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Religion, Magie, Mythen

Freitag, 23. Oktober 2009

Die 7 Todsünden der Religion in der Science Fiction

Ich bleibe beim Thema "Klischee", denn obwohl der Artikel auf dem Webportal IO9, um den es mir geht, mit The 7 Deadly Sins Of Religion In Science Fiction überschrieben ist, geht es darin nicht um "Sünden" (geschweige den Todsünden), sondern um Klischees der Science Fiction, wenn es um religiöse oder spirituelle Themen geht.

Religiöse Themen sind in einem Literaturgenre, das von der Fragestellung "Was wäre, wenn?" ausgeht, sozusagen von Anfang an präsent - schon Mary Shelleys "Frankenstein", der als erster Science Fiction-Roman gelten kann, ist ein philosophischer Roman, der auch religiöse Fragen stellt. In der SF-Massenliteratur und vor allem in SF-Filmen und (frühen) Fernsehserien herrschte allerdings lange Zeit eine deutliche Scheu vor religiösen Themen - wenn Religion überhaupt dargestellt wurde, dann meistens auf "christlich-konventionelle" Art und Weise. Das änderte sich seitdem der mit dem Buddhismus sympathisierende Humanist und Agnostiker Gene Roddenberry in den 1960er Jahren dafür sorgte, dass in seiner Fernsehserie "Star Trek" religiöse und spirituelle Themen auch auf "nicht-konventionelle" Art behandelt wurden.
Eine Serie, die sehr stark von religiösen und quasi-religiösen Aspekten profitiert, ist die neue "Battlestar Galactica"-Serie.
Allerdings haben sich auch etliche SF-Religionsklischees eingeschliffen - die sich teilweise direkt auf Roddenberrys "originale" "Star Trek"-Serie zurückführen lassen.

Charlie Jane Anders schreibt dem entsprechend auch davon, dass, wie andere Themen der Science Fiction - zum Beispiel der "Erste Kontakt", Zeitreisen oder Raumschlachten - science-fictionale Religion gut gemacht oder albern und sonderbar sein kann.

Hier also die sieben Fehler, die Science Fiction nach Ansicht Anders manchmal macht, wenn es um Religion geht (Übersetzung von mir M.M.) - und meinen "Senf" dazu.
1. Der Cargo-Kult. Ja, ich weiß, die Götter müssen verrückt sein. Aber ich habe Geschichten über primitive Völker, die Hochtechnologie entdecken und anfangen, sie zu verehren, satt. Oder die Nachkommen von High-Tech-Leuten, die primitiv wurden, und anfingen, die Technik ihrer Vorfahren zu verehren. So wie die Ewoks, die C-3PO verehren, oder die Wüstenleute, die in Doctor Whos "Planet Of Fire" den Raumanzug verehren. Normalerweise mit einem Unterton von: "Seht ihr? Das beweist, dass Religion Dummheit ist!" Auch furchtbar: Roboter, die ihre Erbauer anbeten oder Außerirdische, die Menschen anbeten. Oder Außerirdische, die Ferengi anbeten.
Cargo-Kulte und verwandte Erscheinungen sind ein reales gesellschaftliches Phänomen, sogar in modernen "Informationsgesellschaften". Daher sind sie ein dankbares und wichtiges Thema in der SF, wobei es, wie bei Zeitreisen oder Raumschlachten, sehr darauf ankommt, wie sie umgesetzt werden. Zwei Beispiele, die ich für sehr gelungen halte, sind der von Vormenschen angebetete schwarze Monolith in "2001 - Odyssee im Weltraum" und, als Satire auf längst sinnentleerte Traditionen, der erwähnte "heilige Raumanzug" in Dr Who. Wobei das "Cargo-Kult"-Thema meistens gar nicht die Religiösität als solche, sondern eine unkritische, blind gläubige, Form der Religion als "dumm" bzw. naiv darstellt. Oder, wie in der "Star Trek: Voyager"-Folge, in der die beiden Ferengi eine für sie höchst profitable Religion stiften, "wirtschaftorientierte" "Kirchen" wie Scientology oder die Munies aufs Korn nimmt.
2. Der billige Jesus. Es ist nicht verkehrt, wenn es eine messianische Figur in deiner Science Fiction gibt - ich will hier ja nicht den Spaß an Allem verderben - aber greife nicht einfach das Jesus-Bild aus der Luft und erwarte, dass es Sinn macht. Ja, ich meine dich, gekreuzigter Neo. Und ich blicke auf dich, Jesus H. Baltar. (Und obwohl ich das Ende von Doctor Whos "Last Of The Time Lords" mag, sehe ich auch dich an, treibender kreuzförmiger Doktor.) Die unentbehrliche TVTropes Website hat eine großartige Liste von Szenen mit "wahllos ohne Grund eingestreuter religiöser Symbolik".
Da stimme ich Anders zu. SF mit religiöser, meist christlicher Symbolik "aufzupeppen" um spirituelle Tiefe zu suggerieren, ist meistens billige Masche. Wobei es bei Dr. Who wieder satirisch gemeint sein dürfte, was dann nicht so "billig" wäre (vermute ich, ich kenne die Folge nicht).
3. Der dämliche Weltraum-Gott. Wenn wir in der Science Fiction wirklich einem Gott oder Göttern begegnen, ist es fast immer ein Reinfall. (Es gibt Ausnahmen - Star Trek: Deep Space Nine schafft es, dass unsere Helden die zeitlosen Propheten im Wurmloch treffen, ohne dass sie ihre Mystik verlieren.) Normalerweise ist aber ein Gott oder ein gottähnlicher Außerirdischer ein alberner alter Kerl mit komischem Bart. Oder es ist Jodie Fosters herablassender Vater.
Auch da hat Anders recht. (Das Team der "Stargate"-Serien kann froh sein, dass es praktisch keine Asatru-Fundamentalisten gibt ... )
4. Der Allzweck-Flicken für faule Autoren. Und hier bin ich gar nicht mit dem BSG-Finale einverstanden: die Starbuck-Sache. Die Battlestar-Autoren geben durchaus zu, dass sie Starbuck wegen des Schock-Effekt umbrachten, und dass sie sich im letzten Moment dafür entschieden hätten, sie im Finale der dritten Staffel zurückzubringen, da sie dachten, dass das "cool" wäre. Sie machten sich keine Gedanken darüber, wie sie ihre Auferstehung erklären könnten, bis sie anfingen, an der vierten Staffel zu schreiben. Und schließlich ... vermasselten sie es. Und es sieht so aus, als ob Religion die Tapete wäre, mit der sie das zukleisterten. (Bevor Starbuck das Schiff zur neuen Erde besteigt, hören wir, wie sie sich wieder einmal fragt, was sie ist. Und die Antwort scheint zu sein: Ein Engel des Lichts.) BSG ist damit keineswegs ein Einzelfall - es gibt bereits starke Hinweise darauf, dass "Lost" auf die "spirituelle Karte" setzen wird, um aus einigen der logischen Verwicklungen, in die die Geschichte sich verfangen hat, wieder heraus zu kommen.
Anders hat recht. Zu viel Autoren schreiben nach dem Prinzip: Gibt es ein Loch in der Handlungslogik, muss eben ein Wunder aushelfen.
5. Grob vereinfachende Auseinandersetzungen zwischen Religion und Wissenschaft. Wie jeder, der einige Zeit in der wirklichen Welt verbracht hat, weiß, kommen Religion und Wissenschaft einigermaßen gut miteinander aus, es sei denn, du bist ein Amish oder Richard Dawkins. Aber in einigen besonders albernen Science Fiction ist jeder Tag Galileo-gegen-die-Kirche-Tag. Manchmal geschieht das in Gestalt des einen Kerls, der es wagt, zu merken, dass die Welt hohl ist oder dass Gott in Wirklichkeit ein verrückter Computer ist. Das absolut plumpste Beispiel dafür gibt es in Doctor Whos "Meglos", wo die unglaublich platte unterirdische Kultur auf Tigella in zwei Gruppen geteilt ist, die unglaublich schlecht frisierten Savants, die an die Wissenschaft glauben, und die unglaublich hässliche Kopfbedeckungen tragenden Deion, die an Religion glauben. Immer wenn die "üppige aggressive Vegetation" des Planeten über sie kommt, treffen sie sich und streiten sich ob die Wissenschaft oder die Religion alle Antworten kennen würde.
Leider gibt es Gebiete, auf denen von einem vernünftigen Miteinander zwischen Wissenschaft und Religion keine Rede sein kann, zum Beispiel die Evolutionsbiologie. Wobei sich beileibe nicht nur extreme religiöse Fundamentalisten und fanatisch atheistische Wissenschaftler gegenüber stehen - und ich Dawkins, einen sehr besonnenen und nachdenklichen Menschen, nicht als "Fanatiker" bezeichnen würde. Dabei sollte auch berücksichtigt werden, dass die Evolution heute weitaus besser belegt ist, als es das Kopernikanische Weltbild zu Galileos Zeiten war. Kreationisten und "ID"-Anhänger dürfen sich nicht wundern, wenn man sich über sie in ähnlicher Weise lustig macht, wie über Menschen, die tatsächlich Glauben, die Sonne würde um die Erde kreisen. (Bei den "junge- Erde-Kreationisten", die glauben, die Erde sei nur etwa 6000 Jahre alt, liegt sogar der Vergleich mit Anhängern der flachen Erdscheibe näher.)
Dass die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Religion in der SF oft reichlich albern und einfallslos daher kommt, stimmt zwar, aber auch im wirklichen Leben verlaufen die Auseinandersetzungen zwischen Bibelwortwörtlichnehmern und dem Rest der Menschheit (egal, ob nur Wissenschaftler oder nicht, Atheist oder sogar tief religiös) in ermüdender Einförmigkeit.
6. Grob vereinfachende Wissenschaftsbeschimpfung im Namen der Religion. Es gibt nur eine Sache, die noch mehr auf die Nerven geht wie eine Strohmann-Debatte zwischen Wissenschaft und Religion, und das ist eine anti-wissenschaftliche Botschaft mit der Religion als Sprachrohr. Und dabei stört mich das schon erwähnte BSG-Finale wirklich. Wenn wir sehen, wie die Kolonisten die moderne Technik und Medizin auf dem Fuße eines anscheinend göttlichen Eingriffs aufgeben, der sie zu einem neuen Eden brachte, ist es nicht schwer, dass als eine eigenartige anti-wissenschaftliche Voreingenommenheit zu erkennen. Ja, in der New York-Szene am Schluss sagen EngelBaltar und EngelSix, dass nur unsere Eitelkeit und Gier in Verbindung mit Technik falsch sei, aber vorher wurden wir 45 Minuten lang mit einen seltsamen Zurück-zur-Natur-Thema berieselt.
In diesem Punkt bin ich wieder einer Meinung mit Anders.
7. New-Age-Mässigkeit. Wirklich, ich kann Weltraumgötter, oder Leute, die Technik anbeten, oder Wissenschafts/Religions-Streitigkeiten tolerieren ... aber ich kann mit Enya nichts anfangen. Oder mit Kristallen. Oder mit indianischen Visionssuchen. Oder mit Deepak Chopra. Oder irgend einer bastardisierten indisch/afrikanischen "Spiritualität", die von jedem wirklichen kulturellen Kontext oder echten religiösen Bedeutung gereinigt wurde. Ja, ich meine dich, Usutu aus Heroes. Wenn ich meine Aura reinigen muss, esse ich etwas Haferkleie.
Anders gebe ich zum Teil recht. Zum Teil, denn nicht alles, was irgendwann einmal irgendjemand unter "New Age" verschubladisiert hat - oder was in oft tatsächlich verflachter, kontext-entleerter und kommerzialisierter Form auf Esoterik-Messen angeboten wird - verdient es, in Bausch und Bogen als Science Fiction-Thema abgelehnt zu werden. Ob man zum Beispiel Enya mag oder nicht, ist allein eine Frage des musikalischen Geschmacks, ebenso, ob sich Musik dieses Stils für SF eignet. (Sie eignet sich meiner Ansicht nach hervorragend, aber das ist eine Frage meines Geschmacks.) Bei Kristallen kommt es darauf an, was man mit den Dingern macht - die Dilithium-Kristalle im Warp-Antrieb der "Enterprise" wird Anders wohl kaum meinen. Ayuverda hat an und für sich nichts mit dem teils esoterischen, teils pseudowissenschaftlichen "Überbau" zu tun, den Deepak Chopra auf eine tradionelle Heilkunde obenauf packt. Gerade Themen wie Visionssuche oder schamanisches Reisen können ganz ausgezeichnet in Science Fiction und Fantasy thematisiert, aber auch auf völlig alberne, ahnungslose und kitschige Weise verhacktstückt werden.
Das Problem bei esoterischen Versatzstücken in der Science Fiction liegt meiner Ansicht nach einerseits darin, dass mit esoterischen "Erklärungen" gern Plotlöcher gestopft werden (eine Variante der 4. "Sünde"), anderseits darin, dass SF-Autoren nicht immer sachkundig sind, bzw. ihr Wissen aus recht trüben Quellen schöpfen. (Der Einfluss der blavatskyschen Theosophie auf die Science Fiction wäre zum Beispiel eine gründliche Untersuchung wert.)

Montag, 17. August 2009

Das Ende der Kirchensteuer ist nah ...

Die Kirchensteuer in ihrer deutschen Form ist seit eh und je ein fragwürdiges Konstrukt: sie verstößt gegen das verfassungsrechtliche Gebot der Trennung von Staat und Kirche - weshalb der staaliche Kirchensteuereinzugs eigentlich durch ein kircheneigenes Beitragssystem abgelöst werden müsste.
Eigentlich. Denn das bisherige System ist für die Leitung und Verwaltung der großen Kirchen (nicht etwa die einzelnen Kirchenmitglieder) überaus bequem. Dass die Kirchensteuer an die Lohn- und Einkommensteuer gekoppelt ist, und die Kirchen deshalb von der jeweiligen Wirtschafts-, Steuer- und Arbeitsmarktpolitik abhängig sind, scheint nur wenige zu stören.

Vermutlich weil der Status Quo so bequem ist, geht trotz des - angeblichen - Sommerlochs (die britische Bezeichnung "silly season" trifft das Phänomen sowieso besser) ein möglicherweise folgenschweres Gerichtsurteil weitgehend unter:
Sterbeglocke schlägt für die Kirchensteuer (sz online):
Es war ein leiser Klang, doch er war unüberhörbar: Mitte Juli schlug das Sterbeglöcklein für die deutsche Kirchensteuer. Das Verwaltungsgericht Freiburg entschied, es sei zulässig, sich der Steuer zu verweigern, gleichzeitig aber auf der fortgesetzten Mitgliedschaft in der Kirche zu beharren. Sollte in den kommenden Instanzen und schließlich auch in der kirchlichen Gerichtsbarkeit das Urteil Bestand haben, müssten die Fundamente des heiklen Verhältnisses von Staat und Kirche völlig neu gegossen werden.

Auslöser war ein Austritt der besonderen Art. Im Juli 2007 erklärte der Freiburger Kirchenrechtler Hartmut Zapp vor dem Standesamt seine Abkehr von der Kirche, hielt aber in einer Zusatzerklärung fest, sein Schritt beziehe sich ausschließlich auf die Körperschaft öffentlichen Rechts. Der Glaubensgemeinschaft fühle er sich weiter zugehörig. Aus durchaus frommen Gründen wagte er die rebellische Tat. Weder pekuniäre noch kirchenkritische Motive gaben den Ausschlag. Nicht länger aber soll mit Exkommunikation bestraft werden, wer die Kirchensteuer ablehnt, ohne auch den Glauben zu negieren. Der Körperschaftsaustritt sollte einen Präzedenzfall schaffen.
Ob damit ein Schritt zur wirklichen Trennung von Staat und Kirche eingeleitet ist, bleibt noch abzuwarten.

Montag, 6. Juli 2009

"Hexen-"Verfolgung - ein afrikanisches Problem, das in unseren Medien nicht stattfindet

Es ist eine Schande, dass das Thema “Hexen-”Verfolgung in Westafrika in unserer Presse untergeht - oder auf der "Kuriositäten-Ebene" abgehandelt wird. Es geht dabei schließlich um Kindesaussetzungen, Misshandlungen - und Mord!
Terror gegen Kinderheim für "Hexenwaisen" in Nigeria (nichtidentisches)

Ich habe das, mitsamt einer schnellen und groben Übersetzung des zugrundliegenden Schreibens der Hilfsorganissation Stepping Stones Nigeria im Gjallarhorn weitergebloggt.

Zur Problematik der "Hexenkinder" in Nigeria:
UNICEF and partners bring hope to children accused of ‘witchcraft’ in Nigeria

Children in Nigeria branded "witches" and abused.

Samstag, 6. Juni 2009

Moraltheologischer Fehlschluss

Es ist bekanntlich ein naturalistischer Fehlschluss aus einer beobachteten biologischen Tatsache, etwa der Evolution, moralische Grundsätze für das menschliche Verhalten ableiten zu wollen.

Dem umgekehrter Fehlschluss unterliegen zumeist christliche Apologeten, deren Argumentation darauf hinausläuft, die Evolutionstheorie aus "moralischen Gründen" zu diskreditieren. In der platten Form "die Evolutionstheorie widerspricht den christlichen Moralvorstellungen, also muss ein Christ sie ablehnen" findet man ihn bei Fundamentalisten - eine genaue Umkehrung des naturalistisches Fehlschlusses: was unmoralisch ist, kann es in der Natur nicht geben.

Eine Variante findet sich in einem Vortrag des früheren Pressesprechers des Vatikans, Thomas D. Williams an der Universität Witten/Herdecke.
Keine Moralpredigt.
„Hilft Religion dabei, moralischer zu leben?” Um diese Frage zu beantworten, müsse er die Unterschiede zwischen Moral bei Christen und Atheisten deutlich herausheben. Der Theologe beleuchtet zunächst die Frage nach dem Leben nach dem Tod. „Wenn der Mensch nur über seine rein biochemische Zusammensetzung definiert wird”, so Williams, „dann wäre sein Wert sehr reduziert.” Er glaube, dass alle Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben, ihre Mitmenschen besser behandeln würden.
Ein extremes, aber reales Gegenbeispiel ist ein islamistisch motivierter Selbstmordattentäter, der zum einen fest damit rechnet, nachdem er sich selbst und andere in Luft gesprengt hat, ins Paradies einzugehen, und der ferner seinem Gott zumutet, dass er jene unter seinen Opfern, die es verdienen, in die Hölle wirft, aber eventuelle unschuldige Opfer ins Paradies eingehen lässt.*) Ein anderes Beispiel: "Bringt sie alle um, Gott wird die Seinen erkennen," soll 1209 der päpstliche Legat geantwortet haben, als ein Kommandeur zögerte, den Dom von Béziers anzünden zu lassen, weil sich vielleicht ja auch "Rechtgläubige" und nicht nur "böser Ketzer" (Katharer), in ihn geflüchtet hätten. In beiden Fällen ist das gegen moralische Grundsätze auch des Islam bzw. Christentum gerichtete mörderische Handeln nur durch den festen Glauben an ein Leben nach dem Tod und die ebenso feste Überzeugung, Vollstrecker des Willens ihres Gottes zu sein, möglich. Außerdem liegt das ethische Verhalten von Atheisten und Religiösen nach mehreren Studien insgesamt nahe beieinander - allerdings halten sich religöse Menschen oft für moralisch überlegen, ohne es zu sein.

In der Frage nach der Willensfreiheit und der Moral greift Williams zu einem Strohmann-Argument:
Auch an den freien Willen würden Materialisten nicht glauben. „Sie sagen, dass alle Handlungen nur Reaktionen auf äußere Umstände seien”, so der Medienfachmann. Wenn der freie Wille aber im Leben eines Menschen fehle, dann fehle auch die Möglichkeit, moralisch zu handeln. „Dann gibt es kein Gut und Böse, jeder wäre dann halt so, wie er ist.”
Die wenigsten Materialisten leugnen die Existenz des Willens, und selbst jene Hirnforscher, die bewusste Entscheidungen für empirisch widerlegt halten und das Bewusstsein für ein nachgeordnetes Phänomen, eine Illusion, halten, halten Menschen deshalb nicht automatisch für Automaten, in denen wie in einem Computer einfach ein Programm abläuft. Wie auch immer: Wenn ein freier Wille existiert, dann haben auch extreme Deterministen einen freien Willen, und wenn es keine freien Willen gibt, dann haben eben auch Gläubige keinen freien Willen. In jedem Falle - egal ob mit freiem Willen oder ohne, ob gläubig oder nicht, ist offensichtlich moralisches Handeln möglich.

Kommen wir nun zu dem Punkt, bei dem Williams ähnlich argumentiert wie Evolutionsgegner, die die Evolutionstheorie aus moralischen Gründen ablehnen. Obwohl er eigentlich kein Evolutionsgegner ist:
Die Moral des Menschen habe sich natürlich entwickelt. „So jedenfalls glauben Christen.” Aber auch in diesem Punkt macht Thomas D. Williams eklatante Unterschiede zu nichtgläubigen Menschen aus: „Bei ihnen steht die Evolution im Mittelpunkt.”. Auch die Moral sei dann das Ergebnis der Evolution. „Sie glauben, dass Gott damit nichts zu tun hätte.” Aber mit diesem Ansatz sei Moral nicht möglich.
Anders formuliert: Williams ist davon überzeugt, dass Moral nicht ohne Gott möglich sei, also kann Moral auch nicht das Ergebnis einer Evolution ohne göttlichen Eingriff sein.

Thomas D. Williams kommt zum Schluss, dass die Frage nach Glaube oder Nichtglaube keinen Einfluss auf das moralische Verhalten eines Menschen habe. Da gebe ich ihm Recht. Hingegen lügt er - anders kann ich es leider nicht nennen - wenn er behauptet:
"Werte wie Demokratie, Gleichheit und Freiheit sind biblische Werte.” Deswegen würden Christen großzügiger mit ihrem Geld und mit ihrer Zeit umgehen.
Erst einmal ist die Demokratie kein Wert, sondern ein politisches System, das erstmals von Heiden praktiziert wurde, und zwar in der attischen Demokratie. Auch die Thing-Demokratie, gab es auf Island und der Isle of Man schon vor der Christianisierung. Dann stimmt es nicht, dass die Ideen der Freiheit und Gleichheit biblische Werte wären - es gab und gibt sie bekanntlich auch in Kulturen, in den die Bibel, auch indirekt, keine Einfluss hat. In der europäischen Geistesgeschichte ist es zwar tatsächlich so, dass die jüdische Idee der Gleichheit aller Menschen vor Gott entscheidend dazu beitrug, auch die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz zu etablieren - was aber nicht bedeutet, dass die Idee, allen Menschen stünden die gleichen Rechte zu, immer und überall auf biblisches Denken zurückgeht. Anderseits darf nicht verschwiegen werden, dass eine extreme Form der Ungleichheit und Unfreiheit, nämlich die Sklaverei, in der Bibel nicht angetastet wird - es wird lediglich behauptet, dass ein Sklave vor Gott nicht weniger Wert sei, als ein Freier. Ein eindeutiges Gebot, etwa: "Du sollst keinen anderen Menschen als dein Eigentum betrachten" gibt es nicht - im Gegenteil, es gibt eine Unzahl von Vorschriften zur Behandlung von Sklaven. Das noch größer Fass der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann mache ich gar nicht erst auf.

Und dass Christen großzügiger mit ihrem Geld und mit ihrer Zeit umgingen, entspricht einfach nicht den Tatsachen. Es spricht einiges dafür, dass stark moralorientierte Menschen, dann, wenn Großzügigkeit in ihrem Wertesystem eine Tugend ist, großzügiger mit Geld und Zeit umgehen, als solche, die sich um Werte nicht scheren. Das ist aber unabhängig davon, ob jemand religiös ist oder nicht. Großzügigkeit mit Geld und Zeit ist auch auch in den meisten heidnischen Gesellschaften (genauer gesagt: in allen, die ich kenne) eine Tugend - aber längst nicht in allen Varianten des Christentums (zugegeben, im Katholizismus ist Freigiebigkeit eine Tugend).

*)Wäre ich ein Gott, würde ich dem Kerl was husten, aber gewaltig!

Sonntag, 31. Mai 2009

Heillose Neuheiden?

Manchmal höre ich morgens den "Deutschlandfunk". Und ab und an kommt es sogar vor, dass ich sogar bei der "Morgenandacht" hinhöre. Meistens, weil irgend ein Wort mich aufhorchen ließ. Wie neulich, als ich noch vor der ersten Tasse Kaffee, also nicht vollständig wach, das Stichwort "aggressive Neuheiden" hörte.

Dank dem Manuskript-Archivs des "Medienbeauftragten der EKS" fand ich den Text dieser Morgenandacht wieder: Es ist die Morgenandacht vom 30. April 2009, von Pastor Karl-Martin Unrath, St. Wendel.

Wenn ich mir so ansehe, auf welche Sorten Neuheiden sich der gute Herr Pastor bezieht, kann ich seinen Standpunkt bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen:
(...) Nein, vor dem offensiven Atheismus ist mir nicht bange. Vor einem aggressiven Neuheidentum allerdings schon. Nicht, weil das neue Heidentum für die Kirche gefährlich werden könnte. Das kann es nicht. Aber es ist gefährlich für die Menschen.
In einer Fernseh-Talkshow sitzt eine junge Frau, eine Hexe, wie sie sich selbst vorstellt. Man könne bei ihr beispielsweise einen Rachezauber kaufen, wirbt sie. Neben ihr ein Priester der allgermanischen heidnischen Front, offen antisemitisch und gewaltverherrlichend. Ein Satanist aus Berlin komplettiert die unheilige Dreifaltigkeit. Satanismus ist Körperarbeit, sagt er. Und es wird deutlich, dass "Körperarbeit" eine Umschreibung für sexuelle Besessenheit ist.
Also eine Kommerz-Hexe auf Leichtgläubigen-Fang, ein inwändig kackbrauner "Blut & Boden"-Kasper von der Allgermanischen Heidnischen Front und ein Satanist. Wobei Satanisten typischerweise etwa so viel mit Heidentum zu tun haben, wie Kirchenschiffe mit Schifffahrt. Typischerweise: denn es gibt immer Ausnahmen:
Kirchenschiff02
Ein Kirchenschiff

Die Frage, wieso keine seriöseren Vertreter der Neuheidentums in der Talkshow zu Gast waren, ist leider leicht zu beantworten: Weil Heiden im Fernsehen allzu oft nach Strich und Faden in die Pfanne gehauen werden (ein besonders übles Beispiel: Odin gab mir den Befehl), ist die Neigung der meisten Neuheiden, im Fernsehen aufzutreten, eher gering. Es gibt zwar erfreuliche Ausnahmen von der "alles bizarre Spinner"-Nummer, besagte Talkshow gehört aber sicher nicht dazu.
Dann sitzt da noch ein kirchlicher Sektenbeauftragter. Der Mann kennt sich aus, hat alles schon einmal gehört. Trotzdem – die Drei machen ihn schier sprachlos.
Kann ich mir bei jemandem z. B. von der EZW nicht so recht vorstellen. Einen Profi wie z. B. den Esoterik-Experten Matthias Pöhlmann überrascht meines Erachtens so leicht nichts. Es sei denn, die Sprachlosigkeit ist gespielt. Etwas Show gehört zur Talkshow immer dazu.
Schließlich fragt er: Meinen Sie wirklich, dass in dem, was sie da vertreten, Heil liegt? Darauf der Berliner Satanist: Wat für´n Heil denn? (...)
Eine inhaltlich andere Antwort von einem Satanisten hätte mich auch überrascht. Dem völkische Blut & Boden "Germanen" fällt zum Wort "Heil" sicherlich so Einiges ein, wahrscheinlich auch einiges, was er in einer Talkshow sicherheitshalber mit Blick auf den Paragraphen 86 a StGB (Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen) nicht ausspricht. Der "Hexe" würde ich glatt so eine Antwort zutrauen: "Heil habe ich gerade nicht auf Lager, ich kann es aber bestellen."

Was könnte aber ein seriöser Neuheide, z. B. von der Heilsgemeinschaft "Nornirs Ætt", auf die Frage nach dem Heil antworten? Ich würde dem Sektenbeauftragten antworte: "Selbstverständlich liegt in dem, was ich da vertrete, Heil."

Was ist aber dieses "Heil"?
Duke Mayer hat hierauf eine Antwort versucht, in der ich meine Ansicht gut wiederfinde. Eine ausführliche Antwort, die sich nicht auf ein kurzes Talkshow-Statement eindampfen lässt:
Heil (1) und Heil (2).
Der Einfachheit halber, und weil ich mich nicht hinter Dukes Rücken verstecken will, gehe ich von der Antwort Pastor Unraths aus. Die ist nämlich gar nicht mal so schlecht:
Heil, das ist Versöhnung statt Rachezauber, Frieden statt Gewaltverherrlichung, Freiheit statt Besessenheit.
Ja, das ist Heil - und noch viel mehr! Heil ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Es ist das Glück, der Erfolg, das Gedeihen, die wir uns gegenseitig geben. Der Pastor würde mir sicher auch zustimmen, wenn ich ergänze, dass Heil stets verbindlich ist. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Und von alleine, ohne eigenes Handeln, kommt kein Heil.
Heil, das ist im Leben und im Sterben Vertrauen auf die Liebe Gottes.
Da würde ich dem guten Herrn Pastor sagen: "Es stimmt (auch wenn ich mehreren Göttern vertraue) - aber was wir nie darüber vernachlässigen sollten: Heil ist auch im Leben und im Sterben Vertrauen aufeinander."
Ob es die Götter - oder Gott - wirklich gibt, lässt sich, da sowohl ein Gottesbeweis, wie ein Beweis der Nichtexistenz der Götter logisch nicht möglich ist, nicht sagen. (Das ich ab und an mit den Göttern spreche, und sie auf verschiedene Art antworten, ist kein Beweis, dass es sie wirklich gibt und wenn ja, dass es wirklich Götter sind. Es ist aber auch kein Beweis dafür, dass ich an Wahnvorstellungen leide.)
Die Frage nach dem Leben nach dem Tod ist schwer zu beantworten (allerdings werden ich die Antwort darauf totsicher und früh genug erhalten, weshalb ich darauf wenige Gedanken verschwende). Es besteht aber vergleichsweise wenig Zweifel daran, dass es unsere Mitmenschen und ein Leben vor dem Tod gibt. Daher ist Gottvertrauen gut, aber ohne Vertrauen in meine Mitmenschen zu wenig.

Pastor Unrath fürchtet sich vor einem aggressiven Neuheidentum. Und wenn ich mir so die Leute von der "Allgermanischen Heidnischen Front" ansehe, von "Nazitrus" wie in "Rasse-Jürgen" Riegers "Artgemeinschaft" gar nicht zu reden, dann kann ich das verdammt gut verstehen.
Allerdings ist für viele dieser kackbraunen Kameraden die germanische Mythologie nur reine Deko. Odin und Thor, Walküren und Einherjer als scheinbar unbelastete Folie zum Ausagieren von Macho- und Machtphantasien. Sicher, Mythen sind für die Blut & Boden-Leute und erst recht für Nazitrus wichtig - aber ihr "Germanentum" ist eine Ideologie der Gewalt, der Durchsetzung des Stärkeren, ganz im Sinne des Sozialdarwinismus. In diesem Sinne, durch dunkle braune ideologische Brillengläser, nehmen sie germanische Mythologie wahr und interpretieren sie entsprechend. Zum Beispiel zeichnet sich Thor, Fruchtbarkeitsgott und Beschützer der Menschen, durch die braune Brille gesehen vor allem durch Macht und Gewalt aus. Wer gar meint, Thor würde mit seinem Hammer allen Widerstand in Trümmer und Scherben schlagen, oder gar "das deutsche Volk vom verderbenden Ungeziefer" reinigen, der hat die braune Optik schon längst verinnerlicht. Unter "Heil" verstehen die Braunheiden sowieso etwas anderes als ich.

Neonazis und andere Rechtextremisten sind gefährlich - unabhängig davon, ob sie Heiden sind oder nicht. Kommerz-Hexen sind eine Gefahr - für den Geldbeutel. Wie gefährlich Satanisten sind, hängt von den jeweiligen Satanisten ab - bei sexualisierter Gewalt (nicht mit einvernehmlichem BDSM zu verwechseln) hört jedenfalls jeder Spaß auf.

Pastor Unrath hat Recht: für die Kirche sind noch so aggressive Neuheiden keine Gefahr - selbst, wenn sie Kirchen anzünden. Für einzelne Menschen schon - aber weil diese Neuheiden aggressiv sind, nicht, weil sie Heiden wären.

Donnerstag, 26. Februar 2009

Evolutionstag statt Christi Himmelfahrt

Christi Himmelfahrt soll künftig Evolutionstag heißen. Das ist das Ziel einer Kampagne, die die Giordano Bruno Stiftung (gbs) am Aschermittwoch startete.
Evolutionstag statt Christi Himmelfahrt!.
Darwin
Für die Umbenennung von Christi Himmelfahrt in Evolutionstag spreche, meint der gbs-Vorsitzende Michael Schmidt-Salomon, dass die Mehrheit der in Deutschland lebenden Christen nicht mehr „an das Glaubensdogma der leiblichen Auffahrt Jesu in den Himmel“ glaube. Außerdem müsse endlich auch das konfessionsfreie Drittel der Gesellschaft berücksichtigt werden, dem aus Fairnessgründen ein Drittel der gesetzlichen Feiertage zustehe. Das ist wahrlich wahr - außerdem suggeriert "Christi Himmelfahrt" die selbst für dogmentreue Christen schwer hinnehmbare Vorstellung eines fahrstuhlählichen Vorganges. Das heißt - christlichen Fundamentalisten traue ich ohne Weiteres zu, dass sie tatsächlich glauben, Jesus wäre mittels einer göttlichen Seilwinde in den Himmel gehievt worden. Es gibt ja auch Fundis, die glauben, die Hölle würde sich tatsächlich im Erdinneren befinden. Sind eben durch und durch unspirituell, die Leute.
(Kleines Special für Fundi-Christen: In der Hölle herrscht eine Temperatur zwischen 115,2 °C und 444,6°C. In der Offenbarung des Johannis 21,8 heißt es: "Aber die Furchtsamen und Ungläubigen sollen ihren Platz in dem See finden, der von Feuer und Schwefel brennet." Da es einen See aus geschmolzenem Schwefel gibt, muss die Temperatur der Hölle zwischen der Schmelztemperatur und der Siedetemperatur von Schwefel liegen.)

Zur Kampagne gehört auch ein passendes Lied mit einem ziemlich witzigen Video: Children of the Evolution.

Bei allem Respekt vor der Giordano-Bruno-Stiftung - Children of the Revolution finde ich rein musikalisch gesehen doch flotter ...

Montag, 26. Januar 2009

Was passiert am 21.Dezember 2012?

Geht es nach einigen führenden Eso-Leuchten, dann werden am 21. Dezember 2012 ganz ungewöhnlich Dinge passieren:
In der einfachsten Ausführung ist dieser Tag der Tag des Weltunterganges. In der Variante verschiedener religöser Sekten mit durchaus gegensätzlichen Weltanschungen werden einige Auserwählte (also Anhänger der jeweiligen Weltuntergangssekte) auf wundersame Weise errettet. Einige "UFO-logen" glauben hingegen, dass an diesem Tag die außerirdischen "Astronauten-Götter" zur Erde zurückkehren werden. Andere kombinieren beide Varianten und glauben sowohl an überirdisch mächtige Außerirdische, wie an die Errettung der Auserwählten: die werden per UFO-Großeinsatz von der bedrohten Erde evakuiert.
Vielleicht gibt es aber auch - einige Nummern kleiner - Revolutionen, die vom Sonnenflecken-Maximum ausgelöst werden. Oder die mit den Sonnenflecken-Maximum einhergehenden Sonnenstürme legen gleich direkt unsere technische Zivilisation lahm. Wobei noch niemand weiß, ob es 2012 überhaupt ein Sonnenflecken-Maximum geben wird - und es sehr fraglich ist, ob das nächste Sonnenflecken-Maximum intensiver als bereits überstandenen Sonnenflecken-Maxima seien werden.

Ursache des größten Esoterik-Hypes seit dem glücklich überstandenen Weltuntergang am 31.12.1999 ist der Maya-Kalender. Am 21.12.2012 endet die "Lange Zählung" des Maya-Kalenders - er ist also für die Maya so etwas wie ähnliches wie der 31.12.1999 für uns - alle Stellen des Kalenders ändern sich und zahlenmäßig beginnt eine neue Epoche. Übrigens haben die Maya mit diesem Datum nicht wirklich den Weltuntergang in Verbindung gebracht.

Des Hintergrundes des Maya-Kalenders und der esoterischen Spekulationen, die sich um den Maya-Kalender ranken, hat sich der Astronom Florian Freistetter auf scienceblogs angenommen: Kein Weltuntergang am 21. 12. 2012

Als Freund des Science-Fiction-Rollenspiels Shadowrun und des damit verbundenen literarischen Universums weiß ich natürlich, dass das entscheidende Datum genau ein Jahr früher ist, nämlich der 21. Dezember 2011:
21. Dezember, Großbritannien: Steinkreise und Monolithen brechen plötzlich aus der Erde hervor, während die Ley-Linien im ganzen Land aktiv werden.
(Quelle: Shadowhelix, Jahr 2011.) Das Jahr 2011 ist bekannt als das Jahr des Chaos. Nachdem das Jahr 2010 mit dem Ausbruch von der verheerenden VITAS-Pandemie bereits erheblichen Schaden angerichtet, wird es 2011 nur noch schlimmer. Viele der Ereignisse des Jahres 2011 werden durch Magie ausgelöst oder sind Vorboten des Erwachens.

Shadowrun ist selbstverständlich reine Fiktion, allerdings eine für Rollenspiel- und Roman-Verhältnisse ungewöhnlich gut durchdachte. Wenn auch die in Shadowrun "vorhergesagten" Ereignisse bisher nicht eintraten - zumindest nicht "termingerecht" - ist es keineswegs unplausibel, dass die nahe Zukunft ähnlich aussehen wird, wie sie im Wikipedia-Artikel über Shadowrun beschrieben wird:
Der Hintergrundgeschichte nach haben sich Konzerne zu weltumspannenden Strukturen ausgebaut, die nur noch wenigen Gesetzen unterliegen. Die größten multinationalen Konzerne – sogenannte Megakons – besitzen eine Form der Exterritorialität, was ihnen erlaubt, unbehelligt von staatlichen Gesetzen auf ihrem eigenem Grund zu agieren. Polizeiliche Aufgaben werden ebenfalls von einzelnen Konzernen übernommen. Weite Teile der Erde sind durch rücksichtslose Ausbeutung und Katastrophen zerstört. Die Katastrophen haben zusammen mit mehreren Pandemien eines stark mutagenen Virus – dem ein Drittel der Weltbevölkerung zum Opfer fiel – die urbane Gesellschaft stark polarisiert: eine vergleichsweise wohlhabende Schicht von Konzernangestellten, die in geschützten Enklaven ihres jeweiligen Konzerns leben und eine große Schicht von Armen, die weitgehend rechtlos außerhalb der Konzerne leben. Außerhalb der zu Megaplexen zusammengewachsenen Städte verwildern viele Gebiete oder werden zu autonomen Kleinstaaten.
Im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass die reale Welt, seitdem die erste Version Shadowruns 1989 erschien, den darin beschriebenen Zuständen deutlich näher gekommen ist.
Mit einem gewissen Sarkasmus lässt sich außerdem sagen: Das nur zu Unterhaltungszwecken erdachte Shadowrun-Universum zeigt sich als Prognoseinstrument nicht nur sämtlichen esoterischen Szenarien, sondern auch den meisten seriösen Zukunftsprognosen überlegen.
Selbst die Szenarien zum "Erwachen der Magie", die gewöhnlich als das "Fantasy-Element" in Shadowrun wahrgenommen werden, sind beim näheren Hinsehen meistens weniger phantastisch, als es auf den ersten Blick scheint. (Ich rechne trotzdem nicht wirklich mit dem Erwachen der Drachen oder damit, dass sich Menschen in Zwerge, Oks, Trolle oder Elfen verwandeln werden ... )

Doch zurück zur Konsensrealität bzw. der Alltäglichen Wirklichkeit. Als Asatruar bin der Ansicht, dass es so etwas wie "die Zukunft" gar nicht gibt. Wen das verwirrt, den verweise ich auf die Essays No future! Warum das Germanische keine Zukunft hat und Im Zeitstrom des Lebens - Die Nornen, die Zeit und ein Weltbild - oder zwei, oder drei ….
In einem einfachen Bild: wir gehen in unserer ("abendländischen") Kultur normalerweise von einem linear-kausalem Wirklichkeitsbild aus. Aus dem Vergangenen folgt die Gegenwart und daraus wieder die Zukunft. Der "Zeitstrahl" ist so etwas wie eine Eisenbahnstrecke, die in Richtung "Zukunft" führt. Der Diskurs in unserer Kultur kreist allenfalls darum, ob "die Zukunft" determiniert ist, also "von Anfang an" feststeht (alle Weichen sind schon gestellt, der Zug der Zeit kann weder gebremst noch beschleunigt werden) oder ob wir "Weichensteller" oder "Lokführer" der Zukunft sein können. In der Weltsicht, der ich anhänge, gibt es keine Bahnschienen, sondern nur Spuren, die wir selbst beim Gehen verursachen. Liegt z. B. eine Schlucht auf unserem Weg, dann rauschen wir nicht etwa ungebremst in den Abgrund bzw. haben allenfalls die Möglichkeit stillzustehen (selbst ein Zurücksetzen ist in den meisten Weltmodellen nicht möglich), sondern können auch seitlich weitergehen oder, wenn wir gute Kletterer sind, langsam den Abgrund hinabsteigen. Daher sind auch "zwingende" Prognosen niemals sicher. Wem der Ausdruck "die Zukunft gibt es nicht" nicht behagt, der mag Karl Poppers Formulierung "die Zukunft ist offen" den Vorzug geben.
Es gibt keine sicheren Prognosen, weil die künftigen Ereignisse noch nicht eingetreten sind. Selbst bei so sicheren Wetten wie "auch morgen wird es wieder Tag werden" handelt es sich um Wahrscheinlichkeiten, deren Eintrittswahrscheinlichkeit gegen "1" geht - aber nie ganz gleich 1 sein kann.

Es gibt den 21. Dezember 2012 noch nicht. Was es allenfalls gibt, sind mögliche Entwicklungen, die im Sein der Welt bzw. im Wyrd angelegt sind, etwa die, dass sich in Deutschland die Menschen auf das Weihnachtsfest vorbereiten werden.
Prognosen, die nicht im Urd - dem Gewordenen - verankert sind, oder die den Prozess des Werdens - Werdani - nicht berücksichtigen, sind soviel Wert, wie nun die Aktien jener Investmentbanken, deren Spekulationen das, was ist, und das, was wird, großzügig dem Wunschdenken unterordneten.
Nun sind die meisten esoterischen "Prognosen" sehr schlecht im Sein verankert. Sie türmen eine unbewiesene Vermutung auf die andere. Andere Szenarien sind noch schlechter verankert, weil sie z. B. auf Wunschdenken (z. B. überoptimistische Spekulanten), Angst (Weltuntergangspropheten, aber auch z. B. "Sicherheitsexperten", die ständig von einer "abstrakt erhöhten" Terrorismusgefahr reden), auf nachweislich falschen Voraussetzungen (z. B. Überlegungen, dass die Erde 2012 mit einem anderen Planeten zusammenstoßen wird - der "Planet X" wäre längst entdeckt) oder schlicht auf Lügen beruhen. Solche Zukunftsszenarien machen vor allem eines: blind – für das, was ich verändern kann!
Wieder andere Zukunftsszenarien sind besser verankert - egal, ob sie im Gewand der Science Fiction oder dem der Futurologie erscheinen. Sie unterscheiden sich im Grad ihrer Unsicherheit, aber sicher sind sie alle nicht. Da es erfahrungsgemäß meistens anders kommt, als man denkt, ist auch jeder Gedanke an "die Zukunft" eine gewisse Kraftverschwendung. Er kann, spielerisch betrieben, wie die "Kraftverschwendung" Sport Spaß bringen. Kraftverschwendungen, die nichts bringen, nicht einmal Spaß oder Muskeltrainung, sollten man tunlichst vermeiden. Ungleich wichtiger als jede Zukunftsvision einschließlich jedes Pläneschmieden ist es, sich darum zu kümmern, was tatsächlich erfahrbar ist, und um das, auf das es zu reagieren gilt.

Eine interessante Überlegung zum Schluss: was geschah eigentlich bei der letzten Zeitenwende, dem Beginn der "Langen Zählung" des Maya-Kalenders, am 11. August 3114 v.u.Z?

Dienstag, 30. Dezember 2008

Plastikschamanen?

Ich gebe ohne Weiteres zu, dass ich Heide (und schlimmer noch: Neuheide der bösen, bösen "germanischen Richtung") bin. Ich gebe ferner zu, dass ich ab und an schamanisch "unterwegs" bin.
An und für sich erfordert so ein "Bekenntnis" keinen sonderlichen Mut. Jedenfalls für einen Menschen, der wie ich, nicht in einer kirchlichen Einrichtung arbeitet, oder z. B. im sensiblen Bereich der Erziehung / Sozialpädagogik tätig ist. Eine "Heidenverfolgung" existiert nur in der paranoiden Phantasie einiger Neuheiden, die sich offensichtlich in einer Opferrolle wohl fühlen - und in den Behauptungen rassistischer Vereinigungen wie der "Artgemeinschaft", die ungern zugeben, dass sie nicht wegen ihres Heidentums, sondern wegen ihres Rassismus im Verfassungsschutzbericht auftauchen.

Die meisten Vorwürfe gegen mein "Neuheidentum" lassen mich kalt. Aber nicht alle. Derzeit hadere ich - Julfrieden hin, Rauhnächte her - schwer mit dem Vorwurf, esoterischen "Plastikschamanismus" zu praktizieren. Denn diese Vorwürfen haben Substanz. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Zur Erläuterung, was ich mit "Substanz" eines Vorwurfes meine, greife ich auf ein älteres Beispiel zum Thema "Neuheidentum" zurück, das nicht so ohne weiteres vom Tisch zu wischen ist:
Es gab zu keinem Zeitpunkt ein ›Neuheidentum‹, das emanzipatorisch gewesen wäre. Anders als die ›Öko-, Jugend- und Musikbewegung‹ ist das Wesen des ›Neuheidentums‹ mit seiner Irrationalität, seinen antihumanen Naturmythen, seinem germanischen Rassismus, seiner völkischen Schwärmerei, seinem Antisemitismus usw. per se antiemanzipatorisch und objektiv ein Baustein für faschistische Ideologien und Konzepte.
Jutta Ditfurth: Entspannt in die Barbarei - Esoterik, (Öko-) Faschismus und Biozentrismus (Konkret Literatur Verlag, 3. Auflage, 1996) S. 173

Dazu ist es vielleicht ganz wichtig zu wissen, dass Jutta Ditfurths Buch nicht nur einen heftigen Rundumschlag gegen die gesamte "Esoterik-Szene" und weite Teile der "Alternativ-Szene" enthält. Zwar ist Jutta Ditfurth äußerst polemisch und polarisierend, pauschalisiert stark, und eine gewisse ideologische Verbohrtheit ist ihr nicht abzusprechen. Aber Substanz haben ihre Urteile schon.
Sie warnte schon damals davor, dass eine faschistoide Bewegung, die in Deutschland regierungsfähig wäre, nicht von den offen auftretenden Neonazis und auch nicht von der Neuen Rechten getragen würde, sondern von der "verbürgerlichten" früheren Alternativ-Szene. Im Licht der seitdem erfolgten Entwicklung muss ich einräumen: wahrscheinlich hat sie damit recht. Ich fürchte auch, dass sie mit ihre Annahme, dass der nicht mehr selbstverantwortliche Mensch – geführt durch Natur, Götter, Führer oder inneres "Selbst" - die herrschenden (Ausbeutungs-)Verhältnisse akzeptiert oder sogar verstärkt, recht hat.
Gehe ich davon aus, wie sich die deutsche "Heidenszene" bis Mitte der 1990er Jahre nach außen präsentierte - und stelle ich in Rechnung, dass Jutta Ditfurth sich intensiv mit dem Problemkreis "Theosophie - Ariosophie" auseinandergesetzt hat, dann überrascht ihr harsches Urteil nicht. Es gibt und gab zwar Neuheiden, auf die es nicht zutrift - wahrscheinlich trifft ihre Aussage im vollem Umfang nur auf eine Minderheit der Neuheiden zu - aber diese Minderheit ist, anders als die relativ vielen "Blümchenheiden" und "Lamettahexen" politisch relevant. Organisationen wie der Armanenorden und erst recht die Artgemeinschaft sind gefährlich - und die Schanierfunktion jener "Unpolitischen", die unter dem gefährlichen Motto "Wir sind doch alle Heiden" rechtsextremen Personen und Positionen die Tür öffnen, ist nicht zu unterschätzen.
(Ich sehe die "Nornirs Ætt" durchaus als einen Versuch, Jutta Ditfurths Ansichten über das Neuheidentum in jedem Punkt Lügen zu strafen und dabei, trotz geringer Größe, so "politisch relevant" wie möglich zu sein.)

Zurück zum an mich gerichteten Vorwurf des "Plastikschamanismus". Der zentrale Punkt des an mich gerichteten Vorwurfes ist der, mich am "kulturellen Diebstahl" an traditionellen Stammeskulturen zu beteiligen - und das mittels einer "historischen Fiktion" zu bemänteln.
Ein “Plastikschamane” ist jemand, der zu Unrecht behauptet, in das schamanische Wissen einer Stammeskultur eingeweiht zu sein und aus dieser Amtsanmaßung Kapital schlägt.
So gesehen träfe der Vorwurf, ich würde "Plastikschamanismus" praktizieren, nicht zu. Zumal ich mich selbst nie "Schamane" nennen würde - und diejenigen, von denen ich schamanischen Praktiken erlerne, sich auch nicht "Schamanen" nennen.

Allerdings wird der Neoschamanismus oft als "plastikschamanisch" beargwöhnt - was angesichts dessen, was so alles in der Eso-Szene als "schamanisch" verkauft wird, nicht weiter erstaunlich ist. Auch der "Core Shamanism", auf den ich mich durchaus berufe, der auf gesichtetem ethnologischem Wissen beruht, und der sich nicht anmaßt, traditionelles "Stammeswissen" zu verbreiten, gilt manchen Kritikern als "plastikschamanisch".

Der Vorwurf des "kulturellen Diebstahls" mag in Einzelfällen zutreffen. Ganz gewiss im Falle jener "Natives", die sich die Naivität ihres Klientels zunutze machen und Traditionen verkaufen. Im Falle jener, die keine "Natives" sind, und auch nicht einen Teil dieser Kultur erlernten, sich aber als "Schamanen" ausgeben, sich in manchen Fällen sogar eine erfundene Biographie zulegen, um Geld auf Kosten einer fremden Kultur zu verdienen, halte ich die Bezeichnung "kultureller Betrug" für angemessener.

Im Falle des Neoschamanismus geht es nicht um "kulturellen Diebstahl" (oder auch "kulturelle Urheberrechtsverletzung"), sondern um "Kulturtransfer". Aus meiner Sicht sind auch Meditationstechniken, Schwitzhütten etc. kulturelle Errungenschaften. Und in der Geschichte der Menschheit ist es völlig normal, dass eine Kultur von einer anderen solche Errungenschaften übernimmt.
Hinter dem Vorwurf des "kulturellen Diebstahls" bzw. der "spirituellen Ausbeutung" steht die Vorstellung, dass schamanische Techniken nur den Angehörigen indigener Volksgruppen zukommt, verbunden mit Kritik an der "weißen Gesellschaft", die neben der jahrzehntelangen kolonialistischen und post-kolonialistischen Ausbeutung nun auch eine spirituelle Ausbeutung indigener Völker begonnen habe. Die Vorstellung einer "spirituellen Beraubung" mach meiner Ansicht nur dann Sinn, wenn man davon ausgeht, dass kulturelle Errungenschaften nur einem Volk oder Stamm zustehen. Tendenziell geht das schon in Richtung "völkisches Denken".

Der zweite Teil des Vorwurfs bezieht sich darauf, dass Seiðr von "uns" als "germanischer Schamanismus" dargestellt würde. Mit der Behauptung, dass "schon die alten Germanen" schamanisiert hätten, würden wir schamanistische Praktiken auch dort festzustellen, wo es sie nicht gäbe. Die Ausdehnung des Schamanismus auf die Germanen solle den Nachweis bewerkstelligen, dass man sich ja nur auf traditionellen Pfaden bewege und sich nicht etwa das Kulturgut anderer Völker aneigne.

Zu der Frage, ob es bei "den Germanen" Schamanismus gab, oder ob Seiðr schamanische Praktiken umfasste, kann ich nur sagen: ich weiß es nicht. Es gibt zwar typische schamanische Elemente in Mythologie, etwa den Weltenbaum Yggrasil, allerdings reicht das nicht für pauschale Aussagen wie "bei den Germanen (in welcher Region? Zu welcher Zeit?) gab es Schamanen" oder "von Schmanismus bei den Germanen kann keine Rede sein" aus.

Die Frage ist, in Hinblick auf die von mir praktizierte Form des "schamanischen Reisens" irrelevant - mir ist es egal, ob irgendwelche "Germanen" vor 1500 oder 2000 Jahren dergleichen praktizierten. Schon gar nicht benötige ich den Rückgriff auf "uralte eigene Traditionen", um meine schamanischen Praktiken zu rechtfertigen.

Das heißt, dass die Vorwürfe an mich zwar nicht aus der Luft gegriffen, also substanzlos, sind, aber auf mich - und Menschen, die auf die gleiche Weise mit dem Schamanismus umgehen wie ich - nicht zutreffen.

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Jahresend-Moralinsäure

Die "Aktion 3.Welt Saar" fordert Hilfsorganisationen auf, den Appell 'Brot statt Böller' einzustellen.

"Der Aufruf trägt eine gehörige Portion Lustfeindlichkeit zur Schau. Mit seinem Appell an das schlechte Gewissen richtet er zudem politischen Flurschaden an", so Roland Röder, Geschäftsführer der "Aktion 3. Welt Saar".

Ich stehe der Silvesterknallerei mit gemischten Gefühlen gegenüber, und kann Menschen verstehen, die sie z. B. aus Gründen des Unweltschutzes völlig ablehnen. Trotzdem ärgere ich mich über diesen Slogan schon seitdem die Aktion vor über 20 Jahren von der evangelischen Kirchengemeinde in Bargteheide (Kleinstadt in Schleswig-Holstein, zwischen Hamburg und Lübeck) erfunden und wenig später von Brot für die Welt übernommen wurde. Ein Grund für meine Ablehnung ist der auch von Röder erwähnte fehlende Zusammenhang zwischen "überflüssigen Geldausgaben für Silvesterknaller" und dem Hunger in der Welt. Eben so gut könnte man eine Aktion "Brot statt Weihnachtsbäume", "Brot statt Fußball-Bundesliga" oder auch "Brot statt Kirchentage" ausrufen: Weder kausal noch moralisch ist das Eine mit dem Anderen verbunden. Der Slogan "Brot statt Böller" ist kein Deut logischer, moralischer oder hilfreicher, als die Mahnung einer Mutter an ihre Kinder, denen das Essen nicht schmeckt, doch an die armen hungernden Kinder in Afrika zu denken.

Röder folge ich auch darin, dass Hunger ist kein Schicksal ist, sondern gemacht wird. Hunger ist in erster Linie ein Verteilungsproblem, die Nahrungsmittelproduktion der Erde reicht (theoretisch) für alle (Weltagrarbericht).

In seiner Forderung nach Abkehr "von der viel gepriesenen Liberalisierung des Welthandels" mag ich ihm nicht ganz folgen - denn viele, wenn nicht die meisten, Probleme, die er zu recht anprangert, resultieren darin, dass auf dem Agrarsektor von "freien", ganz zu schweigen von "fairem" Welthandel keine Rede sein kann. Es stimmt, die EU-Subventionen für Agrarexporte und der Zwang zur Öffnung der Agrarmärkte vernichten in der 3. Welt jeden Tag Existenzen und sorgen dafür, dass Menschen verhungern. Wobei zu ergänzen wäre: die einseitige Öffnung der Agrarmärkte, denn der EU-Markt ist gegen Agrarimporte gut "geschützt".

Der Erfolg der Kampagne "Brot statt Böller" beruht, wie die Mahnung der Mutter an ihre essunwilligen Kinder, auf einem Appell ans schlechte Gewissen. Was vielleicht das Portemonnaie potenzieller Spender öffnet, jedoch den Blick für Problemlösungen und Verantwortlichkeiten verschleiert. Der Zweck - eintreiben von Spenden - heiligt keineswegs das fragwürdige, an einen "Sündenablass gegen milde Gabe" erinnernde, Mittel.
In ihren Projekten ist "Brot für die Welt" schon lange vom mehr schadenden als nützenden, aber das Gewissen beruhigenden, Almosengeben abgerückt. Schon aus diesem Grund wirkte die Böller-Kampagne von Anfang an wie ein Versatzstück aus dem 19. Jahrhundert.

Es ist meiner Ansicht nach kein Zufall, dass die Aktion von einer evangelischen Gemeinde ausging. Katholiken sind, was Appelle ans schlechte Gewissen angeht, zwar keineswegs zurückhaltender, aber ihre "Lieblingstodsünde" ist der Sex (außer zu Vermehrungszwecken innerhalb einer unauflösbaren heterosexuellen Einehe). Der geflissentliche Verzicht auf alles "Überflüssige" ist in der Tat sehr protestantisch. Beiden großen Konfessionen gemeinsam ist dann wieder der moralinsaure Unterton - die Weihnachtsbotschaften sind dieses Jahr, vom Papst an abwärts, anscheinend wieder besonders moralinsauer geraten.

Aus der evangelischen Kirchenpolitik ergeben sich z. B. für Silvester paradoxe Konsequenzen: Einerseits wird den evangelischen Christen geraten, von ganzen Herzen Silvester zu feiern - schließlich sind mit beiden Beinen im Leben stehende Lutheraner ja keine säuertöpferischen Puritaner. Aber bitte ohne Geld für Feuerwerk und Luftschlangen zu verschwenden, möglichst auch ohne unangemessenen Lärm, ohne Alkohol und ohne üppiges Essen. Abergläubisches Tun wie Bleigiessen, Neujahrshoroskope oder das Lichtorakel sind ebenfalls zu unterlassen.
Das Erstaunliche dabei ist nicht, dass kaum jemand an so einer "moralisch korrekten" Feier Spaß hat. Erstaunlich ist auch nicht das schlechte Gewissen vieler evangelischer Christen, die "unkorrekt" feiern.
Erstaunlich ist eher, dass evangelische Kirchenfunktionäre anscheinend den Eindruck haben, keineswegs lustfeindlich oder hypermoralisch zu sein.
Die katholische Kirche ist traditionell weit weniger feier- und ritualfeindlich. Dafür hat sie, gewissermaßen als Ausgleich, ein ausgeklügeltes System von Sünden und Absolution im Angebot - und vertritt weitaus energischer ihren Anspruch darauf, die höchste Instanz in allen Moralfragen zu sein.

Sonntag, 19. Oktober 2008

Dualismus

Ich schrieb in meinem Artikel Wie Schäuble wirklich denkt ... , dass mir die strickt dualistische Weltsicht unseres Innenministers unheimlich ist.

Dualismus dieser Art, ein starker, moralischer Dualismus, ist eine Weltsicht, in dem "gut" und "böse" klar voneinander geschieden sind, in dem Zwischentöne allenfalls als "Halbheiten" wahrgenommen werden, und in dem Ambivalenzen einfach nicht vorgesehen sind. Also kein Dualismus im Sinne des Substanzdualismus (die Existenz von materiellen und immateriellen Substanzen), sondern ein moralischer Dualismus im Sinne Thomas Hydes (1636–1703), der unter "Dualismus" die (religiöse) Überzeugung verstand, dass es ein gutes ("Gott") und ein böses ("Teufel") übernatürliches Wesen gibt - und davon abgeleitet eine Moral, in der es "das Gute" und "das Böse" gibt, und alles, was nicht "gut" ist, automatisch dem Bereich des "Bösen" zugeordnet wird. Weder in der jüdischen Bibel noch in den Evangelien ist dieser Dualismus angelegt - im Gegenteil, der Satan ist als dem einzigen Gott untergeordnet dargestellt, er handelt in seinem Auftrag, seine Funktion ist die der Anklägers und die des Prüfers. Im (religiösen) Dualismus ist der Satan hingegen "der Widersacher", ein zweiter, negativer "Gott", die die Macht Gottes permanent herausfordert. Nur in der "Offenbarung Johannis" ist ansatzweise ein Dualismus erkennbar. Das Weltbild, in denen die Mächte "des Lichts" und die "der Finsternis" im äonenlangen Kampf liegen, stammt ursprünglich wohl aus dem Manichäismus. Ich teile die Ansicht, dass der "Kirchenlehrer" Augustinus, ein ehemaliger Manichäer, auch als Christ vom Manichäismus (gegen den er heftig polemisierte) beeinflusst gewesen ist. Manichäisches, bzw. gnostisches Gedankengut im Christentum ist, neben dem starken moralischem Dualismus, die Fegefeuerlehre (katholische Kirche), die Höllenlehre, die Erbsündenlehre, die Lehre der Prädestination (vor allem in reformierten Kirchen) und wahrscheinlich auch die auch im Kontrast zum Judentum ausgeprägte Körper- und Sexualfeindlichkeit.

Herr Schäubles Schwarzweißdenken ist, denke ich, sittenchristlich geprägtes dualistisches Ausschlußdenken. Ein Denken, das für Denkfehler, die nur in Boulevardkomödien amüsant sind, höchst anfällig ist: "Hey, hübscher Pullover, den du da anhast!" – "Kreisch! Jammer! Was hast du gegen meine Hose!?"

Ein anschauliches Beispiel für tief augustinisches dualistisches Ausschlußdenken gibt dieser Artikel, den ich (über einen Umweg übers Brights Blog) auf RP-online fand: Was glaubt, wer nicht glaubt
Darin heißt es:
Wer über Atheisten spricht, redet noch über eine Minderheit. In Zahlen heißt das: Im Jahre 2005 war jeder dritte Deutsche ohne Konfession. Doch die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre macht eine Umkehrung der Verhältnisse in absehbarer Zeit wahrscheinlich. Denn 1990 bezeichneten sich bloß 22,4 Prozent der Deutschen als ungläubig.

Und so prognostizieren mittlerweile etliche Gesellschaftsforscher, dass schon 2025 die Mehrheit der Deutschen keiner der beiden christlichen Volkskirchen angehört und mit dem Glauben nichts mehr zu tun haben wird.
Daran ist ungemein auffällig, dass in dem Artikel (wahrscheinlich ohne das es dem Autoren bewusst gewesen wäre), die Nichtzugehörigkeit zu einer der beiden "christlichen Volkskirchen" mit "Konfessionslosigkeit" und diese wieder mit "ungläubig sein" bzw. atheistisch gleichgesetzt wird.

Nun ist es aber so, dass eine große Vielfalt an religiösen, spirituellen und weltanschaulichen Ansichten längst zu einer gewissen gesellschaftlichen Normalität geworden ist. Außer Christen unterschiedlicher Konfession (von denen es weit mehr als nur die beiden von der Steuerkarte her bekannten gibt) leben in Deutschland Muslime, Juden, Buddhisten, Taoisten, Hindus, Esoteriker (unterschiedlichster Couleur), Neuheiden (von Asátrú bis Wicca), Scientologen, Satanisten usw. usw., daneben selbstverständlich zahlreiche Freidenker und Agnostiker, religös Indifferente und sicherlich auch viele Atheisten. Und natürlich auch alle möglichen bis unmöglichen Mischformen (im Extremfalle sogar vereint in einer einzigen Person).

Interessanterweise wirft der Artikel, dabei Ralph Bergold, Leiter des Katholischen Instituts in Bad Honnef, paraphrasierend, dem "neuen Atheisten" eine gewissermaßen denunziatorische Haltung vor, um dann den "Glauben der nicht Gläubigen" zu denunzieren:
Bei all dem gibt es zwar Spuren eines neuen Interesses am Religiösen, freilich ohne das neue Interesse an Gott. Gewünscht wird eher eine Spiritualität als Wohlfühl-Medium, die „ein Stück weit“ einfach nur gut tut wie der frisch gebrühte Kaffee am Morgen.
Ich kenne in der Tat Menschen, vor allem solche mit esoterischer Weltsicht, die sich mit sanft-unverbindlicher "Morgenkaffeespiritualität" begnügen. Ich kenne aber noch mehr, denen jede Form von Spiritualität und Religiösität schnuppe ist. Daneben gibt es, gerade bei den an "östlichen Religionen" Interessierten, aber auch bei Naturreligiösen bzw. Neuheiden (und ganz sicher in der Nornirs Ætt) eine Form der Spritualität, die in etwa dem entspricht, was Fulbert Steffensky "Schwarzbrotspiritualität" nennt. An Schwarzbrot hat man mehr zu kauen als an Esoterik-Müsli, Theosophie-Eintopf, (traurigem) Tantriker-Toast, "Lebenshilfe"-Fertiggerichten - aber auch den trockenen Oblaten eines unkritischen Christentums. Es ist aber auch nahrhafter und hält lange vor. Die Asátrú-Version der "Schwarzbrot-Spritualität" ist, zumindest in der Nornirs-Ætt-Variante, eine dick mit Wurst oder Käse belegte, und je nach Tageszeit mit starkem Kaffee oder kühlem Bier heruntergespülte. Denn trockene Spiritualität, ohne Freude und Ekstase, ist auf die Dauer so unbefriedigend wie trockenes Brot ...
Zurück zum Artikel:
Wer aber nicht an einen Gott glaubt, der kennt folglich auch keine Verantwortung vor Gott – wie sie in der Präambel des deutschen Grundgesetzes geschrieben steht. Mit dem Gottesbegriff allerdings ist auch die Begründung von Moral verknüpft.
Offensichtlich kann oder mag sich Bergold eine von religiöser Letztbegründung - bzw. göttlicher Offenbarung unabhängige Moral nicht vorstellen. Die gibt es aber - z. B. im Humanismus. Moralisch zu handeln ist zum Beispiel vernünftig.
Weiter:
Nun meint Glauben weniger die Gewissheit darüber, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde; vielmehr sind Glaubensaussagen, so Bergold, immer auch Lebensorientierungen, die etwas „über den Stand des Menschen in der Welt“ sagen. Gerade vor diesem Hintergrund nimmt das wachsende Glaubensloch inmitten unserer nach wie vor christlich geprägten Gesellschaft schon jetzt bedrohliche Ausmaße an.
Diese Aussage ist nur dann sinnvoll, wenn man stillschweigend annimmt, dass ein "Glaubensloch" auch ein Ethik- bzw. Moral bzw. Werteloch impliziert.
Dass Fragen bleiben, ist der Vorteil der neuen Debatte: Fragen danach, was vom Abendland bleibt, wenn es nicht mehr christlich ist. Müssen dann neue Werte erfunden werden? Heißt Atheismus auch Amnesie? Und was ist der Mensch ohne metaphysische Beheimatung?
Meine Antworten auf diese Fragen: Vom "Abendland" blieben, wenn es nicht mehr christlich ist, immer noch Demokratie, Humanismus, Aufklärung, industrielle Revolution, "offene Gesellschaft", Gleichheit, Gewaltenteilung, Religionsfreiheit, über 2500 Jahre Philosophie, Kunst, Wissenschaft und noch viel mehr. Es würde nur eine Komponente von den vielen fehlen, die zusammen das "Abendland", "den Westen" ausmachen. Andere - fast alle anderen! - sind aus meiner Sicht wichtiger. Ein "Westen" mit Christentum, aber etwa ohne Bürgerrechte kann mir gestohlen bleiben!
Nein, es müssen keine neuen Werte gefunden werden.
Nein, Atheismus heißt nicht Amnesie. (Neben: Wie kommt man auf so eine Frage?)
Was ist der Mensch ohne metaphysische Beheimatung ist, kann ich für "den Menschen" nicht sagen. Ich kann nur sagen, dass jemand, der nicht an den Christengott glaubt, dadurch nicht metaphysisch heimatlos wird. Ich kann sogar sagen, dass jemand, der an gar keine Götter glaubt, nicht notwendigerweise keine metaphysische Beheimatung hat. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass sehr viele Menschen problemlos und mit funktionierender Ethik, intakter Moral, ausgeprägtem Gewissen und entwickeltem Wertesystem auf jede Metaphysik dankend verzichten können.

Nun ist es so, dass eine kritisch-rationalistische Einstellung zu den Grundfragen des Lebens fast zwangsläufig zum Agnostizismus führt. Kommt ein ausgeprägt materialistisches Weltbild hinzu, ist die Hinwendung zum Atheismus fast unvermeidlich.
Das könnte die wachsende Zahl der Agnostiker und Atheisten erklären. Da ich eine kritisch-rationalistische Einstellung sehr begrüße, vermag ich in dieser Entwicklung keine Gefahr sehen. Allerdings hege ich den Verdacht, dass die meisten Atheisten das ebenso wenig aus eigenem Entschluss geworden sind, wie die meisten Kirchenmitglieder bewusst in die Kirche eintraten.

Anderseits zieht eine spirituellen Herangehensweise fast genauso zwangsläufig eine unkritischere Betrachtung, beispielsweise von moralischen Fragen, nach sich. Besonders auffällig ist das bei Menschen, die eine mystische Erfahrung gemacht haben.

Ich betone dabei das Wört "fast". Nur in einem streng dualistischen Weltbild schließt kritisches Bewusstsein "Glauben", Religion, Spritualität aus - und umgekehrt.

Ausgemachter Unsinn ist übrigens der (alte) Witz, mit dem der Artikel der "Rheinischen Post" endet:
Ein Witz markiert diesen Wert der neuen Auseinandersetzung. Frage: Warum nerven Atheisten eigentlich so? Antwort: Weil die dauernd über Gott reden.
Ich kenne einige Atheisten - darunter ist keiner, der der überhaupt "von Gott" reden würde, geschweige denn dauernd.
Vielleicht ist der Autor des Artikels so sehr in der augustinischen dualistischen Gedankenmatrix gefangen, dass er sich einen Atheisten gar nicht richtig vorstellen kann ...

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