Geschichte

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Gräber geben Einblick in die Weltsicht der Wikinger

Dass die Grabbeigaben aus heidnischen Wikingergräbern Aufschluss über das Weltbild und die Haltung zum Tode der frühmittelalterliche Nordleute geben, ist nicht neu. Dennoch sind die Forschungsergebnisse, die Niel Price, Professor für Archäologie an der Universität von Aberdeen, vorstellte, überraschend. Er ließ für eine Studie tausende von Wikingergräbern untersuchen - mit dem Ergebnis, dass keines der Gräber einem anderen glich. In Verbindung mit schriftlichen Quellen lassen die Grabfunde den Schluss zu, dass es komplexe rituelle Inszenierungen gab, die bei der Beerdigung buchstäblich aufgeführt wurden.
Mehr hierzu: Bestattungstheater auf wikingerzeitlichen Beerdigungen.

Excavated burials reveal the Viking world-view

Samstag, 20. September 2008

Leif Eriksons Vinlandfahrt - ein einmaliges Unternehmen?

Was lange währt (bzw. herumliegt): Das Rätsel der Grönlandwikinger: 2. Teil: Leif Eriksons Vinlandfahrt - ein einmaliges Unternehmen?

Keine bekannte und anerkannte schriftliche Quelle - weder die Grönlandsaga ("Grænlendinga saga"), noch die jüngere Saga von Erik dem Roten ("Eiríks saga rauða"), noch die älteste bekannte Quelle für die Entdeckung Vinlands, Adam von Bremens "Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum" (verfasst 1076) deuten darauf hin, dass die kleine Kolonie der "Grönlandwikinger" regelmäßige Reisen zum nordamerikanischen Kontinent unternahmen, geschweige denn, dort siedelten.
Die kurzlebige kleine Siedlung Leifsbuðir wäre demnach der einzige Versuch der Nordeuropäer gewesen, in Nordeuropa Fuß zu fassen.

Leifsbudir wird allgemein mit L'Anse aux Meadows auf Neufundland identifiziert. Dort fand 1961 der norwegische Archäologe Helge Ingstad eine eindeutig nordeuropäische Siedlung, die mehrere Häuser und eine Schmiede umfasste.

Es spricht also einiges dafür, dass die "Vinlandfahrten" auf den engen Zeitraum zwischen 1001 und 1010 beschränkt waren, und dass es nur eine gezielte Entdeckungsfahrt nach Vinland gab, die Reise Leif Eriksons war - die vorangegangene Fahrt Bjarni Herjolfsson war eine unfreiwillige Irrfahrt, außerdem soll Bjarni nicht an Land gegangen sein.

Andererseits: Obwohl die von Thorfinn Karlsefni eingeleitete Besiedlung Vinlands eine kurze Episode blieb, setzten die Grönland-Wikinger ihre Amerika-Fahrten offenbar mindestens bis ins 14. Jahrhundert fort. Darauf deuten Funde von Münzen, Metallteilen, stählernen Pfeilspitzen und charakteristischen Holzschnitzereien der Normannen im nördlichen Kanada ebenso hin, wie ein erst 1993 in der Nähe von Cape Cod in Massachusetts gefundener Runenstein, an dessen Echtheit es im Gegensatz zum umstrittenen „Kensington-Stone" kaum Zweifel gibt („Die Wikinger in Massachusetts", GEO, Heft 1/1994, „Geoskop", S. 166)

Schon länger bekannt sind die "nordeuropäisch" anmutenden Langhausfundamente an der Ungava-Bai in Labrador, Nordost-Kanada. Mangels kohlenstoffhaltiger Überbleibsel konnte die Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung nicht eingesetzt werden, auch andere bewährte Datierungsmethoden versagten - man kann allenfalls sagen, dass die Häuser vor der "Kolonialzeit" (in Kanada ab dem 17. Jahrhundert) errichtet wurden, nicht aber, wann oder durch wen. Beispielsweise könnte die Häuser durchaus die Hinterlassenschaften von überwinternden frühneuzeitlichen Fischern oder Walfängern aus der Bretagne oder von den Shetland-Inseln gewesen sein.

Vor kurzem wurden auf Baffin-Island in der kanadischen Arktis beim Ort Kimmirut Artefakte eindeutig nordeuropäsischer Herkunft gefunden, darunter gesponenes Garn und hölzerne Rechenstäbe. Schon zuvor waren Spuren europäisch anmutender Bauten entdeckt worden. Nach Angaben der Archäologin Patricia Sutherland von Canadian Museum of Civilisation (CMC) können das Garn und die Rechenstäbe nicht von den damals dort lebenden Inuit der Dorset-Kultur stammes, beides wäre in dieser Kultur unbekannt gewesen. (Näheres hier: Spuren frühmittelalterlicher Europäer in der kanadischen Arktis entdeckt).)
Für Frau Sutherland sprechen diese Fundstücke für einen längeren Kontakt zwischen Inuit (Eskimos) und Wikinger oder anderen europäischen Seefahrern, in der Zeit zwischen 1000 und 1450, vielleicht sogar früher, denn einige der Fundstücke sind deutlich älter und stammen wahrscheinlich aus den Jahrhunderten vor 1000.

Das könnte darauf schließen lassen, dass entweder die "Entdeckung" Nordamerikas durch die Wikinger schon vor Leif Erikson stattfand, oder dass es andere (nord-)Europäer gab, die im frühen Mittelalter zur Überquerung des Nordatlantiks und zur Fahr in arktischen Gewässern in der Lage waren.

Wie auch immer: Es gab mit einiger Wahrscheinlichkeit noch mehrere Kolonisationsversuche, die nicht in den Sagas erwähnt sind. Außerdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich die Bewohner Grönlands Bauholz aus Nordamerika holten, da sie auf Grönland lediglich Treibholz zur Verfügung hatten und sogar Island von der Ostküste weiter entfernt war als "Markland". Die nächsten für Dachsparren und Schiffsplanken geeigneten Bäume auf der europäischer Seite des Atlantiks wuchsen sogar erst in Irland, Schottland oder Norwegen. Allerdings lässt sich bei den Holzresten amerikanischer Herkunft, die in Grönland gefunden wurden, nur schwer sagen, ob sie von Treibholzstämmen oder von an Ort und Stelle geschlagenen Bäumen stammen.
Es deutet also Vieles auf wiederholte Reisen der normannischen Grönländer zum nordamerikanischen Kontinent hin.

Bliebe ein Rätsel: Wenn die Wikinger sogar in der kanadischen Arktis, wo die Bedingungen härter sind, als in Westgrönland, zumindest Vorposten errichteten - wieso bestand dann die Niederlassung auf Neufundland nur wenige Jahre?

Eine mögliche Antwort könnte sein: Weil andere Siedlungen noch nicht gefunden wurden. Neufundland, Neuschottland und Labrador sind längst nicht so umfassend archäologisch erkundet, wie z. B. Deutschland - und auch hierzulande gibt es immer wieder überraschende Funde.
Man muss sich vor Augen halten, dass es nur etwa 5.000 bis 6.000 Grönländer nordeuropäischer Herkunft gab. Selbst wenn alle "Grönlandwikinger" geschlossen nach Amerika ausgewandert wären, hätten sie - anders als im dünn besiedelten Norden - in den klimatisch günstigeren, aber auch dichter bewohnten Gebieten Nordamerikas kaum nennenswerten Spuren hinterlassen. Mit einer möglichen Ausnahme: sie hätte dann vermutlich das Pferd in Nordamerika eingeführt - Pferde tauchten dort aber erst "nach Columbus" auf.

Leifsbuðir wurde nach Streitigkeiten mit den Einheimischen aufgegeben. Die Streitmacht der Grönländer war klein und ihr waffentechnischer Vorsprung gegenüber den Indianern zwar groß, aber nicht überwältigend. Die europäischen Siedler des 16. und 17. Jahrhunderts waren Anfangs zwar auch nur wenige, aber sie hatten Feuerwaffen - und konnten deshalb "erfolgreicher" gegen sich wehrende Indianer vorgehen. Die einzige Chance des kleine Häufchens Normannen war es, zu versuchen, möglichst gut mit den Einheimischen auszukommen. Das schließt einzelne Siedlungen nicht aus, Handel ohnehin nicht, aber sehr wohl "Eroberungszüge".

Sonntag, 24. August 2008

Neues vom "Ötzi" und anderen Gletscherfunden

Obwohl die berühmteste aller Gletschermumien seit ihrer Entdeckung 1991 gründlich erforscht wurde, bringt eine neue biochemische Methode interessante neue Erkenntnisse: Ötzi gehörte einer Vieh haltenden Kultur an.

Die 5300 Jahre alte Gletschermumie entstammt der Kupfersteinzeit, der letzten Periode der Jungsteinzeit (4400-2200 v. u. Z.). "Ötzi", im Eis gut konserviert, war in Alltagskleidung und mit kompletter Ausrüstung wahrscheinlich durch Mord mitten aus dem Leben gerissen worden.

Unklar war bisher der soziokulturellen Hintergrund jener Zeit: War "Ötzi" Mitglied einer Jäger- und Sammlergesellschaft, die kulturell älter ist, oder gehörte er eher einer Hirten- und Bauerngesellschaft an?

Um diese Frage zu klären, untersuchten die Wissenschaftler des Instituts für Technische Biochemie der Saar-Universität unter der Leitung von Professor Dr. Elmar Heinzle und in Zusammenarbeit mit der Firma Genefacts mehrere Kleidungsproben der Eismumie. Wären die Kleider vor allem aus Wildtierarten gefertigt, so würde das auf die ältere Jäger- und Sammlerkultur hindeuten, ergäben die Analysen dagegen domestizierte Tierarten, so wäre dies ein Hinweis auf die "fortschrittlichere" Hirten- und Bauerngesellschaft. Bei jüngeren archäologischen Funden lässt sich das oft schon mit mikroskopischen Untersuchungen klären, oder auch mit DNA-Analysen. Wegen der Alterungs- und Zerfallsprozesse konnten diese Verfahren bei der Eismumie nicht eingesetzt werden. Deshalb wurde die erst vor kurzem ebenfalls an der Uni Saarbrücken entwickelte proteinchemischen "SIAM-Methode" eingesetzt.

Die Saarbrücker Wissenschaftler analysierten vier Kleidungsproben von Ötzi: das Oberleder seiner Mokassins, seine Beinlinge und seinen Mantel (zwei Proben). Das Oberleder der Schuhe wurde aus Rinderfell gemacht, während die drei anderen Proben von Schafen herstammen. Damit dürfte "Ötzi" aus einer Bauern- und Viehzüchtergesellschaft stammen.

Pressemeldung der Saar-Universität, die ausführlich auf die "SIAM"-Methode eingeht: Neue Forschungsergebnisse zum Leben von Ötzi.

Allerdings ist "Ötzi" nicht der einzige Gletscherfund, der neue Erkenntnisse über die alten Zeiten birgt: Archäologische Funde, die seit 2003 auf dem Schnidejoch im Berner Oberland aus dem Gletschereis aufgetaucht sind, haben sich als weit älter erwiesen als bisher angenommen. Sie stammen aus der Zeit um 4.500 v. u. Z. und sind damit mindestens 1.000 Jahre älter als die Gletschermumie "Ötzi".
Die 2003 bis 2007 entdeckten Objekte reichen von prähistorischen Kleidungsstücken aus Leder und Bast, über einen Köcher und Pfeile, bis zu bronzenen Gewandnadeln und römischen Schuhnägeln. Während die Objekte aus keltischer und römischer Zeit keine Überraschungen bargen, ergaben die C-14-Analysen von 46 offensichtlich prähistorischen Fundstücken an der ETH Zürich, dass die Funde rund 1.500 Jahre älter sind als ursprünglich angenommen.

Anlässlich der Berner Tagung über die Schnidejoch-Fundstücke bahnte sich eine enge Zusammenarbeit von Archäologen und Klimaforscher an. „Dem Einfluss des Klimas auf geschichtliche Entwicklungen wie zum Beispiel Migrationsbewegungen wurde bisher viel zu wenig Beachtung geschenkt", erklärt der Archäologe Hafner. Und Martin Grosjean, Professor für Geographie an der Universität Bern sowie Direktor des Oeschger Zentrums erklärt: „Die Schnidejoch-Funde erlauben die bis anhin präziseste Rekonstruktion von Gletscherschwankungen im Alpenraum in prähistorischer Zeit.“

Offensichtlich stammen auch die ältesten Schnidejoch-Funde von Anghörigen einer Bauern- und Hirtenkultur. Angela Schlumbaum vom Institut für prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Basel präsentierte eine DNA-Analyse von 5.000-jährigen Lederfunden vom Schnidejoch - ein weltweit einzigartiger Erfolg. Damit steht fest, dass die Hose, welche ein vermutlich verunfallter steinzeitlicher Berggänger bei seinem Marsch zwischen dem Berner Oberland und dem Wallis trug, aus dem Leder einer Hausziege gefertigt worden war.
"Schnidi" 1.000 Jahre älter als "Ötzi" (scinexx).

Samstag, 23. August 2008

Vom Walfänger FLORA zur "Roten Flora" (2)

Teil 1: Der Walfänger

Teil 2: Die "Flora"-Tradition

1888 wurde die zuletzt als schwimmendes Bier- und Tanzlokal dienende Bark "Flora" abgewrackt.
Im selben Jahr wurde das "Tivoli-Theater" am "Schulterblatt", direkt an der Grenze zwischen den Städten Altona und Hamburg, erbaut.

Die Straße "Schulterblatt" hat ihren Namen nach dem Wirtshaus "Zum Schulterblatt" ab, das ab Mitte des 17. Jahrhunderts das bemalte Schulterblatt eines Wals als Ladenschild verwendete. Dieses Schild ist heute im Museum für Hamburgische Geschichte zu bewundern.
Die Gegend um das Schulterblatt lag von beiden Städten aus gesehen am Rande und bot preiswerten Wohnraum, konnte aber noch zu Fuß vom Hamburger oder Altonaer Hafen aus erreicht werden. Deshalb siedelten sich hier zunächst vorwiegend Walfänger und Hafenarbeiter an. Auf der Altonaer Straßenseite ließen sich zahlreiche jüdische Geschäftsleute nieder, denn in Hamburg herrschte, wie fast überall im "Heiligen Römischen Reich", eine judenfeindliche Zunft- und Gewerbeordnung, während es im dänischen Altona längst Religions- und Gewerbefreiheit gab, die auch im eigentlichen Königreich Dänemark noch nicht verwirklicht waren.
Mit den Niedergang des Walfanges und der auch in Hamburg vollzogenen Judenemanzipation veränderte sich der Charakter der Straße. Sie wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts, ähnlich der weiter südlich gelegenen Reeperbahn, zur "Amüsiermeile", wobei sie aber im Unterschied zur Reeperbahngegend nicht den Charakter eines "Rotlichtbezirks" annahm, sondern eher bürgerlich blieb.

An der Stelle des späteren "Flora-Theaters", auf der Altoner Seite des Schulterblatts, war 1857 das "Tivoli" eröffnet worden, ein etwas improvisiert wirkender Holzbau, der zunächst nur im Sommer bespielt wurde. 1888 wurde der schon erwähnte ganzjährig bespielbare Backsteinbau errichtet und zunächst "Tivoli-Theater" genannt. In bewusstem Rückgriff auf das populäre Amüsierschiff wurde das Theater bald in "Concerthaus Flora" umbenannt. Als immer mehr Operetten, Revuen und Varieté-Vorstellungen ins Programm aufgenommen wurde, wurde das Haus ausgebaut und bekam 1895 den lange bleibenden Namen "Flora-Theater". In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich der einstige Tingeltangel zum renommiertem Operettentheater. Daran änderte sich auch nichts, als 1937 Altona nach Hamburg eingemeidet wurde.

Nach schweren Bombenangriffen wurde das unversehrt gebliebene Theater 1943 geschlossen und diente als Lager für die Möbel ausgebombter Hamburger. Nach dem Krieg wurde das Flora-Theater wiedereröffnet. Als eines der wenige größeren Theater, die den Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt überstanden hatten, war es eine wichtige Spielstätte. In der "Flora" traten bedeutende Künstler der damaligen Zeit auf, Hans Albers spielte 1948 den Liliom, ein Jahr später trat Johannes Heesters in einer Revue auf. Nachdem weitere Theater wiederaufgebaut oder neu errichtet worden waren, und Revuen und Operetten an Popularität verloren, konnte sich das Flora-Theater nicht länger halten. 1953 wurde aus dem in die Jahre gekommenen Theater ein Kino, das, als das große "Kinosterben" der 1960er Jahre einsetzte, 1964 geschlossen wurde. Bis 1987 verkaufte das Warenhaus "1000 Töpfe" im einstigen Theater Haushaltswaren aller Art.

1987 wurde der Musical-Produzent Friedrich Kurz auf das alte Theatergebäude aufmerksam. Kurz trat an die Stadt Hamburg mit dem Wunsch heran, das Gebäude zum Musical-Theater umzubauen. Kurz setzte sich mit seinen "Flora"-Plänen in ein Wespennest. Die Anwohner und lokalen Gewerbetreibenden befürchteten, dass mit einem Musicaltheater an dieser Stelle die Mieten für Gewerbe und Wohnraum am bislang "billigen" Schulterblatt unbezahlbar würden. Über 10.000 Unterschriften wurden gegen den Bau gesammelt. Meine war darunter. M.M. Verstärkung kam auch von Autonomen aus dem Hafenstraßen-Umfeld, die sich für ein alternatives Kulturzentrum einsetzten. Der Streit eskalierte und nahm schnell absurde Dimensionen an. Der damalige Innensenator Werner Hackmann (SPD) drohte, man würde das Musical-Haus zur Not "vom ersten Spatenstich bis zur Premiere" abriegeln. Während der als Hardliner berüchtigte Innensenator sich in Drohgebärden übte, beschwichtigte Kultursenator Ingo von Münch (FDP) mit Versöhnungsfloskeln.
Trotz heftiger Proteste der Anwohner und der Denkmalschützer wurde das Bühnenhaus des historischen Floratheaters im April 1988 abgerissen. Lediglich der Eingangsbereich sollte erhalten werden, dahinter sollte ein Neubau mit der neuen Musicalspielstätte entstehen. Im Juni 1988 wurde der Platz besetzt. Neben die friedliche Anwohnerproteste traten militante Anschläge gegen die Baustelle, die dazu führten, dass auch der friedliche Protest öffentlich kriminalisiert wurde. Der Spitzname der am stärksten gesicherten Baustelle Hamburgs war "Klein-Wackersdorf".
Im September 1988 gaben die Investoren das Musicalprojekt "Flora" trotz (oder wegen?) der ständigen Polizeibewachung der Baustelle auf. Statt dessen wurde nahe dem S-Bahnhof Holstenstraße das Musicaltheater Neue Flora gebaut.

Im August 1989 bot die Stadt den "Flora"-Initiativen überraschend einen befristeten (zunächst sechswöchigen) Nutzungsvertrag an. Trotz einem gewissen Misstrauen gingen die "Autonomen" (die "gemäßigteren" Gruppen hatten nicht so lange durchgehalten) auf das Angebot ein, und am 23. September 1989 wurde die "Rote Flora" offiziell eröffnet. Nachdem der Vertrag ausgelaufen war und nicht verlängert wurde, wurde die "Rote Flora" dann am 1. November 1989 für besetzt erklärt. Seitdem wird das Gebäude als kultureller und politischer Treffpunkt genutzt. Es gibt keine bezahlten Stellen, keine Fördergelder, die Belange des Projekts werden im Rahmen der Selbstverwaltung organisiert.

Die lange und wechselhafte Geschichte der Auseinandersetzungen um die "Rote Flora" nachzuerzählen erspare ich mir. Sie wird auf der Seite der "Flora"-Gegner vor allem durch den Faktor "Angst" bestimmt - vordergründig der Angst, dass dort eine "Brutzelle linker Gewalt" entstehen würde, in Wirklichkeit wohl der Angst vor einem Raum, der der staatlichen "Planungshoheit" entzogen ist.

Nach einem Brand im November 1995 sah es so aus, als ob das Ende der "Roten Flora" gekommen sei. Aber das Gebäude wurde in Eigenarbeit durch die Besetzer wieder in Stand gesetzt.

Weil sich die "Rote Flora" zu breiteren Bevölkerungsschichten außerhalb der "Linken Szene" öffnete, und weil sie sich im Laufe der Jahre als Zentrum der nichtkommerziellen Kultur etablierte, ist die "Rote Flora" in im Schanzenviertel und St. Pauli endgültig zu einer festen Institution geworden, die das Bild des Stadtteils mitprägt.

Im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm wurde die längst etablierte und auch von der Stadt akzeptierte "Rote Flora" am 9. Mai 2007 durch die Bundesanwaltschaft durchsucht. Computer, Drucker, Faxgeräte sowie zahlreiche Dokumente wurden sichergestellt. Am gleichen Abend kam es zu einer spontanen Demonstration mit über 2.000 Teilnehmern, die sich gegen die Durchsuchungsaktion wendete. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.
Im Januar 2008 erklärte der Bundesgerichtshof die Durchsuchung und die Beschlagnahme von Gegenständen in der "Roten Flora" für rechtswidrig. Am 6. Juli 2008 wurde das Projekt erneut von einem Großaufgebot der Hamburger Polizei durchsucht. Vorangegangen war dem ein Streit vor dem Gebäude, in den sich Besucher der "Roten Flora" einmischten - also ein Vorfall, der mit der "Flora" selbst kaum etwas zu hatte.

Die "Rote Flora" ist kein Brennpunkt der "politischen Kriminalität" geworden - statt dessen werden aus ihrem Kreis heraus Kunstaktionen, Flohmärkte, Stadtteilfeste veranstaltet oder unterstützt. Was die "Rote Flora" für manche Politiker immer noch zum "roten Tuch" macht, sind vermutlich einige der Themen, die in der Stadtteilarbeit der "Roten Flora" immer wieder aufgegriffen werden: Einwandererprobleme, wiedererstarkender Nationalismus, Antifa-Arbeit, Auseinandersetzung mit der Privatisierung öffentlichen Raums - und selbstverständlich immer wieder auch soziale Probleme.

Finanziert werden die Aktivitäten der Flora zum Beispiel durch Konzerte, Partys und ähnliche Veranstaltungen, die Spannweite der Musikstile reicht dabei von Punk über Reggae oder Dub bis hin zu Drum'n'Bass, House und Techno. Damit setzt die heutige "Flora" gleich zwei Traditionen fort: die Tradition des genossenschaftlichen Eigentums, wie einst auf den Walfängern, und die kulturelle Tradition des "Flora-Theaters".

Man mag zu den linksautonomen "Besetzern" der "Flora" politisch stehen, wie man will, klar ist, dass das autonome Kulturzentrum weder "Brennpunkt der Kriminalität" noch "notorisches Randalezentrum" ist. Wer heute noch behauptet, die "Flora" sei ein Zentrum der gewaltbereiten Linken, der lebt meines Erachtens geistig in den 80er Jahren, als die Hafenstraßenhäuser noch keine alternative Wohngenossenschaft waren. Offenbar braucht "man" alte Feindbilder.

Sonntag, 17. August 2008

Legende "deutsche Wunderwaffen"

Ende des letzten Jahres debattierte die deutsche Science-Fiction Szene heftig über eine neue deutsche SF Serie "Stahlfront": Ist der leicht angebräunte Name Programm?. Das heißt, die Debatte war zwar heftig, aber einseitig: "Stahlfront" -Verlag, -Autoren und -Fans gegen den "Rest des SF-Universums". Und offensichtlich war "Stahlfront" kein Ausrutscher. Nun ist es nicht so, dass "Military SF", in denen "gute" Nazis bzw. "gute" Nazitraditionen eine tragende Rolle spielen, eine deutsch(-nationalistische) Spezialität wären - Romane mit "Stahlfront"-kompatibler Weltsicht kommen auch z. B. aus den USA: Bloody Stupid Brown Books: Watch on the Rhine.

Egal, ob es um braunstichige SF-Romane oder ebensolche "Sachbücher" geht: ein zentrales Element ist die Legende von den "deutschen Wunderwaffen". "Stahlfront" geht z. B. davon aus, dass die Waffenentwicklungen der Nazi-Kriegsindustrie heimlich weitergetrieben wurden (dabei ist die "Neuschwabenland"-Legende von einer "reichsdeutschen" Kolonie in der Antarktis wichtig) und heute zu phantastischen Waffensystemen geführt hätte, die die Menschheit bei ihrem Kampf gegen fiese Außerirdische unbedingt braucht.
Die Legende - besser vielleicht: "moderne Sage" - von den Nazi-Wunderwaffen beruht auf der weit verbreiteten Annahme, dass Waffensysteme, Material- und Grundlagenforschungen Deutschlands am Ende des Zweiten Weltkriegs ihrer Zeit weit voraus gewesen seien - eine Annahme, die, abgesehen von einigen Spezialgebieten, nicht stimmt.

Die Wunderwaffen-Legende speist sich aus mehreren Quellen:
  • Die deutsche Wunderwaffen-Propaganda in der letzten Phase des 2.Weltkriegs, inbesondere die um die V-Waffen. Diese "Wunderwaffen" sollten doch noch einen deutschen Sieg ermöglichen. Daraus entstand der Nachkriegs-Mythos, dass nur das "rasche" Kriegsende einen effektiven Einsatz dieser Waffen unmöglich gemacht hätte.
  • Nach der bedingungslosen Kapitulation gerieten verschiedenste ausgereifte oder bloß in der Erprobung befindliche Waffensysteme in alliierte Hände. Einige dieser Entwicklungen - vor allem auf dem Gebiet der Raketentechnik, der Düsenflugzeuge und des U-Boot-Baus - waren den entsprechenden allierten Entwicklungen tatsächlich voraus, bei anderen entstand, weil die Allierten ihre entsprechenden Entwicklungen geheim hielten, fälschlicherweise der Eindruck deutscher Überlegenheit (z. B. auf dem Gebiet der Nervengifte, der Radartechnik, der Herstellung synthetischer Treibstoffe).
  • Die Entwicklung der einzigen realen "Wunderwaffe" des 2. Weltkrieges, der Atombombe, stand unter dem (fälschlichen) Eindruck eines "Wettlaufes um die Bombe" mit dem deutschen Uranprojekt. Die Befürchtung, dass Nazideutschland mittels Atombomben den Krieg hätte gewinnen können, ist so alptraumhaft, dass sie bis heute kulturell nachklingt, und selbst wage Hinweise auf eine "deutsche Atombombe" über Gebühr ernst genommen werden.
  • Unter den gefundenen deutschen Reißbrett-Projekten befanden sich auch technisch unrealistische "Panik"- und "Größenwahn"-Ideen, z. B. die (nie geflogenen) Flugscheiben Heinrich Fleißners oder der Riesenpanzer P 1500 "Monster". Hinzu kommen teilweise realisierte "Panik-Entwicklungen" wie die Bachem Ba 349 "Natter", die die Grenzen des damals technisch Realisierbaren großzügig außer Acht ließen. Solche phantastischen, aber irrealen, Waffenprojekte lieferten reichlich Stoff für ebenso irreale Spekulationen.
  • Die Allierten suchten nach Kriegsende intensiv nach deutschen Wissenschaftlern und Ingenieuren (Operation Overcast). Da der teils erzwungene, teils angedienten Übertritt deutscher Wissenschaftler in die Nachkriegsforschung der beiden Supermächte nicht geheim bliebt, wurde der Eindruck, dass es in Deutschland ein immenses und nicht einmal ausgeschöpftes Potential für Waffenentwicklungen gegeben hätte, enorm verstärkt.
  • Der meiner Ansicht nach zumindest in Deutschland stärkste Beitrag zur "Wunderwaffenlegende" lag in der "Fronterfahrung" der deutschen Soldaten: sie bekamen die technischen Durchbrüche, die tatsächlich erreicht wurden, vor allem im Flugzeug-, Panzer- und Unterseebootbau, durchaus mit, zumal diese Errungenschaften auch propagandistisch überhöht wurden. Diese punktuelle technische Überlegenheit verschleierte die Tatsache, dass etwa ab 1943 die Allierten nicht allein hinsichtlich des Umfangs ihrer Waffenproduktion, sondern auch hinsichtlich der Qualität der meisten ihrer Waffen erdrückend überlegen waren. Viele Deutsche glaubten - oder wollten glauben, - dass letzten Endes allierte "Masse" gegen deutsche "Klasse" gesiegt hätte.
  • Ein weites Feld sind die (braun-) esoterischen Beiträge zur "Wunderwaffenlegende". Allerdings hätten "Jan van Helsing" und Konsorten mit ihren Behauptungen über "Reichsflugscheiben" kein Gehör gefunden, wenn es den Mythos "deutsche Wunderwaffe" nicht geben würde.
Ein paar Sätze zur in Deutschland besonders wirksamen Vorstellung, "wir" hätten doch die technisch besseren Waffen gehabt, Oppa hätte schließlich mit eigenen Augen gesehen, wie hilflos die Ami- oder Russenpanzer gegen "unsere" Königstiger gewesen wären, nur hätten "wir" davon zuwenige gehabt.
Selbst bei den (wenigen) deutschen Waffensystemen, die denen der Alliierten gegen Ende des 2. Weltkrieges noch technisch deutlich voraus waren, kann von "Wunderwaffen" keine Rede sein:

Die Me 262 war in der Hand geübter Piloten ein guter Abfangjäger - mehr aber auch nicht.
Ihre Reichweite betrug gerade einmal ca. 1.000 km bei voller Treibstoff-Zuladung. Mit dem sich daraus ergebenden Aktionsradius von unter 500 km war die Bomberversion A-2a taktisch gesehen unsinnig, zumal sie gerade mal 2 x 250 kg Bombenlast schleppen konnte. (Aber Hitler, Göring und sehr viele wundergläubige "Volksgenossen" wollten den "schnellsten Bomber der Welt".)
Außerdem waren die Triebwerke noch notorisch unzuverlässig - und viele Piloten kamen mit dem schnellen "Wundervogel" nicht zurecht. Es gingen mehr Me 262 durch Pilotenfehler oder technisches Versagen als durch Feindeinwirkung verloren!

Auch bei den schweren Kampfpanzern hatte Nazideutschland einen gewissen technischen Vorsprung - aber Wunderwaffen waren der "Tiger", der "Königstiger" und der "Panther" nicht.
Eine Schwäche der "Tiger"-Familie war ihr kompliziertes Schachtellaufwerk - war das einmal eingefroren, was im Winter im Osten nicht selten vorkam, konnten die unbeweglichen Kolosse ziemlich mühelos von der sowjetischen Panzerabwehr-Artillerie zusammengeschossen werden. Viele Brücken waren für die schweren Panzer (Tiger II: 68 Tonnen)schlicht zu schwach.
Die Notwendigkeit, für den Bahntransport mühsam spezielle Transportketten aufzuziehen zu müssen, wie beim "Königstiger", war ein logistischer Alptraum. Außerdem war der Treibstoffverbrauch der schweren Panzer, angesichts der angespannten Brennstofflage, katastrophal. Nicht zuletzt erforderten diese technisch anspruchsvollen Panzer eine gut ausgebildete Besatzung - und damit haperte es ab 1942/43.

Das Körnchen Wahrheit, dass jede Legende enthält, gibt es auch bei den "Wunderwaffen". Einige kamen tatsächlich "zu spärlich" oder "zu spät": eine ausgereifte und zielsichere A4-Rakete (alias "V2") oder eine frühere Serienreife der U-Boote vom Typ XXI hätten, wie ein Masseneinsatz der Me 262, den Kriegsverlauf durchaus beeinflussen können - der Krieg hätte in diesem Fall aber nur länger gedauert, dass mit diesen Waffen noch ein "Endsieg" hätte erzwungen werden können, war von Anfang an illusorisch.
Was "Wunderwaffenfans" regelmäßig übersehen: die "bedingungslose Kapitulation" (unconditional surrender) war der zentrale Punkt der Anti-Hitler-Koalition. Da eine bedingungslose Kapitulation Waffenstillstandsverhandlungen und Teilkapitulationen ausschloss, bewies das der Sowjetunion, dass die Westalliierten bereit waren, den Krieg gegen Deutschland unter allen Umständen weiter an ihrer Seite zu führen. Da ab Juli 1945 die Atombombe einsatzbereit war, und ihr Einsatz ohne Zweifel geeignet war, eine bedingungslose Kapitulation zu erzwingen, wären bei längerer Kriegsdauer mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit Atombomben auf deutsche Städte abgeworfen worden.

Dienstag, 12. August 2008

Vom Walfänger FLORA zur "Roten Flora" (1)

Zur Abwechslung mal etwas regionale Geschichte. Es gibt eine Verbindung vom legendären Walfänger zur nicht weniger legendären "Roten Flora" im Schanzenviertel - und diese Verbindung liegt nicht nur im Namen.

Teil 1: Der Walfänger

Flora
Walfänger "FLORA VON ELMSHORN"
Die Bark hat, vor einem Sturm Schutz suchend, einen Fjord in Nord-Norwegen angelaufen. Da es im tief eingeschnittenen Fjord fast windstill ist, wird die „Flora“ von dreien ihrer Fangschaluppen in die offene See geschleppt.
Gemalt nach dem Modell im "Internationalen Maritimen Museum", Hamburg.

Länge über alles: 45 m
Länge über Deck 32 m
Breite über alles: 10,60 m
Tiefgang maximal: 6,50 m
Besatzung: ca. 50 Mann

Den Bug ziert die Galionsfigur „Flora“, eine Blumenmaid.

Seit eh und je jagten Küstenbewohner mit Handharpunen vom Boot aus Wale und Robben. Aber erst relativ spät, im 16. Jahrhundert, begann der Walfang auf hoher See, zuerst im Baskenland und in der Bretagne, später in Holland und Friesland. Der deutsche Nordmeer-Walfang begann im Jahr 1644 in der Stadt Hamburg. 1675 gingen bereits 75 Hamburger Schiffe auf "Grönlandfahrt". Entgegen dem Namen wurde das blutige Handwerk vor allem in den Gewässern bei Spitzbergen betrieben. Bis heute gibt es dort eine Hamburger Bucht.

Nach Hamburg begann die damals dänischen Städte Glückstadt und Altona mit dem Aufbau einer Walfang-Flotte. 1671 lief das erste Glückstädter Fangschiff aus, 1685 wurde die erste Grönlandkompanie in Altona gegründet. Begünstigt durch dänische Prämien und Privilegien blühte der holsteinische Walfang und erreichte um 1770 herum seinen Höhepunkt. Die Besatzungen der Walfänger, die manchmal jahrelang auf Fangreise waren, waren größtenteils Inselfriesen - auf den friesischen Inseln gab es damals nur wenige Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die Friesen galten als hervorragende Seeleute und Harpuniere, einige kamen zu Wohlstand - prachtvolle Häuser, etwa auf der nordfriesischen Insel Amrum oder der ostfriesischen Insel Borkum künden davon, wie auch einige erhaltene Zäune und Tore aus Walknochen, viele kamen auf diesen gefährlichen Reisen um - Gedenksteine auf friesischen Friedhöfen erinnern an die vielen Männer, die auf See geblieben sind.

Die englische Kontinentalblockade und die französische Kontinentalsperre während der napoleonischen Kriege brachten den deutschen und dänischen Walfang fast zum Erliegen. Nach dem Ende der Besetzung durch Napoleon erholte sich die Wirtschaft in der Unterelberegion sehr schnell - der Grund lag in der beginnenden "industriellen Revolution". Damals diente Walöl nämlich als Maschinenöl. Waltran wurde außerdem zur Seifenherstellung, zum Gerben von Fellen und zur Beleuchtung von Haus und Stall („Tranfunzel“) verwendet, Robbenfelle für wetterfeste Kleidung.

Um den steigenden Bedarf an Walöl zu befriedigen, und um den sich erholenden Walfang nicht allein den Hamburger Walfängern zu überlassen, subventionierte Dänemark die schleswig-holsteinischen „Grönlandfahrer“ mit 10 Reichstalern für jeden „Commandeur“.
"Commandeur" eines Walfängers ist nicht etwa "nur" Kapitän. Walfänger wurden meisten als Partenreedereien betrieben, als Genossenschaften - jeder, der auf einem Walfänger fuhr, war Anteilseigner an seinem Schiff und war am Gewinn beteiligt. Der Commandeur wurde von der Besatzung / Genossenschaft gewählt.
Auch wegen dieses demokratischen Vorgehens galten Walfänger bei Seeleuten der Kriegsmarinen, aber auch denen der Fernhandelsgesellschaften, als undisziplinierter, wilder Haufen.

Nach 1815 begannen wegen der Subventionen auch kleinere Städte mit Elbzugang (Itzehoe, Brunsbüttel, Elmshorn, Uetersen) eigene Schiffe auszurüsten.

Die Dreimastbark "Flora" wurde 1794 in Neustadt an der Ostsee gebaut und fuhr zunächst als Frachtsegler. 1816 wurde das Schiff in Flensburg zum Kauf angeboten und nach gründlicher Prüfung von 15 Elmshorner Bürgern, die eine Partenreederei gründeten, für 15000 Courant Mark gekauft.
Die "Flora" wurde im damals zu Elmshorn gehörenden Hafen beim Spiekerhörn zu einem "Grönlandfahrer" umgebaut. Neben Walfang sollte das Schiff in arktischen Gewässern auch der Robbenjagd dienen.
Das Schiff erhielt eine neue eichene Haut, um für stärkere Eispressungen gerüstet zu sein. Außerdem wurden sieben Fangschaluppen gebaut. (Später auf fünf reduziert.) Durch den Umbau verteuerte sich das Schiff um weitere 14000 Courant Mark.
Außer den für den Walfang und die Robbenjagd benötigten Waffen wurde die "Flora" auch mit acht kleinen Kanonen ausgerüstet - in und kurz nach den napoleonischen Seekriegen erlebten Freibeuterei und Piraterie eine kurze, aber heftige "Blüte".
Die schwarz bemalten Stückpforten, die man auf dem Bild erkennt, waren zum großen Teil "blind", d. h. es standen keine Kanonen hinter ihnen. Sie gaben der Bark auf einige Entfernung das Aussehen eines Kriegsschiffes und schreckten so Kaperfahrer ab. Ab den 1820 Jahren wurden Zeiten ruhiger. Die Kanonen wurden entfernt, um mehr Laderaum zu schaffen. Die „Flora“ behielt ihr kriegerisches Aussehen dennoch bei.
Zur Aufnahme des Robben- und Walspecks wurden 450 Fässer und zur Reserve noch mehrere hundert Fassdauben geladen.
So ausgerüstet trat die Flora Ende April 1817 ihre erste Reise in die arktischen Gewässer an.

Zur Zeit der Elmshorner Grönlandfahrten war der Höhepunkt der Wal- und Robbenjagd vor Grönland und Spitzbergen längst überschritten, denn infolge der rücksichtslosen Nachstellung war der Bestand dieser Tiere schon stark verringert. Immerhin erlegte die Mannschaft der "Flora" im Jahre 1831 noch 9.000 Robben und sechs Grönlandwale.

Über 50 Jahre fuhr die "Flora" nach Grönland, um die begehrten Seesäuger zu erjagen. Mit ihr fuhren von Elmshorn noch drei weitere Fangschiffe, die im Laufe der Jahre erworben wurden. Über 50 Jahre lang waren diese Schiffe ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor und ein wichtiger Teil des Lebens in Elmshorn.

Zu Beginn der 1870er Jahre wurden die Fangergebnisse immer geringer und die Verluste immer größer. Die Grönlandfahrten hörten allmählich auf. Hinzu kam, dass Erdölprodukte das Walöl als Schmierstoff und Lampenöl (Petroleumlampe) verdrängten. Nur der aufwändige Walfang auf den Pottwal lohnte sich noch. Bis zur Einführung des industriellen Walfangs mit Harpunenkanonen, schnellen Fangbooten mit Dampf- und später Motorantrieb und ab den 1920er Jahre Fabrikschiffen hatte die großen Wale einige Jahre trügerischer Ruhe, bis dann fast alle Großwalarten bis an den Rand der Ausrottung gejagt wurden.

Im Jahre 1872 ging die "Flora" auf ihre letzte Fahrt. Danach wurde sie abgetakelt. Auch die anderen Fangschiffe wurden außer Dienst gestellt und verkauft. Die Zeit der Grönlandfahrten war vorbei.
Die Stadt Elmshorn hält die Erinnerung an diese Zeit lebendig. Das Stadtwappen, das ein Segelschiff zeigt (das aber nur wenig Ähnlichkeit mit der "Flora" hat) und der Springbrunnen auf dem Bahnhofvorplatz, der einen stilisierten Walfänger zeigt, erinnern an diese Zeit. Der Anker der "Flora" liegt bei der Gaststätte "Sibriren" am See, einem noch heute beliebten Ausflugsziel.

Das Schiff wurde abgetakelt und diente dann bei der Bergung eines Dampfers auf der Unterelbe als Wohn-und Materialschiff. Später wurde es in Hamburg, in Steinwerder an der Norderelbe, gegenüber von St. Pauli, fest verankert, und diente als Bier-und Tanzlokal. 1888 kam das Ende dieses Schiffes, es wurde abgewrackt.

(Teil 2: Die "Flora"-Tradition geht weiter. Demnächst in diesem Blog.)

Sonntag, 20. Juli 2008

20. Juli

Der 20. Juli 1944 war der Tag, an dem das von Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Führerhauptquartier Wolfsschanze ausgeführte Attentat auf Adolf Hitler und der anschließende versuchte Saatsstreich scheiterten.

Bis heute folgenreicher ist leider der 20. Juli 1933. Damals unterzeichneten Eugenio Pacelli - Papst Pius XII. - und der deutsche Vizekanzler Franz von Papen das Reichskonkordat, das das Verhältnis zwischen dem "Heiligen Stuhl" und dem Deutschen Reich regelt und das heute noch fast uneingeschränkt(!) gilt. Es umfasst das "Recht der Kirchen auf Erhebung von Kirchensteuern", die Bestimmung "katholischer Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach” und die Regelung: "Das Reich wird für nicht-katholische Konfessionen gleichartige Regelungen treffen" - die dann auch mit den evangelischen Kirchen getroffen wurden.

Dass im heutigen Deutschland die für demokratisch verfasste Staaten übliche Trennung von Staat und Kirche de facto nicht existiert, ist auf diesen "Kuhhandel" zwischen Nazideutschland und Vatikan zurückzuführen, der nebenbei auch noch der erste große Prestigeerfolg des Naziregimes war.

Zwei erfreulichere Jahrestage:
20. Juli 1906: Finnland führt als erstes europäisches Land das aktive und passive Frauenwahlrecht ein.
Am 20. Juli 1969 erfolgte die erste bemannte Mondlandung mit Apollo 11 durch Neil Armstrong und Edwin Aldrin.

Samstag, 19. Juli 2008

Fremde alte Welten: die Wikinger

Wie schon Fremde alte Welten: Das antike Griechenland beginnt dieser Beitrag in einer trauten Runde von Science-Fiction-Fans und -Schaffenden, am Abend nach einem Science Fiction-Con, in diesem Falle dem "4. Hamburger Zellaktivator-Con". "Con" könnte für "congregation", was man schlicht mit "Versammlung" übersetzen kann, oder für "congress" - Kongress, wer hätte es gedacht - stehen. (Oder für "convention" - danke, Karsten, diese gängige Deutung hatte ich glatt vergessen!) So genau weiß das keiner mehr, und ob es "der" oder "die" Con heißt, kann man sich trefflich streiten, aber es ist letzten Endes egal ... )
Dieses Mal war die Runde kleiner - wir saßen bei Rotwein an der ansonsten schon verwaisten Bar des Eidelstedter Bürgerhauses, im Westen Hamburgs.
Zu unserer Runde gehörte Uwe Anton, SF-Autor (unter anderem bei "Perry Rhodan") und Übersetzer. Da mit Heiko Langhans ein weiterer Übersetzer anwesend war, drehte sich das Gespräch zeitweilig um, na klar, Übersetzungen. Uwe Anton hatte unter anderem die Romantrilogie "The Last Viking" von Poul Anderson übersetzt (deutscher Titel - man ahnt es schon - "Der letzte Wikinger"). Ich kannte die Trilogie und fragte Uwe, wieso die Romane vom Ullstein-Verlag als "Fantasy" vermarktet würden, denn Anderson hält sich genau an die Lebensgeschichte des Warägers und späteren Königs von Norwegen, Harald Hardrade, und beachtet sorgsam die bekannten historischen Tatsachen - weitaus genauer als die meisten historischen Romane, die ich kenne.
Uwe antwortete (darin unterstützt von Heiko), dass "The Last Viking" von magischem Denken geprägt sei, bzw. dass die Protagonisten Magie praktizieren würden. Das sei ein eindeutiges Merkmal von Fantasy.
Meinen Einwand, dass Poul Anderson nur die damals übliche Weltsicht getreulich wiedergegeben hätte, ließen die beiden nicht gelten.

Obwohl sie uns zeitlich näher steht als die Welt der alten Griechen, ist die Welt der Nordeuropäer des frühen Mittelalters für uns nicht weniger fremdartig.
Es ist nichts Neues, dass die meisten historischen Romane die zur Zeit ihrer Entstehung moderne Vorstellungen in vergangenen Zeiten projektieren. Nach der Theorie, dass der Grad an Fremdartigkeit, den ein durchschnittlicher Leser bei einem Unterhaltungsstoff akzeptiert, eher gering ist, müsste ein sehr genau recherchierter und auch die sozialen und religiösen Verhältnisse seiner Handlungszeit wiedergebender Roman weniger erfolgreich sein, als ein Roman, in dem salopp gesprochen, kostümierte Menschen der unserer Gegenwart auftreten.
Tatsächlich gibt es einen Roman, der wie "Der letzte Wikinger" in der ersten Hälfte des 11.Jahrhunderts handelt, der sozusagen das Muster eines auf das heutige Denken abgestimmten (pseudo-)historischen Romans ist: Noah Gordons "Der Medicus". Gordons lässt einen europäischen Heiler in Isfahan in der Schule des berühmten persisches Arztes Abu ʾAli Sina (Avicenna) studieren, um das vor-aufgeklärte Europa mit der hochzivilisierten islamischen Welt des Mittelalters zu konfrontieren.Allerdings handelt der Roman in einer "mittelalterliche" Fantasiewelt, die mit dem realhistorischen 11. Jahrhundert nicht viel gemein hat. Der Roman enthält viele Anachronismen, z. B. gab es im damaligen England keine Hexenverfolgungen, es werden Länder bereist, die es erst viel später gab, wie Bulgarien oder die Türkei, und auch seine Beschreibung Isfahans ist anachronistisch. Außerdem bagatellisiert er die großen kulturellen Unterschiede zwischen Persern und Arabern. "Der Medicus" bedient äußerst wirksam landläufige moderne Klischees, was neben der "anti-eurozentrischen" Aussage und der pseudo-dokumentatorischen Detailfülle entscheidend zum Erfolg des Romans beitrug.

Aber zurück in die "Wikingerzeit". Wobei "Wikinger" ja einen "Beruf" und nicht etwa eine Volkszugehörigkeit beschreibt: „die Wiking“ war eine „lange Seereise“. Auf „die Wiking gehen“ hieß soviel wie sich auf Handelsreise / Raubzug / Kriegsfahrt / Forschungsexpedition begeben - die Übergänge waren fließend. Ein „Wikinger“ war gewissermaßen (um es mit „Hägar dem Schrecklichen" zu sagen) ein „Geschäftsreisender“. Aus sprachlicher Bequemlichkeit behalten wir diesen Begriff für die nordgermanische Gesamtbevölkerung bei. Auch Begriffe wie "Normannen" oder "Waräger" sind nur bedingt brauchbar.

Darüber, was in den Köpfen der "Wikinger" ablief, kann, weil die schriftlichen Quellen spärlich und, wie die in Klostern entstandene Chronikliteratur, oft hochgradig tendenziös ist, sehr viel weniger gesichert gesagt werden, als z. B. von den Griechen der "klassischen" Zeit. Was zu allen möglichen Projektionen führte: auf der einen Seite das Bild der kulturfernen, brutalen, zivilisationsunfähigen, streitsüchtigen und rücksichtslosen Barbaren (noch im Jahr 2000 im "Spiegel" thematisiert), auf der anderen die opferbereiten, bis in den Tod gefolgschaftstreuen, von der dekadenten städtischen Zivilisation unberührten, sich kühn mit dem Recht des Stärkeren nehmenden, keinem mannhaften Kampf aus dem Wege gehenden nordischen Recken. Wobei das negativ gemeinte Klischee von den saufenden und raufenden barbarischen Plünderern und das positiv gemeinte von den urwüchsigen harten, aber geraden, nordischen "edlen Wilden" im Grunde auf den selben Klischees beruht. So schief das Bild von "Kulturzerstörenden Wikinger auch ist, es ist auch hoffnungslos übertrieben, die "Wikinger" zu "Kulturbringern" zu stilisieren, wie das z. B. schwedische Nationalromantiker und deutsche Nazis gerne taten. Die ebenfalls etwas verkürzte, aber historisch berechtigte, Feststellung, dass die parlamentarische Demokratie eine Errungenschaft der "Wikinger" sei, und das straffe Hierarchie zur Wikingerzeit schwerlich funktioniert hätten, erfreut sich (zumindest in Deutschland) keiner großen Anhängerschaft.

Eine wichtige Frage - nämlich die nach der Religion der Germanen, einschließlich der Nordgermanen, vor der Christianisierung habe ich bereits an andere Stelle ausführlich beantwortet: Die "alten Germanen" hatten keine Religion. Nur soviel in Kürze: es gab keine heiligen Bücher, keine göttlichen Offenbarungen, die nur auserwählten Propheten (und sonst niemandem) zuteil werden, keine "unfehlbaren" Religionsführer, keinen Priesterstand (Goden waren keine Priester im antiken, geschweige denn christlichem Sinne), keine verbindliche Glaubensvorschriften. Was auch der Grund war, weshalb Jesus relativ mühelos in die Götterwelt vieler wikingerzeitlicher Nordeuropäer integriert werden konnte - ohne das die "Christusverehrer" damit auch schon Christen geworden wären. Die Grenze zwischen "Heidentum" und "Christentum" war offensichtlich recht fließend. Noch im 11. Jahrhundert gab es Gussformen, mit denen je nach Bedarf christliche Kreuze oder Thorshämmer gegossen werden konnten. Bezeichnend ist die Annahme des Christentums durch den Isländischen Althing im Jahre 1000 - übrigens, was gern verschwiegen wird, auf Druck des norwegischen Königs Ólaf Tryggvason, der sich selbst für einen Christen hielt. Nach dem Althingbeschluss durften heidnische Götter zunächst weiter verehrt werden.
Die Missionierung folgte oft politischen Zwecken; das Volk wurde von der "heilsanstaltlichen" Kirchorganisation erfasst, die wiederum eine Machtbasis des sich zentralisierenden Königstums war. Als sich monarchistisch verfasste Staaten in Nordeuropa durchgesetzt hatten, endete die "Wikingerzeit". Auch nachdem sich Königtum und Adel herausgebildet hatten, wurde der "Staat" in Nordeuropa nicht über ein räumliche Territorium definiert (etwa "Dänemark"), sondern über seine Menschen und deren Stellung zum Herrscher (in modernen Begriffen "König der Dänen" statt "König von Dänemark"). Deshalb zog der Tod eines "starken" Königs nicht selten den Zerfall seines Reiches nach sich - Norwegen wurde z. B. mehrmals "geeint" und zerfiel eben so oft wieder in Kleinkönigtümer.

Der immer wieder aufscheinende, vermutlich durch die harten Lebensbedingungen verstärkte, Pragmatismus der "Wikinger" erstreckte sich auch auf das "geistliche" Leben. So heißt es in einem Sagatext, ein Vater hätte sich enttäuscht von Odin abgewandt, nachdem zwei seiner Söhne im Kampf gefallen waren (Odin ist unter vielem Anderen ein Schlachtengott) - er würde nun lieber Thor verehren. Die Anekdote vom Wikinger-Händler, der sich über die schlechte Qualität des Taufhemdes beklagte, denn bei all seinen über 20 vorherigen Taufen hätte er bessere Hemden bekommen, mag von einem christlichen Chronisten, der die "Verstocktheit" und "Doppelzüngigkeit" der Normannen beklagte, erfunden worden sein, aber ohne einen tatsächlich ausgeprägten Pragmatismus, gepaart mit Individualismus und Habgier, ergibt die Anekdote keinen Sinn.

Stichwort "Individualismus". Es wäre falsch, diesen mit dem modernen "Einzelkämpfertum", der Ich-Bezogenheit einer auf permanenten Wettbewerb ausgerichteten kapitalistischen Gesellschaft gleichzusetzen. Der einzelne Nordgermane war seiner Familie und seiner Sippe verpflichtet, und sie wiederum dem Einzelnen. Der "wikingerzeitliche Individualismus" ist als das Streben zu umschreiben, seine Lebensverhältnisse in die eigenen Hände zu nehmen, sein "Glück zu machen" - (im Unterschied zu Moderne, in dem mir nur nur versprochen wird, ich könnte "es" allein schaffen - wobei ich im Falle des Scheiterns eben "selbst schuld" an meinem Unglück sei). Wichtig ist, dass das Streben nach Glück dem Heil keinen Schaden zufügt. (Wobei das Kapitel Heil einen eigenen Beitrag wert ist - zum Beispiel, allerdings bezogen auf die heutige Zeit, diesen: Heil. - Nur eins: Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss. bei den Wikinger so wie heute.)

Mit den Wikingern ist es fast so wie mit dem Ungarn der Zwischenkriegszeit: es war keine Republik, sondern ein Königreich. Aber ohne einen König - Ungarn hatte einen Reichsverweser, Admiral (nicht etwa General, obwohl Ungarn noch nicht einmal Zugang zum Meer hat) Miklós Horthy.
Also: zur Wikingerzeit waren die Familien der Nordgermanen patriarchalisch organisiert. Dass heißt, so patriarchalisch waren die Verhältnisse nicht, die Stellung der Frauen war gemessen an der Verhältnissen im christlichen Europa stark - Frauen konnten Erben, für ihre minderjährigen Söhne herrschen und hatte in Haus und Hof die "Schlüsselgewalt". Es gab drei soziale Klassen, "Edle", Freie und Unfreie, wobei das (noch) keine starren und abgeschotteten "Stände" im Sinne der Feudalordnung waren - es gab noch eine gewisse soziale Mobilität. Alle Versuche, Konstrukte wie "Lehrstand" oder "Nährstand" auf die Wikingerzeit zu projektieren, sind unhistorischer Blödsinn. Zu bestimmten Zeitpunkten fanden die Versammlungen der freien Männer (Thing) statt, bei denen wichtige Entscheidungen besprochen und getroffen wurden, so z. B. die Wahl des Jarls oder des Königs. Das klingt beinahe demokratisch - aber nur auf Island und in geringerem Maße in anderen atlantischen Siedlungsgebieten entstand daraus eine "echte" Demokratie - und zwar eine parlamentarische Demokratie, die praktikabler und stabiler war, als z. B. das athenische Modell. Übrigens war die Macht der Herrscher noch in der frühen Wikingerzeit eingeschränkt - es gab (gewählte) Herzöge bzw. im Norden eher Heerkönige, die den militärischen Oberbefehl innehatten - und wenig mehr. Fast kann man die Geschichte der Wikingerzeit als die Geschichte eine jahrhundertelang andauernden Putsches ansehen, in dem die Könige Nordeuropas von beschränkten Herrschern von Volkes Gnaden zu unanfechtbaren Monarchen von "Gottes Gnaden" aufstiegen.
Die Wikinger galten als mutig - aber selbstmörderisches Heldentum war ihnen fremd. Sie galten als unerbittlich - aber Gastfreundschaft war "Ehrensache". Sie waren Räuber - aber mehr noch gewiefte Händler. Sie besaßen eine Schrift, aber ihre Kultur beruhte auf mündlicher Tradition.
Sie waren höchst widersprüchlich. Was sie eigentlich für ideologischen Missbrauch völlig unbrauchbar machen müsste. Eigentlich.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Rechtsextreme Mittelaltergruppen?

Das Problem ist an sich nicht neu, und ist im weiten Komplex "Rechtsextremismus" eher ein Randproblem - aber ein überaus störendes. Nachdem es schon jahrelang in Mittelalter-Foren diskutiert wird (z. B. bei Tempus vivit!) ist es eher erstaunlich, dass es in der Presse erst jetzt Thema wurde- in der taz: Der Nazi im Kettenhemd - und deutlich polemischer auf telepolis: Die wollen doch nur spielen.

Konkreter Anlass dafür, dass die Diskussion nicht länger auf die "Mittelalterszene" beschränkt ist, waren auffallend viele Hakenkreuze auf Schilden und Borten der bekannten Frühmittelalter-Reenacmentgruppe Ulfhednar. Als dann noch ein Ulfhednar-Mitglied mit der SS-Parole "Meine Ehre heißt Treue", großflächig über den Bauch tätowiert, fotografiert wurde, war der Skandal komplett. Der Fall Ulfhednar und die Folgen (chronico.de).

Dass die Vorwürfe gegen Ulfhednar mehr sind, als ein museumpädagogischer Sturm im Wasserglas, wird daran deutlich, dass Arian Ziliox, Gründer und Vorsitzender von Ulfhednar, sich auf der öffentlichen Podiumsdiskussion "Lebendige Wissenschaft oder verdeckte Propaganda" (hierzu auch Erklärung zu "Facharchäologie und Reenactment") wieder einmal als Verschwörungstheoretiker betätigte.

Schon im Mai hatte er Ulfhednar als Opfer einer Verschwörung von Antifa, Publizisten, Historikern und Archäologen dargestellt, die "jeglichen positiven Bezug auf Deutschland und deutsche Identität" verweigern. Das deutet darauf hin, dass da wirklich etwas faulig-bräunlich sein könnte. Im besten Fall ist es so, dass Ziliox damit die Türen nach "rechtsaußen" weit öffnet und zugleich den Dialog mit Kritikern, und zwar auch wohlwollenden, abwürgt. Im schlechteren Fall vertritt er selbst eine rechtsextreme bzw. ultranationalistische Weltanschauung.

Wer öffentlich eine Swastika (bzw. ein Hakenkreuz) zeigt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er für einen Nazi gehalten werden kann. Was wiederum bedeutet, dass man dafür einen stichhaltigen Grund haben sollte, wieso man nach §86 StGB verbotene Symbole - zu denen das Hakenkreuz in allen Varianten und alle ihm zum verwechseln ähnlichen Symbole zählen - trotzdem verwendet. Dabei kommt es nicht nur darauf an §86 (3) StGB "pro forma" zu erfüllen. Der Zweck der "Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte" ist meines Erachtens in dem Moment nicht mehr erfüllt, wenn z. B. bei einer Rekonstruktion historisch nicht verbürgte Swastika-Ornamente verwendet werden.

Nach dem Besuch der Ulfhednar-Website (die von mir keinen Link bekommt!) ist der Fall für mich leider klar: Zwar ist die Swastika im frühmittelalterlichen Kontext kein verfassungswidriges Symbol, aber sie wird von Ulfhednar offensichtlich freihändig auch da eingesetzt, wo sie nicht belegt ist.
Die schwarz-weiß-rote Gruppenfahne mit einem abgewandelten Hakenkreuz-Motiv, die für meine Begriffe einer SA-Standarte stärker ähnelt als einem Vexillum (Truppenfahne) aus römischer Zeit, dürfte für die Merowinger-Zeit ungefähr so "authentisch" sein wie ein Hörnerhelm für einen Wikinger. (Da hilft es auch nichts, dass eine neue Fahne genäht wird.) Ich mag da nicht mehr an Zufälle glauben, auch wenn der Mann mit den Nazi-Tattoo, der der "Skandal" ins Rollen gebracht hat, erst kurz zuvor zur Ulfhednar-Gruppe gestoßen ist.

Ein grundsätzliches Problem ergibt sich daraus, dass es keine "weltanschaulich neutrale" Rekonstruktion von Geschichte gibt. Allenfalls können archäologische Funde noch authentisch nachgebaut werden, alles weitere erfordert Interpretation, was schon bei der Verwendung eines Werkzeuges anfängt. Da die Quellenlage für das europäische Frühmittelalter eher schlecht ist, muss sehr viel interpretiert und möglichst plausibel ergänzt werden. Leider ermöglicht die schlechte Quellenlage weniger gewissenhaften Rekonstrukteuren viel Spielraum zur Verbreitung fragwürdiger Geschichtsbilder.
Noch schwerer wiegt das zweite Problem: je populärer eine Rekonstruktion ist, desto eher schleichen sich erfahrungsgemäß populäre, aber nicht der historischen Wirklichkeit entsprechende Klischees ein. (Hierzu ein Beitrag von D-Radio Kultur zum Problem Living History und die Suche nach Identität: Germanen, Götter und Gelehrte, der auch auf den der GGG nahe stehenden Semnonenbund eingeht.)
Dabei ist Reenactment nur die "Spitze des Eisbergs" der populären Rekonstruktionen, der z. B. auch Fernsehdokumentationen, Zeitschriftenartikel, Websites, Bücher und Museen umfasst. Von den unvermeidlichen Verzerrungen abgesehen, ist die Versuchung, einen gezielten "ideologischen Dreh" mitzugeben, groß. Je weniger sachkundig das Publikum ist und je dürftiger die Quellen sind, desto einfacher ist die Manipulation.

Da ist Wachsamkeit gefragt - von Museen, von Medienschaffenden, aber auch vom Zuschauer, und zwar nIcht nur in Hinblick auf ideologische Verfärbungen, sondern auch hinsichtlich der historischen Genauigkeit des Dargestellten.
(Zu dieser Problematik: Zutritt für Akteure nur mit Gütesiegel? und Qualität mit Zertifikat - im Geschichtstheater.

Was den "Fall Ulfhednar" betrifft, besteht leider die Gefahr, dass pauschal sämtliche Frühmittelalter- und Germanengruppen in den Verdacht geraten, möglicherweise rechtsextrem oder doch wenigstens gegenüber "rechtem" Gedankengut gefährlich unkritisch zu sein. Jedoch habe ich den Eindruck, dass es dort sehr wohl Problembewusstsein gibt. Ich teile die Ansicht von Nina Schnittger, die sich im Projekt "Res Gestae Saxonicae" der Darstellung lebendige Geschichte widmet.
(...) Dass das Problem schon seit Jahren bei den Aktiven diskutiert wurde, und eigentlich niemand mit den Ulfhednar großartig "spielen" wollte, wird in der großen Diskussion total ausgeklammert, und nun kommt der Verdacht auf, dass die Aktiven still die ganzen rechten Umtriebe, die es ja leider überall gibt, im Mittelalter aber evtl. mehr als woanders, da es genau die Germanophilen und Völkischen in ihrem Lebensbild anspricht.
Die Veranstaltungen auf die ich in den letzten Jahren gegangen bin und die in Museen stattfanden, waren aber nicht infiltriert und auch die Zahl von eindeutig als rechts auszumachenden Besuchern, war in den letzten Jahren sehr rückläufig.
Von diesem konkreten Problemfall Ulfhedner abgesehen, sehe ich "rechtsextreme Mittelalterfans" weniger in der "Reeactment"-Szene am Werk als in der mit historischen Detail eher locker umgehenden Szene um und auf Mittelaltermärkten. Das ist aber eine völlig andere "Baustelle", auch wenn einzelne Akteure hier wie dort präsent sein können. Nina Schnittger stellt klar:
Museumsveranstaltungen und Mittelaltermärkte kommerzieller Natur, sind auch zwei Paar Schuhe. Das wäre als vergleiche man Äpfel mit Birnen, weil: beide schmecken gut aber völlig verschieden...
Womit ich die "Mittelalterszene" genau so wenig in Misskredit bringen möchte, wie den im taz-Artikel angesprochene "Pagan-Metal"-Szene. Mehr Problembewusstsein und vor allem die Bereitschaft, sich gegebenenfalls nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten gegen Rechtsextremisten abzugrenzen, halte ich für dringend erforderlich.

Apropos "in Misskredit bringen": Es schmeckt mir gar nicht, wenn der Paderborner Museumsleiter Norbert Börste schon in seiner Einladung schreibt, es ginge bei der Podiumsdiskussion in Paderborn nicht um Kritik, sondern um Aufklärung; um Aufklärung über die Grenzziehung zwischen "Lebendiger Wissenschaft" (Living History in Museen) sowie "neuheidnischem Gedankengut und blankem Rechtsradikalismus".
Ich stimme dem Diskussionsteilnehmer Harald Baer, Theologe in der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle in Hamm, zwar darin zu, dass das Hakenkreuz durch die Nazis politisch aufgeladen ist (dergestalt aufgeladen, dass sich ein unkritischer Gebrauch verbietet) - aber darin, dass es nicht mehr als "als bloßes Sonnensymbol" verwendet werden könne, mag ich ihm nicht folgen, erst recht nicht darin, dass die "politische Aufladung" durch die Nazis "quasi unumkehrbar" sei. Wenn er hier wie auch anderswo, "neuheidnischen Gruppen" pauschal eine verquere Geschichtsdarstellung anlastet, sehe ich das, aus eigenem Erleben, durchaus anders.

Auch über den schon erwähnten "telepolis"-Artikel von Marcus Hammerschmitt mag ich mich nicht so recht freuen:
Seltsam ist allerdings schon der Name der Gruppe. Warum man sich nennt wie die mythischen Wolfskrieger germanischer Sagen, die, den Berserkern nahe verwandt, sehr wohl für sattsam bekannte germanische Lieblingseigenschaften wie Rücksichtslosigkeit, Unbesiegbarkeitswahn und antirationale Besinnungslosigkeit stehen können, ist doch sehr die Frage, es sei denn, man möchte sich bewusst mit dem eisigen Ruch dieses in der Nazizeit aufgewärmten Germanenterrors umgeben.
Abgesehen davon, dass Rücksichtslosigkeit, Unbesiegbarkeitswahn und antirationale Besinnungslosigkeit eher die Lieblingseigenschaften alter und neuer Nazis als die "alter Germanen" sein dürften: Der Verdacht, dass Hammerschmitt jeden "Germanophilen" in der "braune Ecke" sieht, liegt jedenfalls nahe.

Montag, 14. Juli 2008

Fremde alten Welten: Das antike Griechenland

Es ist schon ein paar Jahre her, da saß ich zusammen mit etlichen anderen Perry-Rhodan-Fans und einige "Perry Rhodan"-Schaffenden während eines PR-Cons nach absolviertem Tagesprogramm in einen kleinen griechischen Restaurant in Garching bei München. Irgendwann, ich weiß nicht mehr in welchem Zusammenhang, meinte Klaus N. Frick, Perry Rhodan-Chefredakteur (und irgendwie immer noch Punk) er würde aus eigener Anschauung Kulturen kenne, die weitaus exotischer wären, als alle "außeridischen Zivilisationen", die in der langen Geschichte der "Perry Rhodan"-Romanserie beschrieben wurden.
Ich war über diese Festellung nicht im Geringsten überrascht, schließlich reist Klaus N-Punkt öfter mal in Gegenden, in die sich ein Normaltourist eher selten verirrt - und damit meine ich nicht etwa Garching, sondern z. B. die Kalahari (Namibia, Südwest-Afrika). Davon abgesehen: wäre er eine Figur in Perry-Rhodan, gäbe es bestimmt zahlreiche Leser, die ihn als "völlig unglaubwürdig konstruiert" bezeichnen würden.

Irgendwie kam das Gespräch dann darauf, dass es eine Grenze gäbe, ab der eine "exotische Kultur" für den europäischen Normalleser nicht mehr vorstellbar wäre. Deshalb sei es in Science Fiction und Fantasy, die auf einen Massenmarkt abzielt, nicht möglich, etwa eine der Kultur entsprechend der der namibischen Himba zugrunde zu legen. Der Leser wäre damit schlicht überfordert.
Wir diskutierten eine Weile hin und her, wie "europäisch" bzw. "nordamerikanisch" eine Kultur sein müsse, um für hiesige Unterhaltungsliteratur "noch verständlich" zu sein. Da schlug ich vor, inspiriert von der auf "Antike" gestylten Inneneinrichtung des "Griechen", die Grenze läge etwa bei der "klassischen" altgriechischen Kultur. Jemand (ich glaube, es war Heiko Langhans) widersprach mir energisch, und meinte, das klassische Griechenland des Plato, Sokrates, Perikles oder Alkibiades läge schon weit jenseits des Horizonts des Durchschnittslesers, zumindest dann, wenn man es halbwegs wahrheitsgemäß schildern würde.

Als ich mich durch den Exkurs über die Odyssee in Adorno / Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" arbeitete (siehe: Odysseus - der erste "bürgerliche Mensch"), da musste ich an diesen Abend beim "Griechen" in Garching denken. Adorno und Horkheimer entstammten dem Bildungsbürgertum, sie waren mit der Geschichte des antiken Griechenlands sicherlich vertraut - kurz, sie waren, was das klassische Altertum anging, mit einiger Wahrscheinlichkeit gebildet. Trotzdem konnten - oder wollten - sie sich in die kulturellen und sozialen Verhältnisse, wie sie im antiken Griechenland herrschten, nicht hineindenken.

Ich musste auch an den "Spartanerfilm" "300" denken (Aus der Wunderwelt der gut-doofen Filme - heute: "300"), einem Werk, dass auf geschichtliche Tatsachen zugunsten der "Geschichte" bewusst verzichtete. (Fast alle anderen Antikenfilme verzichten unbewusst.) "300" würde, wenn man die Kultur der Griechen und der Perser einigermaßen authentisch nachvollziehen würde, wahrscheinlich nicht funktionieren - jedenfalls nicht für ein amerikanisch oder europäisch geprägtes Massenpublikum.

Knüpfen wir der Einfachheit halber bei diesem Film an. Leonidas war König der Spartaner. Als neuzeitliche Menschen denken wir sofort an ein antikes Gegenstück zu Napoleon oder Friedrich II. von Preußen, also einen Feldherrn und Monarchen in Personalunion - vielleicht mit einem Stoßseufzer verbunden, dass "damals" die Oberbefehlshaber noch selbst in der Schlacht ihr Leben riskierten, anstatt vom sicheren Tiefbunker aus (... usw. usw.). Allerdings hatte der gute König Leonidas mit dem "Alten Fritz" wenig gemeinsam. Das fängt schon damit an, dass Sparta zwei Könige hatte, die gemeinsam herrschten. Herrschten, nicht regierten, denn regiert wurde Sparta von fünf Ephoren, die zwar jedes Jahr neu gewählt wurden, was aber mit Demokratie, wie es sie beim Dauerrivalen Athen zumindest zeitweilig gab, nicht viel gemein hatte, nicht nur, weil nur etwa 8000 Männer, die Spartiaten, Wahlrecht hatten, sondern auch, weil die Ephoren eine fast unbegrenzte Macht hatten und niemandem Rechenschaft schuldig waren, ähnlich wie absolute Monarchen.
Leonidas war (wie alle spartanischen Könige) Sakralkönig - so ähnlich wie später bei jenen germanischen Stämmen, die ein Königstum entwickelten: er war Vertreter seines Volkes gegenüber den Göttern, oberster Priester, Träger des "Heils" (wobei sich die altgriechische Heilsvorstellung von der germanischen sicherlich unterschied - und sich kaum mit neuzeitlichen Begriffe erklären lässt) - politische Macht hatte so ein Spartanerkönig praktisch keine. Dafür war er im Krieg Heerführer, mit voller Befehlsgewalt.
Es lohnt, sich etwas näher mit dem spartanischen Kosmos zu beschäftigen. "Kosmos", "Ordnung", aber auch "Anstand", mit diesem Wort bezeichneten die Spartaner selbst ihr nach ihren Begriffen harmonisches Gemeinwesen, das nach heutige Begriffen wie ein totalitärer Alptraum anmutet, aber nach griechischem Verständnis, auch dem der völlig anders organisierten Athener, keine "Tyrannis" war. Jedenfalls war der Kosmos Spartas bei weitem "exotischer", als es fast alle "außerirdischen" Zivilisationen im literarischen Kosmos der Science Fiction sind.

Im Film "300" beschimpft Leonidas die Athener als "Schwuchteln". Der Begriff "Homosexualität" ist ein Denkkonstrukt - wenn man so will, eine geistige "Schublade" - der Neuzeit, und das völlig unabhängig davon, ob eine nicht-neuzeitliche, nicht "abendländische" Kultur gleichgeschlechtlichen Sex missbilligt, toleriert oder, wie im antiken Griechenland, verehrt. Das heißt: wirklich angesehen war Geschlechtsverkehr unter erwachsenen Männern in Athen nicht, während die Paderaistia, die "Knabenliebe", sozusagen zum "guten Ton" gehörte. Aber nirgendwo im antiken Griechenland nahm die Paderaistia einen so hohen Rang ein wie in Sparta. Eine "Knabenliebe", die nach unserem Verständnis auf den sexuellen Missbrauch von abhängigen Minderjährigen hinausläuft (allerdings war vor Beginn der Pubertät ein Knabe auch in Sparta tabu). In Athen wurden Kritiker der Paderaistia noch in der Römerzeit als weltfremd, sauertöpferisch oder schlicht barbarisch verspottet - in Sparta wären sie, wenn es sie überhaupt zu Wort gekommen wären, als umstürzlerisch und volksverräterisch verdammt worden, denn die Paderaistia gehörte zu den Fundamenten des "Kosmos". Nach dem spartanischen Ideal sollte jeder junge Spartiate durch feste erotische Bande an einen vorbildlichen Mann gekettet sein, und jeder Krieger durch seine Gefühle gegenüber einem jugendlichen Liebhaber zu höchstem Vorbild aufgestachelt werden. Auch unter erwachsenen Spartiaten galten "Liebespaare" als besonders tapfere Kämpfer. Daher überrascht es nicht, dass die Spartaner vor einer Schlacht dem Eros opferten.
Übrigens scheinen sich im alten Griechenland Paideraistia und "heterosexueller" Sex niemals ausgeschlossen zu haben. Wenn der spartanische Staat "Nachwuchssorgen" hatte, Männer, die mit 30 noch nicht verheiratet waren, mit Strafen belegte, oder verlangte, dass ein kinderloser Ehemann sich seines Bruders oder Freundes als "Ehehelfer" bediente, dann lag das wahrscheinlich nicht daran, dass spartanische Männer Sex mit Frauen generell abgeneigt gewesen wären. Die Athener waren es jedenfalls nicht.

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