Samstag, 28. November 2009

NaNoWriMo - einige Gedanken übers Schreiben

Chandler schrob sinngemäß, dass ein Schriftsteller, der über das Schreiben schreibt, sonst nichts mehr zu schreiben hätte.
Ich bin der Meinung, dass ein Blogger, der vor allem über sich selbst schreibt, das Bloggen besser zugunsten des guten, alten Tagebuchschreibens aufgeben sollten.

Daher verstößt dieser Beitrag gleich gegen zwei meiner Prinzipien. Vielleicht, weil ich weder Schriftsteller noch "A-" (oder auch nur "B-", "C-" oder "D-") -Blogger bin? (Zur Erinnerung: Schriftsteller ist nicht jemand, der schreibt, sondern jemand, dessen Beruf es ist, zu schreiben.)

Für mich ist der NaNoWriMo eine (weitere) Lektion in der "Schule des Lebens", im Fach "Kreativität". Weil ich merke, wie sehr meine "Filter", der "innere Zensor", die "Schere im Kopf", meine schöpferische Fähigkeiten normalerweise behindern. Ich merke aber auch, dass einige - nicht alle - dieser Filter nötig sind, aus ethischen Gründen, und aus Gründen der Selbstachtung. So nötig, dass ich mein hektisches Geschreibsel selbst Freunden nicht zum Lesen geben werde, bis ich ein wenig "Selbstzensur" an dem Skript verübt habe. Ich gehöre nicht zu den Typen, die sich in Nachmittagsshows oder in Castingsendungen öffentlich bloßstellen.
Der Gedanke, dass die Leser meines "Senfblogs" oder eines von mir unüberlegt dahingeschriebenen Romanversuches wie bei einer "Docu Soap" in voyeuristischen Freuden schwelgen könnten, mag mir, bei allem Selbstdarstellungsdrang, gar nicht behagen. Warum sollte ich der Welt Dinge anvertrauen, die ich allenfalls einem Psychotherapeuten anvertrauen würde - und auch das nur, weil ich mir davon Heilung verspreche und weil ich auf die Schweigepflicht vertraue?

Zu den "nicht notwendigen" Filtern. Wie kommen die in meinen Kopf - und in den Kopf vielen anderer?
Eine Antwort: Sie sind erlernt - und manchmal so tief verinnerlicht, dass ich vergesse, dass sie mir beigebracht wurden. Ich vermute, dass das anderen genau so geht.

Kreatives Schreiben ist eine "Handfertigkeit", und es kann und muss, wie jede Handfertigkeit, erlernt werden. Die Grundlagen - nicht die Handfertigkeit selbst, denn die kommt durchs Ausprobieren, Üben, Scheitern, trotzdem weitermachen - die lassen sich zum Beispiel in speziellen Seminaren lernen. Es soll sogar Schulen geben, in denen das "kreative Schreiben" gelehrt wird. Die Schulen, auf denen ich war, gehörten eindeutig nicht dazu. Was vielleicht gar nicht so schlecht war, wenn ich daran denke, was ich so alles nach der Schulzeit verlernen musste.

"Kreatives Schreiben" ist, davon bin ich nicht erst seit den "NaNo" überzeugt, "intuitives" Schreiben.
Im "nichtkreativen Schreiben", wozu ich ausdrücklich auch den Journalismus zähle, hat Intuition einer eher untergeordnete Funktion. Die "journalistische Spürnase" ist wichtig, wenn ein Journalist recherchiert (also das tut, wozu Journalisten im Arbeitsalltag kaum noch kommen). Beim Schreiben des Artikels zählen nur, wie in der gerade vom "Focus" so selten beherzigten alten "Focus"-Werbung, Fakten, Fakten, Fakten.

In den Schulen wird das "intuitive" Schreiben nicht gelehrt. Ganz im Gegenteil. Ich hatte noch das Glück, "altmodische" Hausaufsätze schreiben zu dürfen - zurecht "dürfen", denn damit habe ich mir einige Male die gute Deutschnote gerettet. (Ich hatte und habe einen starken Hang zur eigenwilligen Rechtschreibung und Grammatik, und war daher in Deutsch nie "sehr gut". Bis auf die Abi-Note. Wie ich das damals schaffte, ist mir bis heute ein Rätsel.)
Aber schon zu meiner, nun einige Jahrzehnte zurückliegenden Schulzeit, stand der "freie Aufsatz" tief im Schatten des angeblich "objektiven" Schreibens. (Obwohl es ausgerechnet eine Deutschlehrerin, die auch Philosophie unterrichtete, war, die uns eindringlich vor der Illusion warnte, dass etwa eine der schon damals so beliebten "Erörterungen" auch nur annähernd "objektiv" sein könnte. Sie gab auch zu, dass es zum Teil sicher von ihrem literarischen Geschmack abhänge, ob eine Textinterpretion als "gut" oder "sehr gut" bewertet würde - sie könne kann nur versuchen, dabei fair und gerecht zu sein, und zur Fairness gehöre es nun mal, den Schülern nichts vorzumachen. Sie gab sogar zu, dass die von der Kultusministerkonferenz geforderte "objektive" Notengebung geradezu zwangsläufig unfair sei. Nun ja, sie stand kurz vor der Pensionierung und hatte nichts mehr zu verlieren ... )

In der Schule lernt man, wenn man, wie ich, Glück hatte, in etwa so beim Schreiben vorzugehen: Zuerst ein Überblick über den Stoff geben, dann Fragestellungen entwickeln, Argumente sammeln, das Ganze ordentlich gliedern, möglichst viele Sichtweisen diskutieren, um ganz am Ende - wenn gefordert - noch zwei, drei Sätze "eigene Meinung" darunter zu setzen. Dass die "eigenen Meinung" nur selten gefordert wird, gehört meines Erachtens zum "heimlichen Lehrplan". Wobei meiner Ansicht nach sehr, sehr viele Deutsche allein die Lektion aus dem "heimlichen Lehrplan", dass die eigenen Meinung unwichtig sei, und man auf die Frage "Was meinst du dazu?" im eigenen Interesse möglichst nie offen und ehrlich, sondern dem mutmaßlichen Wunsch des Frager gemäß antworten sollte, aus der Schule mit ins Leben nehmen.

Verkehrt ist es nicht, so zu schreiben. Es ist nur unkreativ. Zwar bleibt im Berufsleben für solch eine Sorgfalt meistens weder Zeit noch Energie, aber Konzepte, Berichte oder wissenschaftliche Arbeiten sollten tatsächlich die eine oder andere Lektion über das "richtige Schreiben" aus Schul- Studiums- und Ausbildungstagen berücksichtigen.
Schon beim journalistischen Schreiben ist das etwas anders. In der Nachricht, der Reportage, dem Bericht usw. sollten nun einmal die Fakten zählen, nicht Meinungen, Gefühle und schon gar nicht Gesinnungen. Aber gerade ein Journalist sollte sich vor der Illusion hüten, er oder sie würde objektiv berichten. Hinzu kommt, dass
ein Journalist ohne (fundierte) Meinung und den Mut, sie auch an passender Stelle zu äußern, meiner Ansicht nach den Beruf verfehlt.

Sogar beim Bloggen - und erst recht beim "richtigen" journalistischen Schreiben - gibt es eine lange Liste "unbeschreibbarer" Themen. Die gibt es natürlich auch beim Roman, jedenfalls dann, wer er veröffentlicht werden soll. Ich vermute, dass einer der wichtigsten Gründe dafür, dass das Sortiment in Buchhandlungen von einer unübersehbaren Öde geprägt wird (siehe Schreiben nach Schema F?) die in den letzten Jahren deutlich länger gewordene "das-geht-nicht"-Liste bei Großverlagen ist.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich ausgerechnet beim Schreiben eines Romans, der diese Öde kein Stück beleben würde, wenn er dann erscheinen würde, merkte, wie tief sich diese lange Liste der "das-geht-nicht"-Themen und -Ansichten in mein eigenes Unterbewusstsein eingefräßt hat.
(Piratenromane und schlechte marinehistorische Romane gibt es schon viel zu viele. Selbst wenn man Geschreibsel gut sein sollte, was es IMO gar nicht ist und nicht sein kann, wäre es immer noch ein Buch, das die Welt nicht braucht.)

Mittwoch, 25. November 2009

Nach Mitternacht ... NaNoWriMo

Ich war schon ins Bett gegangen, aber es ließ mir keine Ruhe, es fehlten mir nur noch 637 Wörter. Im Bett kamen mir ein paar tolle Dialogideen. Ich stand einfach wieder auf und schrieb drauf los.
Als ich dann doch so gegen Eins aufhörte, zählte "OpenOffice" 50061 Wörter!
(Nach dem Verifikationsprogramm von NaNoWriMo sind es sogar 51003, aber da sind Prolog, Inhaltsverzeichnis, Anmerkungen, Notizen usw. mit drin, weil ich einfach mit "Strg A" alles markierte - die "reine Story" ist wirklich "nur" 50061 Wörter lang.)
Ich hatte es geschafft und war total geschafft.
NaNoWriMo 09 Winner
Der Roman "Brüder der Küste" ist noch lange nicht fertig. Es fehlen sogar noch einige Kapitel, es gibt Lücken in der Handlung, und vor allem fehlt ein Schluss. Und es ist alles "Quick & Dirty"! Aber trotzdem ....
ich weiß jetzt: ich kann's!

Übrigens stehe ich bei so einem "ausgeluschten" Thema wie "Piraten in der Karibik" vor einem bekannten Problem: Es gibt eigentlich nichts Neues mehr. Alles ist nur Variation des Alten. Weshalb auch eine enge inhaltliche Verwandschaft zu Sabatinis "Captain Blood" und zu Crichtons "Pirate Latitudes" unübersehbar sein dürfte. Die ganze Spannung und Originalität liegt also am "wie", nicht am "was". Ich weiß nicht, ob ich auch nur den Hauch einer Chance habe, anders, aber eben so gut wie Sabatini oder Crichton zu schreiben, aber es gibt nur eine Methode, das herauszufinden: Ausprobieren.

Einiges zur rohen Vorfassung eines Romanfragments (mehr ist es zur Zeit noch nicht) "Brüder der Küste" auf hrafnsgaldr - NaNoWriMo unter "Novel Info".

Dienstag, 24. November 2009

Das folgenschwerste aller Biologie-Bücher

Heute ist der 150. Jahrestag der Veröffentlichung des bahnbrechenden Buches "On the origin of species by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life" von Charles Darwin.
"Die Entstehung der Arten", wie der Band in der deutschen Übersetzung heißt, erschien am 24. November 1859 mit einer Auflage von zunächst nur 1500 Exemplaren - die im Nu vergriffen waren.
Es gab die erste wissenschaftlich überzeugende Antwort auf eine der großen Menschheitsfragen: Warum gibt es Pflanzen, Tiere und Menschen? Wie lassen sich ihre Eigenschaften auf natürliche Weise erklären? Damit wurden einige der auffälligsten und zugleich rätselhaftesten Phänomene der Natur, die sich der biologischen Forschung über Jahrhunderte hinweg hartnäckig entzogen hatten, wissenschaftlich verstehbar.
Darwin-Jahr.de: Die Darwinsche Revolution.

Auch auf Darwin-Jahr.de fand ich einen Buchtipp für ein Buch, dass ich unbedingt lesen muss:
Darwin und die Götter der Scheibenwelt von Terry Pratchet.

Sehenswert zum Jubiläum: Darwin und kein Ende - Darwins Korallen auf dctp.tv.

Dienstag, 17. November 2009

Die Tücken der Nulltoleranz

Es hat sich in der Kriminalitätsprävention praktisch bewährt, es ist nicht unproblematisch, es wird immer wieder falsch verstanden und noch häufiger politisch instrumentalisiert: das Prinzip der "Null Toleranz".

Der bizarrsten Blüten treibt das Prinio "Zero Tolerance" seit einiger Zeit im Vereinigten Königreich. Einem Mann, der eine Schrotflinte fand und persönlich zur Polizeiwachen brachten, drohen fünf Jahre Haft Ex-soldier faces jail handing in gun (surrey twoday) . (Via Uwe Vetters Lawblog).
Der Grund für das dem üblichen Gerechtigkeitsempfinden Hohn sprechendes Urteil des "Guildford Crown Court" liegt darin, dass der britische Gesetzgeber das Prinzip der "Zero Tolerance" - hier: dass jeder illegale Waffenbesitz bestraft wird, egal, aus welchen Gründen: "The intention of anybody possessing a firearm is irrelevant" - mit der beliebten Idee der "abschreckenden Strafe" kombiniert hat - Mindeststrafe für illegalen Waffenbesitz fünf Jahre. Es ist sehr zu hoffen, dass das Urteil vor höheren Instanzen kein Bestand hat.

Eine weitere britische Zero-Toleranz-Regelung ist nicht so leicht unter "schwerer handwerklicher Fehler bei der Gesetzgebung, geboren aus Aktionismus, Populismus und Hysterie" abzuhaken:
Scouts banned from carrying knives (times online) (Via Cynx.) Ich persönlich finde diese Regelung nicht gut, weil sie die jungen Pfadfinder im Grunde unter einen fast immer unberechtigten Generalverdacht stellt. Anderseits ist das Messertrageverbot aber moralisch legitim und wahrscheinlich aus praktischen Gründen geboten.
Ein Fahrtenmesser kann ein Werkzeug sein, aber am Gürtel als Teil der Kluft getragen, überwiegt doch m. E. der Waffencharakter. Das Messer-Verbot mag zwar eine übertrieben strenge Regelung sein - aber sie ist, anders im Fall des Waffenfinders, immerhin gerecht - denn es ist nicht einzusehen, mit welchem Recht Pfadfinder Messer im Gürtel tragen dürften, andere junge Menschen jedoch mit so einem Fahrtenmesser sofort als "Messerstecher" verdächtigt werden würden.

Es gibt ja auch sinnvolle Verbote, die durch Ausnahmen für "harmlose Fälle" undurchsetzbar werden würden. Zum Beispiel ist Alkoholgenuss in den "Metronom"-Zügen ab sofort verboten:
Das Verbot gilt in jedem Metronom zu jeder Tages- und Nachtzeit, an allen Wochentagen, für alle Fahrgäste und für alle Varianten von Alkohol, also auch das Feierabend-Bier oder das Hausfrauen-Sektchen. Die Metronom Eisenbahngesellschaft gestaltet das Verbot so umfassend, um gerecht zu bleiben und Diskussionen vor Ort zu vermeiden.
Metronom startet Alkoholverbot (taz-nord).

Das ist ein Beispiel dafür, dass eine "Null-Toleranz"-Regelung auch ganz pragmatische Gründe haben kann - auch wenn das Feierabend-Bier niemanden weh tut und die Regelung damit streng genommen über das Ziel hinaus schießt.

Sonntag, 15. November 2009

Bergfest (oder Äquatortaufe)

Wir schreiben den 15. November 2009 - und ich habe über 30000 Wörter ( 31687 ganz genau, Stand 9:00 Uhr) meines Piratenromans mit dem Arbeitstitel "Brüder der Küste" geschrieben. Die Hälfte des Monats ist verstrichen, und die Hälfte des Schreibpensums von 50 000 Wörtern überschritt ich bereits am Donnerstag, dem 12. . Damit liege ich recht gut im Zeitrahmen - jedenfalls für einen "Feierabendschreiber".

Zeit, einige Gedanken darauf zu verwenden, was der kollektive Schreibwahnsinn aka NaNoWriMo so mit mir anstellt.

Die erste Beobachtung ist die nicht ganz überraschende, dass andere Interesse und Hobbies darunter leiden. Das ist unter anderem auch an diesem Blog ablesbar - ich komme kaum noch dazu, über etwas anderes zu bloggen als den NaNoWriMo. Dass ich dagegen praktisch gar nicht mehr fernsehe, stört mich übrigens nicht die Spur.
Zum Glück heißt das nicht, dass mich nichts in der Welt außer diesem Schreibwettbewerb interessiere würde. Das war meine heimliche Befürchtung vor dem November - ich kenne meinen Hang, mich total in irgend etwas zu versenken.
Die dritte Beobachtung ist die, dass mein Alltag erstaunlich wenig darunter leidet. Tatsächlich gibt das Schreibpensum, oder genauer, die Zeit, die ich fürs Schreiben reserviere, dem Tag zusätzlich zur Arbeit Struktur - und dank dieser Struktur bewältige ich den Alltag vielleicht sogar besser als in Zeiten der Arbeitslosigkeit. Auf die Dauer etwas viel Struktur, zugegeben, aber bis zum 30. halte ich noch durch.
Die "Chandler-Methode", nicht nach Tagespensum zu schreiben, sondern einfach Alltags zwei oder drei, am Wochenende sechs oder acht Stunden (hängt jeweils von der Tagesform ab) zu reservieren, hat sich für mich bisher bewährt. Würde ich mir ein Pensum vornehmen, bestünde die Gefahr, dass ich an Tagen, an denen es nur langsam vorangeht, bis spät in die Nacht schreibe. Der "Schreibrausch", in dem ich Lust habe, bis zum "Headcrash" (Kopf fällt vor Übermüdung auf die Tastatur) zu schreiben, tritt ja eher selten ein. Der "Schreibdurchfall" ist da etwas anderes, weniger Euphorisches, weniger Inspiriertes. Ich habe den Verdacht, dass der "Schreibdurchfall" dadurch zustande kam, dass ich auch "im Inneren" merkte, dass ich den "inneren Zensor" in den "Urlaub" geschickt habe. Dazu ein Haufen dahingekritzelter Notizen - und der "Zustand" war da.

Ansonsten sind meine Gedanken oft auch dann, wenn ich nicht schreibe irgendwie in der Karibik - was ja angenehm wäre, wenn es nicht die Karibik des Jahres 1672 wäre. Es weckt schon starke, und nicht unbedingt angenehme Gefühle, wenn ich zum Beispiel eine Sklavenauktion schildere.
(Wobei es vergleichbare Scheusslichkeiten ja noch heute gibt.)

Mein Charakter und meine Weltsicht gehen ungefiltert in den Roman ein. Was außer der schon früher von mir bemerkten Akzentverschiebung weg vom Abenteuergarn hin zum historischen
Roman bewirkt, dass "Brüder der Küste" sich zu einem deprimierenden historischen Roman entwickelt. Der andererseits nicht faktennah genug ist, um als "romanhafte Aufarbeitung eines blutigen Kapitels der Weltgeschichte", wie es so schön auf den Rückseiten- und Klappentexten heißt, durchgehen zu können.
Ich muss mich ab und an zur Kurskorrektur zwingen, damit der Roman zumindest ansatzweise der amüsante Abenteuerschmöker wird, als der er eigentlich geplant war. Dass er ein Schundroman, ein Buch, das die Welt nicht braucht, werden wird, war von vornherein eingeplant. NaNoWriMo ist eine sportliche Herausforderung, keine kulturelle.
Weshalb "nach Fertigstellung löschen" durchaus eine realistische Option ist. Ich sehe den NaNoWriMo als "Trainingseinheit" an, in der ich meine Fähigkeit, diszipliniert und unter Zeitdruck kreativ zu schreiben, verbessere. Der Roman ist für mich wichtig - und mir graust ein wenig vor der Möglichkeit, immer wieder auf den Schrott angesprochen zu werden, den ich da verbrochen hätte. Ein ehrgeiziger Autor, der ein Skript verwirft, ist nun mal angesehener, als einer, der seinen Schund auf Biegen und Brechen veröffentlicht. Oder anders gesagt: ich fürchte, meinen Ruf als Schreiber zu ruinieren.

Zum Roman selbst:
Ich erlebe, wie schwierig es ist, etwas "nicht" zu denken. ("Nicht an das rosa Krokodil denken".) Das heißt: mein Hauptcharakter, ein Schiffsarzt, sollte kein heroischer und kundiger Heiler im Stile Noah Gordons werden - und was wird er? So etwa wie "Der Medicus" oder "Der Schamane" zur See! Das ergibt sich aus einer gewissen Eigendymnamik des sich verselbständigen Klischees, gegen die anzusteuern Einiges an Energie erfordert. Damit aus Jan kein "Medicus" wird, müsste ich sozusagen "gegen den Strich" schreiben. Das ist offenbar schwieriger und auch zeitaufwendiger, als ich dachte.

Eine zweite Eigendynamik. Ich kürze nicht (wäre beim NaNoWriMo ja auch kontraproduktiv). Die Folge: unzählige Abschweifungen, Detailschilderungen, Nebenhandlungen. Von den geplanten 14 Kapiteln sind jetzt, zur "Halbzeit", gerade einmal vier fertig - aber jedes davon ist gut doppelt so lang wie geplant. Theoretisch müsste ich jetzt acht Kapitel fertig haben.

Hingegen sind die "Jugendschutz"-Probleme, die ich am Anfang hatte, keine Probleme mehr, seitdem ich meinen ernsthaft erwogenen Plan, den Roman zu veröffentlichen geknickt habe.

Also ist Jan am Anfang "Hurenarzt" in Port Royal und behandelt, so gut es mit den Mitteln seiner Zeit geht, Geschlechtskrankheiten, und beschert seinen Patienten dabei wohl oder übel Quecksilbervergiftungen. Außerdem nimmt er reihenweise Abtreibungen vor. Davon lebt er nicht schlecht, aber irgendwie hat er die Schnauze von diesem Berufsfeld voll.
Ein weiterer Protagonist ist ein - nach einem "Berufsunfall" - einbeiniger Pirat, der vorher als Stückmeister für die Kanonen der "Aphrodite", jetzt aber als Schiffskoch nur noch für die "Gulaschkanone" (die es übrigens 1672 noch nicht gab, bitte also als Metapher verstehen) zuständig war - ja, Long John Silver lässt schön grüßen. Der bisherige Wundarzt der "Aphrodite" ist ein elender Stümper - also ein typischer Vertreter sein Zunft - so jemand, der sozusagen Blutverlust mit Aderlass behandelt (Vorsicht: Metapher!) und Wunden absichtlich zum Eitern bringt, weil Wunden nun einmal eitern müssen. (Und so was kam in der frühneuzeitlichen Heilkunde wirklich vor!) Der jetzige Schiffskoch sieht sich nach einem guten Arzt um, der sich um den schmerzenden Stumpf seines mehr abgehackten als amputierten Beines kümmern soll. So kommt eines zum Anderen und Jan, genannt der "Doktor aus Friesland" (obwohl er keinen Doktortitel hat und strenggenommen kein Friese ist), wird Buccanier und "Bruder der Küste".
Soweit das Grundgerüst des 1. Kapitels.

Der bisher geschriebene "Rest" behandelt den Abschied von Jans Geliebter und seinen einheimischen Freunden (die nötige Portion Schmalz), die Versuch der Aphrodite-Crew, zusätzliche Leute anzuwerben: Methode 1 funktioniert nicht und zieht Kneipenschlägerei (muss sein, ist schließlich ein Piratenroman) und Ärger mit der Obrigkeit nach sich, Methode 2 funktioniert, würde aber, im Falle des Auffliegens, noch massiveren Ärger mit der Obrigkeit bedeuten, durchaus in Form eines Kriegsschiffes mit 40 Kanonen (darunter 18 24-Pfünder), das die "Aphrodite" (16 Kanonen, alles 6-Pfünder) mit einer gut liegenden Breitseite durchaus in den Treibholzzustand überführen könnte.
Dann kommt bisher noch ein klassischer Piratenangriff auf ein Handelsschiff vor - das für die Piraten (die nicht etwa die Jungs von der "Aphrodite" sind, sondern andere Freibeuter) etwas anders ausgeht, als erwartet. (Hätte ich noch eine Spur dicker aufgetragen, wäre das Ergebnis, zumindest für Asterix-Leser, durchaus zu erwarten gewesen.)
Das geplante Seegefecht habe ich erst mal abgesagt. Weil ich mich in die Mentalität eines Freibeuters hineinversetzte: "Wozu kämpfen, wenn man wirksam drohen kann?" Die Mär vom "grausamen, schrecklichen Piraten" geht ja tatsächlich teilweise auf die "psychologische Kriegsführung" von raffinierten Freibeutern wie "Blackbeard" zurück, der eher harmlos war, aber sehr beeindruckend aufzutreten verstand.
Im Moment arbeite ich an einem Hurrican und an einem Abstecher nach Tortuga. Und Jan hat einen Zahn gezogen, auch wenn das an sich eher der Job des Baders und Barbiers wäre. (Aber der Patient traut Jan in dieser Hinsicht mehr zu - stimmt auch, Jan nimmt eine Flachzange, direkt aus dem Werkzeugkasten, der Bader hätte einen Haken benutzt - wie er u. A.noch in einer Karrikatur von Wilhelm Busch aus dem 19. Jahrhundert abgebildet ist.)

Vielleicht wird der Schund also wenigstens unterhaltsamer Schund.

Dienstag, 10. November 2009

Schreibdurchfall - NaNoWriMo, Woche 2

Ich erwähnte, dass ich manchmal in einem buchstäblichen Schaffensrausch, in einer Art "Schreibtrance" schreibe.

Am Montag dem 9. erlebte ich eine Form der "Schreibtrance", die ich nur als "Schreibdurchfall” bezeichnen kann.

Am Wochenende war ich für zwei Tage auf (Geburtstags-) Besuch, und da schreibt man ja nicht einfach vor sich hin.
Ich hatte aber Zeit zum Schreiben, denn die Anreise per Bahn dauerte fünf, zurück sogar rund sechs Stunden. Da ich kein kleines, handliches Netbook mein Eigen nenne, kritzelte ich eifrig in meinen Schreibblock.
Wieder zuhause tippte ich das Gekritzel dann ab. Dabei kam ich ins Spinnen, freie Assoziieren, irgendwelche Sätze, die mir gerade einfielen Niederschreiben. Sogar Einfälle, die Kapitel betreffen, die noch gar nicht "dran" waren, schrieb ich nieder. Also jeder Scheiß, der mir gerade in den Sinn kam - deshalb auch Durchfall.

Das Resultat: nach rund vier Stunden fieberhaften Tippens hatte mein Romanskript 21400 Wörter - die gerade Zahl ergab sich, weil ich mir sagte: den Hunderter noch voll, dann Schluss.
Darunter ist allerdings verdammt viel Wortmüll. Satzfetzten und Fragmente, oft in atemberaubend regelwidrigen Grammatik und voller Tipp- und Rechtschreibfehler.

Normalerweise ginge es jetzt ans große Saubermachen, aber in der Ausnahmesituation NaNoWriMo, wo es nur auf Quantität ankommt, kostet Nacharbeiten kostbare Zeit. Anderseits habe ich auch meinen Stolz als Schreiberling - und ging heute noch mal ´drüber.

Wirklich streichen brauchte ich nichts, denn der Schreibmüll lässt sich gut zu vollständigen Sätzen aufarbeiten. Allerdings habe ich auf diese Weise ein halbes fünftes Kapitel, dass jetzt frei im Raum hängt, und einige logische Übergänge müssen noch eingefügt werden,
Anderseits ergab sich aus einige Dialogfetzen ein weiterer, mit der Haupthandlung verwobener paralleler Handlungsstrang, der den Roman, denke ich, lebendiger und spannender macht. Es geht um das Problem, dass die Schiffe zu schwach bemannt sind, und man sich so als Kaperfahrer nicht einfach an einen seriösen Heuerbaas (Arbeitsvermittler für Seeleute) wenden kann. Nun gut, es gibt in Port Royal auch weniger seriöse Heuerbaase - woraus sich interessante Verwicklungen und eine Kneipenschlägerei (und eventuell auch ein Degenduell - mal sehen) ergeben.
Jolly Roger 01
Nein, keine Piratenkneipe, sondern der legendäre "Jolly Roger" auf St. Pauli, Fankneipe des gleichnamigen F.C. St. Pauli.

Alles in allem ist das Ideenniederkritzeln mit anschließendem "Schreibdurchfall" zwar keine sonderlich effiziente Methode des kreativem Schreibens. Es ist aber auch nicht weiter kontraproduktiv - wenn man es nicht zu oft macht.

Montag, 9. November 2009

9. November - leider auch Anlass zur Wut

Den Vorabend zum 9. November - bekanntlich nur Jahrestags der Maueröffnung, sondern auch der von der NSDAP organisierten deutschlandlandweiten Pogrome gegen Synagogen und jüdische Geschäfte - "feierten" die kackbraunen Hohlbratzen auf ihre Weise:
Angriff auf die Neue Synagoge in Dresden am Vorabend des 9. November 2009 (npd-blog)

Zwar stammt das Wort "Reichskristallnacht" nicht aus dem offiziellen Nazisprech (nach offizieller Sprachregelung war das ein "spontaner Ausbruch des Volkszorns"), ist aber dennoch verharmlosend, denn es erweckt dem Eindruck, als seien damals lediglich Schaufensterscheiben zu Bruch gegangen.

Tatsächlich werden selbst in der seriösen Literatur falsche und zu niedrige Opferzahlen der Novemberpogrome genannt. In einem Ausmaß zu niedrig, dass Prof. Dr. Meier Schwarz von einer Kristallnacht-Lüge spricht.
In mühevoller Kleinarbeit fand unsere Arbeitsgruppe bei der Akteneinsicht in den ehemaligen Konzentrationslagern und durch die Knüpfung persönlicher Kontakte zu Hinterbliebenen der Opfer heraus, dass in der Pogromnacht ungefähr 400 Menschen ermordet wurden. Während der Tage nach dem Pogrom kamen weitere 400 Menschen ums Leben.
Meier Schwarz vermutet, dass die Anzahl der Opfer des Pogroms bei 1.300 bis 1.500 liegt.
Das heißt: die Pogromnacht war tatsächlich und mörderisch-tätig der Auftakt zur Judenvernichtung.

Und noch ein Jubiläum, eines, das erfreulich hätte sein können. Vor 70 Jahren entkamen Hitler und weitere Mitglieder der NS-Führungsspitze, darunter Propagandaminister Goebbels, der Reichsführer der SS, Himmler und der stellvertretende Parteichef der NSDAP, Hess, nur um Haaresbreite einem Attentat. Das Attentat vom 8. November 1939 steht im Schatten des 9. November 1938 und wird überstrahlt vom 9. November 1989.
Über Georg Elser - ein einsamer Held schrob ich vor zwei Jahren in diesem Blog.
Auf den "NachDenkSeiten" schreibt Albrecht Müller
Zum Gedenken an Johann Georg Elser, einen der wenigen mutigen Helden. Bisher ohne Gedenken.


Nachtrag: Im MDR-Fernsehen war bei dem Hakenkreuzschmierereien an der Dresdner Neuer Synagoge eine Gleichsetzung von Hakenkreuz und Davidstern zu sehen. Das spricht, neben teilweise englischen Sprüchen: Fuck the Juden, Monkey! ; Scheiß Juden; Killers of Children dafür, dass das Mal vielleicht keine kackbraunen, sondern "antizionistische" oder vielleicht "islamistische" Hohlbratzen am Werk waren. Egal, wer es war: antisemitische Hohlbratzen bleiben antisemitische Hohlbratzen, egal mit welchem Hintergrund.

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