß sich für die moralisch fragwürdige Tätigkeit der Programmierung der Computerwanze keine fähiger Experte gewinnen ließ und die Aufgabe am Ende bei studentischen Hilfskräften mit noch nicht entwickeltem festen Moralfundament hängenblieb.

Samstag, 8. Oktober 2011

Was ein "blinder Alarm" verrät

Sicherlich haben viele schon aus den Medien von der Sperrung des Flensburger Hauptbahnhofs wegen eines liegengelassen Paketes mit einem Gartengerät erfahren. Die ganze Absurdität der Situation wird aber erst deutlich, wenn man die im lakonischen Polizeideutsch abgefasste Pressemeldung der Polizei Flensburg liest:
POL-FL: Flensburg - Gartenfreund verursacht Vollsperrung am Hauptbahnhof

Flensburg (ots) - Sonnabendmittag, gegen 12:50 Uhr, eilten Beamte des 1. Polizeireviers zum Hauptbahnhof, da hier ein mit Folie und Strick umwickeltes 80x80x30 cm großes Paket ohne Beschriftung auf dem Vorplatz lag.

Sofort erfolgte gemeinsam mit 16 Beamten der Bundespolizei die Räumung und großräumige Absperrung des Nahbereiches bis Höhe Hauptpost.

Der Zugverkehr wurde vorläufig gestoppt, Schienenersatzverkehr ab Tarp eingerichtet.

Die Maßnahmen wurden alle in enger Zusammenarbeit mit der Bundespolizei und anderen Institutionen getroffen. So hielten sich Kräfte der Berufsfeuerwehr einsatzklar. Rettungswagen und Notarzt standen vor Ort bereit.

Der Kampfmittelräumdienst untersuchte das Paket, nachdem sich alle weiteren Einsatzkräfte aus der unmittelbaren Nähe entfernt hatten. Zunächst wurde ein mobiles Röntgengerät eingesetzt. Nach Auswertung des Bildmaterials wendeten die Spezialisten die Bewegungsprobe auf Distanz an.

Sie gaben Entwarnung, im Paket befand sich letztlich ein Vertikutierer.

Ob das Paket wissentlich herrenlos platziert oder einfach vergessen wurde, ist nicht bekannt.

Die Absperrmaßnahmen wurden gegen 16:00 Uhr aufgehoben.

Zeugen, Hinweisgeber oder Eigentümer melden sich bitte bei der Polizei unter 0461/484-0.
Die Überschrift lässt kaum einen Zweifel, dass auch die Polizei Flensburg von einem "Versehen" ausgeht. An der Stelle desjeniger, der seinen Vertikulierer vergessen hat, würde ich mich übrigens auf keinen Fall als Eigentümer melden - denn die möglichen Forderungen, die auf ihn oder sie zukommen, übersteigen den Wert des Gartengerätes um das Mehrtausendfache. Selbst wenn keine Absicht oder auch nur grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann, und daher eine Inrechnungstellung für den Fehlalarm nicht zu erwarten ist, sind damit Schadenersatzforderungen, etwa der Deutschen Bahn, nicht aus der Welt. (Jedenfalls erwarte ich, dass die Bahn es "erst mal versuchen" wird, auch bei für sie ungünstiger Rechtslage. Denn überraschend viele Menschen sind schon aus schlechtem Gewissen und Angst vor einem Rechtsstreit bereit, auch unberechtigten Forderung nachzugeben. Eine menschliche Schwäche, die erfahrungsgemäß gnadenlos ausgenutzt wird!)
Ich wünsche dem Paketvergesser viel Glück, gute Nerven, und gegebenenfalls eine kulante Haftpflichtversicherung und einen guten Anwalt.

Aber das ist nur ein Nebenaspekt. Vor dem "Krieg gegen den Terror" hätte so ein Paket keinen Großalarm ausgelöst. Es hätte wahrscheinlich erst mal eine Streifenwagenbesatzung das verdächtige Paket angesehen - und erst beim konkreten Verdacht Absperrungen angeordnet und den Kampfmittelräumdienst alarmiert. Wenn das Paket überhaupt der Polizei gemeldet worden wäre. (Ehrlich gesagt: wenn ich auf dem Bahnhofsplatz, also auf offener Straße ein herrenloses Paket sehe, dann sehe ich es mir erst mal aus der Nähe an, und wenn es so schlecht verpackt ist, schaue ich vielleicht sogar neugierig hinein. Falsches Heldentum? Nein, weil ich unter normalen Umständen bei so etwas so wenig an eine Bombe denke, wie beim Überqueren der Straße vor meiner Tür an einen mit über 200 km/h heranrasenden Sportwagen. Es gibt solche Idioten, aber sie sind zum Glück sehr selten.)
Inzwischen herrscht aber ein Klima, in dem grundsätzlich von dem schlimmsten vorstellbaren Szenario ausgegangen wird. Nicht nur, dass sofort der Verdacht, es könnte eine Bombe sein, aufkommt. Nein, es wird auch angenommen, dass die Bombe einen berührungsempfindlichen Zünder hat. Übrigens wären selbst wenn das Paket randvoll mit fachmännisch verdämmten militärischem Sprengstoff gefüllt gewesen wäre, die umfangreichen Absperr-Maßnahmen und Evakuierungen nur bei einer äußerst pessimistischen Einschätzung der Sprengwirkung wirklich sachlich gerechtfertigt gewesen.
Wahrscheinlich war die Angst, es könnte jemand den Vorwurf erheben, die Polizei hätte nicht das Menschenmögliche getan, ausschlaggebend. Was ich, aus der Sicht der Polizisten, sogar nachvollziehen kann. Dieses paranoide Denken ist ja sozusagen politische Vorgabe.

Das heißt anderseits: Auch wenn in diesem Fall gar keine Terroristen am Werk waren, haben die Terroristen auch in Flensburg wieder einmal gewonnen. Ihr Ziel: Angst verbreiten - und, dialektisch gedacht, den Staat zu für die Bevölkerung unerträglichen Maßnahmen veranlassen.

(Ich warte nur auf den "Sicherheitsexperten", der fordert, dass auch die "fahrlässige Vortäuschung einer Straftat", sprich, Vergessen eines Gepäckstückes, künftig unter Strafe gestellt werden soll. Unseren panikerfüllten Panikmachern traue ich in dieser Beziehung alles zu.)

Mittwoch, 28. September 2011

Die Wurzeln des "Krieges gegen Drogen"

"Genau so wie die Drogengesetze", fügte er hinzu. "Über Nacht wurden hundertausende harmlose Junkies zu Kriminellen; und wie? Durch Kongreßbeschluß, damals, 1927. Zehn Jahre später, 1937, wurden alle Grasraucher über Nacht zu zu Kriminellen ... durch Kongreßbeschluß. Und als die Gesetzesvorlagen mal unterzeichnet waren, wurden sie wirklich zu Kriminellen. Die Gewehre bewiesen es. Geh mal vor den Gewehren entlang, mit 'nem Joint in der Hand, und weigere dich stehenzubleiben, wenn sie dich rufen. Ihre Imagination wird innerhalb einer Sekunde zu deiner Realität."
Robert Shea / Robert A. Wilson: Illuminatus!

Dass der "War on Drugs", den praktische alle Staaten der Erde seit Jahrzehnten mit enormen Aufwand führen, nicht zu gewinnen ist, ist keine neue Erkenntnis. Es ist auch nicht so, dass er eine US-amerikanische Angelegenheit wäre, auch wenn die martialische Formulierungen eines "Krieges" tatsächlich von einem US-Präsidenten stammt, und die Anti-Drogen-Politik seitens der USA mit besonderem Aufwand verfolgt wird. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die Erkenntnis, der Anti-Drogen-Krieg sei nicht zu gewinnen, gerade in den USA besonders deutlich ausgesprochen wird: Jimmy Carter sieht "War on Drugs" gescheitert. In Europa, vor allem in Deutschland, sind die Töne leiser, die Strafverfolgung "dezenter", die Strafen in der Regel weniger hart. Aber das Ziel, eine Drogenprohibition durchzusetzen, ist das selbe. Die Besonderheit der USA liegt darin, dass sie die größte Volkswirtschaft der Erde sind - das heißt, die Drogenpolitik der USA wirkt sich automatisch auch auf "den Rest der Welt" aus, während z. B. die harte Prohibition vieler islamischer Staaten kaum "Fernwirkung" hat. Eine weitere Besonderheit der USA nach dem 2. Weltkrieg war ihre interventionistische Außenpolitik - Staaten, die eine andere Drogenpolitik als die USA verfolgen, müssen mit wirtschaftlichen Nachteilen, unter Umständen auch mit militärischem Druck rechnen. (Das soll keine deutsch-arroganter Seitenhieb gegen "die bösen Amis" sein - die europäischen Staaten, einschließlich Deutschlands, sind ebenfalls Interventionisten mit dem Hang, sich in die Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen. Allerdings mit weniger Machtmitteln.)

Nun ist Alkohol ebenfalls eine Droge, und zwar eine ziemlich gefährliche. Man kann auch nicht behaupten, dass eine Politik der Alkoholprohibition keine Probleme lösen würde. Beispielweise ging die Zahl der Leberzirrhosen während der Alkoholprohibition in den USA 1919-1933 deutlich zurück.
Man kann auch nicht behaupten, dass eine kleine, puritanische Minderheit einer trinkfreudigen Mehrheit ihre Maßstäbe aufgedrückt hätten. Die Prohibition war durchaus populär: schon vor 1916 führten 23 US-Staaten die Prohibition ein, 17 davon durch Volksabstimmung.
Dabei half ein bekannter gruppendynamischer Effekt den "Trockenen" (Befürworter eines Alkoholverbotes): die wenigsten Menschen gehören gern zu einer verachteten Minderheit. Ihre Bereitschaft, sich öffentlich zu ihrer Meinung zu bekennen, hängt in bestimmten Fällen von dem ab, was sie als (vermeintliche) "Mehrheitsmeinung" wahrnehmen. Im Falle der Prohibitionsgesetze hatten die "Trockenen", salopp gesagt, die bessere Presse. Hinzu kommt, dass in der US-Gesellschaft puritanische Moralvorstellungen (auch wenn sie nicht geteilt werden) hohes Prestige genießen.
Prohibition versprach und verspricht einfache Lösungen für komplizierte gesellschaftliche Probleme - und kann diese Versprechen, anders als andere "Patentlösungen", zumindest teilweise und vordergründig einlösen. Daher ist Prohibition eine beliebte Forderung populistischer Politiker. Besonders, wenn es nicht um eine "etablierte" Droge wie Alkohol, sondern im "Minderheitendrogen" geht.

Eine bekannte "Nebenwirkung" der Prohibition ist der Anstieg der Kriminalität. In den meisten Fällen bleibt es dabei bei Kleinkriminalität - Schwarzbrennen und -brauen, Schmuggel in überschaubarem Umfang. Aufgrund dieser Erfahrungen schienen die "kriminogenen" Auswirkungen der Prohibition in den USA hinnehmbar zu sein.
Es kam anders. Unter den Bedingungen der USA in den 1920er Jahren war die Prohibition praktisch ein Gesetz zur Förderung der organisierten Kriminalität. Die Mafia und andere Gangstersyndikate erwirtschafteten in dieser Zeit (geduldet durch die zum Teil bestochenen, zum Teil andere Interessen verfolgenden, oft nur einfach gleichgültigen) Behörden riesige Gewinne. Gangsterbosse wie Johnny Torrio oder Al Capone bauten sich eine Untergrund-Alkohol-Industrie samt Vertriebsnetz auf - ein profitables Geschäft, da das Verbot es ermöglichte, vielfach höhere Preise für Alkohol zu verlangen, als in "nassen" Zeiten.
Um die Kontrolle dieser lukrativen Schwarzmärkte lieferten sich rivalisierende Banden in Chicago oder New York fast täglich Schießereien. Die Kriminalität stieg schon im Jahr 1921 um 24% gegenüber dem Vorjahr.
Auch wenn die USA die Prohibition 1933 wieder abschafften, wirken die Spätfolgen bis heute nach. Die Strukturen des organisierten Verbrechens suchten nach dem Ende der Prohibition nach neuen Geschäftsfeldern - die "Syndikate" stiegen auf nach wie vor illegale Drogen um.
Ein zweiter struktureller Effekt: der riesige Staatsapparat, der zur Bekämpfung von Alkoholschmuggel errichtet worden war, suchte sich ein neues Beschäftigungsfeld. Er wurde auf die Bekämpfung der bis dahin noch legalen Cannabis-Produkte umgestellt. Die Prohibition einer "Mehrheitsdroge" wurde durch die Prohibition einer "Minderheitendroge" abgelöst. (Hierzu schrieb ich 2007 etwas: 70 Jahre Marihuana-Verbot in den USA - ein fragwürdiges Jubiläum.) Einer der Wurzeln des "Krieges gegen Drogen" ist in der Tat die Alkohol-Prohibition in den USA.

Einer der Gründe, wieso die USA die Bekämpfung der Drogenkriminalität zum "Krieg" ausweiteten, dürfte, wie einst die Alkohol-Prohibition, letzten Endes religiösen Ursachen haben. Im Falle der islamischen Länder mit Drogenprohibition ist die religiöse Begründung eindeutig. In Falle der USA vermutet z. B. Peter Michael Lingens, der ehemalige Herausgeber des österreichischen Nachrichtenmagazins "Profil", dass christlich-konservative Kreise in den USA via UN der der "Drogenkrieg" der ganzen Welt aufgezwungen hätten. Drogenmissbrauch: Sind die USA für die Rauschgiftkriminalität verantwortlich?
In den USA ist es nicht möglich, gegen die christlich-konservativen Kreise Politik zu machen. Für das Konzept eines "Krieges" gegen die Drogen ist sicherlich auch das Selbstbild der religiösen Rechten als gottgefällige, rechtschaffene und patriotische Bürger, die sich als "Mitte" der Gesellschaft fühlen, ausschlaggebend. Aus diesem Weltbild heraus sind Drogen "unamerikanisch", etwas, was von Neueinwanderer "eingeschleppt" wird. Ansatzweise ist das auch bei uns zu beobachten, zum Beispiel werden Schwarze auch in Deutschland häufiger durch die Polizei auf Drogen kontrolliert, als Weiße.

Ist der "Krieg gegen die Drogen" wirklich "alternativlos", wie oft behauptet wird?

Länder mit einer weniger strikten Gesetzeslage - wie Portugal, die Niederlande und Australien — haben nicht den explosionsartigen Anstieg des Drogenkonsums beobachten müssen, der von den Befürwortern des Drogenkriegs prophezeit wurde. Stattdessen wurde dort sowohl ein wesentlicher Rückgang von drogenbedingten Verbrechen festgestellt, als auch niedrigere Abhängigkeitsraten und weniger Todesfälle.

Fraglich bleibt, ob ein solcher Strategiewechsel politisch überall durchsetzbar wäre. Nicht nur in den USA, sondern auch (und vielleicht gerade) in Deutschland werden moralische und juristische Argumente gern absichtlich verwechselt - gelten Drogenkonsumenten als "moralisch verkommen", kann ein Politiker, der hartes Durchgreifen fordert, damit im Wahlkampf punkten.
Der Puritanismus mit seinen religiös begründeten harten moralischen Forderungen ist hierzulande längst nicht so stark wie in den USA. Dafür ist in Europa, vor allem auch in Deutschland, die Vorstellung gängig, man könnte gegen gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten mit gesetzgeberischen und polizeilichen Mitteln "vorbeugen". "Suchtprävention" mit Zwangsmaßnahmen, auch gegen die Junkies.

Ein weiteres Problem sind die im "Krieg gegen Drogen" geschaffenen Strukturen. Das sind einerseits Behörden bzw. deren Leiter, die um ihre Existenzberechtigung oder doch wenigstens um ihre "Wichtigkeit" (die sich in der Höhe des Budgets misst) bangen.
Auf der anderen Seite steht die internationale Drogenmafia, die sich den Ausfall ihrer "Geschäftsbasis" nicht kampflos gefallen lassen würde. Bei aller Skepsis gegen Verschwörungstheorien: es liegt im Geschäftsinteresse der organisierten Kriminalität, dass Drogen auch weiterhin illegal bleiben. Daher halte ich es für durchaus möglich, dass so manche "Kampf-den-Drogen-Initiative" insgeheim von den "Drogenbaronen" "gesponsort" wird.

Montag, 19. September 2011

Zum Thema "Piraten"

Grade noch geschafft: heute ist "Talk like a pirat day". Also los:
»Für die Piratenpartei Deutschland ist es natürlich ein ganz besonderer Erfolg, in das erste Landesparlament einzuziehen. Es verleiht Glaubwürdigkeit und bietet die Chance zu beweisen, dass Piraten nicht nur Idealisten sind, sondern auch in der Lage tatsächlich etwas zu bewirken und die Politik in Deutschland nachhaltig zu verändern. Wir haben nun den Beweis angetreten, dass wir wählbar sind, dass eine Stimme für die Piraten nicht "verschenkt ist". Wir scheitern nicht mehr an der Fünf-Prozent-Hürde und haben damit erwiesenermaßen klargemacht zum Entern!«
(von Sebastian Nerz und hier.)

Gibt es, außer müden Kalauern (wie meinem) Gemeinsamkeiten zwischen Piraten und "Piraten"? Eher nicht! "Pirat" wurde, als Begriff mit negativer Konnotation ("Seeräuber", "Gesetzloser") benutzt, um Wirtschaftsdelikten, die bei Licht besehen, von wenigen gewerbsmäßig betriebenen Ausnahmen abgesehen, allenfalls Bagatellstraften sind, das Odium des Schwerkriminellen anzudichten: "Softwarepiraten". (Analog zur unfreiwillig komischen, aber trotzdem manchmal nervigen Kampagne "Raubkopierer sind Verbrecher".)
Wer entschieden Reformen des Urheberrechts angesichts der durch Digitalisierung und das Internet gegenüber der Vor-Digital-Zeit völlig veränderten Produktions- und Vertriebswegen forderte, vielleicht sogar z. B. zu fordern wagte, das Filesharing von Privatkopien zu legalisieren, wurde als Vertreter der "kriminellen Raubkopierer" hingestellt, eben als "Pirat".

Was die Vertreter der "alten Medien", vor allem der Musikindustrie, übersahen: "Piraten" stammt vom griechischen πειρᾶν (peiran), was "nehmen" bedeutet - die Einschränkung auf "illegales Wegnehmen" und schließlich "Seeraub" stammt von Menschen, die keine Griechen waren und diese grundsätzlich für Räuber, Wegelagerer und Betrüger hielten. (Nein, ich rede nicht von der "Zeitung" mit den vier großen Buchstaben, sondern von altrömischen Politikern.)
Man kann auch nehmen, was einem rechtmäßig zusteht. Zum Beispiel kann man von einem legal erworbenen Dokument (egal, ob Schriftstück, Musikstück oder Video) eine Kopie zur privaten Nutzung machen.
Jene, die scharfe Kritiker des bestehenden Urheberrechts und vor allem des Verwertungsrechts "Piraten" nannten, vergaßen außerdem, dass "Pirat" eine sozialromantische Konnotation hat. Daher wurde der Begriff sehr schnell von den so Angesprochenen als ironisierende Selbstbezeichnung aufgegriffen.

Diese Zeichnung hier heißt "Piratin":
Piratin

Nach einem Lied der Singvøgel, zu hören auf dem Album "Für Zeiten wie diese", geschrieben und gesungen von Karan - die übrigens tatsächlich "Piratin" ist.

Donnerstag, 15. September 2011

Perry Rhodan Neo - schon 1996!

Perry Rhodan Neo - das ist der in Fankreisen nicht unumstrittene Versuch, die Anfänge der unbestritten langlebigsten und umfangsreichsten Science-Fiction-Roman-Serie noch einmal neu zu erzählen. Also keine unveränderte oder überarbeitete Neuauflage der 50 Jahre alten Originale, sondern das, was man Neudeutsch einen "Reboot" nennt.
Einiges dazu verriet Klaus N. Frick im Interview mit Phantastik News: „Perry Rhodan Neo“: Ein Interview mit Klaus N. Frick.
Die Idee, Perry Rhodan einmal neu zu starten, ist selbst allerdings nicht ganz neu.
Es gab dieses Jahr z. B. eine Fanautoren-Wettbewerb, Perry Rhodan einmal ganz neu, in einem anderen SF-Universum, zu erzählen Perry Rhodan reloaded – Wir haben einen Sieger!. Der Sieger, Michael Tinnefeld, schrieb mit "Der Unsterbliche – Phase Download" einen heftigen Cyberpunk-Roman.

Aber die Idee ist natürlich viieeel älter. Ich ließ Perry schon anno 1996 noch mal ganz klein anfangen:
Perry-Kid

Sonntag, 11. September 2011

11. September

Über den, ich möchte sagen "Gedenkrummel" zum Jahrestag der Terroranschläge am 11.September 2011 sollte ein anderer 11.September nicht vergessen werden:

Der Jahrestag des vom CIA unterstützten Miltärputsches gegen den demokratisch gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973.
Wikipedia: Putsch in Chile 1973.
Emmemm: NICHT VERGESSEN - Der faschistische Putsch in Chile 1973
Sozialismus von unten: Chile 1973: Eine Illusion begraben

Donnerstag, 8. September 2011

"9/11" - und ich ..?

Gestern, am 7. September 2011, bat ZEIT-online um Leserartikel zum Thema:
Wie hat sich Ihre Sicht der Welt durch 9/11 verändert?
Obwohl ich ein Zeit-online-Account habe, werde ich meinen "Senf" zu diesem Thema lieber auf meinem Blog dazugeben.

Denn meine "Sicht auf die Welt" hat sich durch diesen Anschlag wenig verändert. Sie hat sich eher durch das verändert, was seitdem unter dem Vorwand (so sehe ich es) des "Kriegs gegen den Terror" gemacht wurde.

In gewisser Hinsicht bin ich sogar persönlich mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 verbunden. Einmal dadurch, dass ausgerechnet jenes Unternehmen, für das ich Mitte der 90er Jahre für einige Zeit in die USA gehen wollten, eine Niederlassung im Südturm des WTC hatte. Daher war einer meiner ersten Gedanken, nachdem ich die Aufnahmen von einstürzenden Südturm im Fernsehen gesehen hatte: "Wenn ich damals mehr 'Glück' in meiner beruflichen Karriere gehabt hätte, hätte ich vielleicht in genau diesem New Yorker Büro gesessen."
Bei Licht besehen ist das zwar eine unwahrscheinliche Möglichkeit, wenn auch wahrscheinlicher als ein Lottogewinn. Immerhin erkundigte ich mich danach, ob ein ehemaliger Kollege, den ich dem Name nach kannte, und von dem ich irgendwie mitgekommen hatte, dass er in New York arbeitete, überlebt hätte. Er hatte - als "typischer" ITler war er Spätaufsteher und beim Anschlag noch nicht am Arbeitsplatz.
Ich habe auch noch eine weitere quasi persönliche Verbindung zu "9/11":
Bei einer Bekannten, die in Hamburg-Harburg, Marienstrasse 54, zweiter Stock, wohnte, hatte ich mal ein paar meiner Bilder, die ich zuvor ausgestellt hatte, für so lange abgestellt, bis ich eine Transportgelegenheit gefunden hätte. Sie erzählte mir von ihrem "komischen Nachbarn". Mit dem stimmte was nicht. Ständig wären dort tagsüber die Vorhänge zugezogen, ihr Nachbar, Ägypter oder so war, würde auch immer so "komische Typen" mitbringen, und er sei auch so "scheiße freundlich", wie ein schlechter Schauspieler. Der hätte bestimmt was Kriminelles am Laufen, bestimmt Drogenhandel. Zu diesem "geheimnisvollen Nachbarn" ein Artikel aus dem Jahr 2001, aus dem "Stern"-Onlinearchiv: Killer im Cockpit.
Dieser alte Artikel ist auch ein schönes Beispiel, wie Erwartungen bzw. Vorurteile die Wahrnehmung beeinflussen. Im "Stern"-Artikel steht, die "komischen Leute" hätten bis in die späte Nacht "laut gebetet und gesungen" und auffällige orientalische Kleidung getragen. Davon hatte meine Bekannte nichts erzählt. Sicher war es abends mal laut nebenan, aber eben nicht wirklich auffällig. Auch nichts von auffälligen orientalischen Gewandungen, jedenfalls keinen, die in einem Stadtteil, in den zahlreiche Türken und nicht wenige Araber leben, auffallen würden. Die "komischen Leute" fielen ihr vor allem durch ihre Zurückgezogenheit und ihr sichtbares Misstrauen auf. Oder, anders gesagt, dadurch, dass sie sich auffällig unauffällig verhielten.

Ein Narrativ, eine "Erzählung" ist ja die von den "fanatischen fundamentalistischen Moslems", die in der Hoffnung auf eine Belohnung im Paradies den "Märtyrertod" gesucht hätten. Dieser moderne Mythos entspricht nicht den bekannten Tatsachen.
Andreas von Bülow wies 2002 in einem Interview für den "Tagesspiegel" darauf hin, dass er nicht stimmen kann:
(...)
Der amerikanische Journalist Seymour M. Hersh hat im "New Yorker" geschrieben, auch einige Leute von CIA und Regierung gingen davon aus, dass manche Spuren wohl gelegt wurden, um zu verwirren. Wer, bitte, Herr von Bülow, soll das alles gemacht haben?

Ich weiß das auch nicht, woher auch? Ich nutze nur meinen gesunden Menschenverstand und stelle fest: Die Terroristen haben sich so auffällig verhalten, wie es nur geht. Und als gläubige Muslime waren sie auch noch in einer Striptease-Bar und haben betrunken der Tänzerin Scheine ins Höschen gesteckt.

Selbst so etwas soll es geben.

Mag ja sein. Ich kann als Einzelkämpfer nichts beweisen, das übersteigt meine Möglichkeiten. Ich habe aber wirklich Schwierigkeiten damit, mir vorzustellen, dass das alles ein einzelner böser Mann in seiner Höhle ausgeheckt hat.
Nein, ein "militanter Islamist", ein fanatischer Anhänger eines politisch verstandenen Islam, muss nicht automatisch ein frommer Moslem sein. Und ein zum Töten und Sterben entschlossener Terrorist kann völlig andere Motive haben, als irgendwelche Jungfrauen im Jenseits.

Ich rechne von Bülow zwar zu den Verschwörungstheoretikern, und halte z. B. seine Vermutungen, die Flugzeuge seien ferngesteuert gewesen und das World Trade Center sei von innen heraus gesprengt worden, für absurd.
Es gibt Fakten, die im Prinzip jeder nachprüfen kann.
Ja, es ist möglich, dass ein Hochhaus durch den Aufprall eines Flugzeuges und den anschließenden Kerosinbrand zum Einsturz gebracht wird. Man unterhalte sich nur einmal darüber mit Feuerwehrleuten oder Bauingenieuren. (Ich habe es getan.)

Dennoch haben von Bülows Angaben, die Angaben eines ehemaligen Mitglieds der parlamentarischen Kontrollkommission der Nachrichtendienste und SPD-Obmanns im Schalck-Golodkowski- Untersuchungsausschuss, ein ganz anderes Kaliber als z. B. die von "Weltverschwörungs-Gerd" Gerhard Wisnewski, der inzwischen passenderweise bei KOPP, Fachverlag für "braune Esoterik" und abenteuerliche Verschwörungstheorien, schreibt.
Normalerweise gilt: Funktionieren schon die technischen Details einer Hypothese nicht, stellen sich politische, soziologische und ökonomische Fragen erst gar nicht.
In diesem Fall sind angebliche Fernsteuerungen, angeblich fehlende Wracks, angebliche Sprengsätze usw. aber eher Nebensächlichkeiten bzw. "Nebenkriegsschauplätze", auf denen sich die Verschwörungstheoretiker austoben, deren Behauptungen dann nahezu nach Belieben demontiert werden können. Ich gehe so weit, zu behaupten, dass Bülow sich, indem er so etwa aufgriff, unglaubwürdig machte. Denn andere Angaben von ihm halte ich nach wie vor für glaubwürdig.
Besonders zu denken geben sollten Bülows Hinweise auf die Feindbildkonstruktion und die Herren Huntington und Brzezinsky.
Beide gehörten zu dem Autorenpool, der, noch zur Zeit Präsident Reagans, die für das Pentagon verfasste Denkschrift "Differenzierte Abschreckung" verfasst hat, wo es unter anderem um das Feindbild für die Zukunft ging. Die Bedrohungszenarien und Einsatzpläne von damals sind eher von historischen Interesse, die Ideen einer "Freibildproduktion" gibt aber gerade im Hinblick auf die Entwicklung nach 2001 zu denken.
Mir ist aufgefallen, wie genau Huntington sein meist zitiertes Buch
Clash of Civilsations plottete – ich hatte beim Lesen das Gefühl, da schriebe jemand ein Exposé für einen Polit-SF-Roman, so "gewollt" ist es, so offenkundig an den Haaren herbeigezogen, aber dabei fein auf weit verbreitet Klischees, Vorurteile und Weltbilder (wie die vom "Christlichen Abendland") abgestimmt.
Mir sind die Thesen Huntingtons zu – sagen wir mal: konstruiert, um sie für bare Münze nehmen zu können. Diese sauber unterschiedenen Zivilisatonskreise, die schon bei zweiten Blick verraten, dass sie auch ganz anders hätten konstruiert werden können, und die so in den Vordergrund geschobenen, angeblich die jeweiligen Zivilisationen tief prägenden Religionen, die allenfalls kulturelle Faktoren unter vielen sind. Warum sind "Lateinamerika" und "der Westen" bei Huntington zivilisatorisch verschieden, obwohl sie beide zum "christlichen Abendland" gehören? Doch wohl, wie er selbst einräumte, aus ökonomischen Gründen und aus der unterschiedlichen historischen Erfahrung.
Huntington kommt mir so vor wie die "Stammtischstrategen", damals, Anfang der 90er, die den Jugoslawischen Bürgerkrieg (wie er damals noch genannt wurde) allein durch den Unterschied zwischen römische-katholischer (Kroaten, Slowenen), orthodoxer (Serben) und islamischer (Albaner) Kultur erklären wollten. Ein arg unterkomplexes Weltbild, dass aber so schön "funktioniert" und scheinbar vieles erklärt.
Und das ist es auch, was mich auch an der offiziösen Darstellung der 9/11-Attentate stört. Sie haben eines mit den Behauptungen der meisten Verschwörungstheoretikern gemeinsam: sie sind unterkomplex. So simpel ist die Wirklichkeit nicht, die Idee einer von einer Höhle irgendwo in den Bergen Afghanistan kommandierte Geheimarmee riecht eher nach einem James-Bond-Szenario.
Huntington lieferte wichtige Plotelemente zu diesem globalen Polit-Thriller, ohne den die "Story" nicht funktionieren würde. Das wichtigste ist die Behauptung, dass wir in einer Art unerklärtem Religionskrieg "the West" vs. "the Rest" stehen würden.
"The Rest" und nicht "nur" der Islam. Das ist ja das Praktische an Huntingtons Werkzeugkasten: mit ihm können Feindbilder so "hergeleitet" werden, wie es gerade passt. Probleme mit Russland? Klar, die orthodoxe Prägung, der Russe ist eben so! Spannungen mit China? Der Chinese als Konfuzianer denkt eben völlig anders als wir Abendländer! Außerdem passt das prima zur Selbstwahrnehmung der einflussreichen "religiösen Rechten" in den USA – und auch zu der konservativer Christen in Europa.
Eine spannende, plausibel wirkende, aber unterkomplexe Erzählung. Ein Politthriller in Form einer politwissenschaftlichen Theorie.

Fest steht jedenfalls: "9/11" passt erstaunlich gut in das Weltbild und zu den Plänen der US-Regierung unter Präsident Bush jr..
Was es doch ein "Inside Job"?

Ich denke: Nein.

Warum konnten die Anschläge am 11. September 2001 dann gelingen? Und das, obwohl einige der Attentäter schon lange (dem FBI bis zu zwei Jahre) vor den Anschlägen bekannt waren und zeitweise überwacht wurden?

Eine Faustregel, an die ich mich gern halte, ist nichts durch eine Verschwörung erklären zu wollen, was nicht einfacher durch Unfähigkeit und Chaos erklärt werden könnte. (Ein Abwandlung von "Occams Razor".)

Im Falle "9/11" herrschte ein geradezu unglaubliches Gegeneinander und Nebeneinander der Dienste (vor allem CIA und FBI) - geradezu ein Kleinkrieg, mit groben Fehleinschätzungen, Vorurteilen, Scheuklappendenken.

Gern übersehen wird, dass es vorher noch nie Flugzeugentführungen mit dem Ziel, die voll besetzten Passagiermaschinen absichtlich in Gebäude zu fliegen, gegeben hatte. Deshalb waren die Sicherheitsorgane, die sich auf bereits gemachten Erfahrungen stützen, nicht auf diesen Fall vorbereitet. Sechs der Attentäter wurden für eine extra gründliche Prüfung ausgewählt, woraufhin das Gepäck zusätzlich auf Sprengstoffe und versteckte Waffen geprüft wurde. Nach der Überprüfung gingen alle Entführer an Bord. Flache, am Körper getragene Teppichmesser hatte niemand auf der Rechnung.

Meine persönliche "Theorie" (eher: Vermutung) ist, dass die Geheimdienste einen nicht unwesentlichen Teil ihrer Ressourcen darauf verwenden, ihre eigene Unfähigkeit zu verschleiern.

John Le Carré behauptet, dass in Geheimdiensten beinahe notwendigerweise Menschen Karriere machen, die in anderen Berufen wegen ihrer latenten Paranoia und ihrem Hang, die Welt stets durch den Filter ihrer jeweiligen Ideologie zu sehen, schwerlich über einfache Sachbearbeiterjobs hinaus gekommen wären. Ähnlich einzuschätzen ist die oft kolportierte, aber plausible Behauptung, dass der Polizeidienst (bzw. allgemein: Sicherheitsdienste, einschließlich Geheimdienste) Soziopathen geradezu magisch anziehen würde.
Rechnet man die Bürokratie in den Diensten, und ihre naturgemäß nur mangelhafte Kontrolle hinzu, dann ergibt sich ein Szenario, gegen das jenes von mächtigen Verschwörern im Hintergrund beinahe gemütlich anmutet.
Einer Welt, die nach völlig anderen moralischen Grundsätzen und Werten funktioniert, als die "Normalwelt", und in der die Aufrechterhaltung des "schönen Scheins" der demokratischen Legitimation fast so wichtig ist wie in der PR-Branche. (Überschneidungen sind im Bereich "Politikberatung" ja vorhanden.)
Hinter diesem schönen Schein verbergen sich interne Machtkämpfe, Inkompetenz, Größenwahn und völliges Fehlen von Skrupeln.
Eine Welt, in der Geheimdienste, die im Falle des CIA nur dem Präsidenten unterstehen und die (wenn nötig) geltende Gesetze brechen können, solche nette Sachen wie Gladio und andere Stay-behind-Organisationen, die nachweislich in mehrere Terroranschläge verwickelt waren, schaffen können. So bizarr anmutende Konstruktionen wie sie in der Iran-Contra-Affäre ans Licht kamen, lassen nur den Schluss zu, dass an der "verschwörungstheoretisch" amutenden Idee, Geheimdienste wären eine Art "Schattenregierung", die ihre eigene Politik machen, etwas ist.

Aber es war wahrscheinlich gar nicht nötig, einen "Inside Job", in dem es viel zu viele Mitwisser gegeben hätte, zu inszenieren.

Vor einigen Jahren bin ich in diesem Blog der Frage nachgegangen, ob an der Verschwörungstheorie, "Pearl Habor" wäre eine Inszenierung gewesen, mit der die Regierung Rosevelt die kriegsunwilligen USA-Bevölkerung kriegsbereit machte, etwas dran sei.
Mein Ergebnis damals: Inszenierung? – Nein! Ein "Let it happen"-Szenario, etwa eines, in dem Funksprüche der japanischen Flotte, die von US-Stellen mitgehört und sofort entschlüsselt wurden, absichtlich verzögert weitergegeben wurden? Ich weiß zu wenig, um die Frage beantworten zu können.
Klar ist, dass "Let it happen" nur wenige Mitwisser erfordert hätte.

Genau so geht es mir mit 9/11. Wobei, wie im Falle Pearl Habor, schon "von allein" so viel schief gegangen ist, dass eine eventuelle "absichtliche Nachlässigkeit" nicht leicht zu entdecken sein dürfte.
Keine „große Verschwörung“, sondern eine miese, fiese, aber entscheidende Kleinigkeit. Den "Rest" hätten die Terroristen im unbeabsichtigter Zusammenarbeit mit den nur begrenzt kompetenten Staatsorganen quasi von selbst erledigt.

Im Pearl-Habor-Fall lassen sich fast alle Argumente der "Verschwörungstheoretiker" widerlegen: nein, es lagen nicht nur alte Pötte auf Hawaii, Schlachtschiffe waren noch nicht so veraltetet, dass man sie ohne weiteres "geopfert" hätte, usw. usw..
Darüber übersieht man dann rasch, dass eben einige wenige Szenarien nicht widerlegt wurden, im Gegenteil, dass sogar Einiges dafür spricht, dass wirklich schon entzifferte und übersetzte japanische Befehle absichtlich einige Tage verzögert wurden.

Tatsächlich betreiben Verschwörungstheoretiker, vor allem die mit den besonders wilden "Theorien", Desinformation, die Durchaus im Sinne der Propagandisten der These vom schier allgegenwärtigen und allmächtigen Terrornetzwerk sind - und der Totalüberwachungs-Fans, die überall potenzielle Terroristen sehen und solche Sachen wie Demokratie und Menschenrechte für "überbewertet" halten. Und sie entwerten - siehe von Bülow - damit andere, vielleicht wichtigere, Teile ihrer Darlegungen.

Die endlosen Debatten, ob ein Hochhaus durch ein Flugzeug zum Einsturz gebracht werden könnte usw. usw. lenken von den wirklich interessanten Fragen ab.

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