Sonntag, 8. Juni 2008

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: Quo Vadis?

Quo vadis? (Originaltitel: Quo Vadis, dt.: „Wohin gehst du?“) ist ein "klassischer" Monumentalfilm aus dem Jahre 1951. Das bedeutet: der Film hat beachtliche Schauwerte in Form üppiger Ausstattung und tausender Komparsen. Der Film entstand nicht in Hollywood, sondern in der Cinecittà in der Nähe von Rom - teils aus Kostengründen, aber auch, um eine authentische Landschaft und in einigen Szenen sogar authentische altrömische Bauten einbeziehen zu können. Die Kulissen und Requisiten wurden noch Jahre später für zahlreiche "Sandalenfilme", aber auch für Filmklassiker wie "Ben Hur" genutzt.
Im Unterschied zu zahlreichen anderen monumentalen Antikenfilmen, von den billiger gemachter Sandalenfilmen gar nicht zu reden, hatte "Quo Vadis?" den Anspruch eine "Botschaft" zu haben. Das Filmdrehbuch basiert auf dem Roman "Quo Vadis?" des Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz, dessen Titelgebung wiederum die christliche Überlieferung von der Begegnung Christi und seinem Jünger Simon Petrus vor den Toren Roms (Quo vadis?) aufgreift.

Womit sich dem aufmerksamen Leser dieses Blogs zwei Fragen stellen: Warum ist "Quo Vadis?" ein doofer Film? Und was macht ihn trotzdem gut?

Der Roman und sein historischer Hintergrund
Henryk Stienkiewicz' historischer Roman "Quo Vadis?" war schon kurz nach seiner Erstveröffentlichung im Jahre 1895 ein Bestseller.
Der Roman erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Patrizier Marcus Vinicius und Callina, genannt Lygia, einer Königstochter vom Volk der Lygier, die als Geisel nach Rom kam und die Christin ist. Allmählich geraten die Liebenden in den Strudel der Ereignisse um die Christenverfolgungen im Jahr 64 unter Nero. Die meisten Protagonisten im Roman sind, bis auf Vinicius, Lygia und den bärenstarken Ursus, historisch.
Die "Gut-Böse"-Verteilung ist für einen Roman dieses literarischen Ranges ungewöhnlich klar: "die Guten" sind die Christen, vor allem Lygia und die gerade in Rom weilenden Apostel Petrus und Paulus. Die "Bösen" sind Nero, Poppaea Sabina und Tigellinus. Einen "guten Kern" haben Petronius (im Roman "Kanzler", realhistorisch Senator und Autor des Romans Satyricon) und der Ex-General Plautius und dessen Ehefrau Pomponia, die im Roman Lygias Adoptiveltern sind.
Aulus Plautius und Pomponia waren, entgegen der Darstellung im Roman, keine christlichen Märtyrer, wahrscheinlich noch nicht einmal Christen. Pomponia Graecina wurde im Jahre 57 u. Z. wegen "fremden Aberglaubens" angeklagt, aber von einem Familiengericht für unschuldig befunden. Sienkiewicz interpretiert das in dem Sinne, dass Pomponia Christin gewesen wäre.

Nach damaligem Verständnis war der Roman historisch im Großen und Ganzen korrekt. Die sehr stark prochristliche und stark moralisierende Haltung entsprach dem damaligen Zeitgeschmack. Insgesamt wirkt der Roman auf mich trotz seiner drastischen Gewaltdarstellungen sehr "spätviktorianisch".
Oft wird behauptet, dass das "rebellische" Element des Romans daher stamme, dass Polen, die Heimat des Autors, zwischen Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn geteilt war, was angesichts der Thematik des Romans, dem Widerstand einer religiösen, nicht einer nationalen, Minderheit, ziemlich an den Haaren herbeigezogen ist. Hätte Stienkiewicz einen Schlüsselroman auf das unterdrückte Polen schreiben wollen, hätte er in der altrömische Geschichte leicht deutlichere Parallelen finden können. Wirklich "polnisch" wirkt auf mich, dass Stienkiewicz sich die frühen Christen wie frühe fromme Katholiken vorstellte und dass die lygische Prinzessin Lygia aller historischen Wahrscheinlichkeit zum Trotz Christin ist - die Lugier oder Lygier waren eine ostgermanische Stammesgruppe mit wahrscheinlich keltischen Wurzeln, deren Siedlungsgebiet teilweise im heutigen Polen lag - Stienkiewicz sah Lygia als eine Art "Urpolin". Einschub: Dass er sie zugleich als "Germanin" sah ist für einen polnischen Nationalisten um 1900 weniger erstaunlich, als es nach dem deutschen Vernichtungskrieg gegen Polen und der daraus resultierenden (m. E. realpolitisch alternativlosen) zwangsweisen Umsiedlung der Deutschen aus dem heutigen Westpolen anmuten mag. 1895 gab es noch polnische Nationalisten, die auf ihre deutschen Vorfahren und deutsche Nationalisten, die auf ihre polnische Abkunft stolz waren. Sehr bezeichnend finde ich auch, dass der Roman mit einem Verweis auf den künftigen Sieg des (katholischen) Christentums endet.

Sienkiewicz' Darstellung des Kaisers Nero (mit vollem Namen Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, von 54 bis 68 Princeps und Imperator des des Römischen Reiches) prägte das Nerobild des 20. Jahrhunderts: Nero als größenwahnsinniger eitler Tyrann, der sich wenig um sein Volk kümmerte, und Spiele mit bis dahin unerreichter Grausamkeit aufführen ließ. Nero als verrückter Herrscher mit (im klinischen Sinne) psychotischen Zügen. Nero, der große Feind der frühen Christen. Nero, der Rom anzünden ließ und über die Flammen sentimentale Gedichte schrieb.
Aus heutiger Sicht gelten die Quellen Stienkiewicz', die "Annalen“ des Tacitus und die Kaiserbiographien Suetons, vor allem hinsichtlich der Schilderungen des Kaisers Nero als parteiisch und unzuverlässig.
Heute gilt als gesichert, dass Nero nicht Urheber des großen Brandes Roms war, ob er ein Christenverfolger war, ist sehr umstritten. Die Christenverfolgung unter Nero war auf Rom beschränkt - wenn sie überhaupt mehr war als eine Reihe von Lynchmorde gegen "menschenfeindliche Weltuntergangs-Sektierer", als die die frühen Christen vielen Römern galten. Stienkiewicz überschätzte die gesellschaftliche Bedeutung des frühen Christentums. Er nimmt die altkirchliche Legende, nach der die Paulus und Petrus unter Nero in Rom hingerichtet worden sind, ernst, obwohl Paulus nach einem längeren förmlichen Prozess und Petrus zu einem späteren Zeitpunkt hingerichtet wurde. Abgesehen davon waren Petrus und Paulus eher Rivalen als Freunde.
Henryk Sienkewicz war ein erzkatholischer polnischer Nationalist - und das merkt man seinem Roman auch an.

Der Film - und warum er "doof" ist
Der Film ist von der Handlung her einigermaßen werkgetreu - einigermaßen. Die größte Freiheit gegenüber dem Roman ist, dass Nero am Ende des Filmes stirbt. Im Roman wie in der historischen Wirklichkeit beging er erst vier Jahre nach den gezeigten Ereignissen Selbstmord. Der Film vergröbert das holzschnittartige "Gut-Böse"-Schema des Buches noch weiter: grundsätzlich alle Christen, denen man habhaft werden konnten, werden eingesperrt und hingerichtet, auch Aulus Plautius, der immerhin Senator war und als römischer Bürger unbedingt das Recht auf einen fairen Prozess gehabt hätte. Im Roman von Sienkiewicz wird, anders als im Film, abgesehen von einigen Protagonisten, nicht deutlich gesagt, wer zu den Christen gehört und wer nicht.
Die Zeitspanne, in der der Film spielt, wirkt stark komprimiert. Man bekommt beim Ansehen des Films den Eindruck, dass sich alle Geschehnisse innerhalb einiger Wochen, allenfalls Monate, abspielen. In Wirklichkeit vergingen vom Zeitpunkt des Britannienfeldzuges (61 u. Z.) bis zum Brand Roms drei Jahre - bis zum Tod Neros sogar sieben Jahre.
Störender als die zahlreichen kleinen und großen historischen Fehler des Films ist der selbst für Hollywood-Produktionen der 50er Jahre großzügig aufgetragenen Kitsch. In einigen Dialogszenen ist das Pathos geradezu unerträglich, einige gewollt bedeutungsschwere Worte fällen in Situationen, in denen selbst fromme Christen allenfalls noch "gottverdammt nochmal" sagen würden.
Eine weitere Quelle unfreiwilliger Komik ist durch den "Movie Production Code" verordnete außerordentliche Prüderie, mit der ein dekadentes und ausschweifendes Rom dargestellt werden musste. Es ist schon ein hartes Stück Regiearbeit, eine Orgie zu veranschaulichen, wenn nicht einmal ein Bauchnabel entblößt werden darf. Das "gewagte" Kostüm der Poppaea entspricht vielleicht auch deshalb eher der Mode des Jahres 1952 als der des Jahres 64. Seltsam unwirklich wirken die Bauten - was weniger den Unzulänglichkeiten des damaligen Kulissenbaus, als der fixen Idee, dass das alte Rom eine Stadt aus sauberem weißem Marmor gewesen wäre, geschuldet ist.
Quo Vadis
Es stimmt sicherlich, dass Kitsch, hohles Pathos und freizügiger Umgang mit historischen Tatsachen nun mal zum Antikenfilm gehören wie Säulen und Sandalen. "Quo Vadis" hinterlässt aber auch wegen seiner moralischen Botschaft einen unangenehmen Nachgeschmack. Zu den Bildern der durch die Straßen Rom paradierender Legionäre heißt es einführend aus dem "Off": "Das kaiserliche Rom ist der Mittelpunkt des Imperiums, ist unumstrittene Herrin der Welt. Aber mit dieser Machtfülle kommt unausweichlich die Korruption".
Das Rom Neros wirkt wie eine totalitäre Diktatur, getragen von einer Pyramide aus Gewalt und Korruption, aus menschlichem Elend und Sklaverei. Nur der humanitären Idee des Christentums könne es gelingen, dieses System in seinen Grundfesten zu erschüttern.

Dass nur sechs Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Parallelen vom Film-Rom zu Nazideutschland beabsichtigt sind, ist anzunehmen. Ursprünglich hatte MGM als Regisseur John Huston vorgesehen. Huston hatte die Absicht Nero als eine Art antiken Hitler darzustellen und sein Vorgehen gegen die Christen mit der Judenverfolgung im 3.Reich zu vergleichen. Auch wenn letztes Endes Mervyn LeRoy Regie führte und die allzu platte Parabel fallen gelassen wurde, sind einige Einstellung unverkennbar von Nazi-Wochenschauen inspiriert. Aber vieles, was an diesem Film äußerlich "faschistisch" anmutet, ist es eigentlich nicht, denn die italienischen Faschisten und nach ihrem Vorbild auch die Nazis plünderten gern den Fundus der römischen Antike, angefangen beim Gruß (zackiges Heben des rechten Armes). (Dass Nero den strammen Gruß seiner Truppen höchst lässig mit krummem Arm erwiderte, war allerdings ein Einfall des Schauspielers Peter Ustinov, weil eine imitierte Hitler-Gestik in diesem Moment einfach passte - nicht nur als Anspielung, sondern auch als komisches Moment - in Falle Hitler ungewollt komisch. In den meisten Szenen vermied Ustinov aus gutem Grund die Hitler-Imitation.)
"Quo Vadis" zeichnet aber auch deshalb das Bild eines allmächtigen und willkürlichen Staates, um das Christentum als Idee zu präsentieren, die das "Unmögliche" schaffen kann. Das Kreuz, heißt es im Film, werde die römischen Adler auf den Standarten ersetzen. Nun ist es reine Legende, dass Konstantins "Bekenntnis zum Christentum" den Charakter des Römischen Reiches als Machtstaat grundlegend geändert hätte - was sich wirklich bei der "Konstantinischen Wende" wendete, war das Christentum: weg vom Pazifismus und dem Gleichheitsgedanken des Frühchristentum, hin zum Segnen von Waffen, zur intoleranten "Staatskirche" und sogar zur Rechtfertigung von Sklaverei.
Wie auch immer: Wegen des scharf gezeichneten "Gut-Böse" Schemas des Filmes und der plakative Botschaft vom stets siegreichen Christentum wirkt "Quo Vadis?" wie ein mit reichlich Zuckerguß versehener Propagandafilm: Der "wahre Glaube" setzt sich gegen alle Verfolgungen des heidnischen Unrechtsregimes durch. Am Ende steht die Bekehrung.
Wegen der Kombination aus Sentimentalität, hohlem Pathos und grob gestrickter Religionspropaganda ist "Quo Vadis?", wenn man mich fragt, ein richtig "doofer" Film.

Warum ist "Quo Vadis" aber dennoch "gut"?
Der Film ist aus einem einzigen Grund "gut-doof" statt einfach nur "doof": Peter Ustinov als Nero.
Ustinov machte das schauspielerisch Beste, was sich aus der Rolle des als verrückten, skrupellosen und dekadenten Herrschers angelegten Neros machen ließ. Er überzeichnete seinen Nero zur Karikatur, und schaffte es dabei, dass selbst so bizarre Drehbucheinfälle wie die Tränenvase nicht albern wirken. Ustinovs Nero ist die überzeugende Darstellung eines Mächtigen, der den Kontakt zur Wirklichkeit und jede Fähigkeit, Kritik zu ertragen, längst verloren hat, in einer größenwahnsinnigen Traumwelt lebt, aber nach wie vor über uneingeschränkte Macht verfügt, und vor dem fast alle, auch wider bessere Wissens, kuschen und stiefellecken. Die Szene, in der er als völlig "durchgeknallter" Kaiser das brennende Rom besingt, ist zwar historisch falsch - aber auch eine der besten Karikaturen des menschenverachtenden Herrschers. Auch wenn Nero ebenso wenig das brennende Rom besang, wie Hitler mit der Weltkugel Ball spielte wie Chaplin in "Der große Diktator", wird in beiden Fällen deutlich, wie autoritäre Persönlichkeiten im Machtrausch "ticken": in ihrer Regression nehmen sie geradezu kleinkindhafte Charakterzüge an.
Ustinov meinte später, auf seine Rolle in "Quo Vadis" angesprochen, dass es das große Problem mit den Politikern sei, dass sie nicht zweifelten - und wer keine Zweifel hätte, schlicht verrückt sei. In seiner Rolle als "Nero" machte er diese normalerweise verborgene Verrückheit des keine Zweifel kennenden Politikers sichtbar.
Von den weiteren Akteuren bleibt eigentlich nur Leo Genn als Petronius in halbwegs guter Erinnerung, während selbst anerkannte Schauspieler wie Robert Taylor, Deborah Kerr und andere weit hinter ihren darstellerischen Fähigkeiten blieben und hölzern pathetische und langatmige Dialoge aufsagten, also dramaturgisch sinnlos verschlissen wurden.

Für Peter Ustinov markierte die Rolle des Nero den Beginn einer glanzvollen internationalen Karriere. Dabei hatte MGM trotz überzeugender Probeaufnahmen lange gezögert, ihm den Part zu geben. Doch das Argument, er sei zu jung, widerlegte Ustinov intelligent und geistreich mit dem historischen Faktum: "Wenn Sie noch länger warten, bin ich zu alt." Ustinov war zu Beginn der Dreharbeiten 30, der echte Nero starb mit 31 Jahren.

Samstag, 7. Juni 2008

"Skandal bei der Telekom" (extra3 Spitzel-Song)

Manche Videos muss ich einfach bloggen. "Skandal bei der Telekom" ist nicht nur inhaltlich treffende Satire, sondern auch noch sehr gut gemacht:

Wobei das nur der Spitzel des Eisberg ist. jens scholz weist auf die Ursachen für die Missachtung des Datenschutzes hin: Lufthansa und ihre Daten und Begehrlichkeiten. Ich teile jens' Ansicht, dass es ohne gewissenhafte und datenschutzbewußte Programmierer, Datenbankadministratoren und andere unmittelbar mit den Daten arbeitende Mitarbeiter, die vorsichtig und korrekt arbeiten, noch weitaus schlimmer wäre. Leider gibt es aber auch auf dieser technischen Ebene vorauseilenden Gehorsam und Gleichgültigkeit.

Neulich, bei der Telekom:

Freitag, 6. Juni 2008

Öffentliche Petition gegen BKA-Gesetz

Das von der Bundesregierung beschlossene BKA-Gesetz enthält eine lange Reihe aus bürgerrechtIicher Sicht gefährlicher Bestimmungen. Dazu gehört, dass das BKA zu einer Art "deutschem FBI" ausgebaut werden soll. Eine öffentliche Petition kann zumindest verhindern, dass das BKA-Gesetz vom Bundestag einfach "durchgewunken" wird.

Hier kann man die Petition online unterzeichnen:
Öffentliche Petitionen - Kriminalpolizei des Bundes: Exekutive Eingriffsbefugnisse

Amnesty-International Kurzgeschichtenwettbewerb “Menschenrechte”

Leider habe ich es erst jetzt mitbekommen (in Uschis Blog): Bis zum 30.6.2008 kann man für den Kurzgeschichtenwettbewerb von Amnesty International Texte zum Thema "Menschenrechte" einreichen.

Der Wettbewerb wir von Amnesty International in Zusammenarbeit mit der Armin T. Weger Gesellschaft und der Westfälischen Rundschau veranstaltet.

Ich bin mir bewusst, dass ein guter literarischer Kurztext (es kann auch ein Gedicht oder Rap-Poetry sein) zu einem so wichtigen Thema wie "Menschenrechte" nicht in ein paar Tagen aus den Ärmeln geschüttelt werden kann (ich kann es jedenfalls nicht). Aber vielleicht hat der oder die eine oder andere einen geeigneten unveröffentlichten Text in der berühmten Schublade - oder dichtet einfach spontaner als ich.
Informationen und Teilnahmebedingungen hier.

Donnerstag, 5. Juni 2008

Max Kruse veröffentlicht religionskritischen Zukunfts-Roman

Im Jahr 2251 gibt es auf der Erde keine Kirchen oder vergleichbare Religionsgemeinschaften mehr, der Glaube an ein Jenseits ist bedeutungslos. Eine Welt ohne Moral? Fällt wirklich dort, wo Gott geleugnet wird, die Menschenwürde?
Nein, meint Max Kruse in seinem Roman "Antworten aus der Zukunft". Sie wäre besser ohne die Dogmen und Machtkämpfe der Religionen.

Nicht wenige Science Fiction-Romane beschäftigen sich mit Religion - wovon die meisten mehr oder weniger deutlich religionskritisch sind. Diese Tradition ist so alt wie die SF selbst. In jüngerer Zeit sorgte z. B. die Roman-Trilogie "His Dark Materials" des Autors Philip Pullman, bestehend aus "Northern Lights" (1995) (dt. "Der goldene Kompass"), "The Subtle Knife" (1997) (dt. "Das magische Messer") und "The Amber Spyglass" (2000) (dt. "Das Bernstein-Teleskop") für einige Aufregung unter "besorgten Christen". Es ist Science Fiction mit starken Fantasyelementen, einem religiös-sprituellem Grundton, der stark vom Schamanismus geprägt ist, und einer antiklerikalen und anti-monotheistischen Haltung. Die Trilogie wird deshalb von kirchlichen Gruppen und Medien scharf kritisiert. Pullmann hatte sie bewusst als Gegensatz zur christlich geprägten Fantasy-Reihe "Die Chroniken von Narnia" von C. S. Lewis konzipiert. (Übrigens ist die Filmversion von "Der goldene Kompass" deutlich entschäft, trotzdem reagierten nicht nur fundamentalistische Christen nicht nur in den USA auf sie ausgesprochen hysterisch.)
Ob der Roman Max Kruses, einem der erfolgreichsten Kinderbuchautoren des deutschen Sprachraums ("Urmel aus dem Eis", "Der Löwe ist los"), überhaupt Science Fiction im engeren Siine ist, weiß ich noch nicht, und mir ist auch unklar, ob er sich wie "His Dark Materials" (auch) an jugendliche Leser wendet, da ich das Buch bisher nur aus einer dürftige Pressemitteilung kenne. Antworten aus der Zukunft - Max Kruse veröffentlicht religionskritischen Roman.
Immerhin weiß ich einiges über Kruse. Kruse ist nach eigenen Einschätzung "ein in der Wolle gefärbter Agnostiker". Was etwas anderes ist als "Atheist":
Ich glaube nicht an den christlichen Gott, der diese Welt erschaffen hat und sich um jeden von uns liebevoll kümmert. Aber das letzte Geheimnis des Universums werden wir Menschen wohl auch niemals lösen.
Kruse gehört allerdings auch dem wissenschaftlichen Beirat der scharf religionskritischen und tendenziell atheistischen Giordano Bruno Stiftung an.
Bezeichnend ist, dass eine ältere Fassung des Buches unter dem Pseudonym Friedhelm Schenitz erschien: "En(t)dzauberung – Herbst des Religionszeitalters". Das war, wie ich vermute, wohl dem Umstand geschuldet, dass religionskritische Kinderbuchautoren, selbst dann, wenn sie wie Kruse oder Janosch die Religionskritik aus ihren Kinderbüchern heraus halten, schnell in das Kreuzfeuer selbsternannter oder kirchenamtlich bestellter Verteidiger des Glaubens geraten. Ich weiß nicht, was Kruse bewog, die Neufassung unter seinem Klarnamen zu veröffentlichen - ich hätte das aber im Zuge der unsäglichen Zensurversuche um das Ferkelbuch an seiner Stelle genau so gemacht: Irgendwann ist der Kampf für die Meinungsfreiheit wichtiger als die schriftstellerische Karriere. Kruse als etabliertem Autor im fortgeschrittenen Lebensalter fällt dieser Schritt sicherlich leichter als Nachwuchsautoren, die sich leider oft weltanschaulich "verbiegen" müssen, damit ihre Bücher überhaupt verlegt werden.
Die Zensurbestrebungen kirchennaher Kreise nehmen manchmal offen demokratiefeindliche Züge an, wie "Welt am Sonntag"-Kommentatorchef Alan Posener erlebt hat: Wie sich manche Christen Pressefreiheit vorstellen.

Dienstag, 3. Juni 2008

5:47 Uhr ab München Hauptbahnhof - Gedanken zur ICE-Katastrophe vor 10 Jahren

Am 3. Juni 1998, 5:47 Uhr verließ der ICE 844 "Wilhelm Conrad Röntgen" den Münchner Hauptbahnhof. Sein Ziel: Hamburg-Altona. Er sollte dort nie eintreffen, denn um 10:59 Uhr prallt der entgleiste 3. Wagen gegen einen Brückenpfeiler, bei Eschede in der südlichen Lüneburger Heide. 111 Menschen starben, 88 wurden schwer verletzt beim bisher schwersten Eisenbahnunfall Deutschlands. Chronologie: Ein Radreifen führt zur Katastrophe (NDR).

Ich erfuhr vom Unglück aus dem Radio, bei der Arbeit. Es muss um 11 Uhr 30 gewesen sein, als NDR 2 sein Programm unterbrach. Zunächst war es für mich "irgend eine" Katastrophenmeldung, auf die ich reagierte, in dem ich das Radio ausstellte - lenkt nur von der Arbeit ab. (Im Nachhinein muss ich sagen: ich lenkte mich mit Arbeit ab.) Zuhause, am Nachmittag, schaltete ich den Fernseher ein, und in dem Moment hörte der Unfall von Eschede auf, "irgend eine" Katastrophe zu sein.
Ich fuhr damals relativ oft von Hamburg nach Hannover und zurück - zwar nur selten im ICE, aber die "Stelle" war mir vertraut - denn auf Höhe des Bahnhofs Eschede begegnen sich fahrplanmäßig die ICEs, und ich habe oft genug im Nahverkehrszug auf dem Nebengleis auf verspätete ICEs gewartet. Es hätte also leicht noch viel schlimmer kommen können - aber der Gegenzug war zwei Minuten vor dem Fahrplan, der ICE 844 hatte eine Minute Verspätung - deshalb begegneten sich die Züge nicht in Eschede, und es stand auch kein wartender Zug auf dem Nebengleis.
Wie am Morgen versuchte ich mich durch "Arbeit" abzulenken und zugleich die "Angelegenheit" auf eine "sachliche Ebene" zu bringen: Es wirkt vielleicht bizarr, aber ich holte meinen Taschenrechner und meine Physik-Formelsammlung und berechnete. Ich berechnete, wie viel kinetische Energie der Zug bei 200 km/h hatte (den Zahlenwert habe ich mir nicht gemerkt, war aber überrascht, wie groß er war), die beim ungebremsten Aufprall auf den Brückenpfeiler in "Verformungsarbeit" umgewandelt wurde. Ich berechnete auch die Verzögerungskräfte, der die Insassen im dritten Wagon ausgesetzt waren. In diesem Moment versagte meine "Ablenkungstaktik" - weil mir klar wurde, dass der Aufprall einem Sturz aus 160 Meter Höhe entsprach. Ich war Jahre zuvor Augenzeuge eines Suizides gewesen, ein junger Mann sprang vom Hochhaus - aus etwa 40 Meter Höhe, auf Beton. Selbst von der gegenüberliegenden Straßenseite aus, wo ich stand, bot der Leichnam einen einen Brechreiz erregenden Anblick. Ich musste auch an einen Motorradfahrer denken, der beim Überholen einer Kolonne ungebremst in eine sich plötzlich öffnende Fahrertür raste - ich fuhr auf der Gegenfahrbahn. Obwohl ich mitbekam, wie der Motorradfahrer starb (denn der Körper wurde so stark deformiert, dass er den Aufprall unmöglich hätte überleben können), meldete ich mich aus Feigheit nicht als Zeuge. Der Eckel vom Selbstmord und die Selbstvorwürfe, die ich mir wegen meiner "Zeugenflucht" machte, kamen wieder hoch. Denn die arme Menschen im 3. Wagon hatte es viel schlimmer erwischt als den Selbstmörder oder den Motorradfahrer: sie wurden bei lebendigem Leib in Fetzen gerissen!
Bis zum Wochenende konnten erst 19 von 98 bis dahin geborgene Todesopfer identifiziert werden, obwohl vier Teams fast rund um die Uhr an der Zuordnung der Leichenteile arbeiteten. Viele Todesopfer waren grauenvoll verstümmelt, viele Körperteile wurden einzeln geborgen. Hans Dieter Tröger, Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts der Medizinischen Hochschule Hannover und Pathologe sagte, nur in 15 Prozent der Fälle hätten er und sein Team „halbwegs vorzeigbare Fotos“ machen können.
Aus der Wikipedia: ICE-Unglück von Eschede. Wer einmal mitbekommen hat, was alles ein Gerichtsmediziner für ein "vorzeigbares Foto" hält, weiß, was diese nüchterne Worte wirklich bedeuten!
Vor diesem Hintergrund wird auch das sehr streng gehandhabte Fotografierverbot am Unfallort und die zeitweilige Nachrichtensperre bzw. das Interviewverbot verständlich. Aber wie so oft wurde deshalb die "Medienwirklichkeit" dem tatsächlichen Schrecken des Ereignisses nicht annähernd gerecht.

Es versagte aber nicht nur meine persönliche Methode der Krisenbewältigung - so wie die jeweils bevorzugte Methode bei vielen Menschen versagt haben wird. Viel schlimmer ist, dass die juristische Krisenbewältigung jämmerlich versagte.

Im August 2002 erhob die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung Anklage gegen zwei Mitarbeiter der Deutschen Bahn und einen Ingenieur des Herstellers. Im Falle eines Schuldspruchs hätte die Männer mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen müssen. Streng genommen waren das "kleine Fische", "Bauernopfer" oder die sprichwörtlichen "Letzten, die die Hunde beißen", weshalb ich nicht überrascht war, dass das Verfahren nach 53 Verhandlungstagen im April 2003 gegen Zahlung einer Geldbuße von jeweils 10.000 € eingestellt wurde. Ein unbefriedigendes Ergebnis - denn weil sich sich der Prozess, wie in unserer Kultur üblich, auf die Schuld konzentrierte, fiel der Aspekt der Verantwortung weitgehend unter den Tisch. Als Angehöriger eines Opfers wäre mir die verhängte Geldbuße zu "billig" gewesen, zumal sich die Anklagten im Prozess nicht gerade kooperativ gezeigt hatten.

Aber das ist nur ein Randaspekt des juristischen Trauerspiels. Weil in Deutschland nur natürliche Personen strafrechtlich belangt werden können, und keine Unternehmen wie die DB, bleiben die eigentlichen Verantwortlichen für die Katastrophe strafrechtlich unbelangt. Jene, denen ein gutes Image des "Produktes ICE" wichtiger war als die Sicherheit der Fahrgäste. Jene, die am falschen Ende, nämlich an der Sicherheit, sparten. Jene, die außer der Verantwortung, die sie trugen und nicht tragen wollten, auch Mitschuld am Tod von 111 Menschen traf, denn es gibt eindeutige Hinweise, dass das Management der Bahn Druck auf die Hersteller und die eigenen Ingenieure ausgeübt hatte, als die neuen Radreifen, deren Mängel zu Katastrophe führten, entwickelt wurden. Wie die Hinterbliebenen hätte ich mir den Bahnvorstand auf der Anklagebank gewünscht.

Auch die Schadenersatzregelung halte ich für unbefriedigend. Das Schmerzensgeld je Familie lag pro Getötetem bei 30.000 D-Mark. Das ist angesichts der Ausmaßes an Fahrlässigkeit und Vertuschung, ja der mutmaßlichen bewussten Inkaufnahme eines tödliches Risikos durch die Bahn eher lächerlich.

Anders als bei anderen Unfällen erwies sich der Staat und die Justiz im Umgang mit den Opfern eines schweren Unfalls als unfähig - oder unwillig - zu einer angemessenen Regelung. Ich bin, wie der Anwalt der Hinterbliebenen, der Ansicht, dass den Opfern des Eschede-Unglücks ein zweites Unrecht zugefügt worden ist. Das Bundesverfassungsgericht wies die Beschwerde der Hinterbliebenen mit der Begründung ab, keinerlei Verstöße gegen Grundrechte erkannt zu haben.
Der Eindruck, dass die Hinterbliebenen sich der Deutschen Bahn AG gegenüber hilflos sahen, weil genügend politische "Hausmacht" und die (finanziellen) Interessen eines staatseigenen Unternehmens im Spiel waren, bleibt. (Mehr zum Prozess: Hintergrund: Ein Prozess ohne Urteil (NDR))

Montag, 2. Juni 2008

Wer schützt unsere Jugend vor wildgewordenen Jugendschützer?

Familienminister liebäugeln mit weiterer Verschärfung des Jugendschutzes (heise online).
Ich gebe zu, dass ist ja alles gut gemeint, und manches (wenn es denn technisch möglich wäre) sogar unter Umständen sinnvoll - aber im Großen und Ganzen müffeln die Vorschläge deutlich nach Bevormundung, nicht nur der Jugendlichen, sondern auch der Eltern und Erzieher. Nebenbei scheint es auch mit dem Realitätssinn der Familienminister zu hapern, denn ob z. B. die angestrebte (klosterschulentaugliche) deutsche Regelung auch für ausländische Webseiten mit Content "über 18" durchsetzbar wäre, ist doch sehr fraglich. Die meisten geplanten Regelungen schreien doch geradezu danach, von cleveren Jugendlichen umgangen oder ausgetrickst zu werden. Vielleicht ist das auch die tiefere pädagogische Absicht: die jungen Leute auf eine Welt vorzubereiten, in der Gesetze und Vorschriften nur für die da sind, die sie nicht umgehen können.

Wie auch immer: wir gehen mit Riesenschritten auf einen repressiven "Präventionsstaat" zu - und viele, die nicht merken, dass das auf kurz oder lang auch ihre Freiheit beschneidet, klatschen dazu auch noch Beifall.
Sehe gerade, dass Burks es treffender als ich ausdrückt: Immer schärfer und klostertauglicher.

Meckerei am Rande: Wenig informative Überschriften in Nachrichtenportalen

Daran, dass Artikel, egal ob online oder auf totem Baum, mit Symbolfotos illustriert werden, bei denen man nur mit vielem guten Willen und viel Phantasie einen eventuellen Bezug zu Inhalt vermuten könnte, habe ich mich ja schon gewöhnt.
Daran, dass die Aussagen von Werbebannern mitunter heftig mit dem Inhalt der Seite, auf der sie erscheinen, kollidieren, brauche ich mich glücklicherweise nicht zu gewöhnen: DWDLs unglückliche Geschmackslosigkeit (Thomas Knüwer). Zum Glück schützt das Firefox Add-On Adblock-Plus recht zuverlässig vor solchen Belästigungen.

Problematischer finde ich die herrlich kreativen und wunderschön aussagefreien Überschriften in Nachrichtenportalen. Was verbirgt sich etwa hinter der Überschrift Toilettenteile ins All geschossen? Umkreisen jetzt Klodeckel die Erde? Sind Dichtungsringe auf dem Weg zum Mars? Nein, es geht um Ersatzteile für die defekte Toilette der Internationalen Raumstation. "Raumtransporter mit Toiletten-Ersatzteilen gestartet" ist sicher dröge, nicht sonderlich hipp und geht aufmerksamkeitsökonomisch gar nicht - aber ist irgendwo doch informativer.

Auch nicht schön sind Überschriften die falsch informieren: «Salpeter-frei» an Schule: Göttinger Gymnasium nach Explosion geräumt. Erst einmal finde ich es nicht sonderlich geschmackvoll, wenn eine Schule wegen eines schweren Unfalls im Chemieraum evakuiert werden muss und das mit eher harmlosen Ereignissen wie "Hitzefrei" oder "Schneefrei" gleichgesetzt wird. Außerdem ist da nicht etwa Salpeter, sondern ein Glasgefäß mit Salpetersäure explodiert.

Die BILD-"Zeitung" ist, nach Angaben der BILD-Redaktion, ein "Leitmedium". Das mag sein oder nicht. Auf alle Fälle scheinen ihre reißerischen und unsachlichen Schlagzeilen in vielen Redaktionen als vorbildlich zu gelten.

Samstag, 31. Mai 2008

"Verteidiger des Glaubens" gegen Pappdrachen

Ein Pappdrache ist ein Geschöpf, das die Eigenschaften eines
Papiertigers und eines Strohmannes in sich vereint.
Oder anders ausgedrückt: eine selbst erfundene, dem Gegner zugeschriebene, Bedrohung, der man "mutig" entgegentritt.

Ein Pappdrache gegen den hochrangige Kirchenvertreter wie der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper anrennen wie der heilige Georg gegen den Drachen, wird "agressiver missionarischer Atheismus" genannt.
Was diese Kirchenvertreter im heiligen Zorn erbeben lässt, ist „Die Provokation der neuen Atheisten“, wie sie Philosoph Prof. Dr. Holger Zaborowski bei einem Vortrag an der Katholische Akademie des Bistums Trier nannte. (Das Bistum Trier trägt zufälliger- und passenderweise das Georgskreuz im Wappen.). Gemeint ist die Wiederkehr der Religionskritik, beziehungsweise die für eine bestimmte Sorte Christen offensichtlich als bedrohlich wahrgenommen religionskritischen Bestseller von Richard Dawkins, Edward O. Wilson oder Christopher Hitchens. Zaborowski meint, dass das Niveau der "neuen Atheisten" (zu denen er auch den Deutschen Michael Schmidt-Salomon zählt) oft wesentlich niedriger als bei den Klassikern wie Marx oder Feuerbach sei. Es gäbe eigentlich keine neuen Argumente, und das Weltbild des neuen Atheismus sei sehr einfach.
In dieser Einschätzung kann ich Professor Zabrowski nur zustimmen. Der Hauptgegner der ach so bösen "neuen Atheisten" ist der christliche Fundamentalismus, eine Glaubensauffassung, die in Deutschland eher wenige Anhänger hat. Im übrigen ist die Kritik etwa des "neuen Atheisten" Dawkins trotz einiger polemischer Spitzen vergleichsweise zahm. Wenn ich Dawkins "Gotteskomplex" und Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" vergleiche, dann habe ich den Eindruck, dass schon schon ein Kapitel im "Deschner" mehr scharfe und treffende Kritik am "christlichen Weltbildes" enthält als der ganze "Dawkins".
Ich schließe daraus: eine reale Bedrohung für die großen Kirchen und ihr Weltbild geht von den "neuen Atheisten" eher nicht aus.

Trotzdem blasen Kirchenfürsten wie Bischof Gerhard Ludwig zur Attacke gegen den atheistischen (Papp-)Drachen:
'Wo Gott geleugnet wird, fällt Menschenwürde'
, wobei er seine rhetorische Lanzenspitze nicht nur gegen Dawkins richtet, sondern auch gegen ein Bilderbuch für Kinder: "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" von Michael Schmidt-Salomon. Darin werde das Bild vermittelt, dass sich alle, die an einen Gott glauben, auf dem Niveau eines Schweines befänden. Wie der gute Bischof zu diesem Schluss kam, ist mir rätselhaft, denn das steht nicht im "Ferkelbuch" und zwar auch nicht "zwischen der Zeilen" oder als "versteckte Botschaft". Ich habe den unguten Eindruck, dass der Bischof Ludwig es bei seiner Philippika gegen die Atheisten nicht immer mit dem 8. Gebot (nach katholischer Zählweise) so genau nimmt.
Der christliche Glaube habe Zeiten überdauert, so Ludwig, in denen ein aggressiver Atheismus wie Nationalsozialismus und Kommunismus herrschte. Nun, die Nazis waren aggressiv, aber, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Atheisten. (Und die mit ganz wenigen löblichen Ausnahmen bestenfalls opportunistische, in schlechteren Fall eifrig mitmachende Haltung der katholischen Christen im Nationalsozialismus ist wahrlich kein Ruhmesblatt.) Nun gibt es bekanntlich neben der religiösen (oder antireligiösen) Rechtfertigung eines Herrschaftssystems noch eine Vielzahl weitere politische, ökonomische, kulturelle usw. usw. Faktoren, die ein Regime prägen. Zudem können fanatisierte Anhänger einer "materialistische" Pseudoreligion genau so verheerend wirken wie "echte" Glaubenskrieger und "Kreuzritter".
Atheismus sei aber auch heute noch präsent, meint de Bischof, teils werde er – wie im Falle des Buches "Gotteswahn" von Richard Dawkins - wissenschaftlich getarnt. Womit Ludwig den Bogen von Stalin, Mao oder Hitler zum pazifistisch gesonnenen Biologen Dawkins geschlagen hätte. Dawkings "tarnt" seinen Atheismus auch nicht als Wissenschaft, sondern trennt deutlich die Forschungsergebnisse der Evolutionsbiologie von den in der Tat atheistischen Konsequenzen, die er daraus zieht.

Wie viele Apologeten setzt sich Bischof Ludwig mit Behauptungen auseinander, die niemand aufgestellt hat - jedenfalls nicht die "neuen Atheisten":
Sogar Kindstötungen stellten nach dieser völlig amoralischen Sichtweise (dem Atheismus) kein Verbrechen dar, weil der Mensch keinen freien Willen habe und nur von seinen Genen gesteuert handle. Der Mensch dürfe niemals Mittel zum Zweck werden, meint der Bischof, Menschen dürfen niemals als bloßes Biomaterial missbraucht werden nach dem Motto: Das Recht ist immer auf der Seite des Stärkeren. So, als ob irgend eine prominenter neuer Atheist wirklich solche Ansichten vertreten würde. Und weiter: Die Einsicht, dass jeder einzelne Mensch eine unveräußerliche Menschenwürde besitze, rühre vom christlichen Menschenbild. Interessant, denn immerhin gründet sich der "neue Atheismus" auf das säkulare Vernunftdenken der Aufklärung, das sich wiederum auf die vom Gottesglauben freie ethische Traditionen der antiken Philosophie beruft. Sie entstanden lange, bevor Paulus das Christentum auch unter Rückgriff auf die Ethik der griechischen Stoiker schuf. Auch dürfte dem Geistlichen nicht unbekannt sein, dass die Vorstellung der Gleichheit aller Menschen vor Gott und der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz im Judentum schon spätestens seit dem Ende des "babylonischen Exils" im 6. Jahrhundert vor Christus tief verankert war.

Die Argumentation gegen den Atheismus läuft bei Ludwig wie den meisten "neuen Apologeten" darauf hinaus, dass ohne den Glauben an einen allmächtigen, allwissenden und strafenden Gott - der Mensch zu moralisch angemessenem Verhalten unfähig sei. (Siehe z. B. Die Lehre von der Hölle ist letzte Warnung auf dem konservativ-katholischen KATH.NET.) Die scheinbar gemäßigtere und intellektuell anspruchsvolleren Variante diese "Argumentes" ist, dass ohne transzendente Letztbegründung (die für die christliche Apologeten selbstverständlich mit der "göttlichen Offenbarung" identisch ist) kein moralischen Handeln möglich wäre.

Diese Sichtweise ignoriert wesentliche Traditionen der Geistesgeschichte, sondern denunziert zugleich auch alle Menschen, darunter auch durchaus religiöse und hochgradig spirituell gesonnene, deren Ethik und Moral nicht von "Gottesfurcht" bestimmt wird. Damit wird auch - mindestens - einem Drittel der Deutschen de facto moralisches Denken und Handeln abgesprochen.

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