Religion, Magie, Mythen

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Gedanken über Magie (2)

"Wir sagen und Ich meinen ist eine von den ausgesuchtesten Kränkungen" (Theodor W. Adorno, Minima Moralia)
Es mag merkwürdig anmuten, einen Beitrag über Magie mit dem Zitat eines Mannes einzuleiten, der ein ausgewiesener Gegner des magischen Denkens und des Okkultismus - heute würden wir wohl sagen: der Esoterik - war.
Weitaus gewöhnlicher, auf alle Fälle klischeegerechter, wäre es sicherlich gewesen, wenn ich ein Zitat Aleister Crowleys gewählt hätte. Über Crowley erschien ja vor kurzem ein guter und vor allem sachlicher und fairer zweiteiliger Artikel von Hans Schmid auf "telepolis": Der böseste Mann von der Welt: Aleister Crowley und die Schrecken der Magie. Schmid entlarvt viele Klischees über den Magier, Literaten und Exentriker, aber vernachlässigt meines Erachtens einen wichtigen Punkt: Crowley war ein begnadeter Hochstapler. Dass er sich falsche Titel zulegte und unhaltbare Behauptungen über sich in die Welt setzte, geht zwar aus dem Artikel hervor, nicht aber, wie Crowley sich selbst inszenierte und wie er Anhänger und Gegner aufs Glatteis führte.

Bei allen Hochstapeleien, Betrügereien und Lügen Crowleys fällt allerdings auf, dass er vor einer Form der Wahrheitsverdrehung zurückschreckte: Vor der "ausgesuchten Kränkung", "wir" zu sagen und "ich" zu meinen, die Adorno erwähnt. Auf seine Art und Weise war Crowley, so manipulativ er auch war, "anständig".

Wobei es einen erheblichen Unterschied macht, welches "wir" sich jemand, der dabei "ich" denkt, gerade gemeint ist: Maßt sich derjenige an, für eine Gruppe zu sprechen, oder, was schlimmer ist, schafft er künstlich einen "Wir"-Begriff, in den er sein Publikum einbezieht? Für letzteres, eine klassischer demogogischer Kniff, sind viele Schlagzeilen der "Bild" (und vergleichbarer Medien) ein gutes Beispiel, man kann "wir", "ganz Deutschland", "alle", "der Bürger" usw. mühelos durch "die Bild-Redaktion" ersetzen. Misstrauen ist dringend geboten, wenn ein Politiker von "wir" spricht und dabei sein Publikum einbezieht.

Zurück zu Crowley: Crowley war ein "Poser", jemand, der "dick auftrug", auf "dicke Hose machte", sich übertrieben selbst in Szene setzte, provozierte: Schein und Sein stimmen nicht überein.
Aber: Hinter seiner "großen Klappe" war etwas, und zwar nicht wenig: umfangreiches Wissen, schriftstellerisches Talent und vor allem der Spaß daran, Dinge einfach auszuprobieren. War er ein Magier? Ja. Allerdings darf man nicht fälschlicherweise "magisch" mit "übernatürlich" gleichsetzen.

Darüber, was ich unter "Magie" verstehe, habe ich in Gedanken über Magie (1) etwas geschrieben.
Eine gute Definition, was Magie wirklich ist, stammt von Dion Fortune:
Magie ist die Wissenschaft und Kunst, das Bewusstsein willkürlich zu Verändern.
Magie ist mehr als die Anwendung einiger "Psycho-Techniken" - und schon gar nicht besteht sie darin, psychologische Tricks mit imponierendem esoterischem Jargon aufzubrezeln. Magie - oder "Magick", wie Crowley schrieb, um sie von den Tricks von "Zauberkünstlern" auf Partys oder Bühnenmagiern abzugrenzen - ist im wesentlichen eine Sichtweise, eine bestimmte Perspektive. Ein anderer Blick auf die Welt, ein Blick, um die Dinge nicht nur anzuschauen, sondern zu durchschauen. Wie Hermann Ritter schrieb:
Wenn Magie etwas erreichen soll, dann darf ich mir nicht überlegen, was ich beherrschen, kontrollieren, verändern, beeinflussen oder manipulieren will. Es geht im ersten Schritt nur darum, etwas anders zu sehen, etwas wirklich zu sehen, etwas ganz zu sehen.
(Hermann Ritter "Naturspiritualität heute". Lüchow-Verlag, 2006)

Diese "andere Sichtweise" ist nicht mit dem magischen Denken im psychologischen Sinne zu verwechseln. Ein klassisches Beispiel für "magisches Denken" in diesem Sinne äußert sich in dem Kind, das sich dadurch zu verstecken glaubt, dass es die Hände vor die Augen hält. Diese Art magisches Denken findet sich erstaunlich oft in der Politik und besonders ausgeprägt bei den größten Feinden der Magie, den Fundamentalisten.
Das entscheidende Merkmal des Fundamentalismus, mit dem sich dieser von anderen Formen des Fanatismus und des ideologischen Denkens abgrenzen lässt, ist der feste Glaube an die buchstäbliche Unfehlbarkeit der jeweilige "heiligen Schrift" und die unbeirrbare Gewissheit, dass die "heilige Schrift" keinen Irrtum enthalten könne. Dabei kann die "heilige Schrift" durchaus eine "weltlichen" Schrift oder Überlieferung sein - es gibt durchaus marxistische Fundamentalisten. Was es hingegen nicht gibt, sind Aufklärungsfundamentalisten - auch der Begriff eines "fundamentalistischen Darwinisten" ist falsch, ein streitbarer Darwin-Anhänger kann allenfalls dogmatisch sein (das ist so, weil Darwin ausdrücklich eine Theorie gemäß dem seinerzeitigem Wissensstand beschrieb - und keine "endgültige Wahrheit"). Fundamentalisten kennen genau zwei Arten, die Welt zu sehen, eine "richtige" (die ihre) und eine "falsche" (aller, die die Dinge anders sehen als sie). Dieses streng dualistisches Konzept, in dem die wenigen "Guten" im Kampf gegen die Schlechten, das "Böse" (Andersgläubige, Andersdenkende) stehen, ist nicht nur hochgradig anfällig für bizarre Weltverschwörungstheorien, mit denen "erklärt" wird, warum "die Bösen", die schließlich Gott (oder die Gesetze der Geschichte usw.) gegen sich hätten, immer noch so "mächtig" sind, sondern auch für "magische" Erklärungsmuster, etwa in dem Sinne, dass "sündiger Lebenswandel" oder schon "falsche Gedanken", allein durch ihre Existenz "das Böse" - das religöse Fundamentalisten oft als "der Teufel" personalisieren - stärken. Fundamentalistisches Denken steht sowohl der historisch-kritischen, wie der mythischen wie auch der allegorischen Auffassung "heiliger Schriften" entgegen.

Mythen sind aber der "Schlüssel zur Magie". Ein Magier versteht es, willentlich mythisch oder kritisch-rational denken, fühlen, wahrnehmen zu können. Für einen Magier gibt es unzählige Möglichkeiten, die Dinge zu sehen. Ein modernes Beispiel dafür, die Welt quasi magisch zu sehen, ist die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik - wobei vermutlich zahlreiche Physiker empört bestreiten werden, "Magier" zu sein. Es ist auch kein Zufall, dass Bruchstücke der Quantenphysik in den "esoterischen Jargon" Eingang gefunden haben - leider meistens ohne deren Bedeutung wirklich zu verstehen, und oft genug ins "magische Denken" (im Sinne des kindlichen Wunschdenkens) abgleitend. Allzu viele Esoteriker meditieren sich ganz entspannt am Leben vorbei, Ziel eines Magiers sollte sein, gut geerdet im Leben zu stehen.

Ein schönes Beispiel für die "magische Sicht" der Welt gibt Andrea Stadelmann mit seiner Visionsuche.

Samstag, 27. September 2008

Ein Gedankenexperiment (2)

Unsere europäische Kultur ist in Jahrhunderten gewachsen und lebt von tragenden Werten. Im Bild gesprochen sind es vier Hügel, in denen unsere europäische Identität wurzelt: Der Areopag in Athen mit den griechischen Idealen von Freiheit und Demokratie; das Kapitol in Rom mit dem klassischen Ideal von Recht und Gerechtigkeit; der Sinai mit dem Dekalog und der Bundesweisung Gottes; und schließlich der Berg Kalvaria in Jerusalem, auf dem Jesus Christus für uns in den Tod ging und bis heute zeigt, dass Liebe und Solidarität größer sind als alles, was wir uns ausdenken und erfinden können.

Unsere abendländisch christliche Kultur hat die tragenden Ideen und Werte der Antike aufgenommen und integriert. Durch Jesus Christus und sein Evangelium erhielten sie ein neues Vorzeichen. Solidarität und Nächstenliebe machen Freiheit, Recht und Gerechtigkeit zu wahrhaft menschlichen Werten.
(Aus dem Vortrag des Erzbischofs Zollitsch, dem ich auch die Anregung zu meinem Gedankenexperiment verdanke.)

Dabei mag dahingestellt sein, ob die Hinrichtung Jesus am Berg Kalvaria wirklich zeigte, dass "Liebe und Solidarität größer sind als alles, was wir uns ausdenken und erfinden können", ganz zu schweigen davon, dass es fraglich ist, dass das Christentum die Ideale der Antike zu "wahrhaft menschlichen Werten" transformiert hat.
Fraglich auch, ob die großen Errungenschaften jüdischen Denkens für die moderne Demokratie, nämlich die Gleichheit vor dem Gesetz und der Universalismus der Werte, schon zur Zeit der Niederschrift der Thora formuliert waren. Allerdings sieht Zollitsch nicht diese Werte, sondern die "10 Gebote" als konstituierend an - wobei einzig das Bekenntnis zum Monotheismus und das Bildverbot diese Gesetze von anderen antiken Gesetzessammlungen abhob (und mit beidem hat es gerade die katholische Kirche nie sonderlich genau genommen).

Als "Wurzeln" der westlichen Staatsordnung sehe ich die Gleichheit vor dem Gesetz (altes Israel), die Demokratie (Athen) und der Rechtsstaat (Rom). Hinzu kämen der Parlamentarismus / repräsentative Demokratie (Island), die föderative Staatsordnung (Perserreich) - und eine ganze Reihe "neuer Werte", die erst während der Aufklärung, den Revolutionen der Neuzeit und später formuliert wurden, man denke an die Pressefreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wichtig ist auch, dass viele dieser Werte gegen den Widerstand der Kirchen erkämpft worden, so auch die Religionsfreiheit. (Die negative Religionsfreiheit schützt den Einzelnen vor den Ansprüchen der vorherrschenden Religion bzw. ist das Recht des Einzelnen, von der Religion in Ruhe gelassen zu werden, die positive Religionsfreiheit schützt religiöse bzw. weltanschauliche Minderheiten.)

Wie sähe die Welt heute aus, wenn es kein Christentum gäbe?

Religion ist immer ein unvorhersehbarer Faktor, und auch in der Geschichte ist der Einfluss der Religion weitaus schwerer abzuschätzen als etwa ökonomische Faktoren, Umweltbedingungen oder kulturelle Einflüsse, denn Religion ist ihrem Wesen nach irrational. Es ist schwierig, in der Religionsgeschichte "harte Fakten" zu finden. Man kann ziemlich sicher sein, dass Amerika auch ohne Columbus früher oder später europäisch Kolonisiert worden wäre, aber es ist einfach nicht möglich, zu entscheiden, ob es so etwa wie das Christentum gegeben hätte, wenn Pilatus auch nur die geltenden römischen Gesetze etwas gewissenhafter ausgelegt hätte, oder vielleicht etwas mehr politisches Augenmaß oder gar mehr Gerechtigkeitssinn gehabt hätte. (Denn dann hätte die Kreuzigung nicht stattgefunden. Es ist auch sehr fraglich, ob im Falle einer Hinrichtung Jesus durch jüdische Autoritäten, also durch Steinigung, es heute einen "Steinhaufenstreit" anstelle des "Kruzifixstreits" geben würde.)

Die Folgen für das römische Reich, hätte es das Christentum nicht gegeben, wären eher marginal geblieben, nach Constatin I. wäre wahrscheinlich der Kult des "Sol Invictus", eine "romanisierte" Variante des Mithraismus, Staatsreligion geworden bzw. geblieben. (Das wir heute nicht am Samstag - Sabbat - den Ruhetag haben, ist ebenso ein Erbe der mithraistischem Phase Roms, wie das große Jahresfest des "Sol Invictus" am 25. Dezember. Die frühen Christen maßen dem Geburtsfest Jesu keine große Bedeutung bei, erst im 3. Jahrhundert wurde es überhaupt begangen, und zwar am 6. Januar.)
Die Unterschiede zwischen dem stark synkretistischen Mithraismus, der andere Götter durchaus zuließ, wären zunächst nicht zutage getreten, das weströmische Reich wäre wohl ebenso untergegangen. Anderseits ist es unwahrscheinlich, dass ohne das Christentum der Islam hätte entstehen können - und noch unwahrscheinlicher, dass er sich in einem rein "heidnischen" Nordafrika und Kleinasien so leicht hätte ausbreiten können.

Bestimmt hätten in einer Welt ohne Christentum heute andere Religionen den Platz des Christentums (und des Islams) eingenommen. Vielleicht wären das der
Mithraismus
, der Odinismus und der Soterismus gewesen, wie Lyon Sprague de Camp in seiner Alternativweltgeschichte "Aristotele and the gun" vorschlug. (Der Soterismus wäre eine ägyptisch-hellenistische Synthese gewesen, gegründet von einem glühenden ägyptischen Propheten, dessen Anhänger ihn mit dem griechischer Wort für "Erlöser" bezeichneten.)
Oder der Buddhismus hätte sich "im Westen" durchgesetzt, wie Arnold J. Toynbee spekulierte.

Die Annahme, Europa wäre ohne Christentum "geistig primitiv" geblieben, ist schlicht falsch ist. Ein Blick nach Fernost, z. B. nach Japan, widerlegt diese europazentrierte Annahme sofort.

Die Annahme, Europa wäre ein sich in blutigen Stammeskriegen verzehrende Region geworden, entbehrt jeder Grundlage. Vielleicht wäre Europa tatsächlich heute noch stärker durch Stammesdenken geprägt, und mit Stämmen lässt sich in der Tat "kein Staat" machen (was z. B. das "Nation Building" in Afghanistan so schwer macht). Aber "blutige Stammesfehden" sind ein Klischee - und die europäische Geschichte wurde erst mit der Bildung der Nationalstaaten so richtig blutig. Auf die "Völkerwanderung" hatte das Christentum noch wenig Einfluss, ich nehme daher an, dass es, schon durch die Übernahme römischen politischen Denkens, zur "germanischen Staatenbildung" auf zuvor weströmischem Gebiet gekommen wäre, und später die Staatenbildung in Nord- und Osteuropa gefolgt wäre.

Es kann durchaus sein, dass der Einfluss des Judentums in einem "heidnischen" Europa größer gewesen wäre, als in einem christlichen Europa, dass seine "jüdischen Wurzeln" eher verdrängte und den Juden in der Regel eher feindselig begegnete. Daher könnten jüdische Ideen, wie die der Nächstenliebe oder die der Gleichheit vor dem Gesetz, in einem "Europa ohne Christentum" weitaus weiter verbreitetet sein, als in unserer Welt. Wobei die Idee der Gleichheit vor dem Gesetz nicht zwangsläufig auf die Idee der Gleicheit aller Menschen vor dem einzigen Gott zurückgeführt werden muss.
Es ist aber meiner Ansicht nach unwahrscheinlich, dass das Judentum die dominante Religion Europas geworden wäre.

Es ist außerdem sehr wahrscheinlich, dass es in einem heidnisch-polytheistischem oder in einem buddhistischen Europa weniger Religionskriege gegeben hätte - wenn überhaupt. (Religionskriege wären aber dann möglich gewesen, wenn z. B. der Polytheismus sich nach dem Muster des Hinduismus entwickelt hätte - in einem mithraistischem Europa eine meiner Ansicht nach eine recht wahrscheinliche Entwicklung. Anderseits wäre die Entwicklung des Hinduismus ohne die Konfrontation mit dem Islam und später dem nominell christlichen britischen Imperialismus anders verlaufen.)

Ansonsten ist ein "Europa ohne Christentum" ein reizvoller Stoff für Alternativweltgeschichten.

Mittwoch, 10. September 2008

Ein Gedankenexperiment (1)

Ein weiteres meiner Gedankenexperimente.
Wer sich auf das Gedankenexperiment einlässt, sämtliche Spuren des Christentums aus unserer europäischen Kultur zu tilgen, der wird sich schnell vor einem toten Gerippe oder einem seelenlosen Gehäuse wieder finden.
Erzbischof Zollitsch: Von welchen Werten lebt Europa?.

Dieses Gedankenexperiment ist nicht ganz einfach durchzuführen, weil die christlichen Kirchen ähnlich vorgingen wie heute "Microsoft": sehr viel, das ursprünglich nicht zum Christentum gehörte, wurde in den "Konzern" eingegliedert und mit dem "Firmenlogo" versehen. Selbst die Aufklärung, die teilweise gegen die organisierte Religion und stets gegen die Vorherrschaft der Kirchen im Geistesleben gerichtet war, wird heute von nicht ganz unwichtigen Kirchenvertretern, als "christlich" etikettiert. Zum Beispiel vom einem gewissen Joseph Ratzinger, dessen Titel "Pontifex Maximus" lange vor Christus im römischen Reich der eines sakralen Beamter war (was nicht genau das selbe wie ein Priester ist) - und zwar der Vorsitzende des Pontifikalkollegiums, das die religiösen Zeremonien organisierte. Später ging der Titel auf die römischen Kaiser in ihrer religiösen Funktion über. Dieser Papsttitel ist damit ein gutes Beispiel für eine ins (römisch-katholische) Christentum übernommene heidnische Tradition.

Nun wäre es sicher nicht ganz richtig, mit Karlheinz Deschner lapidar zu sagen: "Alles, was am Christentum nicht jüdisch ist, ist heidnisch". Damit meine ich nicht die Elemente der Gnostik und des streng dualistischen Manichäismus, die in das Christentum eingingen und es entscheidend prägten, sondern die eigenständige geistige Kultur, die sich sich im Laufe der Jahrhunderte auf diesen Grundlangen herausbildete. Die Theologie z. B. eines Thomas von Aquin ist nur vor dem Hintergrund eines jahrhundertelang praktizierten Christentums denkbar. Es gibt originär christliche Züge im der heutigen "westlichen" Kultur, die sich ohne Christianisierung schwerlich hätte entwickeln können. Vielleicht gehört indirekt sogar die Aufklärung dazu, denn ohne religiös begründete Unmündigkeit, ohne Herrschaft mittels und durch die geistliche Hierarchie, ohne Inquisition und Religionskriege hätten sich Humanismus und Aufklärung sicher anders entwickelt, vielleicht auch nie, auch wenn man sich hüten sollte, Humanismus und Aufklärung als bloße Gegenbewegungen zu verstehen.
„Dass die Ideen der Menschenwürde und der Menschenrechte christliche Wurzeln hätten, ist ein gern geglaubtes Märchen."
Herbert Schnädelbach

Ich teile die Ansicht, dass sowohl die Philosophie, ausgehend vom Griechenland der Antike, wie auch die jüdische Tradition einen deutlich größeren Beitrag zur Herausbildung moderner zivilisatorischer Werte geleistet als das Christentum.

Wie wurde das Christentum "Weltreligion"?
Eine nicht nur unter gläubigen Christen weit verbreitete Annahme ist, dass das Christentum quasi naturnotwendig die älteren, heidnischen Religionen ablöste. Die neuen religiösen Elemente des Christentums hätte sich gegen die Missstände der römischen Antike, wie Sklaverei und die menschenverachtende Gladiatorenkämpfen, aber auch die krasse soziale Ungleichheit und die Vergötterung des Staates gewandt. Das römische Imperium wäre zwar ein wegweisende Modell für einen auf abstrakte Werte gegründeten Vielvölkerstaat mit Ansätzen zum Rechtsstaat gewesen, aber letzten Endes wäre es durch Gewalt und Unterdrückung der Völker zusammengehalten worden. Es fehlte eine völkerverbindende Idee. Das Christentum erwies sich nicht nur als die universale, verbindende Idee, die Rom fehlte, es hätte auch die erwähnte Misstände abgeschafft (wie die Gladiatorenkämpfe) oder zumindest gelindert. Die Zeit war reif für das Christentum.
Ein Ansicht, wie sie z. B. Bernd Ehlert in seinem Aufsatz Der Denkfehler und die Inhumanität der „Neuen Atheisten“ um Richard Dawkins Vertritt.
Mit seiner völkerübergreifenden Nächstenliebe stößt das Christentum genau in diese Lücke und Notwendigkeit hinein, die sich durch die Entwicklung der Menschheit aufgetan hat.
Nun bedeutet "Entwicklung" nicht dasselbe "Höherentwicklung", geschweige denn "Unaufhaltsamer Fortschritt". Es mag gestimmt haben, dass Constantin I. im Christentum ein "einigendes Band" für das Imperium sah, nachdem er es zunächst mit dem Kult des "Sol Invictus" probiert hätte. Die Gladiatorenkämpfe bleiben, auch nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war, das ganze 4. Jahrhundert über sehr beliebt, im Jahre 365 wurden nicht etwa die Gladiatorenkämpfe, sondern nur die Beteiligung von Christen an diesen Kämpfen verboten. Die Sklaverei blieb unter den christlichen Kaisern unangetastet, und die Verarmung der Massen ging ebenfalls weiter.
Der "Aufstieg des Christentums" war auf eine ganze Reihe von Faktoren zurückzuführen. Es stimmt z. B. tatsächlich, dass die frühen Christen das Gebot der Nächstenliebe sehr ernst nahmen, im Gegensatz zu den meisten Mysterienkulten, bei denen das frühe Christentum ansonsten sehr viele "Anleihen" machte. Es war relativ einfach, Christ zu werden - im Gegensatz wiederum zu den Mysterienreligionen und auch dem Judentum. Nicht zuletzt hatte das Christentum den meisten konkurrierenden Gemeinschaften ein imponierendes Schrifttum (wenn auch größtenteils jüdischer Herkunft) und die zugleich Furcht erregende wie - für die Anhänger Christi - Hoffnungen auf eine bessere Welt erweckende Doktrin des nahen "jüngsten Tags" voraus. Als das Ende der Welt ausblieb, blieb die noch furchterrengendere Doktrin der "ewigen Verdammnis".

Ich bestreite gar nicht, dass das Christentum einen humanistischen Kern hat, der letzten Endes auf das Judentum zurück geht: Er ist die Vorstellung der Liebe eines Gottes, die nicht "Übermenschen", sondern ganz gewöhnlichen fehlbaren Individuen mit allerhand Macken und Fehlern gilt. Wobei auch die Bibel ihr gerüttelt Maß an von Gott geliebten "Übermenschen" hat - und auch Beispiele, in der Gott ohne nachvollziehbaren Grund jene "schwer prüft" die ihn lieben. Der humanistische Kern ergibt sich also nicht automatisch aus der Bibel, sondern aus dem Prinzip, dass der Mensch ein autonomes Wesen ist, das sich aus freiem Willen zur Befolgung der von Gott gegebenen Gebote entschließt. Dieser Humanismus, der den freien Willen in den Mittelpunkt stellt, ist nicht auf die monotheistischen Religionen beschränkt. Er kann auch von Polytheisten und sogar von Atheisten praktiziert werden - etwa in dem Sinne, dass "göttliche Gebote" aus Vernunftgründen akzeptiert werden.
In der Kirchengeschichte des "Abendlandes" war (und ist) dieser ursprünglich jüdische Humanismus allerdings eher die Ausnahme, weitaus häufiger wurde mit der göttlichen Strafe jene gedroht, die sich nicht getreu an die religiösen Gebote - die fast immer Verbote sind - hielten.

Der Humanismus der frühen Neuzeit war hingegen ein bewusster Rückgriff auf Antike, ihre Philosophie und ihre Werte.

Humanismus und Aufklärung erwuchsen nicht aus dem Christentum heraus, und schon gar nicht aus kirchlichen Traditionen, allerdings gingen aus dem Judentum übernommene christliche Vorstellungen in den Humanismus und teilweise auch die Aufklärung ein.
Ich bin der Ansicht, dass es auch ohne Christentum den Humanismus geben würde, und vielleicht auch eine Art Aufklärung. Ohne das Erbe der (heidnischen) Antike wäre beides nicht denkbar gewesen.

Neben dem "Erbe der heidnischen Antike" wird das "christliche Abendland" von jüdischen und islamischen Einflüssen geprägt.
Alan Posener schrieb vor einigen Wochen einen sehr lesenswerten Artikel über eine Tagung auf Schloss Elmau, die sich mit Juden und Muslimen im christlichen Europa vom Mittelalter bis heute befasste: "Du musst dich entscheiden, ob du für Araber oder für Juden bist". Er endet mit den Worten:
(...) Eine Selbstkritik, die es verbietet, von einer "judäo-christlichen" Identität Europas zu sprechen, weil im Bindestrich so viel Misstrauen und Leid versteckt wird. Das "Meisternarrativ", die Große Erzählung dieses Kontinents, so viel wurde in Elmau deutlich, wird nicht nur von Christen, sondern auch von Muslimen und Juden - und Atheisten aller Konfessionen - mitgeschrieben.
Dem kam ich nur zustimmen.

Die Frage, was von der modernen europäischen bzw. "westlichen" Kultur bliebe, wenn es das "christliche Erbe" nicht gäbe, versuche ich im zweiten Teil dieses Beitrags zu beantworten.

Dienstag, 10. Juni 2008

Entlarvend: Bischof verbietet einem Querschnittgelähmten die kirchliche Trauung

Skandale wirken manchmal entlarvend. Zum Beispiel der, dass ein italienischer Bischof einem Querschnittgelähmten die kirchliche Trauung verbietet.
Es war schon alles vorbereitet für die Hochzeit von Renzo und Lucia, beide 25, da hatte Renzo einen schweren Autounfall. Zwei Monate ist das her, der Mann aus Viterbo bei Rom ist querschnittgelähmt und impotent, nun will der Bischof von Viterbo, Lorenzo Chiarinelli, dem Paar die kirchliche Trauung untersagen. Seine Begründung: Die katholische Ehe sei auf Nachkommenschaft ausgerichtet, und dazu sei der Mann nun einmal nicht mehr in der Lage.
Weiterlesen auf Tagesspiegel.de : Romeo und Julia von Viterbo.

Die harte Haltung Bischof Chiarinellis mag ein Einzelfall sein und selbst unter katholischen Kirchenrechtlern umstritten - sie gründet sich aber auf geltendes Kirchenrecht, und zwar nicht das aus finsterer ferner Vergangenheit, sondern auf das kirchliche Gesetzbuch, den "Codex Juris Canonici" von 1983. Im Kanon 1084 des Gesetzbuches steht, dass "der Ehebund von Mann und Frau hingeordnet ist auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft" und dass die Verbindung ansonsten "aus ihrem Wesen heraus ungültig" ist. Damit das Sakrament der Ehe gestiftet werden kann, manövrieren sich einsichtigere katholische Geistliche in solchen Fällen um das Kirchenrecht herum. Chiarnelli lehnt diese kleinen Tricksereien offensichtlich ab - und entlarvt so das offizielle katholische Ehe- und Familenbild als menschenfeindlich.

Für ebenfalls menschenfeindlich halte ich den Kern einer Rede, die Bischof Fürst am 4. Juni beim Mediziner-Forum "Der Gläserne Mensch" in Ravensburg zum Thema "Designerbaby - Entwicklung in unserer Gesellschaft und die Würde des Menschen" hielt:
Designerbaby: Bischof Fürst warnt vor Machbarkeitswahn mit Folgen Auf den ersten Blick möchte ich als Humanist dem Bischof zustimmen, denn es verletzt die Würde des Menschen, wenn Menschen instrumentalisiert, verdinglicht, zum "Humanfaktor" oder "Menschenmaterial" reduziert werden. Aber Fürst wählt ausgerechnet den Fall "Molly Nash" als Beispiel: Ein sechsjähriges Mädchen aus dem US-Bundesstaat Colorado litt an angeborener Blutarmut und benötigte eine Knochenmarkspende um zu überleben. Da weder die Eltern noch Verwandte als Spender infrage kamen, ließen die Eltern ein Dutzend Eizellen künstlich befruchten und die Embryos untersuchen - einer erwies sich tatsächlich als geeigneter Knochmarksspender. Molly wurde durch die Spende ihres so gezeugten kleinen Bruders Adam wieder gesund.

Aus meiner Sicht ist das im Prinzip zwar eine "Verdinglichung" eines Menschen als Mittel zum Zweck, aber nach Lage der Dinge handelten die verzweifelten Eltern nicht gegen die Menschenwürde des kleinen Adam.
Es stimmt, er hat seinen "Zweck" erfüllt: Molly ist geheilt. Sie hat nicht nur überlebt, sie ist gesund. Und ihr Bruder ist nicht umgekommen, wurde nicht als "unerwünscht" ausgestoßen und ist auch nicht in die Besenkammer verbannt worden. Er ist ein vollwertiges Mitglied der Familie, geliebt und beschützt durch seine Eltern und durch seine große Schwester, die ihm ihr junges Leben verdankt.
Bischof Fürst sieht das anders, grundsätzlicher, lebensfremder:
Aber ist der Preis nicht zu hoch, wenn Kinder wie Adam Nash zum Gebrauchsgegenstand gemacht werden, zum ‘Medikamentenschrank auf zwei Beinen’? Denn, erinnern wir uns: Adam verdankt seine Existenz nur seinen Blutwerten. Für sich selbst scheint er keine Lebensberechtigung zu haben. (...) Denn dieser Adam ist nicht um seiner selbst willen wichtig, Menschenwürde wird vertauscht durch Materialwert.
Wenn ich der Vater von Adam wäre, dann würde ich mir diese Frechheit nicht gefallen lassen!

Wohlgemerkt: ich bestreite gar nicht, dass die Prä-Implantations-Diagnostik (PID) ethisch problematisch sein kann (mit den "überzähligen" Embryonen, die bei einen In-Vitro Befruchtung entstehen, habe ich, im Gegensatz zur katholischen Kirche und zum deutschen Gesetzgeber, keine Probleme, schon weil die meisten natürlich gezeugten Embryonen sich erst gar nicht in der Gebärmutterschleimhaut einnisten - siehe hierzu mein Beitrag: Wie hältst Du es mit den Stammzellen?). Ich bin auch völlig einer Meinung mit Fürst, wenn er feststellt, dass die Ökonomie nicht die moralische Grundrichtung bestimmen dürfe - und ich bin sogar bei ihm, wenn er Erich Fromm zitiert: "Wenn der Mensch sich in ein Ding verwandelt, wird er krank, ob er es weiß oder nicht."

Wenn er aber sagt:
Eine letzte Verfügung über uns selbst haben wir weder am Anfang noch am Ende unseres Lebens. Dies zu respektieren bedeutet überhaupt keinen Verzicht auf medizinisch-therapeutisches Handeln, sondern lässt dies erst wirklich menschlich und hilfreich sein.
- dann stellt er meines Erachtens eine theologisch begründete moralische Forderung - nämlich die, dass sich der Mensch gefälligst aus der Zeugung herauszuhalten hätte (was bekanntlich bis zur Ablehnung von Kondomen geht) wie aus dem Tod (womit Suizid und Töten auf Verlangen dem Mord moralisch gleichgestellt werden) - über die Möglichkeit, Leiden zu vermindern. Damit diese wenig menschenfreundliche Moraltheologie als "Verteidigung der Menschenwürde" erscheint, werden gern die Schreckensbilder "Euthanasie"-Morde der Nazis und "Züchtung des perfekten Menschen" an die Wand gemalt - so als ob die Möglichkeit des Missbrauchs die des Gebrauchs ausschlösse.

Um den Kreis zum Eheverbot zu schließen: Es geht um eine beileibe nicht auf die katholische Kirche beschränkte Moral, in der Sex nur dann keine "Sünde" ist, wenn dabei (zumindest im Prinzip) Kinder gezeugt werden können. Wenn ich bösartig wäre, würde ich auch das "Verdinglichung von Menschen" nennen.

Donnerstag, 5. Juni 2008

Max Kruse veröffentlicht religionskritischen Zukunfts-Roman

Im Jahr 2251 gibt es auf der Erde keine Kirchen oder vergleichbare Religionsgemeinschaften mehr, der Glaube an ein Jenseits ist bedeutungslos. Eine Welt ohne Moral? Fällt wirklich dort, wo Gott geleugnet wird, die Menschenwürde?
Nein, meint Max Kruse in seinem Roman "Antworten aus der Zukunft". Sie wäre besser ohne die Dogmen und Machtkämpfe der Religionen.

Nicht wenige Science Fiction-Romane beschäftigen sich mit Religion - wovon die meisten mehr oder weniger deutlich religionskritisch sind. Diese Tradition ist so alt wie die SF selbst. In jüngerer Zeit sorgte z. B. die Roman-Trilogie "His Dark Materials" des Autors Philip Pullman, bestehend aus "Northern Lights" (1995) (dt. "Der goldene Kompass"), "The Subtle Knife" (1997) (dt. "Das magische Messer") und "The Amber Spyglass" (2000) (dt. "Das Bernstein-Teleskop") für einige Aufregung unter "besorgten Christen". Es ist Science Fiction mit starken Fantasyelementen, einem religiös-sprituellem Grundton, der stark vom Schamanismus geprägt ist, und einer antiklerikalen und anti-monotheistischen Haltung. Die Trilogie wird deshalb von kirchlichen Gruppen und Medien scharf kritisiert. Pullmann hatte sie bewusst als Gegensatz zur christlich geprägten Fantasy-Reihe "Die Chroniken von Narnia" von C. S. Lewis konzipiert. (Übrigens ist die Filmversion von "Der goldene Kompass" deutlich entschäft, trotzdem reagierten nicht nur fundamentalistische Christen nicht nur in den USA auf sie ausgesprochen hysterisch.)
Ob der Roman Max Kruses, einem der erfolgreichsten Kinderbuchautoren des deutschen Sprachraums ("Urmel aus dem Eis", "Der Löwe ist los"), überhaupt Science Fiction im engeren Siine ist, weiß ich noch nicht, und mir ist auch unklar, ob er sich wie "His Dark Materials" (auch) an jugendliche Leser wendet, da ich das Buch bisher nur aus einer dürftige Pressemitteilung kenne. Antworten aus der Zukunft - Max Kruse veröffentlicht religionskritischen Roman.
Immerhin weiß ich einiges über Kruse. Kruse ist nach eigenen Einschätzung "ein in der Wolle gefärbter Agnostiker". Was etwas anderes ist als "Atheist":
Ich glaube nicht an den christlichen Gott, der diese Welt erschaffen hat und sich um jeden von uns liebevoll kümmert. Aber das letzte Geheimnis des Universums werden wir Menschen wohl auch niemals lösen.
Kruse gehört allerdings auch dem wissenschaftlichen Beirat der scharf religionskritischen und tendenziell atheistischen Giordano Bruno Stiftung an.
Bezeichnend ist, dass eine ältere Fassung des Buches unter dem Pseudonym Friedhelm Schenitz erschien: "En(t)dzauberung – Herbst des Religionszeitalters". Das war, wie ich vermute, wohl dem Umstand geschuldet, dass religionskritische Kinderbuchautoren, selbst dann, wenn sie wie Kruse oder Janosch die Religionskritik aus ihren Kinderbüchern heraus halten, schnell in das Kreuzfeuer selbsternannter oder kirchenamtlich bestellter Verteidiger des Glaubens geraten. Ich weiß nicht, was Kruse bewog, die Neufassung unter seinem Klarnamen zu veröffentlichen - ich hätte das aber im Zuge der unsäglichen Zensurversuche um das Ferkelbuch an seiner Stelle genau so gemacht: Irgendwann ist der Kampf für die Meinungsfreiheit wichtiger als die schriftstellerische Karriere. Kruse als etabliertem Autor im fortgeschrittenen Lebensalter fällt dieser Schritt sicherlich leichter als Nachwuchsautoren, die sich leider oft weltanschaulich "verbiegen" müssen, damit ihre Bücher überhaupt verlegt werden.
Die Zensurbestrebungen kirchennaher Kreise nehmen manchmal offen demokratiefeindliche Züge an, wie "Welt am Sonntag"-Kommentatorchef Alan Posener erlebt hat: Wie sich manche Christen Pressefreiheit vorstellen.

Samstag, 31. Mai 2008

"Verteidiger des Glaubens" gegen Pappdrachen

Ein Pappdrache ist ein Geschöpf, das die Eigenschaften eines
Papiertigers und eines Strohmannes in sich vereint.
Oder anders ausgedrückt: eine selbst erfundene, dem Gegner zugeschriebene, Bedrohung, der man "mutig" entgegentritt.

Ein Pappdrache gegen den hochrangige Kirchenvertreter wie der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper anrennen wie der heilige Georg gegen den Drachen, wird "agressiver missionarischer Atheismus" genannt.
Was diese Kirchenvertreter im heiligen Zorn erbeben lässt, ist „Die Provokation der neuen Atheisten“, wie sie Philosoph Prof. Dr. Holger Zaborowski bei einem Vortrag an der Katholische Akademie des Bistums Trier nannte. (Das Bistum Trier trägt zufälliger- und passenderweise das Georgskreuz im Wappen.). Gemeint ist die Wiederkehr der Religionskritik, beziehungsweise die für eine bestimmte Sorte Christen offensichtlich als bedrohlich wahrgenommen religionskritischen Bestseller von Richard Dawkins, Edward O. Wilson oder Christopher Hitchens. Zaborowski meint, dass das Niveau der "neuen Atheisten" (zu denen er auch den Deutschen Michael Schmidt-Salomon zählt) oft wesentlich niedriger als bei den Klassikern wie Marx oder Feuerbach sei. Es gäbe eigentlich keine neuen Argumente, und das Weltbild des neuen Atheismus sei sehr einfach.
In dieser Einschätzung kann ich Professor Zabrowski nur zustimmen. Der Hauptgegner der ach so bösen "neuen Atheisten" ist der christliche Fundamentalismus, eine Glaubensauffassung, die in Deutschland eher wenige Anhänger hat. Im übrigen ist die Kritik etwa des "neuen Atheisten" Dawkins trotz einiger polemischer Spitzen vergleichsweise zahm. Wenn ich Dawkins "Gotteskomplex" und Karlheinz Deschners "Kriminalgeschichte des Christentums" vergleiche, dann habe ich den Eindruck, dass schon schon ein Kapitel im "Deschner" mehr scharfe und treffende Kritik am "christlichen Weltbildes" enthält als der ganze "Dawkins".
Ich schließe daraus: eine reale Bedrohung für die großen Kirchen und ihr Weltbild geht von den "neuen Atheisten" eher nicht aus.

Trotzdem blasen Kirchenfürsten wie Bischof Gerhard Ludwig zur Attacke gegen den atheistischen (Papp-)Drachen:
'Wo Gott geleugnet wird, fällt Menschenwürde'
, wobei er seine rhetorische Lanzenspitze nicht nur gegen Dawkins richtet, sondern auch gegen ein Bilderbuch für Kinder: "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel" von Michael Schmidt-Salomon. Darin werde das Bild vermittelt, dass sich alle, die an einen Gott glauben, auf dem Niveau eines Schweines befänden. Wie der gute Bischof zu diesem Schluss kam, ist mir rätselhaft, denn das steht nicht im "Ferkelbuch" und zwar auch nicht "zwischen der Zeilen" oder als "versteckte Botschaft". Ich habe den unguten Eindruck, dass der Bischof Ludwig es bei seiner Philippika gegen die Atheisten nicht immer mit dem 8. Gebot (nach katholischer Zählweise) so genau nimmt.
Der christliche Glaube habe Zeiten überdauert, so Ludwig, in denen ein aggressiver Atheismus wie Nationalsozialismus und Kommunismus herrschte. Nun, die Nazis waren aggressiv, aber, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Atheisten. (Und die mit ganz wenigen löblichen Ausnahmen bestenfalls opportunistische, in schlechteren Fall eifrig mitmachende Haltung der katholischen Christen im Nationalsozialismus ist wahrlich kein Ruhmesblatt.) Nun gibt es bekanntlich neben der religiösen (oder antireligiösen) Rechtfertigung eines Herrschaftssystems noch eine Vielzahl weitere politische, ökonomische, kulturelle usw. usw. Faktoren, die ein Regime prägen. Zudem können fanatisierte Anhänger einer "materialistische" Pseudoreligion genau so verheerend wirken wie "echte" Glaubenskrieger und "Kreuzritter".
Atheismus sei aber auch heute noch präsent, meint de Bischof, teils werde er – wie im Falle des Buches "Gotteswahn" von Richard Dawkins - wissenschaftlich getarnt. Womit Ludwig den Bogen von Stalin, Mao oder Hitler zum pazifistisch gesonnenen Biologen Dawkins geschlagen hätte. Dawkings "tarnt" seinen Atheismus auch nicht als Wissenschaft, sondern trennt deutlich die Forschungsergebnisse der Evolutionsbiologie von den in der Tat atheistischen Konsequenzen, die er daraus zieht.

Wie viele Apologeten setzt sich Bischof Ludwig mit Behauptungen auseinander, die niemand aufgestellt hat - jedenfalls nicht die "neuen Atheisten":
Sogar Kindstötungen stellten nach dieser völlig amoralischen Sichtweise (dem Atheismus) kein Verbrechen dar, weil der Mensch keinen freien Willen habe und nur von seinen Genen gesteuert handle. Der Mensch dürfe niemals Mittel zum Zweck werden, meint der Bischof, Menschen dürfen niemals als bloßes Biomaterial missbraucht werden nach dem Motto: Das Recht ist immer auf der Seite des Stärkeren. So, als ob irgend eine prominenter neuer Atheist wirklich solche Ansichten vertreten würde. Und weiter: Die Einsicht, dass jeder einzelne Mensch eine unveräußerliche Menschenwürde besitze, rühre vom christlichen Menschenbild. Interessant, denn immerhin gründet sich der "neue Atheismus" auf das säkulare Vernunftdenken der Aufklärung, das sich wiederum auf die vom Gottesglauben freie ethische Traditionen der antiken Philosophie beruft. Sie entstanden lange, bevor Paulus das Christentum auch unter Rückgriff auf die Ethik der griechischen Stoiker schuf. Auch dürfte dem Geistlichen nicht unbekannt sein, dass die Vorstellung der Gleichheit aller Menschen vor Gott und der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz im Judentum schon spätestens seit dem Ende des "babylonischen Exils" im 6. Jahrhundert vor Christus tief verankert war.

Die Argumentation gegen den Atheismus läuft bei Ludwig wie den meisten "neuen Apologeten" darauf hinaus, dass ohne den Glauben an einen allmächtigen, allwissenden und strafenden Gott - der Mensch zu moralisch angemessenem Verhalten unfähig sei. (Siehe z. B. Die Lehre von der Hölle ist letzte Warnung auf dem konservativ-katholischen KATH.NET.) Die scheinbar gemäßigtere und intellektuell anspruchsvolleren Variante diese "Argumentes" ist, dass ohne transzendente Letztbegründung (die für die christliche Apologeten selbstverständlich mit der "göttlichen Offenbarung" identisch ist) kein moralischen Handeln möglich wäre.

Diese Sichtweise ignoriert wesentliche Traditionen der Geistesgeschichte, sondern denunziert zugleich auch alle Menschen, darunter auch durchaus religiöse und hochgradig spirituell gesonnene, deren Ethik und Moral nicht von "Gottesfurcht" bestimmt wird. Damit wird auch - mindestens - einem Drittel der Deutschen de facto moralisches Denken und Handeln abgesprochen.

Montag, 26. Mai 2008

Hexenjagd

Der Bericht auf der Website des "humanistischen Pressedienstes" über eine traurige Realität Hexen- und Zaubererjagd im 21. Jahrhundert beginnt mit bezeichnenden Worten:
Manchmal müssen Journalisten über Ereignisse berichten, die dermaßen unbegreiflich sind, dass sie befürchten, die LeserInnen, ZuhörerInnen oder ZuschauerInnen am Wahrheitsgehalt zweifeln werden.
Ich muss gestehen: mich wundert, angesichts dessen, was ich über die große europäische Hexenverfolgung (nicht etwa im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit) weiß, und was mir über heutige Hexenverfolgungen, vor allem in Indien und in Ost- und Südafrika, bekannt ist, nur eines: Dass es nicht viel häufiger Meldungen dieser Art gibt.

Im Westen Kenias wurden fünfzehn Menschen, Männer und Frauen, ermordet und verbrannt, weil ein "Lynchmob" von ca. 300 Anhängern sie der Hexerei beschuldigte. Ihr "Beweis" für magische Kräfte war eigentlich "nur" eine groteske Vermutung, die allerdings vielen "Beweisen" für Hexerei in der von Wolfgang Behringer herausgegebenen kommentierten Textsammlung "Hexen und Hexenprozesse in Deutschland" zum Verwechseln ähnelt: Die "klugen Kinder" würden durch diese "Hexen" Leute „dumm". Das reichte für das Massaker.
Solche Massaker kommen leider immer wieder vor - mit hoher Dunkelziffer. Wenn sie doch einmal die internationalen Medien erreichen, dann gehen sie erfahrungsgemäß schnell unter.
Es ist allzu billig, hier von "afrikanischem Aberglauben" oder "Hexenwahn" zu sprechen. Der Schritt von einem magischen Weltbild, in dem Schadenzauber für möglich gehalten wird (aber es auch für jeden Schadenzauber einen Gegenzauber gibt), zur Hexenverfolgung ist meines Erachtens weit. (Hierzu verweise ich auf einen Text zum Thema "Hexenverfolgung", die ich für einigen Jahre schrieb: Die Erfindung des Hexereideliktes.)

Ziemlich kurz scheint hingegen der Schritt von der "Hexenverfolgung von unten" zur "Hexenverfolgung von Staats wegen" zu sein. Eine im Volk weit verbreitete Angst vor "Hexerei", der einfache Menschen sich "wehrlos" ausgeliefert fühlen, ein defektes Justizsystem und religiöser Fanatismus der Mächtigen reichen aus.

Dieser Fall aus Saudi-Arabien könnte aus der frühen Neuzeit und aus Behringers Textsammlung stammen:
Im Februar diesen Jahres verbreitete die BBC die Hintergründe eines schier unfassbaren Gerichtsurteils in Saudi-Arabien. Fawza Fahil, eine geschiedene 35-jährige Frau hatte in ihrem Haus einen Bindfaden mit sieben Knoten, ein geschlachtetes Huhn und einen impotenten Nachbarn. Der potenzgestörte Mann rief daraufhin die Religionspolizei weil er behauptete, die Frau habe ihn durch „Magie" seiner Manneskraft beraubt. Frau Fahil wurde daraufhin zum Tode durch Enthaupten verurteilt. Das Gerichtsurteil ist durch alle Instanzen bestätigt worden. Letzter Hoffnungsschimmer ist eine Begnadigung durch König Abdullah.
Zur Erinnerung, weil es von unseren Politikern und unseren Medien ungern ausgesprochen wird: Saudi Arabien ist eine absolute Monarchie, in der König Abdullah eine Machtfülle genießt, von der "Sonnenkönig" Louis XIV. nur träumen konnte. Entsprechend finster sieht es mit den Menschenrechten aus. Aber Saudi Arabien hat, im Gegensatz zu anderen notorischen Unrechtsstaaten, wie Nordkorea und Myanmar, gewaltige Erdölvorkommen.
Nicht "typisch frühneuzeitlich", sondern typisch frühes 21. Jahrhundert ist, wie der "Fall" im "aufgeklärten Westen" behandelt wird:
Kritiker sprechen von einem „akribisch geplanten Justizmord". Der Menschenrechtsbeauftragte der Partei DIE LINKEN im Bundestag, Michael Leutert, hat sich der Sache angenommen - viel Hoffnung hat er jedoch auch nicht. Besonders traurig ist: nicht ein einziges Land der EU, die fortwährend über Menschenrechte und deren Einhaltung spricht, hat Frau Fahil Asyl angeboten. Genutzt hätte es wahrscheinlich ohnehin nicht viel. Dem Nachrichtensender n-tv gegenüber sagte ein Sprecher der saudischen Botschaft in Berlin, man lehne eine solche „Einmischung in innere Angelegenheiten" kategorisch ab.
Abgesehen vom Opportunismus gilt in solchen Fällen das Prinzip "was nicht sein darf, kann nicht wahr sein".

Nur am Rande: Ein Prinzip, aus dem auch z. B. ein offen verfassungswidriger Vorschlag eines CDU-Vorstandsmitgliedes medial zu einer Art "Dummenjungenstreich" wird Die CDU, ein dummer Bengel und das Klassenwahlrecht - wohl, weil ernst gemeinte und ernst zu nehmenden offen verfassungswidriger Vorschläge gefälligst nur von der NPD gemacht zu werden haben. Oder äußerstenfalls noch, wenn es nach einige Rechts"liberalen" und Rechts"konservativen" geht, von den LINKEN.

Donnerstag, 1. Mai 2008

Gedanken über Magie (1)

"Magie ist die Kunst, die Sinnenwelt willkürlich zu gebrauchen." Novalis

"Magie ist die Wissenschaft und Kunst, das Bewusstsein willkürlich zu Verändern."Dion Fortune

Gestern war Walpurgisnacht - oder Beltaine, wie dieses "Hexenfest" bei Neuheiden unter Rückgriff aufs Keltische genannt wird. Anlass für mich, einige meiner Gedanken zu Magie und Zauberei (das sind ähnliche, aber nicht ganz deckungsgleiche Begriffe) kund zu tun.

Vorweg muss ich eins klarstellen: weder Magie noch Zauberei - so wie ich diese Begriffe verstehe - haben auch nur das Geringste mit "Übernatürlichem" Geschehen, mit "Wundern", die zeitweilig die Naturgesetze außer Kraft setzen, oder mit "unerklärbaren Fähigkeiten, die nur Eingeweihten zukommen" zu tun. Womit geschätzte 95 % der "Esoterik"-Literatur und geschätzte 80 % der "PSI"-Literatur vom Tisch bzw. Regal wären. Und ca. 9 von 10 Fernsehsendungen und Internet-Seiten zu diesem Thema.

Wer eine "Einführung in die Magie" erwartet, den muss ich ebenfalls enttäuschen. Ich empfehle zu diesem Thema einen schon älteren Text von Jens Scholz, der glücklicherweise nicht in den Weiten des Webs verschollen gegangen ist: "Einführung in die Magie". Einer der wenige Internet-Texte über Magie, die mit Sinn für Ironie und einer gehörigen Portion Skepsis gelesen sein wollen. (Man sollte jeden Text über Magie mit Sinn für Ironie und einer gehörigen Portion Skepsis lesen - auch diesen hier!) Sehr empfehlenswert, obwohl ich in einigen Details anderer Ansicht bin als Jens, und ich vermute, dass er manches heute anders oder gar nicht schreiben würde.

Ich beginne meine Überlegungen mit dem Thema "schwarzmagische Angriffe" und einem Blick nach Indien. Während hierzulande Menschen, die behaupten, "magische" (im Sinne von "übernatürliche") Fähigkeiten oder "PSI"-Kräfte zu haben, sich z. B. damit begnügen, Löffel zu verbiegen und dazu Geschichten zu erzählen, bei denen sich die Balken biegen, sind die Behauptungen der Kollegen im an "Wunder" und "Wundertäter" gewöhnten Indien von ganz anderem Kaliber. Es gibt Tantriker, die behaupten, auf magische Weise töten zu können.
Tantra ist bei uns im "Westen" eher im Zusammenhang mit Sexualpraktiken bekannt. Dennoch töten Tantiker nicht etwa dadurch, dass sie ihr Opfer mit viel Ausdauer in den Herztod durch sexuelle Überanstrengung treiben. Auch sollte man die indischen Tantriker nicht mit ihren esobärmlichen europäischen Gegenstücken verwechseln - die hiesigen Traurigen Tantriker sind schlimstenfalls tödlich langweilig.
Nein, ich meine indische Tanktriker vom Format eines Pandit Surinder Sharma. Sharma behauptet, im Auftrag hochrangiger Politiker zu stehen und für sie zu zaubern - unter anderem als "magischer Auftragskiller". Nach eigenen Angaben ist er in der Lage, jeden beliebigen Menschen innerhalb von drei Minuten durch Gedankenkraft töten zu können.
Sanal Edamaruku, Präsident von Rationalist International, war da skeptisch und forderte am 3. März dieses Jahres auf India TV den vorgeblich mächtigsten Tantriker des Landes heraus, seine Kräfte zu beweisen:

Hier einige Ausschnitte aus der über zweistündigen Live-Sendung. (Schon an dieser Dauer ist zu erkennen: Das mit den "drei Minuten" war wohl nichts!) Immerhin haben die vergeblichen Bemühungen des Schwarzmagiers einen großen Unterhaltungswert:
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 1
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 2

Sanal Edamaruku überlebte, obwohl der Tantriker sogar unfaire Mitteln (körperliche Angriffe) anwendete. Er wirkte sogar sehr amüsiert. Der Moderator brach das Experiment schließlich ab und erklärte den Tantriker zum Verlierer. Noch in selben Nacht gewährte Sanal dem Schwarzmagier eine Revanche beim "Tantra der absoluten Zerstörung".
Sanal Edamaruku Challenges Tantra Part 3.
Im Grunde unnötig zu erwähnen: Pandit Surinder Sharmas schwarzmagisches Killer-Ritual - das aus der Bollywood-Version eines Voodoo-Gruselfilms stammen könnte - bleibt abermals erfolglos.

Ein ausführlicher Bericht bei "Rationalist International": Bulletin Nr. 171 (10. März 2008) - Die Große Tantra-Herausforderung.
(Gefunden über hpd bzw. GWUP: Skeptiker vs Magier: Tod durch Tantra?)

Nun gingen die vollmundigen Behauptungen Pandit Surinder Sharmas nicht allein auf seinen Größenwahn zurück. Uma Bharati (ehemalige Ministerpräsidentin des indischen Staates Madhya Pradesh) beschuldigte ihre politischen Gegner in einer öffentlichen Erklärung, ihr mittels Tantra Schaden zugefügt zu haben. Tatsächlich hatte die unglückliche Frau innerhalb weniger Tage ihren Lieblingsonkel verloren, sich an ihrer Autotüre den Kopf gestoßen und ihre Beine mit Wunden und Pusteln bedeckt gefunden.

Wie kann ein Killer-Tantriker erfolgreich sein, auch wenn sein Hokospokus einer experimentellen Prüfung nicht standhält? Es gibt keinen Grund, herablassend über die "abergläubischen Inder" zu lachen, denn die grundlegende Mechanismen funktionieren auch bei uns.
Es geht hierbei nicht um Magie (und schon gar nicht um irgendwelche "übernatürlichen Kräfte") als vielmehr um psychologische Tricks. Jens Scholz erklärt es so:
Nun gibt es aber auch noch ganz andere "magische Angriffe": Du findest einen toten Frosch unter deiner Fußmatte oder eine Rune auf dem rechten Hinterrad. Oder jemand ruft an und raunt ein "der Teufel wird dich morgen holen!" in den Hörer. Oder du weißt, wer dich zu seinem Opfer erkoren hat und der macht jedes mal so komische Handbewegungen, wenn er dich sieht und geht dann böse grinsend davon.

Das ist dann wirklich etwas, wogegen du dich wehren musst. Allerdings geht es hier nicht um Magie, sondern um psychologische Kriegsführung. Denn was derjenige versucht, ist klar: Er setzt bedrohlich wirkende Signale, die dich beunruhigen und dadurch unkonzentriert machen sollen. Und wenn du unkonzentriert bist, passieren dir immer öfter kleine Missgeschicke, die dich um so mehr davon überzeugen, dass hier etwas nicht stimmt. Nun ist das Ego leider ein wenig doof, denn es kombiniert leider ein wenig zu einfach: Der Typ da hat gesagt, dass es mir übel ergeht, mir ist heute das Butterbrot zweimal runtergefallen, ergo der hat Schuld und beeinflusst mich (hat er ja auch gesagt). Das führt zum nächsten Schritt: Die Missgeschicke werden immer mehr, die Unsicherheit immer größer, die Überzeugung, dass dich der Kerl dort "magisch angreift" immer gewisser und so weiter. Irgendwann marschierst du über die Straße und übersiehst vor lauter Zappeligkeit den Laster, der dich prompt auf den Kühler nimmt...
Tantriker würden eine eine solch furchterregende Atmosphäre schaffen, dass selbst Menschen, die wüssten, dass nichts an der schwarzen Magie dran sei, aus Angst zusammenbrechen könnten, kommentierte ein Wissenschaftler in der Sendung. Es würde enormen Mut und starkes Selbstvertrauen erfordern, sie herauszufordern, indem man tatsächlich sein Leben aufs Spiel setzt. Indem er das tat, hätte Sanal den Bann gebrochen und denen, die seinen Triumph erlebt haben, viel von ihrer Angst genommen.

Es hätte also durchaus sein können, dass ein Probant, der sich nicht wie Sanal absolut sicher war, dass der Magier ihm nichts anhaben könne, entweder irgendwann so viel Angst bekommen hätte, dass er aufgegeben hätte oder psychisch zusammengebrochen wäre.

Es gibt, außer der völligen und bis tief in Unterbewusstsein reichenden Überzeugung "der Typ kann mir nichts anhaben", verbunden mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein, noch andere Methoden, sich vor vermeintlichen und tatsächlichen "magischen Angriffen" zu schützen. Jens schlägt eine Art "Schutzschirmvisualisierung" vor, die auch bei Alltagsärger wirkt. (Sie wirkt tatsächlich.) Auch die von Außenstehenden gern belächelten Schutzkreisrituale haben in diesem Kontext einen Sinn - weniger als Schutz gegen "schwarze Magie" denn als Trick zur psychologischen Selbstverteidigung. Fromme Menschen können es auch mit Beten versuchen - in solchen Fälle hilft Beten wirksam und sofort!

Ein Rezept, das auch aus Märchen und Mythen bekannt ist, hilft besonders gut, und Sanal wendete es intuitiv mehrmals gegen den "Schadenzauber" Sharmas an:
Lachen bannt!
Wenn man die bösen, bösen und ach so mächtigen Schwarzmagier / bösen Hexen / Killer-Tantriker einfach nicht ernst nimmt, sie als die lächerlichen Figuren erkennt, die sie sind, dann haben sie kein Quentchen Macht.

Das gilt nicht nur für die Möchtegern-Schwarzmagier dieser Welt, sondern zum Beispiel auch für "dämonische", suggestive, ihr Publikum zuerst gefangen nehmende und dann an der Nase herumführende Redner.

Meisterhaft setzte Charlie Chaplin diese Mittel in seinem Film "Der große Diktator" ein, und zwar in seiner berühmten Parodie auf eine typische Hitler-Rede, gehalten in einer wage deutsch und sehr nach Hitler klingenden, grotesken Phantasie-Sprache. Damit lenkt Chaplin die Aufmerksamkeit auf die perfekt nachgeahmte Körpersprache und auf die im Grunde einfachen schauspielerischen Tricks Hitlers.
Wer einmal richtig über diese Parodie gelacht hat, der wird wahrscheinlich später auch das "Original" so lächerlich finden, wie es tatsächlich war.
Wenn heute Hitlers Redestil, und damit auch der Stil seiner zahlreichen Nachahmer, bei den meisten Zuhörern eher lächerlich als "ergreifend" oder "dämonisch" wirkt, dann ist das zum großen Teil Chaplins Können zu verdanken.

In meinem Sinne ist Chaplins ein genialer Magier - ohne Tricks und doppelten Boden, ohne Psi-Phänomene und übernatürliche Kräfte.

Samstag, 12. April 2008

Liste der schlimmsten Religionsführer

Anlässlich des bevorstehenden Papst-Besuches in den USA, bei dem so sicher wie das Amen in der Kirche sehr viel von der friedenstiftenden Rolle der Religion die Rede sein wird, veröffentlichte das Internet-Portal Foreign Policy eine Liste mit den schlimmsten religiösen Führern der Welt:
The List: The World’s Worst Religious Leaders
  • Hassan Nasrallah - Religion: schiitischer Islam - Generalsekretär der Hisbollah - predigt Vernichtungs-Antisemitismus
  • Joseph Kony - Religion: Christentum / Personenkult - Oberbefehlshaber der "Lord’s Resistance Army (LRA)" - Massenmörder im Ugandischen Bürgerkrieg.
  • Yogi Adityanath - Religion: Hinduismus - Religiöser Führer und Mitglied des Parlaments von Uttar Pradesh, Indiens bevölkerungsreichster Provinz, militanter Hindu-Nationalist, hetzt zu anti-islamischen Revolten auf.
  • Athuraliye Rathana - Religion: Theravada-Buddhismus - Mönch und Parlamentsabgeordneter in Sri Lanka - hetzt gegen die tamilische Minderheit, ruft zur Vernichtung der "Tamil Tigers" auf.
  • Dov Lior - Religion: hasidisches Judentum - Führender Rabbi der Kiryat Arba Siedlung, Israel - Behauptet, es sei mit den jüdischen Gesetzen vereinbar, palästinensische Zivilisten zu ermorden, meint, dass das biblische Gebot “Du sollst nicht morden" nur unter Juden gelten würde.
Diese deprimierende Liste religiöser Hetzer könnte problemlos auf 50 Namen verlängert werden - wahrscheinlich sogar auf 500 predigende Anstifter zum Massenmord ähnlichen Kalibers. Rechnet man mordlüsterne religiöse Spinner hinzu, die den Göttern sei dank weniger Einfluss und Anhänger haben, dürfte die Liste einem Telefonbuch ähneln.
Offensichtlich hat sich "Foreign Policy" darauf beschränkt, für jede "Weltreligion" ein besonders abscheuliches Exemplar der Gattung "Hassprediger" herauszusuchen.

Als Polytheist möchte ich meine "Mit-Heiden" vor der Illusion warnen, dass nur monotheistische Religionen zu solch mörderischem Hass und Intoleranz fähig seien - die Hinduismus-Richtung, der Adityanath Yogi angehört, ist eindeutig polytheistisch. Nebenbei möchte ich gar nicht wissen, was geschehen würde, wenn einige Möchtegern-"Heidenfürsten" nicht nur ihre handvoll Sektierer, sondern eine wirklich schlagkräftige Anhängerschaft hinter sich hätten.
(via hpd-online)

Samstag, 5. April 2008

Wie hältst Du es mit den Stammzellen?

Heute startete eine gemeinsame Kampagne der katholischen und evangelischen Kirche unter dem Titel "Gesundheit - höchstes Gut?"
Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland sorgen sich nun etwa nicht um unsere Gesundheit, sondern darum, dass das Nachdenken über äußerliches Wohlbefinden und körperliche Fitness inzwischen einen derart breiten Raum einnähme, dass man bereits von einer "Gesundheitsreligion" sprechen könne, wie es führende Kirchenvertreter in Würzburg ausdrückten.
SpOn: Kirchen verdammen Fitnesskult.
Kritik an Übertreibungen beim Streben nach Fitness und Gesundheit sind das eine. Eine Kampagne unter dem Titel "Gesundheit - höchstes Gut?" das andere. Schon die Frage konstruiert einen Gegensatz zwischen "Streben nach Gesundheit" und "Streben nach dem Seelenheil", wobei letzterem der Vorrang eingeräumt wird:
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, kritisierte den "Gesundheitswahn unserer Tage". Gesundheit sei wichtig, aber es sei nicht richtig, sie zum Idol zu machen, mahnte Huber beim ökumenischen Gottesdienst im Kiliansdom der Stadt. "Wo es früher noch um das Heil der Seele ging, geht es heute nur noch um den heilen Körper", beklagte der Bischof.
Ich sehe keinen Gegensatz zwischen dem Streben nach körperlichem und psychischem Wohlbefinden und dem Streben nach dem Heil der Seele - für mich geht beides Hand in Hand, das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben. Übrigens kann man sich trotz schwerer Krankheit "wohl befinden", während andererseits sogar leichte "Störungen", die die (berufliche) Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigen, einem "das Leben zur Hölle" machen können - nach meinem Empfinden lebt man dann nicht im Heil.
Wenn man allerdings "Gesundheit" nicht als "Wohlbefinden", sondern etwa als "maximale Leistungsfähigkeit" definiert, und mit "Heil der Seele" die "Erlösung" im christlichen Sinne meint, dann, ja dann gibt es durchaus einen "Zielkonflikt".

Von berechtigten, aber banalen Mahnungen wie der, dass Krankheit, Leiden und Tod zum Leben gehören, oder dass es "keine Garantie für ewige Jugend" gäbe (seltsam, ich dachte immer, kein Mensch bliebe ewig jung) oder der, dass kein Mensch "immerwährend gesund" sei, abgesehen: Worauf zielt die Kampagne ab?

Während der "Woche für das Leben" soll kritisch hinterfragt werden, wer Definitionen von Gesundheit vorgibt und warum. Das ist eine in der Tat eine wichtige Frage, denn das Gesundheit instrumentell gesehen wird ist ein drängendes Problem: etwa, das "gesund" gleich "arbeitsfähig" gesetzt wird, egal, wie es dem Einzelnen dabei geht, oder politischer Druck zur "gesunden Lebensführung", mit dem immer im Hintergrund stehenden Vorwurf, jemand sei an seinem Herzinfarkt (Lungenkrebs, Hautkrebs, Bluthochdruck usw. ) doch "selber Schuld", oder - besonders widerlich - die Ausgrenzung Kranker, Gebrechlicher und Behinderter, weil sie der "Leistungsnorm" nicht entsprächen. Aus humanistischer Sicht ist das sehr zu begrüßen!

Aber ich ahne bei diesen Worten, dass da noch ein ganz anderes Thema auf der Tagesordnung steht:
Mit der Woche für das Leben setzten sich die Kirchen gemeinsam ein "für die Würde und den Schutz des menschlichen Lebens in all seinen Phasen und für alle Menschen – gleich welchen Alters und welcher physischer und psychischer Verfassung."
Die allererste "Woche für das Leben" war eine Woche für den "Schutz des ungeborenen Kindes" und seitdem sind die Fragen "Abtreibung" und "Sterbehilfe" ständig auf der Agenda dieser Veranstaltung präsent.
Der vermutlich heikelste Streitpunkt zwischen "christlicher Moral" (nach Maßgabe der römisch-katholischen und - teilweise - der evangelisch-lutherischen Kirchenleitung) und dem "Streben nach Gesundheit" ist die Frage nach den embryonalen Stammzellen.

Auch wenn manche Hoffnungen, die auf die Heilungschancen durch den Einsatz embryonaler Stammzellen gesetzt werden, wahrscheinlich übertrieben sind: die Stammzellforschung ist eines der wichtigsten Forschungsgebiete der modernen Medizin. Und ein wichtiger Teil dieser Forschung ist ohne menschliche embryonale Stammzellen nicht zu machen.
Das Problem (aus christlicher Sicht): der Beginn des menschlichen Lebens wird bei der Befruchtung der Eizelle gesehen. Also muss man (potenzielle) Menschen ermorden, um an embryonale Stammzellen zu kommen. Weshalb sich die Debatte in christlich geprägten Ländern an der moralischen Frage: "Darf man Leben vernichten, um Leben zu retten?" festfährt.

Es fällt auf, dass das vergleichsweise winzige Israel in der Erforschung und Nutzung menschlicher Embryonalzellen weltweit eine führende Position innehat. Einer der wichtigsten Gründe dafür liegt in der jüdischen Religion.
Ein Menschenleben zu retten ist eines der wichtigsten Gebote des Judentums (wie auch des Christentums, des Islams und aller anderen mir bekannten Religionen, mit der mögliches Ausnahme des Satanismus). Dieses Gebot steht im Judentum über fast allen anderen Glaubensgesetzen - durchaus im Gegensatz zu einigen nicht unwichtiger Richtungen des Christentums und des Islams, für die das "irdische Leben" eine untergeordnete Bedeutung hat.
Eine der Grundbedingungen zur Menschwerdung ist laut rabbinischer Auslegung die Einnistung des Embryos im Mutterleib. Föten aus künstlicher Befruchtung genießen deswegen, solange sie nicht erfolgreich eingesetzt wurden, keinen rechtlichen Schutz. Hinzu kommt, dass die jüdische Religion selbst einen Fötus im Mutterleib erst ab dem vierzigsten Tag als ein vollwertiges menschliches Wesen betrachtet - eine pragmatische Annahme, die der Tatsache Rechnung trägt, dass die Mehrzahl der Embryonen in der Frühschwangerschaft spontan "abgeht".
Deswegen gibt es in Israel fast keine gesetzlichen Einschränkungen in der Stammzellforschung. Dennoch kann die Forschungsethik in Israel gegenüber vielen "christlich" geprägten Staaten als vorbildlich angesehen werden: es ist keineswegs so, dass Embryonen einfach als "Verbrauchsgut" gesehen werden - wenn bei einer künstlichen Befruchtung mehr befruchtete Eizellen entstehen, als benötigt werden, dürfen sie auf keinen Fall einfach weggeworfen werden.
Aber ein Gebrauch für medizinische Forschungszwecke geht in Ordnung - das moralische Gebot "Menschenleben retten" steht über der Heiligkeit der befruchteten Eizellen. Jeder andere Zweck außer der Bekämpfung lebensbedrohlicher Krankheiten (etwa der Gebrauch embryonaler Stammzellen für kosmetische Zwecke) ist verboten.
Das Klonen von Menschen ist in Israel ausdrücklich verboten und jedes Experiment mit embryonalen Stammzellen muss von einem Komitee genehmigt werden. Die Kommerzialisierung menschlicher Embryos, dass heißt Handel oder ihr Ankauf, ist ebenfalls untersagt.

Aus humanistischer wie aus "neopaganer" Sicht (der Sicht einer "Religion", für die das Jenseits Hypothese und das Diesseits Realität ist ) finde ich die israelische Sichtweise äußerst begrüßenswert. So begrüßenswert, dass ich sie mir ohne weiteres zu eigen mache.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Immerhin ist "Datenschutz"...
Wir sind das Volk - ihr seid nur gewählt! Der...
MMarheinecke - 12. Okt, 15:12
Oh! Dann hängt in...
Oh! Dann hängt in meinem Flur ja schon seit etwa...
Ecki (anonym) - 11. Okt, 01:54
Bundeswehr als "Hilfspolizei"?
Die Idee, die Bundeswehr bewaffnet "im Inneren" einzusetzen,...
MMarheinecke - 11. Okt, 00:14
flüsterflüster...
flüsterflüster ... Sachsen ... flüster...
MMarheinecke - 10. Okt, 21:15
murmelmurmel... Sachsen......
murmelmurmel... Sachsen... murmel... Polizei... murmel......
freiburgerthesen (anonym) - 10. Okt, 15:37

Suche

 

auch wichtig:



Ein Grundgesetz für Schäuble


abmahnung-blog
Keine Zielgruppe
Wir haben bezahlt!


Weiterveröffentlichung
für nichtkommerzielle
Zwecke frei.
Quellenangabe oder
Verlinkung erbeten.

Status

Online seit 1048 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 12. Okt, 15:13

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this page (with comments)
xml version of this topic

twoday.net AGB


doof-aber-gut
Gedankenfutter
Geschichte & Archäologie
Kulturelles
Medien, Lobby & PR
Medizin
Persönliches
Politisches
Religion, Magie, Mythen
Überwachungsgesellschaft
Umwelt
Wissenschaft & Technik
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: