Donnerstag, 13. August 2009

S.Y. Woodstock

Es war vom 15. August bis 17. August 1969 geplant, dauerte dann bis zum 18. und fand nicht bei Woodstock statt:
Das "Woodstock Music and Art Festival", das berühmteste Open-Air Musikfestival überhaupt. Es markiert den Zeitpunkt, an dem eine vormalige Minderheitenkultur den Pop-"Mainstream" eroberte.
Wahrscheinlich war "Woodstock" auch deshalb legendär, weil es trotz der unkontrollierten und unkontrollierbaren Menschenmenge zu keinen nennenswerten Gewalttätigkeiten kam.
Wie auch immer: die Legende "Woodstock" überlebte und gewann beinahe mythische Züge.

Was könnte auch dem Mythos werden? Eine nicht ganz ernst gemeinte "Zukunftsvision" sieht so aus:
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Die Raumyacht S. Y. WOODSTOCK.
Angesiedelt im "Star Trek"-Universum. Das Modell baute ich für den Star Trek Con "Con Course 3" im Jahre 1993.
Das Modell sollte ursprünglich ein "Heavy Shuttlecraft" der "Wostok"-Klasse darstellen, im "Star Trek"-Universum der Vorgängertyp der bekannten "Runabouts" der Fluss-Klasse, bekannt aus "Deep Space 9". Leider sah dann die "offizielle" Wostok-Klasse doch anders aus, so dass ich mein Modell zur "Wos'chod-Klasse" umdefinierte.
Meine Idee war, dass ein von Star Fleet ausrangiertes Kleinraumschiff von Privatleuten in Eigenarbeit wieder flott gemacht und im "Hippie-Bus"-Manier bemalt und ausgestattet wurde. Anregung war die originale "Star Trek"-Folge "The Way to Eden" aus dem Jahre 1969 (deutscher Titel: "Die Reise als Eden") in Fankreisen besser als "die Folge mit den Weltraum-Hippies" bekannt. Der Gedankensprung von Wos'chod zu WOODSTOCK entbehrte dann, wie Spock sagen würde, nicht einer gewissen Logik.
(Nein, es hat keine Plüschborten an den Fenstern - aber das Cockpit ist innen mit rotem Kunstfell verkleidet.)
Später erfand ich eine Geschichte um die Raumyacht WOODSTOCK, auf die ich heute allerdings wenig stolz bin. Fan-Fiction ist sowieso wegen der Urheberrecht eine heikle Sache.

Dienstag, 11. August 2009

Der Starfighter-Mythos (3)

Nach längerer Pause - der dritte und letzte Teil meines Beitrags über den Starfighter-Mythos.
F-104 - der Starfighter-Mythos - Teil 1
F-104 - der Starfighter-Mythos - Teil 2

Persönliche Anmerkung: Die Verzögerung liegt nicht allein daran, dass ich in den letzten Tagen wenig Zeit und Neigung zum Bloggen hatte. Ich war, im Zuge meiner Recherchen, irritiert darüber, dass die Gründe, die zur Anschaffung des Lockheed-F-104-G Starfighter führten, sehr viel vernünftiger - im Sinne eine instrumentellen Vernunft, im Rahmen einer fragwürdigen Militärpolitik, aber immerhin - waren, als ich zuerst vermutete. Ich vermutete eine Mischung aus Stiefelleckerei gegenüber dem "großen Bruder" USA und Korruption auf Seiten der Politiker und irrationaler Lust an einem gefährlichen "Spielzeug" auf Seiten der vom Starfighter begeisterten Piloten.

3. Aus welchen Gründen wurde der Starfighter überhaupt angeschafft?
Generalleutnant Werner Panitzki, bis 1965 Generalinspekteur der Luftwaffe, kritisierte in einem Interview die Beschaffung des Kampfflugzeugs als eine "rein politische Entscheidung".
Dennoch ist die "militärische Komponente" bei der Beschaffung eines teuren Waffensystems nicht ganz zu vernachlässigen - auch wenn der F-104 G Starfighter nicht das Flugzeug war, das Panitzki angeschafft hätte.
Die deutsche Luftwaffe war 1958 mit Kampfflugzeugen ausgerüstet, die größtenteils gebraucht von anderen NATO-Luftwaffen beschafft worden waren, von denen die Bundesluftwaffe befürchtete, dass sie auf mittlere Sicht den Flugzeugen des Ostblocks nicht gewachsen seien. Außerdem erschwerte die Typenvielfalt die Einsatzplanung und Logistik. Deshalb befürworteten der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß und die Bundesluftwaffe die Einführung eines modernen Mehrzweck-Kampfflugzeugs, um die bisherigen verschiedenen Kampfjet-Typen F-86F Sabre, F-86D Sabredog, F-84F Thunderstreak und RF-84F Thunderflash sowie die Hawker F.101 Sea Hawk der Marineflieger zu ersetzen. Also sollten die Rollen Abfangjäger, Luftüberlegenheitsjäger, Jagdbomber, Aufklärer und Seekampfflugzeug von einem Flugzeugtyp übernommen werden. Das Anforderungsprofil war entsprechend anspruchsvoll:
  • Doppelte Schallgeschwindigkeit
  • Fähigkeit konventioneller und nuklearer Waffenzuladung
  • Allwetterfähigkeit
  • Flugzeug mindestens als Vorserienmodell vorhanden
Um es kurz zu machen: 1958 gab es so ein Flugzeug einfach nicht!
Zu den schwer zu erfüllenden, letztendlich politisch begründeten, Anforderungen an das zu beschaffende Flugzeug kamen zwei weitere politische Forderungen, die beide von Verteidigungsminister Strauß energisch vertreten wurden. Die eine war die "nukleare Teilhabe" - zu der Frankreich nicht, die USA aber gern bereit waren. Das begünstigte folgerichtig US-Hersteller. (Die Angaben in der Wikipedia, dass der Starfighter zunächst gänzlich ohne konventionelle Bewaffnung gekauft werden sollte, kann ich nicht bestätigen. Das schon vor der Entscheidung für den Starfighter beschlossene sehr breite Anwendungsprofil für das neue Kampfflugzeug der Bundeswehr spricht dagegen.)
Der zweite Grund war industriepolitischer Natur: durch die Lizenzfertigung von ausländischen Flugzeugen sollte die westdeutsche Luftfahrtindustrie das nötige Know-How zum Bau eigener moderner Flugzeuge -auch Kampflugzeuge - erwerben. Nur Hersteller, die dazu bereit waren, kamen in Frage.

Als die Entscheidung schließlich getroffen wurde, standen von ursprünglich vierzehn Flugzeugmustern noch drei Kandidaten zur Auswahl: der Lockheed F-104 Starfighter, die französische Dassault Mirage III A und die Grumman F11F-1F Super Tiger. Von der Mirage III A und der Grumman F11F-1F standen zu diesem Zeitpunkt nur Prototypen zur Verfügung, während der Starfighter schon in Serie gefertigt wurde, wenn auch in Versionen, die für die Bundesluftwaffe nicht in Frage kamen.
Dennoch hatte Helmut Schmidt, damals verteidungspolitischer Sprecher der SPD, recht: die Bundeswehr kaufte mit dem F-104-G die Katze im Sack, denn das Flugzeug, das die Bundeswehr letztendlich gekauft hat, existierte Ende des Jahres 1958 tatsächlich erst auf dem Papier. Allerdings hätte auch die Mirage III erheblich umkonstruiert werden müssen, um dem Anforderungsprofil der Bundeswehr auch nur halbwegs zu entsprechen. Zudem war sie 1958 noch im Vorserienstadium. Sie wäre also ebenfalls eine "Katze im Sack" gewesen. Über die Eignung des Grumman F11F-1F "Super Tiger" lässt sich kaum etwas sagen, dieses Modell ging nie in Serie.
Das Streben nach einem Mehrzweckflugzeug ist typisch für die Bundesluftwaffe. Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Starfighter und seinen Nachfolgern - dem in den USA beschafften F-4F Phantom II, dem Tornado und schließlich dem Eurofighter Typhoon - liegt darin, dass diese Flugzeuge von vornherein als Mehrzweckmaschinen konzipiert worden waren. Der Starfighter war als "point defense interceptor" konzipiert, als als ein Jagdflugzeug, das auf eine kurze Vorwarnzeit regiert, so schnell wie möglich die Flughöhe eines angreifenden Flugzeugs erreicht, um ein eng umrissenes Gebiet zu verteidigen. Die USA wandten sich damals von diesem Konzept zugunsten des Langstrecken-Abfangjägers ab - das war der Hauptgrund dafür, dass die U.S. Air Force relativ wenige Starfighter beschaffte. Ein weiterer Grund, der aus US-Sicht gegen die F-104 sprach: das Konzept des Luftkampfs galt seit der Entwicklung von "Fire-and-forget" Luft-Luft-Raketen als veraltet - voreilig, wie die Erfahrungen in Vietnam zeigten. Für die kleine und eng besiedelte Bundesrepublik, die nahe an den Luftstützpunkten des potenziellen Gegners lag, war das Konzept "point defense" nahezu alternativlos. Der Starfighter war nicht nur ein hervorragender Höhenjäger, sondern hatte auch sehr gute Tiefflugeigenschaften, was wichtig war, da man seitens der Bundeswehr mit tieffliegenden Jagdbombern als Gegner rechnete.
So gut der Starfighter als "Luftverteidiger" war, so fragwürdig war sein Einsatz als Jagdbomber - die schwere Waffenlast beraubte dem "Zipper" seinen Charakter als agiles Jagdflugzeug. Es haperte auch bei der geforderten Allwetterfähigkeit.

Währen die Anforderungen des Verteidigungsministeriums anders gewesen, wäre sicher auch ein anderes Flugzeug in Frage gekommen. Innerhalb des politisch gesteckten Rahmens war die F-104-G offensichtlich die beste Alternative - auch ohne die meines Erachtens sehr wahrscheinlich geflossenen Schmiergelder. Wie der "Spiegel" in den 1960er Jahren zu der Ansicht kam, dass die Mirage III in jeder Hinsicht die bessere Alternative gewesen sei, ist aus meiner Sicht rätselhaft. Ihr Triebwerk war weniger hoch entwickelt, ihre Avionik weniger ausgefeilt - immerhin hatte die F-104-G ein vollwertiges Trägheitsnavigationssystem. Hinzu kommt, dass die Mirage III ein "hoch & schnell"-Jäger war, eine Jagdbomberversion hätte, um die Bombenlast tragen zu können, "abgespeckt" werden müssen. Für die Luftwaffe, die auf Allwetter- und Tiefflugtauglichkeit großen Wert legte, wäre das wohl nicht akzeptabel gewesen. In der Schweizer Luftwaffe zog die Anschaffung der Mirage III und der Versuch, aus ihr einen (potenziell atomwaffenfähigen) Mehrzweck-Jäger/Jagdbomber zu machen, eine beispiellose Kostenexloposion für ein Flugzeug, das in der Jagdbomberrolle nie wirklich befriedigte, nach sich. ("Mirage-Krise".)

Die Version F-104-G war bis Mitte der 1960er Jahre technisch unausgereift. Ausfälle und Defekte, vor allem bei der Elektronik, beim Triebwerk - eine notorische Schwachstelle war die Schubdüsenverstellung - und anfangs, bei in Lizenz gefertigten Maschinen, auch der Hydraulik - waren an der Tagesordnung. Als diese (oft tödlichen) "Kinderkrankheiten" überwunden waren, konnte die F-104-G in vielen ihrer Aufgabenbereiche als "gutes" Waffensystem gelten - weshalb die "Nachbestellung" von Starfightern Anfang der 1970er Jahre, die bis 1991 reichende Einsatzzeit und allgemein die große Stückzahl, in der der F-104 G Starfighter gebaut wurde, nicht mehr überraschen.
Nachtrag: Der letzte Starfighter, eine F-104S (Weiterentwicklung der F-104G), wurde 1979 in Italien ausgeliefert. Es war auch die italienische Luftwaffe, die als letzte den Starfighter einsetzte - bis 2004.
Allerdings erwies sich der Starfighter als für die Aufklärer-Rolle wenig geeignet (und wurde schon 1970 durch die RF-4E Version der "Phantom II" ersetzt). Die Marineflieger, die gerne ein für Tieffliegerangeriffe auf Seeziele optimiertes Flugzeug wie die Blackburn Buccaneer gehabt hätten, haderten bis zur Einführung des Tornados mit ihren Starfightern, die zwar hervorragende Tiefflugeigeschaften hatten, allerdings dabei eine für Seeflieger zu hohe sichere Mindestgeschwindigkeit. Die Anfälligkeit gegen Vogelschlag und die lange Zeit unbefriedigende Allwetterfähigkeit waren für ein Marineflugzeug ebenfalls ungünstig.

4. Inwieweit war die Struktur der Luftwaffe Ursache der Absturzserie?
General Johannes Steinhoff, der die Luftwaffe 1966 auf dem Höhepunkt der Starfighter-Krise als Inspekteur übernahm, sah dem den Hauptgrund für die hohen Verluste in der "Pause von zehn Jahren zwischen dem letzten Weltkrieg bis zum Beginn der Neuaufstellung" der Luftwaffe.
Der schlechte Ausbildungsstand erklärt die generell sehr hohen Absturzzahlen der Bundeswehr in den ersten 10 Jahren ihres Bestehens. Hinzu kommt, dass die Luftwaffe, indem sie von Unterschall-Düsenjägern auf den hochgezüchtete, mehr als doppelt schallschnellen F-104-G Starfighter umrüstete, eine ganze Flugzeuggeneration übersprang, und sich für die Umstellung nur wenig Zeit nahm. Auch andere NATO-Luftwaffen, die einen schnellen Generationensprung machten, wie etwa die der Niederlande, Kanadas oder Dänemarks, kämpften in der ersten Hälfte der 1960er Jahre mit hohen Verlusten.

Strukturelle Probleme der Bundeswehr waren:
  • Das Personalproblem: In den Zeiten des "Wirtschaftswunders" war die Bundeswehr, vor allem für junge Männer mit technischer Ausbildung, kein attraktiver Arbeitsplatz. Hinzu kam die Erinnerung an den erst rund 15 Jahre zurückliegenden Krieg - freiwillig Soldat werden oder auch "nur" als Zivilangestellter "beim Bund" zu arbeiten, war für viele junge Männer - und vor allem ihre Eltern - ein Unding. Es fehlten rund 10.000 ausgebildete Mechaniker. Seitens der Luftwaffe wurde teilweise sogar angeordnet, spezielle Komponenten nicht mehr routinemäßig zu warten, sondern erst bei festgestellten Fehlern zu reparieren, da die Mechaniker regelmäßig Fehler bei der Wartung machten.
  • Das Infrastruktur-Problem: Die Fliegerhorste der Luftwaffe waren Anfang der 1960er noch im Bau bzw. im Aus- und Umbau. Er fehlte vor allem an Sheltern für in Bereitschaft stehenden Flugzeuge und an Wartungshangars. Die Flugzeuge standen meistens bei Wind und Wetter, Hitze und Kälte im Freien, was zu Schäden an der empfindlichen Elektronik, Elektrik und Hydraulik führte.
  • Das Piloten-Ausbildungsproblem: Viele Starfighter-Piloten der "ersten Stunde" hatte einfach zu wenig Flugstunden auf ihren keine Fehler verzeihenden Kampfjets, um unter den schwierigen deutschen Einsatzbedingungen fliegen zu können.
Diese strukturellen Probleme hätten jedes moderne Kampfflugzeug betroffen. Anders gesagt: Hätte die Bundeswehr die Mirage III angeschafft, hätte es wohl eine "Mirage-Krise" gegeben. (Wahrscheinlich zusätzlich zur einer Kostenexplosion wie in der Schweiz.)

Schon Luftwaffeninspekteur Panitzki setzte entschiedene Maßnahmen gegen die Strukturprobleme, vor allem bei der Wartung und beim Hangarmangel, durch. Er bestellte Brigadegeneral Diether Hrabak zum Sonderbeauftragten für den "Starfighter". Die Maßnahmen der Arbeitsgruppe Hrabak griffen jedoch erst, als Panitzki nicht mehr im Amt war.
Dennoch ist der Ruhm seines Nachfolgers, Luftwaffeninspekteur General Johannes Steinhoff, Bezwinger der Starfighterkrise zu sein, nicht unverdient. Unter Steinhoff, der den Starfighter auch selbst flog, um sich mit den Eigenarten der Maschine vertraut zu machen, war die Starfighter-Krise vorrangige "Chefsache". Als erste Maßnahme im Amt verhängte er eine dreiwöchige Flugsperre bis zum Abschluss der von der Arbeitsgruppe Hrabak vorgeschlagenen technischen Verbesserungen. Zu Steinhoffs Maßnahmen gehörte auch das Abwerben von zivilen Luftfahrttechnikern z. B. von der "Lufthansa". Mögliche Spannungen zwischen den gut bezahlten zivilangestellten "Lufthanseln" und den schlechter bezahlten "Flightschweinen" der Truppe nahm er in Kauf. Vor allem kümmerte sich Steinhoff um die Sicherheit der Piloten. Er ließ Fanganlagen an den Landebahnen installieren, was die Landeunfälle stark reduzierte, und setzte sich für die Einführung des zuverlässigeren und auch in geringen Flughöhen einsetzbaren Martin-Baker GQ7(A)-Schleudersitzes, anstelle des serienmäßigen Lockheed-C-2-Sitzes, ein. Vor allem aber sollten die Piloten Erfahrungen sammeln. "Fliegen, fliegen und nochmals fliegen", lautete seine Devise. Die Ausbildung in den USA wurde intensiviert, die Anzahl der Flugstunden für den Piloten erhöht. Seine Rechnung ging auf, die Abstürze sanken auf ein "normales" Maß.

Fazit:
Ich denke, das die Entscheidung, den F-104-G Starfighter zu beschaffen, sowohl militärisch als auch industriepolitisch vertretbar war. Selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass man das Konzept einer starken Verteidigungsarmee, die auch zur Offensive fähig ist und "im Bündnis ein Wort mitzureden" hat, akzeptiert, und eine deutsche Luftfahrtindustrie für sinnvoll hält. (Bemerkenswert ist, dass z. B. seitens des "Spiegels" in den 1960er Jahre der Sinn einer eigenen Luftfahrtindustrie weitaus stärker hinterfragt wurde als die Militärdoktrin der Bundesrepublik.)

Auch die Bestechungen durch Lockheed sollte man als pragmatisch- interessengelenkt, nicht als "schurkenhaft" oder "von der CIA gesteuert" wahrnehmen. Es ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar, dass Lockheed nach dem äußerst mäßigen Verkauf an die U.S. Air Force sehr intensiv potentielle Käufer des Starfighters umwarb. Dass Lockheed dabei auch zu Mitteln griff, die nicht immer legal waren, ist nichts Ungewöhnliches. Korruption kommt praktisch in allen Großkonzernen vor und trifft auf korruptionsanfällige Strukturen in Politik und Verwaltung.

Die Starfighter-Krise (Auf der Website der Luftwaffe.)

Die F104-Story (Cactus-Starfighter-Squadron, Traditionsvereinigung.)

Witwenmacher mit Stummelflügeln ("einestages", Spiegel.de)

F-104G Starfighter (Private Website des "Flightschweins" (Warts) Rolf Ferch.)

Freitag, 7. August 2009

Kongo - was ist schon der Kongo?

Auch so eine Meldung, die bei uns auf wenig mediales Interesse stößt - trotz Sommerloch und der Faustregel, dass Krieg, Sexualverbrechen und "Exotik" immer für Schlagzeilen gut sind:
Symbol of Unhealed Congo: Male Rape Victims (New York Times).
Besonders erschreckend ist, dass nicht "nur" Soldaten der "regulären" Armee und die Rebellentruppen plündern, morden und vergewaltigen, sondern dass auch die "Friedenstruppen" der UN bei den Gewaltexzessen munter mitmachen.
Vielleicht passt das nicht in das saubere "gut-böse"-Schema, das so gern von unseren Politikern und unseren Medien von den bewaffneten Konflikten dieser Welt gemalt wird. Zumal deutsche Interessen durchaus berührt sind und auch schon mal deutsche UN-Truppen im Kongo stationiert waren.

Freitag, 31. Juli 2009

Über Opportunismus, Technik und die Illusion des "Unpoltischen"

Nachdem ich zwei Mal über einer der größten Triumphe der Technik, die Mondlandung von Apollo 11 bloggte, geht es dieses Mal um eine Schattenseite dieses Projektes. Sie personifiziert sich im Projektleiter, Wernher von Braun.
Don't say that he's hypocritical,
Say rather that he's apolitical.
"Once the rockets are up, who cares where they come down?
That's not my department,"
Says Wernher von Braun.
(Zitat aus Tom Lehrers Spottlied "Wernher von Braun".)
Sag' nicht, er sei scheinheilig,
sag eher, er ist unpolitisch.
"Wenn die Raketen erst mal oben sind, wen kümmert's wo sie ´runterkommen? Das ist nicht meine Abteilung", sagt Wernher von Braun.

Es geht mir nicht darum, Wernher von Braun als bösen, menschenverachtenden Naziwissenschaftler zu dämonisieren.
Dass war er nämlich ebenso wenig, wie er der unschuldig ins Nazisystem, in die Produktion einer Terrorwaffe und deren Produktion unter Bedingungen der "Vernichtung durch Arbeit" verstrickte "Nur-Raketenkonstrukteur" und Technokrat war, als der er bis in die 1960er in den USA "verkauft" wurde.

Er war ein Opportunist mit wenig Skrupeln. Er war jemand, der für sich trennte, was nicht zu trennen ist: die Verantwortung der Technikers und Managers für das Projekt von der politischen Verantwortung für das, was mit den Produkten dieses Projektes gemacht wurde. (Ein Grund, weshalb ich so wenig davon halte, sich, etwa als Verein oder als religiöse Gruppe, unpolitisch zu geben. Das bedeutet nämlich oft: sich vor politischer Verantwortung zu drücken.) Er fragte nicht: "Für wen produziere ich?" oder "Wozu produziere ich?" Ihm ging es um den technischen Durchbruch. Fixiert auf den Bau der Rakete, zeigte er sich bereit zu fortwährenden Konzession an die "Umstände" - also letzten Endes an das Regime. Bis hin zum Beitritt zur SS.
Dabei war seine Motivation schwerlich nationalistisch: die von ihm um 1950 verantwortlich konstruierte Redstone-Raketen hätten, wäre sie zum Einsatz gekommen, ihren Atomsprengköpfe vor allem in deutsche Städte getragen. Er hätte, wenn es sich angeboten hätte, auch für die UdSSR gearbeitet - es arbeiteten tatsächlich mehr "Ex-Penemünder" für "die Russen" als für die "Amis", auch wenn es die USA geschafft hatten, sich viele "führende Köpfe" für ihre Rüstungsindustrie zu sichern.
Und er war einer von vielen. So wie er dachten tausende, wenn nicht zehntausende, "NS-belastete"-Fachleute.

Die Technik und die technischen Fachleute gedeihen in fast allen denkbaren gesellschaftlichen Systemen gleich gut: Demokratie, Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Kapitalismus, Planwirtschaft - das spielt alles keine Rolle, die Technik funktioniert überall, und die Mathematik ist auch überall die gleiche. Daher zahlt sich politischer Opportunismus für Ingenieure und techniknahe Naturwissenschaftler aus.
Schon in den Naturwissenschaft kann das anders sein. In der UdSSR war zum Bespiel die Genetik gut 30 Jahre lang als "bürgerlich-idealistische" Wissenschaft verpönt. (Mit Folgen, an denen Russlang noch heute leidet.) Theokratien tuen sich schwer mit dem Darwinismus. In Nazi-Deutschland wurde die Relativitätstheorie eine Zeit lang als "jüdische Physik" diffamiert (was später stillschweigend geändert wurde - es war allzu weltfremd für ein nach industrieller Überlegenheit und Wunderwaffen gierendes System).
Das ist wohl der Grund, weshalb Naturwissenschaftler häufiger "politischer" sind als Ingenieure.
Geisteswissenschaften, Kunst und Kultur haben es am schwersten. Die gedeihen nur in Freiheit wirklich gut. Leider folgt daraus nicht, dass jeder Geisteswissenschafler oder Künstler überzeugter Demokrat wäre.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Kleines Rätsel

Woher stammt dieses Zitat?
"Sicher, wenn der zum Chip gehörende Computer online angemeldet wurde, dann kennen wir seine IP. Und dann können wir ihn über GPS lokalisieren."
a) Aus einem Wunschtraum Dr. Wolfgang Schäubles?
b) Aus einer Pressekonferenz, gegeben von Frau Ursula von der Leyen?
c) Aus einem Leitartikel in der FAZ über Internet-Kriminalität?
d) Aus einer Wahlkampfbroschüre der Bremer "Grünen"? Nachtrag: Verantwortlicher Redakteur: Matthias Güldner.
f) Aus einem richtig doofen Film?

Die richtige Antwort gibt es im Agitpopblog.

Sonntag, 26. Juli 2009

"Die geheimen Beweise für die globale Erwärmung, die Bush verbergen wollte"

So lautet übersetzt die Schlagzeile eines Artikels der britischen Sonntagszeitung "Observer" Revealed: the secret evidence of global warming Bush tried to hide - siehe auch der Artikel auf "telepolis": Das Ende der Welt vor Barrow mit dem Untertitel: "Was Bush vor der Welt versteckte: Satellitenaufnahmen zeigen den Schwund des Eises in der Arktis".

Nun ist bekannt, dass George W. Bush während seiner Präsidentschaft nicht gerade als Umweltschützer hervortrat. Es ist außerdem bekannt, dass er "Global Warming" für irrelevant und folglich auch nichts von Einschränkungen des CO2-Ausstoßes hielt.
Hielt Bush die "unbequeme Wahrheit" absichtlich von der Öffentlichkeit verborgen? Eine "Klimaleugner-Konspiration"?

Eher nicht!

Es geht nämlich um Aufnahmen von Spionage-Satelliten, die eine Bildauflösung von unter einem Meter haben. Also Detailfotos. Die können, wie im Fall der Eisbedeckung vor Point Barrow, sehr dramatisch aussehen. Allerdings ist ihr Aussagewert beschränkt:
Um den Zustand des Meereises insgesamt beurteilen zu können, sind weiträumigere Übersichten, wie sie z. B. von den Satelliten der NOAA gemacht werden, relevanter. (Aktuelles / Eisbedeckung auf Wetterklima.de).
Tatsächlich hatte das US-Innenministerium mit der Veröffentlichung unerwartet schnell auf die Anfrage der National Academy of Sciences reagiert, die in den Bildern wertvolles Material für die Erforschung des schnellen Schwundes des arktischen Eises vermutet. Es geht dabei um Details des Eisschwundes, z. B. die Häufigkeit und Größe von Schmelzwassertümpeln auf der Eisoberfläche, nicht um die Tatsache an sich, oder das Ausmaß generell.

Hätte die Regierung Bush den Rückgang der Eisbedeckung des Nordpolarmeeres wirklich verschleiern wollen, hätte sie die Fotos nicht nur sämtlicher US-amerikanischer, sondern auch europäischer, russischer, chinesischer, indischer und japanischer Wetter- und Erdbeobachtungssatelliten zensieren müssen. Außerdem müsste er sich noch um die us-amerikanischen kanadischen, russischen, dänischen und norwegischen "Eisflieger" kümmern, also meteorologische Beobachtungsflugzeuge, die für die Schifffahrt die Eisberghäufigkeit und den Zustand des Meereises entlang der Seefahrtsrouten erkunden.

Normalerweise werden Bilder, die von Spionagesatelliten gemacht wurden, wenn überhaupt erst Jahre später "deklassifiziert" - meistens dann, wenn die Informationen, die sich daraus ergeben, ohnehin veraltet sind. Das Besondere ist also, dass die Bilder unter Obama so rasch und entgegenkommend freigegeben wurden - das Vorgehen unter Bush entsprach hingegen dem Regelfall.

Ergänzung: Der wirkliche Skandal ist ein anderer: Die Leiterin der us-amerikanischen "National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA)", Professor Jane Lubchenco, warnte davor, dass die Datenerhebung mit Satelliten, die für die Vorhersage der Klimaentwicklung unentbehrlich ist, durch die absehbare Überalterung der NOAA-Satellitenflotte gefährdet ist.

Schon früher warnten Wissenschaftler vor den Folgen der unter der Bush-Regierung vorgenommenen Bugetkürzungen für die von der NOAA und der NASA betriebenen Umweltsatelliten. Die US-Wissenschaft droht in der Klimaforschung den Anschluss zu verlieren, und die Lücken, die ein teilweiser Ausfall des NOAA-Netzes hinterließe, könnten von anderen Ländern beim besten Willen nicht geschlossen werden.

Es ist übrigens bezeichnend, dass unter Bush zwar (m. E. ziemlich großkotzig) ein "Aufbruch zum Mond und zum Mars" - und zwar als US-Alleingang - beschlossen wurde, dabei aber die Mittel der NASA nicht entsprechend erhöht wurden (während der Rüstungsetat geradezu explodierte). Die Stilllegung der Space Shuttles und der de facto "Ausstieg" aus der ISS sind nur die deutlichsten "Spitzen des Eisberges" der Bugetverlagerung und des Ausstiegs aus der internationalen Zusammenarbeit in der Raumfahrt. "Im Verborgenen" litt die unbemannte Raumforschung einschließlich der Umweltsatelliten.

Freitag, 24. Juli 2009

Die echte "Mondlandungslüge": Warum sie geglaubt wurde

(Teil 1: Das Wettrennen zum Mond)
Das langsame Ende des sowjetischen Mondflugprogramms
Die UdSSR hatte 1969 den "Wettlauf zum Mond" verloren. Das hieß aber noch lange nicht, dass sie ihre Mondprogramme aufgegeben hätte. Zwar konzentrierte sie sich nun verstärkt auf den Bereich der Langzeitflüge und der bemannten Raumstationen, aber vorerst wurde die für das bemannte Mondlandeprojekt N1-L3 vorgesehene Rakete N1 weiterentwickelt. Am 26. Juni 1971 startete die dritte N1. Sie geriet in unkontrollierbares Rollen und wurde nach 51 s gesprengt. Der vierte Start einer verbesserten N1-7L am 23. November 1972 lief bis zum Brennschluss der sechs zentralen Erststufentriebwerke problemlos ab. Dann explodierte ein Triebwerk, die Rakete stürzte ab.
Fehlstarts sind bei neuentwickelten Raketen das "täglich Brot" der Raufahrtingenieure, zumal bei so komplizierten Geräten wie der N1 mit ihren 30 Triebwerken. (Die "Saturn"-Familie, in deren Geschichte es keinen einzigen Totalausfall gab, ist die große, glänzende Ausnahme.) Die Pläne für eine bemannte sowjetische Mondlandung wurden mit jeden Fehlstart (und mutmaßlich wachsenden Finanzierungsschwierigkeiten) Schritt um Schritt weiter verschoben und erst 1974 - zwei Jahre nach Ende des "Apollo"-Programms - endgültig abgesagt.
Selbst das Mondumkreisungsprogramm wurde eine Weile fortgesetzt: Sond 7, gestartet am 7. August 1969, umrundete erfolgreich unbemannt den Mond - Kosmonauten hätten den Flug überlebt. Aber nachdem man "abgehängt" war, wurden keine so großen Risiken mehr eingegangen. Sond 8, am 20. Oktober 1970 gestartet, war ein Erprobungsflug im Rahmen des N1-L3-Mondlandeprogramms.
Das erwähnte Langzeitflug- und Raumstationsprogramm diente Anfangs erkennbar auch dem Ziel, Erfahrungen des US-Raumfahrtsprogramms nachzuholen - auch wenn es nach außen nicht offensichtlich war, war die UdSSR gerade weil sie ihr Raumfahrtprogramm unter Chruschtschow stark auf sensationelle Erstleistungen ausgelegt hatte, nach dem spektakulären ersten Raumflug eines Menschen 1961 zuerst langsam, ab dem "Gemini"-Programm der USA 1965 spürbar technisch ins Hintertreffen geraten. Paradoxerweise tat es der sowjetischen Raumfahrt gut, dass der "Generalsekretär der Stagnation" Breschnew, anders als sein Vorgänger, kein "Raumfahrt-Fan" war: Es konnte nun, ohne ständige Einmischungen von "oben", sorgfältiger geplant und konstruiert werden.

Bei der Verbundmission von Sojus 6, Sojus 7 und Sojus 8 im Oktober 1969 wurde die Mondlandeausrüstung getestet. Offensichtlich nicht zur vollen Zufriedenheit: die Rendezvoussysteme aller drei Raumschiffe hatten Probleme. Zwar hieß es später in den offiziellen Verlautbarungen, dass gar keine Kopplung geplant gewesen wäre, doch das ist höchst unwahrscheinlich, da alle Raumschiffe mit Kopplungsadaptern ausgerüstet waren. Sojus 9, gestartet am 1. Juni 1970, war fast 17 Tagen im Orbit und nahm den USA den Langzeitrekord für bemannte Raumflüge wieder ab - allerdings war dieser Flug, anders als manche Flüge der Chruschtschow-Ära, kein Rekord des Rekordes willen, sondern diente der Vorbereitung auf eine bemannte Raumstation. Die Station Saljut 1 wurde im April 1971 von einer "Proton"-Rakete in die Umlaufbahn gebracht. (Eigentlich war es die zivile Version der militärischen Raumstation Almaz, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einsatzbereit war, weshalb eine vereinfachte Version mit der Bezeichnung DOS gebaut wurde. Aus Tarnungsgründen erhielten sowohl die zivilen DOS- wie die militärischen Almaz-Stationen den Namen Saljut.)
Die Besatzung von Sojus 11 verbrachte die neue Rekordzeit von über 23 Tagen im All, davon 22 Tage an Bord der ersten Raumstation - und endete tragisch mit dem Tod der drei Kosmonauten Georgi Timofejewitsch Dobrowolski, Viktor Iwanowitsch Pazajew und Wladislaw Nikolajewitsch Wolkow. (Encyclopedia Astronautica: Sojuz 11 ) Durch eine technische Fehlfunktion während der Landephase, ein undichtes Ventil, entwich die Kabinenluft, die Raumfahrer, die keine Raumanzüge trugen, starben an Sauerstoffmangel.

Nach dem aufsehenerregende Unglück von Sojus 11 forderte Breschnew, dass keine bemannte Mission unternommen werden sollten, solange die gleiche Mission nicht erfolgreich von einem vollständig automatischen Raumfahrzeug durchgeführt worden war. Die bemannte sowjetische Raumfahrt kam deshalb für zwei Jahre zu einem kompletten Stillstand. Dies war wahrscheinlich der Todesstoß für den sowjetischen Plan einer bemannten Mondlandung: Während die Sojus-Raumschiffe in der Erdumlaufbahn für Testflüge ferngesteuert werden konnten, hätte die Mondlandeeinheit für einen unbemannten Flug vollständig automatisiert werden müssen.
In dieser Zeit teilten die Sowjets erstmals offiziell mit, sie hätten kein Programm, einen Menschen auf dem Mond zu landen.

Immerhin erzielte die Sowjetunion mit unbemannten Probenrückholsonden und den ferngesteuerten Mondrovern vom Typ Lunochod beachtliche Erfolge, die aber im Schatten der amerikanischen bemannten Mondlandungen standen.
N1 und Saturn V
Montage der startenden N1 "Herkules" (links) und Saturn V (rechts)

Die Lüge wird geschluckt
Ab 1973 verständigten sich die UdSSR und die USA auf das Apollo-Sojus-Test-Projekt. Sein Ziel erreichte es, als am 17. Juli 1975 ein Apollo- und ein Sojus-Raumschiff in der Erdumlaufbahn aneinander ankoppelten, so dass die Raumfahrer von einem Raumschiff ins andere umsteigen konnten. Für dieses Projekt erhielten auch NASA-Mitarbeiter Zugang zu den bisher streng geheim gehaltenen sowjetischen Raumfahrteinrichtungen. Im Zuge dieser Zusammenarbeit kam zu einem Art stillschweigenden Schweigeabkommen: obwohl man bei der NASA wusste, dass die UdSSR ein bemannten Mondprogramm hatte, und man auf sowjetischer Seite wusste, dass die USA es wussten, wurde über die bemannten Mondprogramme der UdSSR einfach nicht mehr öffentlich gesprochen. (Allerdings war der Kommandant der Sojus, Alexej Leonow, am Mondprogramm beteiligt gewesen- und wegen seiner unbedachten Äußerungen gegenüber der internationalen Presse, aus denen ziemlich klar hervorging, dass die UdSSR zum Mond wollte, zeitweilig in Ungnade gefallen.)
Auch die Seite der USA hatte einen Grund, über das sowjetische Mondprogramm zu schweigen: ihr Ruf war nach dem "schmutzigen Krieg" in Vietnam und Kambodscha und der Watergate-Affäre, die 1973 zum Sturz des Präsidenten Richard Nixon führte, lädiert. Es wäre für die brüchigen Beziehungen schädlich gewesen, die Misserfolge der UdSSR sozusagen öffentlich bloßzustellen. Außerdem war es der CIA peinlich, dass ihr der britische Geheimdienst SIS bzw. MI6 beim Ausspionieren der sowjetischen Raumfahrt weit voraus war.
Hinzu kam. das die CIA "dank" ihrer mit Drogenschmuggel finanzierten Geheimoperationen in Südostasien, der vom Journalisten Seymour Hersh aufgedeckten "Operation CHAOS", der Bespitzelung von rund 7.000 Personen und 1.000 Organisationen in den USA, die in Opposition zum Vietnamkrieg standen oder der Bürgerrechtsbewegung angehörten, und nicht zuletzt wegen der Unterminierung der demokratisch gewählten linksgerichteten Allende-Regierung in Chile und der Unterstützung des Militärputsches von General Pinochet einen katastrophalen Ruf hatte. Selbst konservative Medien trautem der CIA damals buchstäblich alles zu - außer wahrheitsgemäßen Berichten.

Da der "Wettlauf zum Mond" 1969 entschieden war, ließ das Interesse der US-amerikanischen Öffentlichkeit an den Apollo-Missionen rasch nach. Zur Enttäuschung der NASA sahen viele US-Bürger, darunter der schon erwähnte Fernsehjournalist Walter
Cronkite, den Sinn des Apollo-Programms ausschließlich darin, "die Russen zu schlagen". Wenn nun "die Russen" gar nicht im Rennen waren, dann war in dieser schlichten "Kalte-Kriegs-Logik" das Geld für das "Apollo-Programm" verschwendet gewesen.
Dass die eigentlichen Protagonisten, die Wissenschaftler, Ingenieure und vor allem die Astronauten / Kosmonauten das besser wussten und anders, entspannter, man kann auch sagen: sportlich, sahen, ist vielfach bezeugt. Auf dieser Ebene war der "Wettlauf ins All" niemals ein "verbissener Kampf der Systeme“ oder ein "Krieg mit anderen Mitteln".
Armstrong und Aldrin pflanzten nicht nur das Sternenbanner auf dem Mond auf, sie hinterlegten dort auch drei Orden, die einst Juri Gagarins Brust schmückten. Und als Dobrowolski, Wolkow und Pazajew am 3. Juli 1971 mit einem Staatsbegräbnis geehrt wurden, da war einer der Sargträger der amerikanische Astronaut Tom Stafford.

Es scheint fast so zu sein, als ob die öffentliche Meinung "im Westen" deshalb die Propaganda-Lüge aus Moskau so bereitwillig schluckte, weil sie genau das war, was viele Menschen in dieser Zeit zwischen moralischer Zerknirschung in den USA, latentem Anti-Amerikanismus in den anderen westlichen Demokratien und den ersten Früchten der Entspannungspolitik hören wollten.

Nun war die Existenz der "Herkules" getauften N1 und ihr mutmaßlicher Zweck nicht nur innerhalb der NASA ein offenes Geheimnis. Es gab einige Technikjournalisten, erwähnt sei
Charles Vick, die aus den Bruchstücken der Informationen, die durch die sowjetische Zensur sickerten - auch dank des losen Mundwerks einiger Kosmonauten wie Leonow - und Daten und Fakten der offiziellen Informationen, die teilweise nicht so recht zu den Pressemeldungen passten, ein Puzzlespiel zusammensetzten: Es gab ein sowjetisches Mondlandeprogramm. Womit sich bestätigte, dass sich ab einer bestimmten Größe ein Projekt nicht mehr geheim halten lässt.

Ich war als Schüler ein ausgesprochener "Weltraum-Freak" und ich hatte den Eindruck, dass es damals unter westdeutschen Raumfahrt-Enthusiasten (und jenen ostdeutschen Raumfahrt-Enthusiasten, zu denen wir Kontakt hatten) völlig außer Frage stand, dass die UdSSR ein bemanntes Mondprogramm hatte. Die Geschichte der 1969 auf Satellitenfotos erkennbaren Riesenrakete und der ebenso gut erkannbaren Verwüstung nach ihrem Fehlstart war "unter uns" allgemein bekannt. 1981 erschien in der P.M. eine, wie sich später zeigtem sollte, erstaunlich genaue Rekonstruktion der N1. Sogar einige der fraglichen Satellitenfotos waren "im Umlauf" - wenn auch immer ohne offizielle Bestätigung.
Dennoch wurde die Mondfluglüge geglaubt.
Wenn ich mich richtig erinnere, gab es drei Sorten "Skeptiker", die uns die "Geschichte" von der sowjetischen Mondrakete nicht "abkaufen" wollten.
Die eine waren die eingefleischten Antikommunisten, die kein gutes Haar an der UdSSR allgemein und an deren Raumfahrtprogramm im besonderen ließen. Für die war die technische Rückständigkeit der "Russen" (außer bei bestimmten Waffen) ebenso ausgemachte Sache wie deren "Verlogenheit" - wobei sie seltsamerweise ja eine Lüge schluckten. Ein extremes Beispiel für dieses Denken war, allerdings schon um 1960, der berühmte exilrussische Schriftsteller Vladimir Nabokov. Peter Ustinov berichtete in seinem Buch "Achtung Vorurteile!", dass Nabokov den weltweit bezeugten Raumflug Gagarins für ein potemkinsches Dorf hielt, für ein besonders abgefeimtes Theater der verhassten Sowjets. Ustinov gibt seine Unterhaltung mit Nabokov so wieder:
"Aber ich hab's im Fernsehen verfolgt", beteuerte ich, "da war wirklich ein Mann drin." - "Ach, sie haben einen künstlichen Mann genommen, eine Puppe." - "Nein, ich schwöre, ich habe sogar die Stimme dieses Gagarin gehört." - "Ja, Stimme vom Tonband." - "Du irrst, Vladimir. Die Stimme hat mit einem Observatorium Kontakt aufgenommen. Sie haben ihm Fragen gestellt, und er hat sie beantwortet. Wie soll ein Tonband das können?" - "Mit welchem Observatorium will er gesprochen haben?" - "Mit einem in Lissabon!" - "Ach, Portugal, hör doch auf!"
Nabovkov hatte offensichtlich eine ähnliche Mentalität wie die Vertreter der "Mondlandung-im-Studio"-Verschwörungstheorie. Ganz so extreme Vertreter wie Nabovkov lernte ich zwar nicht kennen, aber doch genügend "Russenfresser", die schon die offiziell anerkannten Raumfahrterfolge in Zweifel zogen - von einem Mondprogramm oder den damals in Entwicklung befindlichen Raumfähren vom Typ "Buran" (über die wir auch erstaunlich viel wussten) gar nicht zu reden.
Die zweite, häufigere Sorte waren jene, die den Sowjets mehr trauten als den "Amis". Das waren nicht etwa alles stramme Kommunisten, ganz und gar nicht. Nur hielten sie, vor allen, nachdem Ronald Reagan Präsident geworden war, "die USA" für verlogen, machtgierig, kriegerisch und - siehe NATO-Doppelbeschluss und Stationierung von nuklear bestückten "Tomahawk"-Marschflugkörpern und ebenfalls atomar bewaffneten "Pershing II"-Mittelstreckenraketen - gefährlich. Den wenigsten war die UdSSR wirklich sympatisch - aber sie war die schwächere Seite. Das "Eingeständnis der Schwäche" der UdSSR war aus ihrer Sicht unbedingt glaubwürdig. Ich bekam sogar zu hören, dass die "Geheimdienst-Legenden" über eine Sowjet-Mondrakete extra erfunden worden seien, um dem amerikanischen Volk einen erbitterten Wettlauf zum Mond vorzugaukeln, um ihr Mondprojekt zu finanzieren. Es gab am Rande der Friedensbewegung der 80er Jahre einige komische Vögel, die jede Form der Raumfahrt für Massenvernichtungswaffen-Entwicklung hielten. Ich habe da irgend wo noch eine Broschüre herumliegen, in der auch die Saturn V als Raketenwaffe bezeichnet wurde. Hauptzweck ihrer Entwicklung: mit einem in die Umlaufbahn gebrachten Raumspiegel "die Nacht in Vietnam abschaffen". Die zivile Raumfahrt sei nur ein Mittel, um Geld in die schwarzen Kassen der Geheimwaffenentwicklung zu spülen. (Ein Gedanke, der später von Gerhard Wisnewski wieder aufgegriffen wurde.) Den absoluten Hammer erlebte ich an einem Infostand, kurz nach dem Challenger-Unglück im Frühjahr 1986, als die Infostandbesatzung fröhlich verkündende, dass sie froh über den Unfall der Challenger wäre - eine kleine Pause in den verbrecherischen Star-Wars-Plänen. Ich weiß nicht mehr genau, was ich darauf antwortete, es war nicht freundlich. Das ist zwar ein extremes Beispiel, aber das Misstrauen gegen die Raumfahrt war groß.
Die dritte Gruppe war bei weitem die Größte - natürlich neben jenen, die "das ganze Weltraum-Zeugs" sowieso nicht interessierte.
Das waren jene, die ganz einfach die "offizielle Version" glaubten. Wenn es so in der Zeitung steht, dann wird es wohl so sein. Und wer anderer Ansicht ist, ist ein Spinner. Ist auch bequemer so. Was soll man sich auch nur über solche Sachen den Kopf zerbrechen.

Wenn ich es recht bedenke, dann bereiten mir diese Menschen, die aus Denkfaulheit oder Desinteresse einfach glauben, ohne zu zweifeln, mehr Kopfzerbrechen, als die "Weltverschwörungstheoretiker". Die sind nämlich nur wenige.

The Real Moon Landing Hoax (Encyplopedia Astronautica)

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