Sonntag, 18. März 2007

"Nie mit ihnen, sondern immer nur über sie diskutieren"

So lautet eine bewährte Faustformel zum Umgang mit Rechtsextremisten. Oft reicht sie das nicht aus, vor allem nicht, wenn man selbst Veranstalter ist.

Deshalb empfehle ich die kleine Broschüre "Streiten mit Neonazis - Zum Umgang mit öffentlichen Auftritten von Rechtsextremisten" von Miteinander e. V. und der Arbeitsstelle Rechtsextremismus Sachsen-Anhalt - sie gibt es auch als PDF-Datei zum Herunterladen.

Samstag, 17. März 2007

Zukunftsvisionen? - Das ich nicht lache ...

Von heute abend an präsentiert arte die dreiteilige Reihe 2057- Die Welt der Zukunft . (Jeweils am folgenden Sonntag wird die Sendung im ZDF wiederholt.)
Wie sieht unser Leben, unser Alltag in 50 Jahren aus? Diese Frage stellt die 3-teilige Dokumentation und schafft in fiktionalen Spielszenen ein realistisches Abbild des Lebens in 50 Jahren.
Ich sehe die Reihe mit gemischten Gefühlen. Es geht nämlich nicht um "das Leben in 50 Jahren", also um eine Prognose, sondern schlicht um Science Fiction. Zwar SF auf der Grundlage handfester Forschungsergebnisse, aber dennoch, aus der simple Tatsache heraus, dass die Entdeckungen, Erfindungen und Entwicklungen der Zukunft noch nicht gemacht sind, hochgradig spekulativ.
Wie spekulativ kann man ermessen, wenn man sich z. B. "Zukunftsvisionen" aus den 50er und 60er Jahren ansieht, die das Leben im frühen 21. Jahrhundert zum Thema hatten.
(Ein amüsantes Beispiel aus dem Jahr 1950: Miracles You’ll See In The Next Fifty Years.
Ein interessanter Artikel aus dem Jahr 2000 zum Thema "Zukunftsvisonen von gestern": So sollten wir leben.)

Wenn sich eine Prognose stellen läßt, dann die, dass die Welt im Jahre 2057 sehr wahrscheinlich völlig anders aussehen wird als in "Die Welt der Zukunft".

Allerdings regen solche Zukunftszenarien die Phantasie und Neugier an, zeigen, dass Probleme dazu da sind, gelöst zu werden. Deshalb freue ich mich darüber, dass "Die Welt der Zukunft" gesendet wird. Mit wäre es aber sehr viel lieber, wenn sie als "ehrliche" Science Fiction ohne pseudokumentarisches Drumherum präsentiert würde. Es mangelt nicht an guten Vorbildern, wie den "Science Thrillern"
Rainer Erlers aus den 70er und 80er Jahren. Erlers Filme befassten sich oft mit brisanten gesellschaftlichen Themen wie Atomkraft, Atommüll, Ethik in der wissenschaftlichen Forschung, Genmanipulation, Organhandel. Obwohl sie klar als Fiktionen erkennbar waren, lösten sie kontroverse Reaktionen und lebhafte Diskussionen aus.

Aber vermutlich liegt es daran, dass Science Fiction im deutschen Fernsehen (angeblich) "nicht gut läuft" und "Infotainment" ("Sendung mit der Maus" für Erwachsene plus opulente Bilder - wobei sich die Themenwahl danach richtet, das es sich gut visuell darstellen läßt) gute Einschaltquoten bringt.

Weiterer Senf zum Thema "Prognosen und Zukunftsvisionen":
Ausreden
Orakelzeit
Warum wir süchtig nach Prognosen sind - auch wenn sie in die Hose gehen
Das Ende eines Verkehrsmittels?
Divination zum Jahreswechsel

Wenn man Gift in die Hirne und Herzen von Kinden träufelt (2)

Eine wichtige Ergänzung zu einem traurigen Thema:
Chajms Sicht: Fragen zum Warum.

Ich konnte nicht glauben, dass es das wirklich gibt: Einen Propaganda-Spot im TV-Programm der Hamas, in dem zwei Kinder darüber erzählen, dass ihre Mutter jetzt als Märtyrerin im Paradies sei, und wie viele Juden sie dabei umgebracht hätte. Ich hatte gehofft, dass diese Form der Haßpropanda ein Produkt der Propanda ist. Leider sieht es gar nicht so aus.
Der Sender Al Aksa-TV, auf dem diese Sendung lief, kann über Satellitenanlagen praktisch weltweit empfangen werden.

Und das ist nur ein winziger Teil des Problems. Bei uns in Deutschland werden zwei besonders verbreitete und gefährlich Formen des Antisemitismus zu wenig beachtet: den importierten "islamischen" Antisemitismus und den "getarnten" Antisemitismus der „Darf man eigentlich Israel gar nicht kritisieren?”-Sager. Natürlich darf man Israel kritisieren. Sogar mit so harten Worten, wie es z. B. Che2000 tat: Vom Frieden und denen, die ihn wollen - oder auch nicht.
Aber: unter dem Deckmantel der Israelfeindschaft, notdürftig als Israelkritik getarnt, geht es immer sehr schnell um "das Verhalten" "der Juden". Auch derjenigen Juden, die gar nicht in Israel leben. Das scheint für manche heimliche Antisemiten ein Ausweg aus der geschaftlichen Ächtung des Antisemitismus zu sein.

Angst steckt an - Angst tötet

Zwei Meldungen, die mir zu denken geben, wenn ich sie zusammen denke:

Bei wissenschaft.de: Erlernte Angst ist wie wirkliche Angst.
Für das Gehirn macht es keinen Unterschied, ob ein Mensch vor etwas selbst Angst hat oder nur einen Menschen in einer angstvollen Situation beobachtet. Das haben amerikanische Wissenschaftler bei Hirnscans herausgefunden. Die Forscher beobachteten die Hirnaktivität von Probanden, während diese sich Videos von Darstellern anschauten, die in Angst vor elektrischen Stromstößen versetzt wurden. Die Aktivität des Gehirns der Probanden zeigte dabei ein ähnliches Muster, wie wenn sie selbst vor Stromstößen Angst hatten. Die Ergebnisse zeigten, wie ausgeprägt die Fähigkeit des Menschen zum emotionalen Lernen sei, schreiben die Wissenschaftler um Andreas Olsson.

Und diese im Eurozine: Stadt in Angst - London und der Krieg gegen den Terror.(via ulysses)
(...) Der Soundtrack zum Krieg gegen den Terror legt sich wie eine Decke über die Stadt. Die Sirenen erzeugen eine Atmosphäre unmittelbarer Bedrohung, in der sich Angst und Unruhe gegenseitig aufschaukeln.[10] Die Geräusche der Polizeisirenen und der Helikopter sind gleichermaßen Ursache und Wirkung der Angst, die London nach den Bombenanschlägen vom Juli überfallen hat, und die Entstehung eines Fehlschlüsse begünstigenden Klimas ist Teil der Schadensbilanz. Die Erschießung des jungen Brasilianers Jean Charles de Menezes an der Tube Station in Stockwell durch die Polizei ist ein Beispiel für einen solchen Fehlschluss mit tödlichem Ausgang. Am 22. Juli – dem Tag nach der zweiten Welle missglückter Angriffe – erblickte ein Polizist einen "Selbstmordattentäter" in seinem Visier und feuerte auf ihn. Der junge Mann war bloß vor Beamten weggelaufen, die automatische Waffen mit sich herumtrugen. (...)
Tiggy steckte an dem Tag, an dem Jean Charles de Menezes erschossen wurde, kurz vor Stockwell in einem U-Bahn-Zug fest. "Ich war auf dem Weg durch die Stadt, und auf einmal blieb die Tube stehen. Mein erster Gedanke war: 'Mist, jetzt komme ich zu spät.'"[14] Tiggy hatte viele Jahre in Südafrika gelebt und dort in antirassistischen Projekten gearbeitet. "Man sagte uns, im Zug vor uns befinde sich ein Selbstmordattentäter – und im ersten Reflex dachte ich: 'Na, hoffentlich töten die ihn noch vorher.'" Die Polizei schoss dann auch zuerst; nachdem sie seiner habhaft geworden waren, schossen sie den jungen Brasilianer sieben Mal in den Kopf. "Eigentlich ist es schrecklich", dachte Tiggy später. "Man beginnt die Welt aus dem Blickwinkel der Polizei zu sehen." Heute halten die Sirenen das permanente Gefühl von Krieg und Notstand wach und verstärken auf die Weise die Angst.Dass London in Angst lebt, ist nicht allein das Werk der Attentäter, sondern vielmehr das Werk von Politikern und Journalisten, die die Vorstellung von Attentaten dazu nutzen, mit den Ängsten der Menschen zu spekulieren.
(Hervorhebung von mir. MartinM.)
Die Angst vor dem Feind nebenan ist zu einer Allzweckwaffe des Regierungshandelns geworden, die einerseits den Populismus der Sensationspresse dämpft und andererseits politische Unterstützung und öffentliche Meinung in sich bündelt. Niccolò Machiavelli schrieb vor über 400 Jahren, ein Fürst müsse sich dergestalt fürchten machen, dass er, wenn er die Liebe auch nicht gewinnt, den Hass doch vermeide.[20] Ob die modernen Fürsten geschmäht werden oder nicht, ist eine müßige Frage, aber Zustimmung durch Verbreitung von Furcht zu gewinnen hat seinen Preis: die Entfesselung und Stärkung von Rassismus, die den Boden für die Begegnung der Kulturen vergiften. Benjamin Barber schrieb: "[...] nicht der Terrorismus ist der Feind, sondern die Angst, und mit Angst wird man Angst letztlich nicht besiegen."[21]

Donnerstag, 15. März 2007

Vielleicht tu ich ihr Unrecht ...

der schwedischen Sängerin und Schauspielerin Sara Stina Leander, geb. Hedberg, gerufen "Stina", die heute 100 Jahre geworden wäre.

Zarah Leander sang und schauspielte zwischen 1937 und 1943 für die Deutschen und sorgte für die gute Laune, die Goebbels als wichtigste Waffe im Krieg bezeichnete. Dafür fiel sie in ihrem Heimatland Schweden in Ungnade (allerdings bezeichnenderweise erst nach 1945, zuvor waren ihre deutschen Filme auch in Schweden beliebt) und gilt dort bis heute als die verlorene Tochter. (Die war gelegendlich kolportierte Legende, sie wäre vor ihrem Erfolg in Österreich und Deutschland nur ein Revuegirl aus Schweden, das durch Skandinavien tingelte, gewesen, stimmt nicht. Sie nahm in Schweden bis 1936 80 Lieder auf, womit sie zu den aktivsten schwedischen Sängerinnen der damaligen Zeit gehörte. Von 1929 bis 1935 hatte Zarah Leander in zahlreichen Revuen, Operetten und Musicals wichtige Rollen und drehte in Schweden immerhin drei Spielfilme. Finanziell war der deutsche Markt allerdings attraktiver.)

Zarah Leander sang für die Deutschen - und spionierte für Russland, behauptet der angesehene russische Publizist Arkadi Waksberg. Tonbandprotokolle aus Moskauer Geheimarchiven scheinen das alte Gerücht zu bestätigen. Unter dem Decknamen "Rose-Marie" soll Zarah dem sowjetischen Geheimdienst Informationen geliefert haben

Radioprogramm ARD.de: Kluge Frauen sagen nur "Vielleicht".

Tatsächlich paßte Stina Leander, trotz ihrer "nordischen Erscheinung", überhaupt nicht in das NS-offizielle Frauenbild: persönlich emanzipiert und äußerst selbstbewußt fiel es ihr leicht, die "femme fatale" zu spielen oder als etwas verruchte Dame durchzugehen. Ein interessante Abwechslung zur sonst propagierten Heimchen-am-Herd-Idylle, die wohl bewußt von Propagandaminister Goebbels zugelassen wurde. (Er soll angeblich sehr geschätzt haben - aber welche attraktive Frau schätze der nicht? )

Ihr größtes Kapital war aber ihre wunderbare Kontra-Alt-Stimme, tief, aber dennoch unverkennbar weiblich. Ihre politische Haltung hielt sie immer hinter dem Berg, sie bezeichnete sich als "unpolitisch", auch wenn sie es nicht war.

Meiner Einschätzung nach war sie kühl berechnende Opportunistin. Sie kehrte Deutschland 1943 den Rücken, als ihr Haus in Berlin-Grunewald ausgebomt wurde und die Wehrmacht gegenüber der Sowjetarmee hoffnungslos in die Defensive geriet. Loyalität zu Deutschland hatte sie wohl keine.
Ich vermute, sie spionierte eher für ihre eigenen Interessen, als für die Sowjetunion oder gegen Hitler.

Der Sieg der Vernunft

Es geht zwar durch die Medien und sämtliche Blogs, es ist mir aber ein so großer Anlaß zur Erleichterung, dass ich einfach dazu "senfen" muss:
Zeig mich an!

ERFOLG!
Die Verwendung durchgestrichener Hakenkreuze ist nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (BGH) nicht strafbar, wenn die Distanzierung zum Nationalsozialismus eindeutig ist. Der BGH hob damit am 15. März 2007 das Urteil gegen den Leiter eines Versandhandels auf und sprach ihn rechtskräftig frei. Mit dem Urteil folgte das Gericht dem übereinstimmenden Antrag der Bundesanwaltschaft und der Verteidigung.
klatschenklatschenklatschenklatschen

Ich sehe dieses Urteil als einen ersten, bescheidenen, aber notwendigen Schritt an, um drei für Freiheit und Demokratie gefährlichen Tendenzen Einhalt zu gebieten:
1. Der alten nachkriegsdeutschen Tradition des Verdrängen des Naziproblems. Aus den Augen, aus dem Sinn. Lieber das Neonazi-Problem kleinreden und unter den Teppich kehren. Eine sichtbare "AntiFa" macht womöglich darauf aufmerksam, das es auch noch "Fa" gibt.
2. Den Hang, auf eigene Faust und abseits der etablierten Parteien politisch aktive Menschen zu kriminalisieren. "Die Bekämpfung des Rechtsextremismus überlassen Sie gefälligst den zuständigen staatlichen Organen". Quertreiber und Querköpfe stören nur den geordneten Dienstablauf. Und Zweifel an der Wirksamkeit der "offiziellen" Aktivitäten "gegen Rechts" sind unerwünscht. Sie könnten ja das Vertrauen des Bürgers auf "Vater Staat", der alles im Griff hat, schmälern ...
3. Dem wieder wachsenden Hang, Probleme auf dem Verbotsweg zu "lösen": Selten war in der politischen Diskussion der Nachkriegszeit so oft vom Verbieten die Rede, wie in den letzten ca. fünf Jahren. Egal, ob es sich um CO2-Ausstoß, saufende Jugendliche, einem die Luft vollqualmende Mitmenschen, ungesunde Ernährung usw. geht, egal, ob auf nationaler oder europäischer Ebene: "Verbieten" ist das Universalrezept, mit dem "Un-Politiker" Aktivität simulieren. "Un-Juristen" anscheinend auch: hektische Verbotsaktivität gegen alles, was nur entfernt nach HK-aussieht, signalisiert: "Wir tun was gegen Rechtextremisten".

Mittwoch, 14. März 2007

Die Katastrophen-Konstante

Neulich kramte eine Bekannte aus Schultagen, mit dem ich mich über eben jene Schultage unterhielt, die Erinnerung an einen halb vergessenen Sachbuch-Bestseller der 1970er Jahre hervor: Herbert Gruhls "Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik". Wir waren uns schnell einig, dass Gruhl politisch ein - gelinde gesagt - erzkonservativer Knochen war. Zu autoritär für unseren Geschmack.
Dass er sich später ziemlich unverhohlen gegen Einwanderung aussprach, stieß uns genau so übel auf, wie seine drastischen Beschreibungen der von ihm befürchteten Übervölkerung der Erde, ("Menschenflut" oder "Menschenlawinen").
Nicht zustimmen konnte ich ihr, was die Beurteilung des Ökonomen und Ökologen Gruhls anging. Seine Kritik an der Wachtumgläubigkeit der meisten (damaligen) ökonomischen Ansätze, und an der Nicht-Einrechnung der auf die Allgemeinheit abgewälzten Kosten von Unweltverschmutzung in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung war nicht neu, allerdings für einen CDU-Mann, der er damals war, bemerkenswert. Im Detail richtig waren sie meiner Ansicht damit noch lange nicht - Gruhl war ein "Wecker", aber kein "Aufklärer".

Geradezu grotesk fand ich allerdings die Behauptung, Gruhl hätte als einer der Ersten schon damals das CO2 / Klimaproblem richtig erfasst.
Ich schlug im meinem zerfledderten Exemplar des "Geplünderten Planeten" nach, und fand zu diesem Thema fast gar nichts. Dafür fand ich diese bemerkenswerte Aufstellung:
Wir haben die Umweltelemente in der obigen Aufstellung nach der Dringlichkeit geordnet:
1. Fehlende Luft führt zum Tod nach Sekunden.
2. Fehlendes Wasser führt zum Tod nach Tagen.
3. Fehlende Nahrung führt zum Tod nach Wochen.
4. Lärm führt zur Schlaflosigkeit und steigert sich bis zur Krankheit, möglicherweise zum Wahnsinn.
5. Die chemische Vergiftung von Ökosystemen führt zum Tod nach Jahren. Radioaktive Vergiftung kann allerdings auch zur sofortigen Vernichtung des Lebens und der Natur führen.
6. Die langsame Zerstörung der Natur entzieht allen Lebewesen die Lebensgrundlage in Jahrzehnten.
7. Die Abwärme führt zu klimatischen Veranderungen des Planeten, zum Abschmelzen der polaren Eiskappen und damit zu einer Überflutung riesiger Landmassen.
8. Die Raumüberfüllung kann nach der jetzigen Bevölkerungszunahme schon in wenigen Jahrzehnten eintreten.
Die Punkte 7 und 8 beinhalten Möglichkeiten, zu denen es wahrscheinlich gar nicht kommen wird, weil längst vorher die anderen Faktoren die Entwicklung stoppen werden.
(...)
Übrig bleiben schließlich die beiden Faktoren, die kaum eintreten werden, weil längst vorher die anderen Kräfte zur Katastrophe geführt haben. Die Abwärme wäre sicher dann irreversibel, wenn man die Energieproduktion rücksichtlsos soweit vorantriebe, bis die praktischen Folgen nicht mehr zu stoppen wären. Der absolute Höhepunkt der Veränderung des Weltklimas würde namlich erst mit einigen Jahren Verzögerung eintreten. Die unerträgliche Raumenge würde sich wahrscheinlich in unablässigen Ausrottungskriegen äussern und wäre damit prinzipiell reversibel. Mit grösserer Wahrscheinlichkeit käme es aber längst vorher zu Zusammenbrüchen der Nahrungsversorgung als Folge der Punkte 1 und 2.
Auffällig, auf der rein sachlichen Ebene: er schreibt von "der Abwärme",die zu klimatischen Veranderungen usw. führt. Von CO2, Treibhauseffekt usw. ist überraschenderweise gar nicht die Rede. Was ziemlich bemerkenswert ist, da dieser Mechanismus Mitte der 1970er Jahre schon längst unter Umweltschützern diskutiert wurde. Mein Eindruck: Gruhl hatte irgend etwas "aufgeschnappt" und (noch) nicht weiter recherchiert. (Später sollte sich das ändern.) Überhaupt wirkt sein Buch heute sehr oberflächlich.

Auffällig auch, dass Gruhl diesen Klimaeffekt damals als nachgeordnetes Problem ansah - bevor es akut würde, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Auffällig auch, dass "Lärm" immerhin an 4. Stelle liegt. Das könnte daran liegen, dass damals der Lärm als Umweltproblem gerade "entdeckt" wurde.
Später verschoben sich die Einschätzungen Gruhls. In "Himmelfahrt ins Nichts – Der geplünderte Planet vor dem Ende" (1992) nahm die Klimakatastrophe einen weitaus höheren Rang ein - wie auch die Überbevölkerung. Dass heißt, obwohl er es nicht so sah: die beiden "unwichtigsten" Öko-Katastrophen von 1975 rückten 1992 in den Mittelpunkt, weil die "vorrangigen" Bedrohungen sich als weniger bedrohlich bzw. als lösbare Probleme erwiesen hatten.
Dennoch war Gruhls Weltbild 1992 noch genau so öko-apokalyptisch wies in seinem früheren Buch.

Das fällt mir auch bei anderen, neueren, Öko-Alarmisten (und übrigens auch bei Öko-Optimisten) auf: die jeweilige pessimistische bzw. optimistische Einstellung bleibt, egal was geschieht, über die Jahre hinweg in etwa konstant. Für Gruhl hieße das: Gäbe es "Entwarnung" beim Weltklima (bei der Bevölkerungsentwicklung ist schon jetzt absehbar, dass Gruhl falsch lag) - er würde einen anderen apokalyptische Reiter nachrücken lassen.

Diese Einstellung des "flexiblem Bedrohungszenarios" kennt man auch von Militärs, Geheimdienstlern und "Sicherheitsexperten".

Dienstag, 13. März 2007

Erinnerungslöscher

Es könnte eine wertvolle Hilfe für Traumapatienten sein. Aber ich fürchte, das wird nicht ihr Haupteinsatzweck werden:

wissenschaft.de:Gezieltes Vergessen.
Forscher löschen bei Ratten die Erinnerung an ganz bestimmte traumatische Erlebnisse

Ein internationales Forscherteam hat bei Ratten mithilfe eines Wirkstoffs gezielt eine Erinnerung gelöscht. Die Tiere erinnerten sich nach den Tests nicht mehr an ein bestimmtes Schockerlebnis, während andere Erinnerungen unangetastet blieben. Das Verfahren könnte einmal bei Menschen eingesetzt werden, die unter traumatischen Erfahrungen leiden.
... oder es könnte dazu angewendet werden, jemanden zu foltern - und anschließend das Schockerlebnis der Folter "ungeschehen" zu machen. Oder es könnte dazu angewendet werden, teuer ausgebildete Elitesoldaten nach einem "knallharten" Einsatz (so von der Sorte: "eigene Verluste 50 %, Gegnerverluste ca. 90%, massivste Kollateralschäden") wieder "fit" zu bekommen. (Schon im 1. Weltkrieg Traum deutscher Heerespsychiater.)
Weitere Anwendungsmöglichkeiten fallen einem mit ein wenig Phantasie ohne Weiteres ein.

Hingegen erscheint mir der therapeutische Nutzen in der Traumatherapie eher gering zu sein.
Traumapatienten könnten mit ähnlichen Techniken künftig von ihren quälenden Erinnerungen geheilt werden, hoffen die Forscher – eine Idee, die jedoch unter Ärzten und Psychologen vor allem aus ethischen Gründen umstritten ist.
Das Problem liegt darin, dass sich ein länger zurückliegendes traumatische Ereignis sozusagen in der Persönlichkeit ausbreitet - salop gesprochen kommt zur quälende Erinnerung die Erinnerung an die quälende Erinnerung hinzu. Das Gehirn ist nun mal keine Festplatte. (Und selbst auf einem Computer wäre es fahrlässig, z. B. ein installiertes Programm, womöglich eines, dass mit vielen anderen Anwendungen verknüft ist, einfach durch Löschen zu "entfernen".) Tatsächlich laufen die bisherige Traumatherapien, von der Verhaltenstherapie bis zu gestaltherapeutischen Ansätzen - auf eine "Bewältigung" des Trauma hinaus. Der Ansatz, ein Trauma einfach "ungeschehen" zu machen, erscheint mir nur bei einem ganz frischen Trauma überhaupt therapeutisch machbar zu sein. Wobei sich die ethische Frage stellt, ob man einem frisch traumatisierten Patienten die Entscheidung, ob er seine traumtischen Erinnerungen "gelöscht" haben will, überhaupt zumuten kann.

Aber in "interessierten Kreisen" (Geheimdienste, Militär) wird man, fürchte ich, solche Bedenken nicht haben.

Montag, 12. März 2007

Konsens in der Welt der Wissenschaft

Le Penseur schreibt über Über das Stattfinden von Klima- und anderen angesagten Katastrophen - ziemlich polemisch und nicht immer meiner Ansicht entsprechend, aber nachdenkenswert.

Abseits der Klimathematik finde ich diesen Gedanken interessant:
Wenn ich mich allein aus meiner Lebenszeit zurückerinnere, welch (mittlerweile als flagranter Blödsinn enttarnte) "unfehlbare wissenschaftliche Konsense" so im Schwange waren, ist mein Vertrauen in solche Beschwörungen einigermaßen gedämpft. Vielleicht sollten mehr Wissenschaftler die provokanten Thesen von Paul Feyerabend lesen. Aber das ist wohl zu viel verlangt. Leider.
. Zu Paul Feyerabends Thesen habe ich ein gemischtes Verhältnis, da halte ich es lieber mit seinem alten Prof, Karl Popper. Bekanntlich sah Feyerabend Wissenschaft, neben beispielsweise Religion oder Kunst, nur als eine von vielen Möglichkeiten, Erkenntnis zu gewinnen. Worin ich ihm sogar zustimme. Nicht folgen mag ich ihm darin, dass eine Wertigkeit verschiedener Zugänge zur Wahrheit nicht möglich sei, da diese Wahrheitszugänge untereinander inkommensurabel seien. Feyerabends provokative Feststellung, Regentänze seien genausogut wie Wettervorhersagen und Wahlprognosen nicht besser als Astrologie übersieht, dass es kein Problem ist, die Wirksamkeit eines Regentanzes oder eines Horoskopes auszupropieren. Die Begrifswelten mögen inkommensurabel sein, die Ergebnisse sind es nicht.

Aber wie auch immer: Jeder Stand der Forschung ist der aktuelle "Stand des Irrtums", und schon ein einzige nicht zur Theorie passende Beobachtung kann den gesamten "wissenschaftlichen Konsens" über die Einzeltheorie hinnaus ungültig machen. Das geschah z. B. als Max Planck die Strahlung eines schwarzen Körpers untersuchte. Der "Konsenz" praktisch aller Physiker einschließlich Plancks (mit der möglichen Ausnahme des krassen Außenseiters Bolzmanns) war, dass die Energieabgabe kontinuierlich erfolgt - und nicht, wie sich erwieß, in "Paketen", Quanten, erfolgte.

"Unfehlbare wissenschaftliche Konsense" sind, natürlich, in den Naturwissenschaften völliger Blödsinn (und auch in jenen Geisteswissenschaften, die den Namen Wissenschaft verdienen - Theologie ist für mich z. B. keine Wissenschaft). Was im Prinzip auch schon zu Plancks Zeiten bekannt war. Allenfalls gibt es Paradigmen bzw. disziplinäre Matrizen im Sinne Kuhns, also "herrschende Lehrmeinungen", "Denkmuster".
Konsense gibt es, aus pragmatischen Gründen, z. B. in der Medizin. Z. B. wenn ein bestimmten Heilverfahren sich in der Praxis bewährt hat und von der Mehrheit der Ärzte befürwortet wird. Wenn allerdings jemand "Konsens" mit "unfehlbare Wahrheit" übersetzt, dann halte ich ihn für einen Scharlatan (bzw. Lobbyisten bzw. PR-Agenten bzw. Werber). Es geht nun mal auch bei angewandten Wissenschaften wie der Medizin nicht nach dem Mehrheitsprinzip.

Wie Le Penseur habe ich schon manche Lehrmeinungen / disziplinäre Matrizen, die von einem überwältigenden Konsens getragen wurden, kippen sehen.
Zu meiner Abizeit galt es laut Chemie-Lehrbuch (Leistungskurs, Oberstufe) als prinzipiell unmöglich, einzelne Atome manipulieren zu können. Schon in der Grundschule lernte ich eine Mitschülerin kennen, die unter dem lange Jahre besteheneden medizinischen Konsenz, dass die Placenta-Blutschranke für komplizierte organische Verbindungen, z. B. Talidomit, unüberwindlich sei, litt - sie war schwer körperbehindert, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft ein keimschädigendes Medikament, vermutlich Talidomit, eingenommen hatte.

Es würde nicht nur die Klimadebatte sehr versachlichen, wenn statt "wissenschaftlicher Konsenz" von "von der Mehrheit der Wissenschaftler geteilte Lehrmeinung" und statt des durch PR-Sprech und Pseodowissenschaftler vernutzten" Begriffs "Paradigma" von "Denkmustern" oder "Weltbildern" die Rede wäre. Es ist für mich, nicht nur in der Klimadebatte, immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen ein "Naturgesetz" (empirisch bzw. experimentell erhärtetes Modell eines Naturvorganges) mit einem Gesetz im juristischen Sinne oder einem moralischen Gebot verwechseln. Man kann gegen Gesetze, aber nicht gegen Naturgesetze verstoßen. Wenn ein Brücke einstürzt, dann nicht, weil der Bauingenieur gegen die Gesetze der Statik verstoßen hätte, sondern weil er sich verrechnet hat oder weil beim Bau geschlampt wurde.

Sonntag, 11. März 2007

30 Jahre hinter der Zeit

Jens Scholz schrieb einen sehr interessanten Blogbeitrag über die bemerkenswerte, aber selten bemerkte Tatsache, dass in der "Klimadiskussion" alle mögliche Ablenkungsdiskussionen (vom Glühbirnenverbot bis zum Urlaub nur im Inland) geführt werden, der wesendliche Punkt aber "übersehen" wird:
Man weiß, wo die Stellen sind, an denen man schrauben muss (Wechsel zu erneuerbarer Energie. Und dann lange lange nichts.). Die stehen im Meer der stürmischen Diskussionsthemen komischerweise völlig unberührt und werden so krampfhaft ignoriert wie die Nackteit des Kaisers im Märchen.
(Ganzer Beitrag: Schattengefechte.)
Egal, wie man zur CO2-Problematik steht (ich bin in Hinblick auf Horror-Szenarien skeptisch) - langfristig wird ohnehin kein anderer Weg bleiben, die Energieversorgung zu sichern, denn bekanntlich sind die Öl-, Kohle- und Uran-Vorkommen endlich. Ein frühzeitig begonnener Umstieg ist meiner Ansicht nach auch ökonomisch sinnvoll, wenn auch einige hier mitlesende Ökonomen anderer Ansicht sein werden. Mit "Umstieg" meine ich übrigens nicht noch mehr Subventionen für Windräder.

Warum allerdings kann die Diskussion vornehmlich um Verbote, Appelle, Einschränkungen? Das hängt zum Teil sicher mit dem "apokalyptischen Denken" zusammen. Ein quasi-religiöses Denken: "Gottes Zorn" - ersatzweise "die Rache der Natur" in Form der Klimakatastrophe kommt wegen der "Sünde der Völlerei!" (Energieverschwendung) über uns - weshalb es dann auch folgerichtig "Ablaßhandel" gibt und "Askese" gepredigt wird. Hinzu kommt, dass "harte Zeiten" immer "gute Zeiten" für totalitäre Gesellschaftsmodelle sind - vor dem düsteren Hintergrund der Katastrophe heben sich selbst Systeme mit dem Charme eines Umerziehungslagers leuchtendgrün ab.

Typisch für die derzeitige Debatte ist, dass der Stand des technisch Machbaren und ökonomisch Sinnvollen kaum beachtet wird. Tatsächlich wäre es technisch möglich, 100% des Energiebedarfs (und nicht nur klägliche 20 %) aus erneuerbaren Quellen abzudecken - ohne Fahrverbote, Strom-Rationierungen, kalte Bude im Winter und Ächtung der Fernreisen - tatsächlich ohne Einschränkung des Lebensstandards. Wirtschaftlich lohnt sich ein sofortiger Totalumstieg noch nicht - noch! (Wenn "Siggi Pop" Gabriel von "Kein Klimaschutz durch Konsumverzicht" redet, dann meint er nur scheinbar dasselbe wie ich. Denn der "Umbau der Energiebasis der Industrie" kostet natürlich viel Geld. Besonders viel, wenn er als staatliches Großprogramm durchgeführt wird. Besser ist allemal der Ansatz von "unten nach oben".)

Aufällig an der derzeiten Diskusson ist, dass Argumente aufgeführt, die einfach veraltet sind. Immer noch gibt es Journalisten, die glauben, Fotovoltaik sei eine teure Luxustechnik, allenfalls für Nischenanwendung geeignet. Oder Solarstrom sei nur etwas für sonnige Länder - und Erdwärme höchstens in Vulkangegenden nutzbar.

Neulich stieß ich bei den "B.L.O.G." auf eine eine extrem interessante Präsentation von Hans Rosling, dem Begründer von Gapminder: Myths about the developing world.
Der Eingangsgag: Studenten schnitten bei einem Test, in dem sie die Kindersterblichkeit in verschiedenen Ländern einschätzen sollten, schlechter ab, als Schimpansen. Das Schlimme dabei ist nicht, dass die Studenten, weil sie nicht bescheid wußte, rieten (wie es die Schimpansen taten). Die Studenten unterschritten ein einfaches Raten deutlich unterschritten, denn sie glaubten etwas zu wissen, was nicht der Realität entspricht.
Genauer gesagt, entspricht ihr Weltbild (und wahrscheinlich das übliche Weltbild des "politisch informierten Bürgers") etwa dem Stand der 1960er Jahre: Es gab arme und reiche Länder, getrennt durch einen breiten ökonomischen Abgrund, wobei die armen tendenziell immer weiter verelenden. Das heutige Bild, das z. B. Statistik der UN zeigen, ist weitaus weniger trübe. Und nicht nur "einfache Bürger" haben dieses veraltete Bild im Kopf, sondern auch Politiker: Nach wie vor überweist Deutschland Entwicklungshilfe an China (nein, heute ist noch nicht der 1. April).

Genau das ist auch bei der Energiediskussion der Fall: das Weltbild stammt beinahe durch die Bank aus den 1970er und 1980er Jahren, ebenso die "Lösungsvorschläge". Egal, ob es massiver Ausbau der Kernenergie ist (so dachte die SPD/FDP Bundesregierung anno 1975), oder ob in einer "dezentralen Energieversorgung" das Heil gesucht wird (von der schon 1982 bekannt war, dass sie, konsequent durchgeführt, ökonomisch verschwenderisch und ökologisch schädlich ist), oder wieder mal eine "Kultur der weisen Selbstbeschränkung" (Herbert Guhl, 1977), natürlich durch staatliche Verbote und Kontrollen durchgedrückt, angepriesen wird. Dass das "Wissen" über den Stand der Technik von anno dunnemal ist, hatte ich ja schon erwähnt.

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