Donnerstag, 21. August 2008

Zieleinlauf a la "Asterix"

Im Comic Asterix bei den Olympische Spielen spielen Asterix und Miraculis der römischen Mannschaft heimlich Zaubertrank zu. Die mit Zaubertrank "gedopten" Römer laufen alle gleichzeitig über die Ziellinie.

Laut Hockey ist dieser Gag gleich zwei Mal Realität geworden -
Asterix in China. Aber bei den jamaicanischen Wunder-Sprinterinnen ist natürlich kein "Zaubertrank" im Spiel ...

Montag, 18. August 2008

Sie ist wieder da!

Pünktlich zum einjährigen Jubiläum des verheerenden Servercrash ist sie wieder da - und zwar komplett neu erstellt, denn Backups sind nach Hellblazers Ansicht "nur was für Weicheier":

Die neu gestalteten Nornirs Ætt - Asatru zum selber Denken Website!

Zum mutmaßlichen Ärger unserer "braunen Freunde" hat damit auch das Projekt Odins Auge wieder seine volle Internetpräsenz. "Odins Auge" (ex "Ariosophieprojekt") entstand daraus, dass die Nornirs Aett ist sich ihrer Verantwortung bewusst ist, die mit einem Bekenntnis zu einer “germanisch” genannten Kultur einhergeht. Diese Verantwortung besteht sowohl in einem historischen Rahmen als auch in einem aktuellen, da noch immer mit einem Bezug auf angeblich germanische Inhalte und Hintergründe Ideologien und Sichtweisen verkauft werden, die mit dem, was historisch als “germanisch” bezeichnet werden kann, so ganz und gar nichts zu tun haben. Dafür aber umso mehr mit Konstrukten der Nationalromantik des 19. Jahrhunderts, denen "völkischer" und rassistischer Esoterik - vor allem der "Ariosophie" und ihrer Nachfolger - und nicht zu vergessen, der Nazis, ihrer Vordenker und Nachbeter.

Weil dabei schon lange die Grenzen der betrachteten Phänomene die Thematik der Ariosophie oder deren geistigen Ursprung, die Theosophie, weit überschritten hat, wurde das Projekt in "Odins Auge" umbenannt: mit scharfem Blick sollen Zusammenhänge gefunden, Abläufe nachvollziebar gemacht und Strukturen hinter den ein oder anderen bewussten oder unbewussten Fassaden in unserer Gesellschaft freigelegt werden.
Odins Auge betrachtet nicht mehr “nur” die Ariosophie als ideologisches System antidemokratischer und rassistischer Natur sondern stellt die Gesellschaft - und damit auch uns alle - auf den Prüfstand.

Anders ausgedrückt: Odins Auge blickt dahin, wo es "angebräunt" oder antidemokratisch zugeht - im Asatru, in der Heidenszene, aber auch in der "ganz normalen Gesellschaft".

Demenz bei der Bundesagentur

Es gibt Ideen, die zwar irgendwie für irgendwelchen Menschen plausibel klingen, es aber nicht sind: Langzeitarbeitslose sollen Demenzkranke betreuen. Wie die Konsequenzen für die Demenzkranken aussehen würden, hat Hockey auf den bitteren Punkt gebracht.

Was steckt hinter so einer Kelleridee?
Unstrittig ist, dass es zu wenige Pfleger gibt. Wenn es nur um die Demenzkranken und die Langzeitarbeitslosen ginge, wäre es am sinnvollsten, geeignete Langzeitarbeitslose gleich zum "richtigen" Altenpfleger / Krankenpfleger umzuschulen. Allerdings ist leider kein Geld da, um die nötigen Planstellen dafür in den Heimen und Stationen zu finanzieren.
Die Pflegeassistenten sind weitaus billiger zu haben als die ohnehin schon schlecht bezahlten Pfleger. Und das "Schöne" ist: als Langzeitarbeitslose sind sie nicht in der Position, einen entsprechenden "Vorschlag" ablehnen zu können. So gesehen: eine zynisch-schlaue Idee, gleichzeitig im Gesundheitswesen "Kosten zu dämpfen" und dabei "Abeitslosigkeit zu bekämpfen" - zwar auf Kosten der Kranken und der nicht ganz freiwilligen Pflegeassistenten, aber das ist ja nicht weiter wichtig ...

Der Haken an der "tollen" Idee: die potenziellen Pflegeassistenten müssen geeignet sein. Ich bezweifele, nicht erst seit dem Erntehelfer-Fiasko, dass die nach Maßstäben der Fallmanager der Agentur "geeigneten" Kandidaten dann auch wirklich für diese harte und nervenbelastende Arbeit geeignet sind. Selbst junge und an sich belastbare Zivis halten die Arbeit im Pflegeheim oft psychisch nicht durch. Also wird es oft darauf hinauslaufen, dass der nicht ganz freiwillige Patientenpfleger nach einigen Monaten selbst zum Patienten wird - in der Psychiatrie.

Sonntag, 17. August 2008

Legende "deutsche Wunderwaffen"

Ende des letzten Jahres debattierte die deutsche Science-Fiction Szene heftig über eine neue deutsche SF Serie "Stahlfront": Ist der leicht angebräunte Name Programm?. Das heißt, die Debatte war zwar heftig, aber einseitig: "Stahlfront" -Verlag, -Autoren und -Fans gegen den "Rest des SF-Universums". Und offensichtlich war "Stahlfront" kein Ausrutscher. Nun ist es nicht so, dass "Military SF", in denen "gute" Nazis bzw. "gute" Nazitraditionen eine tragende Rolle spielen, eine deutsch(-nationalistische) Spezialität wären - Romane mit "Stahlfront"-kompatibler Weltsicht kommen auch z. B. aus den USA: Bloody Stupid Brown Books: Watch on the Rhine.

Egal, ob es um braunstichige SF-Romane oder ebensolche "Sachbücher" geht: ein zentrales Element ist die Legende von den "deutschen Wunderwaffen". "Stahlfront" geht z. B. davon aus, dass die Waffenentwicklungen der Nazi-Kriegsindustrie heimlich weitergetrieben wurden (dabei ist die "Neuschwabenland"-Legende von einer "reichsdeutschen" Kolonie in der Antarktis wichtig) und heute zu phantastischen Waffensystemen geführt hätte, die die Menschheit bei ihrem Kampf gegen fiese Außerirdische unbedingt braucht.
Die Legende - besser vielleicht: "moderne Sage" - von den Nazi-Wunderwaffen beruht auf der weit verbreiteten Annahme, dass Waffensysteme, Material- und Grundlagenforschungen Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs ihrer Zeit weit voraus gewesen seien - eine Annahme, die, abgesehen von einigen Spezialgebieten, nicht stimmt.

Die Wunderwaffen-Legende speist sich aus mehreren Quellen:
  • Die deutsche Wunderwaffen-Propaganda in der letzten Phase des 2.Weltkriegs, inbesondere die um die V-Waffen. Diese "Wunderwaffen" sollten doch noch einen deutschen Sieg ermöglichen. Daraus entstand der Nachkriegs-Mythos, dass nur das "rasche" Kriegsende einen effektiven Einsatz dieser Waffen unmöglich gemacht hätte.
  • Nach der bedingungslosen Kapitulation gerieten verschiedenste ausgereifte oder bloß in der Erprobung befindliche Waffensysteme in alliierte Hände. Einige dieser Entwicklungen - vor allem auf dem Gebiet der Raketentechnik, der Düsenflugzeuge und des U-Boot-Baus - waren den entsprechenden allierten Entwicklungen tatsächlich voraus, bei anderen entstand, weil die Allierten ihre entsprechenden Entwicklungen geheim hielten, fälschlicherweise der Eindruck deutscher Überlegenheit (z. B. auf dem Gebiet der Nervengifte, der Radartechnik, der Herstellung synthetischer Treibstoffe).
  • Die Entwicklung der einzigen realen "Wunderwaffe" des 2. Weltkrieges, der Atombombe, stand unter dem (fälschlichen) Eindruck eines "Wettlaufes um die Bombe" mit dem deutschen Uranprojekt. Die Befürchtung, dass Nazideutschland mittels Atombomben den Krieg hätte gewinnen können, ist so alptraumhaft, dass sie bis heute kulturell nachklingt, und selbst wage Hinweise auf eine "deutsche Atombombe" über Gebühr ernst genommen werden.
  • Unter den gefundenen deutschen Reißbrett-Projekten befanden sich auch technisch unrealistische "Panik"- und "Größenwahn"-Ideen, z. B. die (nie geflogenen) Flugscheiben Heinrich Fleißners oder der Riesenpanzer P 1500 "Monster". Hinzu kommen teilweise realisierte "Panik-Entwicklungen" wie die Bachem Ba 349 "Natter", die die Grenzen des damals technisch Realisierbaren großzügig außer Acht ließen. Solche phantastischen, aber irrealen, Waffenprojekte lieferten reichlich Stoff für ebenso irreale Spekulationen.
  • Die Allierten suchten nach Kriegsende intensiv nach deutschen Wissenschaftlern und Ingenieuren (Operation Overcast). Da der teils erzwungene, teils angedienten Übertritt deutscher Wissenschaftler in die Nachkriegsforschung der beiden Supermächte nicht geheim bliebt, wurde der Eindruck, dass es in Deutschland ein immenses und nicht einmal ausgeschöpftes Potential für Waffenentwicklungen gegeben hätte, enorm verstärkt.
  • Der meiner Ansicht nach zumindest in Deutschland stärkste Beitrag zur "Wunderwaffenlegende" lag in der "Fronterfahrung" der deutschen Soldaten: sie bekamen die technischen Durchbrüche, die tatsächlich erreicht wurden, vor allem im Flugzeug-, Panzer- und Unterseebootbau, durchaus mit, zumal diese Errungenschaften auch propagandistisch überhöht wurden. Diese punktuelle technische Überlegenheit verschleierte die Tatsache, dass etwa ab 1943 die Allierten nicht allein hinsichtlich des Umfangs ihrer Waffenproduktion, sondern auch hinsichtlich der Qualität der meisten ihrer Waffen erdrückend überlegen waren. Viele Deutsche glaubten - oder wollten glauben, - dass letzten Endes allierte "Masse" gegen deutsche "Klasse" gesiegt hätte.
  • Ein weites Feld sind die (braun-) esoterischen Beiträge zur "Wunderwaffenlegende". Allerdings hätten "Jan van Helsing" und Konsorten mit ihren Behauptungen über "Reichsflugscheiben" kein Gehör gefunden, wenn es den Mythos "deutsche Wunderwaffe" nicht geben würde.
Ein paar Sätze zur in Deutschland besonders wirksamen Vorstellung, "wir" hätten doch die technisch besseren Waffen gehabt, Oppa hätte schließlich mit eigenen Augen gesehen, wie hilflos die Ami- oder Russenpanzer gegen "unsere" Königstiger gewesen wären, nur hätten "wir" davon zuwenige gehabt.
Selbst bei den (wenigen) deutschen Waffensystemen, die denen der Alliierten gegen Ende des 2. Weltkrieges noch technisch deutlich voraus waren, kann von "Wunderwaffen" keine Rede sein:

Die Me 262 war in der Hand geübter Piloten ein guter Abfangjäger - mehr aber auch nicht.
Ihre Reichweite betrug gerade einmal ca. 1.000 km bei voller Treibstoff-Zuladung. Mit dem sich daraus ergebenden Aktionsradius von unter 500 km war die Bomberversion A-2a taktisch gesehen unsinnig, zumal sie gerade mal 2 x 250 kg Bombenlast schleppen konnte. (Aber Hitler, Göring und sehr viele wundergläubige "Volksgenossen" wollten den "schnellsten Bomber der Welt".)
Außerdem waren die Triebwerke noch notorisch unzuverlässig - und viele Piloten kamen mit dem schnellen "Wundervogel" nicht zurecht. Es gingen mehr Me 262 durch Pilotenfehler oder technisches Versagen als durch Feindeinwirkung verloren!

Auch bei den schweren Kampfpanzern hatte Nazideutschland einen gewissen technischen Vorsprung - aber Wunderwaffen waren der "Tiger", der "Königstiger" und der "Panther" nicht.
Eine Schwäche der "Tiger"-Familie war ihr kompliziertes Schachtellaufwerk - war das einmal eingefroren, was im Winter im Osten nicht selten vorkam, konnten die unbeweglichen Kolosse ziemlich mühelos von der sowjetischen Panzerabwehr-Artillerie zusammengeschossen werden. Viele Brücken waren für die schweren Panzer (Tiger II: 68 Tonnen)schlicht zu schwach.
Die Notwendigkeit, für den Bahntransport mühsam spezielle Transportketten aufzuziehen zu müssen, wie beim "Königstiger", war ein logistischer Alptraum. Außerdem war der Treibstoffverbrauch der schweren Panzer, angesichts der angespannten Brennstofflage, katastrophal. Nicht zuletzt erforderten diese technisch anspruchsvollen Panzer eine gut ausgebildete Besatzung - und damit haperte es ab 1942/43.

Das Körnchen Wahrheit, dass jede Legende enthält, gibt es auch bei den "Wunderwaffen". Einige kamen tatsächlich "zu spärlich" oder "zu spät": eine ausgereifte und zielsichere A4-Rakete (alias "V2") oder eine frühere Serienreife der U-Boote vom Typ XXI hätten, wie ein Masseneinsatz der Me 262, den Kriegsverlauf durchaus beeinflussen können - der Krieg hätte in diesem Fall aber nur länger gedauert, dass mit diesen Waffen noch ein "Endsieg" hätte erzwungen werden können, war von Anfang an illusorisch.
Was "Wunderwaffenfans" regelmäßig übersehen: die "bedingungslose Kapitulation" (unconditional surrender) war der zentrale Punkt der Anti-Hitler-Koalition. Da eine bedingungslose Kapitulation Waffenstillstandsverhandlungen und Teilkapitulationen ausschloss, bewies das der Sowjetunion, dass die Westalliierten bereit waren, den Krieg gegen Deutschland unter allen Umständen weiter an ihrer Seite zu führen. Da ab Juli 1945 die Atombombe einsatzbereit war, und ihr Einsatz ohne Zweifel geeignet war, eine bedingungslose Kapitulation zu erzwingen, wären bei längerer Kriegsdauer mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit Atombomben auf deutsche Städte abgeworfen worden.

Samstag, 16. August 2008

Präventionitis

Dieser Beitrag schließt sich an meine Gedanken zu Kultur der Angst an.

"Ängstliche Angstmacher", wie unser Bundesinnenminister, rufen gerne nach Prävention. Das Wort "Prävention", oder schlicht "Vorsorge", hat einen guten Ruf, der sich aus der Alltagserfahrung ergibt - regelmäßig Zähneputzen erspart schmerzhafte Karies, Ölstandkontrolle den Motorschaden und ein vernünftiges Türschloss so manchen Einbruchsdiebstahl.
Für ängstliche Menschen hat die Prävention noch eine andere Funktion: Angstabwehr. Ich erinnere mich an eine Nachbarin, die schreckliche Angst vor Einbrechern hatte. Bevor sie schlafen ging, kontrollierte sie jedes Mal ihre Schlösser - das gab ihr das nötige Gefühl der Sicherheit, um ruhig schlafen zu können. Sie war sich allerdings bewusst, dass ihre Turschloßkontrolle eine Marotte war, wie sie sagte. Angsterfüllte Politiker oder "Sicherheitsexperten" reflektieren ihre Ängste und ihre Angst-Abwehr-Rituale dagegen nicht - im Gegenteil, sie bestreiten nicht selten, dass sie überhaupt Angst hätten.

Manchmal müssen Experten, die nach Prävention rufen, erst die Angst erwecken, die mit der jeweils vorgeschlagene Maßnahme abgewehrt werden soll.
Wenn also das Gesundheitsministerium feststellt, dass 63 Prozent der Jugendlichen gerne besser aussehen würden, dann zucke spontan mit den Achseln: Na und? In der Pubertät ist man eben mit sich selbst und der Welt nicht im Reinen, ich fand damals z. B. meine unreine Haut katastrophal, obwohl ich sonst nicht sonderlich eitel war, und habe Unmengen an Aknemitteln durchprobiert. Irgendwann war diese Phase vorbei, übrigens vor dem Ende der Pubertätsakne.
Im Kontext mit Magersucht und ähnlichen Selbstwahrnehmungsstörungen ist es vielleicht interessant zu wissen, wie weit verbreitet die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen ist, vor allem, ob diese Unzufriedenheit zugenommen hat, aber "beunruhigend" finde ich diese Zahlen nicht.
Aber der Verbraucherminister findet es beunruhigend - und fordert (wieder einmal) mehr Anleitung zum gesunden Essen. Als Patentrezept sowohl gegen Übergewicht wie gegen Magersucht.
(Mein Vorschlag: da weder Gesundheitsministerin Ulla Schmidt noch Verbraucherminister Horst Seehofer sonderlich schlank und durchtrainiert aussehen, sollten sie solche Ermahnungen besser der hageren Familienministerin Ursula von der Leyen überlassen.)

So wie es auf eine konkrete Gefahr gerichtete Ängste und abstrakte Ängste gibt, so gibt es auch auf die Abwehr konkreter Gefahren gerichtete Präventionsmaßnahmen, deren Erfolg oder Misserfolg eindeutig erkennbar sind - ein Beispiel aus dem Gesundheitswesen wären Schutzimpfungen - und solche, bei denen die Gefahr diffus ist und Erfolge oder Misserfolge schwer nachweisbar sind - ein Beispiel wären Kampagnen zur "gesunden Ernährung". Antiraucherprogramme liegen in etwa dazwischen.

Präventionsprogrammen gegen diffuse Bedrohungen, egal, ob sie aus dem Bereich Gesundheit, Jugendschutz ("Killerspiele") oder Terrorismusbekämpfung stammen, haben folgende gemeinsame Merkmale:
  • Für "abstrakte" Präventionsprogramme ist grundsätzlich jeder Einzelne ein Risikofaktor. Die "Schuld" wird auf den Einzelnen abgeladen. Bei Gesundheitsprogrammen äußert sich das in Bevormundung, bei der Kriminalprävention im Generalverdacht - im Falle Jugendschutz ist beides möglich.
  • Wer Zweifel am Sinn der Präventionsmaßnahme hegt, dem wird Angst gemacht. Gelingt das nicht, wird der Zweifler mit Hinweisen auf die Dringlichkeit des Problems zum Schweigen gebracht. Nicht selten wird der Kritiker selbst als "Gefährder" wahrgenommen oder als "kriminell" angeprangert.
  • Blinder Aktionismus: Immer muss sofort etwas geschehen. Egal, ob es überhaupt handfeste Erkenntnisse über Art und Ausmaß der Bedrohung gibt. Oft reichen schon vermutete oder gefühlte Bedrohungen aus.
  • Präventive Logik ist expansiv: Wenn eine Präventionsmaßnahme nichts gefruchtet hat, dann muss eben die nächste Maßnahme nachgeschoben werden. Reflexionen darüber, ob die Prävention überhaupt sinnvoll ist, unterbleiben. (Anders etwa als bei Vorbeugung mit konkreter Zielsetzung.)
Egal, auf welchem Gebiet diese von politischen Angstbeißern angestoßenen Präventionsprogramme wirken, ob gegen die "demographische Zeitbombe" oder die "Jugendkriminatlität", gegen "Volkskrankheiten" oder "Terrorismus" - rechtsstaatliche Regularien, vor allem Bürgerrechte des Einzelnen gegenüber dem Staat, gelten als hinderliche Förmlichkeiten. (Einige durch Präventionitis berohte Rechte: Ärztliche Schweigepflicht, Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung, Fernmeldegeheimnis, Recht auf freie Berufswahl, Versammlungsrecht, Elternrecht usw. usw. .)

Die ängstlichen Angstmacher bahnen den Weg in den Präventionsstaat.

Dienstag, 12. August 2008

Coole Hochenergiephysik

In Rap-Form informieren Physiker des LHC am CERN, woran sie eigentlich arbeiten - und warum Grundlagenforschung richtig cool sein kann: (Vorsicht, Lerngefahr!)

(Leider ist die Tonqualität nicht so doll.)

Wer meint, die Forschung am CERN sei realitätsfremd und anwendungsfern, und folglich Geldverschwendung, möge bedenken, dass er das hier ohne die Forschungsarbeiten am CERN nicht lesen könnte.
Am CERN wurde unter anderem auch die Idee des World Wide Web von Tim Berners-Lee auf den Weg gebracht. Das Web entstand 1989 als Projekt am CERN, das ursprüngliche Ziel des Systems war es, Forschungsergebnisse auf einfache Art und Weise mit Kollegen auszutauschen.
Derzeit ist man am CERN intensiv an der Entwicklung eines World Wide Grid beschäftigt, eines Systems für verteiltes Rechnen. Dieses wird benötigt, um die ungeheuren Datenmengen, die ab 2008 an den drei großen Experimenten (ATLAS, CMS, LHCb) des LHC anfallen, zu verarbeiten. Es wird spannend sein, mitzuerleben, was daraus werden wird.

Gefunden bei Eoraptor Log

Vom Walfänger FLORA zur "Roten Flora" (1)

Zur Abwechslung mal etwas regionale Geschichte. Es gibt eine Verbindung vom legendären Walfänger zur nicht weniger legendären "Roten Flora" im Schanzenviertel - und diese Verbindung liegt nicht nur im Namen.

Teil 1: Der Walfänger

Flora
Walfänger "FLORA VON ELMSHORN"
Die Bark hat, vor einem Sturm Schutz suchend, einen Fjord in Nord-Norwegen angelaufen. Da es im tief eingeschnittenen Fjord fast windstill ist, wird die „Flora“ von dreien ihrer Fangschaluppen in die offene See geschleppt.
Gemalt nach dem Modell im "Internationalen Maritimen Museum", Hamburg.

Länge über alles: 45 m
Länge über Deck 32 m
Breite über alles: 10,60 m
Tiefgang maximal: 6,50 m
Besatzung: ca. 50 Mann

Den Bug ziert die Galionsfigur „Flora“, eine Blumenmaid.

Seit eh und je jagten Küstenbewohner mit Handharpunen vom Boot aus Wale und Robben. Aber erst relativ spät, im 16. Jahrhundert, begann der Walfang auf hoher See, zuerst im Baskenland und in der Bretagne, später in Holland und Friesland. Der deutsche Nordmeer-Walfang begann im Jahr 1644 in der Stadt Hamburg. 1675 gingen bereits 75 Hamburger Schiffe auf "Grönlandfahrt". Entgegen dem Namen wurde das blutige Handwerk vor allem in den Gewässern bei Spitzbergen betrieben. Bis heute gibt es dort eine Hamburger Bucht.

Nach Hamburg begann die damals dänischen Städte Glückstadt und Altona mit dem Aufbau einer Walfang-Flotte. 1671 lief das erste Glückstädter Fangschiff aus, 1685 wurde die erste Grönlandkompanie in Altona gegründet. Begünstigt durch dänische Prämien und Privilegien blühte der holsteinische Walfang und erreichte um 1770 herum seinen Höhepunkt. Die Besatzungen der Walfänger, die manchmal jahrelang auf Fangreise waren, waren größtenteils Inselfriesen - auf den friesischen Inseln gab es damals nur wenige Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Friesen galten als hervorragende Seeleute und Harpuniere, einige kamen zu Wohlstand - prachtvolle Häuser, etwa auf der nordfriesischen Insel Amrum oder der ostfriesischen Insel Borkum künden davon, wie auch einige erhaltene Zäune und Tore aus Walknochen, viele kamen auf diesen gefährlichen Reisen um - Gedenksteine auf friesischen Friedhöfen erinnern an die vielen Männer, die auf See geblieben sind.

Die englische Kontinentalblockade und die französische Kontinentalsperre während der napoleonischen Kriege brachten den deutschen und dänischen Walfang fast zum Erliegen. Nach dem Ende der Besetzung durch Napoleon erholte sich die Wirtschaft in der Unterelberegion sehr schnell - der Grund lag in der beginnenden "industriellen Revolution". Damals diente Walöl nämlich als Maschinenöl. Waltran wurde außerdem zur Seifenherstellung, zum Gerben von Fellen und zur Beleuchtung von Haus und Stall („Tranfunzel“) verwendet, Robbenfelle für wetterfeste Kleidung.

Um den steigenden Bedarf an Walöl zu befriedigen, und um den sich erholenden Walfang nicht allein den Hamburger Walfängern zu überlassen, subventionierte Dänemark die schleswig-holsteinischen „Grönlandfahrer“ mit 10 Reichstalern für jeden „Commandeur“.
"Commandeur" eines Walfängers ist nicht etwa "nur" Kapitän. Walfänger wurden meisten als Partenreedereien betrieben, als Genossenschaften - jeder, der auf einem Walfänger fuhr, war Anteilseigner an seinem Schiff und war am Gewinn beteiligt. Der Commandeur wurde von der Besatzung / Genossenschaft gewählt.
Auch wegen dieses demokratischen Vorgehens galten Walfänger bei Seeleuten der Kriegsmarinen, aber auch denen der Fernhandelsgesellschaften, als undisziplinierter, wilder Haufen.

Nach 1815 begannen wegen der Subventionen auch kleinere Städte mit Elbzugang (Itzehoe, Brunsbüttel, Elmshorn, Uetersen) eigene Schiffe auszurüsten.

Die Dreimastbark "Flora" wurde 1794 in Neustadt an der Ostsee gebaut und fuhr zunächst als Frachtsegler. 1816 wurde das Schiff in Flensburg zum Kauf angeboten und nach gründlicher Prüfung von 15 Elmshorner Bürgern, die eine Partenreederei gründeten, für 15000 Courant Mark gekauft.
Die "Flora" wurde im damals zu Elmshorn gehörenden Hafen beim Spiekerhörn zu einem "Grönlandfahrer" umgebaut. Neben Walfang sollte das Schiff in arktischen Gewässern auch der Robbenjagd dienen.
Das Schiff erhielt eine neue eichene Haut, um für stärkere Eispressungen gerüstet zu sein. Außerdem wurden sieben Fangschaluppen gebaut. (Später auf fünf reduziert.) Durch den Umbau verteuerte sich das Schiff um weitere 14000 Courant Mark.
Außer den für den Walfang und die Robbenjagd benötigten Waffen wurde die "Flora" auch mit acht kleinen Kanonen ausgerüstet - in und kurz nach den napoleonischen Seekriegen erlebten Freibeuterei und Piraterie eine kurze, aber heftige "Blüte".
Die schwarz bemalten Stückpforten, die man auf dem Bild erkennt, waren zum großen Teil "blind", d. h. es standen keine Kanonen hinter ihnen. Sie gaben der Bark auf einige Entfernung das Aussehen eines Kriegsschiffes und schreckten so Kaperfahrer ab. Ab den 1820 Jahren wurden Zeiten ruhiger. Die Kanonen wurden entfernt, um mehr Laderaum zu schaffen. Die „Flora“ behielt ihr kriegerisches Aussehen dennoch bei.
Zur Aufnahme des Robben- und Walspecks wurden 450 Fässer und zur Reserve noch mehrere hundert Fassdauben geladen.
So ausgerüstet trat die Flora Ende April 1817 ihre erste Reise in die arktischen Gewässer an.

Zur Zeit der Elmshorner Grönlandfahrten war der Höhepunkt der Wal- und Robbenjagd vor Grönland und Spitzbergen längst überschritten, denn infolge der rücksichtslosen Nachstellung war der Bestand dieser Tiere schon stark verringert. Immerhin erlegte die Mannschaft der "Flora" im Jahre 1831 noch 9.000 Robben und sechs Grönlandwale.

Über 50 Jahre fuhr die "Flora" nach Grönland, um die begehrten Seesäuger zu erjagen. Mit ihr fuhren von Elmshorn noch drei weitere Fangschiffe, die im Laufe der Jahre erworben wurden. Über 50 Jahre lang waren diese Schiffe ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor und ein wichtiger Teil des Lebens in Elmshorn.

Zu Beginn der 1870er Jahre wurden die Fangergebnisse immer geringer und die Verluste immer größer. Die Grönlandfahrten hörten allmählich auf. Hinzu kam, dass Erdölprodukte das Walöl als Schmierstoff und Lampenöl (Petroleumlampe) verdrängten. Nur der aufwändige Walfang auf den Pottwal lohnte sich noch. Bis zur Einführung des industriellen Walfangs mit Harpunenkanonen, schnellen Fangbooten mit Dampf- und später Motorantrieb und ab den 1920er Jahre Fabrikschiffen hatte die großen Wale einige Jahre trügerischer Ruhe, bis dann fast alle Großwalarten bis an den Rand der Ausrottung gejagt wurden.

Im Jahre 1872 ging die "Flora" auf ihre letzte Fahrt. Danach wurde sie abgetakelt. Auch die anderen Fangschiffe wurden außer Dienst gestellt und verkauft. Die Zeit der Grönlandfahrten war vorbei.
Die Stadt Elmshorn hält die Erinnerung an diese Zeit lebendig. Das Stadtwappen, das ein Segelschiff zeigt (das aber nur wenig Ähnlichkeit mit der "Flora" hat) und der Springbrunnen auf dem Bahnhofvorplatz, der einen stilisierten Walfänger zeigt, erinnern an diese Zeit. Der Anker der "Flora" liegt bei der Gaststätte "Sibriren" am See, einem noch heute beliebten Ausflugsziel.

Das Schiff wurde abgetakelt und diente dann bei der Bergung eines Dampfers auf der Unterelbe als Wohn-und Materialschiff. Später wurde es in Hamburg, in Steinwerder an der Norderelbe, gegenüber von St. Pauli, fest verankert, und diente als Bier-und Tanzlokal. 1888 kam das Ende dieses Schiffes, es wurde abgewrackt.

(Teil 2: Die "Flora"-Tradition geht weiter. Demnächst in diesem Blog.)

Sonntag, 10. August 2008

Chinas Olympia-Organisatoren übertreffen sich selbst

Sie überlassen wirklich nichts dem Zufall. Olympische Illusion: TV-Bilder der Eröffnungsfeier waren teilweise manipuliert.
Es passt hervorragend zum Leistungssport (wie er wirklich ist), zum IOC (wie es wirklich ist) und ganz besonders zu China (wie es brutal wirklich ist). Trotzdem musste ich über diese Fälschung lachen: Sie ist so überzogen, so auf die Spitze getrieben, wie es kein Satiriker besser hätte erfinden können.

Samstag, 9. August 2008

Gedanken zur Kultur der Angst

Angeregt durch einen schon etwas zurückliegenden Blogbeitrag von Andreas Stadelmann A - N - G - S - T !!!, durch ein Gespräch mit Sven Scholz vor genau einer Woche und nicht zuletzt einigen Reflektionen darüber, wie Angst meine Persönlichkeit prägt, die ich aber größtenteils für mich behalte, schreibe ich über Angst. Keine originellen oder neuen Gedanken, gewiss nicht; alles, was ich hier schreibe, habe andere entweder schon besser ausgedrückt, oder ich vermute wenigstens, dass andere es schon besser ausgedrückt hätten.

Angst spielt im heutigen Bewusstsein eine zentrale Rolle. Nicht nur in Deutschland - die "German Angst" ist in den USA geradezu sprichwörtlich - werden unterschiedlichste Themen durch "Angst-Brille" gesehen.
Angst und Angstabwehr spielten schon im frühen 20. Jahrhundert eine problematische Rolle im politischen Handeln, man denke an die Ursachen des 1. Weltkrieges oder an den Aufstieg der Nazis in Deutschland; und die Jahre des "Kalten Krieges" kann man ohne weiteres als Zeitalter der Angst charakterisieren. Aber erst in den letzten Jahrzehnten, in dem eine große Anzahl konkreter und eine noch größere Zahl abstrakter Ängste kultiviert worden sind, durchdringt die "Kultur der Angst" fast alle Lebensbereiche.

Ob das Ausmaß der Angst tatsächlich zugenommen hat, kann ich nicht sagen. Ich nehme an, dass es sich selbst mit Methoden der Demoskopie nicht erfassen ließe, von einem historischen Vergleich etwa mit der Situation des Jahres 1958 oder 1908 gar nicht zu reden. Schon Begriffe "Angst", "Furcht" oder "Gefahr" unterliegen einem Bedeutungswandel, der historische Vergleiche erschwert. "Furcht" bedeutete z. B. ursprünglich "Respekt", was in Begriffen wie "Ehrfurcht" oder "Gottesfurcht" anklingt. Ein Begriff, der sich in der Umgangssprache in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat, ist das "Risiko" - Begriffe wie "lohnenswertes Risiko" tauchen heute so gut wie nicht mehr auf. "Risiko" wird zunehmend als Synonym für "Gefahr" oder "Bedrohung" gebraucht.
Man kann aber indirekt, aus dem Verhalten der Menschen, schließen, wovor und wie stark sie Angst empfinden. Wenn man sich vor Augen hält, wie stark etwa die Nachfrage nach Alarmanlagen oder komplizierter Schließsysteme, oder die Überwachung des öffentlichen Raums in den letzten 20 Jahren zugenommen hat, dann lässt das darauf schließen, dass offensichtlich auch die Angst vor Kriminalität zugenommen hat (bei real stagnierender oder sogar sinkender Kriminalitätsrate). Hingegen bleibt offen, ob etwa die Kriegsangst heute größer oder geringer als 1988, 1968 oder 1948 ist.

Neben den "großen", medial aufbereiteten Katastrophenängsten (Terrorismus, Klimawandel oder Energieverknappung - aber auch "Ängste der Saison" wie z. B. die vor einer Vogelgrippepandemie) äußert sich die Angstkultur auch in Form zahlreicher "kleiner" Alltagsängsten.
Es gibt begründete Alltagsängste, wie die Furcht vor Arbeitslosigkeit, Ängste mit einem realen Grund, der aber weit überschätzt wird, wie die schon erwähnte Angst vor der (angeblich) zunehmenden Kriminalität, und völlig irrationale Ängste, wie die Angst vor dem "Anderen", dem "Fremden", dem "Ungewohnten".
Die Angst vor dem "Fremden" äußert sich nicht nur in Rassismus, "Ausländerfeindlichkeit" oder Anti-Islamismus, sondern auch in der Angst vor unverstandener, und deshalb "unheimlicher", Technik. Ein Musterbeispiel ist "das Internet" - je weniger Ahnung jemand davon hat, desto größer sind in der Regel die Ängste, die sich mit diesem Medium verbinden. Wobei die größte Angst davon ausgeht, dass das Internet kein "top down" kontolliertes Medium ist - jeden kann "ungefragt seine Meinung im Internet absondern". Wie überhaupt Angst vor Kontrollverlust die politisch bedeutsamste Form von Angst sein dürfte. (Wie Angst Menschen zu "Kontrollfuzzis" macht, weiter unten.)
Dabei warne ich vor einem Missverständnis: wer z. B. über die Funktionsweise eines Kernreaktors und die Problematik nukleare Abfälle bescheid weiß, der hat zwar in der Regel auch weniger Angst vor der "Atomkraft", was aber nicht heißen muss, dass derjenige damit automatisch zum Kernenenergie-Befürworter werden würde - tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall.
Risikobewusstsein, und damit einhergehend das Bewusstsein für Gefahren, und Angst sind nicht dasselbe. Ein guter Autofahrer ist sich der Gefahren des Straßenverkehrs bewusst, und fährt entsprechend vorsichtig, hat aber keine Angst vor dem Straßenverkehr. Angst ist etwas Absolutes, erlaubt kein Abwägung von Risiken mehr - habe ich Angst vor Hunden, dann jagt mir auch der freundlichste Zwergpudel Schrecken ein.

Norbert Elias schrieb in "Über den Prozess der Zivilisation", dass Angst einer der wichtigsten Mechanismen sei, durch den "die Strukturen der Gesellschaft in psychologische Funktionen des Individuums übertragen werden", und folgerte, der zivilisierte Charakter werde zum Teil durch diesen Prozess der Internalisierung von Angst konstruiert. Internalisierung meint, dass es für die Angst keinen konkreten Anlass geben muss, und auch niemanden, der uns Angst macht - die Angst ist sozusagen in unsere Persönlichkeit "eingebaut". Etwa die Angst vor Prestigeverlust oder die Angst davor, schuldig zu werden.
Lange vor Elias betrachtete der englische Philosoph Thomas Hobbes die Angst als entscheidend für die Entwicklung des Individuums und einer zivilisierten Gesellschaft. Weil Hobbes glaubte, der "Naturzustand" sei ein brutaler Kampf jeder gegen jeden, und der Staat sei eine Einrichtung, die den Einzelnen zu seinem eigenen Besten diszipliniert, hielt Hobbes Angst für etwas Positives.

Gefahren lösen nicht direkt Angst aus, sondern unsere Reaktionen werden durch kulturelle Normen vermittelt, die uns sagen, was von uns erwartet wird, wenn wir in Gefahr sind, ob etwa eine Gefahr mit Angst besetzt ist, wie diese Angst erlebt wird und wie sie "angemessen" ausgedrückt wird.
Typisch für Angst ist, dass das Ausmaß der Angst nicht direkt dem Ausmaß des Risikos entspricht - klassisches Beispiel ist die Angst vor sexuell motivierten Verbrechen an Kindern: die meisten Menschen überschätzen das Ausmaß der Gefahr (etwa 20 Fällen pro 100.000 Einwohnern, Spanner und Exhibitionisten eingerechnet) und schätzen die Richtung, aus der sie kommt, falsch ein (die meisten dieser Verbrechen werden von Angehörigen oder engen Bekannten verübt).
Da Angst (auch) sozial konstruiert ist, kann sie auch von denen manipuliert werden, die sich davon Vorteile versprechen.
Im Fall der Sexualverbrechen an Kindern gilt, dass ohne Multiplikatoren, die einfach Behauptungen wie "jedes Jahr werden etwa 20.000 Kinder zu Opfern sexueller Gewalt" in den Raum stellen oder (wahrheitswidrig) behaupten, es gäbe "immer mehr" Sexualverbrechen an Kindern, die Angst sehr viel geringer wäre. Dabei handelt jemand, der Angst manipuliert, nicht unbedingt aus kalter Überlegung heraus - es dürfte der Normalfall sein, dass Manipulatoren die Ängste, die sie vermitteln, auch selbst empfinden. Innenminister Schäuble hat z. B. wirklich Angst vor Terroristen (und wahrscheinlich noch mehr Angst davor, man könne ihm nach einem Anschlag den Vorwurf machen, er hätte nicht alles Menschenmögliche getan, um diesen Anschlag zu verhindern).

Was die Dinge angeht, die uns ängstigen, fällt auf, dass die meisten dieser Ängste durch die Medien kultiviert wurden und nur wenige Resultat direkter Erfahrungen sind.
Trotzdem halte ich es für falsch, Angst in erster Linie der Macht der Medien, oder den Machenschaften sich der Medien bedienender Manipulatoren, zuzuschreiben. Angst hat auch sehr viel mit "Vereinzelung" und Machbarkeitsdenken zu tun: wenn ich glaube, ich sei "selbst meines Glückes Schmied" (und in jedem Fall), dann glaube ich auch, dass meine Probleme, Sorgen und Krisen von mir selbst erzeugt wurden - ich bin "selber schuld" wenn es mir schlecht ergeht. Infolge dessen werde ich jede meiner Handlung auf mögliche Gefahrenquellen untersuchen und stets sorgsam darauf achten, alles richtig zu machen - und wenn es doch schief geht, vermuten, ich hätte trotz Sorgfalt einen "Fehler begangen". Am Ende ist alles, was ich tue oder lasse, mit der Angst, etwas falsch zu machen, besetzt.

Egal, ob sich die Menschen heute mehr oder weniger ängstigen, als vor 50 Jahre: sie ängstigen sich anscheinend heute anders. Die (öffentlich geäußerten) Ängste des Jahres 1958, egal ob Angst vor dem "heißen" Krieg, vor Krankheit, vor Hunger und Mangel usw. konnten in der Regel einer konkreten Bedrohung zugeschrieben werden (selbst wenn diese Bedrohungen real nicht bestanden). Heutige Ängste richten sich weitaus mehr als damals auf abstrakte Gefahren, also etwa "die Kriminalität macht mir Angst" und nicht etwa die konkrete Gefahr, dass mir ein Taschendieb das Portemonnaie klauen könnte. Gegen Taschendiebe kann ich mich unter Umständen wirksam schützen, ich kann aus Erfahrung das Ausmaß der Gefahr abschätzen, ich weiß, in welchen Situationen diese Gefahr droht - bei "der Kriminalität" geht das nicht. "Das Böse ist immer und überall", abstrakte Ängste, denen keine konkreten Bedrohung mehr zugeordnet werden können, sind allgegenwärtig, unvorhersehbar und maßlos. Die Gefahr, dass zur abstrakten Angst eine "passende" (maßlose) konkrete Bedrohung gesucht und gefunden wird, und dass diese Bedrohung dann personalisiert wird, ist real - und eine ständig sprudelnde Quelle sowohl für Verschwörungstheorien wie auch z. B. für Rassismus. Diffuse Ängste gebären Hexenjagden - was übrigens wörtlich genommen werden kann.

Wenn Ängste zunehmen, dann liegt das auch daran, dass abstrakte Ängste konkrete Ängste verstärken. Seit dem 11. September 2001 hat sich die abstrakte Angst vor dem Terror weit verbreitet und Einzug in fast alle Lebensbereiche gehalten. In den Jahren seit dem "11. September" sind früher als "normal" betrachteten Gefahren, etwa die der Passfälschung, wenn sie mit dem Terrorismus verknüpft werden, zu enormen Bedrohungen aufgewertet worden, womit dann jede noch so drastische Maßnahme zu Abwehr dieser enormen Bedrohungen legitim erscheint. Die Frage nach der Effizienz der Mittel zur Terrorismusbekämpfung wird nicht mehr gestellt, es reicht aus, wenn das Mittel effektiv zu sein verspricht.
(Ein Vorschlaghammer ist ein effektives Mittel gegen eine in der Wohnung umherschwirrende Mücke, ist für diesen Zweck aber höchst ineffizient.)
Wer ständig in Angst lebt, zumal in "abstrakter" Angst, gegen die man wenig tun kann, wird verunsichert. Verunsicherung fördert ihrerseits eine Angst, nämlich die Angst vor dem Wandel. Diese aus Verunsicherung geborene Angst vor dem Wandel führt nicht etwa zu einer gewissen Skepsis gegenüber Neuerungen, also einem gesunden Pessimismus, sondern zur zwanghaften Neigung, stets von jeder Veränderung das Schlimmste zu befürchten.
Menschen, die von Berufs wegen ständig Entscheidungen treffen müssen, haben nicht die Möglichkeit, sich passiv zu verhalten. Da auch ihnen letzten Endes jedes menschliche Handeln als "Risiko" erscheint sind z. B. von Angst geprägte Politiker meiner Ansicht nach beinahe zwangsläufig "Kontrollfreaks", darauf bedacht, wie sie sagen, "Risiken zu managen". "Risikomanagement" heißt aus dem Munde dieser Politiker: "Alles, was ich nicht jederzeit im Auge und im Griff habe, ist gefährlich!"

Ich merke, dass ich in gewisser Weise auch von der Angst vor Kontollverlust geprägt bin. Beispielsweise empfand ich letzte Woche, nachdem ich etwas Alkohol getrunken hatte, plötzlich tiefe Angst. Ich war keineswegs betrunken oder auch nur angetrunken, ich merkte nur, dass meine die Zunge gelöst war, und ich redete ohne vorher nachgedacht zu haben. Ich fürchtete, da ich meine Worte nicht mehr "unter Kontrolle" hatte, meinen Freunden dadurch, dass ich "Blech redete", auf die Nerven zu gehen. Letzten Endes schwang sicherlich auch meine längst verinnerlichte Angst, folgenschwere Fehler zu begehen, mit - obwohl ich rational, vom Verstand her, längst begriffen habe, dass ich keineswegs immer "meines Schicksals Schmied" bin, und dass ich unter Freunden war, von denen ich nichts zu befürchten habe. Die mir deutlich sagen würden, wenn ich ihnen wirklich auf den Keks gehe - und die nicht etwa stillschweigend mein "Fehlverhalten" als Ansatzpunkt für Intrigen notieren würden.

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