Donnerstag, 21. Juli 2011

Der Sarrazin und der Brotberuf

Rüdiger Suchsland ist mir als jener Filmkritiker bekannt ist, der nur selten Filme ähnlich beurteilt, wie ich sie beurteilen würde. Tatsächlich habe ich sehr oft, wenn Suchsland einen Film bespricht, den auch ich sah, den Eindruck, dass er einen ganz anderen Film mit dem zufällig dem selben Titel gesehen haben muss.

Auf "telepolis" bespricht er dieses Mal keinen Film, sondern ein ziemlich umstrittenes zivilisationskritisches Buch. Wobei ich mich nicht zu dem Buch "Echtleben" von Katja Kullmann äußern möchte, da ich es bisher nicht gelesen habe, und Suchsland-Kritiken grundsätzlich ein gewisses Misstrauen entgegenbringe.

Was mich zum in den letzten Wochen (für meine Verhältnisse) arg vernachlässigtem Bloggen brachte, war aber nicht "Echtleben" oder das, von dem Suchsland behauptet, dass es in diesem Buch stünde. Es war ein zitierter Kommentar zu diesem Buch von niemandem anders als Dr. Thilo Sarrazin, Berlin.
In diesem Weltbild wird unterstellt, das System enthalte den quasi willkürlich den gerechten Lohn für die Arbeit ihrer kreativen Köpfe vor, und es sei empörend, dass der Realschulabschluss eines Provinzlers sich mitunter besser auszahlt als das Studium eines Geisteswissenschaftlers. Rührend naiv mutet die Klage an ...

Wäre ich als Abiturient 1965 meinen damaligen Neigungen gefolgt, wäre ich Fotograf geworden oder hätte Geschichte und Germanistik studiert. Ich wollte aber weder Lehrer werden noch als Hungerleider in einer Provinzredaktion enden, und darum wählte ich einen Brotberuf. Wer mit wachen Augen in die Welt schaut, weiß auch schon als Abiturient, dass das Geld dort verdient wird, wo kaufkräftige Nachfrage auf ein knappes Angebot stößt.
Wäre ich als Abiturient 1982 meinen damaligen Neigungen gefolgt, wäre ich Illustrationsgraphiker geworden oder hätte Meeresbiologie oder Geschichte studiert. Da ich aber schon als Abiturient mit wachen Augen in die Welt schaute, und wusste, dass dort das Geld verdient wird, wo kaufkräftige Nachfrage auf ein knappes Angebot stößt, entschied ich mich für einen Brotberuf und studierte Chemieingenieurwesen. Nach einen Studienabbruch wusste ich dann auch, wieso das Angebot an Chemieingenieuren so knapp war: es hatte mit der zumindest damals sagenhaft hohen Abbrecherquote in diesem Studiengang zu tun. Oder anders ausgedrückt: dieses Studium und verwandte Studiengänge waren eben mehr als ein Studium auf einen gut bezahlten Brotberuf, sondern solche, die tief gehendes Interesse, echte Begabung und sehr viel Fleiß erforderten - was dann auch das damals recht gute Gehalt eines Chemie- , Bio- oder Medizintechnik-Ingenieurs voll und ganz rechtfertigte. Kein Studium für Dünnbrettbohrer und Leute, denen es im Beruf in erster Linie auf die Bezahlung und dann erst mal lange nichts ankommt! (Die studierten damals BWL bzw. blockierten die BWL-Studienplätze, so dass viele, die sich wirklich für BWL interessierten und vielleicht tatsächlich gute Betriebswirte geworden wären, lieber etwas anderes machten.)
Also ergriff ich den Brotberuf eines IT-Kaufmanns. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dass heißt, dass ich Thilo Sarrazin in dieser Hinsicht recht geben muss. In anderer Hinsicht nicht: auch aus Geschichte, Meeresbiologie oder Illustrationsgraphik, selbst aus Philosophie lässt sich eine gute Karriere machen - wenn man wirklich 100% hinter dieser Berufswahl steht, auch wenn die Ausbildung sehr viel abverlangt, wenn man in den gewählten Beruf gut ist, und vor allem: wenn der Blick auf das Einkommen zwar wichtig, aber nicht entscheidend ist.
Wenn tüchtige Germanisten und Historiker, Politologen und Soziologen, Schriftsteller und Journalisten im Vergleich zu anderen Berufen, die deutlich weniger anspruchsvoll sind, was Ausbildung, Arbeitseinsatz, Zeitaufwand und erforderliches Talent angeht, schlecht bezahlt werden, dann mag das zum Teil tatsächlich an einem "Überangebot" von, sagen wir mal, Journalisten, liegen. (Das ist übrigens der einzige der aufgezählten Berufe, in denen es meiner Ansicht nach tatsächlich so etwas wie ein "Überangebot" gibt.)
Es kann mir aber niemand erzählen, dass gut bezahlte Jobs tatsächlich immer Jobs sind, für die die Leute, die sie ausüben könnten, wirklich knapp sind. Es gibt sogar lausig bezahlte Mangelberufe, etwa in den Pflegeberufen.

Tatsächlich hat es nicht immer mit Qualifikation und Tüchtigkeit zu tun, mit wem ein gut dotierter Job besetzt wird oder, bei freien Berufen, welche Dienstleistung gut bezahlt wird. Dafür umso mehr mit etwas, was Marxisten "Klassengesellschaft" nennen: Herkunft ("Stallgeruch") und die "richtigen" Beziehungen sind in vielen Berufen leider entscheidend. Ein "Arbeiterkind", das Ingenieur wird, wird vielleicht noch mit einem guten Abschluss vergleichbare berufliche Chancen wie ein Akademikerkind mit vergleichbarem Abschluss haben - wenn auch nicht in allen Unternehmen. Bei anderen Ausbildungen und Studiengängen ist die Chancengleichheit illusionär.

Illusionär ist auch die Vorstellung, mit einem "guten Brotberuf" wäre es getan. Fast niemand, mit dem ich näher befreundet, arbeitet heute in genau jenem Beruf, für den er oder sie sich einst, als Schulabgänger oder Schulabgängerin, entschieden hatte. Wenn ein Berufswechseln im späteren Leben ohnehin wahrscheinlich ist - wieso dann nicht den einfach den Erstberuf ergreifen, der einem am meisten Spaß bringt?
Aber von "Spaß" und "innere Motivation" oder gar "Inspiration", "Berufung, "Talent" haben die Sarrazins dieser Welt, die arroganten selbsternannten Pflichtmenschen mit dem ökonomischen Tunnelblick auf die Welt, eben nicht viel Ahnung!

Donnerstag, 14. Juli 2011

Space Shuttle Reflexionen

(WARNUNG! Alte Männer erzählen von von früher!)

Ein wenig wehmütig war mir schon zumute, als STS-135 mit dem Orbiter ATLANTIS zum letzten Flug eines "Space Shuttles" abhob.

Wie war das, damals, als am 12. April 1981 (auf den Tag genau 20 Jahre nach dem ersten bemannten Raumflug) STS-1 mit dem Orbiter COLUMBIA startete? Der Start war ursprünglich nicht genau zum 20. Jubiläum von Gagarins historischem Flug nicht geplant. Ein sinnvoller Zufall.

Ich war damals schon Raumfahrtenthusiast. Und ich verfolgte den ersten Start mit Begeisterung mit. Einfach gigantisch, ein Sinnbild an Kraft und Eleganz!

Über den Start würde übrigens im Fernsehen und in der Presse in einem Umfang berichtet wurde, den es seit den Apollo-Mondflügen nicht mehr gegeben hatte, und der heute kaum noch vorstellbar ist - ein Medien-Ereignis wie ein Fußball-Länderspiel (der Männer).
Aber schon damals gab es für mich eine andere Seite.
Anders als andere Raumfahrtenthusiasten meines Alters war ich aber nicht davon überzeugt, dass mit dem Shuttle nun die große Raumfahrt-Ära der Menschheit angebrochen wäre. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass dem Shuttle zunächst das "richtige Ziel" fehlte. Für mich gehörten Raumtransporter und Raumstationen einfach zusammen, oder genauer gesagt: der Space Shuttle war großartig geeignet, Raumstationen aufzubauen und zu versorgen. Was in den 90er Jahren im Shuttle-MIR-Programm bewiesen wurde, und die ISS gäbe es ohne Space Shuttles überhaupt nicht.
Alles, was der Shuttle sonst noch konnte, konnte, das wusste ich, auf andere Art und Weise - mit unbemannten Trägerraketen oder mit bemannten Raumkapseln - preisgünstiger erledigt werden.
Nur eine Fähigkeit zeichnete den Shuttle nach dem Stand von 1981 aus: er konnte Satelliten "einfangen" und zur Erde zurück bringen. Das machte ihn für die us-amerikanischen Geheimdienste und für das US-Militär interessant - man brauchte sich nicht mehr auf die Rückkehrkapseln der großen Spionagesatelliten zu verlassen. Es ist übrigens kein Zufall, dass das Weltraumteleskop Hubble technisch sehr viel mit den damals modernsten Spionagesatelliten gemeinsam hat: Wissenschaft als Zweitverwertung militärischer bzw. geheimdienstlicher Hardware, als "Kollateralnutzen". Und genau dazu wurde der Shuttle, auch nachdem die Pläne für eine US-Raumstation auf Eis gelegt worden waren, gebaut.
Kein Wunder also, dass man in der Friedensbewegung der 1980er Jahre wenig von der Raumfahrt im Allgemeinen und von dem Shuttle-Programm im Besonderen noch weniger bis gar nichts hielt.
(Was mich einige Jahre später in ein moralisches Dilemma stürzte: viele pazifistischen Argumente gegen das Shuttle waren stichhaltig. Nicht alle, aber viele. Die Gegner des bemannten Raumfahrtprogramms hatten eindeutig die besseren Argumente. Anderseits war ich Raumfahrt-Enthusiast.)
Von den Versprechungen in Richtung "Kostenersparnis" und "Flüge alle 14 Tage" hielt ich damals nichts. Ich schrieb damals, in einem Mini-Fanzine, wörtlich: "Die NASA kann mehr als froh sein, wenn sie 10 Starts im Jahr schafft". In der Praxis schaffte sie das auch nur ein Mal in 30 Jahren.
Mein Vater meinte übrigens damals: "Das ist ein Riesen-Ding. Kein Wunder, dass die Russen Angst haben."
Ich weiß nicht, was ich antwortete, dem Sinne nach wohl etwas in der Art wie: "Sie werden wohl ihren eigenen bauen". Was dann auch geschah.

Trotzdem: der Shuttle ist eine großartige Maschine, trotz auch zweier tödlicher Unfälle, und mit der ISS hatte er endlich auch seinen Sinn und Zweck gefunden, lange, nachdem er seinen fragwürdigen Nutzen für Geheimdienste und Militär verloren hatte.

Nasa:Shuttlemissions

Mittwoch, 6. Juli 2011

Ist Rassismus das richtige Wort? Ja!

Wieder einmal hadere ich mit einem Artikel der "Zeit". Dieses Mal allerdings nicht wegen mangelhafter Recherche und Voreingenommenheit gegen Nicht-Mainstream-Religiöse, sondern weil die Autorin des Artikels "Deutschenfeindlichkeit" Rassismus ist das falsche Wort vieles (meiner Ansicht nach zutreffend) erkennt - und trotzdem zu einem seltsamen Schluss kommt.

Völlig mit Frau Dernbach stimme ich überein, wen sie ausspricht, was leider selten genug und deutlich genug ausgesprochen wird:
Rassismus ist eine auffallend selten verwendete Vokabel im deutschen politischen Wörterbuch. EU und UN haben mehrfach beklagt, dass der Begriff hierzulande auf Antisemitismus verengt werde, was es Behörden und Politik schwer mache, andere Formen von Rassismus zu erkennen und zu bekämpfen. Das Institut für Menschenrechte mahnte, etwa in der Sarrazin-Debatte, dass endlich über Rassismus zu reden sei und nicht nur den von rechtsaußen.
So weit, so gut. Aber:
Nun geschieht’s. Leider an der falschen Stelle. Rassismus war immer der Vorwurf der Unterdrückten an die Adresse der Unterdrücker, der Opfer gesellschaftlicher Verhältnisse gegen deren Nutznießer. Er erzählt von Macht.
Und das stimmt eben nicht immer!
Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen.
(Rassismusdefinition nach Albert Memmi).

"Klassischer" Rassismus ist es, wenn Kultur, sozialer Status, Begabung und Charakter, Verhalten, usw. von Menschen einer bestimmten Gruppe als durch die erbbiologische Ausstattung bestimmt gelten. Analog gibt es den "Kulturrassismus" oder Kulturalismus, in dem an die Stelle des biologistischen Rassebegriffs eben die "Kultur" tritt.
Der Punkt ist, dass Eigenschaften verallgemeinert (z. B. nicht: "Einige Griechen sind korrupt" sondern: "Die Griechen sind korrupt") und verabsolutiert werden. (Die "Korruptheit der Griechen" wird zum Begriff erhoben, Bestechlichkeit und die Bereitschaft, zu bestechen, als kennzeichnende Eigenschaft "des Griechen" gesehen.)

Dann gibt es Rassisten, die ich an anderer Stelle "bescheidene Rassisten" nannte.
Ein "bescheidener Rassist" vermeidet es, die jeweils eigene Rasse als eine allen anderen überlegene Herrenrasse darzustellen. Oberflächlich betrachtet vermeidet er überhaupt die Wertung von Rassen. Er betont lediglich, dass es nun einmal rassische Unterschiede gäbe und verknüpft diese eng mit kulturellen Formen. Da er ethnische und rassische Minderheiten nicht zerstören will, hält ein "bescheidener Rassist" sich selbst nicht für einen Rassisten. Vielleicht nennt er sich "Ethnopluralist". Vielleicht befürwortet er sogar eine "radikale Multikulturalität"– als ausdrückliche Alternative zum "Melting Pot" und alles nivellierender "Multi-Kulti".

Entscheidend ist dabei, wie Memmi schreibt, und wie es der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsson während einer Fernseh-Diskussion treffend sagte:
“Rassismus und Gewalt sind ein Wort!”
Das kann körperliche, verbale oder institutionelle Gewalt sein. (Ein Beispiel für "instutionelle Gewalt" ist der Umgang der EU mit Flüchtlingen.)

Rassismus lässt sich auch gegen Xenophobie / Fremdenfeindlichkeit abgrenzen: Ein Rassist beschränkt sich nicht darauf, zu sagen “Ich mag Dich nicht, weil Du anders bist”, sondern meint: “Ich bin etwas Besseres als Du, da Du die falschen Vorfahren hast”.

Schon daraus wird klar: Eine Tat aus Hass gegen "die" Deutschen kann mit Fug und Recht rassistisch genannt werden.

Frau Dernbach schreibt:
Dass Migranten in einer Machtposition gegenüber autochthonen Deutschen wären, würde wohl auch Ministerin Schröder nicht behaupten.
Das würde sie nicht behaupten, aber auch ohne Machtposition und ohne tatsächliche oder vermeintliche "Überlegenheit" kann jemand rassistisch sein!
Ich gebe ihr recht, wenn sie schreibt:
Der Kampfbegriff der Deutschenfeindlichkeit soll aber auch nicht Wirklichkeit beschreiben, sondern die Mehrheit moralisch entlasten.
Ich stimme ich aber nicht zu, wenn sie dann schreibt:
Wenn junge Türken, Kosovaren und Libanesen auch Rassisten sind, sind wir vielleicht gar nicht so schlimm?
Wenn Türken, Kosovaren und Libanesen Rassisten sind, dann sind sie auch dann Rassisten, wenn "wir" ihnen gegenüber Rassisten sind.
Im konkreten Fall verallgemeinerten die Täter tatsächliche oder fiktiven Unterschiede zum Schaden ihres Opfers, um ihre Aggression zu rechtfertigen.
Das ist Rassismus, auch dann, wenn ihr Rassismus vielleicht aus ihrer Lage als Minderheit in Deutschland heraus erklärbar, vielleicht sogar bis zu einem gewissen Grade entschuldbar ist!

Um es deutlich zu sagen: Sie rechtfertigt oder relativiert in ihrem Artikel keine Straftaten und sie setzt die Täter nicht moralisch ins Recht. Es stimmt leider auch, dass die deutsche Gesellschaft (als Konstrukt, der einzelne Deutsche und auch einzelnen Gruppe innerhalb dieser Gesellschaft können völlig anders denken) strukturell rassistisch ist und insbesondere bestimmte Einwanderergruppen und ihre Nachkommen benachteiligt.

Es geht um den Begriff "Rassismus".

Hätte Frau Dernbach recht, dann wäre Positivrassismus kein Rassismus.
Ein Beispiel für Positivrassismus ist Thilo Sarrazin, der die Intelligenz der osteuropäischer jüdischer Einwanderer und den Fleiß vietnamesischer Einwanderer in einer Weise lobt, aus der sich schließen lässt, dass er Intelligenz und Fleiß für "angeborene" Eigenschaften der jeweiligen Einwanderergruppen hält. (Aus diesem Beispiel wird übrigens deutlich, dass Positivtivrassismus oft mit negativem Rassismus gekoppelt ist.)
Ja, und auch Positivrassismus ist mit Gewalt verbunden - wenn auch nur mit struktureller Gewalt, gegen die "schlechten" Einwanderergruppen, und auch gegen einzelne Mitglieder der vermeintlich bevorzugten Gruppe, die in eine Rolle gedrängt werden, die sie sich (meistens) nicht ausgesucht haben.
Ein hässliches (und dabei nicht einmal böse gemeintes) Beispiel für Positivrassismus gab der Tagesschau-Korrespondent Michael Castritius, als er bei den Olympischen Spielen 2008 erklärte warum jamaikanische Sprinter so erfolgreich sind. Sein "Erklärungsmodell" ist rassistisch, obwohl im Durchschnitt die untersuchten Athleten westafrikanischer Herkunft mehr "schnelle" Muskelfasern haben als im Durchschnitt die untersuchten Athleten europäischer Herkunft.
Der Punkt ist: über den einzelnen Menschen sagt diese Statistik nichts aus! Um ein anderes Beispiel zu nehmen: im Durchschnitt gesehen sind Nordeuropäer körperlich deutlich größer als Thailänder, und dafür sind nachweislich genetische Ursachen ausschlaggebend. Aber es gibt sehr wohl Nordeuropäer, die kleiner sind, als "durchschnittliche" Thais!
Positivrassimus schlägt unter Umständen schnell in "typischen" Rassismus um: "Schwarze können zwar schneller laufen, sind aber weniger intelligent als Weiße."
Oder, etwas subtiler: "Asiaten können sich viel besser konzentrieren als Europäer, aber dafür ist ihr kreatives Denken weniger entwickelt". Im diesem Beispiel kann eine "kulturelle" Begründung an Stelle der "biologischen" treten.

Im Läuferbeispiel verallgemeinerte und verabsolutierte der Tagesschau-Reporter einen tatsächlichen Unterschied zum Nutzen der "weißen" Läufer (die dann für ihren "Misserfolg" gegen die schwarzen Läufer mit ihren besseren "biologischen Voraussetzungen" nichts können) und rechtfertigen die "Privilegien" "unserer" Läufer ("eigentlich wären sie die Sieger"). Also Rassismus.

Montag, 4. Juli 2011

Alternativwelt - und: Alternativen in einer Welt

Nachricht aus einer Alternativwelt:
Heute, am 4. Juli 2011, verstarb im gesegneten Alter von 98 Jahren Seine Majestät Otto, Kaiser von Österreich und König von Ungarn, Ehrenpräsident der Zentraleuropäischen Union, in seinem Privathaus im Pöcking am Starnberger See im Königreich Bayern. "Er ist friedlich eingeschlafen", sagte die Sprecherin des Hofes. Sein ältester Sohn Karl, der schon seit 2007 als Regent die öffentlichen Aufgaben des Staatsoberhauptes übernommen hatte, wird als Kaiser Karl II. König Karl V. die Nachfolge des greisen Monarchen antreten.
Kaiser und König Otto herrschte seit seiner offiziellen Thronbesteigung im Jahre 1930 und war damit über 81 Jahre Staatsoberhaupt Österreich-Ungarns. Obwohl ihn die 1917 verabschiedete Verfassung einer lediglich repräsentative Rolle zuwies, war Otto eine treibende Kraft der paneuropäischen Bewegung, ja, er verkörperte geradezu das Prinzip des Vielvölkerstaates, der "Einheit in Verschiedenheit". Ohne ihn, als Symbolfigur und eloquenten Fürsprecher, wäre die Neubegründung des alten Österreichisch-Ungarischen Gemeinwesen als moderner Bundesstaat schwer vorstellbar gewesen; auch die Gründung zunächst der Konföderation mit dem Deutschen Reich, ab 1954 dann des Bundesstaates der Zentraleuropäischen Union, sowie die Aussöhnung mit Frankreich und dem 1918 neu gegründeten Polen, fand in ihm stets einen Fürsprecher.
Freilich war seine Majestät auch ein tief im katholischen Christentum verorteter Konservativer, was durchaus zu Spannungen mit dem protestantischen Preußen führte. Seine Vorstellung eines neuen "Heiligen Römischen Reiches" wurde selbst von wohlwollenden politischen Köpfen in den letzten Jahrzehnten seiner langen Regentschaft belächelt; von der politischen Linken und Zentraleuropäern moslemischen Glaubens sogar heftig angefeindet.
Soweit der Bericht aus einer glücklicherer Alternativwelt, in der es den 1. und 2. Weltkrieg nie gab, Österreich-Ungarn und Deutschland auf friedlichem Wege zu demokratischen Bundesstaaten (mit parlamentarischem Monarchie nach britischem, niederländischem und skandinavischem Muster) reformiert wurden, und schließlich ein europäischer Bundesstaat, der nur aus historischen Gründen nicht "Vereinigte Staaten von Europa" heißt, entstand. Eine Welt, in der Hitler immer ein radikaler, aber einflussloser Provinzpolitiker geblieben wäre, eine Welt ohne Vernichtungskrieg und ohne industriellen Massenmord an Millionen Juden, "Fremdrassigen", Schwulen, Behinderten und willkürlich zu "Volksfeinden" Erklärten.
Eine alternative Welt, die ich schon deshalb für die "Bessere" halten würde. Auch wenn mir, als überzeugtem Republikaner, Monarchien, auch parlamentarische, zuwider sind, und ein Europa, das nicht zuletzt auf die "gemeinsamen Werte des Christentums" gegründet wäre, vielleicht ein Staatswesen wäre, aus dem ich lieber auswandern würde.

Es kann vermutet werden, dass Otto von Habsburg unter diesen Umständen ein "guter Monarch" gewesen wäre, denn bei einem nur durch die Kraft seiner Persönlichkeit wirkenden Staatsoberhaupt ohne reale Machtbefugnisse hätten sich die erzkonservativen Ansichten des realweltlichen CSU-Politikers nur wenig ausgewirkt.

Immerhin: er war, zusammen mit dem ungarischen Staatsminister und Reformer Imre Pozsgay, Schirmherr und Initiator des Paneuropäischen Picknicks am 19. August 1989. ein Meilenstein bei Überwindung des "Eisernen Vorhangs". Das wiegt - vielleicht - einige dumme bis rassistische Äußerungen, ein gerüttelt Maß an "Homophobie" traditionell-katholischer Bauart und einige Interviews für die "neurechte" Postille "Junge Freiheit" auf. Vielleicht. In der Realwelt war er nun einmal aktiver Politiker, und kein zur Zurückhaltung bei politischen Äußerungen angehaltener Monarch.

Übrigens - nimmt man die Kaiserproklamation von Kaiser Franz I. vom 11. August 1804 wörtlich, dann wäre Dr. Otto Habsburg-Lothringen, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, bis zur Abdankung in Form der Loyalitätserklärung gegenüber der Republik Österreich von 1961, nicht nur Erzherzog von Österreich, sondern Kaiser von Österreich gewesen!
In der Kaiserproklamation hieß es nämlich, dass von nun an das Oberhaupt des Hauses Österreich den Titel eines Kaisers von Österreich tragen sollte. Da die Proklamation gleichzeitig ausführt, dass sich durch die Annahme des Kaisertitels in den Verfassungen des Verbandes der Erbländer nichts ändere, ja es ausdrücklich vermeidet, den Verband der habsburgischen Erbländer als "Kaiserreich" zu bezeichnen, sagt es, dass der Kaisertitel der besondere Titel des Oberhauptes der habsburgischen Familie wäre.
Daraus folgt, dass das jeweilige Oberhaupt den Titel "Kaiser" tragen könnte, gleichgültig, wo und ob es regiert.

Berücksichtigt man den enormen symbolischen Gehalt des Titels "Kaiser", der Otto von Habsburg nach dieser monarchistischen Lesart war, und die im Vergleich zum fast bedeutungslos gewordenen ehemaligen deutschen Kaiserhaus Hohenzollern nach wie vor politisch und gesellschaftlich einflussreiche Familie Habsburg, dann wird vielleicht auch heute noch verständlich, wieso es auch nach der Loyalitätserklärung in Österreich zur "Habsburger-Krise 1961-1966" kommen konnte.

Dienstag, 28. Juni 2011

Musik, Kunst und Kunsthonig

Mit Musik ist es so wie mit jeder anderen Kunst:
Wer, wie es so schön heißt, sich nicht genauer auf Musik "einlässt", wie es auf Formatradioreichweitenroptimiererdeutsch heißt, "temporärer Nutzer" ist, Musik also "nur so im Hintergrund" hört, dem werden nur wenige Stücke spontan gefallen.

Man muss kein Musikpsychologe sein, um voraussagen zu können, welche Musikstücke Hörern, die Musik nur als angenehme Geräuschtapete einsetzen, gefallen wird: sie muss eingängig, "leicht verständlich" sein - und vor allem: sie darf nicht stören, nicht irritieren.
Die hahnebüchene und verlogene Kunstauffassung der Nazis, die - ziemlich willkürlich - Kunstwerke für "entartet" erklärten, fand nicht deshalb so breite Zustimmung, weil so wenige die moderne Kunst "verstanden", sondern weil viele der modernen Künstler irritierten. Die Gemälde von Otto Dix wurden sehr wohl verstanden, ebenso die Surrealisten, und um von Picassos "Guernica" irritiert zu sein, muss man nicht Kunst studiert haben. Aber es ist für viele Menschen beruhigend, wenn das, was sie verstört, zu den Produkten von Geisteskranken, Pfuschern, Scharlatanen oder "Undeutschen" erklärt werden. Das Weltbild stimmt wieder, und das, was "schön" ist, was, wie Erich Kästner in Bezug auf Literatur meinte, "taugt, den Feierabend zu tapezieren", ist wieder die einzig wahre Kunst.
Dass in Nazideutschland auch Künstler verfolgt und ausgegrenzt wurden, die sehr populär und keineswegs verstörend waren, muss nicht dagegen sprechen. Auch Jazz und Swingmusik, alias "entartete Negermusik", war populär und verstörte ihre Hörer nicht. Aber sie passte nicht ins ideologische Raster. Der Mechanismus "Kunst, die Dich irritiert, ist in Wirklichkeit gar keine Kunst" war allerdings, vermute ich, der "Aufhänger", der die propagandistischen Verleumdungen über modernen Kunst oder über Jazzmusik plausibel machte - "die haben ja recht, und wenn sie da recht haben, wird das andere wohl auch stimmen".
Der Kunstbetrieb im "real existierenden Sozialismus" lief völlig anders ab als bei den Nazis, es wurden auch andere Ideale gefördert und gefördert, aber die Aversion gegen Kunst, die irritiert, wurde auch hier, vor allem natürlich unter Stalin, bedient, um propagandistische Behauptungen über "degenerierte bürgerliche Künstler", über "Formalisten", plausibel erscheinen zu lassen.
Ende des Exkurses. Ich will das Formatradio nicht mit den Nazis, und diese wiederum nicht mit Stalin gleichsetzen. "Dudelfunk" will keine Propagandabotschaft verkaufen, sondern Werbeminuten, mit denen wiederum Waren und Dienstleistungen verkauft werden. Und die Musik in solchen Programmen ist auch selbst wieder eine "Ware", die verkauft werden soll. Was ja an und für sich nichts Schlimmes ist. Schlimm ist allerdings die künstlerische Mut- und Entscheidungslosigkeit, die aus dem Bestreben resultiert, ja keinen Hörer zu verstören. Musik wie Kunsthonig (das Zeugs, dass korrekterweise "Invertzucker" genannt wird und seit einiger Zeit auch nur so genannt werden darf) - süß, energieliefernd (sogar zu viel), aber ohne weiteren Nährwert und ohne Aroma.

Also: Je eingängiger und je weniger "störend", desto besser. Das ist dann das was wir gemeinhin als "Mainstream" bezeichnen. Nicht unbedingt schlecht, oft gut gemacht, aber - mit weniger Ausnahmen - eher belanglos.
Es gibt Ausnahmen, bei denen auch Menschen, die sich eher von Musik berieseln lassen, als Musik zu hören, ein nicht im Windkanal der Marktforschung stromlinienförmig gestyltes, nicht auf "Gefälligkeit" gebürstetes, Lied oder Instrumentalstück spontan richtig gut gefällt.
Das können gewisse Stücke und Stilrichtungen dar, die gerade in eine persoenliche Phase des Hörer passen. Mit Kummer und Schwermut im Bauch hat mancher nicht nur den Blues gehabt, sondern auch die Musikrichtung Blues für sich entdeckt.
Es kann auch etwas sein, was man in einem speziellen Zusammenhang das erste Mal gehört hat - zum Beispiel Latino-Pop im Urlaub, oder eine Oper bei einem "gesellschaftlichem Anlass". Die Musik weckt angenehme Erinnerungen, darum hört man sie gerne, auch wenn sie nicht ins "Stromlinien-Schema" passt.
Umgekehrt mögen viele keinen Easy-Listening-Jazz hören, obwohl es kaum eine "ohrenschmeichelndere Musikgattung gibt, weil sie damit "Fahrstuhlmusik" oder "Kaufhausgedudel" assoziieren. Wagner-Hasser hassen, jedenfalls habe ich den Eindruck, oft nicht Wagners Musik, sondern das, wofür Wagner steht oder stehen könnte. Und ich fand lange Zeit keine Zugang zur Volksmusik, weil sie mich zu sehr an das Volksmusik-Zerrbild des "Musikantenstadls" usw. erinnerte.
Musik, die "eigentlich" nicht eingängig ist, kann gefallen, wenn sie gerade zu irgendeiner "Szene" passt, der man angehört. Wer Punker ist, wird auch Punkrock mögen, auch wenn die sperrigen Texte und die ungeschliffene und kantige Musik die selben Menschen, als sie noch keine Punker waren, eher abschreckte.
Übliches Phänomen, gerade bei Jugendlichen: man findet das gut, was sonst gerade alle Freunde gut finden.

Was alle Musikrichtungen jenseits des "Mainstreams" gemeinsam haben, von Musik der Renaissance-Zeit bis Black Metal, ist, dass erst die gar nicht einmal intensive, aber anhaltende Beschäftigung damit dazu führt (oder führen kann, es ist kein Automatismus), diese Musik zu "verstehen". Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die sich in sehr viele Musikrichtungen aus unterschiedlichsten Kulturen "eingehört" haben, sich gar nicht mehr durch ungewohnte Klänge irritiert und zum "Abschalten" oder "Weghören" veranlasst sehen. Eine erworbene Vorurteilslosigkeit, die den Weg für echte Qualitätsurteile öffnet.

Das gilt natürlich auch für Literatur, bildende Kunst, Architektur, Mode usw. .

Samstag, 25. Juni 2011

Heißer Dampf vor Güterzügen: G 8

Weil mein Artikel über die "23er" so viel Anklang fand, und ich momentan keinen Artikel über ernsthafte und aktuelle Dinge schreiben mag, so viele ich auch schreiben könnte, schreibe ich wieder etwas über eine Dampflok, und wieder mit Fotos von Volkmar.

Hinter dem Kürzel "G8" verbergen sich einige eher hässliche Dinge, wie:
  • die Vereinigung der sieben mächtigsten Industrienationen und Russlands, die "Gruppe der Acht",
  • die Schulform "achtjähriges Gymnasium" (verkürzter Bildungsgang), auch als "Turbo-Abi" bekannt,
  • oder
  • das leichte Maschinengewehr HK 21, beim ehemaligen Bundesgrenzschutz als G8 (Gewehr Typ 8) eingeführt.
Die preußische G8 ist zwar eine schlichte, zweckmäßige Güterzuglokomotive, aber hässlich ist sie nun wirklich nicht:
Einfahrt im Bahnhof Bensheim 4

Es heißt oft, dass die G 8 ("Güterzuglokomotive der Gattung 8") von Robert Garbe konstruiert worden wäre und das sie die erste in Serie gefertigte Heißdampflokomotive gewesen wäre.
Beides ist nicht ganz richtig, aber auch nicht ganz falsch.

Robert Hermann Garbe war seit 1895 Dezernent für Bauarten und Beschaffung der Lokomotiven und Direktionsmitglied der Eisenbahndirektion der Königlich Preußischen Staatsbahnen. Das hört sich nach einer sehr einflussreichen Stellung an. Tatsächlich war Garbe eher "Zuarbeiter", Chef einer Stabsabteilung, als "Entscheider". Als Bauartdezernent war er Vorsitzender des Lokomotivausschusses, der dem preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten vorzuschlagen hatte, welche neuen Lokomotiven beschafft werden sollten.
Außerdem ist es normalerweise nicht die Aufgabe eines Managers und hohen Beamten, selbst Lokomotiven zu konstruieren. Normalerweise.
Garbe war so weit in der straffen Hierarchie des preußischen Staatsdienstes aufgestiegen, wie es ein ehemaliger Schlosser ohne akademisches Studium, Doktortitel, Adelsprädikat und einflussreiche Familie überhaupt schaffen konnte - was für sein Können, aber auch für sein Durchsetzungsvermögen sprach.
Er war kompetent, als Fachmann geachtet, und wegen seiner Eigenwilligkeit und seinem Hang zur Polemik gefürchtet. Wenn Garbe sein Machtwort sprach, ob eine Lok gut oder misslungen zu sein habe, dann widersprach ihm so schnell niemand.
Garbe erteilte Rahmen-Richtlinien, nach denen die Lokomotiven von den Konstruktionsabteilungen der Lokomotivhersteller entwickelt wurden. Diese Rahmen-Richtlinien gingen im Falle Garbes ziemlich ins Detail, weshalb die "Garbe-Loks" schon äußerlich unverkennbar seine Handschrift trugen.

Garbe war ein überzeugter bis fanatischer Verfechter der Heißdampf-Lokomotive. Gemeinsam mit dem Erfinder Wilhelm Schmidt, genannt "Heißdampf-Schmidt", mit dem Garbe eng zusammenarbeitete, galt er als der Mann, der dem Heißdampf-Prinzip trotz aller technischen Schwierigkeiten und gegen viele Skeptiker zum Durchbruch verhalf. Neben dem österreichischen "Lokomotiv-Papst" Karl Gölsdorf war Garbe damals der prominenteste Lokomotivkonstrukteur im deutschen Sprachraum.
Ein Beispiel verdeutlicht den tatsächlichen Einfluss Garbes: Eines seiner "Lieblingskinder", die legendäre P 8, war zwar eine geglückte und extrem vielseitige Konstruktion, hatte aber eine Reihe "Kinderkrankheiten". Allerdings wagten die Konstrukteure erst nach Garbes Pensionierung im Jahr 1912 einschneidende Verbesserungen an der P 8 vorzunehmen (stärkerer Rahmen, bessere Steuerung usw.) und zwar auf Anordnung von Garbes ebenfalls sehr angesehenem Nachfolger Hinrich Lübken.

Die 1901 konstruierte und ab 1902 in Großserie gebaute G 8 war auch nicht die erste serienmäßige Heißdampflokomotive, nicht einmal die erste preußische Heißdampflok.

Im Jahr 1896 gab Garbe den Bau von zwei Versuchslokomotiven vom Typ S 3 mit dem Flammrohrüberhitzer nach Bauart Schmidt in Auftrag. Die beiden Lokomotiven wurden im Jahr 1898 geliefert. Die erste in Serie gebaute Heißdampf-Lokomotive war die nach dem Muster dieser erfolgreichen Prototypen gebaute Schnellzuglokomotive S 4.

Die Vorteile des Heißdampfes gegenüber dem herkömmlichen Nassdampf bewährten sich auch in der Praxis.
Das Prinzip der Heißdampflokomotive ist einfach: Dem Dampf wird, nachdem er vom Kesselwasser getrennt ist, weiter Wärme zugeführt, er wird "überhitzt". Die Dampftemperatur steigt, der Dampfdruck bleibt unverändert. Tritt der Heißdampf in die Zylinder ein, gibt er zunächst seine "Überhitze" an die Wandungen ab, während er bei Nassdampfmaschinen sofort kondensiert. Wird die Überhitzung hoch genug getrieben, so wird der Sättigungspunkt bei der Dampfexpansion im Zylinder nicht mehr erreicht: Es gibt keine Kondensationsverluste mehr! Außerdem nimmt der über 300° C heiße überhitzte Dampf bei gleicher verdampfter Wassermenge mehr Volumen ein, was die Wirkung weiter verbessert:
Der thermische Wirkungsgrad einer Heißdampf-Maschine ist um etwa die Hälfte größer als der einer sonst baugleichen Nassdampfmaschine.
Die Heißdampf-Technik spart also Brennstoff (um etwa 20%) und und Wasser (um etwa 45 %) bei gleicher Leistung, oder macht entsprechende deutliche Leistungssteigerungen möglich.
Aus heutiger Sicht übersehen wir leicht, welche technische Revolution der Heißdampf war. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts galt die Dampfmaschine im Allgemeinen und die Dampflokomotive im Besonderen nach der Erfindung der Verbunddampfmaschine als nicht mehr grundsätzlich verbesserbar. Dann kam aber die Dampfturbine (die sich allerdings im Lokomotivbau nie durchsetzen konnte) und der Heißdampf. Noch heute laufen in allen Kohlekraftwerken Heißdampfturbinen. (Die einzige verbliebene Domäne des Nassdampfes sind ausgerechnet Atomkraftwerke, genauer gesagt, Siedewasserreaktoren.)

Garbe war nicht nur Heißdampf-Enthusiast, er vertrat auch das Prinzip der größtmöglichen technischer Einfachheit:
"Eine gute Lokomotive muss auch in einem ostpreußischen Kuhstall vom Dorfschmied repariert werden können!"
Als preußischer Beamter gab er schon von Amts wegen Wirtschaftlichkeit vor Höchstleistung den Vorzug. Daher lehnte er das Prinzip der Verbundmaschine ab, obwohl damit auch bei Heißdampfmaschinen der Wirkungsgrad weiter gesteigert werden kann. Er glaubte, die wirtschaftlichen Vorteile der Dampfüberhitzung würden durch das aufwendige und teure Verbundsystem gemindert:
"Ein Hoch auf die Einfachheit und ein klares Nein zu komplizierten süddeutschen Verbundloks!"
Garbes Widerstand ging so weit, dass er strickt eine Mitwirkung des Hannoveraner Verbundlokpioniers August von Borries an den Heißdampflokomotiven ablehnte, obwohl von Borries sich von Anfang an für den Heißdampf erklärt hatte. Es scheint als habe über die fachliche Rivalität hinaus einen Konkurrenzkampf zwischen beiden Männern gegeben. Trotzdem wurden auch in Preußen gute Verbundloks gebaut, ab 1911, noch in der "Ära Garbe" sogar eine sehr wirtschaftliche Vierzylinder-Heißdampf-Verbundlok, die S10.1, vom Henschel-Konstruktionsbüro unter der Leitung des Borries-Schülers Georg Heise entwickelt.

Lok im Bahnhof Bensheim, nach Fahrtende, Gesamtaufnahme
Die G 8 wurde entwickelt, weil Anfang des 20. Jahrhunderts bei den Preußischen Staatseisenbahnen ein großer Bedarf an leistungsfähigen und wirtschaftlichen Güterzuglokomotiven herrschte. Die Lokomotiven der Gattung G 8 sind vierfach gekuppelte Heißdampf-Güterzuglokomotiven ohne Laufräder (Achsfolge D). Mit einer Achslast von nur 14 Tonnen konnten sie auf Nebenstrecken eingesetzt werden.
Vergleicht man die G 8 mit der etwa gleichzeitig in Großserie gegangenen S 4, dann ist sie schon vom äußeren Eindruck her die modernere Maschine.
Die S3 und die davon abgeleitete S4 sahen noch sehr nach "19. Jahrhundert" aus: hoher Schornstein, hoher Dampfdom und die von US-Loks übernommene "Westernlok"-Achsfolge 2' B (bzw. 4-4, "Eight-Weeler", wegen ihren weiten Verbreitung "American Standard" oder kurz "American" genannt).
Die G8 war dagegen für 1902 ultramodern, und sie war die erste unverkennbare "Garbe-Lok". Ihr Kessel liegt höher als bei älteren Konstruktionen - gemäß der Erkenntnis Gölsdorfs, dass Loks mit hoch liegendem Kessel keineswegs leichter entgleisen oder unruhiger laufen als niedrig gebaute. Der Schornstein ist, mit Rücksicht auf das Lichtraumprofil, kürzer als bei älteren Loks. Der lange Kessel wurde weit nach vorne geschoben, um das Gewicht möglichst gleichmäßig auf die vier Achsen zu verteilen. Der Kessel selbst ist ganz klar nach den Richtlinien Garbes konstruiert: der Schornstein ist eng, die Rauchkammer hat einen größeren Durchmesser als der übrige Kessel - und, was man nicht von außen sieht, die Feuerbüchse ist lang und schmal. Ein langer, verhältnismäßig schmaler Feuerrost sorgt für eine große Strahlungsheizfläche, die große Rauchkammer und der enge Schornstein für scharfen Zug.
Wie alle Garbe-Kessel ist der der G8 "verdampfungsfreudig", hat einen hohen Wirkungsgrad und ist vergleichsweise unkompliziert zu bedienen und warten.
Räder der Lok
Trotz ihrer für Güterzugloks typischen, für große Anfahrleistungen optimierten eher kleinen Räder könnte die G 8 mit ihren 1.100 PSi theoretisch schneller als die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 55 km/h fahren. In der Praxis stand und steht dem ihr schlechtes Fahrverhalten entgegen: die Lok zuckt sehr stark. Wie fast alle Garbe-Loks ist sie "oben hui" - ausgezeichneter Kessel, gutes Triebwerk - und "unten pfui" - mäßiges Fahrwerk.
Dieser typische Konstruktionsmangel der garbe'schen Lokomotiven war zum Teil auf den unzureichenden Massenausgleich zurückzuführen: gerade bei Zweizylindertriebwerken, wie sie Garbe wegen der einfachen Wartung und Reparatur vorsah, ist die "Unwucht" relativ groß. Deshalb sorgte man mit Gegengewichten an den Antriebsrädern für einen Massenausgleich (auf dem Foto oben gut zu erkennen). Eine Lok mit gutem Massenausgleich läuft zwar ruhiger, aber die "Unwucht" ist damit nicht aus der Welt: die dynamischen Achsdruckschwankungen (engl. "pounding") beanspruchen die Schienen wie mit "Hammerschlägen", wie Garbe das nannte. Außerdem vergrößern Ausgleichsgewichte die Achslast. Also blieb der Massenausgleich unzureichend.

Was bei der G 8 nicht so wichtig war - die höchste zulässige Geschwindigkeit für Güterzüge war damals in Preußen gerade einmal 50 km/h - war bei der gleichzeitig konstruierten "Universallokomotive" P 6, die ihre 90 km/h nicht ausfahren konnte, oder bei der schon erwähnten P 8, die bei für den Schnellzugdienst erforderlichen 110 km/h bedenklich zuckte, oder bei der Schnellzuglok S 6 schon ins Gewicht. Die Tenderlokomotiven T 8 und T 10 waren bei den Personale wegen ihrer grottenschlechten Fahreigenschaften gefürchtet - die T 10, mit dem Kessel der P6 und dem Fahrwerk der P 8, neigte bei Rückwärtsfahrt und 60 - 70 km/h Geschwindigkeit sogar zum Entgleisen, allerdings fuhren sie bei 100 km/h dann (relativ) ruhig.
Bayrische Lokführer, die normalerweise auf laufruhigen Vierzylindermaschinen fuhren, behaupteten, die "Preußenloks" hätten achteckige Räder - jedenfalls würde sie so rumpeln, als hätten sie welche.
Die einzige "Garbelok" mit wirklich guten Fahrwerk, die T 18 wurde dann auch unter der Federführung von Garbes Assistenten und späteren Nachfolger Hinrich Lübken konzipiert und von den Vulkan-Werken durchkonstruiert, auch wenn Garbe November 1911 dem Lokomotivbauausschuss den Bau dieser Tenderlok mit der Achsfolge 2’C2’ und Kessel und Triebwerk der P8 vorschlug.
Man erkennt, wie weit das "Baukastenprinzip" schon bei den preußischen Dampfloks der Länderbahnzeit gediehen war. Die Baugruppen der neueren preußischen Konstruktionen ab etwa 1901 waren stärker vereinheitlicht als die der "Einheitslokomotiven" der Deutschen Reichsbahn nach 1925!
Im Betrieb bewies die Heißdampf-Lok G 8 ihre leistungsmäßige Überlegenheit gegenüber den älteren Naßdampf-Maschinen. Trotzdem entschloss man sich im Lokomotiv-Beschaffungsausschuss aufgrund der Anfangs noch häufiger Schäden an den Überhitzerelementen noch einmal eine "robuste" Naßdampf-Lokomotive zu entwickeln. Von dieser als G 9 bezeichneten Lokomotive wurden zwischen 1908 und 1911 insgesamt 200 Exemplare gebaut. Sie war (wie kaum anders zu erwarten war) der G 8 und erst recht der ab 1913 gebauten G 8.1 von der Leistung her unterlegen.
Insgesamt wurde von der ursprünglichen Version der G 8 zwischen 1902 und 1913 bei verschieden Herstellern 1054 Lokomotiven gebaut.

Mit den sehr wirtschaftlichen Loks der Gattung G8 setzte sich der "Garbe-Stil" der einfach gehaltenen Zwecklokomotive in Preußen auch über Garbes Amtszeit hinaus durch. Mehr noch: der Erfolg der G 8, dann der Schnellzuglok S 6 und später der der P 8 trug sehr viel zum Siegeszug der Heißdampflokomotiven bei. Schon vor dem 1. Weltkrieg waren 95 % der in den USA gebauten Dampfloks Heißdampfmaschinen mit Überhitzern der Bauart Schmidt - und die Industrie der USA war im Lokomotivbau damals weltweit führend.

Lok dampft ganz schön

Noch erfolgreicher als die ursprüngliche G 8 war die verstärkte G 8.1.
So gut die G 8 auch war, vor allem, nachdem die "Kinderkrankheiten" der Überhitzer beseitigt waren: sie konnte nicht alle Anforderungen des schweren Güterzugdienst erfüllen. 1910 wurde deshalb die größere G 10 entwickelt, und zwar, indem der Kessel der P 8 auf das modifizierte Fahrwerk der T 16 gesetzt wurde.
Die G 8 war, weil es 1901 nur relativ wenige Strecken für Achslasten über 16 t gab, so leicht wie möglich gebaut worden. Zehn Jahre später waren die Hauptstrecken erheblich besser ausgebaut. Die Schwierigkeiten, die die G 8 im schweren Güterzugdienst auf Steigungen hatte, waren auf ihr zu geringes Reibungsgewicht von 57 Tonnen zurückzuführen.
Regierungsrat Knechtel von der Königlichen Einsenbahndirektion Elberfeld, zuständig für die steigungsreichen und von schweren Kohlezügen frequentierten Strecken im Bergischen Land und im Sauerland, stellte sogar fest, dass sich die Zugkraft der G 8 nur mittels Sandstreuens voll entfalten könne.
Obwohl die G 10 eine gute Maschine war - sie wurde allein in Deutschland immerhin 2677 mal gebaut - steckte in der Konstruktion der G 8 noch so viel Potenzial, dass Robert Garbe 1911 den Entwurf einer verstärkten G 8 der Firma Schichau dem Lokomotiv-Ausschuß vorlegte.

1913 begann die Auslieferung der als G 8.1 bezeichneten verstärkten G 8. Sie hatte einen größeren Kessel mit höherem Kesseldruck und einen stärkeren Rahmen. Das höhere Reibungsgewicht verbesserte die Zugkraft. Beim Vergleich der G 8.1 mit der G 10 zeigte sich, dass die vierachsige G 8.1 trotz ihrer geringeren Größe der fünfachsigen G 10 an Zugkraft etwa ebenbürtig, bei Geschwindigkeiten über 35 km/h sogar recht deutlich überlegen war. Die G 8.1 war nicht nur kräftiger, sondern auch bogengängiger als die G 10. Eine "G 8-Krankheit" hatte die 8.1 aber behalten: ihre Höchstgeschwindigkeit wurde wegen zunehmender Laufunruhe bei höheren Geschwindigkeiten auf 55 km/h begrenzt.
Durch den hohen Achsdruck von 17,5 Tonnen konnte die G 8.1 allerdings nur auf Hauptstrecken eingesetzt werden, was aber nichts machte, denn für weniger belastbare Stecken hatte man ja die G 10. Tatsächlich ergänzten sich die Maschinen hervorragend.
Von der G 8.1 wurden von 1913 bis 1921 nicht weniger als 5155 Lokomotiven gebaut, womit sie die meist gebaute Länderbahnlokomotive und die damals vermutlich meistgebaute Lokomotive überhaupt war. Die G 8.1 war, ähnlich wie die P 8, auch ein "Exportschlager".

Die G 8 und die G 8.1 wurden noch von der Reichsbahn der DDR und der Deutschen Bundesbahn eingesetzt. Bei der Bundesbahn wurde die letzte G 8 1955, in der DDR 1969 außer Dienst gestellt. Die letzte G 8.1 der Deutschen Bundesbahn, die 055 538-3, wurde am 21. Dezember 1972 aus dem Dienst genommen.

Die G 8 "4981 Mainz" des Lokomotivmuseums Kranichstein hat eine besonders bewegte Geschichte:
Sie wurde 1913 bei Hanomag in Hannover als Nr. 6721 gebaut und zunächst bei der Preußischen Staatsbahn als "4981 Münster" in Dienst gestellt. Später kam sie zur Eisenbahndirektion Mainz.
1916 wurde sie im Rahmen der deutschen Militärhilfe zusammen mit weiteren 24 Loks an die Türkei abgegeben und beim Bau der berühmten Bagdadbahn eingesetzt. Bei der Türkischen Staatseisenbahn (TCDD) erhielt sie die Nummer 44 079.
Über die verschiedenen Einsatzorte in der Türkei ist nichts bekannt.
Ab ca. 1970 wurde die 44 079 im Depot Catalagzi an der Schwarzmeerküste stationiert.
1987 wurde die noch betriebsfähige (!) Lok vom Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein gekauft und durch die Türkei, Bulgarien, Jugoslawien und Österreich nach Darmstadt-Kranichstein geschleppt. Dort wurde sie in Zusammenarbeit mit dem Ausbesserungswerk in Piła (dt. Schneidemühl) aufgearbeitet und weitgehend in ihren preußischen Originalzustand zurückversetzt.

Sonntag, 19. Juni 2011

"Cyber-": Versuch einer kleinen Geschichte eines halben Reizwortes

Mein Artikel Cyber-... äh, Attrappe" machte mich neugierig: wie kommt es eigentlich, dass der Präfix "Cyber-" eine so starke und mit vielen Ängsten besetzte Reizwirkung hat? Schließlich ist die Kybernetik, von der sich "Cyber-" ableitet, eine wichtige und vielseitige, aber außer unter Fachleuten wenig beachtete Wissenschaft. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, in jüngerer Zeit Schlagzeilen z. B. über Rückkopplungen, Selbstorganisation oder Volition gelesen zu haben. Die Kybernetik ist bei vielen "aufregenden" und schlagzeilenträchtigen Themen entscheidend wichtig, wie dem (scheinbar) "anarchischen" Internet, "sozialen Netzwerken" und den Folgen, den Bedingungen, unter denen Empörung zur Revolution wird, den Ursachen und Folgen von Wirtschaftskrisen und immer wieder den Fragen der Ökologie, als Paradebeispiel einer "kybernetischer Wissenschaft". Kybernetik ist unentbehrlich um die moderne Welt auch nur annähernd zu verstehen, aber trotzdem ein publizistisches Mauerblümchen, was daran liegt, dass sie sehr abstrakt ist.

Ganz anders die mit "Cyber-" beginnenden Reizworte wie Cyberspace, Cyborg, Cyberwar, Cyberkriminalität, Cyberterrorismus usw.. Dabei fällt auf, dass alle diese Begriffe, wenn auch manchmal indirekt, "was mit Computern" zu tun haben.
Im großen und Ganzen lässt sich sagen: "Cyber-irgendwas" bezieht sich fast immer auf Dinge aus einem Anwendungsbereich der Kybernetik, der Informatik, und beschränkt sich innerhalb der Informatik auf wenige Gebiete, wie z. B. Robotik, Künstliche Intelligenz, "virtuelle Realität", Mensch-Maschine-Schnittstellen bis hin zur "Verschmelzung" von Mensch und Computer.
Oder anders gesagt: auf jene Gebiete, die oft in der Science Fiction thematisiert werden.

Ich versuche eine kleine, unvollständige, Chronologie, wie sich der Begriff "Cyber-" entwickelte.

1947 Norbert Wiener prägt dem Begriff "Cybernetics", abgeleitet vom griechischen kybernétes für "Steuermann", bald schon eingedeutscht als "Kybernetik". Wiener versteht darunter die die Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen.

1946–1953 Die Macy-Konferenzen zur Kybernetik, zehn interdisziplinäre Konferenzen mit dem Ziel, die Grundlagen für eine allgemeine Wissenschaft der Funktionsweise des menschlichen Geistes zu schaffen. Sie werden in der Fachöffentlichkeit viel beachtet, der Begriff "Cybernetics" bürgert sich im englischen Sprachraum ein.

1950 Die bahnbrechenden Arbeiten John von Neumanns zur Architektur von Computern werden auch außerhalb der Fachkreise viel beachtet, als Erkenntnisse der neuen Wissenschaft Kybernetik.

1956 John McCarthy prägt den Begriff "artificial intelligence“ ("künstliche Intelligenz") als "griffige" Beschreibung der Themen der Dartmouth Conference für den Förderantrag bei der Rockefeller-Foundation. Dieses Schlagwort weckt sofort breites öffentliches Interesse und die Erwartung, dass es "sehr bald" denkende Computer und Roboter geben wird. Da die beteiligten Wissenschaftler allesamt "Kybernetiker" sind (sozusagen als gemeinsamer Nenner ihrer Fachgebiete), und die Forschung zur künstlichen Intelligenz eindeutig ein Gebiet der Kybernetik ist, wird der Begriff "Cybernetics" von nur an regelmäßig im Zusammenhang mit "denkenden Maschinen", "Elektronengehirnen" usw. verwendet.

Seit Ende der 50er-Jahre Journalisten und Science Fiction-Autoren (z. B. der polnische Autor Stanislaw Lem), benutzen "Kybernetik" als Synonym für Robotik.

1960 Manfred Clynes und Nathan S. Kline prägen den Begriff Cyborg ("Cybernetic organism").
In ihrem gemeinsamen Aufsatz Cyborg and Space schlagen sie vor, den Menschen mit technischen Mitteln an die Umweltbedingungen des Weltraums anzupassen, als Alternative zur künstlichen erdähnlichen Bedingungen an Bord von Raumschiffen. Mittels biochemischer, physiologischer und elektronischer Modifikationen sollen Menschen als "selbstregulierende Mensch-Maschinen-Systeme" im Weltraum überlebensfähig werden.
Obwohl das Konzept der Mensch-Maschinen-Hybriden schon lange vorher Thema der Science Fiction war, und bereits an "intelligenten Prothesen" bzw. künstlichen Organen geforscht wurde, setzt sich der griffige Begriff "Cyborg", wahrscheinlich befeuert durch das rege öffentliche Interesse an der Raumfahrt in den 60er-Jahren, schnell durch. Dabei wird er allerdings begrifflich unscharf (der
Wikipedia-Artikel gibt einen kleinen Eindruck davon).

Mitte der 60er-Jahre Ein Indiz, wie weit "Cyber-irgendwas"-Begriffe schon im englischen Sprachgebrauch verbreitet sind, ist der Titel einer Folge der beliebten Fernsehserie "The Avangers" The Cybernauts. Die "Cxbernauts" sind menschenähnliche Killer-Roboter. (In der deutschen Fassung "Mit Schirm, Charme und Melone" heißt die Folge schlicht "Die Roboter".)

Zweite Hälfte der 60er-Jahre
Eine Zeit lang wird im deutschen Sprachraum "Kybernetik" oft synonym zu Informatik bzw. Computerwissenschaft gebraucht. Je mehr Computer zum Alltag gehören, desto mehr schwindet dieser Sprachgebrauch.

1970 Die Control Data Corporation bringt den ersten Großrechner der CDC Cyber-Familie auf den Markt. Die "Cybers" galten lange als die leistungsfähigsten "Supercomputer" der Welt. Die entsprechende Medienaufmerksamkeit trägt dazu bei, das Präfix "Cyber-" populär zu machen und eng mit der Vorstellung von Hochleistungscomputern zu verbinden.

um 1980 Es bildet sich ein neues Subgenre der Science Fiction heraus, der Cyberpunk. Der ursprüngliche "Cyberpunk" ist eine dystopische ("negativ-utopische) Richtung der SF und geht im wesentlichen von zwei Fragen aus:
  1. Was wäre wenn der Staat (die Staaten) von großen Konzernen kontrolliert würden, die die staatliche Monopol-Macht für ihre Zwecke instrumentalisieren ("Konzernherrschaft", "staatsmonopolistischer Kapitalismus")?
  2. Was wäre wenn praktisch die gesamte Kommunikation und alle ökonomischen Transaktionen in einem weltweiten, nicht hierachischen Datennetz ablaufen würden?
Im Laufe der Jahre werden nicht nur typische Themen des Cyberpunks wie Nanotechnologie, Gentechnik und virtuelle Realität, bzw. Konzernmacht, Manipulation der Massen und Subkultur der Hacker Teil der Mainstream-Literatur, sondern auch die reale Welt gleicht mehr und mehr einer typischen Cyberpunk-Dystopie der 80er Jahre.

1982: Der Cyberpunk-Autor William Gibson prägt in seiner Kurzgeschichte "Burning Chrome" den Begriff Cyberspace. "Cyberspace" umschreibt eine Verbindung aus weltweitem Computernetz (vergleichbar mit dem Internet) mit virtueller Realität. Anstelle wie heute mit einem Browser auf die Seiten des WorldWideWeb zuzugreifen, greift der User im Cyberspace über eine neuronale Schnittstelle (quasi einen "Computeranschluss an das Gehirn") auf die "Matrix" zu. Eine
konsensuelle Halluzination eines computergenerierten grafischen Raums macht es dem Cyberspace-User möglich, sich intuitiv im Datennetz zu orientieren.

1984 James Cameron dreht mit eher bescheidenem Buget den Film Terminator. Der sehr erfolgreiche Actionfilm verbindet die SF-Themen Zeitreise, "Machtübernahme" durch intelligente Maschinen und Cyborg.
Er thematisiert die Ängste vor unkontrollierbar werdenden Computersystemen und prägt nebenbei deutlich die populäre Vorstellung von einem "Cyborg" (außen Schwarzenegger, innen Metall).

1987 Der Film Robocop popularisiert Elemente des Cyberpunks und das Konzept des Cyborgs als von einem menschlichen Gehirn gesteuertem Roboter.

1991 Das World Wide Web wird weltweit zur allgemeinen Benutzung freigegeben. Schnell erkennen Fachpublizisten die Ähnlichkeit mit dem Konzept des "Cyberspace", obwohl von einer "virtuellen Realität" im Zusammenhang mit dem WWW noch keine Rede sein kann.

90er-Jahre In der Umgangssprache wird Ausdruck Cyberspace oft als Synonym für das Internet oder, spezieller, das WWW verwendet. Wortprägungen wie "Cybernaut" (im Sinne eines "Astronauten im Cyberspace"), "Cybermobbing", "Cyberverbrechen","Cyberkultur", "Cyber-Attacke" usw. folgen.

1991 der US-Sicherheitsexperte Winn Schwartau prägt den Begriff "electronic Pearl Harbor" - eines Überraschungssangriffs z. B. mit DDos oder Viren auf die Kommunikationsnetze der USA und ihrer Verbündeten. In diesem Zusammenhang werden später die Begriffe "cyberwar" und "cyberterrorism" geprägt.

1992 Das Pentagon prägt in der Direktive TS-3600.1 den Begriff des "Information Warfare", des "Informationskrieges".

1993 veröffentlichte der einflussreiche Publizist John Arquilla seinen ersten Artikel (von zahlreichen) über "Cyberwar". Er arbeitet für RAND, eine Pentagon-nahe Denkfabrik. Später berät er Donald Rumsfeld (Verteidigungsminister unter Präsident George W. Bush).

1997 Der Begriff Cybercop für einen im "Cyberspace" (gemeint ist das Internet) agierenden Polizisten wird im U.S. "Report to the President's Commission on Critical Infrastructure Protection" verwendet. Spätestens damit erreicht der Präfix "Cyber-" die offizielle politische Sphäre.

2001 Ein viel diskutierter Artikel auf "telepolis" Selbstkontrolle statt Cyberpolizei und Filter? bürgert den (ursprünglich kritisch gemeinten) Begriff "Cyberpolizei" ein.

ab 2002 Im Zuge des nach den Attentaten des 11. September 2011 ausgerufenen "War on Terror" gewinnt der Begriff Cyberwar, der über die zwischen Staaten und Unternehmen üblichen und längst auch mit Mitteln des Computerzeitalters geführten Spionage-Spionageabwehr-Kleinkriegs hinaus geht, an Boden. Das Schreckgespenst einer z. B. durch DDos-Angriffe lahmgelegten Infrastruktur wird vor allem von Beratern der Regierung Bush jr. an die Wand gemalt. Die Rede ist von einem drohenden "electronic 9/11".

2008 Krieg zwischen Russland und Georgien. Angeblich wird er auch mit Mitteln des "Cyberwar" ausgefochten. Dazu die taz: Das Phantom des Cyberwar.

2000er Jahre Die (jugendliche?) Subkultur der "Cyber" (und der "Cybergoths") mit einer dem "Cyberpunk" entlehnten Ästhetik bildet sich heraus, stark beeinflusst vom Stil der ursprünglich aus Japan stammenden Visual Kei.
(Später bildet sich eine entsprechende und keineswegs auf junge Menschen beschränkte Steampunk-Szene heraus. Ein bekannter Ausspruch: "Cyberpunks sind Goths, die außer schwarz Neonfarben für sich entdeckten, Steampunks Goths, die außer schwarz sepia und braun für sich entdeckten.")

2010 Das Cyber Command der US-Streitkräfte wird offiziell in Dienst gestellt. Schon seit einigen Jahren gilt in den USA die Doktrin der "Network Centric Warfare". Kernbestandteile sind die Informationshoheit sowie die informationelle Vernetzung von Soldaten. Unter diese Doktrin fallen auch traditionelle Konzepte wie die psychologische Kriegsführung sowie die Störung von Radar- und Funksignalen. Zu den Aufgaben des "Cyber Command" sollen auch offensive "Cyberattacken" gehören. Der "Cyberwar" wird zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

2011 Das deutsche "Cyber-Abwehrzentrum" wird eröffnet - die Cyber ... äh, Attrappe.

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