Montag, 1. September 2008

Merk (Justizministerin, Bayern, CSU) merkbefreit

Es ist Wahlkampf in Bayern, der Bayrischen Staatspartei CSU droht der Verlust der ererbten Pfründe absoluten Mehrheit - da wundert mich kaum noch etwas.

Nun hat die bayerische Justizministerin Beate Merk im Lokalsender
München TV angekündigt, auf eine wesentlich härtere Bestrafung der Nutzung von Kinderpornographie hinzuarbeiten. (heise online: Bayerische Justizministerin Merk will neues Sexualstrafrecht.) So weit, so gut, so wahlkampftypisch.

Dabei hat sie nicht nur, wie üblich, das bisherige Höchststrafmaß ins Auge gefasst, sondern möchte auch, dass Personen, die lediglich einmal auf eine Seite mit entsprechenden Inhalten klicken, wesentlich härter bestraft werden sollen.

Diesen Vorschlag muss man sich ein Mal auf der Zunge zergehen lassen. (Aber Vorsicht: Kotzgefahr!)

Die gute Frau geht offensichtlich davon aus, dass ein "Anklicken" - wobei unklar ist, ob sie damit einen reinen "Hit" oder doch wohl eher einen Seitenaufruf (Page Impression) meint - eine ähnlich eindeutige Handlung ist wie etwa der Erwerb jener "Kinderpornographischen Schriften", von denen der Gesetzgeber schreibt.

Bei der "spektakulären" Operation Himmel stellte sich im Nachhinein hinaus, dass fast alle der 12.000 Verdächtigen überhaupt kein kinderpornographisches Material heruntergeladen hatten - dafür reichte die Zeit zwischen "draufklicken" und "wegklicken" gar nicht aus.
(Zur Erinnerung: bei "Himmel" ging es nicht etwa um einen geschlossen FTP-Server, sondern um ein Fenster mit teilweise kinderpornografischen Aufnahmen, das per Link im Umfeld eindeutiger und grenzwertiger, aber noch legaler Porno-Angebote aufgerufen wurde. Man kann vom Verhalten der Verdächtigen darauf schließen, dass allenfalls eine winzige Minderheit tatsächlich an Kinderpornos interessiert war.)
Nach der von der Frau Merk gewünschten Regelung wäre "Himmel" ein "Riesenerfolg" gewesen, denn die Verdächtigen hätten sich allesamt strafbar gemacht.

Man muss nicht einmal absichtlich auf so eine Seite "klicken". Es ist es gerade auf "Schmuddelseiten" nicht unüblich, dass der unvorsichtige Betrachter, der nicht sicherheitshalber die Skriptfunktionen seines Browsers deaktiviert oder wenigstens auf "Vor dem Ausführen fragen" gestellt hat, durch eingebettete Werbung automatisch auf Seiten weitergeleitet wird, auf die er freiwillig nie gehen würde. ("Firefox"-Benutzern rate ich dringend, NoScript zu installieren.)
Sicher werden "echte" Kinderficker-Seiten wohl nie auf diese Weise verlinkt sein - aber unser famoses redeformiertes Sexualstrafrecht kennt den Tatbestand "Jugendpornographie". Zwar wurde, anders als im ursprünglichen Gesetzentwurf vorgesehenen, Jugendpornographie nicht in den Tatbestand über die kinderpornografischen Schriften integriert. Aber es wird kein Unterschied zwischen kinder- und jugendpornografischen Schriften gemacht, wenn einem anderen der Besitz verschafft wird bzw. werden soll (§ 184c Abs. 2 n.F. StGB). Hier genügt es bereits, wenn wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergegeben wird.
Das bedeutet: Ist die dargestellte Person erwachsen, wirkt jedoch jugendlich, so kommt es stets auf die Sichtweise eines "objektiven Betrachters" und nicht auf das tatsächliche Alter der Person an!

Vielleicht steckt hinter dem Vorschlag der guten Frau auch die volkspädagogische Absicht, dass Internetsurfer, aus Angst, nach einen falschen Klick oder einer nicht unterdrückten Weiterleitung mit einem Bein im Knast zu stehen, künftig einen weiten Bogen um alle Sexseiten machen werden.

In Deutschland ist so eine Absicht ohne Weiteres denkbar - und erst recht in Bayern!

Sonntag, 31. August 2008

Wutzrock 30

Ein geflügeltes Wort im Osten Hamburgs lautet: "Es ist Wutzrock, es regnet wie immer". Bekanntlich ziehen Open-Air-Festivals Wolkenbrüche magisch an, und im Besonderen gilt das für das Wutzrock. Dieses Jahr erlebte ich Wutzrock einmal ganz anders: bei strahlend schönem Sommerwetter. (Liegt bestimmt am Klimawandel ... )
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Dubtari (Ska, Reggae)

Es gibt leider nicht allzu viele Festivals dieser Größe, die erfolgreich nach dem Prinzip "umsonst & draußen" funktionieren - und das 30 Jahre lang!
Hervorgegangen ist das Wutzrock aus dem Kampf um ein autonomes, selbstverwaltetes Jugendzentrum. Finanziert wird das Festival durch Spenden, Sponsoren und vor allem Getränkeverkauf. Wutzrock war und ist trotzt geringer Gagen für manche musikalische Überraschung gut.
Wutzrock war und ist aber auch ein "kultureller Leuchtturm" (um damit das Lieblingswort des Hamburger Ersten Bürgermeisters Ole von Beust zu zitieren) im Hamburger Osten. Wutzrock unterstützt die (von Ole nicht immer geschätzte) politische Gegenkultur. Antifa-Gruppen, Bürgerinitiativen, Amnesty International und vielen ähnlichen Organisationen bietet Wutzrock eine Plattform. Ein wichtiges Prinzip ist das Motto "keinen Fußbreit den Nazis" - als solche erkennbare Rechtsextremisten haben keinen Zutritt, was nach Versammlungsgesetz geht, und auch für die Ordner funktioniert, denn irgendwie verraten sich unsere "braunen Freundchen" immer. Damit ist Krawall von vorherein ein wirksamer Riegel vorgeschoben. Genauso wichtig ist das Prinzip: "Wutzrock ist politisch, aber nicht parteipolitisch" - Parteien sind weder mit Ständen vertreten, noch dürfen sie Infomaterial verteilen. Das erleichtert die "breite" Antifa-Ausrichtung und macht es Gegnern schwer, Wutzrock in die linksextreme Ecke zu stellen.
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Cpt. Howdy (Rock, R & B)

Das Publikum ist gemischt, geht von "Generation 6 minus" bis "Generation 60 plus", wobei der geschätzte Altersdurchschnitt unter dem Alter des Festivals liegen dürfte. Vom Punk bis Späthippie, von "schwer alternativ" bis "gut bürgerlich" ist alles dabei - bis auf Rechtsextreme natürlich.
Auf die nächsten 30 Jahre!

Hier sind meine Bilder zu sehen: Wutzrock 30

Donnerstag, 28. August 2008

Kulturbehörde hat kein Geld für (Musikclub-)Kultur

Das von Schließung bedrohte "Molotow" (Clubsterben - leider weiß ich, warum), ein wichtiger Bestandteil der Hamburger Musikszene, ist erst einmal für ein Jahr gerettet. Eine Unterstützergruppe, die nicht genannt werden möchte, steuert einen Großteil der Summe bei, die der in finanzielle Not geratene Musikklub am Spielbudenplatz benötigt, um seinen Betrieb auch über den 31.12.2008 hinaus aufrechterhalten zu können.
Hamburger Abendblatt: Das Molotow ist vorerst gerettet. Bezeichnend ist, dass von der Hamburger Kulturbehörde weder Geld noch Unterstützung kam - im Gegenteil: Kultursenatorin Karin von Welck äußerte in der "taz", dass zu einer lebendigen Musikszene auch gehört, dass Klubs sterben.

Dienstag, 26. August 2008

Resistente Keime profitieren von Antibiotika

Ein drängendes Problem der Hygiene sind Antibiotika-resistente Keime. Infektionen, die durch resistente Bakterien verursacht werden, sind besonders für Patienten in Krankenhäusern eine Gefahr. (In den USA sind etwa 70% der in Krankenhäusern erworbenen infektiösen Keime gegen mindestens ein Antibiotikum resistent.)
Wichtige Ursachen sind die unkritische Verschreibung von Antibiotika - beispielsweise sind Antibiotika bei den meisten Erkältungskrankheiten schlicht nutzlos, weil sie in 95 % aller Fälle von Viren verursacht werden, gegen die Antibiotika nutzlos sind, aber dennoch werden z. B. bei Bronchitis sehr oft Antibiotika verschrieben, Unterdosierung von Antibiotika und der Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht. In allen Fällen sind die Resistenzen "Evolution live" - Bakterien, die auf Antibiotika reagieren, sterben, die wenige resistenten Bakterien können sich, unbehindert von Konkurrenz, munter vermehren, bis schließlich die ganze Bakterienpopulation "immun" ist.

Ein weiteres Problem beim Antibiotikaeinsatz ist, dass die Darmflora - unsere "Haustier-Keime", die bei der Verdauung nützlich sind - durch Antibiotika geschädigt wird. Diese Schädigung kann indirekt auch eine Infektion mit Bakterien begünstigen, die gegen Antibiotika resistent sind.
Bisher ging die medizinische Lehrmeinung dahin, dass diese resistenten Bakterien besonders gut gedeihen, da wegen der Schädigung der Darmflora durch das Antibiotikum eine nährstoffreiche Nische entsteht.

Offenbar stören die Antibiotika nicht nur die Darmflora, sie blockieren gleichzeitig die Produktion körpereigener Abwehrsubstanzen.

Darauf deuten Versuche eines Forschungsteams am Sloan-Kettering Institute, New York, mit Mäusen hin. Die Tiere wiesen nach einer Antibiotikabehandlung geringere Mengen eines Darmproteins auf, das solche Bakterien unschädlich machen kann. Nach Ansicht der Forscher könnte eine Therapie, die die Menge dieses nützlichen Eiweißes erhöht, künftig zur Abwehr von Infektionen mit resistenten Bakterien eingesetzt werden.

wissenschaft.de: Warum es Antibiotika resistenten Keimen doppelt leicht machen.

Sonntag, 24. August 2008

Neues vom "Ötzi" und anderen Gletscherfunden

Obwohl die berühmteste aller Gletschermumien seit ihrer Entdeckung 1991 gründlich erforscht wurde, bringt eine neue biochemische Methode interessante neue Erkenntnisse: Ötzi gehörte einer Vieh haltenden Kultur an.

Die 5300 Jahre alte Gletschermumie entstammt der Kupfersteinzeit, der letzten Periode der Jungsteinzeit (4400-2200 v. u. Z.). "Ötzi", im Eis gut konserviert, war in Alltagskleidung und mit kompletter Ausrüstung wahrscheinlich durch Mord mitten aus dem Leben gerissen worden.

Unklar war bisher der soziokulturellen Hintergrund jener Zeit: War "Ötzi" Mitglied einer Jäger- und Sammlergesellschaft, die kulturell älter ist, oder gehörte er eher einer Hirten- und Bauerngesellschaft an?

Um diese Frage zu klären, untersuchten die Wissenschaftler des Instituts für Technische Biochemie der Saar-Universität unter der Leitung von Professor Dr. Elmar Heinzle und in Zusammenarbeit mit der Firma Genefacts mehrere Kleidungsproben der Eismumie. Wären die Kleider vor allem aus Wildtierarten gefertigt, so würde das auf die ältere Jäger- und Sammlerkultur hindeuten, ergäben die Analysen dagegen domestizierte Tierarten, so wäre dies ein Hinweis auf die "fortschrittlichere" Hirten- und Bauerngesellschaft. Bei jüngeren archäologischen Funden lässt sich das oft schon mit mikroskopischen Untersuchungen klären, oder auch mit DNA-Analysen. Wegen der Alterungs- und Zerfallsprozesse konnten diese Verfahren bei der Eismumie nicht eingesetzt werden. Deshalb wurde die erst vor kurzem ebenfalls an der Uni Saarbrücken entwickelte proteinchemischen "SIAM-Methode" eingesetzt.

Die Saarbrücker Wissenschaftler analysierten vier Kleidungsproben von Ötzi: das Oberleder seiner Mokassins, seine Beinlinge und seinen Mantel (zwei Proben). Das Oberleder der Schuhe wurde aus Rinderfell gemacht, während die drei anderen Proben von Schafen herstammen. Damit dürfte "Ötzi" aus einer Bauern- und Viehzüchtergesellschaft stammen.

Pressemeldung der Saar-Universität, die ausführlich auf die "SIAM"-Methode eingeht: Neue Forschungsergebnisse zum Leben von Ötzi.

Allerdings ist "Ötzi" nicht der einzige Gletscherfund, der neue Erkenntnisse über die alten Zeiten birgt: Archäologische Funde, die seit 2003 auf dem Schnidejoch im Berner Oberland aus dem Gletschereis aufgetaucht sind, haben sich als weit älter erwiesen als bisher angenommen. Sie stammen aus der Zeit um 4.500 v. u. Z. und sind damit mindestens 1.000 Jahre älter als die Gletschermumie "Ötzi".
Die 2003 bis 2007 entdeckten Objekte reichen von prähistorischen Kleidungsstücken aus Leder und Bast, über einen Köcher und Pfeile, bis zu bronzenen Gewandnadeln und römischen Schuhnägeln. Während die Objekte aus keltischer und römischer Zeit keine Überraschungen bargen, ergaben die C-14-Analysen von 46 offensichtlich prähistorischen Fundstücken an der ETH Zürich, dass die Funde rund 1.500 Jahre älter sind als ursprünglich angenommen.

Anlässlich der Berner Tagung über die Schnidejoch-Fundstücke bahnte sich eine enge Zusammenarbeit von Archäologen und Klimaforscher an. „Dem Einfluss des Klimas auf geschichtliche Entwicklungen wie zum Beispiel Migrationsbewegungen wurde bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt", erklärt der Archäologe Hafner. Und Martin Grosjean, Professor für Geographie an der Universität Bern sowie Direktor des Oeschger Zentrums erklärt: „Die Schnidejoch-Funde erlauben die bis anhin präziseste Rekonstruktion von Gletscherschwankungen im Alpenraum in prähistorischer Zeit.“

Offensichtlich stammen auch die ältesten Schnidejoch-Funde von Anghörigen einer Bauern- und Hirtenkultur. Angela Schlumbaum vom Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Basel präsentierte eine DNA-Analyse von 5.000-jährigen Lederfunden vom Schnidejoch - ein weltweit einzigartiger Erfolg. Damit steht fest, dass die Hose, welche ein vermutlich verunfallter steinzeitlicher Berggänger bei seinem Marsch zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis trug, aus dem Leder einer Hausziege gefertigt worden war.
"Schnidi" 1.000 Jahre älter als "Ötzi" (scinexx).

Samstag, 23. August 2008

Vom Walfänger FLORA zur "Roten Flora" (2)

Teil 1: Der Walfänger

Teil 2: Die "Flora"-Tradition

1888 wurde die zuletzt als schwimmendes Bier- und Tanzlokal dienende Bark "Flora" abgewrackt.
Im selben Jahr wurde das "Tivoli-Theater" am "Schulterblatt", direkt an der Grenze zwischen den Städten Altona und Hamburg, erbaut.

Die Straße "Schulterblatt" hat ihren Namen nach dem Wirtshaus "Zum Schulterblatt" ab, das ab Mitte des 17. Jahrhunderts das bemalte Schulterblatt eines Wals als Ladenschild verwendete. Dieses Schild ist heute im Museum für Hamburgische Geschichte zu bewundern.
Die Gegend um das Schulterblatt lag von beiden Städten aus gesehen am Rande und bot preiswerten Wohnraum, konnte aber noch zu Fuß vom Hamburger oder Altonaer Hafen aus erreicht werden. Deshalb siedelten sich hier zunächst vorwiegend Walfänger und Hafenarbeiter an. Auf der Altonaer Straßenseite ließen sich zahlreiche jüdische Geschäftsleute nieder, denn in Hamburg herrschte, wie fast überall im "Heiligen Römischen Reich", eine judenfeindliche Zunft- und Gewerbeordnung, während es im dänischen Altona längst Religions- und Gewerbefreiheit gab, die auch im eigentlichen Königreich Dänemark noch nicht verwirklicht waren.
Mit den Niedergang des Walfanges und der auch in Hamburg vollzogenen Judenemanzipation veränderte sich der Charakter der Straße. Sie wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts, ähnlich der weiter südlich gelegenen Reeperbahn, zur "Amüsiermeile", wobei sie aber im Unterschied zur Reeperbahngegend nicht den Charakter eines "Rotlichtbezirks" annahm, sondern eher bürgerlich blieb.

An der Stelle des späteren "Flora-Theaters", auf der Altoner Seite des Schulterblatts, war 1857 das "Tivoli" eröffnet worden, ein etwas improvisiert wirkender Holzbau, der zunächst nur im Sommer bespielt wurde. 1888 wurde der schon erwähnte ganzjährig bespielbare Backsteinbau errichtet und zunächst "Tivoli-Theater" genannt. In bewusstem Rückgriff auf das populäre Amüsierschiff wurde das Theater bald in "Concerthaus Flora" umbenannt. Als immer mehr Operetten, Revuen und Varieté-Vorstellungen ins Programm aufgenommen wurde, wurde das Haus ausgebaut und bekam 1895 den lange bleibenden Namen "Flora-Theater". In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der einstige Tingeltangel zum renommiertem Operettentheater. Daran änderte sich auch nichts, als 1937 Altona nach Hamburg eingemeidet wurde.

Nach schweren Bombenangriffen wurde das unversehrt gebliebene Theater 1943 geschlossen und diente als Lager für die Möbel ausgebombter Hamburger. Nach dem Krieg wurde das Flora-Theater wiedereröffnet. Als eines der wenige größeren Theater, die den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt überstanden hatten, war es eine wichtige Spielstätte. In der "Flora" traten bedeutende Künstler der damaligen Zeit auf, Hans Albers spielte 1948 den Liliom, ein Jahr später trat Johannes Heesters in einer Revue auf. Nachdem weitere Theater wiederaufgebaut oder neu errichtet worden waren, und Revuen und Operetten an Popularität verloren, konnte sich das Flora-Theater nicht länger halten. 1953 wurde aus dem in die Jahre gekommenen Theater ein Kino, das, als das große "Kinosterben" der 1960er Jahre einsetzte, 1964 geschlossen wurde. Bis 1987 verkaufte das Warenhaus "1000 Töpfe" im einstigen Theater Haushaltswaren aller Art.

1987 wurde der Musical-Produzent Friedrich Kurz auf das alte Theatergebäude aufmerksam. Kurz trat an die Stadt Hamburg mit dem Wunsch heran, das Gebäude zum Musical-Theater umzubauen. Kurz setzte sich mit seinen "Flora"-Plänen in ein Wespennest. Die Anwohner und lokalen Gewerbetreibenden befürchteten, dass mit einem Musicaltheater an dieser Stelle die Mieten für Gewerbe und Wohnraum am bislang "billigen" Schulterblatt unbezahlbar würden. Über 10.000 Unterschriften wurden gegen den Bau gesammelt. Meine war darunter. M.M. Verstärkung kam auch von Autonomen aus dem Hafenstraßen-Umfeld, die sich für ein alternatives Kulturzentrum einsetzten. Der Streit eskalierte und nahm schnell absurde Dimensionen an. Der damalige Innensenator Werner Hackmann (SPD) drohte, man würde das Musical-Haus zur Not "vom ersten Spatenstich bis zur Premiere" abriegeln. Während der als Hardliner berüchtigte Innensenator sich in Drohgebärden übte, beschwichtigte Kultursenator Ingo von Münch (FDP) mit Versöhnungsfloskeln.
Trotz heftiger Proteste der Anwohner und der Denkmalschützer wurde das Bühnenhaus des historischen Floratheaters im April 1988 abgerissen. Lediglich der Eingangsbereich sollte erhalten werden, dahinter sollte ein Neubau mit der neuen Musicalspielstätte entstehen. Im Juni 1988 wurde der Platz besetzt. Neben die friedliche Anwohnerproteste traten militante Anschläge gegen die Baustelle, die dazu führten, dass auch der friedliche Protest öffentlich kriminalisiert wurde. Der Spitzname der am stärksten gesicherten Baustelle Hamburgs war "Klein-Wackersdorf".
Im September 1988 gaben die Investoren das Musicalprojekt "Flora" trotz (oder wegen?) der ständigen Polizeibewachung der Baustelle auf. Statt dessen wurde nahe dem S-Bahnhof Holstenstraße das Musicaltheater Neue Flora gebaut.

Im August 1989 bot die Stadt den "Flora"-Initiativen überraschend einen befristeten (zunächst sechswöchigen) Nutzungsvertrag an. Trotz einem gewissen Misstrauen gingen die "Autonomen" (die "gemäßigteren" Gruppen hatten nicht so lange durchgehalten) auf das Angebot ein, und am 23. September 1989 wurde die "Rote Flora" offiziell eröffnet. Nachdem der Vertrag ausgelaufen war und nicht verlängert wurde, wurde die "Rote Flora" dann am 1. November 1989 für besetzt erklärt. Seitdem wird das Gebäude als kultureller und politischer Treffpunkt genutzt. Es gibt keine bezahlten Stellen, keine Fördergelder, die Belange des Projekts werden im Rahmen der Selbstverwaltung organisiert.

Die lange und wechselhafte Geschichte der Auseinandersetzungen um die "Rote Flora" nachzuerzählen erspare ich mir. Sie wird auf der Seite der "Flora"-Gegner vor allem durch den Faktor "Angst" bestimmt - vordergründig der Angst, dass dort eine "Brutzelle linker Gewalt" entstehen würde, in Wirklichkeit wohl der Angst vor einem Raum, der der staatlichen "Planungshoheit" entzogen ist.

Nach einem Brand im November 1995 sah es so aus, als ob das Ende der "Roten Flora" gekommen sei. Aber das Gebäude wurde in Eigenarbeit durch die Besetzer wieder in Stand gesetzt.

Weil sich die "Rote Flora" zu breiteren Bevölkerungsschichten außerhalb der "Linken Szene" öffnete, und weil sie sich im Laufe der Jahre als Zentrum der nichtkommerziellen Kultur etablierte, ist die "Rote Flora" in im Schanzenviertel und St. Pauli endgültig zu einer festen Institution geworden, die das Bild des Stadtteils mitprägt.

Im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm wurde die längst etablierte und auch von der Stadt akzeptierte "Rote Flora" am 9. Mai 2007 durch die Bundesanwaltschaft durchsucht. Computer, Drucker, Faxgeräte sowie zahlreiche Dokumente wurden sichergestellt. Am gleichen Abend kam es zu einer spontanen Demonstration mit über 2.000 Teilnehmern, die sich gegen die Durchsuchungsaktion wendete. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Im Januar 2008 erklärte der Bundesgerichtshof die Durchsuchung und die Beschlagnahme von Gegenständen in der "Roten Flora" für rechtswidrig. Am 6. Juli 2008 wurde das Projekt erneut von einem Großaufgebot der Hamburger Polizei durchsucht. Vorangegangen war dem ein Streit vor dem Gebäude, in den sich Besucher der "Roten Flora" einmischten - also ein Vorfall, der mit der "Flora" selbst kaum etwas zu hatte.

Die "Rote Flora" ist kein Brennpunkt der "politischen Kriminalität" geworden - statt dessen werden aus ihrem Kreis heraus Kunstaktionen, Flohmärkte, Stadtteilfeste veranstaltet oder unterstützt. Was die "Rote Flora" für manche Politiker immer noch zum "roten Tuch" macht, sind vermutlich einige der Themen, die in der Stadtteilarbeit der "Roten Flora" immer wieder aufgegriffen werden: Einwandererprobleme, wiedererstarkender Nationalismus, Antifa-Arbeit, Auseinandersetzung mit der Privatisierung öffentlichen Raums - und selbstverständlich immer wieder auch soziale Probleme.

Finanziert werden die Aktivitäten der Flora zum Beispiel durch Konzerte, Partys und ähnliche Veranstaltungen, die Spannweite der Musikstile reicht dabei von Punk über Reggae oder Dub bis hin zu Drum'n'Bass, House und Techno. Damit setzt die heutige "Flora" gleich zwei Traditionen fort: die Tradition des genossenschaftlichen Eigentums, wie einst auf den Walfängern, und die kulturelle Tradition des "Flora-Theaters".

Man mag zu den linksautonomen "Besetzern" der "Flora" politisch stehen, wie man will, klar ist, dass das autonome Kulturzentrum weder "Brennpunkt der Kriminalität" noch "notorisches Randalezentrum" ist. Wer heute noch behauptet, die "Flora" sei ein Zentrum der gewaltbereiten Linken, der lebt meines Erachtens geistig in den 80er Jahren, als die Hafenstraßenhäuser noch keine alternative Wohngenossenschaft waren. Offenbar braucht "man" alte Feindbilder.

Freitag, 22. August 2008

"Freiheit statt Angst"

Angst - das ist der wichtigste Grund, aus dem unsere persönliche Freiheiten eingeschränkt werden - so wie Angst der Hauptgrund für uns Bürger ist, die Einschränkung unserer Grundrechte hinzunehmen.
Der größte Feind unserer Freiheit ist die Angst - unsere eigene und die der Angstmacher.

Am 11. Oktober gibt es in 21 Ländern Aktionen gegen die Überwachungsgesellschaft, von Wien bis Buenos Aires, Skopje oder Washington. Liste der Internationalen Proteste.



Aufruf zur Demo in Berlin am Samstag, den 11. Oktober ab 14.00 Uhr - Übrigens gibt es bis zum 31. August noch Frühbucherrabatt für die Demo-Busse. (via netzpolitik.org)

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