Sonntag, 14. Juni 2009

Volk 1.0?

verlierer

"Verlierer des Tages" am 12.Juni.2009 war, laut BILD, Björm Böhning:
Der Sprecher der SPD-Linken, Björn Böhning (31), will den Gesetzentwurf der Großen Koalition zur Sperrung von Kinderporno-Seiten im Internet zu Fall bringen. Der Entwurf sieht vor, dass solche Websites durch Stoppschilder gekennzeichnet werden. Wer sie trotzdem aufruft, wird strafrechtlich verfolgt. Für Böhning ist das laut "Spiegel Online" nur "Alibi-Politik".

BILD meint: Stoppt Böhning!
Wer ist schon gegen Kinderporno-Gegner? (bildblog)

Offensichtlich wähnt sich BILD - mal wieder - auf der Seite der "schweigenden Mehrheit". Womit BILD, trotz Petition gegen Internetsperren und fühlbarem Gegenwind, der Bundesminsterin von der Leyen entgegenweht, leider nicht ganz unrecht haben dürfte. Bei Themen wie "Kinderpornographie" setzt nicht nur in Deutschland bei vor lauter Empörung vielen Menschen der kritische Verstand aus - sonst wären die Sperren in den skandinavischen Ländern und in Großbritannien nicht so reibungslos durchgesetzt worden.
Für Kenner der deutschen Mentalität ist die Internet-Bürgerrechtsbewegung, wie ich sie mangels eines besseren Begriffs nenne, keine Selbstverständlichkeit.

Daniel Kulla meinte 2007 in einem Kommentar für die "Jungle World" (Volk 1.0), dass Schäuble keine neue Stasi aufbauen wolle: er würde nur das verwirklichen, was sich die Deutschen wünschen.
Das ist, angesichts des Eifers, mit dem im Innen-, Wirtschafts- und Familienministerium, unterstützt u. A. von der BKA-Leitung, immer schlimmere Bedrohungen an die Wand gemalt werden, gegen die immer härter und mit immer mehr Kompetenzen für den Innenminister bzw. das ihm unterstellte BKA durchgegriffen werden muss, eine etwas überraschende Feststellung.

Andererseits: der "deutsche autoritäre Beißreflex" (nach Burks "Härter durchgreifen! Melden, durchführen und verbieten!") ist ja nicht nur in der BILD und ähnlichen Boulevardmedien (also gefühlten 90% der deutschen Medienlandschaft) und auf dem "rechten Flügel" der Unionsparteien sehr präsent. Der Eindruck, den Deutschen sei mehrheitlich "mehr Sicherheit" so viel Wert, dass sie dafür Freiheitsrechte und Privatsphäre willig opfern, oder ihnen seien Bürgerrechte einigermaßen schnuppe, solange sie "ihre Ruhe" hätten (und sie selber hätten natürlich nichts zu verbergen), ist angesichts dem, was Kulla zurecht feststellt, kaum zu zerstreuen:
Wer sich in Deutschland für das Recht auf Privatsphäre einsetzt, vertritt eine Minderheitenposition und kann sich auf keine Civil Liberties Union stützen, nicht auf libertäre Fraktionen in den Regierungsparteien oder auf eine starke Bürgerbewegung, die wie in Irland Biometrie in den Ausweisen verhindern könnte.
Es gab auch in der BRD und zwar schon lange vor "1968" Ansätze zu einer breiten Bürgerrechtsbewegung. Es darf auch nicht die Rolle der DDR-Bürgerrechtler beim Sturz des "Kasernenhof-Sozialismus" unterschätzt werden. Aber breiter Konsens wurden die Bürgerrechte in der angeblichen deutschen "Konsensgesellschaft" nicht.
Seit einigen Jahren gibt es, von beflissenen Medien unterfüttert, einen deutlichen "Rollback" der Bürger- und Menschenrechte. (Übrigens ein europaweit zu beobachtendes Phänomen.) In dieser Sichtweise stehen die "alten 68er" für Werteverfall, Gruppenegoismus, heimliche Herrschaft über gesellschaftliche Diskurs. Die "Internetrebellen" und "Piraten" von heute sind, aus dieser Perspektive, in jeder Hinsicht die Nachfahren der langhaarigen Gammler und Haschrebellen von damals: Menschen, deren Motive und Ziel "man", nicht nur in der BILD, nicht versteht oder nicht verstehen will, und denen man alles, aber nur nichts Gutes, zutraut.

Ein zweiter Punkt trägt sehr zum Eindruck des "Volkes 1.0" bei: die schnelle Resignation.

Da finde ich ein Beispiel aus einem immer noch ziemlich autoritär geprägtem Land ermutigend, Widerstand ist zweckmäßig:
Im Jahr 1950 unterzeichneten die Philippinen das Abkommen von Florenz, das den Import von Büchern aus dem Ausland jeglicher Zollgebühren enthebt. Entgegen dieses Vertrages wurden aber in den letzten Jahren Zölle auf importierte Bücher erhoben - ein nicht zu vernachlässigendes Hindernis für die Bildung der Massen. Seit Beginn dieses Jahres eskalierte die Situation. Die Buchhändler, mit massiven Verkaufsrückgängen konfrontiert, zahlten die Zollgebühren zähneknirschend. Eine "Sturzflut von Kritik und Widerstand" brachte Präsident Arroyo dazu, das Finanzministerium anzuweisen, keine Zölle mehr auf importierte Bücher zu erheben.

Ich hoffe, dass der noch lauer Gegenwind, der den regierungsamtlichen Verfassungsgegnern ins Gesicht weht, zum Sturm wird, auf dass auch hier eine Sturzflut von Kritik und Widerstand den sich abzeichnenden neuen Obrigkeitsstaat hinwegspült.

Dabei darf ein Hindernis nicht aus den Augen verloren werden:
Vielleicht täte eine Kampagne gut, die diesem Schlag von Blockwarten klarmacht, dass die Grundlage ihrer Häme darin besteht, dass niemand etwas über sie selbst herausfindet.
Also: JEDER hat etwas zu verbergen - und sei es vor den neugierigen Nachbarn, dem Chef, dem Finanzamt - oder gegebenenfalls den hartnäckigen BILD-Reportern!

Donnerstag, 11. Juni 2009

... und wieder so ein tolles Städteranking

Nach einer Studie, über die die Zeitschrift "The Economist" berichtete, ist die kanadische Westküstenmetropole Vancouver die lebenswerteste Stadt unter
140 untersuchten Metropolen. In Europa schnitt Wien mit Platz zwei am besten ab. Beste deutsche Stadt ist Hamburg (Platz 14, gleichauf mit Stockholm), und auch Frankfurt am Main (Platz 19, gleichauf mit Tokio) zählt dieser Studie zufolge zu den 20 lebenswertesten Städten der Welt. Schlusslicht bildet, nicht wirklich überraschend, Harare, die Hauptstadt von Simbabwe.

In die Rangliste flossen 39 Faktoren aus den fünf Bereichen Gesundheitswesen, Stabilität, Kultur und Umwelt, Erziehung und Infrastruktur ein. Studie zur Lebensqualität - Frankfurt gehört zur Weltspitze (hr-online)

Was ich von solchen Städterankinks halte, schrieb ich bereits. Rankings: Wie bastel ich mir eine Spitzenposition?. Zugegeben, Rankings sind amüsant. Etwa so wie Zeitungshoroskope. Wer so was allerdings ernst nimmt, ist aber reichlich naiv - oder, im Falle der Rankings, PR-Mensch oder Politiker.

Bemerkenswert erscheint mir weniger das gute Abschneiden Wiens, als dass München, der Dauerspitzenreiter deutscher Städterankings, weit abgeschlagen auf Platz 28 liegt. Das verrät weniger über die Qualitäten Münchens, als über die Gewichtungen in deutschen Städterankings, mit denen ja durchaus Politik gemacht wird. "Lebenqualität" ist ein sehr schwammiger Begriff, der sehr unterschiedlich mit Inhalt gefüllt werden kann.
(Die Top 10 sind Vancouver, Wien, Melbourne, Toronto, Perth, Calgary, Helsinki - Genf, Sydney und Zürich teilten sich punktgleich den 8. Platz.)

Ein Fan der Stadt Seattle (USA, Westküste, Bundesstaat Washington) hat einmal eine Rangliste aufgestellt, die Städte nach der Ähnlichkeit mit der Heimat von Boeing und Microsoft sortiert. Ich habe sie nicht im Gedächtnis und finde sie auch nicht per Internet-Recherche, aber ich könnte mir vorstellen, dass auch auf dieser Liste Vancouver ganz vorne läge. Ich vermute aber, dass im "Seattle-likeness-ranking" nicht Wien, sondern Hamburg gleich hinter Vancouver läge. Der Aussagewert für politische oder wirtschaftliche Entscheidungen, sogar der für die Auswahl als Tourismus-Ziel wäre jedenfalls beim "Seattle-likeness-ranking" nicht wesentlich schlechter, als bei der von "The Economist" veröffentlichten Studie.

Dienstag, 9. Juni 2009

Wie die jetzige GEMA-Regelung das Musikmachen erschwert ...

Im Prinzip ist die GEMA ja eine gute Einrichtung für Komponisten und Texter. Leider, vor allem nach der letzten Statuten-Änderung, nur noch im Prinzip - finanziell gesehen lohnt sich die GEMA-Mitgliedschaft erst auf einem Erfolgsniveau, das für die meisten Musikschaffenden praktisch unerreichbar ist.

Um zu illustrieren, wie hoch dieses Niveau ist: man sollte meinen, dass eine Band mit regelmäßigen Tourneen, großem Repertoire an eigenen Kompositionen und zwei bei einem "großen Label" erschienenen CDs, die auch gut laufen, reichlich Tantiemen über die GEMA kassiert. Von wegen! Sie hat gerade angefangen, nicht mehr draufzuzahlen! (Vor allem, weil auch für eigene Lieder GEMA-Abgaben gezahlt werden müssen, was die Promotion über Hörproben auf der Website zu einem teuren Vergnügen macht, und die Selbstkosten für Konzerte kräftig erhöht.)

"Die GEMA ist für Marius Müller-Westernhagen", heißt es schon lange unter deutschen Rockmusikern - und zwar nicht, weil man auf MMW sauer wäre, sondern auf die GEMA. Dass weniger als ein Zehntel der GEMA-Mitglieder mehr als 70 % der ausschüttungsfähigen Summe erhalten, liegt nicht allein daran, dass das Repertoire dieses Personenkreises auch den größten Teil der Aufführungen ausmacht. Dass über 90 % der Mitglieder sich die verbleibenden 30 % teilen, hängt auch damit zusammen, dass nur die ordentlichen Mitglieder der GEMA die Auszahlungsmodalitäten bestimmen. "Ordentliches Mitglied" mit Stimmrecht bei der Mitgliederversammlung zu werden, ist nicht ganz einfach: Voraussetzung ist eine 5-jährige außerordentliche Mitgliedschaft, und ein Mindesttantiemenaufkommen von über 30.000 Euro über die letzten 5 Jahre.

Wie bei Karan zu erfahren ist, wird auf Existenzgründungsseminaren für Musiker mittlerweile explizit abgeraten, der GEMA beizutreten.
Veranstalter stöhnen ebenfalls schon lange über die GEMA.
Die Abgaben für Kleinveranstalter wird von der GEMA nach Raumgröße und Höhe des Eintrittsgeldes berechnet und muss vorab entrichtet werden. GEMA-Pflicht für die gesamte Veranstaltung gilt ab einem GEMA-pflichtigen Musikstück. Die hohen Abgaben zwingen Kleinveranstalter die Anzahl der Konzerte zu reduzieren.

Monika Bestle von der Kulturwerkstatt Sonthofen, hat es nicht beim Stöhnen belassen, und eine Petition beim deutschen Bundestag initiert - mit dem Ziel einer längst fällige Reform zugunsten auch der Kleinverdiener unter den Künstlern und der "kleinen" Veranstalter. Sie kann hier online unterzeichnet werden.

Montag, 8. Juni 2009

Warum Schule in Deutschland so ist, wie sie ist

Er machte vor einiger Zeit Schlagzeilen, der Fall einer mutigen Grundschullehrerin in Bayern, die ihre Schüler mit guten Unterricht nicht nur zufrieden machte, sondern offenbar auch besonders lernfreundig. Sie vergab entsprechend gute Noten - zu gute Noten, wie die Schulbehörden fanden, die sie strafversetzte. "Sie hat die gängige Art der Leistungsbewertung und die damit verbundene Klassifikation von Kindern in Frage gestellt", steht in der Urkunde ihres Courage-Preises der Bayerischen Pfarrbruderschaft: Grundschul-Rebellin erhält Courage-Preis (SpOn)

Es ist ein offenes Geheimnis: das deutsche Schulsystem ist ein Aussieb-Schulsystem, und zwar in der Konsequenz noch nicht einmal kapitalistisch-leistungsfixiert, sondern von einem geradezu ständischen Gesellschaftsverständnis geprägt. Bayerischen Schulen regeln den Übergang der Kinder auf die weiterführenden Schulen traditionell besonders rigide - übrigens im auffälligen Widerspruch zur im Vergleich zu anderen Bundesländern geradezu vorbildlichen Förderung des wissenschaftlichen und technischen Nachwuchses. Im Prinzip hat man in Bayern schon früh erkannt, dass eine auf HighTech setzende Industrienation auch entsprechenden Nachwuchs braucht. Leider oft nur im Prinzip.
Nicht nur in Bayern, dort allerdings besonders offen, lassen Schulbehörden keinen Zweifel daran, dass die Lehrer nicht nur einen Bildungsauftrag, sondern auch einen Sortierauftrag haben - die Grundschullehrer als Türwächter des Gymnasiums. Das kollidiert natürlich heftig mit dem Auftrag, dass möglichst alle Schüler die Lernziele erreichen oder sogar übertreffen sollen.

Vor einige Jahren habe ich es kaum glauben können, als mir ein frustrierter Lehrer erzählte, in seiner Schule (übrigens in Berlin) gäbe es nicht nur die auch mir noch von meiner eigenen Schulzeit her übel vertraute Regelung, dass ein Lehrer das Notenspektrum voll ausschöpfen soll, sondern darüber hinaus, dass die Notenverteilung nach Möglichkeit der Normalverteilungskurve entsprechen sollte. Der Lehrer unterrichtete vor allem Mathe, und stand vor dem Dilemma, dass in einer Klasse "lauter faule Hunde" saßen, während es in der Parallelklasse einige echte Mathe-Überflieger gab, die ihre "normalen" Mitschüler außerdem zu regerer Unterrichtsbeteiligung mitrissen. Die Regelung hätte bedeutet, dass eine "2" in der "schlechten" Klasse für eine deutlich schwächere Leistung steht, als eine "3" in der "guten" - wohlgemerkt: beim selben Lehrer, auf der selben Schule, im selben Jahrgang.
Die Auswirkungen angesichts der "Notengläubigkeit" vieler Eltern, aber auch vieler Arbeitgeber, kann man sich nicht übel genug ausmalen.

Dass Politiker so weltfremd beziehungsweise so Klientelbezogen denken, ist leider relativ normal. Aber warum unterstützen Lehrer dieses offensichtlich den Interessen der Kindern und dem pädagogischen Auftrag zuwiderhandelnde System? Warum sind nicht mehr Lehrer daran interessiert, möglichst viele "gute Schüler" zu haben? Warum, um einen anderen Misstand anzusprechen, gibt es in Deutschland immer noch das "Drama um das hochbegabte Kind", den offiziellen Forderungen nach Begabtenförderung und dem weit verbreiteten Motto: "Leistung muss sich lohnen" zum Trotz?

Ich fürchte, der alte Hermann Hesse hat immer noch recht:
Für die Lehrer sind Genies jene Schlimmen, die keinen Respekt vor ihnen haben. (...) Ein Schulmeister hat lieber einige Esel als ein Genie in seiner Klasse und genau betrachtet hat er ja recht, denn seine Aufgabe ist es nicht, extravagante Geister herauszubilden, sondern gute Lateiner, Rechner und Biedermänner. (...) wir haben den Trost, dass bei den wirklich Genialen fast immer die Wunden vernarben, und dass aus ihnen Leute werden, die der Schule zum Trotz ihre guten Werke schaffen und welche später, wenn sie tot und vom angenehmen Nimbus der Ferne umflossen sind, anderen Generationen von ihren Schulmeistern als Prachtstücke und edle Geister vorgeführt werden.
Herman Hesse, 1972

Mit dieser bequemen Mentalität klappt das mit der "Normalverteilung". Gut, dass es mutige Lehrer gibt, die das anders sehen.

Samstag, 6. Juni 2009

Moraltheologischer Fehlschluss

Es ist bekanntlich ein naturalistischer Fehlschluss aus einer beobachteten biologischen Tatsache, etwa der Evolution, moralische Grundsätze für das menschliche Verhalten ableiten zu wollen.

Dem umgekehrter Fehlschluss unterliegen zumeist christliche Apologeten, deren Argumentation darauf hinausläuft, die Evolutionstheorie aus "moralischen Gründen" zu diskreditieren. In der platten Form "die Evolutionstheorie widerspricht den christlichen Moralvorstellungen, also muss ein Christ sie ablehnen" findet man ihn bei Fundamentalisten - eine genaue Umkehrung des naturalistisches Fehlschlusses: was unmoralisch ist, kann es in der Natur nicht geben.

Eine Variante findet sich in einem Vortrag des früheren Pressesprechers des Vatikans, Thomas D. Williams an der Universität Witten/Herdecke.
Keine Moralpredigt.
„Hilft Religion dabei, moralischer zu leben?” Um diese Frage zu beantworten, müsse er die Unterschiede zwischen Moral bei Christen und Atheisten deutlich herausheben. Der Theologe beleuchtet zunächst die Frage nach dem Leben nach dem Tod. „Wenn der Mensch nur über seine rein biochemische Zusammensetzung definiert wird”, so Williams, „dann wäre sein Wert sehr reduziert.” Er glaube, dass alle Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben, ihre Mitmenschen besser behandeln würden.
Ein extremes, aber reales Gegenbeispiel ist ein islamistisch motivierter Selbstmordattentäter, der zum einen fest damit rechnet, nachdem er sich selbst und andere in Luft gesprengt hat, ins Paradies einzugehen, und der ferner seinem Gott zumutet, dass er jene unter seinen Opfern, die es verdienen, in die Hölle wirft, aber eventuelle unschuldige Opfer ins Paradies eingehen lässt.*) Ein anderes Beispiel: "Bringt sie alle um, Gott wird die Seinen erkennen," soll 1209 der päpstliche Legat geantwortet haben, als ein Kommandeur zögerte, den Dom von Béziers anzünden zu lassen, weil sich vielleicht ja auch "Rechtgläubige" und nicht nur "böser Ketzer" (Katharer), in ihn geflüchtet hätten. In beiden Fällen ist das gegen moralische Grundsätze auch des Islam bzw. Christentum gerichtete mörderische Handeln nur durch den festen Glauben an ein Leben nach dem Tod und die ebenso feste Überzeugung, Vollstrecker des Willens ihres Gottes zu sein, möglich. Außerdem liegt das ethische Verhalten von Atheisten und Religiösen nach mehreren Studien insgesamt nahe beieinander - allerdings halten sich religöse Menschen oft für moralisch überlegen, ohne es zu sein.

In der Frage nach der Willensfreiheit und der Moral greift Williams zu einem Strohmann-Argument:
Auch an den freien Willen würden Materialisten nicht glauben. „Sie sagen, dass alle Handlungen nur Reaktionen auf äußere Umstände seien”, so der Medienfachmann. Wenn der freie Wille aber im Leben eines Menschen fehle, dann fehle auch die Möglichkeit, moralisch zu handeln. „Dann gibt es kein Gut und Böse, jeder wäre dann halt so, wie er ist.”
Die wenigsten Materialisten leugnen die Existenz des Willens, und selbst jene Hirnforscher, die bewusste Entscheidungen für empirisch widerlegt halten und das Bewusstsein für ein nachgeordnetes Phänomen, eine Illusion, halten, halten Menschen deshalb nicht automatisch für Automaten, in denen wie in einem Computer einfach ein Programm abläuft. Wie auch immer: Wenn ein freier Wille existiert, dann haben auch extreme Deterministen einen freien Willen, und wenn es keine freien Willen gibt, dann haben eben auch Gläubige keinen freien Willen. In jedem Falle - egal ob mit freiem Willen oder ohne, ob gläubig oder nicht, ist offensichtlich moralisches Handeln möglich.

Kommen wir nun zu dem Punkt, bei dem Williams ähnlich argumentiert wie Evolutionsgegner, die die Evolutionstheorie aus moralischen Gründen ablehnen. Obwohl er eigentlich kein Evolutionsgegner ist:
Die Moral des Menschen habe sich natürlich entwickelt. „So jedenfalls glauben Christen.” Aber auch in diesem Punkt macht Thomas D. Williams eklatante Unterschiede zu nichtgläubigen Menschen aus: „Bei ihnen steht die Evolution im Mittelpunkt.”. Auch die Moral sei dann das Ergebnis der Evolution. „Sie glauben, dass Gott damit nichts zu tun hätte.” Aber mit diesem Ansatz sei Moral nicht möglich.
Anders formuliert: Williams ist davon überzeugt, dass Moral nicht ohne Gott möglich sei, also kann Moral auch nicht das Ergebnis einer Evolution ohne göttlichen Eingriff sein.

Thomas D. Williams kommt zum Schluss, dass die Frage nach Glaube oder Nichtglaube keinen Einfluss auf das moralische Verhalten eines Menschen habe. Da gebe ich ihm Recht. Hingegen lügt er - anders kann ich es leider nicht nennen - wenn er behauptet:
"Werte wie Demokratie, Gleichheit und Freiheit sind biblische Werte.” Deswegen würden Christen großzügiger mit ihrem Geld und mit ihrer Zeit umgehen.
Erst einmal ist die Demokratie kein Wert, sondern ein politisches System, das erstmals von Heiden praktiziert wurde, und zwar in der attischen Demokratie. Auch die Thing-Demokratie gab es auf Island und der Isle of Man schon vor der Christianisierung. Dann stimmt es nicht, dass die Ideen der Freiheit und Gleichheit biblische Werte wären - es gab und gibt sie bekanntlich auch in Kulturen, in den die Bibel, auch indirekt, keine Einfluss hat. In der europäischen Geistesgeschichte ist es zwar tatsächlich so, dass die jüdische Idee der Gleichheit aller Menschen vor Gott entscheidend dazu beitrug, auch die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz zu etablieren - was aber nicht bedeutet, dass die Idee, allen Menschen stünden die gleichen Rechte zu, immer und überall auf biblisches Denken zurückgeht. Anderseits darf nicht verschwiegen werden, dass eine extreme Form der Ungleichheit und Unfreiheit, nämlich die Sklaverei, in der Bibel nicht angetastet wird - es wird lediglich behauptet, dass ein Sklave vor Gott nicht weniger Wert sei, als ein Freier. Ein eindeutiges Gebot, etwa: "Du sollst keinen anderen Menschen als dein Eigentum betrachten" gibt es nicht - im Gegenteil, es gibt eine Unzahl von Vorschriften zur Behandlung von Sklaven. Das noch größer Fass der Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann mache ich gar nicht erst auf.

Und dass Christen großzügiger mit ihrem Geld und mit ihrer Zeit umgingen, entspricht einfach nicht den Tatsachen. Es spricht einiges dafür, dass stark moralorientierte Menschen, dann, wenn Großzügigkeit in ihrem Wertesystem eine Tugend ist, großzügiger mit Geld und Zeit umgehen, als solche, die sich um Werte nicht scheren. Das ist aber unabhängig davon, ob jemand religiös ist oder nicht. Großzügigkeit mit Geld und Zeit ist auch auch in den meisten heidnischen Gesellschaften (genauer gesagt: in allen, die ich kenne) eine Tugend - aber längst nicht in allen Varianten des Christentums (zugegeben, im Katholizismus ist Freigiebigkeit eine Tugend).

*)Wäre ich ein Gott, würde ich dem Kerl was husten, aber gewaltig!

Donnerstag, 4. Juni 2009

Reissäcke und Erdbeben

"In China ist ein Sack Reis umgefallen." Mit anderen Worten: das ist völlig belanglos. Garn nicht belanglos ist, dass sich mit Reissäcken verhindern lässt, dass bei Erdbeben in China Häuser umfallen. (Natürlich auch bei Erdbeben anderswo, und es geht auch mit Kartoffelsäcken. Beziehungsweise dem groben Jutegewebe, aus dem diese Säcke sind.)
Lehmziegelbauten, wie sie aus guten Gründen in vielen heißen Regionen üblich sind, stürzen bei Erdbeben sehr leicht ein.
Wissenschaftler der Uni Kassel entwickelten ein einfaches und sehr preiswertes Verfahren, um Lehmziegelhäuser bei Erdbeben zu schützen: Durch nachträgliches Aufkleben von Naturfasergewebematten - z. B. Jutegewebe - wird das Mauerwerk verstärkt und so das Einsturzrisiko verringert.

Erprobt wurde das Verfahren jetzt erstmals von Amin Davazdah Emami von der Universität Kassel im Iran: Mit Unterstützung der UNESCO startete er ein Pilotprojekt zum Wiederaufbau des iranischen Weltkulturerbes „Arg-é Bam“, das bei einem Erdbeben im Jahr 2003 zerstört wurde.
Reissäcke schützen vor Erdbeben (scienexx).

Sonntag, 31. Mai 2009

Heillose Neuheiden?

Manchmal höre ich morgens den "Deutschlandfunk". Und ab und an kommt es sogar vor, dass ich sogar bei der "Morgenandacht" hinhöre. Meistens, weil irgend ein Wort mich aufhorchen ließ. Wie neulich, als ich noch vor der ersten Tasse Kaffee, also nicht vollständig wach, das Stichwort "aggressive Neuheiden" hörte.

Dank dem Manuskript-Archivs des "Medienbeauftragten der EKS" fand ich den Text dieser Morgenandacht wieder: Es ist die Morgenandacht vom 30. April 2009, von Pastor Karl-Martin Unrath, St. Wendel.

Wenn ich mir so ansehe, auf welche Sorten Neuheiden sich der gute Herr Pastor bezieht, kann ich seinen Standpunkt bis zu einem gewissen Grade nachvollziehen:
(...) Nein, vor dem offensiven Atheismus ist mir nicht bange. Vor einem aggressiven Neuheidentum allerdings schon. Nicht, weil das neue Heidentum für die Kirche gefährlich werden könnte. Das kann es nicht. Aber es ist gefährlich für die Menschen.
In einer Fernseh-Talkshow sitzt eine junge Frau, eine Hexe, wie sie sich selbst vorstellt. Man könne bei ihr beispielsweise einen Rachezauber kaufen, wirbt sie. Neben ihr ein Priester der allgermanischen heidnischen Front, offen antisemitisch und gewaltverherrlichend. Ein Satanist aus Berlin komplettiert die unheilige Dreifaltigkeit. Satanismus ist Körperarbeit, sagt er. Und es wird deutlich, dass "Körperarbeit" eine Umschreibung für sexuelle Besessenheit ist.
Also eine Kommerz-Hexe auf Leichtgläubigen-Fang, ein inwändig kackbrauner "Blut & Boden"-Kasper von der Allgermanischen Heidnischen Front und ein Satanist. Wobei Satanisten typischerweise etwa so viel mit Heidentum zu tun haben, wie Kirchenschiffe mit Schifffahrt. Typischerweise: denn es gibt immer Ausnahmen:
Kirchenschiff02
Ein Kirchenschiff

Die Frage, wieso keine seriöseren Vertreter der Neuheidentums in der Talkshow zu Gast waren, ist leider leicht zu beantworten: Weil Heiden im Fernsehen allzu oft nach Strich und Faden in die Pfanne gehauen werden (ein besonders übles Beispiel: Odin gab mir den Befehl), ist die Neigung der meisten Neuheiden, im Fernsehen aufzutreten, eher gering. Es gibt zwar erfreuliche Ausnahmen von der "alles bizarre Spinner"-Nummer, besagte Talkshow gehört aber sicher nicht dazu.
Dann sitzt da noch ein kirchlicher Sektenbeauftragter. Der Mann kennt sich aus, hat alles schon einmal gehört. Trotzdem – die Drei machen ihn schier sprachlos.
Kann ich mir bei jemandem z. B. von der EZW nicht so recht vorstellen. Einen Profi wie z. B. den Esoterik-Experten Matthias Pöhlmann überrascht meines Erachtens so leicht nichts. Es sei denn, die Sprachlosigkeit ist gespielt. Etwas Show gehört zur Talkshow immer dazu.
Schließlich fragt er: Meinen Sie wirklich, dass in dem, was sie da vertreten, Heil liegt? Darauf der Berliner Satanist: Wat für´n Heil denn? (...)
Eine inhaltlich andere Antwort von einem Satanisten hätte mich auch überrascht. Dem völkische Blut & Boden "Germanen" fällt zum Wort "Heil" sicherlich so Einiges ein, wahrscheinlich auch einiges, was er in einer Talkshow sicherheitshalber mit Blick auf den Paragraphen 86 a StGB (Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen) nicht ausspricht. Der "Hexe" würde ich glatt so eine Antwort zutrauen: "Heil habe ich gerade nicht auf Lager, ich kann es aber bestellen."

Was könnte aber ein seriöser Neuheide, z. B. von der Heilsgemeinschaft "Nornirs Ætt", auf die Frage nach dem Heil antworten? Ich würde dem Sektenbeauftragten antworte: "Selbstverständlich liegt in dem, was ich da vertrete, Heil."

Was ist aber dieses "Heil"?
Duke Mayer hat hierauf eine Antwort versucht, in der ich meine Ansicht gut wiederfinde. Eine ausführliche Antwort, die sich nicht auf ein kurzes Talkshow-Statement eindampfen lässt:
Heil (1) und Heil (2).
Der Einfachheit halber, und weil ich mich nicht hinter Dukes Rücken verstecken will, gehe ich von der Antwort Pastor Unraths aus. Die ist nämlich gar nicht mal so schlecht:
Heil, das ist Versöhnung statt Rachezauber, Frieden statt Gewaltverherrlichung, Freiheit statt Besessenheit.
Ja, das ist Heil - und noch viel mehr! Heil ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Es ist das Glück, der Erfolg, das Gedeihen, die wir uns gegenseitig geben. Der Pastor würde mir sicher auch zustimmen, wenn ich ergänze, dass Heil stets verbindlich ist. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Und von alleine, ohne eigenes Handeln, kommt kein Heil.
Heil, das ist im Leben und im Sterben Vertrauen auf die Liebe Gottes.
Da würde ich dem guten Herrn Pastor sagen: "Es stimmt (auch wenn ich mehreren Göttern vertraue) - aber was wir nie darüber vernachlässigen sollten: Heil ist auch im Leben und im Sterben Vertrauen aufeinander."
Ob es die Götter - oder Gott - wirklich gibt, lässt sich, da sowohl ein Gottesbeweis, wie ein Beweis der Nichtexistenz der Götter logisch nicht möglich ist, nicht sagen. (Das ich ab und an mit den Göttern spreche, und sie auf verschiedene Art antworten, ist kein Beweis, dass es sie wirklich gibt und wenn ja, dass es wirklich Götter sind. Es ist aber auch kein Beweis dafür, dass ich an Wahnvorstellungen leide.)
Die Frage nach dem Leben nach dem Tod ist schwer zu beantworten (allerdings werden ich die Antwort darauf totsicher und früh genug erhalten, weshalb ich darauf wenige Gedanken verschwende). Es besteht aber vergleichsweise wenig Zweifel daran, dass es unsere Mitmenschen und ein Leben vor dem Tod gibt. Daher ist Gottvertrauen gut, aber ohne Vertrauen in meine Mitmenschen zu wenig.

Pastor Unrath fürchtet sich vor einem aggressiven Neuheidentum. Und wenn ich mir so die Leute von der "Allgermanischen Heidnischen Front" ansehe, von "Nazitrus" wie in "Rasse-Jürgen" Riegers "Artgemeinschaft" gar nicht zu reden, dann kann ich das verdammt gut verstehen.
Allerdings ist für viele dieser kackbraunen Kameraden die germanische Mythologie nur reine Deko. Odin und Thor, Walküren und Einherjer als scheinbar unbelastete Folie zum Ausagieren von Macho- und Machtphantasien. Sicher, Mythen sind für die Blut & Boden-Leute und erst recht für Nazitrus wichtig - aber ihr "Germanentum" ist eine Ideologie der Gewalt, der Durchsetzung des Stärkeren, ganz im Sinne des Sozialdarwinismus. In diesem Sinne, durch dunkle braune ideologische Brillengläser, nehmen sie germanische Mythologie wahr und interpretieren sie entsprechend. Zum Beispiel zeichnet sich Thor, Fruchtbarkeitsgott und Beschützer der Menschen, durch die braune Brille gesehen vor allem durch Macht und Gewalt aus. Wer gar meint, Thor würde mit seinem Hammer allen Widerstand in Trümmer und Scherben schlagen, oder gar "das deutsche Volk vom verderbenden Ungeziefer" reinigen, der hat die braune Optik schon längst verinnerlicht. Unter "Heil" verstehen die Braunheiden sowieso etwas anderes als ich.

Neonazis und andere Rechtextremisten sind gefährlich - unabhängig davon, ob sie Heiden sind oder nicht. Kommerz-Hexen sind eine Gefahr - für den Geldbeutel. Wie gefährlich Satanisten sind, hängt von den jeweiligen Satanisten ab - bei sexualisierter Gewalt (nicht mit einvernehmlichem BDSM zu verwechseln) hört jedenfalls jeder Spaß auf.

Pastor Unrath hat Recht: für die Kirche sind noch so aggressive Neuheiden keine Gefahr - selbst, wenn sie Kirchen anzünden. Für einzelne Menschen schon - aber weil diese Neuheiden aggressiv sind, nicht, weil sie Heiden wären.

Kaffeefragen

Kursieren gerade auf einigen Blogs und in diversen Foren, ich mach mal mit:

1. Deine erste Tasse Kaffee, wann trinkst Du sie?
Zwischen Aufstehen und Aufwachen.

2. Wieviele Tassen trinkst Du täglich?
Zwischen null (selten) und sechs (nicht so selten).

3. Koffeinfrei oder Bohnenkaffee?
Kastrierter Kaffee (ohne Koffein) kommt mir nicht in den Becher (ggf. Tasse)!

4. Zucker, Milch oder Sahne?
Meistens schwarz, ab und an Milchkaffee (halb heißer Kaffee, halb warme Milch).

5. Deine bevorzugte Zubereitungsart?
Frisch gemahlen, dann in der "Drückerkanne" zubereitet. Alternativ: Espresso, wenn die Maschine gut ist.

6. Mit wem geniest Du Deinen Kaffee am liebsten?
*schweig*

7. Deine Lieblingsmarke?
Marke weniger, aber Sorte: eher milde Hochland-Arabica-Bohnen, mittelstark geröstet ("Wiener Röstung"), aus Ostafrika oder Mittelamerika. Für Espresso natürlich Espressoröstung.

8. Wo trinkst Du Deinen Kaffee vorzugsweise?
Auf dem Sofa sitzend, oder am Schreibtisch. Am liebsten aber draußen, in schöner Landschaft rastend, oder auch mal in einem stilvollen Café.

9. Wie sieht Deine Lieblingstasse aus?
Ist ein Lieblingsbecher und sieht so aus:
becher

10. Espresso, Cappuccino oder Latte Macchiato?
Espresso.

11. Bevorzugte Tätigkeit beim Kaffee trinken?
Genießen.

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