Samstag, 30. Mai 2009

Ohne Chemie?

Es heißt ja, (Lebensmittel-)Chemiker (vor allem solche, die beim Gesundheitsamt arbeiten) seien sozusagen "natürliche Feinde" der Fleischer. Man denke nur an den "Gammelfleisch" (Dauer-)Skandal.

Nun aber wirbt ausgerechnet ein industrieller Wursthersteller mit einer Werbeaussage, über die der Wissenschaftsjournalist und Chemiker Lars Fischer vom Fisch-Blog zurecht sauer ist: "Wir sind Fleischer, keine Chemiker.

Damit verunglimpft Rügenwälder nicht nur einen kompletten Berufsstand, sondern verkauft auch noch sein Publikum für dumm. Geschmacksverstärker und Farbstoffe dürfen sowieso bei fast allen Wurstwaren gar nicht zugesetzt werden - und ohne chemische Untersuchungen ist es gar nicht möglich, sicherzustellen, dass die Wurst frei von Gluten und Lactose ist. (Wobei nebenbei Lactoseintoleranz entgegen dem Werbetext nichts, aber auch gar nichts, mit Allergien zu tun hat [und auch Glutenunverträglichkeit streng genommen keine Allergie ist], und Gluten aus Getreide und Lactose aus Milch stammt - und nur sehr wenige Wurstsorten überhaupt Getreidestärke [oder Gluten d. h. Getreideeiweiß] oder Milcherzeugnisse enthalten dürfen.)
Interessanterweise fehlen in den "4 ohne" die Konservierungsstoffe - wie das bei vielen Wurstsorten traditionell verwendete Pökelsalz.

Dass ein Wursthersteller damit wirbt, dass auch Allergiker, Gluten-Allergiker-Empfindliche und Lactose-Intolerante seine Würste unbesorgt essen können, ist legitim. Warum aber der Hieb gegen die Chemiker? Oder allgemein: wie konnte die an sich absurde Aussage "ohne Chemie" zum Qualitätsmerkmal werden? (Absurd, denn alle Prozesse, bei denen sich Stoffe ineinander umwandeln, sind chemische Vorgänge.)

Dahinter steht die Annahme, dass alle chemischen Prozesse, die von der Natur hervorgebracht werden, gut sind, vom Menschen angewendete chemische Reaktionen dagegen stets zu etwas Schlechtem führen - jedenfalls dann, wenn die chemische Reaktion nicht schon seit Jahrhunderten bekannt ist. Da mögen Pöckeln oder Räuchern noch so gesundheitlich bedenklich sein.

Am Anfang stehen völlig berechtigte Bedenken und Ängste der Verbraucher davor, dass Lebensmitteln gesundheitsschädliche Stoffe enthalten könnten, die entweder absichtlich zugesetzt werden - Farbstoffe, Konservierungsmittel, synthetische Geschmackstoffe, Geschmacksverstärker usw. - oder als Rückstände verbleiben - etwa Pestizidrückstände oder Schwermetalle aus Boden oder Luft.
Sehr viele dieser bedenklichen oder gefährlichen Stoffe werden synthetisch hergestellt. Der Gedankensprung zur "Chemie" ist also an sich nicht falsch, sondern "nur" gedanklich verkürzt: Es wird nicht mehr differenziert bzw. ausgeblendet, was den alles "Chemie" ist.

Begünstigt wird dieser "Kurzschluss" durch Werbung, Propaganda und Public Relations sowie bestimmte Formen des Journalismus. Kurze, eindeutige Aussagen, die immer wieder in geringfügigen Abwandlungen wiederholt werden, prägen sich gut ein. Je stärker verkürzt eine Aussage ist, desto besser.

So gibt es nicht nur "chemiefreie Lebensmittel", sondern auch "genfreie Lebensmittel". Gemeint sind nicht etwa Lebensmittel, die kein genetisches Material, also keine DNS oder RNS enthalten (die müssten dann schon vollsynthetisch hergestellt werden, denn alle pflanzlichen und tierische Produkte enthalten "Gene"). Gemeint sind Lebensmittel, die keine Bestandteile gentechnisch veränderten Pflanzen oder, seltener, Tiere enthalten.

Aber "chemiefrei" und "genfrei" prägt sich ein, sind kampagnenfähig und lassen sich gut mit diffusen Ängsten besetzen.
So falsch und (gut gemeint) desinformierend diese Schlagworte auch sind.

Eine Realsatire gelang 1997 der österreichischen Umweltpolitikerin und heutigen Wiener Umweltstadträtin Ulli Sima in enger Zusammenarbeit mit dem Boulevardblatt Kronen Zeitung: Eine Petition mit dem Titel: "Für einen atomfreien Weltraum".
(Damals startete Raumsonde Cassini-Huygens zum Saturn. Da die üblichen Solarzellen in diesem Abstand zur Sonne nicht mehr funktionieren, enthält diese Sonde eine sog. Radionuklidbatterie. Die Petition zielte also nicht auf die Vernichtung aller Sterne, Planeten, Dunkelwolken usw. im Universum ab, wie man vielleicht meinen könnte. Wie ein Verbot von Radionuklidbatterien von Österreich aus weltweit durchgesetzt werden könnte, blieb übrigens offen.)

Donnerstag, 28. Mai 2009

Wie vertuscht man sechs Atombombenexplosionen?

Selbst sehr kleine nukleare Sprengsätze, sogenannte Micro Nukes, erreichen die Wirkung von ca. 1000 Tonnen des konventionellen Sprengstoffs TNT. Der Schaden dürfte entsprechend sein. Abgesehen davon ist die radioaktive Kontamination auch relativ "sauberer" Atombomben mühelos selbst mit einfachen Messgeräten nachweisbar.
Man sollte also meinen, dass sich eine nukleare Explosion etwa so gut verstecken lässt wie ein Elefant in der Achselhöhle.

Trotzdem: Laut der vom Bundeskriminalamt veröffentlichen polizeilichen Kriminalstatistik gab es zwischen 1990 und 2007 insgesamt 7 Fälle, davon ein Versuch, von "Herbeiführen einer Explosion durch Kernenergie". Das heißt: Es müsste demnach sechs Atombombenexplosionen in Deutschland gegeben haben.
Wer es nicht glauben möchte: Polizeiliche Kriminalstatistik, Gundtabelle - ohne Tatortverteilung - ab 1987, Tabelle 1, Schlüssel 6751, Seite 139 von 188 - PDF-Ausgabe

Gefunden bei Jan Schejbal: BKA: 6 Atomexplosionen in Deutschland.

Nach Recherchen von utopia:
Keine Ahnung unter dieser Nummer - Keine Ahnung unter dieser Nummer - Teil 2 hat keiner so wirklich eine Ahnung, woher diese Fälle herkommen. Die meines Erachtens wahrscheinlichste Erklärung: Erfassungsfehler.

Die Frage nach der Zuverlässigkeit der BKA-Statistiken, besonders bei seltenen Delikten, bleibt allerdings im Raum.

Mittwoch, 27. Mai 2009

Außenseiter "stören" - auch wenn sie niemanden stören

Es sind zwei Meldungen, eine aus Kopenhagen, eine aus Hamburg, die an sich wenig miteinander zu tun haben:
«Christiania» unterliegt gegen dänischen Staat (netzeitung)
Nach über 37 Jahren soll der "Freistaat Christiania" in Kopenhagen endgültig aufgelost werden. Ein Gericht sprach dem dänischen Staat das volle Nutzungsrecht über das Gelände der alternativen Wohnsiedlung zu. Damit ist die Regierung von Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen ihrem erklärten Ziel, die international berühmte "Hippie-Republik" in einen ganz normalen Stadtteil mit einem ganz normalen Wohnungsbauprojekt zu verwandeln, schon sehr nahe gekommen.

Nach 20 Jahren: Hausboot-Pionier muss gehen (abendblatt)
Schon seit 1989 wohnt der Frührentner Holger Buhr in einem kleinen Hausboot in der Billwerder Bucht - einem kaum noch genutzten Binnenhafen im Osten Hamburgs. Die Hafenverwaltung Hamburg (HPA) hat ihm jetzt nach fast 20 Jahren die offizielle "wasserrechtliche Genehmigung" für den Liegeplatz seines schwimmenden Zuhauses entzogen und droht mit hohem Zwangsgeld, wenn er den Platz nicht räumt. Begründung: Buhr betreibe dort keine "hafenkonforme Nutzung", und reines Wohnen im Hafen sei verboten. HPA-Sprecherin Karin Lengenfelder: "Und was illegal ist, wird nicht dadurch legal, dass es schon 20 Jahre andauert."

In dem einen Fall geht es um ein weltbekanntes gelungenes Experiment autonomen Lebens - im anderen Fall nur um das kleine Hausboot eines einzelnen Individualisten.
Der Denkmechanismus hinter den beiden Entscheidungen ist allerdings derselbe: Quertreiber und Aussenseiter werden nicht geduldet. Selbst wenn es eine Touristenattraktion wie Christiania ist, an der sich kaum ein Kopenhagener je gestört hat, oder um ein Hausboot, das 20 Jahre lang niemanden störte, und wahrscheinlich auch in Zukunft niemanden stören dürfte, geht.
Es geht ums Prinzip.
Dem Konservativen ist unwohl in einer Welt, in der nicht alles am Platz bleibt und nicht alles seinen geregelten Gang geht. Dass die dänische konservative Regierungskoalition von der lang geübten Praxis der Toleranz abgeht, hängt vordergründig mit dem Problem des Drogenhandels zusammen. (Wobei es nur um Hasch geht, "harte Drogen" werden von den Christanianern nicht geduldet.) Was sie wirklich treibt - und was Rasmussen sogar offen zugibt - ist die offenbar unerträgliche Vorstellung, es gäbe einen "rechtsfreien Raum". Also genau das, was auch das böse Internet für viele Konservative so bedrohlich erscheinen lässt. Schlimmer noch: sowohl Christiania wie das Internetzdingens beweisen, dass es auch ohne Top-Down-Entscheidungsmodelle geht, dass Selbstorganisation und Basisdemokratie funktionieren. Dass Anarchie nicht automatisch zur Rechtlosigkeit und zum allgemeinen Bürgerkrieg führt.

Im Falle des Hausbootes geht es, wie die HPA offen einräumt, darum, drohende Nachahmereffekte einzudämmen. (Im Wahlkampf malte der Rechtpopulist und spätere Innensenator Schill einst das Horrorgemälde drohender "Amsterdamer Verhältnisse" auf Hamburgs Kanälen und Fleeten an die Wand, mit Hausbootssiedlungen als unkontrollierbaren Brutstätten des Verbrechens. Schill ist schon lange weg vom Fenster, seine Angstbeisser-Mentalität hingegen nicht.)
Ein Liegeplatz in einem kaum noch genutzten Hafenteil ist billig (Holger Buhr zahlt 196 Euro im Jahr) und es gibt viele Hafenanlieger, z. B. Kaibetriebsgesellschaften, die nichts gegen Hausboote hätten. Da da könnte ja jeder kommen, so was untergräbt die Autorität der "Port Authority" und letzten Endes des Hamburger Staates! Zwar hat man in Hamburg, im Prinzip jedenfalls, nichts gegen Hausboote - nur sollen die sich gefälligst an die von den zuständigen Behörden aufgestellten Regeln halten: Am Mittelkanal z. B werden jetzt 5 (in Worten: fünf) Hausboot-Liegeplätze individuell ausgeschrieben. (Ich kenne die Ecke: da passen locker 50 Hausboote hin - ohne den spärlichen Bootsverkehr auf dem Kanal zu stören.)
Doch auch dabei will man nichts dem Zufall überlassen. Zeichnungen und ein Modell müssen die Bewerber einreichen. Eine Jury mit etlichen Beamten entscheidet dann, wer den Zuschlag bekommt. Architekten und andere Fachleute sollten auf jeden Fall zurate gezogen werden, heißt es in der Ausschreibung. Hausboot-Pionier Buhr: "Mit meinem Boot habe ich da doch niemals eine Chance."

Dienstag, 26. Mai 2009

Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: Star Trek

Dieses Mal geht es nicht, wie sonst, um einem Film, der doof, aber doch irgendwie gut ist, sondern um einen, der gut, aber doch irgendwie doof ist.

Vorweg: Der neue, 11. Star Trek -Film mit dem schlichten Titel "Star Trek" ist ein gut gemachter, unterhaltsamer Film.
Die Idee, einen "Reset" zu machen und die Geschichte des Raumschiffs Enterprise und seiner Crew sozusagen neu zu erzählen, ist, wenn man bedenkt, wie umfangreich und teilweise widersprüchlich der "Canon" aus fünf Fernsehserien und zehn Filmen ist, folgerichtig. Zwar ist dieser Neubeginn nicht so radikal ausgefallen wie bei der neuen "Kampfstern Galactica"-Serie, aber bei "Star Trek" stellt sich nicht das Problem, aus völlig trashiger SciFi mit einigen guten Ansätzen im Original in der Neuauflage eine gute Science Fiction-Serie zu machen.
Dass es Spocks Versagen in der "Zukunft" ist, das indirekt die neue Handlung auslöst, die damit in einem Alternativ-Universum zum "Original" spielt, ist nicht besonders originell. Damit wurde nur ein weiteres der unzähligen Parallel-Universen des Star-Trek-Multiversums kreiert. Andererseits hätte es nicht funktioniert, ohne jede Begründung einfach mit veränderten Prämissen neu anzufangen.

Besetzung und schauspielerische Leistung sind, anders als bei vielen anderen Science Fiction-Streifen, gut. Mit Zachary Quinto ist die Rolle des jungen Spock gut besetzt. Chris Pine legt den jungen Kirk anders an, als Shatner einst den Captain Kirk, aber wie er das macht, gefällt mir. Ein Kompliment an Karl Urban: sein junger McCoy schließt sich an Jackson DeForest Kelleys Dr. McCoy sozusagen nahtlos an, ohne das sein Spiel "nachgemacht" wirkt. Auch Leonard Nimoy als "alter Spock" zeigt sich in alter Form.

Obwohl "Star Trek" ausdrücklich kein Film für "Altfans" sein soll, gibt es zahlreiche kleine Anspielungen auf die alte Fernsehserie. Das Design ist eine geglückte Mischung aus dem Stil der Original-Serie aus den 1960ern und neuen Elementen. Sicher, einiges ist Geschmackssache (mir ist das Set-Design streckenweise zu düstern), aber wirklich "daneben" ist einzig die Idee, die Brücke der "Enterprise" statt des gewohnten Hauptschirm mit einer "Windschutzscheibe" zu versehen, die nach erfolgtem Gefecht mit dem Schiff des "Bösewichts" mit dem sinnigen Namen "Nero" tatsächlich Sprünge ausweist.
Die Spezialeffekte sind in Ordnung; die Kameraführung und der hektische Schnitt weniger. "Action"-Film heißt noch lange nicht, dass alle paar Sekunden ein Einstellungswechsel erfolgen muss. Nun ja, Geschmackssache.

Alles in allem: unterhaltsames Popcorn-Kino. Ein guter Film.

Allerdings auch ein doofer Film. Jedenfalls aus der Sicht eines Science Fiction-Fans wie mir, der Spaß daran hat, das Denkvermögen beim Kinobesuch nicht an der Garderobe abzugeben.
Die Story ist nämlich selten einfallslos. Man könnte sagen: nun, was erwarte ich von Popcorn-Kino?
Aber meine Güte: Es ist Star Trek!
Bisher zeichneten sich alle Star Trek-Serien durch Geschichten aus, die manchmal total gaga, hin und wieder intelligent, meistens originell, ab und an ziemlich schräge – und fast immer phantasievoll waren. Das Star Trek-Gefühl hängt sehr von den einfallsreichen oder zumindest engagierten Drehbüchern ab.
Das gilt auch (meistens) für die Star Trek-Filme (Meistens! Drehbuchschwächen gab es auch bei denen. Und Klischees ohne Ende.) Filme zum Spinnen und Träumen.
Nicht aber für den neuesten Star Trek-Film. Das ist ein typischer unterhaltsamer, aber strunzdummer Action-Film. Ein Haufen Aktionszenen und eine völlig vorhersehbare Klischeehandlung.
Bezeichnenderweise zeigt er, wie Kirk und Spock "aufwuchsen" – wobei die Jugend Kirks völlig der abgenudelten Nummer "Rebellischer junger Mann, der dann doch noch die Kurve Richtung Karriere kriegt" entspricht.
Kirks Vater stirbt, Kirk ist (klischeegerecht) deshalb völlig von der Rolle, rebelliert und prügelt sich, Jung-Spock hat Zoff mit den steifen, arroganten Vulkaniern und prügelt sich auch (immerhin ist das bei Spock nicht Klischee), der Planet Vulkan wird zerstört (ging es wirklich nicht ´ne Nummer kleiner?). Ja, und klar, Kirk und Spock stoppen den Bösewicht. 08/15. Und voller großer Unwahrscheinlichkeiten, die logisch nur dadurch zu erklären wären, dass die "Enterprise" mit dem aus "Per Anhalter durch die Galaxis" bekannten "Unendlichen Unwahrscheinlichkeits-Antrieb" ausgestattet ist. Jedenfalls kein Film, der auch beim mehrmaligen Sehen spannend wäre.

Damit wären wir bei dem Punkt, der richtig doof ist. Der Bösewicht. Klar, Klischeebösewichte gab es bei Star Trek schon öfter mal, aber einen Bösling, der so dick aufgetragen böse ist wie "Nero" noch nicht - und dabei auch noch, das ist das Peinliche, ironiefrei. Nicht nur, dass er nach einen als böse geltenden römischen Kaiser benannt ist - damit auch Zuschauer, die in Geschichte immer geschwänzt haben, mitkriegen, dass er richtig BÖSE ist, hat er Gesichtstattoos und fliegt ein Raumschiff, das schon von außen BÖSE aussieht und dessen Inneneinrichtung an eine finstere Klischee-Spelunke erinnert - eigentlich müsste Neros Brückencrew bei der schlechten Beleuchtung ständig die falschen Tasten drücken (aber vermutlich stammen die alle von nachtaktiven Wesen ab). Dass das Schiff offenbar seit seiner Indienststellung nie aufgeräumt wurde, und überall irgendwas im Wege steht, stelle ich nur mal so in den Raum.
Irgendwie fehlt Nero nur noch der schwarze Mantel und der schwarze Hut, damit auch jedes Bösewicht-Klischee erfüllt ist. Trotzdem - oder deswegen? - ist Nero der vermutlich blasseste Gegenspieler in der Geschichte der Star-Trek-Serien und -Filme.

Alles in allem ein guter, aber auch reichlich doofer, Sommer-Wochenend-Action-Film.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Nicht vergessen!

handeln statt wegschauen

Flashmob Grundgesetzlesen am 23. Mai!

Nachtrag, vom Pantoffelpunk:

zensursula1

Mittwoch, 20. Mai 2009

Umfrage: 90% sind gegen Netz-Sperren

Der Verein Missbrauchsopfer gegen Internetsperren hat über Infratest eine durch Spenden finanzierte Umfrage zur Internet-Sperren gemacht. Mehr als 90 Prozent gegen Sperrungen im Internet (Zeit.de).
Irgendwie weicht das Ergebnis auffällig von den "92 % für Netzsperren" der "Kinderhilfe"-Umfrage ab.

Mir gefällt vor allem, dass der Verein mogis so unaufgeregt und seriös gekontert hat. Vorbildlich für andere Aktionen!

Von Prioritätenlisten und faulen Sündenböcken

Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hat zum Auftakt des 112. Deutschen Ärztetags den Vorwurf erhoben, dass die Politik die Öffentlichkeit bewusst über den Zustand des Gesundheitswesens täuschen würde. "Die Öffentlichkeit ist lange genug geblendet worden", erklärte er in Mainz. Wer heute "behauptet, die umfassende Gesundheitsversorgung sei sicher, der sagt schlicht und einfach nicht die Wahrheit". Ärztepräsident wirft Politik Lügen vor. Ärztepräsident Hoppe fordert eine Prioritätenliste. Was meiner Ansicht nichts an den strukturellen Konstruktionsfehlern des deutschen Gesundheitssystems ändern würde und die Tatsachen eher vernebelt. Es gibt einen Verteilungskampf innerhalb des Gesundheitssystems, und Hoppe vertritt in diesem Verteilungskampf eben die Interesse "seiner" Ärzte. Ein Vertreter z. B. der Pharmaindustrie würde anders reden.
Aber ich bin schließlich kein Gesundheitsökonom.

Gesundheitsökonom ist hingegen Professor Günter Neubauer, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG) in München, der von tagesschau.de interviewt wurde: "Künstliche Hüfte erst bei Normalgewicht". Ein Interview, das meines Erachtens einen unangenehmen propagandistischen Drall hat.
tagesschau.de: Was treibt die Kosten im Gesundheitssystem in die Höhe?

Neubauer: Zu den Hauptfaktoren gehören die medizinischen Innovationen, die für eine älter werdende Bevölkerung von hoher Bedeutung sind. Und natürlich die Demokratie, die sagt: Von den Innovationen soll möglichst keiner ausgeschlossen werden - zumindest keine wichtige Wählergruppe.
Eine, wie ich finde, unbefriedigende Antwort. Zwar sind medizinische Neuerungen und die demographische Entwicklung Faktoren bei der Kostensteigerung im Gesundheitswesen - wobei meiner Ansicht nach von einer "Kostenexplosion" keine Rede sein kann.
Einige weitere, spezifische deutsche, Gründe für ein teures Gesundheitswesen sind z. B. die in Deutschland überdurchschnittlich hohen Arzneimittelpreise, und die Tatsache, dass hierzulande z. B. erheblich mehr geröngt wird, mehr Katheteruntersuchungen gemacht werden, überhaupt ein Patient häufiger untersucht wird, als in unseren Nachbarländern. Im Falle z. B. des Röntgens durchaus auch zum gesundheitlichen Nachteil des Patienten.
Über Deutschland hinaus gibt es weitere Faktoren, die die Gesundheitskosten in die Höhe treiben. Da wären z. B. die erfundenen Krankheiten, vom "Sissi-Syndrom" bis zu utopisch niedrigen Cholesterin-Grenzwerten. Wie überhaupt die wirtschaftlichen Interessen der Arznei- und Hilfsmittelhersteller oft "über Bande" durchgesetzt werden. Es wird für meinen Geschmack auch zu wenig darüber diskutiert, dass die Pharmaindustrie mehr Geld für Public Relation als für Forschung ausgibt. Interessant ist auch die Tatsache, dass Privatpatienten, obwohl sie diagnostisch gesehen im Schnitt "gesünder" sind als Kassenpatienten, z. B. im Schnitt häufiger operiert werden als Kassenpatienten.
Der Anteil der Kosten für das Gesundheitswesen am Bruttoinlandsprodukt liegt übrigens seit Jahrzehnten ziemlich konstant bei 10 Prozent. Die finanziellen Probleme der Sozialsysteme sind nicht wegen einer "Kostenexplosion" eskaliert, sondern hauptsächlich wegen der Einnahmeeinbrüche durch die hohe Arbeitslosigkeit und unzureichende Lohnerhöhungen - denn Sozialbeiträge sind an die Löhne gekoppelt.

Zurück zum Interview. Neubauers Antworten haben einen "Spin", den man z. B. auch aus dem Harz-IV / ALG II -Diskurs kennt: "Wem es dreckig geht, der ist halt selber schuld".
Bei der Prioritätensetzung kommt ein Aspekt dazu, den auch Herr Hoppe meint: Es ist die Frage der Verursachung durch veränderbare Verhaltensweisen. Das heißt: Ein übergewichtiger Mensch sollte seine Hüfte erst erhalten, wenn er auf Normalgewicht kommt, weil dann diese Hüfte länger hält und er sich in dieser Form indirekt beteiligt. Zugleich ist dies eine Warnung an andere Übergewichtige, nicht erst alles in sich hineinzufuttern und die negativen Folgen von anderen finanzieren zu lassen.
Dass Neubauer dabei tatsächlich auch an Langzeitarbeitslose denkt, wird aus folgender Antwort klar:
Die Übergewichtigen würden in einer privaten Versicherung höhere Beiträge zu zahlen haben. Denn sie belasten durch ihr Übergewicht die Versichertengemeinschaft stärker. In der Solidargemeinschaft zahlen die Übergewichtigen aber in der Regel niedrigere Beiträge, weil meist auch ihr Einkommen niedriger ist. Von daher ist das Gefühl der Gerechtigkeit auch von der anderen Seite zu sehen: Der Beitragszahler, der jeden Morgen aufsteht und joggt, um sein Gewicht zu halten, wird es als äußerst ungerecht empfinden, dass neben ihm jemand erst um 8 Uhr aufsteht, bis 10 Uhr futtert, Übergewicht hat und dann eine Hüfte braucht, für die er mitzahlen muss.
Erst um "8 aufstehen und bis 10 Uhr futtern" kann regelmäßig eigentlich niemand, der Arbeit hat. Es ist meiner Ansicht nach bezeichnend, dass Neubauer den Faktor "Faulheit" hervorhebt, und nicht etwa den, dass z. B. Niedrigverdienern oft nichts anderes übrig bleibt, als sich "billig" und damit oft ungesund zu ernähren.
(Übrigens ist gerade Joggen nicht der ideale Sport für Menschen mit beginnender Arthrose. Aber Neubauer ist schließlich Gesundheitsökonom, kein Arzt.)

Der Ansatz, der von Neubauer vertreten wird, folgt der weit verbreiteten Tendenz, unreflektierte "Stammtischargumente" mit der kühlen instrumentellen Vernunft der Ökonomie zu verbinden.
Ein - mutmaßlich gut verdienender - privat Versicherter soll ruhig sein Übergewicht haben, denn er zahlt dafür. Ein gesetzlich Versicherter ist hingegen verpflichtet, der Gemeinschaft nicht "zu Last zu fallen", und hat gefälligst so gesund wie möglich zu Leben. Ganz besonders gilt das für die unproduktiven Langzeitarbeitslosen.

Fast erinnert Neubauers Antwort an den berühmt-berüchtigten ehemaligen Berliner Ex-Finanzsenator Sarrazin. Sein Speiseplan für Hartz IV-Empfänger, mit dem er beweisen wollte, dass man sich auch mit dem Regelsatz gesund und ausreichend ernähren könnte, war auf einen unrealistisch niedrigen Tagesbedarf von 1.550 kcal ausgelegt. Sarrazin "rechtfertigte" seine Hungerdiät mit dem zynischen Ausspruch: "Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht".

Der Mensch im ökonomistischen Weltbild ist ein Kostenfaktor, Abweichungen von der Norm erzeugen Verluste, folglich muss der Mensch für das System zugerichtet werden. Juli Zeh stellt in ihrem dystopischen Roman "Corpus Delicti" die logische Konsequenz des Kosten-Nutzen-Denkens im Gesundheitswesen dar: eine Gesundheitsdiktatur, in der "Abweichler" zu Gunsten des vermeindlichen Gemeinwohls "beseitigt" werden. Juli Zeh über Gesundheitsdiktatur (Zeit.de).

Samstag, 16. Mai 2009

... ich mach' ma' Werbung.

(Natürlich unbezahlt.)
Wahlwerbespot der "Piratenpartei":


Es gibt außerdem ´ne interessante Umfrage bei den "Piraten":
http://twtpoll.com/hct6ek

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