Freitag, 2. September 2011

Wer "nichts zu verbergen" hat ...

... hat entweder ein verdammt langweiliges Leben - oder ist verdammt naiv.

Am 10. September 2011 findet in Berlin wieder die jährliche Großdemonstration für (digitale) Bürgerrechte und gegen die ausufernde Überwachung “Freiheit statt Angst” statt. Wie immer getragen von einem breiten Bündnis aus vielen Organisationen, Verbänden und Parteien, sowie vielen Helfern und Einzelunterstützern.

Nettes Mobilisierungsvideo von www.wortfeld.de für die Petition gegen die Vorratsdatenspeicherung. Die läuft noch bis zum 6.10.2011 und hier gehts -> zum Mitzeichnen.

Samstag, 27. August 2011

Die "7 Todsünden ineffektiver Manager" und die Meuterei auf der Bounty

Sie ist ziemlich oben bei Rivva, und das sicher nicht von ungefähr: Lass das! – Sieben Todsünden ineffektiver Manager (Infografik).
Versprechen brechen, Kontrollsucht, öffentliche Demütigungen, Herrschaftswissen, nicht zuhören können, kein Feedback geben, aber auch nie konsequent sein – das sind Verhaltensweisen, die sich Manager tunlichst abgewöhnen sollten – jedenfalls, wenn sie effektive Manager sein wollen.
Aus meiner Sicht ist das Schlimmste daran nicht, dass solche Manager ineffektiv sind - das Schlimmste ist, dass sie unerträgliche Chefs und absolutes Gift für das Betriebsklima sind. Das gilt sogar dann, wenn diese Chefs eigentlich ganz umgängliche, freundliche und für ihre Untergebenen engagierte Menschen sind. Eigentlich.

Ein sehr eindringliches Beispiel, wohin diese sieben Fehler führen können, ist die wohl berühmteste Meuterei der Seefahrtsgeschichte, die Meuterei auf der "Bounty".

Entgegen der Darstellung in zahlreichen Romanen und Filmen war der Kommandant der "HMAV Bounty", Lieutenant (auf der "Bounty" war er noch nicht "Captain") William Bligh, ein äußerst fähiger Seemann. Dass er aus der Reihe der Unteroffiziere zum Offizier befördert wurde, war damals selten, und noch seltener schaffte es jemand, der einmal "vor dem Mast" gesegelt war, bis zum Admiralsrang. Kein Geringerer als Lord Nelson lobte Blighs Schiffsführung in der Schlacht vor Kopenhagen.

Er war auch kein "Schiffstyrann": er hielt Auspeitschungen und Skorbut für Kennzeichen eines schlecht geführten Schiffes. Seeleute unter seinem Kommando wurden erheblich seltener ausgepeitscht als die Besatzungsmitglieder anderer Schiffe der britischen Royal Navy. Wie sein großes Vorbild James Cook kümmerte er sich sehr um das Wohlergehen seiner Leute. Zum Beispiel führte er das auf Handelsschiffen übliche 3-Wachen-System anstatt der bei der Royal Navy üblichen zwei Wachen ein. Bei drei Wachen liegen zwischen den jeweils vier Stunden dauernden Wachen acht Stunden Freiwache, bei zwei Wachen nur vier Stunden. Damit waren die Leute nicht nur ausgeruhter, sondern hatten auch viel weniger "Gammeldienst" als bei der Marine üblich. (Die "Bounty" hatte, weil für eine so lange Expedition viele Handwerker für Instandsetzung und Reparaturen an Bord sein mussten, und weil Mannschaftsverluste durch Krankheit oder Unfall nicht unterwegs ersetzt werden konnten, im Grunde viel zu viele Männer an Bord. 46 Männer drängten sich auf dem 215 Tonnen "großen" Schiff mit nur 27,7 m Rumpflänge. Normalerweise hatte so ein kleiner Frachter höchsten 10 - 12 Mann Besatzung. Wenn in der "Wikipedia" etwas von "keinen zwei Dutzend echte Matrosen" steht, dann heißt das nicht, dass zu wenige Matrosen an Bord gewesen wären - eher, dass ein ungünstiges Zahlenverhältnis zwischen den vielen Offizieren und Unteroffizieren und den Mannschaftsdienstgraden herrschte.)
Für tieferen, strukturellen Ursachen und die äußeren Umstände, die zur Meuterei führten, konnte Bligh nichts. Aber es spricht einiges dafür, dass es an Blighs schlechter Menschenführung lag, dass aus Unzufriedenheit Meuterei wurde.

Tatsächlich beging Bligh alle sieben "Todsünden" ineffektiver Manager:
  1. Bligh hielt nicht immer Wort. Zum Beispiel brachte er einen Zimmermann, der nach der Meuterei loyal geblieben war, entgegen eines Versprechens wegen einer Kleinigkeit vor Gericht.
  2. Er stauchte Untergebene vor versammelter Mannschaft zusammen: z. B. kritisierte er seinen Stellvertreter Fryer lautstark vor den Augen der Mannschaft. Auch wenn die Kritik der Sache nach gerechtfertigt war, unterminierte das die Disziplin und vergiftete das Verhältnis zwischen Bligh und seinem engsten Mitarbeiter. Auch andere Untergebene machte er sich so zum Feind.
  3. Er war "Kontrollfreak" - und war trotzdem über die Verhältnisse an Bord nicht im Bilde.
  4. Er hielt sich mit Lob zurück.
  5. Er mischte sich oft in Kleinigkeiten des Schiffsbetriebs ein. Ironischerweise sorgten vor allem seine Versuche, unter der Mannschaft für gute Laune zu sorgen, für Unmut: die Leute wollten in ihrer Freizeit nicht auch noch vom "Alten" behelligt werden.
  6. Er hörte nicht zu: Deshalb war er völlig überrascht, als sich seine Leute gegen ihn wandten.
  7. Er war inkonsequent und damit unberechenbar: er konnte einen Mann an einem Tag vor Untergebenen herunterputzen und ihm am nächsten Tag zum Dinner einladen - wohlgemerkt: nicht als Geste der Entschuldigung. In der Regel verhängte er auch bei schweren Vergehen nur milde Disziplinarstrafen, aber manchmal war er völlig unnachsichtig bei geringfügigen Unbotmäßigkeiten.
Die Konsequenz: Bligh, einer der fähigsten Seefahrer und Navigatoren seiner Zeit, hatte während seiner an sich glänzenden Karriere - er brachte es bis zum Gouverneur von New South Wales /Australien und zum Vizeadmiral - gleich zwei spektakuläre Meutereien.

Mittwoch, 24. August 2011

Probleme des Raumschiff-Designs in der Science Fiction

Vor gut 30 Jahren erschien in "Perry Rhodan" eine Risszeichung, die grundsätzlich zeigt, welche Problemen Science Fiction-Schaffenden haben, wenn es darum geht, die Technik einer fernen Zukunft zu schildern, zu zeichnen oder zu filmen: die Zeichnung "Abfangjäger der neuen 'Redhorse'-Baureihe", gezeichnet von Jürgen Rudig, 1981, erstmals veröffentlicht in PR Band 1059 "Fels der Einsamkeit".

Auf seinem "Phuturama" interviewt Gregor Sedlag (selbst ein begnadeter Risszeichner) Jürgen Rudig: “Alles nur ein Spaß?” – 30 Jahre Redhorse-Jäger. (Wo dann auch diese legendäre Zeichnung zu sehen ist.)

Normalerweise sind Risszeichnungen futuristischer Technik in Perry Rhodan so etwas wie Extras - nett anzusehen, manchmal interessant, aber selten bis nie hauptsächlicher Kaufgrund oder Leseanreiz. Und selten bis nie Anlass für Diskussionen unter den Lesern.
Die RZ des "Redhorse-Jägers" führte hingegen zu sehr kontroversen Reaktionen der Leser. Viele bemängelten die Freihandzeichung ("Fliegender Schrotthaufen"), andere waren entzückt. Es war das erste Mal, dass die Fans sich dermaßen in Begeisterung oder totaler Ablehnung über eine Risszeichnung ausließen.
(Wie sah meine Reaktion damals aus? So! Ich gehörte also zu jenen, die Jürgen Rudigs Zeichung inspirierend fanden. Wenn auch das Ergebnis bei mir eher dürftig war.)
Ich war immer der Meinung, Raumschiffe – und die Typen, die sie fliegen – sehen in zweitausend Jahren ganz anders aus als für uns vorstellbar. Raumschiff Orion mit seiner ganz eigenen Ästhetik imponierte mir z. B. viel mehr als der ganze Star Wars-Kram.
Ich kann da Jürgen Rudig nur zustimmen. Sein "Raumjäger" lässt deutlich werden: so, wie wir uns das heute vorstellen, werden die Raumschiffe der fernen Zukunft (wenn es sie einmal geben sollte) garantiert nicht aussehen.

Bei Technik, die sozusagen in "Sichtweite" ist, also die nahe Zukunft betrifft, sieht das Design-Problem für SF-Schaffende grundsätzlich anders aus. Hier kann der Aspekt "technische Glaubwürdigkeit" sehr wichtig sein, und zwar nicht nur in der "harten", naturwissenschaftlich-technisch orientierten SF, sondern auch bei SF, bei der eher soziale oder politische Fragen im Vordergrund stehen. Typische Fragen wären: Sind die hinter dem geschilderten oder gezeichneten Gerät stehenden Prinzipien glaubwürdig? Wäre es sinnvoll, so etwas wirklich zu bauen, bzw. kann dem Leser / Betrachter der Sinn so eines Gerätes plausibel gemacht werden? Ist das Design benutzerfreundlich?

Darüber muss sich jemand, der ein überlichtschnelles Raumschiff entwirft, keine Gedanken machen. Schon deshalb, weil nach dem derzeitigen Stand der Physik so etwas schlicht unmöglich ist. Fast wie in der Fantasy hat der "Raumschiff-Designer" freies Feld.

Das die allerwenigsten SF-Schaffenden wirklich nutzen.

"Star Wars" ist ein klassisches Beispiel, wie unsere der bekannten Technik verhafteteten Sehgewohnheiten das Design bestimmen. Es gibt einfach keinen Grund, weshalb ein altes, etwas vergammeltes Raumschiff auf die gleiche Weise verwittert sein sollte, wie ein vergammelter alter LKW - außer, dass wir an alte, vergammelte LKW gewohnt sind. Also sehen Raumjäger "irgendwie" wie Jagdflugzeuge, Raumschlachtschiffe "irgendwie" wie schwimmende Kriegsschiffe, Antigrav-Gleiter wie fliegende Autos usw. aus. Ich will nicht sagen, dass das Design bei "Star Wars" schlecht oder langweilig wäre - aber es ist ziemlich konventionell.

Wie Technik zugleich glaubwürdig und "ungewohnt" sein kann, zeigte etwas später der erste "Alien"-Film - ohnehin ein Meilenstein der "Gebrauchskunst".

Das Design von "Orion" ist nicht nur wegen des kreativen Einsatzes von Alltagsgegenständen (Bügeleisen, Wasserhähne usw.) bemerkenswert, sondern, weil es mit einfachen Mitteln eine exotische Anmutung schuf.

"Star Trek" ist verglichen damit eher bieder - was für das Design aller ST-Serien gilt. Zum Teil ist das allerdings dem überzeugenden Ansatz Gene Roddenberrs geschuldet, technische Geräte von der Funktion her zu sehen, und nicht umgekehrt (wie es oft bei Perry Rhodan der Fall ist), vom (utopischen) technischen Prinzip das Aussehen ableiten zu wollen. Wie Roddenberry es selbst ausdrückte, käme kein Polizist in einem Fernsehkrimi auf die Idee, lang und breit die Funktionsweise seiner Dienstpistole zu schildern. Man kann mit dem Ding jemanden erschießen, und damit fertig! Das ist das Geheimnis, wieso viele der in der originalen Star Trek Serie der 60er Jahre gezeigten Gerätschaften später realisierten Geräten mit der entsprechenden Funktion so ähnlich sehen. (Z. B. Tablet-Computer) - die Funktion für den Benutzer gibt das Design vor, nicht das (mögliche) technische Prinzip
Trotz einer gewissen Biederkeit gelang "Star Trek" ein Meilenstein im SF-Design: das originale Raumschiff "USS Enterprise, NCC 1701" (kein A, B, C, oder D).
Gene Roddenberry stellte ganz klare Bedingungen an den Entwurf: er wollte auf keinen Fall irgendwelchen Leitwerksflossen, Düsen oder Lufteinlässe sehen. Kein "Raketenschiff", keine "fliegende Untertasse".
Und so entstand ein Raumschiff, das zugleich exotisch wie "glaubwürdig" anmutet.
Dem gegenüber war die Pseudo-Stromlinenform der "The Next Generation" Enterprise NCC 1701-D ein deutlicher Rückschritt.

Sonntag, 21. August 2011

Kolonialerzählung - oder: Ein gern "vergessener" deutscher Völkermord

Vor einigen Tagen stieß ich in Joe Dramiga Blog auf diesen hochinteressanten Artikel - es ging um die Rückgabe von menschliche Schädel, die als Beutestücke aus dem "Herero-Aufstand" in Namibia nach Deutschland gebracht wurden und bislang noch in Universitäts- und Museuumsammlungen lagern.
Von 1904-1908 führten deutsche Truppen einen an Grausamkeit kaum zu übertreffenden Vernichtungskrieg gegen die Herero, Nama und Damara, um den antikolonialen Widerstand im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“ (heute: Republik Namibia) zu brechen. Unzählige Gebeine von Opfern des Völkermordes und der Konzentrationslager, die die deutschen Truppen in "Deutsch-Südwestafrika" unterhielten, wurden zu "Forschungszwecken" nach Deutschland gebracht.
Weiter: Der Völkermord in Namibia und die medizinische Forschung der Berliner Charité

Froschungszwecke würde ich übrigens ohne Anführung schreiben - so weh es auch tut: was damals an der Charité betrieben wurde, war leider keine Pseudowissenschaft (womöglich betrieben von einigen "verrückten Wissenschaftlern" oder "verblendeten Fanatikern") - es war offensichtlich wirklich medizinische und anthropologische Forschung nach dem damaligen Stand und Usus der Wissenschaft. Was nichts daran ändert, dass der völlig fehlende Respekt vor den von deutschen Kolonialtruppen hingemordeten Menschen, zutiefst anti-human und rassistisch ist. In der Charité behandelte man diese Knochen nicht anders als etwa in Spiritus eingelegte Schlangen oder gepresste Pflanzen: als reine Untersuchungsobjekte.

Übrigens ist der Umfang der Rückgaben unumstritten. Thomas Schnalke, Museumsdirektor am medizinhistorischen Museum, meinte im "Deutschlandfunk", dass menschliche Überreste in Museeumssammlungen dann zurückgegeben sollten,
(...) wenn wir einen Unrechtskontext nachweisen können, beziehungsweise wenn es widerstreitende Wertesysteme gibt.
Bei Herero-Schädeln liegt ein "Unrechtskontext" vor.

Tatsächlich dürfte es schwierig sein, bei im kolonialistischen bzw. quasi-kolonialistischen Kontext gesammelte menschlichen Überresten überhaupt Präparate zu finden, bei denen es weder einen Unrechtskontext noch widerstreitende Wertesysteme gibt. Dass z. B. ein australischer Aborigene um 1900 seine sterblichen Überreste testamentarisch der Forschung vermachte, dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach kaum vorgekommen sein.

Warum findet die Rückgabe der "Herero-Schädel" so wenig Interesse?
Ich vermute, weil den meisten heute lebenden Deutschen einfach nicht bewusst ist, dass auch Deutschland eine koloniale Vergangenheit hat.
Tatsächlich gab es, verglichen mit den klassischen Kolonialmächten (Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Spanien, Portugal), verhältnismäßig wenige deutsche Kolonien, und die Kolonialzeit im engeren Sinne setzte erst sehr spät ein. Selbst nach der Reichsgründung von 1871 spielte die Kolonialpolitik in Deutschland zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Reichskanzler Bismarck, als kühl kakulierender Machtpolitiker, sah in Kolonien nur wenig wirtschaftlichen Nutzen, dem die Gefahr erhebliche politischer Störungen gegenüber stand.
So richtig los ging es mit der deutschen Kolonialpolitik erst 1884 - aus nicht ganz durchschaubaren Gründen war Bismarck zu einem "kolonialen Experiment" bereit. (Aber was ist bei Bismarck, dem klassischen Vertreter der Realpolitik im Hinterzimmer, schon leicht durchschaubar?) 1884 wurden "Deutsch-Südwestafrika" und Togoland annektiert und die Besitzungen / "Privatkolonien" von Adolph Woermann in Kamerun kamen "unter den Schutz des Reiches". Im Jahr 1885 folgten das von Carl Peters und dessen "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" erworbene / eroberte ostafrikanische Gebiet, Wituland, Nord-Neuguinea ("Kaiser-Wilhelms-Land") und der "Bismarck-Archipel". Damit war aber die erste Phase deutscher kolonialer Eroberungen abgeschlossen.
Unter Kaiser Wilhelm II. wurden nur noch wenige neue Kolonien gegründet, z. B. wurde von China Kiautschou mit dem Hafenort Tsingtau gepachtet. Diesen eher kleinen "Erwerbungen" stand aber ein maximales Getöse und kraftmeierisches Säbelrasseln gegenüber: die "zu spät gekommene Nation" strebte ihren "Platz an der Sonne" (so der spätere Reichskanzler von Bülow 1897) an, womit ausdrücklich der Besitz von Kolonien gemeint war. Der Ausspruch wurde damals zum geflügelten Wort. Die SPD stellte im Wahlkampf sarkastisch den Ausspruch "Platz an der Sonne" den immensen Kosten, die die deutschen Kolonien verursachten, gegenüber.
Tatsächlich lohnte sich der Kolonialismus für den deutschen Staatshaushalt und auch die deutsche Volkswirtschaft nicht. Vom Kolonialismus profitierten Einzelne und einzelne Gesellschaften, bzw. sie bereicherten sich durch staatlich subventionierte Ausbeutung der Kolonien.

Wie die anderen Kolonialmächte hatte Deutschland ein gerütteltes Maß an zumeist gewaltsam niedergeschlagenen Aufständen. Aber der Kolonialkrieg zur Niederschlagung des Aufstand der Herero und Nama war sogar für die Verhältnisse des Kolonialzeitalters extrem blutig und rücksichtslos. Am 2. Oktober 1904 erließ General von Trotha eine "Proklamation an das Volk der Herero", die später als "Vernichtungsbefehl" bekannt wurde - der Kolonialkrieg ging in einen systematischen Völkermord über.
Es ist viel zu wenig bekannt, dass die ersten deutschen Konzentrationslager in Südwest-Afrika standen (die auch tatsächlich so genannt wurden).
Die Taktik, die "feindliche Bevölkerung" in Lagern zu "konzentrieren", sahen die deutschen Kolonialtruppen sich bei einem "benachbarten" Konflikt ab: im zweiten Burenkrieg in Südafrika um 1900 internierten die Briten die Frauen und Kinder der "aufständischen Buren".

Es ist meines Erachtens eine durch das Wissen, was später geschah, verzerrte Wahrnehmung, die den deutschen Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama in einen engen Kontext mit dem Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands und dem industrielle betriebenen millionenfachen Massenmord stellt - sozusagen als Ausdruck des selben Ausrottungs-Rassismus. Oder der nichts erklärenden, aber zuverlässig jede Diskussion erstickenden Behauptung, "die Deutschen" seien eben schon aufgrund ihrer Mentalität herrschsüchtig und rücksichtslos (bei gleichzeitigem Selbstmitleid) und zu besonders grausamen, gewissenlosen Morden bereit.
Es gibt aber meines Erachtens drei Kontinuitäten zwischen den Kolonialgräueln (wie sie damals zurecht in Teilen der deutschen Presse genannt wurden) und den beispiellosen Verbrechen Nazideutschlands:
  1. die völkermöderischen Methoden, die sich in "Südwest" "bewährt" hatten, waren durchaus Vorbilder für den Vernichtungskrieg "im Osten",
  2. dass sich der "Untermenschen" entmenschlichende Vernichtungssrassismus bei deutschen "Rechtsintellektuellen" so festsetzen konnte, ist auch auf koloniale Erfahrungen zurückzuführen,
  3. die deutschen Herrscher führten in ihren Kolonien eine sogar im Vergleich zu anderen Kolonialmächten strenge Bürokratie ein; die berüchtigte "Prügelkultur" in deutschen Kolonien zeichnete sich weniger durch Sadismus als durch kaltherziges "pflichtgemäßes Durchführen für notwendig erachteter Strafmaßnahmen" aus - Parallelen zum mörderischen Bürokratismus des "Holocaust" sind unübersehbar.
Die deutsche Kolonialepoche endete schon mit dem 1. Weltkrieg, ihre Hochphase dauerte nur etwa 40 Jahre. Das, und der vergleichsweise kleine Kolonialbesitz, und der Umstand, dass sich die Kolonien volkswirtschaftlich nicht lohnten, machen es einfach, die deutsche Kolonialgeschichte als "unwichtig" zu verdrängen.

Ich vermute, dass als die ARD-Fernsehlotterie 1956 den Namen ein "Ein Platz an der Sonne" erhielt, keiner der Verantwortlichen dabei an den Bülowschen Ausspruch dachte. Ich halte es sogar für möglich, dass die meisten Deutschen schon damals den kolonialen Kontext gar nicht mehr kannten.
Als ausgerechnet der FC St. Pauli 2010 / 2011 mit dem Slogan der ARD-Fernsehlotterie als Trikotwerbung auftrat, machten einige Fans klar, dass der Slogan eben doch "Geschichte" hat: “Ein Platz an der Sonne für den FC St. Pauli” !? - Bloß nicht! - Die Erben der Kolonisatoren

Neben dem "Vergessen" der "unwichtigen" deutschen Kolonialgeschichte gibt es immer noch die Erzählung vom "besseren" deutschen Kolonialismus. Im Großen und Ganzen war das deutsche Kolonialregime zwar nicht auffällig schlimmer, aber auch keinen Deut besser als das anderer Kolonialmächte.
Auffällig ist allerdings, wie durchbürokratisiert das deutsche Kolonialwesen war. Vielleicht gilt gerade das als "überlegen" - Hauptsache, die Verwaltung läuft reibungslos und planmäßig ab.
Es ist bezeichnend, dass die deutschen Siedler in "Südwest" sich sehr am sozialen Stammesgefüge der Einheimischen störten, das offenbar keinen Untertanengeist erzeugte, wie ihn die von der eigenen Kultur geprägten Deutschen erwarteten.

Die Erinnerung an das Kaiserreich ist deshalb so wichtig, weil es massiv nachwirkt, viel stärker als das nur etwa 12 Jahre währende "3. Reich" Nazideutschlands!

Sonntag, 14. August 2011

Sloop "John B." - über einen Evergreen mit nautischem Hintergrund

In der Version der Beach Boys wurde "Sloop John B." zum Millionenseller.

Zum ersten Mal wunderte ich mich als Sechsklässler, der mühsam englische Songtexte zu verstehen versuchte, über die Diskrepanz zwischen der heiter-beschwingten Melodie und dem gar nicht so heiteren Text.
Erst später erfuhr ich, dass "Sloop John B." bzw. "The John B. Sails" ein traditioneller Folksong ist, genauer gesagt ein Shanty, oder noch genauer ein "Forebitter", also kein Arbeitslied der Seeleute im engeren Sinne, sondern ein Lied, das in der Freizeit gesungen wurde. Wie viele Shanties ist auch "Sloop John B." ein Spottlied, in dem die einfachen Teerjacken ihren Frust ´raus ließen.
Anders als bei den meisten anderen Shanties lassen sich Ort und Zeit, in der das Lied entstanden, einigermaßen gut eingrenzen. Der Text deutet auf die Bahamas, die Melodie auf den "westindischen" Raum - Antillen, Bahamas, Bermudas, Küste des Golfs von Mexiko.
"John B. Sails" wird als Folksong bezeichnet und erschien in einem Artikel von Richard Le Gallienne in der Dezemberausgabe 1916 von Harper's Magazine. Eine um eine Strophe gekürzte Fassung zitierte Gallienne in seinem 1917 erschienen Roman "Pieces of Eight". Das Lied soll zu dieser Zeit um Nassau, der Hauptstadt der Bahamas, äußerst populär gewesen sein.
Das Wrack eines kleinen Schiffs namens "John B." liegt vor Governor's Harbour auf einem Korallenriff der Insel Eleuthera, einer der Bahamas. "John B." bezieht sich auf John Bethel, einen der ersten Siedler auf Eleuthera. Gesunken ist die "John B." wahrscheinlich 1906, also etwa später als in der "Wikipedia" angegeben.

Übrigens waren die Beach Boys nicht die ersten, die mit diesem Titel erfolgreich waren. Hier eine Version von Blind Blake Higgs, im damals populären Calypso-Stil (1952) und mit abweichendem Text: John B. Sails.
Und schließlich eine Interpretation, die vielleicht einen Eindruck vermittelt, wie der Song in einer Hafenkneipe in Nassau auf den Bahamas zu fortgeschrittener Stunde geklungen haben mag:
Joseph Spence: Sloop John B.

Was ist eine Sloop?

Erst einmal ein großes Boot, das gerudert oder gesegelt werden kann. Im Deutschen Schaluppe, Schlup oder Slup, auf englisch seit dem 18. Jahrhundert auch shallop genannt.
Schaluppe

Dann der von diesem Boot abgeleitete Takelungstyp, mit einem Hochtakelungs-, Gaffel- oder (wie bei der Schaluppe oben) einem Spritsegel als Großsegel und einem einzelnen Stagsegel als Fock, im Deutschen Slup genannt.

Außerdem ein einmastiger Schnellsegler ab der Mitte des 17. Jahrhunderts, der auf Deutsch auch Slup, Schlup oder Schaluppe genannt wird:
Schaluppe / Sloop (18. Jahrhundert)

Diesen Schiffstyp gibt es, in abgewandelter Form, bis heute:
Slup "Adelante"

Und um die Verwirrung komplett zu machen, konnte im Sprachgebrauch der Royal Navy eine Sloop unter Umständen sogar ein voll getakelter Dreimaster sein.

Aus dem Text des Liedes wird aber schnell klar, dass nur eine "Sloop" im Sinne eines kleinen Schiffs mit einem Mast gemeint sein kann. Die historische "John B." war angeblich ein Schwammtaucher-Boot, was erklären könnte, wieso sich ihr Skipper dicht an die gefährlichen Riffe heranwagte.
1. We come on the Sloop
"John B.",
my grandfather and me,
´round Nassau Town we did
roam,
drinking all night,
we got int' a fight,
I feel so breakup,
I wanna go home!

Corus:
So hoist up the "John B.'s"
sails,
see how the mainsail sets,
send for the captain aboard.
So let me go home,
let me go home.
I feel so breakup,
I wanna go home!

2. The first mate, oh he got drunk,
broke up the captain's trunk, (alternative: the people's trunk)
constable had to come and
take him away.
Sheriff Johnsstone please,
leave me alone -
I feel so breakup,
I wanna go home!

3. The poor cook, oh he got fits,
ate up all oft the grits,
then he took an threw away
all of his corn.
Sheriff Jonsstone please,
leave me alone -
this is the worst trip,
I've ever been on.
Hier meine Übersetzung - ohne Versmaß und Reim:
Wir kamen mit der Sloop "John B.",
mein Großvater und ich. "Grandfather" kann im seemännischen Jargon auch "Decksältester" bedeuten - ein erfahrener Matrose als Vorarbeiter,
In der Nähe der Stadt Nassau
trieben wir uns herum.
Wir tranken den ganzen Abend
und gerieten in einen Kampf.
Ich fühl' mich kaputt,
ich will nach Hause.

Refrain:
So setzt die Segel der "John B.",
seht wie das Großsegel steht,
Ruf den Käpt'n an Bord (An Deck? Es ist wenig plausibel, dass auf einem Schiff schon die Segel gesetzt wurden, wenn der "Alte" noch an Land war. Aber "Deck" hätte sich nicht gereimt.)
So las mich nach Hause gehen, lass mich nach Hause gehen,
ich will nach Hause.
Ich fühl' mich kaputt
Ich will nach Hause.

Der erste Maat betrank sich,
und brach den Laderaum / das Schapp des Käpt'ns auf.
(Der Kapitän verwaltete einen verschlossenen Laderaum, das sog. Zollschapp, in der unverzollte Sprituosen gelagert wurden, die außerhalb der Hohheitsgewässer an die Mannschaft verkauft wurden. Alternativ wäre auch denkbar, dass er dem Käpt'n den Brustkorb eindrückte. Aber dann hätte die John. B. schwerlich Segel setzen können. People' s trunk ist das Mannschaftsschapp, also ein gemeinsam genutzter, abschließbarer Schrank oder Laderaum.)
Die Polizei musste kommen und ihn mitzunehmen.
Sheriff Johnsstone, bitte lass mich in Ruhe,
Ich fühle mich so kaputt, lass mich nach Hause.

Der arme Koch, oh, der drehte durch,
und aß alle Grütze auf,
dann nahm er den ganzen Mais und warf ihn weg,
Sheriff Johnston, bitte lass mich in Ruhe,
Das ist die schlimmste Reise, auf der ich je war.

Donnerstag, 11. August 2011

Sieben Gedankensplitter über die Hochkultur

Es ist schon eine Weile her, dass Georg Diez auf SPON Sieben Wahrheiten über die Hochkultur zum Besten gab, unter anderem als Antwort auf einen meines Erachtens sehr lesenswerten Artikel der "Zeit":
Hoch die Hochkultur! von Jens Jessen.

Tendenziell bin ich eher bei Jessen als bei Diez, obwohl ich Diez manchmal recht geben muss. Jedenfalls auf den ersten Blick.
Wie es manchmal so geht, wenn ich keine schnelle Antwort geben kann, dauerte es Wochen, bis mir Diez "Sieben Wahrheiten über die Hochkultur wieder in den Sinn kamen. Was allerdings nicht weiter schlimm ist, denn das Thema ist nicht tagesaktuell.

1. Es ist in Deutschland leider üblich, von "Kultur" zu sprechen, wenn eigentlich "Kunst" gemeint ist. Das macht es so schwierig, über "Hochkultur" zu reden.
Zur Kultur gehören außer den ("schönen") Künsten (bildende Künste, Musik, Dichtung usw.) bekanntlich auch Wissensschaft, Technik, Recht, Moral, Religion, Wirtschaft und manches mehr - im weitesten Sinne: alles, was Menschen schaffen. (Die für Deutschland früher so typische Unterscheidung zwischen "Kultur" und "Zivilisation" halte ich für überflüssig. Fast immer sind "Kultur" und "Zivilisation" Synonyme und die Ausnahmen sind fachsprachlich - z. B. wenn in der Archäologie von der "Hallstadt-Kultur" die Rede ist.)
Enger gefasst umfasst "Kultur" außer Kunst vor allem die Bildung.
Während es ziemlich müßig wäre, über die Kriterien zu debattieren, welche eine "Hochkunst" ausmachen, erscheint mir eine Debatte über "höhere Bildung" ziemlich sinnvoll zu sein.
Ich verstehe unter "höherer Bildung" nicht einfach die Bildung, die man an einer Hochschule erwirbt - schon, weil die meisten Studiengänge eher auf die Berufsausbildung gerichtet sind. Ich verstehe darunter vielmehr jene Bildung, die über die "Grundbildung" (tatsächlich das, was man in der Grundschule - hoffentlich - lernt) und die "Berufsbildung" (oder besser: Ausbildung) hinaus geht. Jene Bildung, die es einem ermöglicht, über den Horizont der eigenen "Alltagskultur" heraus zu sehen, etwa fachübergreifende Zusammenhänge zu erkennen oder fremde Kulturen zu verstehen.

2. Diez hat recht, Hochkultur ist ein Konstrukt. Trotzdem ist es sinnvoll, von Hochkultur zu reden.
Hochkultur ist, so sehe ich es, eine Kultur, die einen hohen Anspruch an sich selbst stellt. In der Kunst kann das der Anspruch des Künstlers sein, ein herausragendes Werk zu schaffen, etwa einen inhaltlich anspruchsvollen Roman, der noch in 100 Jahren gelesen und allgemein geschätzt werden wird. In der Bildung kann es der Anspruch einer Hochschule sein, nicht nur "Durchlauferhitzer für Karrieren" sein zu wollen. "Hochkultur" gibt es auch im Alltag: Man kann sehr gebildet, aber höchst unkultiviert sein. Es ist sogar möglich, die Etikette und sämtliche ungeschriebenen Gesetze des "guten Benehmens" perfekt zu beherrschen - und trotzdem ein unkultivierter Klotz zu sein. Die Mindestvorraussetzung, um einen Menschen kultiviert (bzw. zivilisiert) zu nennen, ist, dass dieser Mensch rücksichtsvoll ist und überlegt handelt. Kommt ein waches, aufrichtiges Interesse und Verständnis für das Denken und Handeln der Mitmenschen, eine "höhere Bildung" im oben genannten Sinne und etwas, was ich mit einem leicht altmodischen, aber treffenden Begriff "Herzenbildung" nenne, hinzu, dann könnte man von einem "hochkultivierten" bzw. "hochzivilisierten" Menschen reden.

3. Wenn auch der Begriff "Hochkultur" nicht fragwürdig ist, müssen in der Tat die Kriterien, was zur Hochkultur gehört, und was "schnöde" Alltags-, Gebrauchs- oder Popkultur ist, hinterfragt werden.
Sie müssen, denke ich, sogar immer wieder immer aufs Neue, hinterfragt werden. Mag sein, dass es einige "ewig gültige" Werke und Bildungsinhalte gibt. Aber die "Klassische Musik" von heute war zum ganz überwiegenden Teil, als sie komponiert wurde, "schnöde" "Gebrauchsmusik". Meiner Ansicht nach gehört ein solides Grundwissen über Evolutionsbiologie zum notwendigen Kanon einer modernen höheren Bildung - was im 19. Jahrhundert nicht der Fall gewesen wäre.

4. Ältere Werke und Bildungsinhalte werden eher zur Kanon der Hochkultur gezählt als neue. Das liegt nicht allein daran, dass so die "Hüter der Hochkultur" konservativ wären.
Es gibt so etwas wie einen "Test der Zeit". Besonders deutlich wird das in der Musik: Wenn ein bestimmtes Lied über Jahre hinweg beliebt bleibt, ein "Evergreen" ist, und es vielleicht sogar über kulturelle Grenzen hinweg beliebt bleibt, dann ist es ein "Klassiker", gehört es zum "kulturellen Erbe den Menschheit", auch wenn es ursprünglich nur eine beim Rühreibraten dahingesummte Melodie war. Ob ein neues Werk, oder eine neue wissenschaftliche Erkenntnis, oder eine neue Unterrichtsform usw. das Zeug zu einem "Klassiker" hat, das kann alleine die Zeit erweisen.
Qualität setzt sich nicht automatisch durch, ist aber sehr hilfreich, um dem Vergessen zu entgehen.

5. Hochkultur ist Kapitalismuskritik
Da gebe ich Dietz recht. Aber das Hochkultur Kapitalismuskritik ist, ist auch gut so. Es ist, denke ich, bitter notwendig, bei kostspieligen "Events" auch nach dem inhaltlichen Niveau zu fragen. Wo dann in der Tat die überkommenen Einrichtungen der "Hochkultur", angefangen beim städtischen Theater oder dem örtlichen Kammerchor - aber auch, auf der mehr popkulturellen Ebene, z. B. kleine, aber gut etablierte Live-Musikclubs, die Vergleichsmaßstäbe liefern.
Es ist auch notwendig, "Eliteuniversitäten" darauf abzuklopfen, ob sie mehr können, als "hocheffiziente" Fachidioten heranzuziehen - der Kanon der "höheren Bildung" gibt den Vergleichsmaßstab.
Dietz behautet einfach Unsinn, wenn er meint, mit den Hochkulturbegriff würden wesentliche Teile der Kultur des 20. Jahrhunderts auf den Müll geworfen werden, weil Hollywood und die Beatles ja zum Beispiel keine Subventionen erhalten haben.
Wenn z. B. moderne Kunst, die sich "am Markt" nicht durchsetzt, subventioniert wird, führt das nicht automatisch dazu, dass diese Kunst in den Kanon der "Hochkultur" aufgenommen wird. Das ist ja gar nicht Sinn der Subvention, sondern eine nicht allein auf "Marktkonformität" gebürstete Kunst möglich zu machen.
Umgekehrt kann auch Kunst, die sich gut verkauft, hohen kulturellen Wert besitzen.

6. Hochkultur ist korrupt
Da hat Diez leider recht, allerdings anders, als er meint. Wenn, um bei Diezens Beispiel zu bleiben, der Münchner Intendanten Dieter Dorn nach seinem Abtreten hoch gelobt wird und über jede Kritik erhaben scheint, so liegt das an dem Ruf, den er sich im Laufe der Jahre, wenn auch wohl nicht mit jeder Inszenierung, erarbeitet hat. Sein Prestige ist mittlerweile so groß, dass Schwächen einfach nicht mehr gesehen werden.
Der Literaturkanon etwa wird regelmäßig durch den Prestigewert korrumpiert. Thomas Mann z. B. genießt einen hohen so Prestigewert, dass über seine unübersehbaren stilistischen Schwächen kaum geredet wird.
Und der schlechte Prestigewert der Naturwissenschaften verhindert, dass sie dergestalt in den "höheren Bildungskanon" aufgenommen werden, wie es meiner Ansicht nach erforderlich wäre.

7. Es ist wahr, dass es letztlich ist es nur ein winziger Teil der Bevölkerung ist, der von der Kultursubventionierung profitiert.
Es stimmt auch, dass diese "kulturelle Elite" zum beträchtlichen Teil zum eher wohlhabenden Teil der Gesellschaft gehört.
Aber das ist kein Grund, alle Kultursubventionen zu streichen. (Zur Erinnerung: auch die Bildung gehört zur Kultur!)
Gäbe es diese Subventionen nicht, wären Plätze in der Oper (das typische, gern genommen Beispiel) für "arme Schlucker" wie mich völlig unfinanzierbar. Nur wenige Museen sind in der Lage, sich allein aus Eintrittsgeldern und Stiftungen (auch eine Form der Subventionierung - wenn auch eine privat finanzierte) zu erhalten. Gäbe es nur noch private Universitäten, womöglich sogar ohne Stipendien für begabte, aber arme, Studenten (auch eine Form der Subvention!), dann wäre "höhere Bildung" Privileg einer kleinen wohlhabenden bis reichen Elite.
Reden kann man gerne darüber, was und wie gefördert wird. Aber das gefördert werden sollte, steht für mich nicht zur Debatte.
Übrigens: Manchmal sind gute Rahmenbedingen viel mehr Wert als bares Geld!

Donnerstag, 4. August 2011

Gedanken über Visionen

Karl Urban bloggt Wenn keiner mehr an Visionen glaubt.

Ich stimme Karl darin zu, dass Visionen etwas tolles sind, und auch die Gründe, die er dafür angibt, kann ich nachvollziehen:
1. Sie geben ein technisches oder gesellschaftliches Leitbild vor, an dem sich viele orientieren.
2. Sie beanspruchen mit einer für uns alle besseren Welt aufzuwarten, ohne Leid, Unrecht, Krieg, Atommüll oder Volksmusik.
3. Visionen brauchen keine Machbarkeitsstudie! Sie geben ein Idealbild vor, das gar nicht zwingend erreichbar sein muss. - Es muss lediglich den Anschein erwecken, man könne irgendwann dorthin gelangen.
Ich kommentiere diesen Beitrag nicht - den Kommentar, den ich schreiben wollte, hat Lars Fischer nämlich längst gemacht, und zwar prägnanter formuliert, als ich es getan hätte:
Unsere Gesellschaft will keine Zukunft, weil sie Angst vor ihr hat. Und deswegen hat sie auch keine.
Wobei zu ergänzen wäre, dass "unsere Gesellschaft" sich auf die "Entscheider" und "Meinungsmacher" in Politik, Wirtschaft und Journalismus bezieht. Die von Lars genannte Angst vor dem Internet ist nur ein Beispiel von vielen für diesen angstgetriebenen Konservatismus.

Ich nehme Kais Blogbeitrag statt dessen zum Anlass für ein paar Gedanken über Visionen. Nicht zum ersten Mal: "V" for "Vision"

Was sind "Visionen"? In diesem Kontext: "Innere Bilder", Vorstellungen, wie es sein könnte, Leitbilder.
Abzugrenzen von "Wunschträumen", die nicht einmal den Anschein erwecken, erreichbar zu sein, und von "Utopien" als ausgearbeitete Entwürfe von Gesellschaften, in denen Visionen verwirklicht wurden. (Oder, im Falle der "negativen Utopien", der Dystopien, als ausgearbeitete Entwürfe von Gesellschaften, in denen Befürchtungen wahr geworden sind.)

Utopien haben, wie Visionen, ihren Sinn. Solange jedenfalls sie nicht ins utopische Denken umschlagen. Utopisches Denken ist brandgefährlich, da es immer einen Zug ins Totalitäre hat. (Da bin ich voll und ganz bei Karl Popper.) "Utopisches Denken" ist die Vorstellung, die gesellschaftliche bzw. politische Zukunft planen zu können, ein Generalplan für eine perfekte Gesellschaft, mit der Vorstellung, dass sich alle nur bis ins Detail daran halten müssten, damit alles alles gut würde. Damit Utopien ins utopische Denken umschlagen, müssen zwei Dinge zur Utopie hinzukommen: eine Ideologie (am "besten" eine mit Unfehlbarkeitsanspruch) und die Vorstellung, die Utopie sei ohne Weiteres realisierbar, also eine "konkrete Utopie". Utopisches Denken (in diesem Sinne) ist Wunschdenken plus ideologischem Aktionismus und sollte nicht verwechselt werden mit dem Durchdenken von Alternativen, das mitunter auch "utopisches Denken" genannt wird.

Visionäre können mitunter lästig werden, vor allem dann, wenn wir ihre Visionen nicht teilen. Noch lästiger sind Pseudo-Visionäre, vor allem in der Politik, die jede politische Zielsetzung gleich zur "Zukunftsvision" aufblasen. Auf eine innerparteiliche Grundsatzdebatte in der SPD reagierte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt 1980 mit seinem gern missverstandenen sarkastischen Kommentar (auch ich hatte ihn missverstanden):
Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.
Dieser Spruch zielte, laut Schmidt, nicht, wie oft zu lesen ist (und wie ich in "V for Vision" irrtümlich annahm) auf den "politischen Visionär" und Amtsvorgänger Schmidts, Willy Brand, ab. Der knochenharte Pragmatiker Schmidt störte sich vielmehr am inflationären Gebrauch von Wörtern wie "Vision" oder "visionär" und erinnerte daran, dass "Vision" auch Sinnestäuschung bedeuten kann.
Ich kann Schmidt in dieser Hinsicht gut verstehen, auch wenn mir so manches an der schmidtschen Realpolitik und ihren bis heute spürbaren Auswirkungen nicht gefällt.
Einer der Gründe, wieso "keiner mehr an Visionen glaubt", dürfte der inflationäre Gebrauch des Begriffes sein. Manchmal ist "Vision" geradezu ein Euphemismus für "leeres Versprechen" oder "wage Hoffnung".

Ja, und dann gibt es noch die Vision in der ursprünglichen, der religiösen oder besser vielleicht spirituellen Bedeutung.
Ich gebe zu: ich kenne so etwas aus eigener Erfahrung. Nicht nur das: ich suche absichtlich und bewusst nach Visionen.
Sicherlich kann man "Gesichter" oder "Erscheinungen" als Trugwahrnehmung bzw. (Pseudo-)Halluzination hinweg rationalisieren. Anderseits erwiesen sich so viele meiner Visionen als bedeutsam, dass die durchaus plausible Hypothese, da würde mir bloß irgend ein Teil meines Gehirn einen Streich spielen, mich nicht so recht überzeugen vermag. Eher überzeugt mich schon die Jungsche Archetypenlehre, bei all ihren Unzulänglichkeiten.

Eine brauchbare Umschreibung für solche Vorgänge stammt von Daniel Pinchbeck (neuerdings wegen des Films 2012 Time for Chance im Gespräch). Pinchbeck stellt sich das Gehirn wie eine Art Radio vor. Von den vielen Informationen, die unser Gehirn erreichen, kommt nur der Teil in unserem Bewusstsein an, der der "eingestellten Frequenz" entspricht (bitte nicht im Sinne der berüchtigten "Schwingungsebenen" bestimmter "Eso-Leuchten" verstehen, alles ist nur eine Metapher für die komplexen Vorgänge, die in unserem Denkapparat ablaufen).Normalerweise empfangen wir den Sender "Konsensrealität" bzw. "Alltägliche Wirklichkeit" - vergleichbar mit einem regionalen Musik- und Informationssender (aber einem, den praktisch jeder hört).
Psychodelische, d. h. bewusstseinserweiternde, Drogen ersetzen laut Pinchbeck das Serotonin und andere Neurotransmitter durch Psilocybin, Ibogain, Dimethyltriptamin usw. und verstellen damit den "Empfänger". Auf einmal bekommt man völlig neue "Sender" hinein, die das Gegenstück zu avantgardistischem Jazz oder tibetischer Folklore bringen - oder Informationsender, die uns Dinge wissen lassen, die uns normalerweise entgehen.
Der entscheidende Punkt dabei ist, dass das Denken und Empfinden mehr oder minder unbeeinflusst bleibt. Das Bewusstsein ist hellwach. Das unterscheidet die Wirkungen psychedelischer Drogen z. B. von der von Alkohol oder Heroin.

Meiner Erfahrung nach lässt sich auch ohne Drogen ein "anderes Programm" einstellen - etwa durch schamanistische Techniken (wobei Schamanismus und Drogengebrauch keine Gegensätze sind).

Das Wort "verrückt" als umgangssprachliche Bezeichnung für "psychotisch" trifft in Pinchbecks Metapher unerwartet genau zu: in einer Psychose ist der "Empfänger" sozusagen dauerhaft verstellt - "Radio Alltägliche Wirkllichkeit" bekommt man einfach nicht mehr rein. Drogeninduzierte Psychosen, "auf dem Trip hängenbleiben", wären in diesem Bild etwa so, dass der "Regler" am "Empfänger" mit so viel Kraft verstellt wurde, dass er sich verklemmt hat. Wenn der "Empfänger" sowieso schon wackelig ist (latente Psychose) kann selbst eine "weiche Droge" wie THC (Hauptwirkstoff im Haschisch) "verrückt machen".

Ich will das Bild nicht überstrapazieren, etwa durch mehr oder weniger geistreiche Wortspiele mit "Vision" und "Television". Es dürfte aber etwas klarer geworden sein, wieso Visionen nicht immer und nicht zwangsläufig Irrsinn oder Trugbild sind. (Aber manchmal sind sie es eben doch!)
Allerdings darf, entgegen dem, was vor allem in der zeitgenössischen Esoterik und von manchen religiösen Mystikern gelehrt wird, der kritische Verstand nicht völlig vernachlässigt werden. Es könnte ja sein, dass der tolle Sender, auf dem wir ungeahnte neue Informationen empfangen, ein Propagandasender ist. Oder - anderes Bild - wir im "spirituellen Internet" auf eine "Verschwörungstheoretikerseite" gestoßen sind.
Oder dass die Informationen vielleicht richtig und wichtig sind, aber uns schlicht überfordern - so, wie ein Grundschüler mit einem langen Text aus der "Wikipedia" überfordert wäre.

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