Dienstag, 25. August 2009

Einige Gedanken dazu, dass es "nach Apollo" nicht weiterging

"Hat man eine Erde gesehen, hat man alle gesehen."
Harrison Schmitt (Apollo 17) über den Anblick der Erde aus dem All.

"Es" steht hierbei nicht für die Raumfahrt - die ja weiterging, wenn auch in weitaus bescheidenerem Maße, als dies 1969 allgemein erwartet wurde. "Es" steht für eine technologische, kulturelle und allgemein-gesellschaftliche Aufbruchstimmung der später 1960er Jahre, deren spektakulärstes Symbol die bemannten Mondlandung war.
Karan schrob anlässlich des Apollo-11-Jubiliäums:
Die Grundhaltung war damals: alles ist möglich. Unbegrenzt wie der menschliche Forschungsdrang erschienen die Mittel und Gelegenheiten. Und ich frage mich bis zum heutigen Tag, wann genau das eigentlich gekippt ist. Es war wohl ein gradueller Prozeß…
Am einfachsten lässt sich diese Frage noch in Hinblick auf die Raumfahrt selbst beantworten. Ich sehr das von John F. Kennedy angeschobene Mondlandeprojekt einerseits als den Versuch, der Welt die technische und organisatorische Überlegenheit der USA zu demonstrieren - und zwar ohne die Gefahr einer militärische Auseinandersetzung mit der UdSSR. Anderseits war es der clevere Versuch, ein staatliches Technologieförderungsprogramm in einem Land durchzusetzten, in dem solche Programme traditionell auf starken Widerstand stoßen. "Apollo" regte, anders als die großen Rüstungsprojekte, die beteiligten Unternehmen zur Transparenz und Zusammenarbeit an. Erfindungen, die für "Apollo" gemacht wurden, verschwanden nicht erst mal wegen der militärischen Geheimhaltung, für einige Jahre im Panzerschrank, sondern der "Spin-Off" konnte sofort an die Zivilwirtschaft weitergegeben werden. Bei "Apollo" wurde nicht nur neue Technologien erprobt, sondern auch neue Managementmethoden.
Für die Militärtechnologie war und ist der Mond uninteressant - daran ändern auch Mondflug-Projekte unter militärischer Leitung wie Horizon (US Army) oder Lunex (US Air Force) nichts, die schon in ihrer Definitionsphase starben, weil die Frage, was das Militär auf dem Mond will, nicht zu schlüssig zu beantworten war.
Für das Militär reichen Raketen, die Satelliten für die Spionage, für die militärische Kommunikation in die Umlaufbahn bringen, aus. Auch für "Killersatelliten", die andere Satelliten stören oder zerstören, braucht man weder Mondflüge, noch Sonden, die andere Planeten erreichen. Man braucht, wie die US Air Force, die 1969
entsprechende Pläne
aufgab, im Verlauf der 1960er Jahre merke, dafür auch keine bemannten Raumstationen.
Es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass der ausgeprägte Militärisch-industrielle-Komplex der USA Apollo nur so lange unterstützte, solange das Ziel "es die Russen zu zeigen", also die Propagandawirkung und die Demonstration technischer (auch indirekt: waffentechnischer) Überlegenheit klar im Vordergrund stand. Mit der geglückten Mondlandung wurde das Apollo-Projekt uninteressant.
Übrigens dachten auch viele Menschen abseits des Militärisch-industriellen-Komplexe ähnlich. Erinnert sei an den Ausspruch des CBS-Anchorman Walter Cronkite, dass das Geld für das Apollo-Programm verschwendet gewesen sei, weil "die Russen niemals im Rennen gewesen waren." (Siehe: Die echte "Mondlandungslüge".)

Indirekt wirkten die Mondflüge über das Bild der Erde aus dem Weltraum, das nicht zufällig zur "Ikone" der Umweltbewegung wurde:
NASA-Apollo8-Dec24-Earthrise
Wenn man so will, kam erst mit der Raumfahrt die "kopernikanische Wende" im Alltagsbewusstsein an: die Erde ist nicht die "große, weite Welt", sie eine winzige, blaue Oase vor dem immensen schwarzen Hintergrund des Weltalls. Erst seit Ende der1960er Jahren gibt es so etwas wie eine geistige Globalisierung - neben der ökonomischen, die es schon spätestens seit dem 19. Jahrhundert gibt.
Wo es eine "geistige Revolution" gibt, die Hinwendung zum globalem Denken - verbunden mit den ebenfalls etwa vor 40 Jahren populär gewordenen "Graswurzel-Bewegungen, dem "lokalen Handeln", da gibt es auch Gegenkräfte. So wie es heute politische Kräfte gibt, die das Internet (übrigens auch einem "Kind" des bewegten Jahres 1969) im Sinne der "bestehenden Ordnung" zu bändigen versuchen. Nicht alle diese Gegenkräfte kamen "von oben", der Natur und Umweltschutz war lange Zeit stark konservativ (bis reaktionär) und "antitechnisch" geprägt. Es ist m. E. kein Zufall, dass eine Umweltbewegung, in der gesellschaftlich progressiv gedacht wurde, und die in moderner Technik auch Chancen und nicht nur Gefahren sah, sich erst gut zehn Jahre nach "Apollo" und "Woodstock" etablieren konnte. Vorher dominierten noch Menschen, die mit der Vorstellung, für eine florierende Wirtschaften seinen nun einmal "rauchende Schlote" notwendig, und die natürlich Ressourcen seien im Prinzip unerschöpflich, aufgewachsen waren, Politik und Wirtschaft. (Umgekehrt wurde der Natur- und Umweltschutz lange Zeit von einem starken antitechnologischen Affekt beherrscht, der selbst heute noch spürbar ist.) Auch das Denken, dass Kriege "da hinten" in Ostasien oder Hungersnöte "da drunten" in Afrika "uns" nicht angingen, ist seit der geistige Globalisierung, die in den 1960er Jahren begann, "von gestern".
Unsere heutige Kommunikation ist weltumspannend. Was immer in einem Winkel der Erde geschieht, der Rest sieht es. Kein Despot kann mehr machen was er will, ohne dass die Bilder in alle Länder gehen. Dass das den wenigsten Mächtigen und sich für mächtig haltenden, nicht passt, sollte nicht überraschen.

Dabei bedeutet "progressiv", obwohl dieser Begriff gern von (extremen) Linken gekapert wurde und wird, nicht dasselbe wie "sozialistisch". In der BRD konnte man sich dem Vernehmen nach Ende der 1960er in "linken Kreisen" schnell zum Außenseiter stempeln, wenn man im "Apollo"-Projekt einen tieferen Sinn sah. Das überstieg offensichtlich den Horizont der damals tonangebenden "linken" Kräfte. Den der Konservativen sowieso.

Vielleicht sollte man das "Apollo-Projekt" aus Ausdruck des "Unbewussten einer Organisation" sehen.
Der Ausdruck stammt vom Physiker
Richard Feynman, und wurde von ihm während der Untersuchungen zur Challenger-Katastrophe im Jahr 1986 geprägt. (Bekannt wurde sein öffentlicher Auftritt, in dem er die Folgen von Frost an den Dichtringen der Feststoff-Treibstofftanks mit einem Glas Eiswasser vorführte.) Sein von der Mehrheit abweichender Bericht äußerte sich kritisch zur bürokratischen Organisation der NASA.
Feynman wusste innerhalb einer Woche, dass ein Dichtungsring die technische Ursache des Unfalls war. Hingegen verbrachte er sechs Monate damit, herauszufinden, wie es möglich war, dass einer Organisation wie der NASA so ein haarsträubender Fehler unterlaufen konnte. Seine Erklärung:
Vor der Mondlandung stand die ganze US-amerikanische Gesellschaft hinter den Raumfahrt-Projekten. Aus durchaus unterschiedlichen Gründen, im Zweifel war es reines Prestigedenken: man wollte "vor den Russen" auf dem Mond sein. Aus politische Gründen wurde das Raumfahrtprogramm schon während der Apollo-Flüge drastisch eingeschränkt. Die Folge: in den 1970er Jahren war die NASA eine 5 Milliarden-Bürokratie, die nicht ausgelastet wa.
Also erfand sie sich einen Arbeitsauftrag, den sie der Politik (und ich ergänze: dem Militärisch-industriellen-Komplex) "verkaufen" konnte - das "Space Shuttle"-Programm. Der Shuttle-Orbiter sollten, entgegen der ursprünglich Planung, so groß sein, dass er Satelliten nicht nur starten, sondern auch bergen und zur Erde zurückbringen konnte. Außerdem versprach man, dass die Raumfahrt mit einem teilweise wiederverwendbaren System wirtschaftlicher werden würde als mit "Wegwerf-Raketen" - eine schon damals umstrittene Ansicht. Folge: das Projekt wurde, anders als Apollo sozusagen "auf Kante genäht": man musste ja zugleich "wirtschaftlich" sein wie andererseits die hohen Erwartungen der Air Force und des CIA erfüllen. Die NASA musste außerdem trotz der Vorbehalte in der Bevölkerung (die es aus verschiedene Gründen und aus verschiedene Richtungen gab) sicherstellen, dass die Gelder weiterhin vom Parlament genehmigt würden.
Feynman sagte, die NASA hätte sich sozusagen in zwei Hälften gespalten: Das obere Management war damit beschäftigt, das Space-Shuttle-Projekt der Nation zu verkaufen und wollte von Sicherheitsfragen deshalb nichts wissen. Es verdrängte die Probleme in das "Unbewusste der Organisation".

Was Feyman für die NASA feststellte, gilt, dessen bin ich mir ziemlich sicher, auch für "westlichen Gesellschaften" als Ganzes: "Von unten", in der Bevölkerung, kam nach der Aufbruchstimmung der späten 1960er Jahre (die sowieso nur einen Teil der Bevölkerung mitriss - in Westdeutschland wollte längst nicht alle mit Bundeskanzler Willy Brandt "mehr Demokratie wagen") spätestens nach der "Ölkrise" 1973 die Ernüchterung. Zudem rächte es sich in dieser Zeit, dass in den 1950er und 1960er Jahren, der Begriff "Fortschritt" (Wandel zum Besseren) in der medialen Öffentlichkeit zumeist auf "technischen Fortschritt" und dieser wiederum auf "technische Neuerungen" reduziert worden war. Wer etwas gesellschaftlich bewegen wollte, musste sich anpassen - die Umweltschützer etwa an die oft stockkonservativen Naturschützer, während die "68er" (und noch mehr "69er"-Nachläufer) beim "Marsch durch die Institutionen" das Klüngeln und den Opportunismus lernten. Andere lernten, sich und ihre Idee zu verkaufen - so gut, dass am Ende oft nur nur heiße Luft als "Idee" verkauft wurde.

Sonntag, 23. August 2009

Müllexport - getarnt als Gebrauchtwaren

Der Hamburger Hafen wird gerne als Tor zur Welt angepriesen. Doch er hat auch einen dunklen Hinterausgang. Durch diesen verlässt, oft verborgen in abgewrackten Autos, Elektroschrott das Land in Richtung Asien und Afrika.
Elektroschrott: Vom Hafenkai direkt nach Afrika (VDI-Nachrichten.com)

Die Reportage aus dem Hamburger Hafen beleuchtet ein gern verdrängtes Problem: Elektronikschrott wird, oft als "Gebrauchtgeräte" getarnt, oft in als "Gebrauchtwagen" deklarierten Autowracks verborgen, in arme Länder Afrikas und Südasiens exportiert. Dort landen die Geräte auf wilden Müllkippen auf oder werden in "informellen Recyclingbetrieben" unter katastrophalen Arbeitsbedingungen ausgeschlachtet. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) geht davon aus, dass gefährlicher Schrott aus Deutschland in großem Stil falsch deklariert und in arme Länder entsorgt wird.

Donnerstag, 20. August 2009

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme: Düsenjäger (Jet Pilot)

Der Film hatte theoretisch alles, was man in den 1950er in den USA für einen Kinokassenknüller brauchte: eine zugleich melodramatische und spannende, wenn auch unlogische Geschichte, zwei echte (und nicht nur so genannten) Superstars, John Wayne und Janet Leigh, in den Hauptrollen, dank freundlicher Unterstützung der U.S. Air Force viele spektakuläre Flugaufnahmen, ein üppiges Buget - und produziert von Howard Hughes, dem flug- und filmverrückten schwerreichen Industriemagnaten. Dass "Jet Pilot" ("Düsenjäger") nebenbei auch viel reichlich alberne antisowjetische Propaganda enthält, dürfte, ob ihrer schlichten bis unfreiwillig selbstparodistischen Machart, kaum einen Filmfreund gestört haben.

Dennoch war "Jet Pilot" ein Flop, und schon während der Produktion ein finanzieller Sargnagel für RKO Radio Pictures Inc., dem in den '30 bis frühen '50er Jahren wahrscheinlich innovativsten und künstlerisch mutigsten Hollywood-Studio, dem Entstehungsort zahlreicher Filmklassiker und Kultfilme.
JetPilotPoster
Die Story, irgendwo zwischen Liebesfilm und Spionagethriller angesiedelt, ist zwar doof, aber unterhaltsam:
Auf einem Luftwaffenstützpunkt in Alaska landet ein sowjetischer Düsenjäger, unter dem Vorwand einer Notlandung. Der Maschine entsteigt eine wunderschöne junge Frau (Janet Leigh) im schneeweißen Overall. Air Force Colonel Shannon (John Wayne) ist verwirrt und bekommt die pikante Mission, die russische Pilotin Anna zu überwachen. Sie steht im Verdacht, nur zum Schein übergelaufen zu sein, und für den KGB geheime Informationen über das US-Militär auszuspionieren. Shannon als ihr Kontrolloffizier macht ihr die angenehmen Seiten des Kapitalismus schmackhaft. Er verliebt sich und um die Ausweisung Annas zu verhindern, heiratet er sie. Nachdem der Ärger verraucht ist, nutzen die Bosse im Pentagon die Ehe für ihre Zwecke aus: Shannon soll mit seiner Braut in die UdSSR ziehen und dort für die USA spionieren. Er kann in Moskau einige Informationen beschaffen, und am Ende werden sie von der Roten Luftflotte von Moskau bis Amerika gejagt.
Absurd, aber genau der Stoff, aus dem das Popcorn-Kino ist.

Weitaus mehr dramatische Wendungen als im Film selbst gab es bei seiner Herstellung:
Hughes hatte 1948 die Aktienmehrheit an RKO für eine Million US-Dollar (damals eine Menge Geld) gekauft. Er betrieb RKO aber wie ein persönliches Hobbyprojekt, um die Filme zu machen, die er gerne sehen wollte - optisch opulente Großproduktionen, bei denen der Erotomane auch gerne die Grenzen austestete, was die prüde "Selbstkontrolle" der US-Filmwirtschaft noch gerade durchgehen ließ, auch auf die Gefahr hin, dass ein aufwendiger Großfilm im "Giftschrank" statt in den Kinos landete. Nur war RKO ein Studio, das mit wenigen Ausnahmen bisher vor allem auf gut geschriebene, originelle Filme mit knappen Buget, und deshalb kalkulierbarem Flop-Risiko, gesetzt hatte. Zu den Ausnahmen, denen die RKO-Manager ein großes, wenn auch straff durchkalkuliertes, Buget gönnten, gehörten Erfolgsfilme wie "King Kong", das legendären Filmmusikal "Top Hat" mit Fred Astaire und Ginger Rogers oder der Klassiker "Citizen Kane". RKO übernahm auch den Vertrieb der Filme Walt Disneys, zu einer Zeit, als die meisten Studios an Zeichentrick als Hauptfilm gar nicht zu denken wagten. Zu so einem Studio passten Howard Hughes Ambitionen überhaupt nicht. Fatal für RKO war es auch, dass der fanatische Antikommunist jeden noch so fähigen Mitarbeiter, der im Verdacht stand, "irgendwie links" zu sein, feuerte - allen voran den erfolgreichen Produktionschef Dore Schary. Hughes soll zwischen 1948 bis 1950 fast 3/4 der bisherigen Stammbelegschaft entlassen und ersetzt haben. Am Schlimmsten war es aber, dass er sich gern und oft störend in laufende Produktionen einmischte. Trotz des Geldes, mit dem er die Produktion seiner Lieblingsfilme sozusagen sunventionierte, brachte er die vor 1948 hochprofitable RKO bis 1955 an den Rand der Pleite. Der Geschäftsübernahme durch Hughes folgte ein Gewinneinbruch von fast 90% innerhalb eines Jahres! Als dann auch noch Disney 1954 seine Zusammenarbeit mit RKO beendete, war das Studio, das trotzdem noch einige Filmklassiker produzierte, praktisch am Ende.
JetPilotSzene
John Wayne und Janet Leigh in "Jet Pilot"
"Jet Pilot", dessen Dreharbeiten im Oktober 1949 begannen, war von Anfang an ein Lieblingsprojekt Howard Hughes, der auch, zusammen mit Jules Furthman, das Drehbuch schrieb.
Zunächst engagierte Hughes den Briten Peter Godfrey als Regisseur, feuerte ihn aber schon nach wenigen Tagen und führte in einigen Szenen selbst Regie. Dann lockte er den finanziell in der Klemme befindlichen Starregisseur der 30er Jahre ("Der Blaue Engel" "Shanghai Express") Joseph "von" Sternberg (sein Adelstitel war nicht echt) mit einem großzügigen Gehalt aus dem Ruhestand. Fast zwei Monate vergingen mit Probeaufnahmen, "dank" der ständigen Einmischungen Hughes, der sich endlos Gedanken über Frisuren und Kostüme machte. Ab dem 8. Dezember wurde endlich ernsthaft gedreht, wobei Hughes erstaunlicherweise Sternberg freie Hand ließ. Allerdings verursachte Sternbergs autoritärer und arroganter Regiestil Unmut. Über den gebürtigen Wiener Sternberg behaupteten böse Zungen in Hollywood, er hätte quasi im Alleingang das alte Klischee des charmanten Wieners erledigt, und noch bösere, er wäre vor Hitler geflohen, weil Berlin zu klein für zwei Tyrannen dieses Formats gewesen wäre. Sternberg brachte Wayne und Leigh gegen sich auf; Wayne meinte zu seiner Filmpartnerin, er könne den Scheißkerl umlegen, und sollte der Mann es jemals darauf anlegen, würde er es auch tun.
Mitte Februar 1950 hatte Hughes von Sternberg genug und feuerte ihn. Fünf Tage stand die Produktion still, dann übernahm Don Siegel die Regie. Nach einer Weile war Hughes mit Siegel unzufrieden und ersetzte ihn - durch Sternberg.
Ein zweiter Regisseur, Paul Cochrane, kümmerte sich um die Flug- und Außenaufnahmen. Wochenlang saß die Crew auf den Luftstützpunkten in March Field, Muroo und Denver herum, weil Hughes die Wolkenformationen nicht gefielen. Unter ungeheurer Kosten ließ Huges die gut hundert Mann starke Einheit, darunter auch Air-Force-Personal, nach Fargo, North Dakota, verlagern, wo es angeblich die gewaltigen, an schwellende Brüste erinnernden, Kumuluswolken geben sollte, für die Hughes so schwärmte. Aber wie es für den Winter im nördlichen Mittleren Westen der USA nicht untypisch ist, gab es statt dessen grauen Himmel, viel Schnee und kalte Winde. Also bestellte Hughes das Team nach Great Falls, Montana - wo es prompt in einen Schneesturm geriet. Auch in Rapid City, South Dakota, hatte sie kein Glück mit dem Wetter. Als sie - inzwischen war es April - wieder in Great Falls waren, war alle Arbeit umsonst, da die Bedingungen, wie Hughes meinte, nicht denen in Fargo entsprächen. Offensichtlich war Hughes völlig auf einen dramatischen Wolkenhimmel fixiert, der seine erotische Phantasie anregte, als ob der Film allein für sein persönliches Vergnügen produziert würde.
Was den Aufwand anging, klotzte Hughes, was es zu klotzen gab: Er mietete oder kaufte immer mehr Flugzeuge, und ließ sie an die zahlreichen Außendrehorte verfrachten - gedreht wurde hauptsächlich in Lowry, Great Falls, Reno, Las Vegas, Oakland, Burbank und Rapid City, weitere Drehorte waren Toulonne Medows, Mount Shashta, Mount Lassen und Sacramento. Nebenbei feuerte er auch noch Cochrane und engagierte Byron Haskin als Regisseur für die Außendrehs, den er im Juni wiederum feuerte. Die Produktion der gewagten Flugaufnahme ging nicht ohne Unfälle ab - Haskin entkam nur knapp aus einem brennenden B-25 Bomber, der berühmte Testpilot Chuck Yeager (der erste Mensch, der schneller als der Schall flog) kam um ein Haar ums Leben, als er mit seiner F-86 "Sabre" bei einem gewagten Flugstunt eine Bruchlandung machte.
Im Dezember 1950 - nach einem Jahr Dreharbeiten - war Hughes immer noch nicht mit den Aufnahmen zufrieden und scheuchte die Filmteams weiterhin kreuz und quer durch Nordamerika.
Auch die Studioaufnahmen kamen nicht zu Ruhe: Huges entließ ein weiteres Mal Sternberg und übergab Jules Furthman die Regie.

Trotz aller Verzögerungen wäre "Jet Pilot" dennoch im Mai 1953 fertig gewesen, wenn Hughes nicht weiterhin an zahlreichen Schnittfassungen gebastelt hätte. Einerseits war er nicht bereit, dem Film endlich zu veröffentlichen, andererseits konnte er sich nicht dazu durchringen, sein Lieblingsprojekt als gescheitert abzuschreiben.
1955 verkaufte Hughes die heruntergewirtschafte RKO Pictures für 25 Millionen US $ an die "General Tire and Rubber Company", die in erster Linie an den Filmrechten für ihr Fernsehsendernetz interessiert waren. Er hatte insgesamt 23,5 Millionen $ in RKO investiert, was heißt, dass er trotz seines jahrelangen Missmanagements noch einen ordentlichen Profit aus seinem RKO-Engagement zog. Er soll insgesamt 6,5 Millionen Dollar persönlichen Gewinn mit RKO gemacht haben - und sicherte so seinen Ruf als "Finanzgenie", obwohl er ein gesundes Unternehmen an die Wand fuhr. Die Rechte an den von ihm bei RKO produzierten Filmen behielt er.

1957 brachte er "Jet Pilot" dann doch noch in die Kinos. Zufrieden mit dem Film war eigentlich niemand, was auch am vorangegangen Hype lag, aber auch, weil die lange Produktionszeit und der enorme Aufwand Erwartungen erzeugte, die in krassen Mitverhältnis zu dem im Großen und Ganzen mittelmäßigen Film standen. Die Air Force, die sich von dem Projekt positive Publicity erhofft hatte, war auch enttäuscht, denn die gezeigten Flugzeuge waren 1957 oft schon veraltet. Dennoch werden Hughes' guten Beziehungen zur Air Force nicht gelitten haben, weil Hughes Aerospace ein wichtiger Lieferant von Elektronik und Luft-Luftraketen war, und Hughes Helicopters militärisch verwendbare leichte Hubschrauber baute.

Der "fliegende Star", der Jet, den Colonel Shannon fliegt, ist die Lockheed F-94 "Starfire". Es ist sicher kein Zufall, dass Huges die Story des Films sozusagen um dieses Flugzeug herum entwickelte.
Lockheed F-94A 449 FIS Photo Courtesy of RC Haufler
Lockheed F-94A "Starfire"
Zwar war die F-94 der erste allwettertaugliche Abfangjäger mit Düsenantrieb der US-Air Force, er war aber auch eine Eilentwicklung und Übergangslösung. Als die US-Airforce dringend ein Flugzeug mit dem gewünschten Einsatzprofil brauchte, rüstete Lockheed 1949 kurzerhand den bewährten Jet-Trainer T-33 "Shooting Star" mit Radar, einer elektronischen Feuerleitanlage und einem stärkeren Triebwerk mit Nachbrenner aus. Als "Jet Pilot" 1957 in die Kinos kam, wurde dieser als Zwischenlösung gedachte Jet bei der Air Force bereits ausgemustert. Die logische Wahl, aus Sicht der Air Force Public Relations, wäre wohl die North American Aviation F-86 "Sabre" gewesen. Sie war nicht nur 1949 ihr technisch modernster Düsenjäger, sondern war auch 1957 noch das Standard-Jagdflugzeug der US Air Force und vieler anderer Luftwaffen - und sah überdies auch noch eleganter aus. Aber die F-94 war mit einem Hughes E-1-Feuerleitsystem ausgerüstet, und Hughes unterhielt besondere d. h. verdeckte und für "de jure"-Konkurrenten erstaunlich innige, Geschäftsbeziehungen mit Lockheed.

"Düsenjäger" ist ein Produkt seiner Zeit, auch in Hinsicht auf die naive antisowjetische Propaganda, die er transportierte - genauer gesagt transportieren sollte, da sie in ihrer Naivität eine Quelle unfreiwilliger Komik ist.
Der Film hat sogar einige richtig gute Seiten. Die Flugszenen sind in der Tat sehenswert, und haben zum Teil Wert als luftfahrtgeschichtliche Dokumente. Die Szene, in der ein Raketenflugzeug vom Typ Bell X-1 von einem B-29-Bomber ausgeklinkt wird, wurde auch im Film The Right Stuff (dt. Der Stoff, aus dem die Helden sind ) eingeschnitten, denn keine Trickaufnahme kommt an authentische Bilder auf hochwertigem Farbfilm heran.
Amüsant sind die Anklänge an "Ninotschka" (oder zumindest an "Seidenstrümpfe", der Musical-Version) - hier erreicht der Film manchmal die Leichtigkeit einer Liebeskomödie, die kräftig mit dem verbissenen Spionagestoff kontrastiert. John Wayne und Janet Leigh sind eine hervorragende Besetzung für ihre Rollen und spielen routiniert - keine schauspielerische Meisterleistung, sicher, die aber bei dem Regie-Chaos des Films kaum zu erwarten gewesen wäre.

"Jet Pilot" (engl. Wikipedia)

Dienstag, 18. August 2009

Wer viel denkt schützt sein Gehirn

Was bei Muskeln und Knochen allgemein bekannt ist, gilt offenbar auch für das Gehirn - regelmäßige Übung schützt vor Verfall, oder in der Sprache der Fitnesstrainer: "Use it - or loose it!"
Vermutet wurde es längst, jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt, dass
Gehirnzellen länger leben, wenn das Gehirn ständig gefordert ist. Der Mechanismus ist allerdings ein anderer als bei Muskeln oder Knochen: Neurobiologen an der Uni Heidelberg haben festgestellt, dass die Hirnaktivität ein spezielles genetisches Programm in Gang setzt. Dieses aktiviert wiederum Schutzgene, die das Überleben der Zellen deutlich verstärken. Die in der Fachzeitschrift "PLoS Genetics" veröffentlichten Forschungsergebnisse eröffnen neue Perspektiven für therapeutische Ansätze zur Behandlung degenerativer Erkrankungen des Nervensystems.
Leider schützt Hirntraining nur vor dem Absterben von Gehirnzellen; ein Neuaufbau, wie bei Muskeln und zu einem gewissen Grade bei Knochen, ist nicht möglich.

Mehr:
Gehirntraining schaltet Schutzgene ein (scinexx)
Schutzgene für Nervenzellen: Ein aktives Gehirn lebt länger (Pressemeldung der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

Montag, 17. August 2009

Wie man Kinderpornographie im Internet meldet

(Für Eilige: Hier klicken, um zur Liste der Kinderpornographie-Beschwerdestellen bei Jan zu springen.)

Jan Schejbal hat einen kleine Leitfaden zusammengestellt, wie man, sollte man zufällig auf "Kinderpornographie" (Abbildung von sexualisierter Kindesmisshandlung) stoßen, so etwas dergestalt meldet, dass a) diese Abbildungen wirklich gelöscht werden, b) wirklich gegen die Urheber vorgegangen wird, und besonders wichtig c) man nicht in Schwierigkeiten oder gar selbst in Verdacht gerät:
Howto: Kinderpornographie im Internet melden.

Wie Jan nutze ich das Internet schon sehr lange sehr intensiv, vor allem für Recherchen. Wie er habe ich in all den Jahren noch nie "Kinderpornographie" entdeckt. Wohl gemerkt: "Kinderpornographie" im Sinne des § 184b StGB, nach der Definition des § 176 StGB - nicht alles, woran sich etwa ein Pädophiler "aufgeilen" könnte ist Kinderpornographie! (Sonst wäre auch der Otto-Katalog oder ein beliebiges Familien-Fotoalbum "KiPo-verdächtig".)

Dass ich nie auf "Kinderpornographie" stieß, ist auch kein Wunder, denn nach Angaben des bayrischen Landeskriminalamtes wird "Kinderpornografie" in Deutschland über Tauschbörsen, E-Mail-Verteiler oder klassisch per Post verbreitet. Webseiten spielen kaum eine Rolle.
Dennoch ist es gut, wenn man weiß, was man tun kann, wenn man doch mal auf "so etwas" stoßen sollte.

Das Ende der Kirchensteuer ist nah ...

Die Kirchensteuer in ihrer deutschen Form ist seit eh und je ein fragwürdiges Konstrukt: sie verstößt gegen das verfassungsrechtliche Gebot der Trennung von Staat und Kirche - weshalb der staaliche Kirchensteuereinzugs eigentlich durch ein kircheneigenes Beitragssystem abgelöst werden müsste.
Eigentlich. Denn das bisherige System ist für die Leitung und Verwaltung der großen Kirchen (nicht etwa die einzelnen Kirchenmitglieder) überaus bequem. Dass die Kirchensteuer an die Lohn- und Einkommensteuer gekoppelt ist, und die Kirchen deshalb von der jeweiligen Wirtschafts-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik abhängig sind, scheint nur wenige zu stören.

Vermutlich weil der Status Quo so bequem ist, geht trotz des - angeblichen - Sommerlochs (die britische Bezeichnung "silly season" trifft das Phänomen sowieso besser) ein möglicherweise folgenschweres Gerichtsurteil weitgehend unter:
Sterbeglocke schlägt für die Kirchensteuer (sz online):
Es war ein leiser Klang, doch er war unüberhörbar: Mitte Juli schlug das Sterbeglöcklein für die deutsche Kirchensteuer. Das Verwaltungsgericht Freiburg entschied, es sei zulässig, sich der Steuer zu verweigern, gleichzeitig aber auf der fortgesetzten Mitgliedschaft in der Kirche zu beharren. Sollte in den kommenden Instanzen und schließlich auch in der kirchlichen Gerichtsbarkeit das Urteil Bestand haben, müssten die Fundamente des heiklen Verhältnisses von Staat und Kirche völlig neu gegossen werden.

Auslöser war ein Austritt der besonderen Art. Im Juli 2007 erklärte der Freiburger Kirchenrechtler Hartmut Zapp vor dem Standesamt seine Abkehr von der Kirche, hielt aber in einer Zusatzerklärung fest, sein Schritt beziehe sich ausschließlich auf die Körperschaft öffentlichen Rechts. Der Glaubensgemeinschaft fühle er sich weiter zugehörig. Aus durchaus frommen Gründen wagte er die rebellische Tat. Weder pekuniäre noch kirchenkritische Motive gaben den Ausschlag. Nicht länger aber soll mit Exkommunikation bestraft werden, wer die Kirchensteuer ablehnt, ohne auch den Glauben zu negieren. Der Körperschaftsaustritt sollte einen Präzedenzfall schaffen.
Ob damit ein Schritt zur wirklichen Trennung von Staat und Kirche eingeleitet ist, bleibt noch abzuwarten.

Sonntag, 16. August 2009

Die Gänge der Lübecker Altstadt und das Weltkulturerbe

Ich, als Hamburger, beneide die Bewohner unserer "Schwesterstadt", der "Königin der Hanse" um ihre Altstadt. Während man in der Hamburger Innenstadt nach Geschäftsschluss ohne weiteres die meisten Bürgersteige hochklappen könnte, hat Lübeck eine lebendige, attraktive, sehr kompakte Altstadt, die auch abseits der erhaltenen historischen Bauten sehens- und erlebenswert ist.
Aber natürlich sind es die historischen Bauten, darunter natürlich die berühmten Gänge, denen die Lübecker Altstadt ihren Platz auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste verdankt:
Wie in anderen Großstädten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, gab es auch in Lübeck eine große Anzahl von Tagelöhnern und Trägern. Meist wohnten sie in kleinen, "Buden" genannten Häusern, die dicht aneinander gedrängt auf Eckgrundstücken, an den Rückseiten der Bürgerhäuser oder im inneren Bereich der Wohnblöcke standen. Die versteckt gelegenen Wohnbereiche wurden Gänge oder Gangviertel genannt.
Mittelalterliche Buden sind kaum noch erhalten, da man erst in der Mitte des 16. Jahrhunderts begann, auch steinerne Buden zu errichten. Ab dieser Zeit zog auch wohlhabendere Bürger in die Gänge, denn Lübecks Altstadt liegt auf einer Insel, und das lübische Bürgerrecht war lange Zeit an einen Wohnsitz in der "ummauerten Stadt" gebunden. Heute gibt es in Lübeck noch etwa 90 Gänge. - In Hamburg gewannen hingegen die "Anforderungen an eine moderne Metropole" über den Denkmalschutz der noch noch erhaltenen Gängeviertel, soweit sie nicht schon dem Großen Brand von 1842, der "Kahlschlagsanierung" des frühen 20. Jahrhunderts und den Kriegszerstörungen des 2. Weltkriegs zum Opfer gefallen waren. (Hierzu schrob Magerfettstufe einiges: Hamburgs Gängeviertel verkommt.)
Ich beneide deshalb eine gute Freundin um um ihr kleines, wenn auch verhältnismäßig "neues" Ganghaus in der Lübecker Altstadt.
Allerdings hat das Leben als Ganghausbewohner auch weniger idyllische Seiten:
"Ich habe vor gut einem Jahr zwei Türen in meinen Gang eingebaut", sagt Thomas Haake, Besitzer eines Hauses in der Straße "Engelswisch". Durch sein Haus läuft der "Hellgrüne Gang". Der Lübecker Architekt fühlt sich durch Touristenmassen gestört, die an seinem Kaffeetisch vorbeiziehen. Zu Tausenden fielen sie ein, machten Lärm und ließen Abfall liegen.
"Als ich vor 25 Jahren einzog, gingen hier drei Touristen täglich durch - wir waren ja noch nicht Weltkulturerbe", so Haake.
Lübecker Nachrichten: Lübecker Altstadtbewohner sperren Touristen aus.

Eine durchaus verständliche Reaktion - die aber Folgen haben könnte: Die Gänge, so eng sie sind, sind öffentliche Wege die man als Anwohner nicht so ohne weiteres absperren darf. Außerdem könnte eine Sperrung der Gänge Lübecks Status als Weltkulturerbe gefährden.
Das Problem des "Lebens wie im Museum" kennen auch die Bewohner anderer historischer Altstädte - vor kurzem erst unterhielt ich mich mit einer entnervt aus der historischen Innenstadt von Rothenburg ob der Tauber weggezogenen Frau. Allerdings ist das Problem in der engen Gängen Lübecks buchstäblich drängend.

Nachtrag: Hamburg: Künstler besetzen Gängeviertel (indymedia).

Freitag, 14. August 2009

Hysterie um Kinderfotos

Der Anlass war diese kleine Notiz beim "Che" Textil und undersexed?, aber im Zuge meiner Recherchen hat sich der thematische Schwerpunkt stark geändert. Denn ob erwachsene Frauen, im Unterschied zu den ´80ern und ´90en, nichts mehr von "oben ohne" oder FKK halten, ist allein ihr Ding.
Anders sieht es mit dem Verhältnis zur "kindlichen Nacktheit" aus.
Da gab mir dieser Aufsatz auf "telepolis" neulich zu denken: Ab wann braucht mein Kind ein Feigenblatt?

Ich kann zwar bis zu einem gewissen Grad die Besorgnis einiger Eltern verstehen, die Angst vor Spannern mit Handykameras haben, aber meines Erachtens schlägt die Sorge oft in Hysterie um. Denn die reale Gefahr der sexualisierten Kindesmisshandlung droht eher innerhalb der Familien. Oder von Vertrauenspersonen, die das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchen - in einem aktuellen Fall war es ein Sportlehrer. Laut BKA werden fast drei Viertel der sexuell motivierten Übergriffe auf Kinder von Tätern aus dem unmittelbaren, familiären Umfeld begangen.

Glücklicherweise geht der reale "sexuelle Missbrauch" (sexualisierte Kindesmisshandlung) seit Jahren zurück. Aber offensichtlich nimmt zur gleichen Zeit nicht nur die Angst zu, sondern sie verlagert sich auch - weg aus dem tatsächlich gefährlichen "Nahbereich", hin zum "bösen Fremden". Ich traf neulich eine junge Mutter, die sich nur schreckliche Angst vor "den kranken Hirnen, die überall lauern" äußerte, sondern auch alarmiert war, dass manche Kameras automatisch die geographischen Koordinaten ermitteln und in der Bilddatei ablegen. Ihr Alptraum, über den ich mich hier ausdrücklich nicht lächerlich machen will, ist die Vorstellung, dass jemand ihre kleine Tochter nicht nur heimlich fotografieren, sondern auch sofort ins Internet stellen würde, mit der automatischen Angabe, wo "andere Triebtäter" ihre Tochter finden könnten. Sexualverbrechen sozusagen nach "Online-Katalog".
Die Frau tut mir wirklich leid. Denn die panische Angst ist nicht auf ihrem Mist gewachsen. Sie ist Opfer einer völlig schiefen Darstellung des Problems in den (sensationsgeilen) Medien - und auch von politischer Seite.
Ich vermute, dass unsere - auch meine - Wahrnehmung von Nacktheit, durch die Medien, insbesondere auch die Werbung, ("Sex sells") sexuell aufgeladen wird.
In Zeitschriften, auf Internet-Klickstrecken, im Fernsehen und Kino ist der Großteil von Nacktszenen mit sexuellen Handlungen oder Gefühlen verbunden. Gerade junge Menschen sind deshalb chronisch übersext (- und, wie ich vermute, zugleich chronisch untervögelt).
Was m. E. zu der von Che aufgegriffenen "neuen Verklemmtheit" beiträgt: welche Frau legt sich schon "oben ohne" in die Sonne, wenn sie ständig darauf gestoßen wird, dass unzählige Männer sie dann auf ein Lustobjekt reduzieren?
Es ist meiner Ansicht nach vor allem auf diese verkürzte Wahrnehmung "Nacktheit - Sex" zurückzuführen, wenn Bilder von nackten Kinder automatisch mit "Kinderpornographie" gleichgesetzt werden. In dieser Hinsicht stimme ich unserer sonst nicht immer durch Sachkenntnis überzeugenden Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen voll und ganz zu: Bei Kinderpornographie geht es nicht um nackte Kinder, sondern um die Misshandlung von Kindern vor der Kamera.

Die Berichte in den Medien suggerieren, dass jederzeit und überall Pädophilie auf ihre Opfer lauern. Wobei es ja schon ein populäres Missverständnis ist, Pädophile und "Kinderschänder" gleichzusetzen. Die meisten sexualisierten Gewalttaten gegen Kinder werden von Nicht-Pädophilen verübt. Zum Beispiel, weil ein kindliches Vergewaltigungsopfer (um ein Extrembeispiel zu nennen) sich nicht wie ein erwachsenes Opfer wehren kann. Weil viele Sexualstraftäter mindestens ebenso sehr vom "Rausch", Gewalt gegen ein hilfloses Opfer auszuüben, motiviert sind, wie von sexuellem Verlangen. Ein "Pädo" kann gefährlich sein, ist es - muss aber nicht. Ein wesentlicher, aber sträflich vernachlässigter, Punkt bei der Vorbeugung von Sexualverbrechen ist es, potenzielle Täter nicht zum Täter werden zu lassen. Aber Präventionsarbeit mit Pädophilen ist weniger populär als Forderungen nach drakonischen Strafen. Die erst dann greifen, wenn es schon zu spät ist.
Mit Blick auf das konkrete sexuelle Verhalten gelingt es einem Teil der betroffenen Männer, seine sexuellen Impulse lebenslang auf der Fantasieebene zu belassen. Auf keinen Fall ist daher die Diagnose Pädophilie oder Hebephile mit sexuellem Kindesmissbrauch oder sexueller Ausbeutung durch Kinderpornografienutzen gleichzusetzen.
(Zitiert aus Charité Berlin - Kein Täter werden - auch nicht im Netz)
Damit will ich reale Gefahren nicht verharmlosen - im Zweifel ist es richtig, einen "spannerverdächtigen" Mann (sehr viel seltener: Frau) mal laut und deutlich zu fragen, was er da macht. Was gegen echte Spanner übrigens sehr wirksam ist ...
Etwas Besorgnis ist gut - ständige Angst hingegen gefährlich. Man male sich einmal aus, wie Kinder aufwachsen, deren Eltern hinter jedem Busch einen Spanner mit Digitalkamera vermuten, der die heimlich geknipsten Bilder von den Kleinen ins böse Internet lädt.

Übrigens, noch etwas zum von mir gern zitierten Spruch: "Früher gab es auch nicht weniger Pädophile - aber kein Privatfernsehen":
Mitte der 1990er Jahre gab es eine Debatte um sogenannte FKK-Hefte, die damals offen im Zeitschriftenhandel verkauft wurden, in denen überwiegend Nacktfotos von Kindern und Jugendlichen gezeigt wurden, jedoch ohne Informationen oder sonst erkennbaren Bezug zur Freikörperkultur - was bedeutet, dass "FKK" ein Euphemismus war. Es ist zu vermuten, dass viele dieser Hefte als "Wichsvorlagen" dienten. Obwohl sich einige der Fotos im Graubereich der Posing-Fotos bewegt haben sollen, handelte es dabei durchweg nicht um Kinderpornographie im gesetzlichen Sinne - weshalb diese Hefte auch nicht schlicht verboten, eingesammelt und eingestampft, sondern als "jugendgefährdend" indiziert wurden. In der damaligen öffentlichen Debatte wurde das aber nicht immer klar.
An dieser Stelle kommt das Privatfernsehen ins Spiel, konkret der Moderator der damals populärsten RTL-Talkshow, Hans Meiser. In einer Sendung, die ich 1995 selbst sah. Ja, ich gebe zu, damals sah ich ab und an noch nach Feierabend Seicht-TV - habe ich mir inzwischen erfolgreich abgewöhnt, was bei einem Programmniveau zum Abgewöhnen auch nicht weiter schwer war. In dieser Sendung zeigte Meiser eine Broschüre des DFK, auf dessen Titelbild ein kleines nacktes Mädchen beim Baden im Meer abgebildet war. Dabei fragte er, ob solche Bilder nicht fehlgeleitete Menschen den Weg in die FKK-Vereine weisen könnten. Selbst wenn ich davor ausgehe, dass Meiser es gut gemeint haben könnte, und die FKK-Vereine nur vor Formen der Werbung, die auch Pädophile ansprechen könnte, warnen wollte, war ich erst einmal baff.
Wie ich später erfuhr, war der DFK auch reichlich und zurecht sauer, denn damit geriet auch ein völlig seriöser Verein in den Verdacht, Teil der "kinderpornographischen Grauzone" zu sein - auch wenn Meiser das natürlich niemals so gesagt hatte.
Ich weiß nicht, ob es noch weitere Fälle in der Art der Meiser-Talkshow gab, ich könnte es mir aber sehr gut vorstellen.

Ich vermute, dass die Hysterie nicht zufällig zugenommen hat, aber auch nicht, dass sie zentral geschürt wird. Es überwiegt meiner Ansicht nach bei Politikern der Typus des ängstlichen Angstmachers, des unsicheren Sicherheitsverkäufers, in den Medien hingegen die des Sensationsverkäufers - nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, und Sex & Crime gehen immer. Dass ängstliche Menschen sich leichter beherrschen lassen, wissen Politiker und "Sicherheitsexperten" sowieso.
Terrorismus ist überall, an der Schweinegrippe-Pandemie sterben die Menschen wie Fliegen, und in den Parks lauern zehntausende Kinderschänder ihren Opfern auf. Da muss doch knallhart und rücksichtlos durchgegriffen werden!

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